Fremder hatte er es in den verflossenen Jahrzehnden besucht, er mußte
auf dem alten und doch neuen Boden erst wieder heimisch werden. Ihm
schwebte das Berlin aus dem Anfange des Jahrhunderts vor, welches kaum
zur großen Stadt zu werden anfing. Wie sehr war es seitdem räumlich
und geistig gewachsen! Zu den Erinnerungen an Friedrich waren die
Wirkungen der Freiheitskriege hinzugekommen, die Universität war
begründet, auf die Romantiker und Fichte war Hegel, auf Teller und
Zöllner Schleiermacher gefolgt, und viele bedeutende Persönlichkeiten
herbeigezogen worden. Ueberall war System und Organisation, eine Masse
gelehrter Kenntnisse und scharfer Kritik hatte sich angesammelt. Dazu
kamen die tausendfach gespaltenen Interessen der großen Haupt- und
Residenzstadt, welche die verschiedenartigsten und oft feindlichsten
Elemente in sich vereinigt. Trotz aller Centralisation und der
augenblicklichen Anstöße, welche die öffentliche Meinung bald nach der
einen oder der andern Seite hin trieben, war es doch unmöglich die
bedeutendsten Kräfte um einen Mittelpunkt zu sammeln. Es gab hier eine
Art von Republikanismus der Geister, der keine Herrschaft eines Geistes
anerkannte. In jedem Augenblick war man mit einer schlagfertigen
Kritik, mit einem Witzworte bei der Hand, und stets geneigter Fehlendes
zu vermissen als Vorhandenes anzuerkennen. Die kritisirenden Gebildeten
hatten Alles längst besser gewußt, die Frommen kreuzigten sich vor dem
weltlichen Treiben, welches auf Wissenschaft und Kunst einen hohen
Werth legte, und die politischen Reformer riefen immer lauter auf, das
Spielzeug bei Seite zu werfen, weil man der Männer und Thaten bedürfe.
Und in diese Bewegungen hätte ein greiser Dichter mit harmlosen
dramatischen Vorlesungen und Kritiken eingreifen sollen?
Auch er war nicht mehr derselbe wie in Dresden; er war alt, von
Leiden gebeugt, die letzten Jahre des Lebens setzte er ein. Schon
darum konnte er nicht mehr, wie er früher gethan, ein offenes Haus
halten. Um so gehässiger war der Vorwurf, daß er sich absichtlich mit
kleinen Geistern umgäbe, welche ihm nichts Fremdes und Unbequemes
nahe zu bringen vermöchten, und ihm die Mühe jedes Streites und der
Vertheidigung seiner Autorität ersparten. Es verrieth sich darin
die kleinliche Eitelkeit, die sich zurückgesetzt glaubte und seine
einfache Weise nicht kannte. Der Zutritt stand auch jetzt noch einem
Jeden offen, und wer sich ihm in unbefangener Weise nahte, konnte der
freundlichsten Aufnahme gewiß sein.
Aber er war darum nicht vereinzelt. Immer sammelten sich genug der
Geister um ihn, und es waren die bedeutendsten darunter, und die
zahlreichen Sendungen, Briefe und Anfragen, die er empfing, bewiesen,
daß er noch im Mittelpunkte der literarischen Welt stehe. Sein
Verhältniß zum Theater brachte ihn in nähere Berührung mit Felix
Mendelssohn, Meyerbeer; er verkehrte mit Rauch und Kaulbach. Mit
Wärme hatte A. v. Humboldt das alte freundschaftliche Verhältniß
aufgenommen. Auch andere berliner Gelehrte, namentlich v. d. Hagen,
standen ihm nahe. Fremde, besonders Engländer, darunter Carlysle und
der Negerschauspieler Aldridge, versäumten es nicht ihn aufzusuchen;
ebenso viele Schriftsteller und Dichter der jüngern Literatur.
Seine literarische Thätigkeit hatte in dieser Zeit einen sichtenden und
sammelnden Charakter. Zunehmende Kränklichkeit, dann wieder nach außen
ablenkende Zerstreuungen ließen es zu nichts Anderm kommen. Zwar war er
immer noch reich an Plänen und literarischen Stoffen, die er bearbeiten
wollte, oft mahnte ihn auch die Fortsetzung der „Cevennen“ als eine
Schuld, die abzutragen sei, doch dies Alles trat vor einem andern
Gedanken zurück. Er dachte ernstlich daran, die Denkwürdigkeiten seines
Lebens zu schreiben. Mehr als funfzig Jahre, voll der gewaltigsten
Umwälzungen, überblickte er; so vieles hatte er in sich und mit Andern
erlebt und mit bedeutenden Männern in naher Verbindung gestanden.
Es war ein Leben, wohl würdig, daß davon ausführlicher gesprochen
werde. Schon im Jahre 1838 hatte er diesen Plan. Er hatte es, wie er
damals an seinen Bruder schrieb, als eine Pflicht erkannt, in unserer
verwirrten Zeit, Umstände und Personen, soweit sie ihn angingen, in
das gehörige Licht zu setzen. Zu demselben Zwecke ordnete er mit Hülfe
eines jungen Beamten, den der König ihm als Secretär zugegeben hatte,
seine umfassende Briefsammlung, die von 1792 bis auf die Gegenwart
herabging. Seine literarhistorischen Schriften, die gelegentlich als
Vorreden und Einleitungen erschienen waren, gab er gesammelt unter dem
Titel „Kritische Schriften“ in zwei Bänden heraus. Eduard Devrient, der
sich ihm schon früher in freundschaftlicher Verehrung angeschlossen
hatte, fügte ihnen später die „Dramaturgischen Blätter“, durch eine
Nachlese vermehrt, als dritten und vierten Band hinzu. Außerdem fand
sich öfter Gelegenheit, hier und da ein empfehlendes oder einleitendes
Wort öffentlich zu sagen. Er führte ein ehrenvolles und gleichmäßiges
literarisches Stillleben. Da kam das Jahr 1848.
Fünfundsiebzig Jahre war er alt geworden, als er diesen jähen
politischen Umsturz erlebte. Er erinnerte sich der Aufregungen beim
Ausbruch der Französischen Revolution, der Napoleonischen Herrschaft
und ihres Falles, der Kämpfe von 1830, aber keine Revolution war
unerwarteter und unter drohendern Zeichen hereingebrochen als diese. Am
18. März erbaute man Barrikaden und schoß und schlug sich unter seinen
Fenstern. Mit seinen Büchern beschäftigt blieb er die Nacht über aus
dem Bette. Für das Dasein irgendeiner staatlichen Ordnung wurde in den
nächsten Monaten gestritten, und alles was die Gemüther vorher harmlos
beschäftigt hatte, war von einer vernichtenden Flut fortgerissen. Wen
kümmerten jetzt noch die Streitfragen der Romantik!
Der regelmäßige Besuch des Hofes ward unmöglich, obgleich Tieck,
um den fortwährenden Unruhen zu entgehen, die Sommerwohnung in
Potsdam frühzeitig bezogen hatte. Mit tiefer Empörung betrachtete er
diese Ereignisse. Verhaßter, widerwärtiger war ihm nichts als ein
anarchisches Straßenregiment, in dessen wilden Strudeln Staat und
politische Vernunft, Sitte und Ordnung, Dichtung und Wissenschaft
gleichmäßig unterzugehen drohten. Herangewachsen im Zeitalter
Friedrich’s des Großen hatte er, wenn sonst auch nichts, doch Eines
aus demselben mit herübergenommen, die Ueberzeugung eines strengen
Monarchismus. Dennoch hatte er bei Gelegenheit des „Gestiefelten
Katers“ von übereifrigen Royalisten den Vorwurf gehört, durch jenen
marionettenhaften König das Königthum erniedrigt zu haben. Was er
dagegen in dem kurzen Bericht über die Aufführung des Lustspiels sagte,
war seine vollste Ueberzeugung: „Ich behaupte, daß die Macht des Königs
die natürlichste, begründetste und wohlthätigste von allen politischen
Einrichtungen ist. Dem Poeten ist nun vollends die Erscheinung eines
Königs groß und bedeutend; er wird seinen poetischen Standpunkt völlig
einbüßen, wenn ihm diese natürlichste Würde und Hoheit nicht mehr mit
Glanz entgegentreten sollte. Die Republik ist der Prosaismus, und wenn
sie auch große Erscheinungen bietet, wie es im Alterthum der Fall war,
so kann sie sich poetisch nicht mit dem Königthum messen.“
So war ihm Alles zuwider, was in jenen Tagen geschah. Vom Liberalismus
erwartete er nichts, den Kosmopolitismus in seiner nebelhaften
Allgemeinheit verachtete er, die rohen Ausbrüche der Tagesdemokratie
haßte er. Es war ihm höchst zweifelhaft, ob die Kammern mit ihren
Debatten und oft schwierigen Beschlüssen das Wohl des Landes zu fördern
vermöchten. Er sah in ihnen kein Gegengewicht monarchischer Allgewalt.
Ueberall wollte er strenge, feste Ordnung. Für das bürgerliche
Kleinleben, und auch das war eine jugendliche Erinnerung, liebte er die
Zünfte. Ein fester, vernünftiger Wille sollte die Dinge entscheiden.
Nächst den wohlbegründeten Ordnungen der Verwaltung fand er nur in
dem offenen, wohlmeinenden und unerschütterlichen Freimuth der Räthe
und guten Patrioten eine politische Schranke. Auch hier war ihm die
tüchtige, durchgebildete Persönlichkeit Alles.
Obgleich er nichts mehr floh als politischen Streit, so war es doch
bei der herrschenden Aufregung unmöglich, ihm selbst in engern Kreisen
zu entgehen. Ward er durch heftigen Widerspruch, oder unverständige
und übertriebene Aeußerungen allzu sehr gereizt, so schlug sein
gewöhnlicher Gleichmuth in heftigen Zorn um. Alter und Lage würden
ihn völlig entschuldigt haben, wenn er sich von allen öffentlichen
Handlungen ferngehalten hätte. Dennoch konnte er sich nicht versagen
für die gute Sache seine Stimme als Urwähler abzugeben. Das war für ihn
kein kleines Opfer. Große Versammlungen, lautes und leidenschaftliches
Durcheinanderreden, der Aufenthalt in stickiger Luft waren ihm physisch
unerträglich. Aber er überwand Alles und hielt mehrere Stunden,
eingehüllt von dichten Tabackswolken, in einem Wahllocale aus, bis
er seine Stimme abgegeben hatte. Als er an der Treppe seiner Wohnung
anlangte, ward er fast ohnmächtig, und erreichte das Zimmer nur mit
Mühe.
Auch andere Opfer brachte er bereitwillig. Als nach dem Eintritt des
ersten Rückschlags fast alle Häuser mit militärischer Einquartierung
belegt wurden, wies man ihm einen jungen Lieutenant zu, der höchlich
erfreut war, auf diesem Wege die Bekanntschaft des Dichters zu machen.
Mittags aß Tieck mit ihm und lud ihn, so oft es der Dienst erlaubte,
auch Abends zu den Vorlesungen ein.
Obgleich entschieden monarchisch gesinnt, sah er doch die rückwärts
drängende Bewegung, welche auf den demokratischen Sturm folgte,
nicht ohne Besorgniß. In den Uebertreibungen eines einseitigen
Parteipatriotismus konnte er das Heil ebenso wenig finden, als in
der formalen Strenge der Kirchlichkeit. Indeß nur selten sprach er
seine abweichenden Ansichten aus, aber stets ebenso entschieden und
freimüthig als maßvoll und würdig, nie im Tone der politischen Partei,
die für ihn überhaupt keine Bedeutung hatte.
3. Lebensweise und Eigenthümlichkeiten.
Die Katastrophe von 1848 machte einen Abschnitt in seinen letzten
Lebensjahren. Die Verhältnisse und Kreise, in denen er zuerst gestanden
hatte, waren dadurch zum großen Theil aufgelöst worden. Anderes, was
ihn persönlich berührte, war hinzugekommen. Schon 1843 hatte sich seine
zweite Tochter nach Schlesien verheirathet, 1847 war die langjährige
Freundin seines Hauses, die Gräfin Finkenstein, gestorben. Er, für den
Gespräch und geistiger Verkehr eine Nothwendigkeit geworden, war jetzt
allein, und saß manche Stunde einsam unter seinen Büchern. Die Pflege
und Hülfe, deren er in jedem Augenblick bedurfte, übernahm nun eine
treue Haushälterin, welche seit mehr als fünfundzwanzig Jahren seinem
Hause angehörte.
Je weniger es die oft lang anhaltende körperliche Abspannung erlaubte,
seine Freunde aufzusuchen, um so lieber versammelte er sie in jedem
günstigen Augenblicke um sich. Häufig geschah es Mittags, und wenn
seine Stimmung irgend heiter war, so belebte er durch anmuthigen
Witz und manche Mittheilungen aus seinem Leben die Unterhaltung.
Die vieljährigen Leiden und das Alter hatten seine innerste Kraft
angegriffen, aber nicht vernichtet. Das bewiesen die dramatischen
Vorlesungen, die er auch jetzt noch fortsetzte. Sie waren ihm
geistiges, fast auch körperliches Bedürfniß geworden. Er konnte die
lange Gewohnheit nicht missen, und die Anstrengung eines drei- bis
vierstündigen lauten und affectvollen Vorlesens vertrat zuletzt
die Stelle körperlicher Bewegung, welche er ganz aufgegeben hatte.
Freilich mußte er sich engere Grenzen ziehen als früher. Der Kreis
der Zuhörer war kleiner geworden; selten waren es mehr als zehn oder
zwölf Personen, meistens nähere Freunde, von denen manche wie sein
Bruder stehende Gäste waren. Doch fanden sich auch Fremde ein, und oft
waren es die berühmtesten Männer. In der Wahl des Stückes richtete er
sich häufig nach den Wünschen der Anwesenden. Nur eines verweigerte er
entschieden, Tragisches oder Shakspeare zu lesen; dazu reiche seine
Kraft nicht mehr aus, auch greife es ihn innerlich zu sehr an. Er
beschränkte sich daher auf Komisches; die Lustspiele von Schröder und
Holberg, Goethe’s kleinere Singspiele und seine eigenen satirischen
Dramen lagen ihm zunächst. Bisweilen zog er auch eine Novelle oder
seine Briefe vor. Noch las er mit alter Meisterschaft; an diesem
kräftigen, vollen Tone hätte Niemand den siebenundsiebzigjährigen Mann
erkannt. Wer ihn wenige Male auch nur diese leichtern Stücke lesen
hörte, wie er beinahe alle mimische Mittel, die der gewandte Vorleser
zu brauchen pflegt, verschmähte, mußte bald erkennen, daß das Geheimniß
seines Lesens auf einer ganz andern Stelle zu suchen sei. Der Dichter
that mehr als der Vorleser, den oft verblaßten Gestalten hauchte er
Leben ein, und indem er las, schaffte er dichterisch von neuem; wie
die einzelnen Charaktere ward das Ganze in ihm lebendig. Es gab eine
einfache Probe. Wer später im Buche nachlas, was er zuerst aus seinem
Munde gehört hatte, erkannte es nicht wieder, und fand nur todte und
langweilige Buchstaben, wo er vorher Leben und Bewegung gesehen und
gehört hatte.
Nichts war ihm lieber als mit zwei oder drei Freunden allein zu sein.
Das unbefangene, ruhige, eindringende Gespräch zog er jeder bewegtern
Unterhaltung vor. Den wahren Austausch der Gedanken, die Wechselwirkung
der Geister wollte er. Kaum mag es je einen größern und zugleich
liebenswürdigern Meister des Gespräches gegeben haben. Es war ihm
ein Zauber eigen, dem auch entschiedene Gegner selten zu widerstehen
vermochten, wenn sie in seine Nähe kamen. Alle seine Freunde, in
welchen Lebensperioden sie auch mit ihm verbunden sein mochten, haben
diese Gewalt kennen gelernt. Es war nicht das lebendige, leicht und
anmuthig fließende Wort allein, welches diesen Eindruck machte, es war
sein bald tiefsinniger, bald humoristischer Inhalt, diese geistige
Durchsichtigkeit, die Bewegung, welche man überall fühlte und die sich
dem Zuhörer mittheilte. Was er erzählte, auch das Kleinste, gestaltete
sich zum anschaulichen Bilde, zu einer mündlichen Novelle.
Doch nur zum Theil lag der hohe Reiz dieser Unterhaltungen in dem,
was er im Zusammenhange gab, vielmehr darin, wie er die Gedanken
des Mitsprechenden aus der Tiefe der Seele hervorzuholen wußte.
Kann man von einer Sokratischen Kunst reden, die dunkel geahnten
Gedanken Anderer zur Klarheit zu bringen, so besaß er sie, aber nicht
als angelernte, sondern als angeborene Kunst. Da war nichts von
Ueberhebung, von drückender oder abweisender Vornehmheit, nichts von
Bevormundung und gemachter Würde. Mit ungetheilter Aufmerksamkeit
folgte er der Gegenrede. Ohne Empfindlichkeit hörte er Ansichten,
welche den seinen entschieden widersprachen, ja er forderte dazu
heraus. Auf jeden Einwand und leisen Zweifel ging er ein. Er erwog
ihn, gewann ihm überraschende Seiten ab, und baute daraus eine Brücke,
auf der das Gespräch sich weiter bewegte, und jenseits that sich eine
neue, vorher nicht geahnte Gegend auf. Unterredungen, in denen ihm
Befangenheit oder Phlegma nur beistimmte, langweilten ihn, machten ihn
verlegen, verdrießlich und endlich stumm. Dieselbe Wirkung hatte auch
das unruhige Durcheinander der gewöhnlichen Unterhaltung, wo jeder
nur spricht um sich selbst zu hören. Manche Besucher glaubten sich
vor ihm in die beste geistige Toilette werfen zu müssen, erhitzten
sich, wollten genial erscheinen, und überschütteten ihn mit langen
Auseinandersetzungen fertiger Gedanken. Nichts brachte ihn sicherer zum
Schweigen als das. Sein Gespräch belehrte, hob und befreite unmerklich;
in diesen geistigen Regionen fühlte man sich zu eigenem Erstaunen
fähiger, klarer, kräftiger.
Es wirkte schon anregend, ihm während er sprach, in das geistvoll
bewegte Gesicht zu sehen. Auf dieser hoch gewölbten, glänzenden Stirn
sah man die Gedanken aufsteigen; schwarze anliegende Haare bedeckten
noch den Hinterkopf bis zum Scheitel. Eine unergründliche Tiefe schien
sich in den großen, dunkeln braunen Augen zu öffnen, aus denen bald
die Schwermuth, bald die Schalkheit hervorblickte. Hier ruhte der
Zauber des Phantasus neben der Ironie der Novelle. Die Nase war edel,
etwas langgezogen, der Mund anmuthig, er hatte einen weichen, fast
weichlichen Ausdruck. Bei der Beweglichkeit der Züge war das Gesicht
der unmittelbare Spiegel jeder Stimmung; sie wechselten mit den
Gedanken, die ihn beherrschten. Oft schien es kaum dasselbe Gesicht
zu sein. Wenn er das Kinn mit Zeigefinger und Daumen der rechten Hand
stützend, unbeweglich saß und sinnend in sich hineinschaute, wurde
man unwillkürlich an einen ruhenden alten Löwen erinnert. Dann trat
auch die Aehnlichkeit mit den Porträts Napoleon’s aus dessen späterer
Zeit, etwa mit denen von Vernet, überraschend hervor. Dagegen ging ein
helles Licht über seine Züge, sie nahmen einen schalkhaft graziösen
Ausdruck an, wenn er einen ironischen Gedanken verfolgte, oder dessen
Eintritt und Wirkung erwartungsvoll vorhersah. Sein Lächeln hatte etwas
Glänzendes; er lachte gern, aber nichts verabscheute er mehr als den
Ton des rohen Gelächters, das ihm als Zeichen höchster Unbildung galt.
Fühlte er sich matt und leidend, so veränderte sich die Scene völlig;
wie ein trüber Schleier lag es auf seinem Gesicht, die Züge hängend,
der Mund schlaff und heruntergezogen. Doch selbst in der Krankheit
reichten wenige Minuten der Unterhaltung, ja ein treffendes Wort hin,
ihn zu erwecken; man kannte ihn nicht wieder, sobald er geistig Theil
nahm.
Die Umgebung, in welcher man sich bei ihm befand, machte den
behaglichsten Eindruck. In den letzten zehn Jahren seines Lebens wohnte
er in einem ältern geschlossenen Hause in der Friedrichstraße 208.
Auf der Hausflur und der breiten Treppe herrschte noch die bequeme
Raumverschwendung früherer Zeiten. Das Geländer der Treppe lief in
eine kolossale Lyra aus, auf welche der Blick des Eintretenden zuerst
fiel. Seine Wohnung war weitläufig, die ganze Zimmerreihe eines
Stockwerkes hatte er inne. Schon seine große Bibliothek erforderte
einen bedeutenden Raum; Bücher waren sein Hauptbesitzthum, und ein
Hauptschmuck der Zimmer. Bis zur Decke hinan erfüllten sie die Wände.
Die seltenern waren in dem eleganten Salon aufgestellt, in welchem
er Abends die Vorlesung hielt. Hier war Alles einladend, nichts
prahlerisch, oder überladen. Auf Repositorien und freien Postamenten
standen die Büsten Holberg’s, F. H. Jacobi’s, Solger’s und seines
Bruders Friedrich, über dem Sopha hing sein eigenes lebensgroßes Bild
von Stieler. Im Studirzimmer umgaben ihn die Bücher, mit denen er sich
vorzugsweise beschäftigte. Alles war auf Bequemlichkeit berechnet;
Lehnstühle von verschiedenen Formen und Größen waren hier vertheilt.
Ueber dem Schreibtisch hing das jugendliche Gemälde von Novalis,
welches E. von Bülow wiederaufgefunden hatte, daneben ein Gypsmedaillon
Wackenroder’s, eine der ersten Arbeiten seines Bruders, auf der
andern Seite ein Bild seiner Tochter Dorothea. Außerdem sah man einige
Kupferstiche nach Rafael und aus der Boisserée’schen Sammlung.
In der Regel fand man ihn im schwarzen Sammetrocke hinter einem
niedrigen Tischchen, das mit Papieren bedeckt war, im Lehnstuhl sitzen.
Fremde empfing er stehend, und wer ihn nicht kannte, folgte den
Bewegungen der gebeugten Gestalt mit Besorgniß; doch diesen Eindruck
vergaß man, sobald er im Stuhle aufrecht saß. Für den befreundeten
Besucher war schon sein gewöhnlicher Gruß, „Ah, da sind Sie ja, lieber
Freund!“ der helle Blick, die Handbewegung, womit er ihn begleitete,
erheiternd. Man setzte sich und das Gespräch begann.
Es ist mehr als einmal bemerkt worden, daß in seiner Haltung sich eine
ruhige und bequeme Vornehmheit ausgesprochen habe, ein aristokratischer
Zug, durch den der Besucher sich bald angezogen, bald abgewiesen
fühlte. Es war eine Vornehmheit im edelsten Sinne des Wortes, welche
der Ausdruck der wahren Durchbildung und des Seelenadels ist. Eben
darum ist sie Vornehmheit, weil sie äußerlich weder angeeignet noch
auch verloren werden kann. Daher das wohlthuende Gleichmaß im Thun
und Lassen, seine Sicherheit, niemals die Grenzen des Erlaubten und
Ziemlichen zu überschreiten. Zeichen der Unbildung und Roheit machten
ihn scheu und verstimmt. Zu den ungeselligen und übeln Angewohnheiten
rechnete er auch das Tabackrauchen, das er bei Freunden nur widerwillig
ertrug. Er schilderte es als ein verderbliches Laster, und kämpfte mit
allen ästhetischen und moralischen Gründen dagegen, der unausbleibliche
Raucherzug um den Mund gebe jedem Gesichte einen rohen Ausdruck, ihn
selbst mache der Rauch krank u. s. w. Wie unzertrennlich die feine
Form von seinem Wesen war, spricht er charakteristisch in einem Briefe
aus, den er 1825 von Wien nach Hause schrieb: „Vornehm und reich,
heißt es hier, können nicht Alle sein, aber was ich begehre, kann auch
der Geringste sich verschaffen, die Entfernung alles Widerwärtigen,
Gemeinen, was uns das Leben so erbärmlich erscheinen läßt. Noch im
Gefängniß und in Ketten wird man den Gentleman vom gemeinen Menschen
unterscheiden können. -- Ueber jene Bosheit der Menschen und alle
Schlechtigkeit will ich bald hinwegkommen, weil es mich nur berührt,
soviel ich davon zulassen will; aber jene Kläglichkeit und Gemeinheit,
die sich im Sitzen und Stehen, Gähnen und Sprechen, Schweigen und
Schwatzen, Essen und Trinken kundgibt, kann mich so elend machen, weil
es sich mir immerdar aufdrängt, daß es mein ganzes Leben zerstört. --
Gute Erziehung, Feinheit des Betragens ist mir immer das nothwendigste
Element gewesen, um nur zum Bewußtsein zu kommen, daß ich eine Seele im
Leibe habe.“
Auch wer es aus seinen Dichtungen nicht gewußt hätte, würde aus jeder
Unterredung, die über die nächsten Grenzen hinausging, erkannt haben,
daß es in ihm eine geheimnißvolle, dem gewöhnlich Verstandesmäßigen
abgekehrte Seite gab. In plötzlich aufleuchtenden Geistesblitzen und
Anschauungen, in Ahnungen und Träumen, sah er eine höchste, und darum
räthselhafte geistige Macht.
Auf Träume gab er viel. Er meinte, statt sie zu verlachen, solle man
mehr auf sie achten; in ihnen kämen verborgene Seiten der menschlichen
Natur zum Vorschein, die für den nüchternen Verstand des Tages gar
nicht da seien. Von sich selbst, der im Leben der Humanste und
Gutmüthigste war, behauptete er, in Träumen sei er schadenfroh, ja
diabolisch grausam und blutdürstig, sodaß ihn in der Erinnerung
daran ein Grauen erfasse. Wirklich waren sie noch in spätern Jahren
entsetzlich, und wiederholten sich oft, genau in derselben Gestalt,
mehrere Nächte hintereinander. Eine Zeit lang wurde er durch einen
kalten Luftzug geweckt, der über die Augen hinstrich. Er blickte
auf, sah das Zimmer erhellt und an seinem Bette drei leichenhafte
Mönchsgestalten, die soeben dem Grabe entstiegen schienen. Jedes Mal
wurde er von Fieberschauern ergriffen. Doch hatten seine Träume auch
einen sehr bestimmten geistigen Inhalt. Als er Correggio’s Gemälde
kennen lernte, konnte er ihre gepriesene Trefflichkeit nicht einsehen,
und mühte sich vielfach um ihre Auffassung. Da träumte er, er sei auf
der Galerie, der Meister selbst träte zu ihm, und rede ihn kurzweg mit
den Worten an: „Bist du nicht ein dummer Mensch, das Treffliche nicht
zu erkennen?“ Darauf habe er ihn vor die Gemälde geführt, und ihm ihre
Schönheit eröffnet. Er erwachte, und voll von diesen Gedanken, konnte
er die Zeit des Eintritts in die Galerie kaum erwarten. Sogleich eilte
er zu Correggio’s Gemälden. Wie ein Blitz leuchteten sie ihm entgegen,
die Augen waren ihm aufgegangen, und seit der Zeit war er ihr größter
Bewunderer. Auch hier spielte Shakspeare eine große Rolle. Einmal
entdeckte er im Traume ein neues, völlig unbekanntes Stück desselben;
deutlich bis ins Einzelne hinein lag es vor ihm, es war vortrefflich.
Wie verstimmt war er, es beim Erwachen seinen Händen entschwunden zu
sehen, und sich keines einzigen Wortes entsinnen zu können. Dann war
er gestorben. Die erste Frage in jener Welt war, wo er Shakspeare, den
Vielbewunderten, treffe. Man antwortete ihm, der große Geist sei nicht
mehr hier, sondern in einer noch höhern Welt zu suchen, er aber werde
ihn schwerlich jemals erreichen. So habe er ihn von Stufe zu Stufe
vergebens verfolgt.
Dieser mystischen Seite gehörte auch der Zahlenaberglaube an, den er
sich öfter scherzend vorwarf. Vor den Zahlen 7 und 9 hatte er eine
dunkle Furcht, in deren humoristischer Ausmalung er sich gefiel.