Herder’s Kritik hat einen sonderbaren Gang genommen. Wie frisch

und kräftig trat er nicht im Anfange der Genieperiode auf, als er

Goethe in Strasburg kennen lernte, und in seinem Alter kehrte er zu

der trockensten Reflexion zurück. Wie verkündigte er nicht Genie und

Natur, und zuletzt waren ihm Canitz und Andere große Dichter und wahre

Vorbilder! In diesem Sinne sind auch alle seine Abhandlungen in der

„+Adrastea+“ geschrieben, und die Allgemeinheiten in den „+Briefen

zur Beförderung der Humanität+“ stechen sehr gegen den nationalen Zug

seiner frühern Zeit ab. Es war aber auch etwas Persönliches dabei. In

Herder’s Charakter lag etwas Scharfes, ja Bitteres und Misgünstiges, er

fühlte sich neben Goethe gedrückt; und als die Schlegel eine unbedingte

Anerkennung Goethe’s zu verkünden anfingen, konnte er diesen das nie

verzeihen. Goethe kannte diese schroffen Seiten seines Charakters

wohl, und hat sich öfters sehr derb darüber ausgesprochen. Bei vielem

Trefflichen, was Herder geschrieben hat, ist er doch auch in Manchem

überschätzt worden. In den „+Ideen zur Philosophie der Geschichte+“,

von denen einst so viel die Rede war, ist doch viel Gewöhnliches.

Ich habe die Schrift „+Vom Geiste der hebräischen Poesie+“ immer

vorgezogen. Ueberhaupt hat Herder zu viel geschrieben, namentlich in

der letzten Zeit; wir würden jetzt mit einer Anthologie aus seinen

Werken auskommen können.

5. Bürger

Bürger’s großes Talent war die populäre Behandlung der Poesie, und

darum wird seine „+Lenore+“ immer ein wahres Meisterwerk bleiben. Auch

manche andere seiner Gedichte verdienen volle Anerkennung. Zu bedauern

ist, daß er mitunter in einen platten, ja gemeinen Ton verfallen

konnte, wie in dem Gedichte von der „+Jungfrau Europa+“. Dennoch ist

Schiller’s bekannte Kritik zu streng, besonders wenn man bedenkt,

daß dieser sich doch auch Manches vorzuwerfen hatte. Seine Recension

Bürger’s erscheint um so schärfer, wenn man sie mit der unnöthig

anerkennenden des weichlichen Matthisson vergleicht. Dagegen war Goethe

gegen ihn freundlich gesonnen, und die Erbitterung Bürger’s in dem

bekannten Epigramm war ungerecht. Ich habe die Veranlassung dazu von

Reichardt erzählen hören, und danach fällt die Schuld bei weitem mehr

auf Bürger. Goethe und Reichardt hatten miteinander musicirt; während

dessen war Bürger, der Goethe besuchen wollte, in das Nebenzimmer

eingetreten. Goethe sieht ihn, und noch erfüllt von der Musik, tritt er

ihm mit einer freudigen Begrüßung entgegen. In demselben Augenblicke

verbeugte sich Bürger sehr tief. Durch das Sonderbare dieser Lage wird

Goethe in Verlegenheit gesetzt, er wird verdrießlich, und eine steife

und kalte Unterhaltung beginnt. Darüber wird nun Bürger empfindlich; er

entfernte sich bald, und sprach in jenem Epigramm seinen Zorn aus.

6. Goethe

Wie wunderbar ist nicht Goethe’s Entwickelung! Shakspeare ganz

entgegengesetzt, aber wie bei Schiller sind seine ersten Werke zugleich

auch seine vollendetsten. Wie liebenswürdig und erhaben zugleich,

groß und einzig steht er nicht in seinen Jugenddichtungen da, wie ist

er da so ganz echter, wahrer Mensch! Man kann sagen, er hatte damals

nur große Gedanken. Wie capriciös, wie starr und steif, Launen und

Einbildungen unterworfen in seinem geheimräthlichen Alter! Es ist

die Natur des steifen pedantischen Vaters, der ein wunderlicher Mann

war, welche allmälig in ihm hervorkam. In den lyrischen Gedichten,

namentlich in den ältesten, ist ein tiefer Zug der Empfindung, der

unmittelbar aus dem Herzen kommt, und einzig in aller Poesie ist; und

dieser Zug ist ein echt deutscher. Leider hat Goethe ihn später fast

ganz verloren, und je älter er wurde, desto undeutscher wurde er. Man

hätte von ihm wünschen mögen, daß er nie nach Weimar und an den Hof

gekommen wäre, was freilich in der Regel als sein Glück angesehen wird.

Sein Hofleben, seine Titel, sein Regieren hat ihm geschadet; er hätte

in der literarischen Welt bleiben sollen, dann würde er sich seinem

ursprünglichen Wesen gemäßer entwickelt haben. Noch mehr stieg er nach

der italienischen Reise von seiner ursprünglichen Höhe herab. Damals

faßte er die allgemeinen Gedanken des Geschmacks, der Classicität und

des Ideals auf. Auch mit den Naturwissenschaften hätte er sich niemals

einlassen sollen, für die er keinen Beruf hatte, und auf die er in

seinem Alter einen höhern Werth legte, als auf seine Poesien. Aber

freilich hatte ihm schon Merck die Natur alter Knochen offenbart! Wie

verkannte er selbst später seine Jugend! Und wie konnte er sich von

einem Manne wie Merck imponiren lassen, der den „Götz“ für unbedeutend

erklärte, und ebenso den „Clavigo“? Ein Mann, dessen eigene Schriften

unendlich dürftig sind, und ganz in dem sterilen Geschmacke der Mitte

des 18. Jahrhunderts.

Eine unbegrenzte Bewunderung habe ich seit meiner Jugend für den

„+Götz+“; an ihm habe ich lesen gelernt und mich zuerst gebildet.

Es war mir eine höhere Offenbarung; ich konnte mich nicht davon

überzeugen, daß es ein gewöhnliches, geschriebenes Buch sei. Hier ist

Alles Leben, Kraft und Natur, man nehme welchen Charakter man wolle.

Auch der „+Clavigo+“ ist in seiner Weise vollendet.

Der „+Werther+“ ist eine einzige, großartige Offenbarung der

Leidenschaft; mit dem klarsten und einfachsten Ausdrucke ist hier

das Tiefste gesagt. Alle Andern haben nicht das Wort dafür zu finden

gewußt; sie gehen stets um den Brei herum.

Das Tiefsinnigste und Erhabenste, was gedichtet worden ist, ist der

„+Faust+“; ich weiß außer dem „Götz“ und den „Räubern“ keine Dichtung,

die so gewaltig auf mich eingewirkt hätte. Aber für mich schließt sie

schon in den ältesten Fragmenten ab. Wie tief ergreifend und wahr ist

nicht Faust’s Seelenschmerz! Die innersten Tiefen der menschlichen

Natur schließen sich hier auf; so auch in dem Gespräche mit Wagner.

Die Erscheinung des Erdgeistes ist eine der außerordentlichsten

Conceptionen, und überwältigend sind jene Verse: „Ich webe am sausenden

Webstuhl der Zeit“ u. s. w. Es tritt hier eine zwischen Gott und

Mensch stehende Kraft auf, deren Aufgabe es ist, die wechselvolle Welt

der Erfahrungen zu schaffen. Was soll nun einem Menschen, der diese

erhabenste aller Erscheinungen gehabt hat, ein elender Mephistopheles,

der doch am Ende im Wesen der Dinge in dieser Gestalt nirgends eine

Stelle findet? Was soll ihm ein beschränktes junges Mädchen wie

Gretchen? Was können ihm beide mit ihrem Sein und Reden nach jener

Erscheinung noch bedeuten? Wer solche Offenbarung gehabt hat, bedarf

dessen nicht mehr. Schon in der Spaziergangsscene mit Wagner liegt ein

Abfall. Aber jene ersten Scenen sind und können ihrer Natur nach nur

ein Fragment sein; hier ist kein Abschluß. Goethe wollte auch gewiß

zuerst keinen geben; es war ein unmittelbarer Erguß. Unter den spätern

Scenen nehme ich nur eine aus, es ist Faust’s Gespräch mit Gretchen

über Gott: „Wer kann ihn nennen“ u. s. w. Die hier gethanen Aussprüche

gehören zum Erhabensten, was sich denken läßt. So auch jenes Wort,

welches Goethe Faust in dem ersten Gespräche mit Wagner sagen läßt:

„Die ihr Schauen offenbarten, hat man von je gekreuzigt und verbrannt!“

Wie steif und tief abfallend ist dagegen nicht das Epigramm: „Schlaget

mir jeglichen Schwärmer ans Kreuz“ u. s. w. Und welchen Abstand nun

des zweiten Theils des „Faust“ gegen den ersten! Er ist mir stets

unangenehm gewesen, und ich habe mit diesem Allegorisiren und diesen

Geheimnissen nie etwas anzufangen gewußt. In seinem Alter sprach

Goethe fast wegwerfend von den Offenbarungen seiner Jugend, und schon

früher hatte er angefangen, die ältern Dichtungen zu verbessern. Ich

habe immer die ältere Fassung der „+Stella+“ vorgezogen, und wenn man

im moralischen Sinne Einwendungen erhoben hat, so kann man dagegen

fragen, ob es poetisch berechtigt war, so zu schließen, wie es in der

spätern Umarbeitung geschieht. Fernando spielt freilich keine besondere

Rolle. Aber Goethe hat in diesem Verhältnisse Empfindungen geschildert,

die ihn selbst gewiß häufig bewegt haben. Auch ziehe ich die frühere

„+Claudine+“ und „+Erwin und Elmire+“ den spätern Bearbeitungen bei

weitem vor.

In der „+Iphigenia+“ ist Vieles herrlich, dennoch vermag ich sie dem

„Götz“ nicht vorzuziehen. Die Handlung ist fast zu sehr vereinfacht und

verfeinert; im vierten Acte steht sie ganz still. Auch ist der Anfang

mit einem Monolog, so herrlich dieser selbst ist, vielleicht nicht ganz

zu rechtfertigen. Orest, der Heros, erscheint sogleich in Ketten; das

hat etwas Drückendes, dem Heldencharakter nicht Zusagendes. Und niemals

hätte sich das exclusive Hellenenthum den Barbaren so gegenübergestellt

wie hier; vielmehr ist auch das wieder echt deutsch, wie Vieles in der

„Iphigenia“. Auch tritt der Schluß zu rasch ein; es bricht beinahe ab.

Tief erschütternd ist „+Tasso+“; es ist eine echte Tragödie. In

vielen Punkten sprach Goethe hier sein eigenes Verhältniß zum Hofe und

Hofleben aus. Nur verschwindet die Prinzessin zu rasch. Es hat etwas

Unbefriedigendes, daß man nach der Katastrophe gar nichts weiter von

ihr hört. Auch tritt der Charakter des Fürsten aus einer gewissen

Unklarheit nicht heraus.

Auch im „+Wilhelm Meister+“ hat die schließliche Entwickelung etwas

Ungenügendes. Wilhelm wird zuletzt doch gar zu praktisch verständig,

und sein Charakter immer mehr allgemein symbolisch. Und was will die

sonderbare Gesellschaft im Thurme mit ihrem Treiben? Aber ausgezeichnet

und ganz in Goethe’s Jugendstil ist der Anfang. Wie tief stehen dagegen

nicht erst die Wanderjahre! Ueberhaupt wird Goethe, wenn er recht

praktisch werden will, bisweilen ganz gewöhnlich verständig, und es

ist tief zu beklagen, daß ein so herrlicher Genius so sinken konnte,

wie es in manchem der Fall ist, was er nach seiner italienischen Reise

geschrieben hat. Er verleumdet sich selbst, indem er geringschätzig auf

die herrlichen Werke seiner Jugend als Barbarei herabsieht.

Der „+Natürlichen Tochter+“ habe ich nie Geschmack abgewinnen können;

es ist darin allerdings eine hohe Vollendung der Sprache und des

Verses, aber es ist eine kalte Pracht. Alles ist verallgemeinert. Auch

könnte man sagen, das Stück bestehe nur aus fünf ersten Acten.

Die „+Wahlverwandtschaften+“ sind mir immer zuwider gewesen. Alles

ist hier berechnet und auf das äußerste zugespitzt. Eduard ist ein

unleidlicher Geselle und dabei so anspruchsvoll. Auch Mittler, auf den

Goethe offenbar Werth legt, ist ein platter Charakter.

Auch in das Lob des „+Märchens+“ kann ich nicht einstimmen. Es

ist für ein Märchen viel zu abstract und allgemein und zu dunkel

allegorisirend.

Goethe suchte sich stets mit der Vorsehung in Einklang zu halten,

das ist seinem Wesen angemessen; in der Richtung des Trotzigen,

Herausfordernden und Anklagenden, was Schiller’s Grundelement ist,

bewegt er sich nur höchst selten. Entschieden ist er eigentlich niemals

hineingekommen, selbst nicht einmal im „Faust“. Anklänge dieser Art

finden sich in dem Gedichte: „Wer nie sein Brot in Thränen aß“;

besonders in dem Verse: „Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte“,

in dem eine nicht auszudenkende Tiefe liegt. Das ist wirklich erlebt

und Ausdruck höchster dichterischer Begeisterung.

Ich habe Goethe in seinen Jugenddichtungen unendlich bewundert und

bewundere ihn noch; ich habe so viel zu seinem Lobe gesprochen und

geschrieben, daß, wenn ich jetzt so viele unberufene Lobredner höre,

ich noch in meinem hohen Alter in Versuchung kommen könnte, zur

Abwechselung einmal ein Buch gegen Goethe zu schreiben. Denn darüber

wird man sich nicht täuschen können, daß auch er seine Schwächen hat,

die die Nachwelt gewiß erkennen wird. Und warum sollte er sie nicht

haben? Ihre Erkenntniß kann ihn uns menschlich nur näher bringen und

verständlicher machen. In seinen Schriften wird darum früher oder

später eine Scheidung eintreten müssen; nicht Alles kann gleich gut

und bedeutend sein, und kann von der Nachwelt übernommen werden. Wie

viel Gewöhnliches findet sich nicht in den massenhaften Briefwechseln,

die man immer noch nicht müde wird herauszugeben, so z. B. in dem

mit Zelter. Wirklich bedeutend sind dagegen die ersten Bände des

Briefwechsels mit Schiller. Die übermäßige Bewunderung selbst muß

nothwendig zu einer Aussonderung des Dauernden führen.

7. Schiller

Schiller’s Entwickelung ist nicht rein herausgekommen; mit seinem

größten Werke hat er angefangen. In den „+Räubern+“ sprach er in der

gewaltigsten Weise +einen+ Gedanken aus, und richtete eine furchtbare

Frage an die Gottheit: Wie ist mit der göttlichen Liebe und Vorsehung

das Elend so vieler Millionen zu vereinen? Die Gewalt, mit der

dieser Gedanke verfolgt wird, der Trotz, der darin liegt, wiegt alle

Schwächen der Dichtung als Kunstwerk auf. Franz ist freilich als

Charakter niedrig und kleinlich, es ist eine misverstandene Nachahmung

Richard’s III.; aber wahrhaft erhaben, ja kolossal ist seine Vision

des jüngsten Gerichts im fünften Acte. Schwach ist die Motivirung,

daß Karl zum Räuber wird auf jenen angeblichen Brief seines Vaters,

dessen Schwäche er doch kennen muß; wie großartig dagegen sein

Charakter, sein gigantisches Unternehmen, die Welt einrichten zu

wollen. Ein Werk von so wirklich titanischer Kraft hat keine andere

Dichtungsgattung, keine andere Literatur aufzuweisen. Alle Kraft,

welche der Mensch der göttlichen Vorsehung entgegenzustellen vermag,

findet sich ausgesprochen; alle dämonische Elemente sind entfesselt,

und alle Gedanken menschlicher Opposition gegen Gott lassen sich hier

zusammenfassen. Es ist die Poesie des Unglücks, welche mit einer

imponirenden Gewalt auftritt. Und doch bei allem Trotze auch welche

Milde! Das ist der wahre Dichtergeist, der selbst diese tiefsten

und furchtbarsten Probleme in der Weise darzustellen versteht, wie

es Schiller hier gethan hat. Denn ein Grundton der Versöhnung geht

dennoch hindurch. In dem Charakter Karl Moor’s finden sich bei allem

Trotze Züge echt menschlicher Milde und Weichheit. Auch ist in der

Scene mit dem Pater und der Charakteristik einzelner Räuber eine

Anlage zur Komik, die Schiller später gar nicht weiter ausgebildet

hat, was unendlich zu bedauern ist. Es ist ein einziges Gedicht; für

mich ist seine Betrachtung unentbehrlich geworden, es ist zu meinem

Wesen nothwendig; ich würde es nicht missen können. Die Schlegel

theilten meine Bewunderung der „Räuber“ nicht; sie fanden sie roh und

barbarisch, was ich nie habe begreifen können. Aber sie verstanden

Schiller nicht, und hatten von seiner Großartigkeit keine Ahnung, wie

auch noch die Epigramme des ältern Schlegel bewiesen haben; und die

schlimmsten sind gar nicht einmal gedruckt. Ebenso die von F. Schlegel

nicht.

In der ersten Bearbeitung sind die „Räuber“ nicht hoch genug zu

stellen, aber in den spätern hat Schiller selbst seine Dichtung durch

seine Verbesserungen verdorben; ebenso manche seiner großartig zu

nennenden Gedichte in der Anthologie, welche er später umarbeitete.

Wäre er in dieser Weise fortgegangen, so würde er eine der gewaltigsten

und furchtbarsten Erscheinungen geworden sein. Aber er erschrak vor

sich selbst, er fürchtete seine innerste Natur, und brach darum seine

freie Entwickelung ab. Später verdarb die Philosophie seine Poesie,

ohne daß er darum ein Philosoph geworden wäre. Mit ihrer Hülfe setzte

er sich ein Maß, welches seiner Natur entgegenstand; Goethe dagegen,

als er maßvoll wurde, nahm dies aus seiner Natur. Dennoch konnte

Schiller auch die seine nicht ausrotten. Uebrigens wäre es meiner

Meinung nach besser gewesen, Schiller und Goethe hätten sich niemals

kennen gelernt. Sie haben sich gegenseitig in ihrer Entwickelung

gehindert und gehemmt, und ihre Eigenthümlichkeit verkürzt; jeder hat

von dem Andern etwas angenommen, und darüber von dem eigenen eingebüßt.

Sie arbeiteten sich gegenseitig in den Gedanken des Ideals hinein, der

doch am Ende etwas ganz Allgemeines ist. Schiller suchte Goethe für

die Philosophie zu gewinnen und ihre Hineinziehung in die Poesie,

wogegen dieser sich mit Recht entschieden wehrte. Dagegen nahm Schiller

von Goethe das Ausgleichen, Abschwächen und Moderiren an, und wandte

sich unter diesem Einflusse von seinen ältesten kräftigen Productionen

noch mehr ab. Und doch hat er, wenn auch in mildern Formen, von jener

Opposition gegen die Weltordnung immer etwas beibehalten, indem er sich

den Gedanken des Christenthums und Vaterlandes gegenüber, mehr oder

minder bewußt, verneinend verhielt. In allen spätern Stücken wird er

immer auf diesen Punkt zurückgeführt, aber er streift nur darum herum,

es kommt nicht zum Ausbruch, so namentlich im „+Don Carlos+“.

In „+Cabale und Liebe+“ fehlt es nicht an höchst ausgezeichneten

Einzelheiten, aber wie unwahrscheinlich ist es, daß Ferdinand an

Luisens Liebe mit dem albernen Marschall glaubt. In einer französischen

Bearbeitung, welche ich in Strasburg aufführen sah, hatte man das wohl

gefühlt, und daher aus dem Marschall einen Kammerherrn gemacht, der ein

ganz verständiger Mann ist, und bei dem Alten Musikunterricht nimmt.

Der Alte ist noch der beste Charakter.

„+Fiesco+“ ist kaum ein Stück zu nennen; es hat entschieden etwas

Rohes; so die Scene, wo Fiesco die Julia vor seiner Gemahlin in so

furchtbarer Weise demüthigt.

„+Wallenstein+“, der als gewaltiger Charakter hingestellt wird, ist

eigentlich weder gut noch böse, er schwankt hin und her, und sein

Handeln kommt nicht zum Durchbruch. Auch hier ist die Motivirung

schwach. Das Raisonnement der Terzky ist ein ganz gewöhnliches. Sie

sagt Dinge, welche Wallenstein selbst sich tausend Mal gesagt haben

muß; überrascht antwortet er darauf: „Von dieser Seite sah ich’s nie!“

Und nun gar die sentimentale Episode, die Schiller aus Herzensbedürfniß

hinzufügte! Wie konnte die Terzky glauben, Wallenstein habe auf

jener Reise Thekla und Max einander nähern wollen, wenn sie ihn recht

kannte? Und diese beide handeln geradezu verwerflich. Handelt ein

General so wie Max, der in einem Anfall von Verzweiflung des Kaisers

beste Truppen gedankenlos opfert? Konnte er nicht nach Wien gehen, und

sich für Wallenstein verwenden? Und Thekla verläßt die kranke Mutter,

den gebeugten Vater, um das Grab des Geliebten aufzusuchen! Was will

sie dort, da Max nicht mehr lebt? Ihre Pflicht war es, zu bleiben.

Auch die weinerliche Herzogin ist ein unangenehmer Charakter. Dennoch

ist „Wallenstein“ ein großartiges Werk; der eherne Charakter einer

furchtbaren und kriegerischen Zeit ist vortrefflich wiedergegeben. In

dieser männlichen und kräftigen Haltung liegt vor allem seine Wirkung,

und es wird immer als die erste unter den deutschen Tragödien zu nennen

sein.

Auch in der „+Braut von Messina+“ ist Vieles unmotivirt, obgleich

gerade diese Dichtung an schönen Stellen reich ist. Schiller kann

eigentlich keinen dramatischen Plan machen, er wird immer anders,

als er ursprünglich wollte. Ebenso wenig wollen ihm die Charaktere

der Frauen gelingen. Er ist im Motiviren höchst sorglos, und läßt

Unwahrscheinliches gelten. Goethe motivirt oft nur zu viel, Schiller zu

wenig; nirgends führt er die Handlung entschieden durch, aber wahrhaft

groß ist er in der Situation, und bei dieser bleibt er stehen. Wo man

Handlung erwartet, tritt die Rede ein und lyrische Ergüsse, die an sich

sehr schön sind, aber hier nicht an ihrer Stelle. So sind mir in der

„+Maria Stuart+“ im Anfange des dritten Actes die Anapästen: „Eilende

Wolken“ u. s. w. stets wie ein Stich durchs Herz gegangen. Die großen

Monologe in der „+Jungfrau von Orleans+“ werden ihm ebenso zu isolirten

Declamations- ja man kann sagen Musik- und Concertstücken. Gerade

hierin hat Schiller viele Nachahmer gefunden, die sein rhetorisirendes

Pathos aufgriffen, ohne seinen Genius zu haben, und am Ende nur seine

Fehler nachzuahmen vermochten.

Den „+Wilhelm Tell+“ erklärte Schlegel mit Unrecht für Schiller’s

bestes Werk. Die überlegte Kälte, mit der Tell zur That schreitet, und

die er in dem großen Monologe ausspricht, hat etwas Abstoßendes. Und

wozu die Episode des Rudenz und der Bertha?

Viel höher als alle spätere Stücke Schiller’s steht sein „+Demetrius+“.

Es ist ein höchst großartiges Fragment. Hätte er es vollenden können,

es würde alles Andere weit hinter sich gelassen haben. Er betrat damit

eine neue Stufe der Entwickelung. Ebenso ist es zu bedauern, daß er den

„+Geisterseher+“ nicht beendete, den er als Nebenarbeit behandelte,

und auf den er mit Unrecht einen so geringen Werth legte. Das Buch

ist meisterhaft geschrieben, und die volle geistige Kraft Schiller’s

spricht sich darin aus.

Seine +Balladen+ könnte ich entbehren; für mich sind sie nicht

nothwendig, und ich kann sie im Allgemeinen nicht für vollendet halten.

Der „Taucher“ erscheint mir sogar unnatürlich; sowol die Schilderung

von Naturscenen, die sich überhaupt nicht schildern lassen, als auch

in den Motiven und Charakteren. Ich kann nicht leugnen, nachdem ich

mich mit Schiller’s ersten titanenhaften Dichtungen so innig befreundet

hatte, sind mir dagegen alle spätere nur als Abschwächungen erschienen.

Wenn er soviel populärer geworden ist als Goethe, so hat dies darin

seinen Grund, daß er ein echt deutscher Dichter ist. Es ist ein rein

deutscher Zug, daß er immer auf große und tiefe Gedanken ausgeht

und ihren Ausdruck anstrebt; so auch sein Widerspruchsgeist und der

Freiheitssinn, welcher sich durch alle Dichtungen hindurchzieht. Durch

seine Großartigkeit und seinen Tiefsinn wird er eine hohe Stelle in dem

Leben des deutschen Volkes zu allen Zeiten einnehmen.

8. Die Sturm- und Drangperiode

ist eine bedeutende, ja große Zeit; die Dichter, welche damals neben

Goethe auftraten, erregen unser höchstes Interesse. Die Wirkung des

„Götz“ war eine ungeheure, und mit dem Beginn der siebziger Jahre fing

auch für die deutsche Dichtung ein neues Leben an. Die ursprünglichsten

und eigenthümlichsten Seiten des deutschen Charakters traten mit neuer

Stärke wieder hervor. Das Naturleben, der Sinn für das Individuelle,

der bis zur Isolirung und zum Sonderbaren fortgeht, das Streben nach

Unabhängigkeit, das Festhalten an der Familie, Derbheit, die zum

Trotze wird, ein unleugbar demokratischer Zug, dies Alles spricht sich

namentlich in den Dramen jener Zeit oft in der stärksten Weise aus.

Damals kam es auf, daß die deutschen Biedermänner den Fürsten und ihren

Rathgebern die bittersten Wahrheiten sagten, oft im gröbsten Tone, und

Niemand nahm daran Anstoß, weder das Volk noch die Regierung, ja die

Fürsten hörten es selbst mit an.

Ich habe öfter den Gedanken gehabt, eine Bibliothek der beliebtesten

ältern dramatischen Dichtungen dieser Art herauszugeben; sie würde

ein Spiegel des deutschen Geistes sein, und uns die Stimmung der

Zeit lebendig vergegenwärtigen. Außer den Dichtungen von +Lenz+

und +Klinger+ würden hier auch die Stücke von +Törring+ und +Babo+

aufzunehmen sein, die doch ihre Vorzüge haben. Fehlt es nicht an

rohen Zügen, so doch auch nicht an kraftvollen, und Törring’s

„Agnes Bernauerin“ ziehe ich noch immer allen andern Bearbeitungen

dieses Stoffs vor, soviel auch seitdem erschienen sind. Albrecht’s

leidenschaftliche Rede in der Turnierscene ist vortrefflich. Auch

+Großmann’s+ „Nicht mehr als sechs Schüsseln!“ ist hier zu nennen. Es

war ein sehr gern gesehenes Stück, bei dessen Aufführung auch der Hof

häufig zugegen war, trotz der Ausfälle, die darin vorkommen. Goethe hat

Unrecht, dieses Stück geradezu ein gemeines zu nennen. Ebenso gehören

+Iffland’s+ „Jäger“ hierher. In der Darstellung des Familiensinns

ist dies ein echt deutsches Drama zu nennen; obwol mitunter breit,

enthält es doch vieles Treffliche. Es ist unbezweifelt Iffland’s

bestes Product, und bei der Schwäche seiner übrigen Stücke kann man

sich wirklich wundern, daß er dergleichen zu schreiben vermochte. Alle

diese Dramen tragen den Stempel des deutschen Geistes, und würden eine

gute Grundlage zu einem deutschen Nationaltheater geworden sein, wozu

überhaupt in jener Zeit mehr Aussicht war, als seitdem jemals wieder.

9. Lenz

Ludwig Tieck Erinnerungen aus dem Leben des Dichters nach dessen mündlichen und schriftlichen Mitteilungen · 第 43 / 51 段