erzählt, er habe den Herzog von Weimar aus dem Wasser gerettet, und
sei ihm nachher unentbehrlich geworden, so war das gewiß nicht wahr.
Ebenso bedenklich sind manche andere Andeutungen, die sich in seinen
Briefen finden. Wie charakterlos zeigte er sich nicht gegen Wieland,
den er noch im „~Pandaemonium Germanicum~“ so heftig angegriffen hatte!
Auch furchtsam scheint er gewesen zu sein, wenigstens muß man das
aus der Mühe schließen, die er sich gab, um zu verbergen, daß er der
Verfasser des Stücks „+Die Soldaten+“ sei. Am schlimmsten für ihn war
seine ewige Unruhe, sein unstetes Wesen und Projectenmacherei. Schon
in Strasburg schrieb er allerlei über Militärwissenschaften, von denen
er doch schwerlich etwas verstand. Auch nach seiner Krankheit, als er
nach Rußland zurückgekehrt war, blieb ihm diese Unruhe. Da er sich in
dürftiger Lage befand, reichte er der Regierung allerlei Pläne ein, für
die er hin und wieder kleine Unterstützungen erhielt. Seine Schriften
aus dieser Zeit sind schwach, dunkel und verworren; es erscheint darin
nur noch eine gebrochene Kraft. So eitel, voll Selbstvertrauen und
Uebermuth er in seiner guten Zeit war, so schwachsinnig, gedrückt und
kleinmüthig zeigt er sich nach der Krankheit. Diese war gewiß nur die
Folge überreizter Eitelkeit. Eine fixe Idee war es in seiner Krankheit,
daß er alle seine Freunde auf eine tödtliche Weise beleidigt habe. Als
Klinger ihn bei Schlosser fand, nahm er mit ihm eine Gewaltcur vor,
indem er ihn auf einige Stunden in ein Faß mit kaltem Wasser steckte,
was auch einige lichte Augenblicke zur Folge hatte. Lenz ist an seiner
Charakterlosigkeit zu Grunde gegangen. Ich habe immer die Erfahrung
gemacht, daß bedeutendes Talent ohne Charakter dem Untergange sicher
entgegenführt. Beides, Talent und Charakter, müssen sich gegenseitig
tragen und ergänzen, wenn es zu einer gedeihlichen Entwickelung kommen
soll. Daran scheiterte auch Heinrich von Kleist, der doch noch ein ganz
anderer Mann war, und ebenso in neuerer Zeit Fouqué.
Aus dem ganzen Kreise, welcher sich in Strasburg um Goethe gesammelt
hatte, ist Lenz der Bedeutendste. Er besitzt eine ungemeine Kraft im
Individuellen. So roh auch seine Gestalten sind, so kommen sie in
diesem Punkte doch mitunter denen Goethe’s gleich. Seine Charaktere
haben etwas Grobes, aber sie sind wahr und lebendig, so z. B. der
Major im „+Hofmeister+“, der eine Hauptrolle Schröder’s war. Freilich
muß man in ihm keinen Künstler suchen, wie sich schon darin zeigt,
daß er seinen Dramen allerlei allgemeine Gedanken der Nützlichkeit
unterschiebt, wie die Nachtheile der Privaterziehung, Ehelosigkeit der
Soldaten u. s. w.
10. Klinger
An Talent stand Klinger entschieden hinter Lenz zurück. Er besitzt
allerdings eine gewisse Kraft, aber doch nicht die, von der er
unaufhörlich spricht. Sein erstes Werk „+Die Zwillinge+“ sind trefflich
und voll tragischer Gewalt, aber alle seine spätern Tragödien bleiben
dahinter weit zurück. Man fühlt wie er sich abmüht groß und erhaben zu
sein, was gegen die Fülle bei Lenz sehr absticht. Und wie frostig und
kalt sind endlich nicht seine letzten antik gehaltenen Tragödien! Auch
die Romane, die er in der Jugend im Geschmacke Crebillon’s schrieb,
sind schwach. Hier erscheint er noch als Nachahmer Wieland’s. Dagegen
sind seine spätern ernsten Romane finster, abstoßend und gewaltsam.
Sein bestes Werk in dieser Gattung ist „+Dichter und Weltmann+“.
11. Heinrich von Kleist
ist den echtesten deutschen Dichtern beizuzählen. Welche Töne hat er
nicht in seinem „+Käthchen+“ und besonders im „+Prinzen von Homburg+“
angeschlagen! Dies ist eins der trefflichsten und zugleich nationalsten
Dramen, was wir besitzen. Liegt uns auch die mystische Seite ferner,
so hat sie doch hier nichts Störendes, und tritt auch weniger hervor
als im „Käthchen“. Wie menschlich wahr und anschaulich sind nicht alle
Charaktere; so der Prinz selbst, der alte Kottwitz; ganz individuell
und doch groß ist der Kurfürst. Der kurze Monolog im fünften Acte:
„Wenn ich der Dei von Tunis wäre“, gehört zu dem Ausgezeichnetsten,
was unsere dramatische Poesie aufzuweisen hat. Den heiligen Zorn eines
verletzten Nationalgefühls hat er in der „+Hermannsschlacht+“ wahrhaft
großartig ausgedrückt. Das allgemeine Unglück des Landes gehörte mit
zu seinem persönlichen Schmerze. Schon seine erste Tragödie „+Die
Schroffensteiner+“ enthält viel Schönes, und bewies seinen Beruf zum
Drama; freilich ist Anderes darin platt, roh, ja kindisch, wie die
Geschichte mit dem Finger. Hätte er den „+Robert Guiscard+“ vollendet,
so würde dies ohne Zweifel die größte seiner Dichtungen geworden
sein. Ein wahrhaftes Meisterwerk in der Komik ist sein „+Zerbrochner
Krug+“. Man hat dem Lustspiel unrecht gethan, wenn man es in drei Acte
theilte, weil man es etwas zu lang fand. Vortrefflich sind auch seine
Erzählungen, und mit Recht hat man immer den „+Kohlhas+“ anerkannt.
Vielleicht ist die „+Geschichte der Marquise von O.+“ noch vollendeter
und abgeschlossener. Erscheinungen dieser Art beachtete man kaum,
während die mittelmäßigsten Sachen den reichsten Beifall fanden! Ich
darf mich wol rühmen zu ihrer Erhaltung und endlichen Anerkennung
wesentlich beigetragen zu haben. In einem eigentlich freundschaftlichen
Verhältnisse habe ich zu Kleist nicht gestanden, aber ich habe sein
hohes Talent stets geliebt und geehrt, und sein tragisches Schicksal
hat mich tief erschüttert.
12. Fouqué
Fouqué hat viel Talent, und besitzt eine reiche Phantasie, aber
er hat etwas Willkürliches und Unbegrenztes, und gefällt sich in
Erfindung und Zusammenstellung unmöglicher Dinge. Sein bestes Werk ist
„+Undine+“. Später trat das Abenteuerliche und Carikirte immer mehr
hervor, so schon im „+Zauberringe+“. Eigentlich ist er dichterisch am
Mangel aller Ironie zu Grunde gegangen, er verlor sich vollständig
an seinen Gegenstand, und verlor darüber am Ende die schöpferische
Phantasie selbst. Im Mittelalter hatte er die Stoffe für seine Poesie
gefunden, aber bald begann er sich und seine Liebhabereien mit dem
Gegenstande, den er behandeln wollte zu verwechseln, und dies hielt er
dann für Poesie. So wurde sein Dichten zur Caricatur, und er selbst
zum Don Quixote der Poesie. Nur hat er nie ein Bedürfniß nach einem
Sancho Pansa gefühlt. Und gerade das ist es, was den Don Quixote auch
in seinem Irrthum groß macht. Fouqué hat sich bisweilen in seiner Weise
gegen mich vernehmen lassen. Wenn er dann recht in den Zug kam, konnte
man in der That irre an ihm werden. Uebrigens ist auch das Publicum
übel mit ihm umgegangen; zuerst hat man ihn ungemessen bewundert, und
jetzt ist er mit Unrecht fast ganz vergessen.
13. Achim von Arnim
ist ein sehr bedeutendes Talent, aber er hat sich gewissermaßen
reflectirt, mit bewußtem Vorsatz zum Dichter gemacht; zuerst studirte
er Naturwissenschaften, die er dann aber aufgab. Diese Willkürlichkeit
geht durch alle seine Dichtungen hindurch. Er arbeitet fast planlos; er
schachtelt Anekdoten und Episoden ein, die ihn gerade im Augenblicke
ansprechen, ohne sich um das Ganze zu kümmern. Er spielt mit den
Dingen, seine Poesie bekommt so den Charakter des willkürlich
Gemachten. Oft zieht er im Augenblicke an und weiß zu interessiren,
aber ebenso oft stößt er auch wieder ab durch das Willkürliche und
Bizarre, was ihm eigen ist, z. B. in seiner „+Gräfin Dolores+“. Der
Gesammteindruck seiner Dichtungen muß daher zuletzt ein ungünstiger
sein.
14. Brentano
ist dagegen gewiß noch talentvoller; er hat eine tiefe und wahrhaft
dichterische Ader, nur ist es zu bedauern, daß auch er eine falsche
Richtung einschlug, die ihn zum Diffusen, Willkürlichen und Sonderbaren
geführt hat. Einzelnes von ihm ist vortrefflich; die „+Chronik eines
fahrenden Schülers+“ und „+die Geschichte des Philisters+“. Das
Lustspiel „+Ponce de Leon+“ hat viel Witz, ist aber doch zu breit. Die
„+Geschichte der mehreren Wehmüller+“ hat er mir selbst vorgelesen,
aber ich habe keinen Geschmack daran finden können.
Mit beiden, Arnim und Brentano, habe ich im Leben manche persönliche
Berührung gehabt, und sie fühlten sich, besonders in früherer Zeit,
durch Manches in meinem Wesen angezogen. Wirklich stimmten wir in
einigen Punkten überein. Dennoch ist immer etwas Fremdes zwischen uns
geblieben, und dichterisch habe ich mich von beiden stets fern gefühlt.
Es fehlte ihnen eines, was bei mir von der Poesie unzertrennlich
ist, der reine und wahre Sinn für die Natur und das Natürliche. Bei
ihnen kommt sie immer als etwas Reflectirtes und Gemachtes heraus; es
scheint als sei es ihnen nicht rechter Ernst mit der Sache, als sei es
ein Spaß. Man hat das Gefühl, als wenn sie es auch ebenso gut lassen
könnten.
15. Z. Werner
war auch begabt, aber ein ganz verschrobenes Talent, das sich in
die verkehrte Richtung immer tiefer hineinarbeitete. Nachdem Goethe
seinen „+Vierundzwanzigsten Februar+“ gewissermaßen anerkannt hatte,
überschätzte er sich sehr. Das beste Werk ist „+Die Söhne des Thals+“
geblieben, obgleich es auch hier an Sonderbarem nicht fehlt. Alles
Spätere ist auf eine verkehrte Weise mystisch und verworren, und wird
dadurch unerträglich. Persönlich habe ich den sonderbaren Mann niemals
kennen gelernt.
16. Zschokke
In meiner Jugend war Zschokke, der selbst noch ein junger Mann war,
ein unermüdlicher Vielschreiber für Theater und Leihbibliotheken;
damals entstand sein vielgenannter „+Abällino+“. Später verwarf er
alle seine frühern Sachen, den „Abällino“ aber arbeitete er gar in
Trochäen um, und schickte ihn mir zu. Es ist aber auch so noch ein
höchst schlechtes Machwerk. Seine größern Romane sind schwach; aber
die kleinere Erzählung ist seine Sphäre. Er erzählt gut und leicht,
bisweilen sogar anmuthig und nicht ohne Humor. Er ist überhaupt
ein leichtes und bewegliches Talent, aber kein tiefes. In den
verschiedensten Gattungen findet er sich bis auf einen gewissen Punkt
zurecht, und weiß es auch dem Publicum recht zu machen. Auch ist er
ja Geschichtschreiber. Und wie eifrig sind nicht eine Zeit lang seine
„+Stunden der Andacht+“ gelesen worden! Man wollte es nicht glauben,
daß der Verfasser dieses Erbauungsbuches auch den berüchtigten
„Abällino“ geschrieben habe.
17. Hoffmann
war eine merkwürdige Erscheinung; ein kleines unruhiges Männchen mit
dem beweglichsten Mienenspiel und stechenden Augen. Er hatte etwas
Unheimliches, und fürchtete sich zuletzt selbst vor seinen eigenen
Gespenstern. Die Dichtung ist bei ihm zur Caricatur geworden, und
obgleich er manches gut zu erzählen weiß, sind seine Erzählungen doch
fast alle fratzenhaft.
18. Immermann
Immermann’s erstes Auftreten war ein sehr bescheidenes; aber er war
eine Natur, die in ununterbrochener Entwickelung begriffen war, und
bei weiterm Fortschreiten kam er bald zum Bewußtsein seines Werthes.
Eine rasche Umwandlung ging mit ihm vor. Es war aber auch wirklich
eine höchst bedeutende und starke Kraft, dies drückte sich in seinem
ganzen Wesen aus. Er hatte etwas Entschiedenes und Männliches. Er
urtheilte scharf und herbe, ja er konnte schroff, bitter und ingrimmig
erscheinen. Kaum hat sich Jemand mit dem Theater soviel beschäftigt
als er. Er dichtete für dasselbe, schrieb darüber, und leitete
eine Zeit lang das Theater in Düsseldorf. Hier machte er allerlei
anerkennenswerthe Versuche, aber mit allem Eifer konnte er die Sache
doch nicht halten. Merkwürdig ist dabei, daß er niemals ein Stück
geschrieben hat, welches ganz bühnengerecht wäre. Kaum eines seiner
Dramen kann so aufgeführt werden wie es ist. Dies sah er selbst ein und
änderte daher viel, z. B. sein „+Trauerspiel in Tirol+“, dessen erste
Bearbeitung viel Sonderbares enthält; so die Geschichte mit Hofer’s
Schwert. „+Kaiser Friedrich+“ ist zu gedehnt und bleibt wirkungslos.
Das beste ist wol der erste Theil des „+Alexis+“, obgleich auch
hierin Manches hart und spröde ist, woran auch sonst seine Verse
leiden. Der Epilog „+Eudoxia+“ hat vielen Beifall gefunden; mir ist
er immer fremdartig geblieben, und ich habe den gewaltigen Eindruck
nicht empfunden, den Andere ihm nachgerühmt haben. Für mich sind auch
die Trimeter störend. Wir dachten daran den „Alexis“ in Dresden zur
Aufführung zu bringen, mußten es aber aus andern Rücksichten aufgeben.
In seinen letzten Lebensjahren hat sich Immermann am bedeutendsten
entwickelt. Sein „+Merlin+“ ist eigenthümlich und tiefsinnig, und
wirklich Ausgezeichnetes hat er im „+Münchhausen+“ geleistet. Dieser
übertrifft die „+Epigonen+“ bei weitem, in denen doch auch manches Gute
ist. Die Dorfgeschichte ist durchaus vollendet, und im humoristischen
Theile ist vieles vortrefflich und von der höchsten Wirkung. Ohne
Zweifel ist es der beste Roman unserer neuesten Literatur. Immermann’s
früher Tod ist sehr zu beklagen; er würde gewiß zu noch viel Höherm
gekommen sein.
19. Platen
Platen hat mich immer kalt gelassen. Seine Verse werden gerühmt, und
sie sind auch vortrefflich gebaut, und dafür hat er ein wahres Talent.
Aber was er in diesen Versen gibt, ist doch nur mittelmäßig; in so
anspruchsvollen Versen vermißt man den tiefern Inhalt am ersten. Aus
seiner ganzen Poesie hört man immer die Selbstüberschätzung heraus.
Besonders schwach sind seine Dramen; sie sind trocken und dürftig, es
fehlt ganz an eigentlicher Composition. Er will sich nach den Alten
gebildet haben, und glaubt Shakspeare tadeln zu können, den er gar
nicht einmal versteht.
20. Heine
Welches Reden hat man in der modernen Literatur nicht von +Heine+
gemacht! Seine Bewunderer haben nur ihre Unwissenheit gezeigt, daß sie
unsere ältere, wahre, tiefe Literatur nicht kennen. Das beste, was er
geben kann, ist nichts Neues, es sind Nachklänge Goethe’s in einzelnen
seiner Lieder. Aber sonst welche Suffisance und gemeine Ironie! Und
welche Eintönigkeit! Es ist immer wieder das alte Lied! Was soll man
nun gar erst zu der Armseligkeit seiner Nachahmer sagen!
21. Moderne Literatur
Die modernen vielbändigen Romane, die jetzt zu Modebüchern geworden
sind, sind eine unerquickliche Lectüre. In chaotischen Massen sieht
man die neue und bessere Form des Romans. In der Regel werden zahllose
Fäden angeknüpft, und immer wieder von einer andern Seite her. Der
Masse nach kommen wir auf den Standpunkt der alten Romane, wie
„Clarissa“, zurück. Die Gesellschaft, in der man sich befindet, ist
meistens schlecht. Widerwärtig ist die positive Besserwisserei dieser
modernen Schriftsteller. Ihr System steht ihnen fest, Alles tadeln sie,
Alles kennen sie besser, Fürsten und Völkern geben sie Rathschläge,
vor allem will man charakteristisch schreiben, und dies führt zu
sonderbaren Verirrungen.
Manche moderne Dichter, welche wirklich Talent haben, verderben es
durch die Art der Anwendung. Sie haben beinahe alle eine Neigung zum
Ferocen und Atrocen, die in ihren Dichtungen sich als ein wahrhaft
diabolischer Zug ausspricht. Bei allen ist das frevelhafte Streben, das
Göttliche zu sich herabzuziehen, sich ihm gleichzustellen, und mit
ihm gewissermaßen zu fraternisiren. Auch bei den schriftstellernden
und dichterischen Frauen findet sich dies. Einige von ihnen besitzen
eine seltene Kraft, und man staunt, wie sie sich so weit von den
Vorbedingungen ihres Geschlechts haben losmachen können. Neben vielem
Unwahren, Verkehrten und Verbrannten gibt es doch auch manchen
bedeutenden Zug, aber freilich auch viel Diabolisches. Der Eindruck
dieser Dichtungen ist ein widerwärtiger und beleidigender. Das Vorbild
solcher Frauen ist George Sand. Ueber manche neueste Dichtungen dieser
Art muß man staunen; in ihnen wird ausgesprochen und durchgesetzt, was
Männer in hunderten und aber hunderten von Büchern umsonst versucht
haben. Unsicher flattern sie um die Flamme und versengen sich die
Flügel; aber in diesen Producten ist der wahre Glutofen selbst. Auf
jeden Fall ist diese ganze Richtung merkwürdig; es kommt hier eine
bestimmte Gedankenreihe zum vollen Durchbruch, und darum muß man auch
von solchen Büchern Notiz nehmen.
Die Barbarei unserer Zeit ist überhaupt groß, Sinn und Verständniß
für die echte reine Kunstform ist verloren gegangen, nur das
Massenhafte und Rohe gefällt. Die ältere Literatur lernt man erst durch
wiederholtes Lesen kennen, die junge verliert dadurch, und wird zuletzt
ganz unerträglich. Hier ist alles Prätension, und was schon längst
besser gesagt worden ist, glauben die Verfasser zuerst auszusprechen.
Dabei muß man doch noch die Nothwendigkeit der schlechten Literatur
anerkennen. Sie wird gelesen, im Augenblicke gesucht, und sie geht
im buchhändlerischen Sinne; sie macht daher dem Buchhändler Muth zu
Unternehmungen. Ein gutes Buch findet selten einen Verleger, aber ein
schlechtes gewiß; denn dort ist ein Risico, hier nicht. Entschließt
sich der Buchhändler ein gutes Buch zu verlegen, so muß die schlechte
Literatur den Ausfall decken. So wird sie zu einer trefflichen
Düngmasse für die gute, die ohne sie am Ende überhaupt nicht zum
Vorschein kommen würde.
Es ist mir schon früher die Erscheinung vorgekommen, daß man den
Versuch gemacht hat, die Poesie nach dem christlichen Dogma zu
messen und es in dieselbe einzuführen. Es waren anerkennenswerthe
Talente, stille strebsame Charaktere, die von ihrer Ueberzeugung tief
durchdrungen waren, und denen jede äußere Absicht fern lag. Sie standen
isolirt und sind auf die Literatur ohne Wirkung geblieben. Oft habe
ich über die Grundansicht dieser Richtung disputirt, habe sie mir aber
trotz aller Versuche nicht anzueignen vermocht. Ich muß gestehen,
daß mir manches völlig unklar geblieben ist. Ich habe religiös und
praktisch durchaus nichts gegen solche Ansichten an sich, und will
einem Jeden die Meinung, daß sein Christenthum das beste sei, gern
lassen; aber eine rein persönliche Ueberzeugung dieser Art kann doch
nicht in der Poesie herrschen sollen. Ergibt sich denn nicht aus der
Poesie ihrer Natur nach die Religion von selbst? Ich kann es nicht
billigen, wenn in einem Drama dieser Art menschlich edle und natürlich
reine Charaktere untergehen müssen, weil sie keine Christen sind, und
Schurken siegen, weil sie jenen das Christenthum bringen wollen. Die
Heiden, die übrig bleiben, haben nun freilich das Christenthum, aber
in welcher Weise! Kann es ihnen irgend etwas fruchten, wenn sie es
aus den Händen von Bösewichtern bekommen? Es ist weder dichterisch
noch dramatisch erlaubt, das Christenthum durch Schurken vertreten
zu lassen, weil man seine siegreiche Gewalt zeigen will. Die ältern
Franzosen argumentirten gerade umgekehrt; sie nahmen aus der Reinheit
der Naturvölker und der Nichtswürdigkeit der Christen ihre Einwände
gegen das Christenthum her. Und wird denn das Heilige durch eine solche
Behandlung nicht am Ende selbst profanirt?
3. Fremde Literatur.
1. Die Alten
Die alte Welt, namentlich das Wesen der antiken Tragödie, ist mir erst
spät aufgegangen, nachdem ich aus Göttingen nach Berlin zurückgekehrt
war. Ich hatte mir als junger Mensch meine eigene Welt gebildet,
die freilich der alten fern lag. Auch blieben mir die wiederholten
allgemeinen Anpreisungen der antiken Größe und Kunst, die ich auf der
Schule immer wieder hören mußte, unverständlich. So verstand ich die
Grandiosität des Aeschylus damals gar nicht.
Am frühsten hat mich die „+Odyssee+“ entzückt, die ich schon als
Knabe in meiner Weise las, und nicht genug lesen konnte. Ich habe sie
immer für eins der wunderbarsten Erzeugnisse des dichtenden Geistes
gehalten. Sie ist ein wahres Wunderwerk, wie es keine Literatur zum
zweiten Male besitzt. Ich stelle sie auch bei weitem höher als die
„Ilias“. Die höchste Kunst zeigt sich in den Episoden, und wahrhaft
dichterisch offenbart sich die Welt des Wunders. Welch unerschöpflicher
Reichthum des Lebens und der Bewegung ist nicht darin, welch eine
Fülle der Gestalten und Situationen! Alles ist so anschaulich und
voller Leben, und diese Kämpfe und Abenteuer spannen und interessiren
uns. Es lebt darin ein reiner und tiefer Sinn für die Natur, und
mächtig ergreifend ist die Schilderung ihrer Erscheinungen. Mit dem
Gewaltigen, ja Furchtbaren verbindet sich dann auch das Rührende und
Empfindungsvolle. Wie rührend ist es nicht, wenn Odysseus in sein Haus
zurückkehrt, und der treue Hund ihn zuerst erkennt!
Am liebsten habe ich nachher den +Euripides+ gelesen, den ich eine Zeit
lang wol meinen Lieblingsdichter nennen konnte. Er steht der modernen
Empfindungsweise näher als die andern. Man sagt seine Charaktere seien
manierirt und rhetorisch. Das sind sie aber doch nicht überall, oft
sind sie sogar trefflich, und stehen in der schönsten Weise zwischen
Tragik und Humor lebensvoll in der Mitte, z. B. Hercules in der
„+Alceste+“ und Pentheus in den „+Bacchen+“. Beides sind treffliche
Stücke. Andere Charaktere haben wirklich etwas Zartes. Wie edel ist
nicht „+Iphigenia in Tauris+“ gehalten! Auch der „+Hippolytus+“ ist ein
gutes Stück. Wie in den Charakteren steht uns auch im Plan und in der
Verwickelung seiner Tragödien Euripides näher. Die im Anfange immer
wiederkehrenden Monologe sind als Exposition im Sinn und Charakter des
Chors zu betrachten. Der Chor selbst erscheint freilich gesunken. In
das verdammende Urtheil über Euripides, welches seit den Schlegel oft
wiederholt worden ist, habe ich nie einstimmen können.
Man hat noch nicht genug Aufmerksamkeit darauf gewendet, wie sich
die Idee des Göttlichen bei den griechischen Tragikern entwickelte.
Seit +Aeschylus+ hat sie sich in kurzer Zeit bedeutend verändert.
Welcher titanenhafte Trotz gegen das Göttliche ist nicht bei diesem im
„Prometheus“, an den man nur durch Schiller’s „Räuber“ wieder erinnert
wird. Seinen Zeus stellt er widerwärtig, man könnte sagen fast bösartig
dar; er schildert ihn mit einer directen Ironie. Welch ein gewaltiger
Geist mußte es nicht sein, der es wagen konnte, die überlieferten
Götter des Volkes so zu behandeln! Und dann wieder, wenn man mit dem
„Prometheus“ die „Perser“ vergleicht, wie unendlich verschieden ist er
nicht in beiden! Ganz anders zeigt sich gleich darauf +Sophokles+. Im
„Oedipus auf Kolonos“ ist, den Fluch gegen den Sohn ausgenommen, Alles
Versöhnung. Oedipus selbst erscheint versöhnt, gereinigt, großartig.
Es ist in diesem Stücke eine Ahnung des Christlichen. Diese gibt sich
beinahe überall in den Chören kund, wo in der heiligen Resignation
die Versöhnung hervortritt. In Sophokles selbst lebt ein Geist, der
dem Christenthume verwandt ist. Anders ist es mit Euripides, dessen
Götter unleugbar viel tiefer stehen, und menschlichen Leidenschaften
unterworfen sind.
Neulich habe ich wieder einmal den „+Lucian+“ gelesen. Ganz anders ist
der Eindruck, den ich jetzt davon habe, als vor Jahren, wo ich ihn
zuletzt las. Ich kann mit diesem Witze nicht mehr übereinstimmen. Ist
es Scherz oder Ernst, man weiß es nicht. Er erscheint mir willkürlich,
ohne festen Inhalt, bisweilen scurril. Lucian ist übersättigt. Ebenso
ist mir +Petronius+ zuwider, beide sind blasirt. Aber Niemand ist
weniger für den Witz gemacht als der Blasirte, und doch drängen sich
gerade diese auch heute dazu, als wenn sie allein dafür berufen wären.
Die innere Zerrissenheit macht nicht den Witz; es gehört dazu ein in
sich befriedigtes, ruhiges und heiteres Gemüth, aus diesem allein kann
der wahre Witz kommen.
2. Dante
ist ein wahrhaft großer Dichter. Vieles in seiner „Hölle“ ist erhaben,
gewaltig und bis zur Vernichtung erschütternd. Aber mich stört sein
theologisches und philosophisches System, so tiefsinnig es auch sein
mag, im Gedichte. Es stieß mich ab, wenn mich anderes ergriff. Ich
kann sagen, Dante ist mir stets nah und fern zugleich gewesen.
3. Camoens