Beschränkt waren die +Kritiker+, welche in der Poesie und Literatur in

meiner Jugend das große Wort führten; Alles beurtheilten sie nach ihrer

Aufklärung, und auch Goethe wollten sie nicht anerkennen. Von dem neuen

Geiste, der durch die deutsche Poesie ging, hatten sie keine Ahnung,

und in ihrer Beschränktheit meinten sie ganz unbefangen, wenn sie nur

wollten, würden sie Dasselbe und Besseres als Goethe geben können. Sie

standen ihrer natürlichen Anlage nach im vollsten Gegensatze zur Poesie

überhaupt, und darum konnte man ihre Anmaßung nicht entschieden genug

bekämpfen.

* * * * *

Man glaubt nicht wie isolirt ich stand mit den Gedanken und

Empfindungen, die ich im „+Sternbald+“ ausgesprochen habe; nicht etwa

blos den berliner Aufklärern gegenüber, sondern auch manche meiner

Freunde, z. B. die Schlegel, waren gar nicht mit mir einverstanden.

Auch sie waren ganz erfüllt von dem damals geltenden Kosmopolitismus.

Ich habe mich von der Richtigkeit dieser Ansicht nie überzeugen können;

mir galt das Vaterland als Erstes und Höchstes. Sein Leben und seine

Kunst, seine alte, einfache und treuherzige Weise, die man verlachte,

weil man sie nicht kannte, wollte ich wieder zu Ehren bringen und im

„Sternbald“ darstellen. Ich habe es immer sehr bedauert, daß ich nicht

dazu gekommen bin, den „Sternbald“ fortzusetzen; im zweiten Theile

sollte sich das innere Wesen des deutschen Lebens noch bedeutender

entfalten.

* * * * *

Die „+Genoveva+“ habe ich mit vollster Begeisterung gedichtet. Das

alte Volksbuch war mir zufällig in die Hände gekommen, und hatte mich

durch seine Einfalt und Treuherzigkeit besonders angezogen. Auch in

diesen verspotteten und verachteten Büchern war ein echt deutscher

und natürlicher Ton, der mich unendlich rührte. Dazu kam noch, daß

ich das Studium des Jakob Böhme damals mit Eifer betrieb. Das hat auf

die Haltung dieser Dichtung keinen geringen Einfluß gehabt. Doch aber

machten sich bei mir auch andere Stimmungen als Gegengewicht geltend,

denn der „+Zerbino+“ ist fast gleichzeitig entstanden. Als ich beides

unter dem Titel „+Romantische Dichtungen+“ herausgab, kam es mir nicht

in den Sinn, diesem Worte eine besondere Bedeutung geben zu wollen;

ich nahm es so, wie es damals allgemein genommen wurde. Höchstens

wollte ich damit andeuten, daß hier das Wunderbare in der Poesie mehr

hervorgehoben werden solle. Nachher freilich ist das Wort mir selbst

bis zum Ueberdrusse gebraucht worden; es wurde dann im katholisirenden

Sinne angewendet. Schon bald nachdem ich die „Genoveva“ geschrieben

hatte, fing der romantische Wunderglaube an bei manchen Leuten in

Berlin guter Ton zu werden, namentlich bei den jungen geistreichen

Juden. Ich konnte sicher darauf rechnen, wenn Einer kam, und mir selbst

meine „Genoveva“ in dieser Weise anpries, so war es ein junger Jude,

der mir dadurch seine Tiefe und Glaubensfähigkeit beweisen wollte.

* * * * *

Nachher hat man mich zum Haupte einer sogenannten +Romantischen Schule+

machen wollen. Nichts hat mir ferner gelegen als das, wie überhaupt in

meinem ganzen Leben alles Parteiwesen. Dennoch hat man nicht aufgehört

gegen mich in diesem Sinne zu schreiben und zu sprechen, aber nur,

weil man mich nicht kannte. Wenn man mich aufforderte eine Definition

des Romantischen zu geben, so würde ich das nicht vermögen. Ich weiß

zwischen poetisch und romantisch überhaupt keinen Unterschied zu

machen. Im „+Octavian+“ wollte ich keine neue Poesie geben, sondern nur

darstellen, wie die Poesie in einer bestimmten Zeit erschienen sei.

* * * * *

Der Gedanke der +Ironie+ hat sich bei mir erst später vollständig

entwickelt, besonders seit ich mit Solger in nähern Verkehr getreten

war. Vorher ahnte ich mehr die Nothwendigkeit eines solchen Gedankens

für den Dichter, als daß er mir zur klaren Ueberzeugung geworden

wäre. Diese dunkeln Ahnungen hatte ich namentlich bei dem Studium

Shakspeare’s; ich fühlte heraus, das sei es, was ihn zum größten

Dichter mache, und von so vielen bedeutenden, höchst trefflichen

Talenten unterscheide. In meinen eigenen Dichtungen ist daher die

Ironie zuerst mehr unbewußt, aber doch entschieden ausgedrückt;

vor allen ist dies im „+Lovell+“ der Fall. Die directe Ironie

herrscht im „+Gestiefelten Kater+“, von der höhern findet sich

etwas im „+Blaubart+“, und entschieden ist sie im „+Fortunat+“. Die

„+Genoveva+“, welche als Heilige dargestellt werden sollte, hat

freilich nichts davon, aber die Art, wie Golo in seiner Leidenschaft

immer tiefer sinkt, streift doch an das Ironische.

* * * * *

Später hat +Solger+ einen tiefen Abschnitt in meinem Leben gemacht.

Sein „Erwin“ ist ein vortreffliches Buch, in dem er auf die Ironie, als

auf ein Höchstes hindeutet; ihm habe ich viel zu verdanken. Unter allen

frühern Philosophen hatte mich nur Jakob Böhme gefesselt, und eine Zeit

lang vollkommen beherrscht. Indeß bin ich auch davon abgekommen, seit

ich erkannte, daß auch er willkürlich abschneide, ohne seinen Lucifer

mit Gott ausgleichen zu können, und in einer Art von Verzweiflung

ende. Solger’s Gedankengang vermochte ich wirklich zu folgen, und

auf diesem Wege kam ich wieder in die Philosophie hinein. Vor seinem

großen Talente hatte ich die höchste Achtung; es war ein seltener und

ausgezeichneter Mann. Ich habe im innigsten Einverständnisse mit ihm

gelebt, und ihm meine Arbeiten im Manuscripte oft mitgetheilt. Die

Ueberzeugung einer innern mystischen Verbindung zwischen Philosophie

und Religion stand bei ihm fest; er hatte diese Gedanken in sich

durchgearbeitet, wollte sie aber noch mehr reifen lassen, und sparte

ihre Darstellung für sein Alter auf. Im Leben war er durchaus religiös;

er hatte das Bedürfniß der Gemeinde, er mußte sich mit ihr versammeln,

singen und Predigt hören. Er war der Meinung, daß man sich auch an dem

Vortrage schlechter Prediger erbauen könne. Mit +Schelling+ habe ich

mich dagegen über die Wahlverwandtschaft unserer Richtungen eigentlich

nicht zu verständigen vermocht.

* * * * *

In dem „+Jungen Tischlermeister+“ habe ich das frühere Leben des

deutschen Handwerkerstandes dargestellt, zugleich aber wollte ich

eine gewisse Casuistik durchführen. Der Handwerker wie der Edelmann

sind sich darin vollkommen gleich, daß sie eine Reihe von Verirrungen

durchmachen müssen, um dadurch auf den wahren moralischen Standpunkt zu

kommen. Erst durch ihre Verirrungen lernen sie den rechten Weg kennen,

und nun erst sehen sie ein, was sie an ihren sittlichen Verhältnissen

besitzen. Dies kommt im Leben ja unendlich oft vor, und mit Unrecht

haben darum Manche in dieser Novelle Unmoralisches finden wollen.

* * * * *

In der „+Vittoria Accorombona+“ hat man gar eine sittliche Verirrung

sehen wollen, und mir deshalb harte Vorwürfe gemacht. So erzählte mir

einst eine sonst verständige Frau, daß sie in ihren Kreisen nicht

gestehen dürfe, dieses Buch gelesen zu haben, sie müsse es vielmehr in

ihrem Bücherschranke vor fremden Augen sorglich verschlossen halten.

Ich kann wol sagen, daß ich diese Prüderie nicht begreife. Es ist

mir nicht eingefallen durch lüsterne Schilderungen einen sinnlichen

Kitzel hervorrufen zu wollen; das hat zu allen Zeiten meinem Wesen ganz

fern gelegen. Ich habe das immer für gemein und durchaus unerlaubt

gehalten. Auch ist es nicht meine Absicht gewesen, wie Manche gemeint

haben, nach allen jenen Kämpfen den Sieg der Schwäche darstellen zu

wollen. Der Papst Sixtus ist vielmehr eine gewaltige Persönlichkeit,

die endlich das Werk der Vergeltung für alle frühern Verbrechen

übernimmt. Auch Vittoria hat im Gefühle ihrer Kraft die gesetzten

Grenzen überschritten, namentlich im Verhältniß zu ihrem ersten Manne.

Dieser ist freilich ein schlechter Charakter, aber sie behandelt ihn

mit wegwerfendem Uebermuthe. Seine Kläglichkeit macht es ihr möglich,

über die Schattenseiten in Bracciano’s Charakter hinwegzusehen. Dieser

ist auch nicht rein von schwerem Frevel, aber er ist eine bedeutende

Kraft. Manche haben gefragt, warum ich die eingeschalteten Gedichte in

Prosa aufgelöst habe. Es war schwer für diese Gedichte die rechte Form

zu finden; die nächste würde die Canzone gewesen sein, aber diese ist

nicht leicht zu handhaben. Auch wollte ich den gleichmäßigen Fluß der

Darstellung durch den Vers nicht unterbrechen.

* * * * *

Als das sogenannte +Junge Deutschland+ aufkam, bildeten sich einige von

diesen Leuten ein, daß ich mich an ihre Spitze stellen müsse. Zu Zeiten

hatte ich mich über Manches misbilligend, ja kühn und paradox geäußert;

ich hatte das mündlich und schriftlich gethan, ich war mit den Schlegel

befreundet gewesen, die in der Kritik zuerst den kecken Ton angegeben

hatten, und da glaubten diese modernen Schriftsteller, ich müsse auch

mit ihnen übereinstimmen. Aber sie kannten mich nicht. Nichts ist

mir mein Leben lang verhaßter gewesen als der absprechende Ton des

Systems, das mit allem fertig ist; dagegen habe ich mich immer erhoben,

es mochte kommen woher es wollte. Und nun gar erst diese Eitelkeit,

dieses rohe Zerstören, diese Opposition, die nur sich will! Als es nun

herauskam, daß ich mit diesen Leuten niemals gemeinschaftliche Sache

machen könne, haben sie mich angegriffen und verfolgt, wie sie nur

konnten. Ich habe mich aber nie darum gekümmert.

* * * * *

Die Menschen vergessen, daß ein Wohlthätigkeitsverhältniß eigene

Pflichten auferlegt; habe ich einem Fürsten etwas zu danken, so ist es

Pflicht der +Pietät+, nicht in das Geschrei seiner Gegner einzustimmen.

Welche Verschiedenheiten auch vorkommen mögen, die Dankbarkeit bedingt

meine Stellung, das ist für mich das Erste; bin ich in irgendeinem

Punkte anderer Meinung, so behalte ich sie für mich, und schweige.

Kommt man dennoch in die Lage sie aussprechen zu müssen, so geschehe

das nicht plump und roh, sondern mit Schonung und mit der Rücksicht,

welche durch die Pietät geboten ist. Wie viele haben nicht Wohlthaten

empfangen und vergessen sie? Ja sie thun groß damit, daß sie die erste

menschliche Pflicht einer angeblichen Wahrheit aufopfern!

* * * * *

Das +Theater+ hat einen großen Einfluß auf mein Leben gehabt. Ich

verdanke ihm die genußreichsten Stunden, und bin früher namentlich

durch dasselbe sehr gefördert worden, aber später hat es mir auch

vielen Verdruß gemacht. In meiner Jugend hatte es für mich einen

unüberwindlichen Reiz. Das Drama, ja schon die dialogische Form hat von

jeher für mich etwas Anziehendes gehabt. Nachdem ich in meinem Leben

so vieles gelesen habe, kommt es wol vor, daß ich manches schlechte

Buch, was ich zu lesen angefangen habe, nicht beende. Wo ich aber

etwas Dramatisches sehe, da greife ich noch heute zuerst danach, und

so schlecht es auch sein mag, ich habe eher keine Ruhe als bis ich es

durchgelesen habe. Dem Spiele von Fleck verdanke ich viel. Es war

eine Offenbarung des dichterischen Genius, und über manchen Charakter

Shakspeare’s habe ich durch ihn neue Aufschlüsse bekommen. Später

freilich ist das Theater immer mehr gesunken. Lange Zeit hindurch

habe ich selbst mir große Mühe damit gegeben, aber es hat mir viel

Verdruß gemacht, und ich habe mich davon überzeugt, daß die Leitung

eines Theaters eine schwierige und höchst undankbare Aufgabe ist. Am

Ende kann man es beim besten Willen Keinem recht machen. Jeder will

mitreden, und die Schauspieler sind sehr schwer zu leiten; in der Regel

sind sie eitel, dünkelhaft und eigensinnig. Heute kann ich mich über

das Theater eigentlich nur ärgern! Sehe ich eines der vielen schlechten

Stücke erträglich spielen, so verdrießt es mich, sehe ich aber ein

gutes Stück schlecht darstellen, so ärgere ich mich ganz gewiß. Dennoch

kann ich das Interesse dafür nicht loswerden, und es nicht unterlassen,

wenn ich gefragt werde, Rath geben zu wollen, oder selbst Rollen

einstudiren zu helfen.

* * * * *

Als +Vorleser+, besonders dramatischer Sachen, hatte ich mir schon

in meiner Jugend auf dem Gymnasium einen nicht unbedeutenden Ruf

erworben. Später habe ich durch fortgesetzte Uebung dieses Talent

weiter ausgebildet, und mir auch manche Regel darüber entwickelt.

Auf das Athemholen kommt viel an, und vor allem darauf, daß man es

an der rechten Stelle thue. Nothwendig ist es durch die Nase Athem

zu holen, das bewahrt die Kehle vor zu starker Luftzuströmung, die

bei der Erhitzung des Lesens leicht erkältend wirken kann. Die Stimme

wird dann rauh und verliert an Kraft und Ausdauer. Dagegen kann

richtige Uebung für die Stärkung und Erweiterung des Organs sehr

viel thun. In meiner besten Zeit konnte ich zwei fünfactige Stücke

ohne Ermüdung hintereinander lesen. Beim Lesen selbst habe ich stets

gesucht über dem Ganzen zu stehen. Obgleich ich im Affecte mit dem

jedesmaligen Charakter gewissermaßen Eins werde, so habe ich mir doch

selbst dann so viel Ueberblick zu bewahren gesucht, daß ich mich im

Augenblicke tadeln konnte ein Wort unrichtig betont zu haben. Das ist

die richtige Stimmung für den Vorleser wie für den Schauspieler und

Künstler überhaupt; es ist das hier die Ironie. Der Ton des Vorlesers

darf nie die Grenzen dessen überschreiten, was ich immer den edlern

Conversationston genannt habe. Auch im Tragischen darf das nicht

geschehen, sonst wird es falsches Pathos und Manier, Einzelnes wird

herausgerissen, und der Eindruck des Ganzen geht verloren. Aber auf

dieses kommt Alles an. Das Spiel mit stark wechselnder Stimme zu lesen,

oder gar bekannte Schauspieler, wenn auch täuschend, nachzuahmen,

ist ein Kunstgriff, der für den Augenblick Effect machen kann, aber

doch untergeordnet bleibt. Es ist ganz unkünstlerisch, und hebt die

Gesammtwirkung auf. Darum ist mir auch das jetzt so beliebte Lesen mit

sogenannter Rollenvertheilung stets zuwider gewesen. Hier wird das

Ganze vollständig zerrissen. Einer liest erträglich, ein anderer ganz

schlecht, einer fistulirt, ein anderer hat einen knarrenden Baß, fast

alle verstehen ihre Rollen nicht. Einmal wurde ich zu einem solchen

Lesethee eingeladen. Es war eine Aufmerksamkeit, die man mir erweisen

wollte, ich habe aber dabei eine wahre Pein zu überstehen gehabt.

In Berlin hat Feßler diese Art des Lesens zuerst in Gang gebracht.

Heutiges Tages glaubt Jedermann lesen zu können, aber die Wenigsten

verstehen es, und auch ausgezeichnete Leute täuschen sich oft darin.

Der ältere Schlegel las lyrische Sachen und seine eigenen Gedichte in

sehr angenehmer Weise, Dramatisches dagegen in einem unerträglichen

Kanzelton, er glaubte aber sehr gut zu lesen. Mein einfaches Lesen

tadelte er, weil es mir am tragischen Pathos fehle.

* * * * *

Ich habe eine Zeit gehabt, wo ich strebte, forschte und grübelte; sie

hat mich nicht befriedigt; eine andere, wo ich als Dichter darstellend

und gestaltend glaubte dem Räthsel des Lebens näher zu kommen. Ich habe

Augenblicke gehabt, wo mir alles im Zweifel unterzugehen schien. Später

bin ich immer mehr zu dem rückhaltslosen Anheimstellen an Gottes Macht

gekommen. Momente des höchsten Glaubens sind freilich selten; es kommen

dann doch wieder Zeiten, in denen alles zu wanken scheint. Jetzt, in

meinem Alter, bin ich zu der +Resignation+ gekommen, die sich in ihren

reinsten Augenblicken Gottes Willen vollkommen unterwirft und sich in

ihn versenkt. Dies ist wahre Religion; wenigstens für mich. Seit ich

mich ihr ergeben habe, hat sich mir eine neue Welt eröffnet; sie macht

mich frei, ruhig und leidenschaftslos.

2. Deutsche Literatur.

1. Klopstock

Mit Klopstock’s „Messias“ habe ich mich niemals befreunden können.

Ich kann ihn für kein großes Dichterwerk halten, und Manches darin

finde ich sogar irreligiös. In meiner frühern Zeit, als ich auf dem

Lande lebte, war von der „Messiade“ noch viel die Rede; ich beschloß

daher sie genau zu studiren, um es für mich mit einem Male abzuthun.

Ich habe sie fünf Mal durchgelesen, und wenig Poesie darin gefunden.

Es fehlt die Hauptsache, die gegenständliche Kraft; fast Alles ist

verschwommen, von den unsichtbaren Dingen, welche geschildert werden,

kann man sich keine Vorstellung machen, und die Anschauung geht einem

häufig ganz aus. Den Plan und Gedankengang festzuhalten ist sehr

schwer; das Ganze hat etwas Verworrenes, wenn es auch an einzelnen

schönen Stellen nicht gerade fehlt. Vieles hat Klopstock gewiß erst

im Momente des Niederschreibens gemacht. Es ist so viel falsche

Sentimentalität und erzwungene Erhabenheit darin, und das wirklich

Erhabene ist durch Decoration entstellt. Alles wird oratorisch,

Declamation und Exclamation. Diese beabsichtigte Rührung erregt mit

allem Aufwande zuletzt eine Art von Schwindel. Handlung und Charaktere

werden, besonders in der zweiten Hälfte, immer matter. Vieles ist

lyrisch, dithyrambisch, oder gar opernmäßig, nur nicht episch. Die

Verse in den lyrischen Chören sind meistens wohltönend und schön;

gerade darin liegt Klopstock’s Stärke, aber ihr Inhalt ist dürftig. Für

eine solche Behandlung des Stoffs wäre jedes andere Versmaß passender

gewesen als der Hexameter. Der Reim und ein strenges Silbenmaß würden

ihn genöthigt haben mehr mit Gedanken herauszukommen; jetzt wird sein

Hexameter gar zu oft eine nachlässige Prosa. An das Evangelium darf

man dabei gar nicht denken. Wie einfach und rührend ist hier alles,

und auch wie wahrhaft poetisch, im Vergleiche mit dieser Poesie! Ich

finde es ganz begreiflich, daß die Gläubigen in dieser Behandlung der

evangelischen Geschichte eine Profanation fanden. Für das wirklich

Tiefsinnige und Geheimnißvolle scheint er kaum Sinn gehabt zu haben.

Eigentlich hält er sich in dem Gedichte zu keiner Kirche. Vieles ist

gegen die Bibel. Er will die Aufklärung seiner Zeit mit dem Glauben

verbinden durch Reflexion oder Sentimentalität. Dies verleitet ihn

bisweilen zu wahrhaft komischen Misgriffen, z. B. die Art, wie er

die Verfinsterung der Sonne vor sich gehen läßt, ist ganz aufgeklärt

und auch unpoetisch. Am Ende hat er es mit seinem Gedichte Keinem

recht gemacht. Der Gläubige kann nicht damit zufrieden sein, und dem

Ungläubigen hat er dadurch nichts klar gemacht.

2. Wieland

Wieland ist heutiges Tages bei weitem mehr vergessen als er verdient.

In meiner Jugend wurde er überschätzt. Ich darf wol sagen, daß

ich es in meinen Kreisen und in meiner Weise zuerst mit Nachdruck

ausgesprochen habe, daß er kein Dichter im großen Sinne des Wortes

sei. Ich habe dies früher als die Schlegel gethan. Sie haben diese

Ansicht von mir angenommen, doch wurde sie von ihnen übertrieben,

sodaß es mir selbst verdrießlich ward, obgleich ich mir auch einige

Späße mit Wieland erlaubt hatte. Sie haben ihm Unrecht gethan, zum

Beispiel in der höhnischen Concurserklärung, welche im „Athenaeum“

steht. Sein bestes Werk ist gewiß „+Idris und Zenide+“, was heiter und

anmuthig ist. Auch sein „+Neuer Amadis+“ ist nicht ohne Witz. Weniger

einverstanden bin ich mit dem „+Oberon+“, wo die Schalkhaftigkeit,

in der sich Wieland’s ganzes Wesen ausdrückt, sich nicht mit den

sentimentalen Scenen vertragen will. Was er in frühester Zeit unter

Bodmer’s Einfluß schrieb, ist ganz unerträglich. Auch seine prosaischen

Schriften aus späterer Zeit sind gar zu lang, z. B. der „+Agathon+“,

ihre Lectüre wird zur Aufgabe. Besser sind dann wieder manche der

letzten Sachen, z. B. „+Peregrinus Proteus+“. Aber er war der erste,

der lesbar und wirklich elegant zu schreiben verstand. Doch ist er

kein deutscher Autor, er hat sich nach französischen Meistern gebildet,

und ist französirt. Seine Nachahmer stehen darin weit hinter ihm

zurück. Wie plump sind nicht die Romane, welche Klinger in diesem

Geschmacke geschrieben hat. Persönlichen Verkehr habe ich mit Wieland

nicht gehabt, als ich in Weimar war; ich habe ihn nur einige Mal aus

der Ferne gesehen.

3. Lessing

Das beste unter den Stücken aus Lessing’s Jugendzeit ist „+Der

Freigeist+“, in dem der gläubige Theolog gegen diesen, und am Ende auch

gegen Lessing selbst, Recht behält. Schwach ist sein erstes Stück,

„+Der junge Gelehrte+“, das aber dennoch bei dem damaligen Zustande

des Dramas Aufsehen erregen konnte. Eine große Vorliebe habe ich

immer für „+Miß Sarah Sampson+“ gehabt. Ich dachte auch daran, es in

Dresden aufführen zu lassen; doch man fand es zu altmodisch. Einige

Kürzungen hätten auf jeden Fall eintreten müssen. Die Marwood ist

ein höchst bedeutender Charakter, und meisterhaft ist namentlich die

Verführungsscene. Der Vater und die übrigen Charaktere sind schwach;

aber eine bedeutende Schauspielerin als Marwood würde das Stück

gehalten haben.

In der „+Emilia Galotti+“ ist der vollendetste und in sich selbst

einigste Charakter Marinelli; er ist ganz aus einem Gusse, eigentlich

die Hauptrolle, und daher auch für den Schauspieler die dankbarste.

Ihr zunächst steht an innerer Vollendung der Prinz. Es ist unendlich

schwer, diese verführerische und schmeichelnde Liebenswürdigkeit nur

einigermaßen wiederzugeben. Einen genügenden Darsteller dieser Rolle

habe ich nicht gesehen. Dann folgt die Orsina, die auch ein ganzer

Charakter ist. Eine schwere Rolle ist Odoardo. Die mannichfaltigen

Uebergänge und Wandlungen seiner Stimmung sind zwar sorgfältig

motivirt, aber doch sehr schwer darzustellen, eben weil etwas

Berechnetes darin liegt. In dem Charakter der Emilia selbst tritt

ebenfalls das Reflectirte zu sehr hervor; sie geht über die Grenzen

eines jungen Mädchens hinaus. Aeußerungen, wie „Auch ich habe heißes

Blut“, ihre Schilderungen der Gesellschaft bei Grimaldi sind auffallend

und stark. So hätte Shakspeare kein junges Mädchen reden lassen. Aber

Lessing wollte ihren Tod dadurch motiviren. Sie liebt den Prinzen, oder

fürchtet wenigstens ihn zu lieben, daher auch ihre Aufregung gleich

in der ersten Scene. Auch ist die Heirath mit Appiani augenscheinlich

eine Convenienzheirath. Aber die Katastrophe hat dennoch etwas

Willkürliches; die ihrer selbst gewisse Unschuld mußte dies Alles

überwinden. Ueberhaupt ist das Stück bei aller Trefflichkeit zu sehr

ein zugespitztes Intriguenspiel, um eine Tragödie zu sein; beides

verträgt sich nicht miteinander.

Ich habe „+Minna von Barnhelm+“ immerdar der „Emilia Galotti“

vorgezogen. Es ist ganz vollendet und abgeschlossen, und eines unserer

trefflichsten deutschen Stücke. Der Hauptcharakter entwickelt eine

große Liebenswürdigkeit. Die Spannung zwischen Tellheim und Minna kann

wol etwas Quälendes haben, sie ist aber nothwendig, um das Schicksal

beider abzuschließen.

Der „+Nathan+“ gehört zu den merkwürdigsten Stücken, aber auch zu

denen, die am wenigsten verstanden werden, weder von den Gegnern, und

vielleicht noch weniger von vielen Lobrednern und Bewunderern. Steht

es auch als Drama nicht sehr hoch, so offenbart sich doch Lessing’s

eigenthümlicher Geist darin. Doch wird man ihn hier von einer gewissen

Ungerechtigkeit gegen das Christenthum nicht freisprechen können. Er

stellte im Nathan das geläuterte Judenthum dar, warum in den Christen

nicht auch das geläuterte Christenthum, da ihm doch sonst eine so

schöne Ehrfurcht vor echter Frömmigkeit eigen ist?

Von seinen Zeitgenossen wurde Lessing nicht verstanden. Sie

überschätzten ihn als Dichter, was er nicht sein wollte, und hatten von

seiner wahren Größe und der Tiefe seines Geistes keine Ahnung. Er war

nicht nur ein kritisches Genie, sondern mystisch, tiefsinnig, und nie

hat es eine reinere und edlere Skepsis gegeben als die seine. Er stand

unendlich hoch über seinen sogenannten Freunden, die seinen Namen stets

im Munde führten. Ihr Briefwechsel beweist, daß sie häufig gar nicht

begriffen, was er will. Was konnte ihm Nicolai sein oder sein Bruder?

Was ist selbst Moses Mendelssohn, den er doch hoch stellt, gegen ihn?

Ist aber auch Lessing wirklich zum Abschluß gekommen? Seine „+Erziehung

des Menschengeschlechts+“ ist herrlich und tiefsinnig, aber woher hat

er hier den Gedanken der Erziehung?

Sein Stil ist ausgezeichnet, das ist sprüchwörtlich geworden. Er ist

scharf, schlagend und populär; er scheint so leicht, als könnte ihn

Jeder nachahmen, aber er beweist nur, wie unendlich schwer das Einfache

ist. Lessing weiß den Leser auch bei den kleinsten und gleichgültigsten

Dingen festzuhalten; man muß ihm bis ans Ende folgen. So in den

„+Antiquarischen Briefen+“, wo manches unbedeutend, veraltet und zum

Theil unrichtig ist, dennoch liest man sie auch heute noch gern und mit

Spannung.

4. Herder

Ludwig Tieck Erinnerungen aus dem Leben des Dichters nach dessen mündlichen und schriftlichen Mitteilungen · 第 42 / 51 段