er lautlos sitzen, und der Bewegung seiner Gedankenwelt und den
auftauchenden Gestalten zuschauen. In solchen Augenblicken war er
dichterisch am thätigsten; er producirte innerlich, wenn er äußerlich
unthätig schien. Freilich hatte dieses Versinken oft auch andere
Ursachen. Fast mit periodischer Regelmäßigkeit kamen Zeiten, in denen
die alte Schwermuth ihn immer wieder ergriff, wo ihn Muthlosigkeit,
ein Verzweifeln an sich und seinen Kräften, und wahrer Lebensüberdruß
überfiel. Er klagte, seine Seelenkräfte seien dann wie erlahmt, die
Fäden seines Innern zerrissen. Jede Störung war ihm unbequem, und es
war fast unmöglich, ihn diesen Krisen zu entziehen. Er fuhr jähzornig
auf. Er schalt sich selbst, daß in jüngern Jahren oft eine blinde Wuth
wie eine unwiderstehliche Gewalt über ihn gekommen sei, von der er
sich nur mit Mühe, und immer noch nicht ganz frei gemacht habe. Der
geheimnißvolle Instinct stand ihm überall obenan, er lauschte auf seine
Stimme und wartete darauf, mitunter auch da, wo das Leben zur That
drängte.
Mit dieser Eigenthümlichkeit hing es zusammen, daß er sich vor jedem
unmittelbaren und entscheidenden Handeln scheute. Ebenso wenig liebte
er ein abwägendes, verstandesmäßiges Ueberlegen. Selbst in kleinen
Dingen vermied er nothwendige Entschlüsse solange als möglich, und
endlich im Drange des Augenblicks that er nicht, was er wollte, sondern
was er mußte. Selbst das Briefschreiben schob er Monate, in manchen
Fällen Jahre lang hinaus, während er sich des Lasters des Aufschiebens
unaufhörlich bitter anklagte. Viele Unannehmlichkeiten seines Lebens
flossen aus dieser Quelle, und ließen ihn vor der Welt ganz anders
erscheinen, als er war, die ihn dafür durch schonungsloses Verurtheilen
hart genug strafte.
Am heftigsten zürnten ihm jüngere Dichter und Schriftsteller, welche
ihm zwei, drei Manuscripte nacheinander zusandten, und auf keines
Antwort erhielten, während sie in verzeihlicher Autorenungeduld
brannten, irgendein anerkennendes Wort aus dem Munde des Meisters zu
hören. Sie sahen darin Laune, Geringschätzung, oder gar literarische
Eifersucht, die unlautersten Beweggründe schoben sie ihm unter, und es
war nur der Widerwille, sich seinen Gedanken zu entreißen, die Furcht,
einen Brief schreiben zu müssen. Zu diesen Gegnern gehörte auch der
unglückliche Skepsgardh, der das Wohlwollen, welches ihm Tieck bewiesen
hatte, durch hämische Angriffe und Verdächtigungen in seinem Romane
vergalt.
Ueberhaupt beurtheilten Fernstehende ihn oft falsch, und entwarfen sich
nach einzelnen Zügen in seinen Schriften ein Bild, das mit der Wahrheit
nichts gemein hatte. Man hielt ihn für scharf, absprechend, intolerant,
oder auch für böswillig. Man hatte aber, wie er selbst darüber an
Solger schrieb, das Unabsichtliche, Arglose, ja Leichtsinnige in den
Dichtungen nicht herauserkannt. Es war eben seine volle und reine
Unbefangenheit, die man ihm nicht zutraute. Er konnte auch über Freunde
scherzen, und Niemand stellte seine wahren Freunde höher als er; nur da
könne man wahrhaft lieben, wo man das Menschliche auch in den Schwächen
erkenne. Ebenso mit Recht sagte er, daß er die Schriftsteller, welche
er früher angriff, niemals gehaßt habe.
Güte, ja Weichheit des Herzens waren Grundzüge seines Wesens.
Keiner Bitte, keiner Forderung, die seine Unterstützung in Anspruch
nahm, vermochte er zu widerstehen. Ueberall war er bereit, mit Rath,
Verwendung oder Geld zu helfen. Er ermüdete nicht, selbst einem häufig
wiederkehrenden, und mehr als dreisten Ansinnen zu genügen. Praktische
Freunde suchten oft zu seinem Vortheile dieser Wohlthätigkeit ein
Ende zu machen. Aber er selbst kannte die kleinlichen und drückenden
Verlegenheiten, die das Leben bereitet, aus frühern Zeiten nur zu
gut. Geld hatte nur als ein leidiges, aber unentbehrliches Mittel der
gegenwärtigen Subsistenz Werth für ihn, darum gab er mit vollen Händen
und ohne Berechnung, um der augenblicklichen Noth Anderer abzuhelfen.
Es ließ ihm innerlich keine Ruhe, bis er weggegeben hatte, was er
selbst irgend entbehren konnte. Manchen alten Schulbekannten, manches
darbende Talent befreite er aus der dringendsten Noth, ohne dafür Dank
zu ernten oder zu erwarten. Großartig vergaß er, was er gethan hatte.
Auch seinen Einfluß machte er zum Vortheile Anderer geltend, während er
für sich selbst nichts wünschte.
Gegen äußere Ehren war er gleichgültig. Obgleich Inhaber des bairischen
Civilverdienstordens pflegte er doch sarkastisch über Diejenigen zu
lächeln, welche von dem persönlichen Adel, der damit verbunden ist,
Gebrauch machten. Auf die Frage, welche Orden er habe, wußte er kaum zu
antworten.
Bei der praktischen Beurtheilung der Menschen leitete ihn seine Milde
in späterer Zeit mitunter irre. Der Herzenskündiger in der Novelle,
vor dessen klarem Blicke die feinsten Schattirungen des Charakters
und die Beweggründe des Handelns offen dalagen, übersah im Leben
die augenscheinlichsten Mängel und Fehler. Unbefangen setzte er
überall das Beste voraus; es war daher in gewöhnlichen Dingen leicht,
diesen Glauben zu täuschen und zu misbrauchen. Bis auf den letzten
Augenblick hielt er an seiner guten Meinung fest, und in den Versuchen
der Freunde, ihn aufzuklären, sah er übertriebenen Eifer oder gar
Verfolgungssucht.
Wie das dichterische Talent wurzelte in seinem dämonischen Wesen manche
andere Eigenthümlichkeit, ja Sonderbarkeit, die den außerordentlichen
Menschen verrieth, der die gerade gezogenen Linien des Lebens
unbewußt oder mit humoristischer Keckheit überschritt. Aus seiner
Wandlungsfähigkeit ergab sich das schauspielerische Talent. Es war
nicht allein die mimische, sondern die dichterische Kraft sich in die
verschiedenen Stimmungen, Leidenschaften und Charaktere zu versetzen
und sie wiederzugeben. Die Größe derselben hat Niemand treffender
gewürdigt als Brentano, der in einem Briefe sagt: „Ludwig Tieck ist
allein beauftragt, der Mimik ein Licht aufzustecken, da er das größte
mimische Talent ist, was jemals die Bühne +nicht+ betreten.
Dieser Dichter, der als darstellender Künstler die Bühne zu einer
Ehre gebracht haben würde, deren sich wenige diesseit oder jenseit
der Lampen träumen, ist kein Schauspieler geworden, worüber Thalia
und Melpomene mit inniger Beschämung trauern sollten, denn er hat den
innersten Beruf und ein Talent zur Bühne, wie es sich alle Jahrhunderte
einmal hinauf verirrt.“
Aus der Zeit des frühern Mannesalters wußten seine Freunde von den
Wirkungen dieses Talents Staunenswerthes zu erzählen. Ergötzlich
berichtet Steffens, wie er ein höchst drastisches Lustspiel: „Der Affe
als Liebhaber“, improvisirt und in allen Rollen allein aufgeführt habe.
Auf einem Stuhle sitzend oder liegend parodirte er zu allgemeinstem
Jubel der Zuschauer die mimischen Darstellungen der Händel-Schütz als
Sphinx oder Ariadne. Es kam vor, daß er in den Kreis wohlbekannter
Freunde trat, und in einem angenommenen Charakter längere Zeit sprach,
ohne erkannt zu werden, oder daß er in der Menge zudrängender Menschen,
etwa im Theater, von ihrer Seite fortgerissen schien, während er nur
einen fremden Ausdruck des Gesichts angenommen hatte. Noch aus dem
Jahre 1806, wo er durch Krankheit bereits geschwächt war, erzählt er in
seinen italienischen Reisegedichten eine ähnliche List. Um in Rom einem
lästigen Schwätzer zu entgehen, den er aus der Ferne heraneilen sah,
erhob er seine Gestalt und änderte die Züge so vollständig, daß der
Herzutretende stutzig ward, den Hut zog und ihn mit der Entschuldigung
verließ, daß er sich in der Person geirrt habe.
Die Lust, mimisch zu agiren, zeigte sich auch in der Liebhaberei für
Bleisoldaten. An diesem phantastischen Spiele nahm früher Bernhardi,
später Dorothea Theil. Durch Kauf und Geschenk kam er in den Besitz
eines bleiernen Heeres, für das eigene Kisten und Tische angefertigt
werden mußten. Auch das war eine Selbstironie; während ihm im Leben das
militärische Wesen zuwider war, unterhielt er sich mit den Abbildern
desselben im Spiele. Die letzten Trümmer dieser großen Armee gab er
in den Kindergesellschaften preis, welche er noch in Berlin ab und
zu veranstaltete. Hier präsidirte er unter großem Freudengeschrei
der Theilnehmer, und das Fest endete gewöhnlich damit, daß er
„Rothkäppchen“, „Die Elfen“ oder sonst ein Märchen vorlas.
Diesen Eigenthümlichkeiten stand ein anderes Element seines Charakters
gegenüber, das er als angeborene Pedanterei und Philisterei
bezeichnete. Es war ein heilsames Gegengewicht der dunkeln
Naturkräfte, und seinen gelehrten Neigungen und Arbeiten verdankte
er oft Zerstreuung und Rettung in innern Kämpfen. Er behauptete, zu
Zeiten Tabellen und registrirende Schriften mit dem größten Vergnügen
angefertigt zu haben; schon das mechanische Schreiben sei ihm dann
angenehm gewesen.
Zu den gelehrten Liebhabereien gehörte vor allen das Ankaufen und
Sammeln von Büchern. Schon in Dresden war er im Besitze einer
Bibliothek, die mit Recht berühmt genannt werden konnte, und
deren Umfang endlich auf 16000 Bände stieg. Für alle Zweige der
philologischen, historischen und dichterischen Literatur sammelte
er, jedoch für keine mehr als für das Drama, und am liebsten für
das altenglische und spanische. Er besaß eine bedeutende Anzahl
sehr seltener Drucke Shakspeare’s, Cervantes’, Lope de Vega’s und
Calderon’s, und eine fast vollständige Literatur dieser Dichter. Mit
den namhaftesten Antiquaren und Buchhändlern stand er in Verbindung,
und nie ließ er einen Freund nach Frankreich oder England reisen, ohne
ihm Aufträge mitzugeben. Für den alten Druck eines dramatischen Werks
war ihm kaum ein Preis zu hoch, und manches Vergessene brachte er durch
seine wiederholte Nachfrage wieder in Gang. In früherer Zeit in Dresden
besuchte er selbst die Bücherauctionen, die ihm zu einem Glücksspiele
wurden, an dem er mit Eifer und Leidenschaft Theil nahm. Schon die
Lectüre von Auctionskatalogen gewährte ihm besonderes Behagen. Auf
dem Zimmer verfolgte er die Bücherauctionen in Halle oder Leipzig mit
dem Katalog in der Hand, indem er sie sich dramatisch ausmalte, und
im Stillen mitbot. „Jeder Mensch“, sagte er, „hat seine Narrheit und
seinen Wahnsinn; ich bin ein unverbesserlicher Büchernarr.“
Zu seinem Vergnügen gehörte es auch, die Bücher stets nach neuen
Gesichtspunkten zu ordnen oder durch seinen Diener ordnen zu lassen.
Mehr als einmal drohte ihn die Masse derselben aus der Wohnung zu
verdrängen. Im Jahre 1849 ward er ihrer plötzlich überdrüssig. Was
er Jahre lang umsichtig und sorgfältig gesammelt hatte, ward ihm zu
einer Last, von der er je eher je lieber befreit zu sein wünschte.
Ein namhafter Antiquar kaufte die Bibliothek und brachte sie zur
Versteigerung. Mit Recht fürchteten seine Freunde, er werde den
Eindruck der kahlen Wände nicht ertragen, und seine geliebten Bücher
schmerzlich vermissen. Kaum war er die erste Bibliothek los geworden,
so begann er eine zweite zu sammeln, die in kurzer Zeit ebenfalls
11000 Bände betrug. Bei dieser Gelegenheit ward ihm ein neuer Beweis
königlicher Huld zu Theil. Der König ließ eine bedeutende Anzahl
der seltensten alten spanischen Drucke aus der ersten Bibliothek
zurückkaufen, und überraschte ihn am nächsten Weihnachtsfeste mit
diesem Geschenke.
4. Die letzten Tage.
Seit der schweren Krankheit und lebensgefährlichen Operation, die er
1845 bestanden, hatte die körperliche Schwäche zugenommen. Spaziergänge
in freier Luft hatte er schon früher selten gemacht, jetzt gab er sie
ganz auf; nur an den heißesten Sommertagen pflegte er auszufahren.
Im Jahre 1850 bezog er zum letzten Male seine Wohnung in Potsdam.
Hier saß er fast den ganzen Tag auf dem geschützten Balkon in der
Sonne. Dieser Luftgenuß gewährte ihm große Stärkung. Der Blick auf den
grünen Park von Sanssouci war der letzte in jenes Naturreich, das ihn
oft unwiderstehlich an sich gezogen hatte. Er, der einst die Nächte
unter freiem Himmel, im Walde durchwachte, war des Waldesrauschens so
entwöhnt, daß er freie Luft und Bewegung scherzweise ein Vorurtheil
schalt, und über den leisesten Zugwind in heftigen Zorn ausbrach.
Damit und seinen übrigen körperlichen Gebrechen hing es zusammen,
daß er auf Reisen die Eisenbahnen soviel als möglich vermied. Der
schneidende Luftzug, der Kohlenstaub, das Gerassel der Schienen, das
Menschengewirr, die Eile, Alles war ihm unerträglich und übertäubte ihn
nervös bis zur Krankheit. Ihn verdroß die fabrikmäßige Hast, mit der
das Reisen betrieben wurde, der Untergang aller Reisepoesie, in der ihm
das Leben stets am glänzendsten erschienen war. Darum blieb er bei dem
alten Reisewagen, und der Eisenbahn zum Trotz fuhr er nach Potsdam nie
anders als auf der einsamen Poststraße.
Am 7. Januar 1851 las er in einer kleinen Gesellschaft Goethe’s
Singspiel: „Scherz, List und Rache.“ Wie öfter in dieser Zeit wurde
er von heftigem Husten unterbrochen, der sich krampfhaft steigerte.
Verstimmt schlug er nach dem dritten Acte das Buch zu. Es war seine
letzte Vorlesung. Zustände nervöser Abspannung, besonders nach
lebhafter Unterhaltung, wurden jetzt häufiger. Zugleich war eine
Verschleimung der Brust eingetreten, die den Athem versetzte. Im März
verfiel er in eine langwierige Krankheit, welche ihn dem Tode nahe
brachte. Die Lebensfunctionen schienen aufgehört zu haben. Einmal
erwartete man mit Gewißheit vor Anbruch des Morgens seinen Tod. Aber es
war die Krisis; auch jetzt noch rang sich die starke Lebenskraft durch.
Man bewachte und pflegte ihn mit unermüdlicher Sorgfalt. Der König
schickte einen seiner Leibärzte, den ~Dr.~ Grimm, durch den er
sich über Tieck’s Befinden Bericht abstatten ließ. Sein unermüdlicher
Hausarzt war der Regimentsarzt ~Dr.~ Hauck. Nach Monate langem
Schwanken genas er so weit, als es noch möglich war. Zum Alter
gesellte sich die Schwäche der Krankheit; sie war unüberwindlich. Er
vermochte ohne Unterstützung nicht mehr zu gehen, und befand sich nur
einen Theil des Tages außerhalb des Bettes. Immer später erhob er sich,
immer früher verlangte er dahin zurück; zuletzt verließ er es nur
in den Mittagsstunden, endlich gar nicht mehr. Sobald er es sich im
Bette bequem gemacht hatte, ward er wieder gesprächig und heiter, und
leuchtend blitzte die geistige Kraft auf.
Es machte einen trüben Eindruck, den Mann auf den ärmlichsten Raum des
Daseins beschränkt und in jeder freien Bewegung schmerzlich gehemmt zu
sehen, dem einst das Leben nicht weit genug schien. Doch längst war er
im Leiden geübt, und auch mit dieser Weise befreundete er sich. Von
der letzten Höhe des Wegs schaute er aus einem andern Gesichtspunkte
auf das Leben zurück, das in neuer Beleuchtung wie ein durchmessenes
Land, von dem der Wanderer Abschied nimmt, hinter ihm lag. Noch einmal
machte er seinen Umkreis durch. Zunächst in der Lectüre; Shakspeare
und Ben Jonson, Calderon und Lope, Tasso und Goethe, alle Geister
seiner Jugend rief er auf. Er sagte, er habe versuchen wollen, welchen
Eindruck das Buch in seiner jetzigen Lage auf ihn machen werde. Auch
die Bibel las er von Anfang an durch. Abwechselungen gewährten die
neuesten Erscheinungen der Literatur, die er flüchtig durchlief, seine
Bücherkataloge und die Zusendungen von Freunden. Auf einem kleinen
Tische, neben dem alterthümlichen Himmelbette, an dessen unterm Ende
ein Lehnstuhl für den Besuchenden stand, lagen die nächsten Bücher,
sein unentbehrlicher Rothstift und das übrige gelehrte Handwerkszeug.
Noch 1850 dictirte er eine freie Uebersetzung von Sheridan’s
„Nebenbuhlern“. Dann begann er die Revision der Novellen für die neue
Gesammtausgabe, deren erste Lieferungen er noch sah. Sein letzter
literarischer Plan war, eine Auswahl seiner Briefe zu geben, die er
zu diesem Zwecke nochmals durchging. Das Letzte, was er für den Druck
schrieb im Spätherbst 1852, war das kurze Vorwort zu den Märchen von
Wahl. Der herzliche Zuruf: „So fahre denn wohl, du liebes Büchelchen!“
war sein Abschiedswort für die Literatur.
Seit er keine geselligen Kreise mehr bildete, ward die Zahl der
Freunde, die sich an seinem Bette versammelten, immer geringer. Die
Gegenwart von mehr als etwa Dreien konnte er ohnehin nicht ertragen.
Dennoch blieb er mit der Außenwelt in Verbindung. Regelmäßig gegen
Abend kam früher sein Bruder, der die letzten Stunden des Tages bei ihm
zubrachte. Es war interessant zu hören, wie ihre Erinnerungen sie in
Scherz und Ernst auf alte Zeiten zurückleiteten. Auch er war geistvoll,
in den verschiedensten Zweigen des Wissens reich an Kenntnissen, sicher
in seinem Urtheile, mit den ausgezeichnetsten Personen hatte er Umgang
gehabt, seine Unterhaltung war beredt und anziehend. Man mußte es tief
bedauern, daß Schwäche des Charakters und ungünstige Umstände ein so
reiches Talent nicht hatten zur vollen Entwickelung kommen lassen.
Nach schwerer Krankheit war er 1851 gestorben. Auch Tieck’s ältester
und treuester Freund, F. von Raumer, besuchte ihn täglich. Oft kam
er unmittelbar von parlamentarischen oder literarischen Kämpfen, und
lebendig und frisch wußte er stets Neues zu berichten, wie es draußen
in der Welt hergehe, und manches bewegte Gespräch zu veranlassen. In
allen praktischen Dingen war er seit langer Zeit der vertrauteste
Rathgeber. Aehnlich stand der Graf York-Wartenburg, ein Freund aus der
dresdener Zeit, der in Leben und Dichtung an Allem, was Tieck betraf,
den lebhaftesten Antheil nahm; so oft er in Berlin war, besuchte er
ihn. Sein Neffe, G. Waagen, Director bei dem Museum, berichtete ihm von
Kunstsachen; andere treue Freunde, der Hofrath Teichmann vom Theater,
der Professor Werder von Philosophie und Literatur. Auch manche Jüngere
fanden sich ein, und Alle brachten herbei, was sie vermochten. So ward
er mit Allem, was den Tag beschäftigte, auch mit dessen Launen und
Wunderlichkeiten bekannt, und selbst über das eben auftauchende Unwesen
des Tischrückens und der Klopfgeister lächelte er noch sarkastisch.
Gern und oft führte er aus, wie er immer reich an Freunden gewesen
sei, und wie es zum Wesen der Freundschaft gehöre, mit einem jeden
ein besonderes und eigenthümliches Leben zu führen; wie sich das auch
auf Gleichgültigeres erstrecke, denn was er dem Einen leicht, fast
unwillkürlich mittheile, komme ihm bei der Unterhaltung mit einem
Andern nicht in den Sinn. Dann ließ er alle bei sich vorüberziehen,
Wackenroder, Novalis, Fr. Schlegel, Solger, und wie er so lange sie
alle überlebt habe. In diesem Sinne schrieb er schon 1832 an Raumer:
„Ist es nicht die Seligkeit der Freundschaft, daß wir von jedem echten
Freunde auf eine ganz eigene, andere Art geliebt werden, wie wir jedem
denn auch mit einer eigenthümlichen Liebe entgegenkommen? -- -- Wie
hätte z. B. A. W. Schlegel die Liebe brauchen können, mit welcher
ich Novalis zugethan war? Wackenroder hätte mit meinen Solger’schen
Geistesergüssen nichts anzufangen gewußt, und Solger hätte sich gewiß
zurückgezogen, wäre ihm eine Freundschaft wie zu Wackenroder in mir
entgegengetreten. -- Je mehr wahre Freunde der Mensch hat, je reicher
gestaltet und entwickelt er sich selbst. Nur der selbst reiche Mensch
kann auch viele reichbegabte Freunde haben.“
Die angenehmste Unterhaltung, vielleicht der letzte Genuß, der ihm
geblieben, waren im vertrauten Gespräche seine Erinnerungen. Das ganze
Leben rollte sich vor dem Blicke auf, und in der Erzählung jugendlicher
Kämpfe und Abenteuer, von seinem ersten Dichten und Ahnen ward er
wieder jung. Jene ältern Männer, die er damals gesehen und gekannt
hatte, standen in seiner Phantasie als Greise da; er war der Jüngling,
er war kühn, unternehmend und hoffnungsvoll. Die Zeiten verschwanden
in dieser Entzückung, seine Umgebung vergaß er, und übertrug die
Bezeichnung „der alte Herr“ auf lebende Personen, welche jünger waren
als er. Neben den Freuden der Jugend durchlebte er auch alle Schmerzen
und Verluste, die er erlitten, jeden Kummer, den er an und mit Freunden
und Verwandten erfahren hatte, und alte Wunden brachen auf. Dann
vergrub er sich in verzehrenden Gram und Schwermuth. Indem er der
Geschlechter gedachte, welche an ihm vorübergegangen waren, sagte er:
„Ich fühle, was die Schrift sagen will, wenn sie die Patriarchen alt
und lebenssatt nennt. Man hat endlich auch des Lebens genug. Welche
Augenblicke kommen nicht in einsamen und schlaflosen Nächten, wo alle
Erfahrungen und Verluste an uns vorübergehen! Ich habe meine nächsten
Angehörigen und Freunde verloren. Alles, was ich mit ihnen erlebt habe,
wie ihr Verlust, ist mir wie gestern. Man kann wol zu Zeiten heiter
sein, aber dergleichen verschmerzt sich nicht.“
Diese gramvollen Erinnerungen, die ihn Tage und Nächte lang
beschäftigten, führten ihn wieder auf wohlbekannte allgemeine
Betrachtungen. Wie räthselhaft waren nicht Talent, Glück und Unglück
im Leben vertheilt! Was wollte das Uebel, das Böse in der Welt, was
war Gottes Rathschluß mit ihr? Es waren dieselben Fragen, vor denen er
als Jüngling gestanden hatte. Doch zwischen jetzt und damals lag ein
langes Leben, sein Ergebniß war eine fromme und demüthige Weisheit.
Stets schloß er mit dem Gedanken hingebender Resignation ab. Wohin
immer Zweifel und Forschung führen, was er auch erlebt habe, oder die
Zukunft ihm bringen möge, er stehe in der Macht und Hand Gottes, was
sein unendlicher Rathschluß ihm zutheile, sei das Beste. Seit er diese
Hingebung an einen heiligen Willen gewonnen, könne er die ruhige und
versöhnte Stimmung nie ganz verlieren, auch wenn sie von Zweifeln
angefochten werde, sie sei der Anfang der wahren Weisheit. In diesem
Glauben söhnte er sich mit allen Schmerzen aus, die ihm so reichlich
zu Theil geworden waren. Es war dieselbe Ansicht, die er 1832 in einem
Briefe an Raumer aussprach: „Und warum sollen wir denn unsere Schmerzen
nicht ausdulden, sind sie nicht unser kostbarstes Gut? Ohne die echten
wäre ja unser Leben nur ein Spiel und die Freude nüchtern.“
Blickte er auf die hellen Seiten des Lebens, auf das, was ihm vor
vielen Andern geworden war, wog er Schmerz und Freude, Verlust und
Besitz gegeneinander ab, so schloß die Rechnung mit tiefster Demuth und
der frommsten Dankbarkeit gegen Gott. Was hatte er gethan, um diese
reichen Talente, diese Entzückungen zu verdienen? Warum war es gerade
ihm gegeben? „Alles ist Wohlthat und unverdiente Gnade“, sagte er.
Diese Frömmigkeit war stets eine Grundstimmung seines Herzens,
aber niemals hatte er sie auf der Zunge getragen, sondern als sein
Heiligstes, was er nur den vertrautesten Freunden zeigte, in sich
verschlossen. Nach der Feier seines sechzigsten Geburtstags schrieb
er an Raumer: „Wesentlich ist mein Leben ein glückliches gewesen.
Diese tödtlichen Krankheiten habe ich überstanden, und bin gesunder
und kräftiger als Viele meines Alters. Mir ward es vergönnt, das
Schöne und Große zu sehen und zu erkennen. Der Enthusiasmus, der mich
auf meine Bahn getrieben hat, war kein vorübergehender Jugendrausch,
die Vorzeit ist mir verständlich geworden, die Natur mir befreundet,
und viele große Geister der Weltgeschichte und Kunst sind mir kein
stummes Räthsel. Meine Arbeiten haben auf meine Zeit und edle Gemüther
eingewirkt.“ Im Jahre 1831 schrieb er an denselben Freund: „So
viele Menschen wissen ihres Jammers und der Anklage kein Ende, und
ich weiß in Dankbarkeit gegen Gott keine Ausdrücke zu finden, über
so unermeßliches Glück, dessen er mich gewürdigt hat; -- daß weder
Andacht, noch Idee, noch Kunstverständniß, ohne Gnade, ohne jene
unmittelbare Vereinigung mit dem Göttlichen, zu dem mein Ich nichts
thun kann, in mir aufgeht, und daß ich doch täglich so in verschiedener
Gestaltung, die Ewigkeit in dem Unnennbaren in meinem Innern fühle.
Wodurch habe ich es verdient, daß die Gnade mich so vor Tausenden, vor
Millionen ausgewählt hat? Dies Geheimniß bleibt unerforschlich. Der
also, der so viel für mich unwidersprechlich gethan hat, wird mich
nicht fallen lassen, wenn ich seine Gnade nicht sündlich misbrauche.
Das Innerste, der Geist dessen, was ich gedacht, gearbeitet, geschaut,
jede Begeisterung und Entzückung folgt mir nach, oder vielmehr, ich
finde sie da wieder, von wo sie mir auf Augenblicke in meine Seele
herabstieg.“
Wenn er in den letzten Tagen in einem ähnlichen erhabenen Tone sprach,
schien eine höhere Weihe und Entzückung auf ihm zu ruhen; er hatte mit
der Erde abgeschlossen. Diese tiefe Ruhe theilte sich allmächtig mit,
und wer an seinem Bette saß, fühlte sich auf einer geistigen Höhe,
zu der das verworrene Geschrei des gewöhnlichen Lebens nicht mehr
hinaufreichte.