ziehe ich den großen italienischen epischen Dichtern vor; ich habe sein

Gedicht immer mit hoher Bewunderung betrachtet. Mit Recht sind die

Portugiesen auf dieses nationale Werk stolz. Niemals wieder in neuerer

Zeit haben sich in einem epischen Gedichte wahre Poesie und Geschichte

so verbunden. Es enthält zugleich in gewissem Sinne die Geschichte

Portugals. Hier zeigt sich Camoens als hohen Meister in der Episode.

Wie herrlich ist nicht z. B. die von der Ines de Castro.

4. Shakspeare

Shakspeare selbst war sich der ganzen Gewalt seines Genius gewiß

nicht bewußt, und eben darum weil er still und absichtslos dichtete,

weil er nicht anders konnte, war er so groß. Diese Unbefangenheit

war seine Natur und Größe. Seine Entwickelung ist offenbar eine sehr

normale gewesen; von schwächern Anfängen ist er zum Großartigen, ja zum

Kolossalen fortgeschritten. Seine Zeitgenossen erkannten ihn schwerlich

so, wie wir; er wird wol ehrenvoll genannt, aber ohne ihn wesentlich

von Andern zu unterscheiden, deren Namen jetzt kaum noch bekannt sind.

Wie bei ihm, so ist es überhaupt schwer zu sagen, wo in der Seele des

Dichters die unmittelbare Begeisterung aufhört und das bewußte Schaffen

anfängt. Aus eigener Erfahrung kann ich wol sagen, daß es für den

Dichter selbst das Beste ist, nicht zu viel darüber zu grübeln; dies

kann die Productionskraft nur schwächen.

Ich habe Shakspeare’s Stücke stets in zwei Classen getheilt, die wohl

von einander zu scheiden sind, da der Dichter in beiden keineswegs in

derselben Weise auftritt, nämlich in historische und mythische. Dort

ist er episch breiter, er läßt sich mehr gehen und ist mitunter sogar

gedehnt, was man in den übrigen Dramen nie findet. So zum Beispiel in

den Heinrichen.

Eigentlich ist nur der erste Theil von „+Heinrich IV.+“ dramatisch

concentrirt, der zweite hat ganz entschiedene Längen; hier ist die

Gefangennehmung der Rebellen durch Lancaster geradezu breit, ganz gegen

Shakspeare’s sonstige Art. Auffallend ist auch die Umwandlung, die

mit Falstaff’s Charakter vor sich geht. Im Vergleich mit der Weise,

wie er im ersten Theile geschildert wird, ist er sehr gesunken. Die

Ritterlichkeit, die er dort wenigstens in einem gewissen Schein zu

bewahren sucht, ist ganz verschwunden, er steht dem Prinzen ferner, und

hat weniger Witz aber viel mehr Gemeinheit. Auch sind die Scenen mit

den Rekruten und mit Dorchen weit ausgeführt. Ich habe immer vermuthet,

daß dieser Falstaff überhaupt noch manche Umwandlung anderer Art durch

den Dichter erfahren habe. In einem der ältesten Drucke „Heinrich’s

IV.“ heißt er Oldcastle; dies war aber ein Märtyrer und Heiliger der

Wicleffiten aus der Zeit Heinrich’s V., und sein Name galt auch bei den

Puritanern etwas. Offenbar war der Dichter kein Freund der finstern

Puritaner, die schon unter Elisabeth hervorzutreten anfingen. Gewiß

belegte er zuerst nicht ohne satirische Absicht den leichtfertigen

und ausschweifenden alten Gesellschafter des Prinzen mit dem Namen

des puritanischen Heiligen. Dies mußte die strenge Partei gegen

ihn aufbringen, und um sie zu beschwichtigen, nannte er ihn später

Falstaff; aber durch Zufall und Unachtsamkeit ist der erste Name nicht

überall getilgt worden. Ebenso glaube ich, daß Shakspeare, um jene

Partei zufrieden zu stellen, das Schauspiel „+Oldcastle+“ schrieb, das

man ihm ganz mit Unrecht abspricht. Hier macht er Oldcastle selbst zum

Helden, und behandelt in ernster Weise den ersten Theil seines Lebens.

Dieselbe epische Breite wie in „Heinrich IV.“ findet sich dann noch

besonders in „+Heinrich V.+“, wo der Dichter sogar den erzählenden Chor

zwischen die einzelnen Acte eingeschaltet hat. Ebenfalls episch, doch

wieder in anderer Weise, sind die Bürgerkriege in „+Heinrich VI.+“

gehalten.

Das gewaltigste unter allen historischen Stücken, und der gewaltigste

Charakter bleibt aber „+Richard III.+“, eine der kolossalsten

Conceptionen, welche jemals in der Poesie vorgekommen sind. In seiner

Weise ist er vollkommen abgeschlossen und durchgebildet. Es ist der

Charakter des vollendeten Egoismus, und so steht er in einsamer

Furchtbarkeit über der gewöhnlichen Welt; für ihn gibt es kein Gut und

Böse mehr. Er verachtet die Menschen tief, aber die Erbärmlichkeit

seiner Umgebung, aus welcher er furchtbar emporragt, bestätigt ihn

in dieser Verachtung. Man schmeichelt ihm, man kriecht vor ihm, oder

sucht ihn mindestens zu gebrauchen. Aber eben dadurch macht er alle von

sich abhängig, und beherrscht und vernichtet zuletzt alle. In dieser

dämonischen Gewalt hat Napoleon’s Charakter eine große Aehnlichkeit

mit dem seinen. Aber neben dem furchtbar Abschreckenden besitzt er

gewinnende Eigenschaften, die mit fast zauberhafter Gewalt auf die

Menschen wirken. In einem solchen Maße ist ihm die höchste Macht der

Rede eigen, die denkbar ist; wie könnte er sonst die freilich schwache

und eitle Anna gewinnen? Er, bei seiner Beschaffenheit, und unter

diesen Umständen? Er selbst wundert sich und spottet darüber, daß es

ihm gelingen konnte! Nur einmal regt sich bei ihm das Gewissen. Es

war nothwendig ihn auch in einem solchen Momente zu zeigen, weil wir

sonst den Menschen in ihm nicht mehr erkennen würden. Man hat den

Monolog, mit dem das Stück beginnt, auffallend gefunden. Das kann so

scheinen, wenn man es ganz für sich auffaßt; man muß es aber im engen

Zusammenhange mit Heinrich VI. betrachten, an dessen letzte Scenen es

sich sogleich anschließt.

Gegen die Motivirung der heißen und übereilten Liebe in „+Romeo und

Julie+“ hat man Zweifel erhoben; ich glaube man hat sie sich etwa so

zu denken: Julie ist jung, Italienerin, sie hat heißes Blut, und ist

bisher eingezogen gehalten worden. Die Mutter steht ihr fern, der

Vater streng gegenüber. In dieser Häuslichkeit bleibt sie meistens der

Erziehung der Amme überlassen, mit der sie stets zusammen ist, und

deren Einfluß kein günstiger sein kann, denn sie ist eine gewöhnliche,

sinnliche Person, deren zweideutige Reden natürlich auf Juliens

Phantasie einwirken müssen. Sie sehnt sich nach Freiheit, und innerlich

ist längst in ihr eine solche Leidenschaft vorbereitet, als ihr Romeo

begegnet.

Shakspeare’s Lustspiele tragen alle mehr oder weniger den Charakter des

Märchens an sich; nur die „+Widerbellerin+“ nicht, wo alles schlicht

und bürgerlich hergeht. Einer frühen Zeit gehören gewiß „+Die beiden

Veroneser+“ an; hier findet sich nur eine directe Komik, noch nicht die

Ironie.

In der Ironie ist Shakspeare Meister. Ob sie bei ihm bewußt

oder unbewußt war, ist schwer zu sagen; es ist dies ein tiefes

Seelengeheimniß, in das nicht einzudringen ist, aber fast in allen

seinen Charakteren und Verwickelungen tritt sie hervor. Wenn +Romeo+

verliebt in Rosalinde auftritt, um gleich darauf jene gewaltige

Leidenschaft für Julie zu fassen, so deutet dies allerdings seine

Seelenstimmung und Disposition für diese Liebe an, aber in dieser

Zusammenstellung liegt doch entschieden eine Ironie. Wenn der Mönch,

um Schlimmeres zu verhüten, die Trauung beschleunigt, und dadurch

schwerere Verwickelungen herbeiführt, die ihn nun nöthigen, zu dem

Schlaftrunke zu greifen, so ist das wiederum Ironie; ebenso, wenn durch

den Scheintod, der in der besten Meinung veranlaßt ist, der wirkliche

Tod Romeo’s, und endlich auch Juliens herbeigeführt wird. Dies löst

sich wiederum auf, indem sich nun die streitenden Familien über den

Leichen ihrer Kinder versöhnen.

Wenn in „+Heinrich IV.+“ Percy, der Führer der Verschwörung, seine

Bundesgenossen beleidigt, und durch verkehrten Ungestüm sein eigenes

Werk zerstört, so behandelt der Dichter den Helden, den er sonst so

bedeutend ausgestattet hat, ironisch. Ironisch steht auch der Prinz

seinen Spießgesellen gegenüber, und daß dies der Fall sei, merkt keiner

von ihnen, auch der gewitzigte Falstaff nicht. Eine sehr tiefe Ironie

liegt in der Scene, wo der Prinz am Sterbebette seines Vaters sich die

Krone voreilig aufs Haupt setzt. Allerdings spricht der Dichter darin

auf das erschütterndste die Nemesis aus. So faßt es auch Heinrich IV.

selbst auf; aber auch in dieser Stimmung versöhnt er sich wieder mit

dem Thun des Sohnes auf dessen keineswegs besonders tiefe Gegenrede,

weil es ihm jetzt klar wird, daß er auch eine Anlage zum Herrschen in

sich trage, was er vorher nie geglaubt hatte. Nun erst hält er sein

Werk für gesichert und kann ruhig sterben.

Auch +Brutus+ ist ironisch gehalten; er ist ein trefflicher, edler,

reiner und gebildeter Mann, der nur das Beste will, aber politisch ist

er blind und schwach. Er erkennt nicht, daß Roms einziges Heil, wie es

damals war, in Cäsar lag, und mordet ihn, um Rom zu retten; und da er

die Revolution losgelassen hat, ist er zu weich, zu menschlich, um sie

consequent durchzuführen. Cassius ist ein schlechterer Mensch, aber ein

besserer Politiker; er würde die Sache ganz anders geleitet haben.

Ebenso steht es mit +Coriolan+. Er ist Held durch und durch, und der

Retter des Vaterlandes. Aber er geht hin in blinder Wuth das Vaterland,

das er gerettet hat, selbst zu verderben. Und wiederum in demselben

Augenblicke, wo es nun in seine Hand gegeben ist, weicht er vor seinem

eigenen Werke zurück, und gibt den Bitten der Mutter nach.

Kaum ist der Held eines andern Stücks vom Dichter mit mehr Ironie

behandelt worden als +Hamlet+. Der Geist seines Vaters kehrt wieder,

um ihn zur That der Rache aufzufordern. Statt zu handeln, fingirt er

Wahnsinn, durch diese Erscheinung fast bis zum wirklichen Wahnsinn

aufgeregt, um auf diese Weise den Gegner zu erforschen, und sich zu

überzeugen, ob der Geist, der ihn soeben noch bis in die Tiefen seines

Wesens erschütterte, in der That die Wahrheit gesagt habe. Da er so

nicht zum Ziele kommt, verfällt er auf das Mittel mit dem Schauspiele.

Nach der Wirkung desselben kann er keinen Augenblick mehr darüber im

Zweifel sein, daß der König der Mörder seines Vaters sei; auch darüber

nicht, daß der König, sobald er diese Ueberzeugung bei ihm voraussetzen

muß, ihn selbst nicht länger leben lassen kann. Seine eigene Lage

fordert ihn zum Handeln auf, denn seine Stellung ist eine unwürdige. Er

ist der Erbe der Krone, und sein Oheim ein offenkundiger Usurpator, der

ihn verdrängt hat. Die Gelegenheit zur That, die sich ihm darbietet,

als er den König im Gebete trifft, läßt er vorübergehen, und in dem

darauf folgenden Gespräche mit der Königin handelt er allerdings, aber

übereilt, und nun trifft er den Unschuldigen statt des Schuldigen, den

überdienstfertigen Polonius. Auch das ist Ironie. Nachdem der Plan

des Königs wider Hamlet’s Leben mislungen ist, läßt er sich zu jenem

Zweikampf verleiten, der nun fast wider seinen Willen das herbeiführt,

was er ursprünglich wollte. Meistens wird dieser Zweikampf ganz falsch

verstanden. Nach P. A. Wolff’s Aenderung entreißt Hamlet das vergiftete

Rapier dem Laertes mit den Worten: „Ist das ritterlich?“ Aber ist es

denkbar, daß sich Laertes diese Waffe werde entreißen lassen, deren

Wirkung er kennt? Ich denke es mir so: Im Hintergrunde der Bühne steht

ein Tisch, auf diesem liegen die Rapiere. Die Kämpfenden ergreifen sie,

machen einen Gang miteinander, und legen sie dann dort wiederum nieder.

Dies wiederholt sich mehrere Male. Die Pausen des Kampfes werden

durch die Gespräche gefüllt. Hier läßt der König durch Osrik, oder

irgendeinen andern der Hofleute, die Rapiere unbemerkt vertauschen,

sodaß nun das vergiftete auf Hamlet’s Seite zu liegen kommt und von

diesem ergriffen wird. Denn der König, der sich überall als Mann von

Consequenz zeigt, kann auch Laertes nicht leben lassen, der soeben

noch an der Spitze eines Rebellenhaufens stand, und außerdem ja den

ganzen Plan kennt, der gegen Hamlet angelegt ist. Das gerade Gegenbild

Hamlet’s ist Fortinbras, der Erbe des Reichs. Die Ironie, welche in der

ganzen Tragödie herrscht, hat weder Schröder noch auch Goethe erkannt,

sonst hätte dieser nicht eine solche Bearbeitung vorschlagen können,

wie er es im „Wilhelm Meister“ thut.

„Hamlet“ ist überhaupt eines der wunderbarsten Stücke, von einem

nicht auszudenkenden Tiefsinn. Je mehr man es studirt und sich damit

vertraut macht, je mehr findet man, daß der Dichter uns immer neue

Räthsel aufgibt. Hamlet’s Charakter selbst ist das größte Räthsel.

Die entgegengesetztesten Eigenschaften sind hier zu einem Ganzen

verbunden. Gewiß ist er kein Held im gewöhnlichen Sinne des Worts,

aber ebenso wenig nur reflectirt, oder nur melancholisch, oder nur

edel, oder nur witzig und geistreich. Mit welcher schlauen und kalten

Berechnung beseitigt er nicht Rosenkranz und Güldenstern, und über das

Gelingen seiner List äußert er eine hämische Freude. In der nächtlichen

Unterredung mit der Mutter erscheint er mitunter roh, und dann hat er

wieder Augenblicke reinster menschlicher Weichheit und edler Erhebung.

Auch sein Wahnsinn ist schwer aufzufassen. Ist er durch die furchtbare

Erscheinung des Vaters wirklich wahnsinnig geworden, oder ist es nur

ein erheuchelter Wahnsinn? Es scheint beides, und der Gedanke, sich

wahnsinnig zu stellen, scheint selbst schon die Folge eines gewissen

Irrsinns zu sein. Höchst räthselhaft ist darum der Schluß des ersten

Acts. Will Hamlet schon den Horatio glauben machen, er sei wirklich

wahnsinnig? Weshalb die Wiederholung des Schwurs? Und warum wiederholt

der Geist selbst jenen Zuruf: „Schwört“? Ganz verkehrt werden hier in

der Regel Hamlet’s bekannte Worte: „Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel

und Erde“ u. s. w. verstanden. Man pflegt sie auf die Erscheinung

des Geistes zu beziehen, aber wie ist das möglich? Wie kann Hamlet

zu Horatio und seinen Gefährten so sprechen? Sie haben ja den Geist

früher gesehen als er, und ihn davon erst benachrichtigt. Es ist eine

Hindeutung auf das, was Hamlet durch den Geist erfahren hat, daß sein

Vater wirklich durch Meuchelmord gefallen ist.

Auch der berühmte Monolog „Sein oder Nichtsein“ wird stets

misverstanden. Man denkt an einen Selbstmord Hamlet’s. Aber nicht davon

spricht er; welche Veranlassung hätte er auch jetzt, wo ihn Alles zum

Handeln auffordert, sich das Leben zu nehmen? Es sind Betrachtungen,

auf die ihn die That hinführt, die er vollziehen soll. An einen

möglichen Verlust des Lebens denkt er, und grübelt wieder statt zu

handeln. Auch in diesem Monolog ist Manches dunkel. Wie kann Hamlet

von jenem unentdeckten Lande sprechen, von deß Bezirk kein Wanderer

wiederkehrt? Ist ihm nicht der Geist seines Vaters wiedergekehrt,

um ihm ein schweres Geheimniß zu entdecken? Und hat er ihm nicht

Andeutungen seines Zustandes gemacht?

Der König ist übrigens nicht so elend, als Hamlet ihn darstellt. Er

ist herrschsüchtig, sinnlich und schwelgerisch, aber nicht ohne Kraft.

Seine Leidenschaften machen ihn endlich zum Verräther, Thronräuber und

Brudermörder, und nun treiben ihn seine Verbrechen vorwärts. Seinem

Charakter gemäß weiß er die Mittel zu wählen, und er weiß zu handeln.

Er hat Entschlossenheit, und ist sogar nicht ohne eine gewisse Würde.

Im Augenblicke der Gefahr tritt er Laertes und dem Rebellenhaufen

allein entgegen, im Vertrauen auf das Uebergewicht der Majestät; und er

beschwichtigt sie wirklich. Auch kann es ihm nicht an glänzenden und

bestechenden Eigenschaften fehlen; wie konnte er sonst die Frau jenes

Heldenkönigs verführen? Auch Laertes steht im Gegensatze zu Hamlet.

Obgleich er tief unter diesem steht, und das Unglück seiner Familie

durch den König unmittelbar gar nicht veranlaßt worden ist, so ist er

doch gleich damit bei der Hand, eine Meuterei anzustiften. Hamlet, der

das Recht auf seiner Seite hat, den das Unglück des Landes und eine

wunderbare Mahnung zum Handeln auffordern, kann nicht dazu kommen.

Dem „Hamlet“ ist in gewissem Sinne der „+Lear+“ entgegengesetzt. Dort

wirkt alles retardirend, immer wieder wird die Handlung von ihrem

Ziele abgelenkt. Hier überstürzt sich Alles, und drängt mit fast

wahnsinniger Hast zum Untergange hin. Lear erscheint schon gleich im

Anfange schwachsinnig. Er mißt die Liebe seiner Töchter zu ihm nach

den Versicherungen, die sie im Augenblicke vorzubringen wissen, und

davon macht er die Theilung des Landes abhängig! Er verstößt Cordelia,

weil sie eine solche Versicherung nicht geben will; und auch sie

erscheint herbe, da sie sich lieber vertreiben läßt, als daß sie ihren

schwachen Vater mit einem Worte zufriedenstellt. Endlich verdirbt Kent

durch seine wohlgemeinte, aber unzeitige und übertriebene Hitze Alles,

und mit ihm verstößt der König seinen einzigen treuen und kräftigen

Rathgeber. Denn der Narr erkennt nur das aberwitzige Thun des Königs,

aber er kann nicht helfen.

Auch +Macbeth+ hat etwas von der Ironie. Es ist eine ursprünglich

kräftige und edle Natur; so auch Lady Macbeth. Aber die Trugbilder

ihres Ehrgeizes treiben sie zum Verbrechen, und als sie nun die Krone

haben, sind sie ihr nicht gewachsen, und erliegen unter der Schwere

ihres Frevels.

Im „+Kaufmann von Venedig+“ ist es eine Ironie, wenn die Gnade der

Christen, die Shylock gewährt wird, sich darin äußert, daß man ihn

zwingt, sich taufen zu lassen. So auch in „+Was ihr wollt+“, wo ein

unbedeutender junger Mensch, wie Sebastian, ein glänzendes Glück

macht und die vielumworbene Olivia heirathet, nur weil er mit seiner

Schwester Aehnlichkeit hat. Das Alles ist ironisch, und so überall bei

Shakspeare, man mag hingreifen wo man will. Das gibt seinen Charakteren

eben das Anschauliche und Begreifliche, und dadurch sind sie wirkliche

Menschen.

5. Ben Jonson

ist der gerade Gegensatz zu Shakspeare, und geht umgekehrt wie dieser

zu Werke; er ist ein steifer und gelehrter Dichter. Shakspeare

gibt uns wirkliche Menschen, Ben Jonson hat nur Typen, die zuletzt

allegorisch werden, und jeden Zug des Menschlichen verlieren. Er ist

witzig und scharf, er combinirt mit ungemeinem Verstande, und weiß alle

Möglichkeiten zu erschöpfen. Hierin muß man ihn bewundern, und das habe

ich stets gethan. Und doch hat er wieder etwas Gehässiges; er zieht

zugleich an und stößt ab. Widerwärtig ist er in seinem „+Poetaster+“.

Sein bestes Stück ist der „+Volpone+“, und dann „+Epicoene+“.

6. Alfieri

ist, so viel er auch geschrieben hat, doch nur ein gemachter Dichter,

wie es auch seine französischen Vorbilder sind, nach denen er

gearbeitet hat. Er ist finster, starr und gewaltsam, und hat darin eine

gewisse Aehnlichkeit mit Klinger. Er thut sich auf seinen Lakonismus

viel zu Gute, und wird dadurch zuletzt wirklich unerträglich.

7. Goldoni

hat in seinen Familiengemälden und der Neigung, häusliche Zustände

darzustellen, einen deutschen Zug. Das italienische Leben schildert er

aber in der That vortrefflich, und als Charakterzeichner ist er nicht

genug anzuerkennen, z. B. in seinen „+Inamorati+“. Unübertrefflich ist

sein +gutmüthiger Polterer+, und diesem ließe sich noch mancher andere

Charakter an die Seite stellen. Auf jeden Fall steht er darin, wie

überhaupt in der Schilderung häuslicher Zustände, weit über Iffland.

Ich habe seine Komödien immer mit dem größten Vergnügen gelesen. Auch

von den Italienern wird er in hohem Grade anerkannt, während +Gozzi+,

der doch auch ein bedeutendes Talent ist, trotz der Fülle seiner

Phantasie heutiges Tages kaum noch gelesen wird.

8. Rousseau

lernte ich als junger Mensch zufällig auf einer Harzreise im Jahre

1792 kennen. In einem Wirthshause fand ich die „Neue Heloise“. Ich

war von der Darstellung, von der Glut der Leidenschaft in der ersten

Hälfte entzückt. Aber bald kam die Abkühlung. Die zweite Hälfte und den

Ausgang fand ich höchst matt, und warf endlich das Buch unwillig fort.

Seitdem war ich mit Rousseau abgefunden.

9. Byron

Eine höchst merkwürdige Natur ist Byron. Man hat Recht, seine große

dichterische Kraft anzuerkennen, aber sie ist durchaus einseitig,

und es ist viel Falsches und Verkehrtes dabei. Er ist eigentlich der

Urvater unsers ganzen eiteln, modernen Poetenthums. Er ist in seinem

Unglücke so voller Absicht und Selbstbewußtsein; sein Weltschmerz,

mit dem er sich so viel zu thun macht, wird affectirt und verzerrt;

überall drängt er sich eitel in den Vordergrund. Ich halte „+Child

Harold+“ für die gelungenste seiner Dichtungen; besonders ist der

Anfang vortrefflich. Sonst sind alle seine Erzählungen viel zu lang,

dunkel, schwierig und eintönig. Höchst schwach sind seine Dramen; er

hat von der Natur des Dramatischen gar keinen Begriff. Und wie urtheilt

er dabei über Shakspeare! Ebenso sonderbar ist seine Ansicht von dem

nüchternen Pope, den er auf eine übertriebene Weise hervorhebt.

10. Walter Scott

besitzt eine große Fähigkeit der Schilderung und Darstellung, er

weiß die Dinge im Einzelnen anschaulich zu machen, und darin liegt

seine große Wirkung. Es fehlt ihm nur wenig um ein wahrer Dichter zu

sein; aber dieses Wenige reicht gerade hin, um ihn von der höchsten

Stufe auszuschließen. Unter seinen Romanen stelle ich den frühesten

„+Waverley+“ am höchsten. Seine epischen Sachen sind schwach.

4. Theater.

Die Einrichtung der alten Bühne ist für mich immer noch dunkel, so

viel auch darüber gesprochen und gestritten worden ist. Wir haben den

schönen Versuch gemacht, die antike Tragödie bei uns herzustellen, aber

dabei ist erst recht klar geworden, wie Vieles hier für uns räthselhaft

und unbegreiflich ist. Gewiß hat man damals Mittel gehabt, in großen

Räumen und auf große Massen gewaltig zu wirken.

Ich habe immer eine große Vorliebe für die alte englische Bühne gehabt,

und ich glaube, daß sie höchst zweckmäßig eingerichtet war. Sie war

nicht tief, aber breit. Dadurch, daß sich die Figuren auf einem nicht

zu tiefen Hintergrunde bewegen, bekommt das Zusammenspiel eine ganz

andere Haltung und Einheit. Die Decorationen waren die einfachsten, und

man spielte am Tage; das ist ein großer Vorzug. Als ich nach Berlin

zurückgekehrt war, habe ich mich eine Zeit lang mit dem Gedanken

beschäftigt, daß man nach dem Vorbilde der altenglischen Bühne ein

Theater, etwa im Thiergarten, aufschlagen könne. Zunächst hätte es nur

für Shakspeare’sche Stücke sein sollen, und ich bin überzeugt, daß der

Versuch gelungen wäre. In dem Lichte des Tages würde Alles einfacher

und natürlicher erscheinen; freilich hätte es nicht etwa von vorn,

sondern durch eine Oeffnung von oben her auf die Bühne fallen müssen.

Unsere gewöhnliche Bühne hat viele Mängel; sie ist vor allem zu tief

und zu hoch. Die großen Häuser sind der Verderb des Schauspiels. Wie

soll selbst ein bedeutender Schauspieler den Raum füllen, wenn der

Schall seiner Stimme nicht gesammelt wird, sondern in dem tiefen

Hintergrunde und nach oben hin verhallt? Das Mienenspiel, alle seine

Nüancen bleiben unbemerkt, und der Schauspieler muß in diesen weiten

Räumen verloren gehen. Das eigentliche Schauspiel ist nur auf ein

mäßiges Haus berechnet, und nur hier kann die tragische Kunst zur

vollen Wirkung kommen. Auch ist die Beleuchtung viel zu hell. Von

zahllosen Oellampen ist man jetzt gar zum Gas gekommen. Das geht über

den milden Schein des Tages weit hinaus. Nun erscheint Alles in einem

grellen und übertriebenen Lichte, und daraus ergeben sich wieder

andere Uebelstände; Alles wird unnatürlich. Die Täuschung, welche

die Bühne will, kann ein solches Licht nicht vertragen. Damit hängt

auch der übermäßige Prunk in Costümen, Decorationen und Maschinerien

zusammen; er gehört auch zum Verderb der Bühne. Aber das ist jetzt

eine Nothwendigkeit für sie geworden, sie kann ohne das nicht mehr

bestehen, und Bühne und Publicum ruiniren sich gegenseitig. Mit wie

einfachen Mitteln und einfachen Costümen spielte man nicht früher, als

man das sogenannte historisch getreue Costüm noch nicht kannte! Für das

wirkliche Spiel ist damit gar nichts gewonnen, und die Aufmerksamkeit

wird auf Nebendinge hingeleitet.

Ludwig Tieck Erinnerungen aus dem Leben des Dichters nach dessen mündlichen und schriftlichen Mitteilungen · 第 45 / 51 段