Endlich erfüllte sich auch die Todesahnung, welche sich bei Dorothea

Tieck zur festen Ueberzeugung gesteigert hatte. Die Studien,

die häuslichen Beschäftigungen, ihre Wohlthätigkeit hatte sie

ununterbrochen fortgesetzt. Weder innere Bewegungen noch wankende

Gesundheit konnte sie bestimmen, von dem streng geregelten Gange ihrer

Zeiteintheilung abzuweichen. Im Anfange des Februar 1841 erkrankte

sie an den Masern. Als dies überwunden schien, trat plötzlich ein

Nervenfieber hinzu. Sie starb am 21. Februar, vierzehn Tage nach

der Erkrankung. Es waren dieselben Wochen, in denen vor zwei Jahren

Adelheid Reinbold, vor vier Jahren die Mutter gestorben war.

Vom ersten Augenblicke hatte Tieck das Schlimmste gefürchtet. Eine

tödtliche Angst und Unruhe quälte ihn. Mit diesem Leben wurde Vieles

von ihm losgerissen, sein eigenes wankte. Wie nimmer war seine Natur

in ihren Grundlagen angegriffen worden, es faßte ihn ein krampfhaftes,

zusammenpressendes Schmerzgefühl, das vergebens nach einem Ausdrucke

rang. Kalt, starr, thränenlos, ohne ein Wort oder irgendeinen Laut zu

finden, verbarg er sich in dem entlegensten Zimmer. Keinen Menschen

wollte er sehen, keinen Zuspruch hören; die Stunden, Tag und Nacht

gingen gleichgültig und unbemerkt an ihm vorüber. Für seine Umgebung

hatte dieses stumpfe Hinstarren etwas Schreckenerregendes. Am Tage der

Beerdigung übersandte die Königin einen reichen Blumenkranz. Als man

ihm davon Nachricht gab, fand er die ersten Thränen.

Tief bewegt waren seine zahlreichen Freunde, und die wenigen, welche

die schweren Kämpfe der Hingeschiedenen gekannt hatten. Wer wußte,

was sie dem Vater gewesen war, konnte zweifeln, ob er diesen Schlag

verschmerzen, und im Stande sein werde, das Leben noch fernerhin zu

tragen. Wie ihre Gesichtszüge ein Abbild der seinen waren, so besaß

sie einen Theil seines reichen Geistes; seine Liebe für Dichtung,

Sprachen und Literatur, die Beweglichkeit des Talents, die tiefe

Empfindung, den sinnenden Ernst und die dunkle Schwermuth, die ihm

so oft das Leben verhüllte. Sie hatte ihm zur Seite gestanden, sie

theilte seine Arbeiten und Studien und den dichterischen Ruhm. Konnte

er auch die Abgeschlossenheit ihres kirchlichen Glaubens weder

annehmen noch überall billigen, so war dieser Gegensatz doch nur

selten hervorgetreten, da sie bei aller Stärke der Ueberzeugung von

Unduldsamkeit fern war.

Seine Kränklichkeit nahm zu, das Alter war da, die besten Kräfte

dahingeschwunden; seine Arbeiten widerstanden ihm, das Leben ward ihm

zur Last. War es möglich, es noch lange in dieser Weise zu tragen?

Aber noch war das Ende nicht da. Noch ein letzter Act sollte beginnen.

Wenige Tage nach dem Tode der Tochter traf ein Brief aus Berlin ein.

Er brachte eine königliche Einladung, den Sommer in Potsdam zu wohnen.

Tieck’s Entschluß war gefaßt; er folgte diesem Rufe. Er wurde Berlin,

seiner Vaterstadt, wiedergegeben.

Fünftes Buch.

Der Tod des Dichters.

1841-1853.

1. König und Dichter.

Friedrich Wilhelm IV. hatte die Regierung angetreten. Es war ein

Ereigniß, dem man mit Spannung entgegengesehen hatte, und an welches

sich eine neue geistige Bewegung knüpfte. Auch auf die gegenwärtigen

Zustände der wissenschaftlichen und künstlerischen Welt konnte es

nicht ohne Einwirkung bleiben. Bekannt war die persönliche Theilnahme,

welche der König vornehmlich diesen Seiten des Lebens zuwandte. Man sah

bedeutenden Veränderungen entgegen, und hörte, daß er die berühmtesten

Männer, welche die deutsche Wissenschaft und Kunst aufzuweisen hatte,

in Berlin um sich zu versammeln gedenke.

Kein Augenblick war günstiger, um auch an Tieck zu erinnern, und

die oft besprochene Rückberufung nach seiner Vaterstadt endlich

durchzusetzen. Man wußte, daß der König schon in früherer Zeit

sich über seine Dichtungen mit voller Anerkennung ausgesprochen

hatte, daß er in ihm den letzten großen Vertreter einer glänzenden

Literaturperiode sehe, und an dem Menschen keinen geringern Antheil

nehme als an dem Dichter. Schon im Sommer 1840 hegten Tieck’s Freunde

in Berlin den Wunsch, daß diese Umstände zu einer Veränderung seiner

Stellung führen möchten. Soeben hatte er die „Vittoria Accorombona“

geendet. Es schien angemessen, daß er den neuesten Roman dem Könige

als Zeichen der Huldigung gerade in dieser Zeit übersende. Da er dessen

günstige Gesinnungen kannte, überwand er die natürliche Scheu, welche

ihn von allen Schritten der Art zurückgehalten hatte, um so eher. Es

war das erste Mal, daß er eine seiner Dichtungen einem regierenden

Fürsten überreichte. Aber dieser Fürst war der König seines Vaterlandes

und ein Bewunderer seiner Poesie.

Zugleich hatte der König selbst den Gedanken gefaßt, Tieck wenn nicht

dauernd zu berufen, ihn doch als Gast an seinen Hof einzuladen. Schon

im August machte der preußische Gesandte in Dresden, Jordan, in diesem

Sinne Eröffnungen. Die Frage war nur, ob Tieck bei seiner Kränklichkeit

das ruhigere Leben in Dresden mit einem längern Aufenthalte am Hofe in

Sanssouci werde vertauschen können; ob die mannichfachen Verhältnisse,

in denen er zu Sachsen stand, dies überhaupt verstatten würden. Der

König entschied in der edelsten Weise. Er wollte ihm keinen Zwang,

am wenigsten auf Kosten der Gesundheit, auferlegen; nur seine äußere

Lage wünschte er günstiger zu gestalten. Die nächste Absicht war, ihm

zu der sächsischen Pension eine jährliche Zulage zu geben; erlaube es

seine Gesundheit, so solle er zum Besuch nach Sanssouci kommen, wo

im Schlosse eine passend eingerichtete Wohnung bereit stehen werde.

Man werde seine Zimmer mit den Bildern älterer Dichter und Meister

schmücken, und in jeder Weise für ihn Sorge tragen. Es war die

wohlwollendste königliche Gesinnung, die humanste Rücksicht, welche

ihm überall entgegenkam, und ihm noch jetzt das Leben erfreulicher zu

gestalten wünschte. Tieck selbst fühlte sich schon in näherer Beziehung

zu den neuen Zuständen. Als man am 15. October das Huldigungsfest

und zugleich den Geburtstag des Königs feierte, verfaßte er für die

glänzende Vorstellung im Opernhause den Festprolog.

Im Winter endlich nahten die Dinge einem ersten Abschlusse. Bei seiner

Anhänglichkeit an hergebrachte und gewohnte Verhältnisse möchte er

sich vielleicht doch nur schwer entschlossen haben; aber Eins gab den

Ausschlag, der Tod seiner Tochter Dorothea. Tief erschüttert durch die

Leiden der letzten Zeit, richtete er sich allmälig an dem Gedanken der

neuen Aussicht wieder auf, welche sich ihm unerwartet im Alter eröffnet

hatte. Er wünschte seinen bisherigen Wohnort wenigstens auf einige Zeit

zu verlassen; er mußte sich mit dem Leben von neuem befreunden. Die

Einladung, welche er wenige Tage nach dem Tode seiner Tochter erhielt,

war entscheidend. Der König wünschte die Darstellung einer griechischen

Tragödie auf dem Theater des Neuen Palais in Potsdam; Tieck als

bühnenkundige Autorität erhielt die Aufforderung, sie durch Rath und

That zu unterstützen, und mit andern gelehrten Männern des Fachs leiten

zu helfen.

Zunächst aber bedurfte er der Stärkung. Er hoffte sie wieder in

Baden-Baden zu finden. Im Mai reiste er ab. In Heilbronn verweilte er

einige Zeit bei Kerner, dann in Baden; im Sommer kehrte er zurück. Als

er durch Heidelberg kam, in dessen Nähe er auf der letzten Reise jenen

fast tödtlichen Unfall gehabt hatte, brachten ihm die Studenten ein

Lebehoch und einen Fackelzug. Endlich traf er in Sanssouci ein.

Der König empfing ihn huldvoll. Er wünschte vor allem einen freien,

ungezwungenen geistigen Verkehr, und freie Bewegung allein konnte

diesen gewähren. Tieck sollte zu nichts verpflichtet sein, und sich nur

als befreundeten Gast ansehen. Ohne die üblichen Förmlichkeiten sollte

er, so oft es seine Gesundheit erlaube und so oft er wolle, an der

königlichen Tafel, wie des Abends in den engern Kreisen erscheinen.

Er fühlte sich kräftig genug, noch einmal in ein neues Leben, welches

königliche Gunst ihm bot, einzutreten. Ein Verhältniß entwickelte

sich, welches den edelsten dieser Art an die Seite gesetzt werden

kann. Hier ging in der That der Dichter mit dem König. In den freien

Unterhaltungen, deren Mittelpunkt nur die höchsten Interessen bildeten,

herrschte ein unbefangenes Geben und Nehmen. Nächstdem machten auch

hier Tieck’s Vorlesungen, die eine Zeit lang regelmäßig fortgesetzt

wurden, den größten Eindruck. Er las die „Antigone“, dann Tragödien des

Euripides und Shakspeare, oder auf Verlangen seine eigenen Dichtungen.

Auch zu einer bestimmten Thätigkeit kam es. Es sollte der Versuch

gemacht werden, die „Antigone“ durch eine Darstellung dem Verständnisse

der Gegenwart näher zu bringen. Nicht das Stück in seiner tragischen

Wirkung allein, auf der antiken Bühne sollte es hergestellt werden. Es

war eine großartige Studie des Alterthums. Nachdem Tieck die Tragödie

mehrere Male nach der Uebersetzung von Donner vorgelesen hatte,

begannen mit den dazu auserlesenen Schauspielern Einstudirung und

Proben. Felix Mendelssohn hatte die Chöre componirt, die Herstellung

der Bühne war nach den Angaben von Böckh versucht worden. Am 28.

October fand die Aufführung im Neuen Palais zu Potsdam in einem Kreise

eingeladener Zuschauer statt. Sie gelang über Erwarten gut; die Wirkung

war eine so großartige, so unbedingt für sich selbst sprechende, daß

man es später unternehmen konnte, die Tragödie vor dem großen Publicum

zu wiederholen. Auch hier bewährte sich die Gewalt des antiken Dichters.

Tieck’s nächste Aufgabe war jetzt erfüllt. Mit dem Beginn des

Winters kehrte er nach Dresden zurück. Zugleich aber zeigte sich,

es war nicht möglich, dieses doppelte Verhältniß zu Dresden und

Berlin dauernd aufrechtzuerhalten, sich zwischen beide zu theilen

und Pflichten und Rücksichten gegen zwei Höfe zu erfüllen. Tieck’s

Natur war auf nichts weniger als auf einen Hofmann angelegt. Schon

seine Gesundheit, sein Alter, geistige und körperliche Lebensweise

machten es unmöglich. Er fühlte jetzt erst, wie viel ihn an Dresden

fessele. Es war die Gewohnheit von fast einem Vierteljahrhundert; die

reichsten und ruhigsten Jahre des Lebens hatte er hier zugebracht.

Die freundschaftlichen und künstlerischen Verbindungen, selbst die

Erinnerung waren Mächte, die ihn hätten halten können. Auf der andern

Seite bot sich die Aussicht auf ein zwar ungewohntes, aber inhaltvolles

und durchaus sorgenfreies Leben dar, vielleicht auf eine nochmalige

bedeutende Wirksamkeit. Endlich war es seine Vaterstadt, in der ihm

dies geboten wurde, wo er seinen Bruder, Raumer und noch manchen Freund

wiederfand. Nach vierzigjähriger Abwesenheit in Folge des ehrenvollsten

Rufes zurückzukehren, hier wieder heimisch zu werden, nachdem er so

lange ein Fremdling gewesen war, darin lag eine innere Ausgleichung und

Gerechtigkeit, ein künstlerischer Abschluß seines Lebens. Auch das war

von Bedeutung und der Berücksichtigung wol werth.

Im April 1842 erfolgte eine zweite Einladung zum Besuche in Sanssouci,

welche einer förmlichen Berufung gleichkam. Ein bedeutendes Jahrgehalt

wurde verheißen, und nur im Allgemeinen der Wunsch ausgesprochen,

Tieck möge sich des Theaters annehmen, und in Verbindung mit dem

Intendanten der königlichen Schauspiele Mittel und Wege berathen, wie

der gesunkenen Bühne aufzuhelfen sei. Für gewisse Stücke, namentlich

Shakspeare’s, sollte er völlig freie Hand behalten, sie sollten ganz

nach seinen Anordnungen dargestellt werden. Er beschloß dem ehrenvollen

Rufe zu folgen, und ging für den Sommer nach Sanssouci. Hier wurden

ihm neue Anerkennungen zu Theil. Schon früher hatte ihm der König

den Rothen Adlerorden dritter Classe und den Titel eines Geheimen

Hofraths verliehen. Um diese Zeit war der neue Orden für Verdienst

in Wissenschaft und Kunst gestiftet worden, dessen geschlossene

Mitgliederzahl nur die hervorragendsten Notabilitäten umfassen sollte.

Am 31. Mai, dem Geburtstage Tieck’s, überreichte ihm der König

persönlich in einer Versammlung im Neuen Palais die Decoration dieses

Ordens. Ein Jahr früher hatte ihm Guizot das Kreuz der Ehrenlegion

übersandt.

Im September kehrte er zum letzten Male nach Dresden zurück, um

Abschied zu nehmen und sein Hauswesen aufzulösen. Der große Umfang

seiner Bibliothek erschwerte die Uebersiedelung nicht wenig. Endlich

war man so weit. Aber den Eintritt in das neue Leben mußte er mit

Krankheit erkaufen. Auf der Reise wurde er von einem Schlaganfalle

getroffen. Noch erreichte er Potsdam, aber sein Zustand schien

lebensgefährlich. Die Sprache versagte ihm und die rechte Seite war

gelähmt. Ein langwieriges Krankenlager folgte. Erst in den nächsten

Monaten wurde er hergestellt, doch blieb eine Schwäche in der Hand

zurück, die zu Zeiten das Schreiben erschwerte. Vor Ablauf des Jahres

1842 konnte er indeß die Winterwohnung in Berlin beziehen.

In der Folge wurde ihm auf Befehl des Königs eine eigene Wohnung in

Potsdam eingerichtet. Sie war in einem Hause vor dem Brandenburger

Thore, das unmittelbar an der Hinterseite des Parks von Sanssouci und

nicht fern vom Schlosse lag. Ueber der Thür war die Gestalt einer

Muse nach einem Modell von F. Tieck angebracht. Hier erholte er sich

vollständig. Es war für ihn eine schöne Zeit; Poesie, Natur, und

dieses Mal auch die weltliche Ehre, nahten ihm vereint. Der Schein

eines glänzenden Abendroths ging über sein Leben dahin. Berathungen

über künstlerische Fragen, Vorlesungen der Lieblingsdichter wechselten

mit Gespräch und Geselligkeit. Auch an den Lustpartien des Königs in

der Umgegend Potsdams und auf der Havel nahm er Theil. Er erfuhr die

mannichfachsten Beweise königlicher Huld. Bis auf den Stuhl, auf dem

er saß, und den Mantel, den er trug, erstreckte sich die vorsorgliche

Rücksicht auf sein Alter und seine Gesundheit. War er unwohl, so

geschah es, daß der König selbst ihn in seiner Wohnung besuchte. Da

auch ein Wagen zu seiner Verfügung stand, so lernte er jetzt die

anmuthigen Havelufer nach langer Entfremdung von neuem kennen.

Hier traten die Bilder der frühesten Jugend wieder hervor. In den

Havelgegenden lebten die Verwandten seiner Mutter, und länger als

funfzig Jahre war es her, daß er als wandernder Schüler in diesen

Waldungen und Hügeln umhergestreift war. Er erinnerte sich jener

verklungenen Gefühle und Rührungen, die ihn damals erfüllten, und der

Menschen, welche sie mit ihm getheilt hatten. Zu diesen gehörte ein

Freund, wie er ihn zu jener Zeit nannte, der Sohn des Schulmeisters in

Lehnin, den er als Knabe häufig besuchte. Später heirathete dieser eine

Tochter von Tieck’s mütterlichem Oheim, aber nie hatte er von ihm etwas

gehört; er wußte nicht, ob er noch am Leben sei. Jetzt erfuhr er, der

Jugendgenosse lebe noch, und sei ebenfalls Schulmeister in Lehnin. Er

beschloß ihn aufzusuchen.

Es erregte nicht wenig Aufsehen, als der königliche Wagen erschien,

und die darin Sitzenden nach dem Cantor Hinneberg fragten. Bei dem

Superintendenten stieg Tieck ab, und durch diesen wurde der alte

Schulmeister citirt. Voll Erwartung, was eine so außerordentliche

Vorladung zu bedeuten habe, kam er. Welch ein Wiedersehen war es!

Es war ein alter, stumpf gewordener Mann, der bei der Verwunderung

stehen blieb, daß der Herr Superintendent ihn habe rufen lassen. Es

überraschte ihn nicht, unvermuthet einen Jugendfreund zu finden,

obgleich er nie wieder von ihm gehört hatte; er wußte nichts von seinen

Dichtungen, nichts von seinem Ruhme, nichts von der Rückkehr nach

Potsdam. Als er von Tieck’s Stellung beim Könige hörte, und daß er ihm

vorläse, erregte es nur sein Staunen, daß Tieck bei so vorgerücktem

Alter feinen Druck zu lesen im Stande sei; er selbst habe das längst

aufgegeben und beschränke sich nur noch aufs Grobe. Im engsten Raume

war sein Leben verflossen, für Alles, was darüber hinauslag, hatte er

Sinn und Kraft verloren, oder nie besessen.

Aehnliche Gefühle bewegten Tieck, als um dieselbe Zeit auch die

Erinnerung an seinen ältesten Jugendfreund Piesker wieder auftauchte.

Auf jenes erste Wiedersehen in Dresden war eine lange Pause gefolgt.

Dann hörte er einmal, der Freund sei gestorben. Jetzt brachte ihm ein

Mitglied von Piesker’s Familie die Nachricht, er lebe noch, habe aber

seinen Abschied genommen. Mehrere Briefe von ihm selbst bestätigten

es gleich darauf. Zum zweiten Male war es eine erschütternde Freude,

welche ihn bei dieser Auferstehung, wie er es nannte, erfüllte. Da

er gerade damit umging, für seine Denkwürdigkeiten zu sammeln, so

forderte er den Freund auf, ihm Alles zu schreiben, was er von ihrem

jugendlichen Zusammenleben noch wisse. Doch lächeln mußte er, als

jener ihm nicht nur mancherlei Notizen schickte, sondern auch den

gutgemeinten Vorschlag machte, da sie jetzt beide Zeit genug hätten,

die vor mehr als funfzig Jahren begonnenen Tragödien gemeinschaftlich

zu beenden. Es war in der That eine Rückkehr in die Kindheit, welche

das ganze dazwischenliegende Leben und die Kluft vergaß, welche das

Talent des Dichters von dem engen Sinne des Kleinbürgers trennte. Wohl

mochte Tieck sein Geschick trotz aller Leiden preisen, welches ihn über

die staubigen Heerstraßen auf die freien Höhen des Lebens gehoben hatte.

2. Theater, Literatur, Politik.

Eine nicht unwichtige Frage war, ob es in Berlin, selbst bei den

reichsten Mitteln und einem entgegenkommenden Willen, möglich

sein würde auf das Theater einzuwirken. Zunächst fuhr man mit der

Herstellung der antiken Tragödie fort. Am 7. August 1843 wurde

Euripides’ „Medea“ mit der Musik von Taubert, am 1. November 1845

„Oedipus? in Kolonos“ mit der Musik von Mendelssohn im Schlosse zu

Potsdam aufgeführt. An der Einstudirung beider hatte Tieck Antheil.

Aber schon blieb der allgemeine Eindruck hinter dem der „Antigone“

zurück. Manches lag in diesen Stücken der Gegenwart ferner, und konnte

für das moderne größere Publicum nicht ansprechend sein. Glücklicher

war der Erfolg des „Sommernachtstraums“, der zuerst am 14. October 1843

mit Mendelssohn’s Composition aufgeführt wurde. Man hatte Shakspeare’s

Bühne zum Theil hergestellt; Alles griff wohl ineinander, und auch

dieses Drama des großen Dichters wurde dadurch dem Theater dauernd

gewonnen.

Anders fielen die Versuche aus, welche man mit einigen von

Tieck’s ältesten Stücken zu machen wagte. Am 20. April 1844 kam

„Der gestiefelte Kater“, am 1. Februar 1846 „Der Blaubart“ zur

Darstellung. Nicht auf Tieck’s Wunsch, vielmehr gegen denselben

fanden die Aufführungen statt. Er wußte, welche Schwierigkeiten

diesen eigensinnigen Dichtungen entgegenstanden, darum hatte er in

Dresden, wo es in seiner Macht gewesen wäre, nie daran gedacht sie

auf die Bühne zu bringen. Es war eine höchst misliche Aufgabe, ein

humoristisches Spiel wie „Der gestiefelte Kater“ aus der Phantasie

in die sinnliche Wirklichkeit zu übersetzen. Vollends die der Breter

mit ihren Maschinerien war zu eng dafür. Die Phantasie wurde überall

auf ein geringeres Maß herabgesetzt. Alles hatte man voller, frischer

erwartet und war geneigt die Dichtung entgelten zu lassen, daß man

sich getäuscht sah. Aber man bedachte nicht, daß man Ansprüche machte,

die sie weder erfüllen wollte noch konnte, daß ihre Darstellung auf

der Bühne eine Vergröberung war, bei der sie nothwendig verlieren

mußte. Auch war Manches ohne Commentar kaum verständlich, obgleich

die historischen Anspielungen für die allgemeine Auffassung nicht die

Wichtigkeit besaßen, welche einige Kritiker ihnen beilegten. Doch in

Einem behielt der Kater Recht, die Zuschauer von vor funfzig Jahren

waren noch ein lebendiges und getreues Abbild des Publicums, welches

im Augenblicke vor den Coulissen saß, und sich selber darstellen sah,

ohne sich zu verstehen. Man hörte diesseits dieselben Kunsturtheile

wie jenseits. Als die Katergeschichte zu Ende war, entfernte sich der

größte Theil, ohne den Epilog der Zuschauer abzuwarten.

Auch mit der Darstellung des „Blaubart“ konnte man nicht den Erfolg

erreichen, der noch unter Immermann’s Leitung in Düsseldorf möglich

gewesen war. Die matte Haltung der meisten Schauspieler, die

Gleichgültigkeit des Publicums und die kritische Opposition gegen

dergleichen Erneuerungen hemmten auch hier den Erfolg.

Tieck selbst hatte von diesen Versuchen nichts erwartet. Zwar fehlte es

ihm nicht an Freunden in der Theaterverwaltung, doch auch Widerspruch

und Misverständnisse erhoben sich. Die glänzenden Mittel der berliner

Bühne waren nicht im Stande, ihm eine andere Meinung vom Theater

überhaupt zu geben; vielmehr traten manche Uebelstände erst hier in ein

grelles Licht. Vor der schweren Aufgabe einer durchgreifenden Reform

würde selbst eine jüngere Kraft zurückgeschreckt sein, sein Zustand

erlaubte ihm solche Anstrengungen nicht mehr, er beschränkte sich daher

allmälig nur auf gelegentliche Rathschläge und Gutachten, wenn sie

ausdrücklich verlangt wurden.

Diese Theaterversuche waren zugleich für sein Verhältniß zum Publicum

wichtig. Freilich war es nur ein einseitiges, soweit die öffentliche

Meinung und die, welche in ihrem Namen sprachen, Gelegenheit fanden,

über seine Berufung und Wirksamkeit zu urtheilen. Ihm selbst war es

durch die Umstände geboten, diesen Aeußerungen gegenüber zu schweigen,

die zum Theil ein deutliches Echo jener Ansichten waren, die sich

seit 1830 kundgegeben hatten. Sahen Viele in seiner Berufung einen

Act königlicher Liberalität, so fragte doch auch manche laute Stimme,

was Gegenwart und Zukunft von einem Dichter zu erwarten habe, der

an der Grenze des Lebens stehe; seine Dichtungen seien zum größten

Theile veraltet und unverständlich, die Zeit sei über ihn und sie

hinweggegangen, sie verlange anderes als dichterische Spielerei,

romantisches Geflimmer und mittelalterliches Halbdunkel. Ihn und seinen

Einfluß machte man für vieles verantwortlich, was ganz außerhalb

desselben lag. In der Aufführung seiner Stücke wollte man das Gelüsten

romantischer Reaction erkennen; seine Auffassung der englischen Bühne

und Shakspeare’s galt für willkürlich, sonderbar und grillenhaft, und

erfuhr wie seine dramaturgische Kritik harte Angriffe, in welchen der

Meister meistens mit den eigenen Waffen bekämpft wurde.

Andere hatten von Tieck’s Einwirkung auf Theater und Publicum

bedeutenderes erwartet, und bestätigten nun jene feindlichen Ansichten.

Sie hatten geglaubt, er werde einen Kreis um sich bilden und die

geistige Herrschaft, die er in Dresden geübt, fortsetzen. Aber weder

das Eine noch das Andere war möglich; sie übersahen, daß in Berlin

Alles anders stand als in Dresden.

Ludwig Tieck Erinnerungen aus dem Leben des Dichters nach dessen mündlichen und schriftlichen Mitteilungen · 第 37 / 51 段