Er beugte sich vor ihrer Heiligkeit und Einfachheit, ihrem Tiefsinn
und ihrer reinigenden Kraft; sie waren ihm das Höchste, was die Welt
gesehen. Wenn er am Gemeindeleben keinen Antheil nahm, so hatte das
den nächsten Grund in seiner Kränklichkeit. Die dröhnenden Töne der
Orgel übten einen Druck auf die Nerven aus, dem er nicht widerstehen
konnte. Auch manche Predigt fand er trivial und gewöhnlich. Sein
Standpunkt konnte kein anderer sein, als der evangelischer Freiheit,
darum erhob er sich über den confessionellen Kampf. Allein aus einer
echt protestantischen Ueberzeugung ging früher seine Anerkennung
des Katholicismus hervor, welche ihm so oft die Anklage, daß er ein
heimlicher Katholik sei, zugezogen hatte. Nichts war unwahrer. Geistige
Freiheit und Selbstbestimmung vertheidigte er zu allen Zeiten, und
vor allem im Heiligthum religiöser Ueberzeugung und des Glaubens. Die
Herrschaft und amtliche Bevormundung durch Priester, die Verketzerung
und Verfolgungssucht war ihm als beschränkt und unchristlich in allen
Gestalten zuwider. Das Höchste sah er in der christlichen Milde
und Duldung, welche allein den Zwiespalt des Lebens thatsächlich
auszugleichen vermag.
Im März 1853 besuchte ihn der Prediger Sydow, den er von Potsdam her
kannte. Tieck hatte manche persönliche Berührung mit ihm gehabt, und
ihm bei seiner Reise nach England Empfehlungen an einige Würdenträger
der dortigen Kirche mitgegeben. Die theologische Richtung desselben war
ihm bekannt; er wußte, daß er der Schule Schleiermacher’s angehöre. Das
Gespräch, welches jetzt geführt wurde, faßte er im Hinblick auf sein
vielleicht nahe bevorstehendes Ende auf. „Ich wünsche“, sagte er, „daß
Sie an meinem Grabe sprechen, und nicht etwa einer von den Zeloten.“
Nachdem ihm die Zusicherung des letzten Dienstes geworden, sprach er
bald darauf denselben Wunsch gegen Raumer aus, den er als nächsten
Freund verpflichtete, für die Vollziehung seines Willens Sorge zu
tragen. Das letzte Wort, das über ihn als Mensch gesagt wurde, sollte
ein Wort der Versöhnung sein.
Immer näher rückte der Augenblick des Scheidens, auf den er sich
innerlich seit Jahren vorbereitet hatte. War doch sein Leben seit lange
nur ein Abschied vom Leben gewesen! Oft wenn er den Freunden die Hand
drückte, war es ihm, als sei es zum letzten Male geschehen. Und jetzt
schlug die Stunde. In den Wintermonaten hatten die körperlichen Kräfte
abgenommen. Die gewohnten Nahrungs- und Stärkungsmittel widerstanden
ihm, oder versagten ihre Dienste. Der Austern und Spargel, die er
leidenschaftlich gern gegessen hatte, ward er überdrüssig; der
leichte Frankenwein, den er zu trinken pflegte, erhitzte und machte
ihm Beschwerde. Seit der letzten Krankheit war das, was er zu sich
nahm, auf das geringste Maß herabgesunken, und die Appetitlosigkeit
stieg bis zum Widerwillen gegen das Essen überhaupt. Da häufig dabei
ein Verschlucken, dann lang anhaltender und heftiger Krampfhusten
eintrat, war es ihm zur Pein und ein Gegenstand ängstlicher Besorgniß
geworden. Den Mangel der Nahrungsmittel ersetzte noch ein gesunder und
regelmäßiger Schlaf; nach einer ruhigen Nacht fühlte er sich immer zu
heiterm Gespräch aufgelegt.
Es war in der Osterwoche, als sich ähnliche Anzeichen, wie sie
der letzten schweren Krankheit vorangegangen waren, einstellten;
Beklemmungen, starke Schleimansammlung auf der Brust, Luftlosigkeit,
Beschwerde beim Sprechen und steigende Schwäche. Aber das Leben
siegte noch für einen Augenblick. Am 29. März dictirte er einen
Brief, in dem er die Hoffnung auf literarische Arbeiten aussprach.
„Diese Krankheitsstimmung wird vorübergehen“, sagte er darin. Schon
am folgenden Tage kehrte sie mit verdoppelter Gewalt zurück. Die
krankhaften Beklemmungen stiegen bis zur Gefahr des Erstickens, die
Schwäche ging in Ohnmacht über, eine tödtliche Erstarrung trat ein. Als
der herbeieilende Arzt einen Aderlaß verordnete, floß das Blut erst
nach wiederholten Versuchen an beiden Armen. Mehrere Stunden währte die
Todesgefahr. Endlich trat eine Gegenwirkung ein; die sinkenden Kräfte
sammelten sich, aber die Hoffnung, das fliehende Leben festzuhalten,
war gering.
Noch kämpfte der Frühling mit einem rauhen Nachwinter. Man tröstete
sich, die warme Sonne werde ihn befreien von dem Drucke, der auf ihm
lastete. Das Bedürfniß geistiger Mittheilung erwachte wieder, und er
setzte es durch, daß seinen Freunden der Zutritt verstattet wurde.
Er hatte sich in diesen Tagen sehr verändert. Die Athemzüge gingen
in einen bald röchelnden, bald pfeifenden Ton über, die sonst so
klangvolle Stimme war rauh und heiser, das Gesicht kleiner geworden,
ein wehmüthig schmerzlicher Zug um den Mund gab ihm einen fremden
Ausdruck. Er versuchte die Unterhaltung in gewohnter Weise zu beginnen;
es ging nicht mehr. Nach wenigen Minuten mußte er, was er sonst nie
that, das Zeichen zum Aufbruch geben. Er sprach über seinen Zustand,
und klagte über schweren und doch häufig unterbrochenen Schlaf. In den
Stunden unruhigen Wachens hatte er zu den Büchern gegriffen, die ihn
zuletzt beschäftigten. Geistig war er klar wie nur sonst, und gern
kehrte er zu frühern Gedanken zurück. Von Lessing sagte er: „Welch’
eine Natur! Nie hat einer die Skeptik edler und würdiger verkündet, und
doch die Fundamente nicht berührt!“ Seinen oft wiederholten, aus tiefem
Herzen kommenden Abschiedsworten: „Leben Sie wohl, leben Sie recht
wohl!“ fühlte man die Todesschauer an. In einigen Unterredungen mit
Raumer machte er die letzten irdischen Dinge ab. Seinen Diener hatte er
schon früher der Gnade des Königs empfohlen.
Am 25. April Vormittags forderte er heftig zu essen, es war ein letztes
Aufflammen der Natur. Dann befahl er die Fenstervorhänge zu schließen,
weil er schlafen wolle. Am Abend desselben Tages traf seine Tochter aus
Schlesien ein, der man von seinem Zustande Nachricht gegeben hatte.
In der folgenden Nacht traten Augenblicke der Betäubung ein, die zwar
den angewandten Mitteln wich, aber eine noch schlimmere Wendung der
Krankheit fürchten ließ. Am 27. April Nachmittags hatte er eine letzte
Unterredung mit seiner Tochter. Er hatte mit der Erde abgeschlossen.
Seit dem Eintritt der Nacht sprach er nicht mehr. Die gereichten
Medicamente vermochte er nicht mehr zu nehmen; er verfiel in einen
dumpfen, betäubenden Schlaf. Gegen Morgen ward der Athem leiser; es war
der Todesschlummer. Ein Viertel nach sechs Uhr am 28. April that er den
letzten Athemzug. Sein Schmerzenslager war zur stillen Friedensstätte
geworden. Das tiefe Auge, die beredte Lippe hatte sich geschlossen,
aber auf dem Gesichte ruhte eine sanfte Verklärung. Es waren wieder die
wohlbekannten Züge, mild und groß, die reine hohe Stirn. Es war das
edelste Haupt!
So war denn der Traum des Lebens ausgeträumt, der dunkle Vorhang
gehoben, vor dem er so oft zweifelnd und bangend, hoffend und glaubend
gestanden hatte! Das Räthsel war gelöst. Was den Dichter in heiliger
Begeisterung durchzuckte, der Glanz, der in einzelnen Strahlen sein
geblendetes Auge getroffen hatte, war ihm ein Unvergängliches
geworden, das Geheimniß offenbart, die Schauer und Ahnungen Gottes
erfüllt.
„Tieck ist gestorben!“ so ging in den nächsten Tagen die Kunde von den
Freunden in die weitern Kreise über; sie durchlief die öffentlichen
Blätter in Berlin, in allen Gegenden Deutschlands. Lange hatten sie von
dem greisen Dichter geschwiegen; sein Tod gab Veranlassung, noch einmal
das Wort über ihn zu erheben, der Vergangenheit gehörte er jetzt an.
Es war ein Ereigniß in der literarischen Welt, dessen abschließende
Bedeutung unverkennbar war. Aus dem Geräusch handwerksmäßiger
Tagesarbeit, der Erbitterung religiöser Streitfragen und politischer
Kämpfe, und der Besorgniß allgemeiner Krisen wandte sich die
Aufmerksamkeit für einen Augenblick zu dem Manne zurück, der in dem
Garten der Poesie gelebt hatte. Das Haupt und der Fürst der Romantik,
der letzte Dichter aus einer großen Zeit war gestorben! Bei den Aeltern
stiegen die vergessenen Erinnerungen einer begeisterten Jugend auf, wo
auch sie diesen nun verklungenen Zaubertönen gelauscht hatten!
Am 1. Mai wurde er bestattet. An der Stelle, wo er so oft vor seinem
Lesepulte eine lebensvolle Welt geschaffen hatte, stand der einfache
Sarg, der die irdischen Reste einschloß. Das grüne, unverwelkliche
Lorberreis lag darauf. Er hatte es wohl verdient! Kein prunkendes
Leichengefolge hatte sich eingefunden; es handelte sich um keine
Kundgebung, keine Parteiansicht. Die Anwesenden hatte Liebe,
Freundschaft und Verehrung, oder die Anerkennung des großen Mannes
herbeigeführt. In ihrer Mitte stand ein Altersgenosse des Dichters, A.
von Humboldt, wie er Zeuge und Mitstreiter im Wettkampfe der größten
Geister. Die Vertreter der Wissenschaft und der Künste, der Akademien,
der Universität und Gymnasien, des Theaters und der Literatur, und
zahlreiche Freunde und Verehrer schlossen den Kreis, in dem sich
mancher berühmte Name fand. Der Domchor stimmte den Choral an: „Wenn
ich einmal muß scheiden“; der Prediger Sydow sprach in ergreifenden
Worten den letzten Scheidegruß, wie sie nur aus dem Verständniß des
Geistes und wahrer Verehrung hervorgehen können. Er stellte ihn dar
als einen der Hochbegabten und Hervorragenden, die berufen sind, die
großen Schlachten des Geistes zu schlagen. Und der Chor sang: „Ja, der
Geist spricht, daß sie ruhen von ihrer Arbeit!“ und „Christus ist die
Auferstehung und das Leben!“
In langem Zuge bewegte sich das Trauergefolge durch die versammelte
Menschenmenge, die Friedrichstraße hinab, dem Halleschen Thore zu. Der
Wagen des Königs folgte dem Sarge unmittelbar. Auf dem Friedhofe der
Dreifaltigkeitskirche, neben dem Grabe Schleiermacher’s, nicht fern
von seinem Freunde Steffens, war auch für Tieck die letzte Ruhestatt
bereitet. Nach langen winterlichen Stürmen schien die Sonne zum ersten
Male hell und warm. Sie brachte den Frühling, den klaren Himmel, und
ihm die Ruhe. Als der Sarg eingesenkt wurde, und die Erdschollen auf
die reichen Blumenkränze niederfielen, stieg oben im blauen Raume die
Lerche auf; als die Trauernden den Kirchhof verließen, schlug die
Nachtigall im jungen Grün. Die Natur blieb ihrem Dichter treu. Der
Frühling hatte ihn an der Schwelle des Lebens empfangen, er gab ihm am
Ausgange das letzte Geleit. Am 31. Mai 1773 war er geboren, achtzig
Jahre später, am 1. Mai 1853, wurde er bestattet.
Da ruht er draußen auf der Anhöhe vor den Thoren seiner Vaterstadt,
die ihn nun nicht wieder verlieren wird. Ueber dem Grabhügel rauscht
traulich der Fliederbusch und die Pappel, und über Gebüsch und Felder
blickst du hinab zur Stadt, die mit ihren Häusern, Straßen und Thürmen
sich ausbreitet unten zu seinen Füßen. Da braust der wogende Strom des
Lebens fort, auf dem auch er kämpfte, bis er sanft zum Hafen geleitet
wurde.
Sein Leben war ein volles menschliches, wie es nur Wenigen vergönnt
ist. Gefühl, Phantasie und Dichterkraft trugen ihn empor, Kunst und
Wissenschaft nannte er sein, und das Feuer höchster Begeisterung
durchglühte ihn. Aber auch Leiden, Schmerz und die Angst der
Verzweiflung, die nach dem Göttlichen sucht, waren ihm in hohem Maße zu
Theil geworden. War er an Liebe und Freundschaft reich, so ist ihm auch
Neid und Misgunst nicht erspart worden. Engherzigkeit und böser Wille
haben ihn oft geschmäht, sie riefen ihm zu, daß er schon vergessen
sei. Er ist nicht vergessen! Nur was irdisch an ihm war, deckt der
Grabeshügel. Er lebt und wird leben im Garten der Poesie mit jenen
großen Geistern, die seine entzückte Rede so oft gefeiert hat! Er lebt
und wird leben, solange das Gedächtniß deutscher Dichtung lebt!
In den prophetischen und tiefsinnigen Worten seines sterbenden Dichters
hat er auch auf sein Denkmal die Inschrift gesetzt: „Das ist eben das
Uebermenschliche in den Schicksalen großer Helden und Volkslehrer und
Wohlthäter der Menschen, daß man sie vergißt, wol verkennt; und die
tiefe Rührung unsers Herzens, das schönste Gefühl unserer Anbetung
aus der Ferne nach tausend Jahren noch, diese Huldigung der Urenkel
und spätesten Nachkommen, die jedes Gemüth, welches der Erkenntniß
des Großen und Schönen fähig ist, opfert; dieses, was nicht Gold,
noch Ehre, noch Lob ist, diese stumme Bewunderung, in der die reinste
Verehrung und ein heiliges Mitleid sich wundersam vermischen, ist jener
Helden schönster Lohn. So sind sie nicht vergessen, nicht verarmt,
vertrieben, gestorben; die Geisterwelt ist ihre Heimat, der Palast, den
sie bewohnen. Und jede gute That, jede schöne Regung, der Glaube an den
Adel der Menschennatur wächst und blüht in diesem geweihten Boden!“
5. Tieck’s Werke.
Des Dichters Werke sind sein Leben. Jede seiner Schöpfungen ist
eine That seines Geistes, in der er die höchsten Kräfte sammelte,
ein Zeichen, an dem die Abschnitte des Weges gemessen werden, den
er zurücklegte. Seine Werke sind das Erbe, welches er der Nachwelt
hinterläßt; wer sie kennt, kennt den Dichter. Aber weil sein Leben in
seinen Werken liegt, darum muß man jenes kennen, um diese zu verstehen.
Nur aus der Erkenntniß des Wechselverhältnisses zwischen Leben und
Dichtung, zwischen Mensch und Dichter ergibt sich ein klarer Einblick
in sein Wesen, eine gerechte Würdigung seiner Stellung. Alles Sammeln
zur Lebensgeschichte der Dichter, alles Erklären ihrer Werke beruht
darauf.
Auch die Erinnerungen aus Tieck’s Leben sind eine historische
Erläuterung seiner Werke; sie weisen deren Entstehung als Thaten seines
Geistes nach. Von einem andern Standpunkte aus über sie zu sprechen,
ist nicht die Absicht, obgleich es nicht an Stoff gebräche, schon darum
nicht, weil so Vieles über sie gesprochen worden ist. Doch soll zum
Schlusse noch einmal davon die Rede sein, wie er sich menschlich und
schriftstellerisch im Einzelnen zu ihnen verhielt.
„Man muß es erlebt haben!“ war sein Losungswort. Er hatte erlebt, was
er dichtete. Seine Dichtungen waren der reine Ausdruck seines innern
Lebens; sie waren etwas durchaus Persönliches, ein Theil seines Wesens.
Darin liegt ihre Bedeutung, die Tiefe ihrer Gedanken, die Kraft, die
Lebendigkeit, die Anschaulichkeit der Darstellung.
Aber auch Vieles von dem, was er äußerlich erlebte und erfuhr, hat
er darin niedergelegt. Für die Novellen hat man das immer anerkannt,
nur aus der Fülle der Erfahrungen und Beobachtungen konnten sie
hervorgehen. Wenn es sich bei ihm mehr als bei tausend Andern
bestätigt, daß es darauf ankomme, wie man die Dinge erlebe, so war er
doch in dem, was er erlebte, nicht minder bevorzugt. Freilich waren
Leiden kein geringer Theil davon. Wer sein Leben kannte, wußte, daß
auch in den frühern Dichtungen Vieles der Art zerstreut sei. Mit
historischer Treue hat er es in der Regel gegeben, höchstens, daß er
etwa einen Namen verschwieg, oder einen erfundenen an dessen Stelle
setzte. Er hatte keine Veranlassung, zu ändern und umzugestalten. Die
historische Wahrheit des Thatsächlichen verband sich ungesucht mit
der dichterischen Wahrheit. Das ist kein geringes Zeugniß für seine
Dichtungen überhaupt.
In solchen vereinzelten Darstellungen aus seinem Leben hat er
Bruchstücke der Denkwürdigkeiten gegeben, die er nicht geschrieben
hat. Aber man könnte sie daraus herstellen. Gesammelt ergeben diese
zerstreuten Züge sein Lebensbild, nicht wie er es im Ganzen entworfen
hat, aber wie es ihm aus dem Standpunkte des Augenblicks, von einer
Seite her betrachtet erschien. Die folgenden Nachweisungen machen den
Versuch, eine solche Zusammenstellung einzelner Lebensmomente nach
ihrer Zeitfolge zu geben.
Erinnerungen aus der Kindheit und dem Knabenleben finden sich in
dem „Jungen Tischlermeister“; seines Vaters Erzählungen von dem
Magister Kindleben sind bei der Schilderung des alten Magisters
benutzt. Die jugendliche Begeisterung des Tischlers für den „Götz“
ist seine eigene. Züge aus dem Jugendleben enthalten ferner: „Der
Weihnachtsabend“ die Schilderung des berliner Weihnachtsmarkts; die
Gespräche im „Phantasus“ die Geschichte des magischen Theaterbillets;
„Musikalische Leiden und Freuden“ seine jugendlichen Versuche in der
Musik; „Der junge Tischlermeister“ seine Schülerfahrten nach Jessen
und Wittenberg; die Geschichte „Peter Leberecht’s“ eine Charakteristik
seines Jugendfreundes Piesker unter dem Namen Liesker; die Novelle
„Das Zauberschloß“ die Schilderung eines andern Schulgenossen Namens
Schwieger. Den Mann mit dem rothen Rocke, der die fixe Idee hat, die
Pygmäen mit seiner Peitsche verfolgen zu müssen, der in den „Reisenden“
erscheint, hatte er als Schüler auf einer Hochzeit in einem berliner
Bürgerhause gesehen. Die Erinnerungen an Franken und seine Irrfahrten
im Fichtelgebirge mit Wackenroder hat er im „Jungen Tischler“
niedergelegt; der Mondsüchtige, der jene mondbeglänzte Zaubernacht im
Fichtelgebirge schildert, ist er. Die Eindrücke, welche er in Nürnberg
empfing, liegen dem „Sternbald“ zu Grunde; sein Abenteuer im Lager der
Reichstruppen bei Fürth erzählt er in den Gesprächen im „Phantasus“.
Die muthwillige Täuschung Wackenroder’s, daß der Hund lesen gelernt
habe, läßt er dem alten Labitte im „Hexensabbath“ widerfahren. Die
Nachtscene, die er in Göttingen beim Lesen des „Macbeth“ erlebte,
schildert er im „Lovell“; von seinen Studien des Spanischen in dieser
Zeit spricht er im „Zauberschloß“. Die Abenteuer mit jener Ophelia und
dem Irrsinnigen, der sich für einen Sohn Friedrich’s des Großen hielt,
erzählt er in den „Reisenden“ und im „Jungen Tischler“; die Geschichte
mit dem Bergmann im „Alten vom Berge“, der nie ein Kornfeld gesehen
hatte, erlebte er in Andreasberg am Harz.
Einzelne Erlebnisse aus der spätern Zeit bis zur Uebersiedelung nach
Dresden gibt er an folgenden Stellen: In den „Abendgesprächen“ die
Vision von 1798, als er seiner Braut bis Tegel entgegenging; in der
„Gelehrten Gesellschaft“ eine Schilderung seines literarischen Lebens
mit Wackenroder, Bernhardi und Andern; in der Novelle „Waldeinsamkeit“
spricht er von der Entstehung des „Blonden Ekbert“; ebenda finden
sich Erinnerungen an Jena. Die satirisch-phantastischen Lustspiele
schildern sein Verhältniß zur damaligen literarischen Welt; seine
Liebhaberei für Bleisoldaten übertrug er auf den alten König im
„Zerbino“; in den „Briefen über Shakspeare“ und den Gesprächen im
„Phantasus“ berichtet er von seiner Theaterleidenschaft. Von dem
Eindrucke, den Jakob Böhme’s Schriften auf ihn machten, erzählt er in
der Person des Pfarrers Watelet in den „Cevennen“, dessen religiöse
Ansichten die seinen sind. Seine Reise durch Deutschland im Jahre 1803
mit Burgsdorff, seine damaligen Verhältnisse und Stimmungen stellt er
in der „Sommerreise“ dar und im „Jungen Tischler“; das musikalische
Leben in der Familie des Grafen Finkenstein in den „Musikalischen
Leiden und Freuden“. Reichardt’s Buch „Napoleon Bonaparte und das
französische Volk unter seinem Consulate“ gab Veranlassung zu der
Novelle „Der Geheimnißvolle“. Ein dichterisches Tagebuch seiner
italienischen Reise enthalten die „Reisegedichte eines Kranken“;
den Eindruck der Musik in der päpstlichen Kapelle gibt er in den
„Musikalischen Leiden und Freuden“, Erinnerungen an das deutsche
Liebhabertheater in Rom im „Jungen Tischler“, an seinen Aufenthalt in
Florenz im „Pokal“. Krankheit und Leben in München wird geschildert
in den Gesprächen im „Phantasus“ und im „Liebeszauber“. Die Scenerie
für die Gesellschaft im „Phantasus“ ist aus dem Leben in Ziebingen
entnommen; der blödsinnige Theophilus ist eine Gestalt, der er dort
begegnete. Der Held der „Zopfnovelle“, der sich für einen Ziethen’schen
Husaren hält, ohne jemals Soldat gewesen zu sein, ist eine historische
Person. Er war Verwalter in Ziebingen, und wirklich stellte man zu
seiner Beruhigung Nachforschungen in Berlin an, in Folge deren seine
wunderliche Selbsttäuschung entdeckt wurde. Anekdoten aus dem Leben
Fichte’s und Oehlenschläger’s, deren Zeuge er selbst war, gibt er in
den „Uebereilungen“, seine Erfahrungen vom Somnambulismus erzählt er in
den „Wundersüchtigen“.
Endlich haben die dresdener Verhältnisse den Stoff für die
„Vogelscheuche“ geliefert, in der mehrere literarische Persönlichkeiten
jener Zeit auftreten; ebendaher ist die Dichterin im „Zauberschloß“.
Von seinen Besuchen in Sesenheim, Stratford und bei Ulrich Hegner
erzählt er im „Mondsüchtigen“. „Dichterleben“ und der „Tod des
Dichters“ enthalten eine Reihe von Selbstbekenntnissen und
Schilderungen im Munde Shakspeare’s und Camoens’. Die Ansichten
über die altenglische Bühne entwickelt er als Professor im „Jungen
Tischler“, den er auch sonst mit manchen seiner Eigenthümlichkeiten
ausgestattet hat. Seinen prosaischen Jugendfreund Piesker, wie er ihn
später in Dresden wiedersah, schildert er als Beskow in der „Reise ins
Blaue“; seine Stellung zum Jungen Deutschland bespricht er ebenda,
und im „Wassermensch“, „Eigensinn und Laune“, „Vogelscheuche“ und
„Liebeswerben“.
Den Stoff zu Novellen gaben auch Anekdoten, welche Freunde ihm
erzählt hatten, so zum „Wassermensch“, „Eigensinn und Laune“, „Die
Klausenburg“, „Der Weihnachtsabend“; die Veranlassung zum „Funfzehnten
November“ ein Kupferstich in einem holländischen Buche, der eine
Ueberschwemmung darstellte.
Ueberall, was man auch berühren möge, treten eigene Erlebnisse und
Erfahrungen entgegen. Der Stoff aus dem Leben drängte sich ihm von
allen Seiten herzu, niemals war er darum verlegen, eher war es ihm zu
viel, was er Alles noch aussprechen und darstellen wollte. War er im
Zuge der Arbeit, so reichten Zeit und Kraft kaum hin. Er arbeitete
unendlich rasch und leicht, namentlich in seiner Jugend, wo er oft
mit kühner Sorglosigkeit die Dinge unter der Feder entstehen ließ.
Alles Verbessern, Feilen und Putzen im Einzelnen war ihm verdrießlich.
Selten corrigirte er, noch seltener entwarf er Concepte. Alles, was
er schrieb, war aus einem Gusse; wie er es vorher innerlich bei sich
festgestellt hatte, so sprach er es aus. Diesen Charakter des Flüssigen
und Fertigen tragen auch seine Manuscripte. Zu dem, was einmal fertig
war, kehrte er ungern zurück.
Man kann darum nicht sagen, daß er übereilt gearbeitet habe; die
Vorbereitungen währten vielmehr oft sehr lange. Er kannte keine
abgemessene Methode des Arbeitens; thatsächlich aber lag sie in
einem steten Wechsel von träumerischem Nachdenken und Versinken und
dem angestrengtesten mechanischen Schreiben. Hatte er sich unter
vielen Plänen und Gestalten, die ihm vorschwebten, endlich für einen
entschieden, so fing er an den Stoff innerlich zu durcharbeiten und zu
bilden, indem er scheinbar müßig und versunken seine Umgebung völlig
vergaß. In solchen Zeiten ward Alles lebendig vor seiner Seele bis in
das Einzelne hinein; er machte es, wie er zu sagen pflegte, im Kopfe
fertig. Endlich kamen die Massen in Fluß, der Durchbruch trat ein. Hier
entschieden nicht selten äußere Veranlassungen, eine bevorstehende
Reise, das Drängen der Buchhändler, die sich um seine Novellen für
ihre Taschenbücher bewarben. Nun begann er zu schreiben, ohne einen
Freund zu sehen und zu sprechen, ohne sich vom Stuhle zu erheben;
kaum daß er sich Zeit zum Essen ließ. So schrieb er in wenigen Tagen
Novellen von vielen Bogen nieder. Mit unglaublicher Eile flog die Feder
über das Papier hin.
Bei dieser zuströmenden Fülle konnte er sich nie zum dictiren bequemen;
bei der Ungeduld, mit welcher er schrieb, war ihm der Umweg durch die
Feder eines Dritten viel zu lang. Nur wenn er selbst dazu griff, fand
er das rechte Wort. Die Stenographie, welche ihm in Berlin empfohlen
wurde, wies er mistrauisch ab, und erst in den letzten Jahren, als
er an das Bett gefesselt war, entschloß er sich zu dictiren, doch
beschränkte er sich meist nur auf Briefe.