Diese erdrückende Pracht ist eine Folge davon, daß in neuerer Zeit

unsere größern Bühnen fast alle zu Hoftheatern geworden sind; sie sind

nun Anstalten eines nothwendigen Luxus. Die Kunst im Ganzen war besser

daran, als die Schauspieler unter ihren Principalen und Directoren

standen, und man sie noch nicht als lebenslänglich angestellte Beamte

ansah. Das berliner Theater hat unbezweifelt seine beste Zeit unter

Engel’s Leitung gehabt, dessen Verdienste man anerkennen muß. Er hatte

Urtheil und Einsicht in die Sache, er stand mit den Schauspielern

gleich, und gab sich mit ihrer Bildung und dem Einstudiren der

Stücke große Mühe. Als Friedrich Wilhelm II. damals zuerst jährlich

eine kleine Summe für das Theater aussetzte, wurde das von allen

Kunstfreunden mit Jubel begrüßt, als der Anfang einer neuen Periode.

Man kann aber ohne Uebertreibung sagen, daß damit das Sinken des

Theaters begonnen hat. Die Komödianten fingen an sicher und träge zu

werden. Seit jener Zeit sind die königlichen Zuschüsse alljährlich

gewachsen; jetzt kann das Theater ohne sie gar nicht mehr bestehen, und

was wird damit erreicht?

Bühne und Schauspielkunst befinden sich bei uns in tiefem Verfall;

überall herrscht Naturalismus, Roheit oder Verbildung. Große Künstler

haben wir gar nicht mehr. Ein solcher war +Fleck+. Er war einer der

größten instinctiven Schauspieler, die es je gegeben haben mag. Alles

kam bei ihm aus einer tiefen Begeisterung und schöpferischen Phantasie

hervor; wenn sie ihn ganz erfüllte und beherrschte, konnte er gar

nicht anders als gewaltig und erschütternd wirken. Er war selbst

eine große und dichterische Natur. Aber er wurde schwach, sobald er

zu reflectiren anfing, oder überwiegend mit Hülfe des Verstandes

darstellen wollte; er spielte dann auch nicht gut. Darum wollte ihm

der Odoardo in der „Emilia Galotti“ nicht gelingen; es lag in dieser

Rolle zu viel Berechnetes für ihn. Die kühnen, gewaltsamen und oft

scheinbar unerklärlichen Uebergänge der Leidenschaft, die wunderbaren

Combinationen der Phantasie, die seltsame Mischung der Tragik und

des Humors, die das eigentlich erschütternde Pathos ausmacht, das

Alles traf er, und durchlief mit staunenswerther Sicherheit die ganze

Stufenleiter dieser Töne. Hier konnte er sich seinem Genius sicher

überlassen. Er war durchaus edel in seinem Anstande. Die edle Würde

war ihm angeboren; man hätte ihm das Höchste bieten können, wenn er

auch gewollt hätte, er würde nicht unedel oder gemein haben erscheinen

können. Mit einem königlichen Anstande ging er schon über die Straße.

Die Rolle, welche er am Abend spielen wollte, erfüllte ihn vorher,

und man sah den Helden einherschreiten, den er darstellen sollte. Ein

gewaltigeres, volleres Organ als das seine hat es nicht gegeben; es

konnte Musik sein und im Sturme der Leidenschaft sich bis zum Donner

steigern. Er war stolz im Gefühle seiner künstlerischen Kraft, aber

dennoch bescheiden, denn er kannte die Grenzen seines Talents, so

groß es auch war, sehr gut, und wußte, was für ihn paßte. Die einzige

niedrig komische Rolle, die er mit einer Art Vorliebe zu spielen

pflegte, war der Poet Flickwort im „Schwarzen Mann“. Obgleich er sich

hier erniedrigte, war er doch nie gemein. In frühern Zeiten sang er

auch, z. B. die Rolle des Vaters in Gotter’s Oper: „Romeo und Julie“.

Doch gab er dies später auf.

Geboren war er für das Erhabene und die eigentlichen Heldenrollen.

Nichts ging über seinen Karl Moor, wo er die rührendste Weichheit neben

der ganzen Wildheit und zerschmetternden Kraft zeigte, die in dieser

ungeheuern Rolle liegt. Der „Wallenstein“ schien für ihn gedichtet zu

sein. Erschütternd war sein „Otto von Wittelsbach“. Wie erschien er

nicht in Shakspeare’s Tragödien! War er in den beiden ersten Acten des

„Macbeth“ weniger bedeutend, als man hätte erwarten sollen, so war er

groß in den drei letzten, unübertrefflich als Tyrann und in den letzten

Momenten, wo er zum verzweifelten Kampfe aufgestachelt wird. Mächtig

wirkte auch sein Othello, den er einfach, wahr, menschlich edel im

Anfange spielte, und furchtbar in der Entwickelung der Leidenschaft.

Eigenthümlich war es, daß er ihn in einer Art von modernem Costüm

darstellte, welches mit einer Generalsuniform Aehnlichkeit hatte;

er trug Stern und Ordensband. Er modernisirte dadurch die Rolle in

gewissem Sinne, aber die Wirkung litt darum nicht. Man kann Othello

vielmehr ein bürgerliches Stück nennen, und da war eine solche äußere

Annäherung an unsere Zeit an ihrer Stelle. Ein schauriges Bild stellte

er als Shylock auf. Es ist in neuerer Zeit Sitte geworden, diese

Rolle in einem glänzenden orientalischen Costüm zu spielen; viel

einsichtsvoller erschien Fleck in einem einfachen schwarzen Kaftan,

einen breitkrämpigen, an den Seiten aufgeschlagenen Hut auf dem

Kopfe, einen Stock in der Hand. Es war eine dürre, ausgetrocknete,

zähe Gestalt, ein scharfes, hart gefurchtes Gesicht, dem die schmalen

blutlosen Lippen, der dünne eisgraue Bart, der in eine Spitze auslief,

die buschigen weißen Augenbrauen einen furchtbaren Ausdruck gaben.

Es war das Bild der Habgier, des Neides, des Geizes selbst, der sich

unter Entbehrungen abmüht, und sich nichts gönnt, und noch viel weniger

Andern: Aus den stechenden Augen blitzte der verbissene Ingrimm, die

Rachgier unheimlich hervor. Hier gab es kein Mitleid! Wer diesen

Shylock einmal gesehen hatte, vergaß ihn in seinem Leben nicht wieder.

Eine ganz entgegengesetzte Natur war +Schröder+, neben Fleck gewiß der

größte Schauspieler jener Zeit. Auch er brachte sein Spiel zur höchsten

Wirkung, aber auf umgekehrtem Wege. Er war scharfblickend, voll tiefer

Einsicht und Auffassung; er übersah seine Aufgabe mit selbstbewußter

Klarheit, aber die schaffende Phantasie trat ihr unmittelbar an die

Seite, und Alles, was er gab, war ein ausgeprägtes, volles Kunstwerk

aus einem Gusse.

+Iffland+ legte zuerst kleinliche Absicht in das Spiel; er war ein

großes, aber doch nur auf eine Sphäre beschränktes Talent. Für ihn

waren die mittlern, die berechneten und fein komischen Rollen; in

diesen konnte er ausgezeichnet sein. Er war daher für das bürgerliche

Schauspiel und Lustspiel, aber durchaus nicht für die Tragödie

geeignet. Das wirklich Heldenmäßige lag seiner Natur ganz fern. Schon

seine Stimme reichte nicht aus, sie war schwach, und hatte nur einen

mäßigen Umfang. Er wollte durch Kunst ersetzen, was an Kraft fehlte;

daher jenes Dehnen und Schnarren, das Accentuiren, das Hüsteln und

die sogenannten Kunstpausen, durch die er die Rede zerriß. Lauter

schwache Hülfsmittel, die er zuerst aufgebracht hat, und in denen man

dann eine große Kunst finden wollte. Er hat aber dadurch die Kunst zur

unleidlichen Manier gemacht. Verse verstand er gar nicht zu sprechen;

es war ihm Bedürfniß, sie in Prosa umzusetzen. Ein großes Verkennen

seiner Kraft war es daher, als er nach Fleck’s Tode den Wallenstein

zu spielen versuchte, dem er gar nicht gewachsen war. Dagegen war er

für den Octavio Piccolomini ganz gemacht; ich habe ihn niemals besser

darstellen sehen. Auch sonst hatte sein Spiel kleine Züge; Alles war

berechnet und überlegt, in Alles legte er eine Bedeutung hinein. Wenn

er einen Finger fast unmerklich hob oder senkte, den Fuß mehr so oder

so wendete, so hatte dies Alles seine Bedeutung, und sollte gewisse

Stimmungen und Gemüthsbewegungen ausdrücken. Es war eine Menge von

einzelnen kleinlichen Zügen, aber es war kein künstlerisches Ganzes.

Wer Iffland’s Spiel kannte, sah auch, wie eng seine dramatische

Schriftstellerei mit diesem Wesen zusammenhing. Er schrieb als

Schauspieler, und solche Stücke konnten nur von einer solchen Natur

ausgehen. Von Iffland muß man das Sinken der Schauspielkunst datiren.

Was bei ihm Nothbehelf war, sollte nachher als höchste Kunstregel

gelten. Die sogenannten denkenden Künstler, die auch eine unleidliche

Classe der heutigen Schauspieler sind, schreiben sich von ihm her. Bei

ihnen ist Alles gemacht, Alles soll etwas bedeuten, aber an tiefem

Berufe, an wahrer Begeisterung fehlt es ihnen ganz. Dafür sind sie

desto eingebildeter.

In späterer Zeit wurde +Wolff+ sehr gerühmt, aber auch sein Talent war

ein beschränktes; er hatte etwas Schwächliches und Kränkliches, und

spielte gut, wo dies in der Rolle lag. Schon in den großen Beifall,

welchen sein Hamlet fand, habe ich nicht einstimmen können. Bedeutend

war +Ludwig Devrient+. Er besaß ein großes Talent für Mienenspiel

und Maske; man könnte ihn daher eher einen ausgezeichneten Mimen als

Schauspieler nennen. Er ging oft über das Maß hinaus, sein Spiel war

grell und wurde leicht Caricatur.

Die heutige Kunst leidet an verbildetem Virtuosenthum und rohem

Naturalismus zugleich. Das Virtuosenthum ist der gerade Gegensatz aller

Kunst. Es beruht nicht auf allseitiger Durchbildung und schöpferischer

Kraft, sondern auf einseitiger Fertigkeit, über die man allenfalls

staunen kann; das ist aber auch Alles. Es hat angefangen, die echte

Kunst überall zu verdrängen, auch im Schauspiel. Ein Jeder geht

auf den einseitigen Effect aus, an das Ganze denkt Niemand mehr.

Im Zusammenspiel stehen die Franzosen immer noch weit höher als

unsere Schauspieler. Ist ihr declamatorischer tragischer Ton auch

ganz unleidlich, so sind sie doch Meister im feinen Lustspiel und

im Conversationsstück. Sie studiren wirklich noch. Auch haben sie

immer noch einzelne große Talente. Wo haben wir z. B. jetzt einen

Schauspieler wie St.-Aubin?

Wenn der Schauspieler seine Aufgabe recht faßt, so muß er ein

Künstler, aber kein Virtuos sein. Freilich gehört eine große

eigene Productionskraft dazu, die Gestalten des Dichters lebendig

hinzustellen. Die jetzigen Schauspieler können das nicht mehr; in ihrer

Anmaßung und ihrem Naturalismus haben sie keinen Begriff davon, und sie

lassen sich auch nicht belehren. Die Naturalisten meinen, Alles soll

sich von selbst machen. Wer eine gute Figur und eine erträgliche Stimme

hat, glaubt auch zum Theater berufen zu sein, und macht er auf den

Bretern wirklich eine leidliche Erscheinung, so wird er besser bezahlt

als hohe Staatsbeamte, und was leistet er dafür? Als die Schauspieler

unter einem unbilligen Druck lebten, hielt die Begeisterung für ihre

Kunst sie aufrecht; heute findet man sie in allen Gesellschaften,

man fühlt sich geschmeichelt, mit ihnen zu verkehren; der Stand hat

gewonnen, die Kunst aber verloren. Das Wesen keiner Kunst ist so schwer

zu fassen, als gerade dieser; überall kann man sich leichter zurecht

finden. Aber alle Welt glaubt über das Theater reden und urtheilen zu

können; es scheint sich von selbst zu verstehen, daß hier ein Jeder von

Hause aus Kunstkenner ist, und doch wissen die Allerwenigsten, worauf

es ankommt.

5. Aesthetisches.

Es ist nicht leicht zu sagen, was eigentlich die +Novelle+ sei, und

wie sie sich von den verwandten Gattungen, Roman und Erzählung,

unterscheide. Die Engländer nennen Alles, was der in Prosa erzählenden

Dichtung angehört, ~novel~, und ähnlich machen es die Italiener. Man

gibt mit dem Namen bald zu viel, bald zu wenig. Es ist zu viel, wenn

man geradezu sagt, die Novelle müsse eine ausgesprochene Tendenz haben,

aber doch erwartet man in ihr etwas Hervorspringendes, eine Spitze, in

der man sich wiederfindet. Wenn ich meine Novellen übersehe, so muß

ich sagen, ein großer Theil davon hat eine solche Spitze; aber andere

wieder nicht, z. B. „Des Lebens Ueberfluß“ oder „die Klausenburg“. Man

wird die scharfe, epigrammatische Pointe auch nicht zu sehr herausheben

dürfen; dann würde etwa auch „Wilhelm Meister“ eine Novelle sein,

und die „Wahlverwandtschaften“ gewiß, in denen eine so entschiedene

Tendenz liegt. Und wie steht es mit Cervantes? Sind dessen Novellen in

diesem Sinne so zu nennen? Auf manche paßt es, wie auf den „~Curioso

impertinente~“, auf andere nicht, die nur einfache Erzählungen sind.

Wenn er sie alle zusammen ~exemplares~ nannte, so liegt darin in

gewissem Sinne schon eine Tendenz. Wir würden dafür etwa mustergültig

sagen. Er bezeichnete sie so im Gegensatze zu den obscönen Novellen

der Italiener. Es ist sehr schwer, hier einen allgemeinen Begriff zu

finden, auf den sich alle Erscheinungen dieser Art zurückbringen ließen.

* * * * *

Wir sprechen so viel über das +Tragische+, ohne daß wir darum viel

weiter als Aristoteles gekommen wären, der es in der Reinigung der

Leidenschaft durch die Leidenschaft sah, d. h. durch Mitleid und

Furcht. Lessing’s Auseinandersetzung der tragischen Theorie genügt

im Vergleiche mit seiner sonstigen Schärfe eigentlich nicht. Er

wird fast weitläufig und kommt zu keinem festen Resultate. Das Wort

Leidenschaft reicht hier überhaupt nicht aus; es ist zu plump, zu

roh. Ja man möchte auch hier wie öfter sagen, es müßte erst ein neues

Wort erfunden werden, was die Sache richtig bezeichnete. Man muß die

Leidenschaften unterscheiden. Die ganz gemeinen, wie Haß, Neid, Geiz,

können natürlich nicht gemeint sein; wie sollte eine Reinigung durch

diese möglich sein? Wol aber die bessern, und zu diesen gehören Mitleid

und Furcht. Auch sie haben eine Seite, von der sie gemein erscheinen

können, aber es liegt in ihnen etwas Höheres. Das Gemeine fällt durch

die Reinigung von ihnen ab, und das Göttliche kommt in uns zur Ahnung.

Dies ist das Ergebniß des tragischen Reinigungsprocesses. Wenn wir von

Leidenschaften sprechen, so denken wir zuerst immer an den Natureffect,

dem der Mensch unterliegt. Aber verhält er sich denn dem Göttlichen

gegenüber nicht auch leidend? Er erleidet das Göttliche, ist in

Leidenschaft, und bis auf diesen Punkt soll die gemeine Leidenschaft

gereinigt werden. Der tragische Reinigungsproceß erscheint als

tragischer Kampf. Antigone und Kreon folgen beide ihren Leidenschaften,

in beiden liegt etwas Göttliches, und beide haben in ihrer Weise

Recht. Man sieht jetzt das Tragische besonders in solchen Gegensätzen.

Aber das paßt doch nicht überall; auch nicht, wenn man den Gedanken

der Schuld besonders hervorhebt. Wo ist sie z. B. im König Oedipus?

Worin liegt seine Schuld, wenn man sie nicht in seiner menschlichen

Sicherheit finden will? Er erscheint als ein edler Mann, und an den

Freveln, die er begangen hat, ist er moralisch fast unschuldig zu

nennen. Denn Herrschaft und Gemahlin hat er nicht mit Gewalt gewonnen,

sie sind ihm, der ahnungslos nach Theben kommt, zuerkannt worden.

* * * * *

Schwerer ist es noch sich über +das Komische+ zu verständigen. Was ist

nicht allein das Lachen für ein merkwürdiges, schwer zu erklärendes

Ding! Woher diese sonderbare Aeußerung der Natur? Und woher die

Anregung dazu? Es gibt nur wenige Menschen, die es verstehen wahrhaft

und von Herzen zu lachen, und wie wenige wissen was Scherz ist! Selbst

gebildete und wohlwollende Menschen ertragen beides als eine Sache,

die nun einmal nicht zu ändern ist. Aber das Lachen selbst ist ein

Prüfstein der Bildung. Wie roh und abschreckend lachen nicht manche

und offenbaren dadurch die ganze Gemeinheit ihrer Natur. Der Spaß

selbst ist etwas sehr Tiefsinniges, es ist der verhüllte Ernst, der

sich nur nach einer andern Seite hinwendet. Ohne diesen tiefern innern

Gehalt ist er gar nicht denkbar, und das verkennen wiederum die meisten

Menschen; sie nehmen ihn immer nur als leere Trivialität.

* * * * *

Das vieldeutige Wort +Humor+ können wir nicht entbehren, da wir es

nicht zu übersetzen wissen. Seit der Zeit wo es aufkam, hat es seine

Bedeutung ganz geändert. Ben Jonson gebrauchte es zuerst, um damit die

besondere und eigenthümliche Art und Weise Jemandes, sein eigenstes

Wesen, zu bezeichnen. Mitunter ist es auch was wir wol Laune nennen. Im

Humor paaren sich Spaß und Ernst miteinander, wie z. B. bei Sterne.

Aber man kann fragen, ob Jean Paul in der That ein Humorist sei, da

sich sein Spaß mit der Sentimentalität verbindet.

* * * * *

Das Wort +Romantisch+, das man so häufig gebrauchen hört, und oft in

so verkehrter Weise, hat viel Unheil angerichtet. Es hat mich immer

verdrossen, wenn ich von der romantischen Poesie als einer besondern

Gattung habe reden hören. Man will sie der classischen entgegenstellen,

und damit einen Gegensatz bezeichnen. Aber Poesie ist und bleibt zuerst

Poesie, sie wird immer und überall dieselbe sein müssen, man mag sie

nun classisch oder romantisch nennen. Sie ist an sich schon romantisch,

es gibt in diesem Sinne gar keine andere als romantische Poesie; ich

weiß hier gar keinen Unterschied zu machen. Warum sollte man ein

dichterisches Wunderwerk wie die „Odyssee“, mit seinem unerschöpflichen

Reichthum des Lebens, nicht romantisch nennen dürfen? Wenn ein Dichter

heutiges Tages die „Odyssee“ schriebe, ich bin überzeugt, man würde

sie ein romantisches Gedicht nennen. Oder wenn Euripides in manchen

seiner Tragödien die Gewalt der Leidenschaft so ergreifend schildert,

und immer nach neuen Formen derselben sucht, so sollte das nicht

romantisch sein? Dasselbe kann man auch von Aeschylus sagen. Und woher

stammen denn unsere Ansichten von Classicität, die wir als etwas so

Feststehendes ansehen? Wir haben sie von den wenigen griechischen

Dramen hergenommen, die wir noch besitzen. Ist denn das die ganze

tragische Poesie der Griechen? Hätten wir noch alle Tragödien des

Aeschylus und Sophokles, wir würden gewiß ganz anders urtheilen!

Manche neuere Poeten haben sich selbst romantisch genannt, andere

haben sich bemüht, dagegen eine antiromantische Poesie aufzustellen.

Die einen wie die andern würden romantisch sein, wenn sie zuerst

nur Dichter wären. Die sogenannte Poesie der modernen Gegner des

Romantischen ist nichts als Unpoesie. Alle legen in ihre Dichtungen

eine bestimmte Tendenz, die außerhalb der Poesie liegt. Dabei muß

diese natürlich zu kurz kommen. Sie alle wollen also eigentlich irgend

etwas anderes, nur nicht die Poesie. Aber des Dichters höchstes Gesetz

kann nur die Dichtung sein, sie schließt alles andere in sich, aber

sie steht auch einer jeden Tendenz entgegen, die von außen in sie

hineingelegt werden soll, sie mag einen Namen haben welchen sie wolle.

Nur seiner Begeisterung kann der Dichter folgen. Wenn man dieses Reden

über das Romantische hört, so erkennt man auch hier, die meisten

sprechen nur nach, und gebrauchen Worte, die sie nicht verstehen.

* * * * *

Es ist unendlich schwer den Begriff der +Ironie+ in einer bestimmten

Formel auszusprechen. Auch Solger gibt am Schlusse des „Erwin“ nach

den Untersuchungen über das Schöne nur Andeutungen darüber als über

das Höchste. Es ist das Göttlich-Menschliche in der Poesie. Wer dieses

als tiefste Ueberzeugung in sich trägt und erlebt hat, bedarf der noch

einer Definition? Am Ende setzt diese doch nur an die Stelle des einen

Wortes ein anderes, das vielleicht ebenso wenig verstanden wird. In den

meisten Definitionen wird die Ironie zu einseitig genommen, ich möchte

sagen zu prosaisch, zu materiell. Hegel hat Solger in diesem Punkte

misverstanden. Er faßt es so auf, als habe Solger an die gemeine Ironie

gedacht, an jene grobe Ironie Swift’s. Aber schon aus Plato kann man

wissen, daß es noch eine ganz andere, höhere gibt. Die Ironie, von der

ich spreche, ist ja nicht Spott, Hohn, Persiflage, oder was man sonst

der Art gewöhnlich darunter zu verstehen pflegt, es ist vielmehr der

tiefste Ernst, der zugleich mit Scherz und wahrer Heiterkeit verbunden

ist. Sie ist nicht blos negativ, sondern etwas durchaus Positives. Sie

ist die Kraft, die dem Dichter die Herrschaft über den Stoff erhält;

er soll sich nicht an denselben verlieren, sondern über ihm stehen. So

bewahrt ihn die Ironie vor Einseitigkeiten und leerem Idealisiren.

Wie Shakspeare ist auch Cervantes Meister in der Ironie. Wie tief ist

sie nicht im „Don Quixote“! In dem was er sagt, erscheint er in der

Regel als ein edler, tiefsinniger Mensch, wir stimmen ihm meistens

bei. Er will das Höchste und setzt sein Leben daran, und dennoch

wie komisch erscheint er in eben diesem Edelmuthe, weil die Mittel,

zu denen er greift, ganz verkehrt sind. Wir fühlen uns durch seine

Liebenswürdigkeit zu ihm hingezogen, und doch müssen wir über ihn

lachen. Don Quixote selbst hat übrigens das Bedürfniß eines solchen

Gegengewichts, denn in seiner Ueberschwänglichkeit kann er den rohen

Naturwitz des phantasielosen Sancho Pansa nicht entbehren. Goethe

hat etwas der Ironie Analoges, aber es ist bei ihm mit Sentimentalem

verbunden, z. B. im „Egmont“. Der gefeierte Liebling und Held des

Volkes geht in seiner Sicherheit blindlings und rettungslos ins

Verderben; der Tod dieses ritterlichen Grafen dient dazu, das

Bürgerthum zu verherrlichen, das in Klärchen und dem allegorischen

Bilde sich zur Freiheit erhebt. Schiller hatte von der Ironie nichts,

er geht in seinem Stoffe und seinen Helden auf, und in seinen Tragödien

wird fast Alles zur Situation. Aber er hat Erhabenheit und wahrhaft

großartige Gesichtspunkte; ihm bleibt immer noch genug, um ein

großer Dichter zu sein. Fouqué verliebte sich in seine Helden, und

verwechselte sich am Ende mit ihnen. Ihm fehlte es an aller Ironie und

jedem Ersatze dafür, und darum endete er als Caricatur.

* * * * *

Mit dem was man gewöhnlich +Ideal+ nennt, bin ich niemals einverstanden

gewesen, und noch weniger mit dem sogenannten Idealisiren. Gewiß

ist die Idee in dem Sinne Plato’s etwas Göttliches, wo sie einen

schöpferischen Grundgedanken bezeichnet, aus dem sich viele andere

Gedanken ergeben; aber in wie wenigen Fällen wird das so verstanden?

Das gewöhnliche Ideal ist etwas ganz Allgemeines, eine angebliche

Schönheitsidee, die am Ende nur eine Negation ist; und das Idealisiren

ist nichts als ein Verwischen des Individuellen, ein Verallgemeinern,

sodaß zuletzt etwas ganz Leeres übrig bleibt, was dann das Wahre

sein soll. Aber hierin liegt die Poesie nicht, sondern gerade in dem

Lebendigen und Individuellen. Von einer solchen Richtung auf das

Ideal sind auch Goethe und Schiller nicht frei. Wenn man den Werth

der „Iphigenia“ besonders im Idealen in diesem Sinne sucht, so habe

ich das nie begreifen können; die hohe Schönheit des Gedichts und des

Charakters liegt vielmehr in dem rein Menschlichen und Wahren. Und wenn

andere vom Idealen in der „Braut von Messina“ sprechen, so ist mir das

vollends unverständlich gewesen.

6. Gegenwart und Vergangenheit.

Mit Unrecht beschränkt man den sogenannten +Instinct+ allein auf die

Thierwelt, wo wir auch nur etwas damit bezeichnen, was uns durchaus

dunkel ist. Auch der Mensch hat Instinct. Ich möchte Alles so nennen,

was sein tiefstes Wesen, seine innersten Beziehungen zu Gott ausdrückt,

mit einem Worte jene ganze Welt, welche er nur ahnt, die er mit seiner

gewöhnlichen Logik nicht zu bezwingen vermag, in der er eine höhere

Macht anerkennen muß, die er nur fühlt, ohne über sie zum klaren

Bewußtsein kommen zu können. Dies Unmittelbarste macht das innerste

Wesen des Menschen aus. Hier sprechen sich Sympathie und Antipathie

aus, hier lebt das Gewissen, dessen Natur auch noch Niemand definirt

hat. Was sind dagegen alle sogenannten Grundsätze, die doch meistens

nur conventionelle Sätze sind! Ich habe es nie lange damit ausgehalten,

und habe mich immer besser dabei befunden, wenn ich mich jenem

sympathetischen Zuge überließ.

* * * * *

Schicksal und +Individualität+ sind nah miteinander verbunden.

Jenes ergibt sich aus dieser. Den Werth und die Bedeutung der

Individualität erkennen die Menschen nicht, wenn sie auch das Wort oft

genug brauchen. Man faßt sie zu allgemein auf, und kommt darum nie zu

einer wahren Durchbildung. Ohne Zweifel würde ein Zustand höchster

menschlicher Entwickelung erreicht werden, wenn ein jeder seine

Eigenthümlichkeit kräftig und vollständig darstellen könnte; dies würde

zu den reinsten und wahrsten Erscheinungen führen. Nur von solchen

kann man wirklich lernen, hier offenbart sich der Geist. Oft findet man

dergleichen in den sogenannten ungebildeten Ständen, und im Verkehre

mit solchen Menschen habe ich nicht selten meine Studien gemacht. Sie

haben die Dinge wirklich in sich erlebt. Aber unsere ganze moderne

Bildung geht auf die Vernichtung dieser Eigenthümlichkeit aus, sie

sucht ein allgemeines, verflachendes Schema aufzustellen.

* * * * *

Ludwig Tieck Erinnerungen aus dem Leben des Dichters nach dessen mündlichen und schriftlichen Mitteilungen · 第 46 / 51 段