nur eine bedeutende Kraft konnte so arbeiten; doch fühlte er die
Nachtheile, welche damit verbunden waren, sehr wohl. Wie er sich des
Aufschiebens anklagte, so in vertrauten Briefen, auch seiner Art zu
arbeiten; er könne seinen Stimmungen nicht gebieten, er versinke in
Träumerei und arbeite dann wieder zu viel und zu rasch; nur Weniges
von dem sei geschehen, was seine jugendliche Phantasie ihm als möglich
gezeigt habe, das Beste sei unterblieben aus Uebermuth im Projectiren;
der Mensch sei unersättlich in Plänen. Es fehlte an einem gewissen
Gleichgewichte zwischen Ausführung und Entwurf; das Durcharbeiten
desselben in der Phantasie verzehrte einen Theil der Kraft, und
begünstigte am liebsten immer die neuesten Pläne und Stoffe.
In gelegentlichen mündlichen und schriftlichen Aeußerungen, in Briefen
oder auch öffentlich, entwickelte er daher einen unendlichen Reichthum
von Plänen. In solchen Andeutungen nahm er dann die Freude, welche er
sich von ihrer Ausführung versprach, vorweg. Was er wollte stand klar
und fest ausgeprägt vor seiner Seele, er sah das noch nicht Gewordene,
und die Lebhaftigkeit der Phantasie ließ ihn die Linie übersehen,
welche Gedanken und Ausführung trennte.
Von den Ausführungen solcher Entwürfe ist wenig vorhanden, denn nur in
seltenen Fällen kam er bis zum Anfange derselben. Ein Plan, der neben
dem Sternbald entstand, war, in einem Romane „Alma“, den er ein Buch
der Liebe nannte, ein Gegenstück zu jenem zu geben. Seit 1797 trug
er sich mit diesem Gedanken, seine theilweise Ausführung ist jedoch
später und fällt in die Jahre 1803-6. Er klagte oft, daß diese Papiere
verloren gegangen seien. Erhalten sind die unter dem Namen „Alma“ in
die Gedichtsammlung aufgenommenen Sonette und Liebesgedichte. Die
religiösen Fragen wollte er 1802 in einem andern Roman erörtern, dessen
Skizze er in der Novelle „Die Sommerreise“ aufbewahrt hat. Lyrische
Abschnitte aus einer dramatischen Bearbeitung der „Magelone“ finden
sich unter seinen Gedichten. Einen Faust begann er in der ziebinger
Periode zu dichten, der sich ebenfalls nicht erhalten hat. Einige
andere Bruchstücke gibt der literarische Nachlaß. Doch sind davon
nur der „Anti-Faust“, die dramatisirte „Melusine“ und ein Ansatz zu
einer „Märchennovelle“ aus der spätesten Zeit erwähnenswerth. Wirklich
angefangene und nicht vollendete Dichtungen hat er daher sicher nicht
mehr hinterlassen als andere unserer Dichter, als Lessing, Schiller,
Goethe.
Dennoch hat eine scharfe Kritik gerade bei ihm einen bedeutenden
Nachdruck darauf gelegt; sie hat seinen Genius nicht nach dem gemessen,
was er wirklich gethan und vollendet hat, vielmehr nach dem, was er
thun wollte, was er unvollendet zurückgelassen hat. Es gibt kein
ungerechteres Verfahren, als einem großen Dichter danach seine Stelle
in der Literatur anweisen zu wollen. Diese Kritik glaubt erwiesen zu
haben, daß Tieck’s Dichtungen seinem eigenen Wesen nach nur Fragmente
sein konnten. Werfen wir solchen Behauptungen gegenüber einen Blick auf
das Thatsächliche.
Tieck hat nach Ausweis des angehängten Verzeichnisses seiner Werke 23
vollendete dramatische Dichtungen hinterlassen, von denen fünf zuerst
durch den Nachlaß bekannt geworden, und drei vollständig mitgetheilt
worden sind. Zwei von jenen 23 Dramen bestehen jedes aus zwei
fünfactigen Theilen nebst einem Vorspiel, „Octavian“ und „Fortunat“,
eines, „Herr von Fuchs“, ist eine freie Bearbeitung nach Ben Jonson;
alle Uebersetzungen sind von dieser Zählung ausgeschlossen. Auf so viel
abgeschlossene und zum Theil sehr umfassende Dichtungen kommen vier
nicht vollendete; der „Anti-Faust“, „Magelone“, „Melusine“ und das
„Donauweib“.
Der erzählenden Poesie im weitesten Sinne gehören 75 vollendete
Dichtungen an, davon kommen 38 auf die spätere Novelle, 37 auf
die ältere Erzählung und den Roman, mit Einschluß der „Vittoria
Accorombona“. Diesen stehen nur drei Fragmente gegenüber, der Roman
„Sternbald“, die „Cevennen“ und das im Nachlaß mitgetheilte Bruchstück
„Hüttenmeister“. Daß die Anlage des Phantasus nicht zur Ausführung
gelangte, wird nicht in Betracht kommen, denn es ist ein Sammelwerk,
das jeden Augenblick abgebrochen werden konnte, und die einfassende
Gesprächsnovelle ist wesentlich abgeschlossen.
Außerdem hat er 16 Skizzen über Kunst in dem lyrischen Tone
Wackenroder’s geschrieben, 45 kritisch literarische und
literarhistorische Abhandlungen, die er in der Form von Briefen,
Recensionen, Einleitungen und Vorreden gab; davon verfaßte er 23 als
Herausgeber oder Vorredner für Schriftsteller der neuern Zeit und für
verstorbene oder noch lebende Freunde. Dazu kommen 107 dramaturgische
Kritiken, Abhandlungen und Anzeigen größern oder kleinern Umfanges,
ferner ein starker Band lyrischer Gedichte, und endlich die Anmerkungen
zum Shakspeare, und die Bearbeitungen und Uebersetzungen aus dem
Altdeutschen, Englischen und Spanischen.
Also neben umfassenden kritischen und literarhistorischen Arbeiten,
zahlreichen Uebersetzungen und lyrischen Gedichten stehen 98
vollendete, zum Theil große Dichtungen, in dramatischer oder
erzählender Form, und ihnen gegenüber sieben unvollendete! Kann man ein
funfzigjähriges Dichterleben besser auskaufen? Fürwahr, es gehört die
Verblendung einer übersichtigen Kritik dazu um zu behaupten, Tieck habe
seinem Wesen nach nichts vollenden können!
Stets hat man es mit Recht am meisten bedauert, daß er gerade die
Novelle, in der die Novelle über sich selbst hinausgeht, und zu einem
ebenso tiefsinnigen als großartigen historischen Gemälde sich erhebt,
nicht zum Abschlusse geführt habe, den „Aufruhr in den Cevennen“.
Es ging ihm auch hier wie öfter; die günstige Constellation, die er
abwartete, in der seine Stimmung mit den Umständen zusammentreffen
sollte, erschien nicht. Später bedauerte er oft, daß er nicht zur
Vollendung gekommen sei, da er den Schluß bei sich ganz durchgearbeitet
habe. Er hatte die weitere Entwickelung der Fabel im Kopfe fertig,
und bisweilen sprach er davon in allgemeinen Andeutungen. Der alte
Parlamentsrath Beauvais, Edmund’s Vater, wird in seinem Zufluchtsorte
im Gebirge durch den humoristischen Musikus entdeckt, der sich rühmt
ihn durch seine geheime Wissenschaft erkannt zu haben, während ihn
der Hund Hektor auf die Spur des Verfolgten geleitet hat. Der alte
Beauvais wird gefesselt von den königlichen Truppen fortgeführt, und
es ergibt sich Gelegenheit, die Grausamkeit des Marschalls Montrevel
und der Verfolger in ihrem ganzen Umfange noch einmal zu schildern.
Edmund beschließt seinen Vater mit Hülfe der Genossen zu befreien.
Dies geschieht bei jener geheimnißvollen Esche, von der der Jäger
Favart im Anfange erzählt. Hier hat einst in den Zeiten der ersten
Religionskämpfe ein hugenottisch gesinnter Sohn seinen altgläubigen
Vater durch einen Schuß getödtet. Dieser hatte flüchtend den Baum
erstiegen, und stürzt nun hinab auf den Sohn, der über seine That
wahnsinnig wird. An derselben Stelle befreit jetzt der Hugenott Edmund
seinen Vater; der Baum ist entsühnt. Edmund macht sich von seiner
Partei los, der er innerlich nicht mehr ganz angehört; er flieht mit
Vater und Schwester nach Genf; Christine folgt ihnen. An die Stelle des
grausamen Montrevel tritt Villars, der den Abschluß dieser Bewegungen
herbeiführt. Dies ungefähr sollte der Inhalt des dritten und vierten
Abschnitts sein.
Es mag kühn sein dem Dichter gegenüber, der sein Werk fortsetzen
wollte, die Ansicht festzuhalten, daß es in sich schon jetzt vollendet,
abgeschlossen sei. Ist dem so, möchte man vermuthen, vielleicht
eben darum sei es zu einer äußern Fortsetzung nicht gekommen. Die
verschiedenen Punkte, durch welche das religiöse Bewußtsein, der Glaube
sich hindurch bewegen kann, sind alle berührt; vom Atheismus bis zur
schwärmerischen Vision haben alle Formen ihre Darstellung gefunden.
Edmund erscheint zuerst als katholischer Fanatiker, der außerhalb
seiner uralt historischen Kirche kein Heil sieht, und die Unterwerfung
des Glaubensbedürfnisses und Gewissens unter ihre unwandelbaren Gesetze
erzwingen will. Er schlägt um, und wird camisardischer Schwärmer; nun
findet er das Heil allein in den Visionen und Offenbarungen, die ihm
persönlich zu Theil werden. An die Stelle der historisch gläubigen
Starrheit tritt schwärmerische Zerfahrenheit, aber er bleibt ein
religiöser Verfolger, nur von dem andern Extrem geht er aus. Da lernt
er durch den alten Geistlichen das milde und versöhnende Christenthum
kennen, das Christenthum der That, das über den Gegensätzen steht, er
ahnt, daß er aus einem schweren Irrthum in den andern verfallen sei,
er wendet sich innerlich von seinen neuen Glaubensgenossen ab, und auf
jenen Weg des Friedens und der Versöhnung fühlt er sich hingezogen.
Soweit liegt die Entwickelung in dem was Tieck gegeben hat, klar und
deutlich vor. Sollte darin nicht ein wesentlicher innerer Abschluß
erkennbar sein?
„Aber Shakspeare!“ ruft die schadenfrohe Kritik weiter; „wie war es mit
seinem vielbelobten und lang versprochenen Buche über Shakspeare?“ Ja
wol, in seiner überschwänglichen Begeisterung für Shakspeare hat er oft
von seinem Dichter und dem Buche über ihn gesprochen. Glaubte er doch
hier eine Aufgabe seines Lebens zu finden! Die Einleitung zum „Sturm“
gab er 1796 „als eine Probe einer größern Arbeit über Shakspeare“ und
schloß mit einem genauen Programm derselben; das altenglische Theater
von 1811 ist ihm ein Supplement, um über Shakspeare in seinem Buche
gründlich zu sprechen; die Andeutungen der Vorrede zur „Vorschule“
1823 hofft er ebendort genügend auszuführen, 1828 in der Einleitung zu
Lenz erwähnt er wieder dieses Werkes. Oft sprach er so davon, als sei
es vollendet, als werde es binnen kurzer Zeit erscheinen; und rührend
war es in seinen letzten Jahren ihn klagen zu hören, wie Krankheit und
Widerwärtigkeiten ihn immer noch nicht zur Vollendung seines Buches
über Shakspeare hätten gelangen lassen. Wie eine Fata Morgana war
die Idee dieses Werks vor ihm hergegangen durch das Leben. Wie oft
glaubte er sie zu ergreifen, und stets floh sie von neuem in die Ferne,
bis sie an den Grenzen mit dem Leben selbst untersank! Es war ein
unablässiges Streben nach einem Ziele, mit gleicher Begeisterung bis
an das Ende; ein Streben ohne zu erreichen, die menschliche Schwäche
in großer menschlicher Kraft. Seine Gründlichkeit ebenso sehr als das
Voraneilen seiner Phantasie ließen diesen Lieblingsgedanken nicht zur
Ausführung kommen.
Zu der Gesellschaft in der Phantasusnovelle gehört auch der gelehrte
Alterthumsforscher, dem der humoristische Kritiker nachsagt, er gehöre
zu den gründlichen Deutschen, welche nie aus den Vorbereitungen
herauskommen, und vor lauter Gründlichkeit die Sache kaum an der
Oberfläche berühren. Tieck schilderte hier eine Seite seiner Natur. Der
Name Shakspeare schloß für ihn alle Poesie, alle Begeisterung, alles
Höchste und Größte in sich. Nicht ohne Weihe und lange Vorbereitung
glaubte er dieses Heiligthum betreten zu dürfen. Alle Hülfsmittel,
deren er habhaft werden konnte, zog er von nah und fern herbei, aber
immer noch nicht schienen sie ausreichend. Unaufhörlich las, studirte
und erwog er den Sinn des Dichters, aber er glaubte in die Tiefe noch
nicht ganz hinabgetaucht zu sein, sie ganz ermessen zu haben. Immer
weiter zog er die Grenzen der Aufgabe. Die Entwickelung Shakspeare’s
wuchs ihm zur Geschichte des englischen Dramas, der abendländischen
Poesie und Cultur empor, die Welt lag in Shakspeare. Dann ward er über
seinen Vorbereitungen ungeduldig; er sah in den Keimen schon die vollen
Früchte. Im Kopfe hatte er sein Buch fertig, es schien nur nöthig
die Hand zu erheben, um es zu vollenden, und die Vollendung galt ihm
als Pflicht der Pietät gegen den großen Geist, in dessen Zauberkreis
er sich magisch gefesselt fühlte. Er faßte es als Opfer des Danks,
das er zu bringen habe. Ebenso sprach er von der Pflicht, ein Buch
über Cervantes, über Goethe und Fleck zu schreiben. Er wollte Zeugniß
ablegen für die Geister, die auf ihn gewirkt hatten, und alle Welt
sollte ihre Größe erkennen, wie er sie erkannte.
Aber die Kritik erweckte ihn aus solchen Verzückungen. Von Zeit zu
Zeit rückte sie ihm die Frage vor, wie es denn mit dem mysteriösen
Buche stehe; sie ging zur Vermuthung über, es existire überhaupt wol
nur in seinem Kopfe, und meinte endlich, es sei das nicht zu beklagen,
sein Buch würde ein antiquirtes gewesen sein, denn längst sei man
über ihn und seine Shakspearegrillen hinweggeschritten. An Tieck’s
romantischer Kritik wollten Tagesschriftsteller, kritische Philologen
und buchgelehrte Literarhistoriker zu Rittern werden.
Jene Vermuthung hat sich als unrichtig erwiesen, und wie weit die neue
Kritik mit ihren Behauptungen Recht hat wird sich erweisen, wenn die
kritischen Acten über Shakspeare geschlossen sind. Tieck’s Blick ist
auch hier bis zuletzt klar geblieben. Wenige Monate vor seinem Tode,
als ihm der Band des Collier’schen Shakspeare aus London zugesandt
wurde, welcher die neu aufgefundenen Emendationen enthält, sagte er:
„Ich kann nichts Besonderes darin sehen; die guten Verbesserungen
kannte man schon lange, und die neuen sind entbehrlich.“ Hier stimmte
er mit der Ansicht des Kritikers überein, der ihn selbst der schärfsten
Censur unterworfen hatte.
Die neue Shakspearekritik ist gegen ihn ebenso undankbar als ungerecht
gewesen. Sie selbst steht auf dem Boden, den er und Schlegel geschaffen
haben, ihr Dasein verdankt sie zum Theil seiner begeisterten Prophetie,
seinen unermüdlichen kritisch dichterischen Betrachtungen des Dichters,
in Briefen, Abhandlungen, dramaturgischen Kritiken, literarhistorischen
Einleitungen, Anmerkungen, Gesprächen und Novellen. Auch hier mied
er die abgemessene Straße des Systems, er wandelte lieber auf den
verschlungenen Pfaden des Dichters. Die neue Kritik verlangt Princip,
Consequenz, Classification der Zeugnisse, Codices, Ausgaben, Lesarten,
es ist die historisch philologische Kritik. Die seine war die
intuitive, anschauende des Dichters, durch alle Umhüllungen suchte sie
geradeswegs in das Herz der großen Erscheinung zu dringen. Die Worte
zählende Kritik machte ihn ungeduldig; wie der Geist zum Geiste sprach
wollte er hören. In diesem Sinne hat er für die Erkenntniß Shakspeare’s
unendlich viel gethan; mehr vielleicht als sein vollendetes Buch
bewirkt hätte.
In der innigen Verbindung von Poesie und Kritik liegt der Schwerpunkt
seiner nicht leicht zu fassenden und darzustellenden Eigenthümlichkeit.
Man könnte Tieck mit Lessing zusammenstellen. So unendlich verschieden
sie sind, deutet gerade dieser Gegensatz auf eine innere Beziehung
beider hin. Lessing kam von der Seite der Kritik zur Poesie; ihr
allein wollte er Alles verdanken was er vermochte; Tieck erklärte
die Poesie für seine unbeschränkte Herrscherin, die wol Gesetze zu
geben, aber keine andern als die eigenen anzuerkennen habe. Von der
Poesie kam er zur Kritik. Lessing war ein dichtender Kritiker, Tieck
ein kritisirender Dichter. Häufig zieht er die Kritik in die Dichtung
hinein, in die humoristischen Lustspiele der ersten, in die Novellen
der zweiten Periode, seine Ironie trägt ein kritisches Element in sich.
Dagegen erhebt sich die Poesie in der Kritik; seine Studien englischer,
spanischer, deutscher Dichter ruhen überall auf dichterischer
Begeisterung. Seinen Kritiken gibt er gern eine künstlerische Form.
Ueber Shakspeare schreibt er Briefe und Novellen, die Charakteristik
des Goethe’schen Zeitalters gestaltet sich ebenfalls fast zur Novelle.
Die Einleitung zur „Insel Felsenburg“ und andere Kritiken werden zum
Gespräch.
In seinen Dichtungen erscheint die Kritik oft als eine
literarhistorische, und setzt darum die Kenntniß mancher einzelner
Beziehungen voraus, und seine Ansichten tragen den Stempel abweichender
Eigenthümlichkeit. Daraus hat ein großer Theil seiner Beurtheiler
die Meinung hergeleitet, Tieck’s Dichtungen seien unpopulär. Diesen
Glaubenssatz hat man mit Vorliebe weiter ausgeführt; er suche das
Aparte, Absonderliche, Grillenhafte, er sei ein aristokratischer
Dichter für die Geistreichen, für ästhetische Theecirkel, nicht für
das Volk. Nimmermehr könne es sich mit seinen Märchen und Novellen
befreunden!
Sonderbar! War es denn nicht seine Poesie, die niedertauchte in das
erste nächste Element, in dem der Mensch athmet, in die Natur? Was
könnte populärer sein als diese! War er es nicht, der den alten
vergessenen oder verlachten Volkssagen nachging und sie wieder zu
Ehren brachte? Sprach er nicht überall mit Begeisterung gerade von
der Größe der Dichter, die volksthümlich waren? Behandelte er nicht
in seinen Novellen, was die Geister der Gegenwart erfüllte? Und doch
sollte er nichts Volksthümliches haben? Wo diese Vorwürfe nicht aus
Unkenntniß, Misverstand oder Parteilichkeit hervorgegangen sind,
ist ihr Grund in einer einseitigen Auffassung seiner kritischen
Richtung zu suchen. Gegen diese Ansicht spricht die Wirkung seiner
Dichtungen im Allgemeinen wie im Einzelnen. Männer, den verschiedensten
Lebensstellungen angehörend, wurden von ihnen in früherer und späterer
Zeit tief ergriffen, in manchen Charakteren fanden sie sich, ihre
eigenen Seelenzustände so klar dargestellt, daß sie sich gedrungen
fühlten ihm zu schreiben, und ihn am liebsten zu ihrem Gewissensrathe
gemacht hätten. Es waren ihm völlig unbekannte Personen, keine
Gelehrte, keine Literaturmenschen. Noch 1842 erhielt er einen Brief
eines Bäckers in Karlsruhe, der ihm für den „Jungen Tischlermeister“
als eine dichterische Verherrlichung des deutschen Handwerkerstandes
dankte. Es ist Thatsache, daß andere seiner Novellen von Personen, die
man sonst ungebildet zu nennen pflegt, mit Eifer und Vorliebe gelesen
worden sind.
Und was ist es mit jenem Vorwurfe der Unpopularität? Es gibt Kritiker,
die über Schiller den Stab brechen, eben weil er populär sei, die
für Goethe’s Größe einen Beweis in seiner weniger populären Haltung
finden. Was ist populär, wahrhaft volksthümlich? Nicht dasjenige, was
die Tageskritik dazu stempelt, was ein enger Kreis von Menschen, was
eine bestimmte Bildungsclasse dafür erklärt; nicht dasjenige, was
heute Recht haben muß, weil es morgen Unrecht haben wird, was heute
besprochen wird und morgen vergessen ist. Auch nicht im charakterlos
Allgemeinen, vielmehr in der Fülle des Eigenthümlichen, in dem
Geschlechter und Zeiten sich wiederfinden, liegt das Volksthümliche.
Tieck kannte das Schwierige seiner Stellung zur Gegenwart: „Irgend
etwas ist immer in Deutschland an der Tagesordnung“, schreibt er an
Solger, „das leere Form, geistlose Mode und übertriebene Einseitigkeit
wird, und immer sehen wir einige von den Besten eifrig Theil nehmen und
sich verblenden, und dieselbe Nation, die für Viel- und Allseitigkeit
schwärmt, kann immer vor irgendeiner neuen Verblendung nicht zur
Besinnung kommen. Bei meiner Lust am Neuen, Seltsamen, Tiefsinnigen,
Mystischen und allem Wunderlichen, lag auch stets in meiner Seele eine
Lust am Zweifel und der kühlen Gewöhnlichkeit, und ein Ekel meines
Herzens, mich freiwillig berauschen zu lassen, der mich immer von
allen diesen Fieberkrankheiten zurückgehalten hat, sodaß ich (seit
ich mich besonnen) weder an Revolution, Philanthropie, Pestalozzi,
Kantianismus, Fichtianismus noch Naturphilosophie als letztes einziges
Wahrheitssystem gläubig, habe in diesen Formen untergehen können.“
Und so hat er es gehalten bis ans Ende. Stets hat er an die große
unsichtbare Gemeinde der Geister geglaubt, die nicht ausstirbt,
die lebt und wirkt zu allen Zeiten. Sie entscheidet wer und was
volksthümlich sei; Tieck kann ihrem Ausspruche ruhig entgegensehen!
Sechstes Buch.
Unterhaltungen mit Tieck.
1849-1853.
1. Tieck über sich und seine Dichtungen.
Alles Reflectiren und Raisonniren hat meiner Natur stets fern
gelegen. Ich habe die Dinge immer aus dem Ganzen, aus dem Gefühl und
der Begeisterung heraus, aufzufassen und anzuschauen gesucht. Diese
Anforderungen haben bei mir mit dem Alter nicht abgenommen, sondern
sich gesteigert. Es ist dies meine +Individualität+.
* * * * *
In meiner Jugend war ich ein einfacher und stiller Mensch, fern von
Selbstüberschätzung und ungern im Widerspruch mit Andern. Aber sobald
ich etwas wirklich in mir erlebt hatte, und es mir zur +Ueberzeugung+
geworden war, mußte ich es aussprechen, wenn ich eine andere Ansicht
in absprechender Weise geltend machen hörte. Dies zog mir mit Unrecht
manchen Tadel meiner Lehrer zu, die mich für anmaßend und voll
Widerspruch hielten. Später bin ich manchem weich erschienen. Vieles,
worauf Andere einen hohen Werth legen, habe ich leichter genommen,
weil es mir persönlich gleichgültig war, ob etwas der Art so oder
anders eingerichtet wurde. Man konnte mich daher in vielen Punkten für
gefällig, nachgiebig, ja lenksam halten. Doch ging das nur bis zu einer
gewissen Grenze; denn von jeher hat sich meine ganze Seele dagegen
empört, wenn ich bemerkte, daß man darauf ausgehe mich innerlich zu
bestimmen, und mein eigenstes Wesen zu beherrschen; das habe ich
niemals gelitten.
* * * * *
Der Gegensatz des +Scherzes+ und des +Ernstes+ ist für mein Wesen
durchaus nothwendig. Bei der tiefen Schwermuth, bei dem Trübsinn, der
mich oft angefallen hat, ist er ein Glück für mich gewesen. Den Sinn
für Scherz habe ich mir stets zu bewahren gewußt. Schon in meiner
Jugend konnte man dieses doppelte Wesen nicht begreifen, und hielt mich
darum bisweilen für närrisch.
* * * * *
Der Protestantismus war in meiner Jugend zur leeren Form geworden, und
der religiöse Sinn zum großen Theil entwichen. Die jüngern Geistlichen
glichen lange nicht mehr den ältern und würdigen, die sich auch zur
+Aufklärung+ bekannten, aber sittlichen Eifer besaßen und an sich
selbst arbeiteten. Diese waren achtungswerth; es war ihnen mit der
praktischen Moral Ernst, wie Sack, Spalding und Teller. Die jüngern
waren Prediger, wie sie auch irgend etwas Anderes hätten sein können;
daraus machten sie auch gar kein Hehl. Sie thaten ihre Amtsfunctionen
als etwas Aeußerliches ab, und wünschten sich oft sehnlich eine andere
Lebensstellung. Verhaßt war mir ihre beschränkte Selbstgenügsamkeit,
ihr Abfertigen der Dinge und ihre Besserwisserei, mit der sie glaubten
Alles erklären zu können. So konnten tiefere Gemüther wol zum
Katholicismus hingezogen werden, der wenigstens dem Gefühle zu genügen
schien.
* * * * *
Im religiösen Leben habe ich die sonderbarsten Erfahrungen gemacht. Es
sind mir damals und auch später einseitige Eiferer vorgekommen, die,
kann man wol sagen, voller protestantischen Aberglaubens und Fanatismus
waren. Sie konnten von der katholischen Kirche nicht sprechen hören,
ohne darauf zu schelten, und sie in ihren Reden zu verfolgen. Umsonst
versuchte ich es sie zu einer billigern und gerechtern Denkweise
zu führen, und konnte ihnen kaum begreiflich machen, daß es doch
wenigstens Anerkennung verdiene, daß der Katholicismus sich mit den
Künsten verbunden, und sie lange Zeit gepflegt und entwickelt habe.
Dann plötzlich schlugen diese Leute um, wurden selbst katholisch,
gingen weit über alles hinaus, was ich ihnen früher gesagt hatte,
wollten mich bekehren, und verfolgten nun mit noch größerm Fanatismus
alles was protestantisch hieß.
* * * * *