Sie war eine glänzende Erscheinung, schön, lebhaft, geistreich, von

seltener Schnellkraft und Thätigkeit, und im vollsten Besitze der

modernen geselligen Bildung. Berufen für das Leben in der großen Welt,

war sie an die engsten und beschränktesten Verhältnisse gebunden.

Sie war fern von jeder Weichheit und Sentimentalität, und besaß eine

männliche Kraft des Talentes. Zu weiterer Fortbildung, zu eigenen

Schöpfungen fühlte sie sich hingedrängt, sie wollte aussprechen, was

sie in sich und unter schweren Verhältnissen erlebt hatte. Zuerst

theilte sie Tieck ein Trauerspiel „Saul“ mit, welches sie auf seinen

Rath mehrfach umarbeitete, dann ein zweites „Semiramis“. Auch in der

Novelle versuchte sie sich mit dem besten Erfolg. Sie verstand es

Gestalten zu schaffen, die Bewegung anschaulich zu machen, was sie

darstellte, lebte; manches war von ergreifender Wirkung. Auch Malerin

war sie, indeß eine eintretende Schwäche der Augen machte ihr eine

weitere Ausbildung unmöglich. Mit den künstlerischen und literarischen

Studien wußte sie auch praktische und häusliche Gewandtheit zu

verbinden.

Zu ihrer Familie nach Mariensee zurückgekehrt, empfand sie das

Drückende ihrer Lage tief. Sie wollte vorwärts und wurde bei

jedem Schritte gehemmt. An der Seite einer hinsterbenden Mutter,

eines kränkelnden und aus dem Dienste geschiedenen Vaters, unter

zahlreichen jüngern Geschwistern, für die gesorgt werden sollte,

führte sie ein Leben des Leidens und Kummers. Von jedem anregenden

geistigen Verkehr, von den gewöhnlichsten literarischen Hülfsmitteln

war sie abgeschnitten. Dennoch ergriff sie das Anerbieten, welches

ihr gemacht wurde, für einige öffentliche Blätter, namentlich für

das „Morgenblatt“, Artikel zu schreiben. In diesem erschienen unter

angenommenem Namen ihre ersten Novellen. 1831 ging sie nach München, wo

sie eine Zeit lang in der Familie Schelling’s lebte. Doch nahm sie bald

nachher abermals eine Stelle an als Erzieherin in einem fürstlichen

Hause in Sachsen. Aber diese Verhältnisse erforderten ein volles

Aufgeben ihrer Selbständigkeit und ihres Talents, und beide wollte

sie sich bewahren. Sie wagte es, sich eine unabhängige literarische

Stellung zu begründen. Da sie an allgemeinen und wissenschaftlichen

Fragen den lebhaftesten Antheil nahm, so begann sie auch Kritiken zu

verfassen, die sich durch reifes Urtheil, Schärfe und schlagenden

Witz auszeichneten. Sie erschienen in den „Blättern für literarische

Unterhaltung“.

Der politische Umschwung des Jahres 1830 machte auch auf sie tiefen

Eindruck. Mit gespannter Erwartung folgte sie den auswärtigen

Verhältnissen und den Verfassungskämpfen im südlichen Deutschland.

Unter diesem Einflusse stellte sie in der erst später erschienenen

dramatisirten Novelle „Der Prinz von Massa“ einen Volkshelden dar, den

die Popularität zum Führeramte erhebt, ihn aber vernichtet, als er

sich ihm nicht gewachsen zeigt. Daran schloß sich ein zweites Drama

„Masaniello“, welches sie anonym an Rotteck schickte, mit der Bitte

den Druck zu vermitteln, weil sie in ihrer Heimat nicht hoffen könne,

die Strenge der Censur zu überwinden. Rotteck’s Antwort bewies, daß

er in dem Verfasser einen liberalen Parteigenossen vermuthete. Seit

1834 lebte sie in Dresden, wo sie einen ihrer jüngern Brüder auf

die Militäranstalt gebracht hatte. Mit voller Selbstverleugnung und

Aufopferung verwandte sie ihr Talent, um die Ihren zu unterstützen;

sie selbst beschränkte sich auf das Nothwendigste. In der Familie

eines einfachen Handwerkers hatte sie sich eingemiethet, deren kleines

häusliches Leben sie theilte. Auf ihrem Zimmer schrieb sie Dramen,

Novellen und Kritiken, und in der Gesellschaft erschien sie als

Weltdame. Jetzt ward sie in Tieck’s Familie heimisch. Ihm selbst fast

leidenschaftlich ergeben, war sie ein belebendes Element der Kreise,

welche sich bei ihm versammelten. Sie beherrschte die Unterhaltung

vollkommen, mochte ihr der Diplomat oder Philosoph, der Engländer,

Franzose oder der deutsche Dichter gegenüberstehen. Stets erschien sie

heiter, witzig, sprühend. Sie war ein Gegenbild zu Tieck’s Tochter

Dorothea, die nicht minder talentvoll, ja gelehrt, einfach und

tiefsinnig neben dieser glänzenden Erscheinung stand.

Als treuer Hausfreund schloß sich um diese Zeit auch Eduard von Bülow

an, der auf manche Seiten von Tieck’s literarischen Studien eifrig

einging und sie auszuführen suchte.

Im Spätherbst 1834 gewann Tieck einen andern Freund in dem Bildhauer

David, der selbst Gegenstand der Theilnahme und Bewunderung ward. Es

konnte überraschen, daß ein ausgezeichneter französischer Künstler

allein durch seine Neigung für deutsche Literatur und die entschiedene

Vorliebe für einen Dichter nach Dresden geführt worden war. Tieck’s

ältere phantasievolle Dichtungen hatte er sich mit künstlerischer Wärme

angeeignet. Es lebte in ihm deutsches Gefühl. Man konnte den Franzosen

leicht vergessen; auch seine äußere Erscheinung verrieth ihn kaum. Er

war untersetzt, blond und hatte blaue Augen. Sein Gesicht hatte durch

Blatternarben gelitten, aber es war weder entstellt noch abstoßend,

eine tiefe Glut zuckte darüber hin, wenn er lebhaft ward. In Dresden

selbst ließ er ein Denkmal seiner Kunst zurück. Er modellirte Tieck’s

Kopf in kolossalem Maßstabe, die in Marmor ausgeführte Büste übersandte

er ihm zwei Jahr später als Geschenk zu seinem Geburtstage. Es war ein

Kunstwerk, welches durch Großartigkeit der Auffassung und Ausführung

allgemeine Bewunderung gewann. Zugleich war es ein Denkmal der edelsten

Gesinnung und der Versöhnung, welche selbst in Zeiten feindlicher

Aufregung die nationalen Gegensätze auf dem höhern Gebiete der Kunst

finden. Tieck schenkte später die Büste der königlichen Bibliothek

in Dresden, in deren großem Saale sie aufgestellt ist. Ein zweites

Exemplar übergab der Künstler seiner Vaterstadt Angers, wo schwerlich

je ein deutscher Dichter in dieser Weise gefeiert worden ist. Auch

fertigte er eine kleine Statuette an, Tieck in ganzer Figur auf dem

Sessel sitzend.

Diese Kunstwerke veranlaßten zugleich die Entstehung eines andern. Der

Maler Vogel, in dessen Atelier David gearbeitet hatte, entlehnte daraus

das Motiv zu einem Genrebilde. Er stellte Tieck und David nebeneinander

dar. Jener sitzt auf einem erhöhten Stuhle, hinter dem seine Tochter

Dorothea steht, vor ihm David an dem fast vollendeten kolossalen Kopfe

formend. Beide sind umgeben von einem Kreise zahlreicher Freunde,

welche die Arbeit des Künstlers aufmerksam verfolgen. In einer Ecke

steht der Maler, er ist im Begriff, die ganze Gruppe aufzunehmen. Bald

darauf vollendete Vogel ein zweites Bild Tieck’s in Lebensgröße. Auch

Friedrich Tieck modellirte um diese Zeit eine Büste seines Bruders, und

auch ein zweites Porträt von Stüler folgte.

Zu diesen Anerkennungen gesellten sich andere. Die königliche Familie

zeichnete ihn durch Aufmerksamkeiten in mancher Weise aus. Auch am

Hofe schätzte man die Kunst des Vorlesers, und es geschah wol, daß

er vor dem Könige Friedrich August oder auch bei der Anwesenheit

fremder Fürsten las. Auch in weitern Kreisen besaß er immer noch

Freunde, welche trotz aller Angriffe jüngerer Kritiker in ihm das

Haupt der deutschen Dichtung ehrten. Ein Jahr nach dem Tode Goethe’s,

am 31. Mai 1833, wurde in Berlin eine öffentliche Feier seines

Geburtstages veranstaltet. Er war jetzt sechzig Jahre alt. Mehrere

Hundert seiner Freunde und Verehrer hatten sich zu diesem Acte der

Huldigung versammelt. An ihrer Spitze standen Raumer, Rauch, Häring

und Holtei; den Haupttoast brachte Steffens aus und begleitete ihn mit

einer längern Rede, in welcher er Tieck’s Einfluß auf die deutsche

Dichtung entwickelte. Der Mittelpunkt der Feier war die Recitation des

Vorspieles zum „Octavian“, zu der sich die bedeutendsten Schauspieler

der beiden berliner Bühnen vereint hatten. Der Dichter, der so oft die

Romanze besungen hatte, wurde jetzt von ihr gefeiert.

Ein Jahr später, abermals an seinem Geburtstage, ließ ihm der König von

Baiern durch seinen Geschäftsträger den Civil-Verdienstorden mit einem

eigenhändigen Schreiben, König Ludwig dem Meister Ludwig, überreichen.

Später folgten andere Orden, Patente und Ehrendiplome. Es waren reiche

äußerliche Ehren, die ihm bewiesen, daß er nicht vergessen sei. Diese

Auszeichnungen deuteten auf ein Leben voll reicher Wirksamkeit,

aber sie wiesen auch darauf zurück als auf ein vergangenes, hinter

ihm liegendes. Wenn er alle diese zusammentreffenden Anerkennungen

überblickte, so schien es ihm, als wenn sie ihn an den Abschluß mahnen

sollten, und der Kreislauf sich erfüllt habe.

9. Auflösung.

Eine trübe Stimmung beherrschte ihn, als er sich im Sommer 1836 zur

Reise nach Baden-Baden anschickte, das er schon 1830 und 1834 besucht

hatte. Bei seiner stets regen Reiselust, war es ihm nie widerfahren,

daß er unter so ängstigender Beklemmung gegangen wäre, als damals.

In bedenklichem Krankheitszustande ließ er seine Frau zurück. Er

glaubte sie nicht wiederzusehen, denn er schied fast mit der stillen

Ueberzeugung, daß er selbst von dieser Reise nicht zurückkehren werde.

Wenig fehlte, so hätte diese Ahnung Recht gehabt. Bei Wiesloch hinter

Heidelberg auf dem abschüssigen Straßendamme gingen die Pferde durch,

der Wagen wurde gegen eine Mauer geschleudert, und bewußtlos zog man

ihn unter den Trümmern desselben hervor. An der rechten Seite der Stirn

und im Nacken war er lebensgefährlich verwundet. Man schaffte ihn

zunächst nach dem Wirthshause in Wiesloch, wo mit Hülfe des dortigen

Arztes der erste Verband angelegt wurde, einen zweiten Arzt holte man

aus Heidelberg herbei. Sobald es sein Zustand verstattete, setzte man

in Begleitung eines Arztes die Reise fort. In Baden-Baden konnte für

alle erforderlichen Hülfsmittel gesorgt werden. Sechs Tage wurden

unter Fieber und Schmerzen die Eisumschläge fortgesetzt, denn bei der

Stärke des Falles fürchtete man eine Gehirnerschütterung. Auch dieses

Mal kämpfte sich seine gute Natur durch, und der Gebrauch der Bäder

förderte die Genesung. Doch behielt er ein Wahrzeichen dieses Unglücks.

Den Halswirbeln blieb eine Steifigkeit zurück, die eine etwas schräge

Stellung des Kopfes verursachte, und zugleich an der Stirn eine Narbe.

Es war ein trauriges Wiedersehen, als er im Herbst schwächer, leidender

und mit vermehrten Schmerzen zu den Seinen zurückkehrte.

Auch hier fand er Krankheit. Schon seit Jahren hatte sich bei seiner

sonst so kräftigen Frau ein Krankheitszustand entwickelt, der mit

Wassersucht endete. Mit günstigem Erfolge überstand sie mehrere

Operationen, man glaubte auf Besserung hoffen zu dürfen, doch Schwäche

und Entkräftung wuchsen, ihr Leben neigte dem Ende zu.

Die langwierige Krankheit der Mutter, das gesteigerte Siechthum des

Vaters, der Verlust mancher Freunde, und die wachsenden geistigen

Wirren gaben auch dem Ernste, welcher in Dorothea’s Charakter lag,

reichen Stoff. Eine dunkle Schwermuth legte sich um ihre Seele. Sie

sah in dem Leben eine Schule fortgesetzter Entsagung, und in dem

vernichtenden Wechsel alles Irdischen und dem Verluste dessen, was dem

Herzen am theuersten ist, fand sie nur einen Trost, der Stand halte,

und nur Eines, was noth sei. Denn welche Sicherheit vermochte dieses

glänzende, eine Zeit lang blendende Leben zu gewähren? Jugend und

Gesundheit, mit ihren reichen Hoffnungen waren dahingeschwunden. Hatten

Poesie und Kunst den innern Zwiespalt heben, die Wunden heilen können?

Ein herbstlicher Reif war auf den Frühling der Poesie gefallen, und

öde, kalt und traurig lagen die einst reichen Blumengefilde da. Und

gab es denn überhaupt eine Zukunft auf Erden? Jede Zukunft wird einst

Vergangenheit. Nur in Einem heben sich alle Gegensätze auf, nur in

Einem hört Freude und Leid auf ein schmerzlicher Wechsel zu sein, im

Glauben.

Unermüdlich pflegte sie ihre Mutter; sie stand ihr zur Seite während

der schmerzhaften Operationen, sie saß an ihrem Bette, sie umgab

sie Tag und Nacht, und freute sich jedes freiern und erträglichern

Augenblicks. Er ward ihr stets ein neues göttliches Geschenk, und darum

schien es ihr eine Wohlthat, daß es auf Erden keinen dauernden Besitz

gebe. Sie sah in den Leiden eine fortwährende Erlösung, und in jedem

Schmerze eine tiefere Einführung in die göttlichen Geheimnisse.

Endlich fiel der lange gefürchtete Schlag. Am 11. Februar 1837 erlag

Tieck’s Frau ihrer Krankheit. Für alle war es ein schwerer Verlust.

Dorothea fühlte, eine Hälfte des Lebens sei von ihr losgerissen. Sie

wußte, was sie ihrem kranken, tiefgebeugten Vater sei, daß sie für ihn

leben müsse, daß er sie nicht entbehren könne, dennoch ward es bei ihr

zur Ueberzeugung, daß auch ihr Tod nicht mehr fern sei. Ihr Leben war

eine fortgesetzte Vorbereitung darauf.

Nicht, daß sie jede Thätigkeit aufgegeben hätte, vielmehr eifriger

ward sie als je, jede Minute Zeit kaufte sie aus, aber alle Thätigkeit

hatte nur einen Zweck, nur ein Ziel. Ihre literarischen Arbeiten und

Studien sah sie als eine ihr auferlegte Pflicht an. Nicht lange vor dem

Tode der Mutter hatte sie die Uebersetzung der „Leiden des Persiles

und der Sigesmunde“ beendet. Jetzt übernahm sie auf Raumer’s Rath, und

unter seiner Leitung, die Bearbeitung von Spark’s „Leben und Briefen

Washington’s“. Auch die Beschäftigung mit den alten Sprachen setzte

sie fort, aber immer mehr gewann dieses Studium einen religiösen,

kirchlichen Charakter. Sie las die Schriften des heiligen Bernhard,

der heiligen Therese, dann das neue Testament im Urtexte, endlich

lernte sie Hebräisch. Auch ihre Theilnahme an den Künsten, besonders

der Musik, hatte diese Richtung. Sie studirte Generalbaß, um die alten

kirchlichen Meister zu verstehen. Mit tiefster Erschütterung hörte sie

Bach’s Passion; dann glaubte sie, wie sie sagte, am Kreuze Christi

selbst zu stehen. Denn was war alles Wissen? Ihr Wahlspruch ward:

„Christum lieb haben ist besser denn alles Wissen.“

Eine kirchlich praktische Thätigkeit wollte sie sich schaffen. Mit der

Frühmesse begann sie ihren Tag. Die erste im Hause erhob sie sich,

und eilte jeden Morgen um sechs Uhr zur katholischen Kirche. Mit der

Laterne ging sie im Winter über die dunkeln Plätze und Straßen; die

Jahreszeit machte keinen Unterschied, nicht Wind, nicht Wetter scheute

sie. Dann erst fing ihr weltlicher Tag an. Sie ward Mitglied eines

katholischen Frauenvereins, und übernahm in einer Armenschule den

Unterricht in weiblichen Handarbeiten. Hier saß sie oft des Nachmittags

in der Mitte verwildeter Mädchen, und suchte sie in den ersten

Handgriffen zu unterrichten. Für die Aermsten unter ihnen fertigte sie

zu Hause die nothwendigsten Kleidungsstücke an. Sie that abermals einen

tiefen Blick in das menschliche Leben. Wie viel leibliches Elend, wie

viel geistige Noth und Versunkenheit gab es in diesen dunkeln Regionen.

Den Lehren und Heilsmitteln ihrer Kirche gab sie sich ganz hin, Symbole

und Cultus umfaßte sie mit vollem Glauben, die Kirche war das Heil und

der Trost, sie der Fels, der Rettung verhieß, wenn die Welt um sie her

versank.

Während sie so auf den Tod bedacht war, riß er ein anderes volles,

blühendes Leben von ihrer Seite. Unerwartet starb am 14. Februar 1839

Adelheid Reinbold. Auch sie trug manchen Kummer im Herzen, aber sie

stellte der Noth des Lebens den Kampf entgegen, und suchte die Welt

in der Welt zu bezwingen. Obgleich niedergedrückt durch die geringe

Anerkennung, welche ihre Dichtungen im Allgemeinen fanden, hoffte

sie dennoch, und jetzt mehr als früher. Ihre letzte Novelle in der

„Urania“ war beifällig aufgenommen, und die ersten Bogen ihres „König

Sebastian“ ihr soeben zugesandt worden. Da nahm ein leichtes und wenig

beachtetes Halsübel plötzlich eine lebensgefährliche Wendung. Es ward

zur brandigen Bräune; in acht Tagen war sie todt.

Ein jäher Schreck traf alle Freunde. Mitten aus einer vollen, wenn

auch oft angestrengten Thätigkeit, in der Blüte der Jahre war sie

hingerafft worden. Durch ihre Heiterkeit, ihre lebhafte und geistvolle

Unterhaltung, ihre hülfreiche und entgegenkommende Theilnahme bei

allen Vorfällen des Lebens hatte sie sich ihren Freunden unentbehrlich

gemacht. Eine zweite nicht zu füllende Lücke war entstanden. In

Tieck’s geselligen Kreisen begann es stiller zu werden. Ihre Grenzen

zogen sich enger zusammen, mehr auf die ältesten und vertrautesten

Freunde beschränkte man sich. Das sonst an Abwechselungen reiche

Leben nahm eine eintönige und dunkle Farbe an. Todesfälle, steigende

Kränklichkeit, das Unbefriedigende der literarischen Verhältnisse

vereinten sich, um die trübe Stimmung zur herrschenden zu machen.

Auch das Theater gewährte keine Zerstreuung mehr. Einen Kunstgenuß,

selbst ein augenblickliches Vergnügen hatte Tieck seit vielen Jahren

dort nicht mehr gesucht, aber immer noch hatte er ihm seine Theilnahme

erhalten. Er suchte zu fördern, zu helfen, er wünschte das Gute zu

entwickeln, wo es sich noch zeigte, er warnte vor Uebelständen, die

der Verderb der Bühne werden mußten. Die glänzenden Gestalten, welche

seine Jugenderinnerung bewahrte, waren freilich nicht herzustellen,

aber er ward doch nicht müde, darauf hinzuweisen und eine Annäherung

zu versuchen. Immer noch sah er in dem Theater eine wichtige, und für

das Volk bedeutsame Anstalt, welcher er durch seine Erfahrung und

Kenntniß zu nützen dachte. Aber auch dies Interesse erlosch. Er begann

sich von der Erfolglosigkeit seiner Bemühungen zu überzeugen, er ward

gleichgültig und theilnahmlos.

Sonderbares Geschick der größten deutschen Dichter, die in

glaubensvoller Begeisterung einen Theil ihres Lebens an dieses Institut

setzten, um es zu einer künstlerischen und sittlichen Schule zu machen,

und sich dann enttäuscht, verstimmt, voll Entrüstung, ja Verachtung

von demselben abwandten! Voll Bitterkeit hatte Lessing über den

gutherzigen Einfall gelacht, ein nationales Theater haben zu wollen, da

wir Deutsche ja noch keine Nation seien; umsonst hatte Schiller sich

gemüht, Goethe hatte die Breter vor einem Hunde räumen müssen, und

Immermann gab seine mit jugendlichem Muthe unternommenen Versuche bald

wieder auf. Keiner von ihnen hatte an der ausübenden Kunst des Theaters

selbst mehr Antheil, Keiner hatte einen größern Glauben gehabt als

Tieck, und wie er das Theater ein ganzes Leben hindurch verfolgt; und

auch er nahm die Ueberzeugung von der vollständigen Versunkenheit der

Bühne mit sich fort. Siebzig Jahre nach Lessing, nach Schiller, nach

Goethe und seiner eigenen langen Thätigkeit kam er auf die Grundfrage

zurück, ob die Deutschen überhaupt eine dramatische Nation seien. Er

war geneigt, diese Frage mit Nein zu beantworten!

Dichter und Schauspieler, Publicum und Kritiker sah er einer gleichen

Verwilderung entgegengehen. Wie viel schlimmer war es nicht in den

letzten dreißig Jahren seit Müllner geworden! In Müllner erkannte Tieck

ein starkes, fast massives und handfestes Talent; um so übler war

es, wenn es sich verirrte und das Publicum mit allen Schreckmitteln

bearbeitete. Die Flut der Schicksalstragödien brach ein. Auf Müllner

folgten Grillparzer und Houwald und andere Nachahmer. In diesen Dramen,

wo die sittliche Freiheit aufhörte, sollte das Verbrechen als solches

interessiren, es sollte Tragik, Poesie sein! Das Rohe, das Gräßliche

verband sich mit dem Abgeschmackten, und sich selbst überschlagend,

machte es beinahe eine komische Wirkung. Sonderbar ging die antike

Schicksalsidee mit Calderon’s Wunderglauben zusammen, und beides wurde

in das alte pedantische Schema der drei Einheiten hineingezwängt.

In grellerm Contraste stand damit die leichte Fabrik- und Dutzendarbeit

der französischen Vaudevilles, mit denen der deutsche Markt nicht

minder überschwemmt wurde, und die trocken docirenden historischen

Trauerspiele der folgenden Jahre. Der Prunk in Oper und Ballet, die

Pedanterie des sogenannten historischen Costüms trugen dazu bei, die

Phantasie des Zuschauers träger zu machen. Und was sollte Tieck von

einem Publicum denken, das Stücke von Calderon und Shakspeare, die er

einstudirt hatte, auspochte? Eine armselige Rolle spielte die Kritik.

Ueberall Oberflächlichkeit, Halbwisserei, oft Unkenntniß des Ersten

und Unerläßlichsten. Um eine Theaterkritik zu schreiben, brachte, wer

soeben der Schule entlaufen war, immer noch genug mit. Nirgend galt es

der Sache. Schmähungen, durch irgendein Parteiinteresse eingegeben,

wechselten mit abgeschmackten Liebeserklärungen, und Klatschgeschichten

wurden in den Correspondenzen gelesener Journale und obscurer

Winkelblätter breitgetreten. Mit Ueberdruß wandte sich Tieck von diesem

Treiben ab.

Auch seine persönliche Wirksamkeit am dresdener Theater erfuhr manche

Hemmung. Vieles davon kam auf Rechnung der allgemeinen Stimmung und des

Zeitgeschmacks, Anderes lag in Verhältnissen, die sich mit dem besten

Willen nicht ändern ließen. Er selbst war nicht immer im Stande, mit

gleichmäßiger Kraft einzugreifen. Der Vorwurf ward laut, er erfülle die

Erwartungen nicht. Dann stieß er bei Schauspielern und Kritikern auf

entschiedenen Widerspruch. Einige schlossen sich ihm freundschaftlich

an, Andere zeigten sich reizbar, rechthaberisch und eitel; sie glaubten

einer Leitung nicht zu bedürfen, und die Sache mindestens ebenso gut

zu verstehen. Sprach er einmal ein entschiedenes Wort, so erhob sich

der Ruf, daß er tyrannisch verfolge und unterdrücke, und durch alle

Instanzen hindurch, bis hinauf zu den höchsten, verklagte man ihn. So

fanden seine Ansichten, sein Vorlesen, sein Einstudiren der Rollen bei

denen, auf die er zunächst wirken sollte, vielleicht die geringste

Anerkennung. Der Gedanke, sich aus allen diesen Verwickelungen zu

befreien, und ein undankbares Geschäft aufzugeben, kam zur Reife.

Unter diesen Verlusten und Widerwärtigkeiten sammelte er dennoch Kräfte

zu einem größern Werke. Im Juli 1840 vollendete er die 1836 begonnene

„Vittoria Accorombona“. Es war seine letzte Dichtung. Er nannte es

nicht Novelle, sondern Roman; es war ein ausgeführtes Zeitbild, das

dem historischen Roman nach Walter Scott eine neue Richtung gab. Die

volle schöpferische Phantasie trat noch einmal hervor und führte in

die Welt verzehrender Leidenschaft und schwarzen Verbrechens ein.

Dies Bild Italiens am Ausgange des sechzehnten Jahrhunderts war

ein furchtbares Nachtstück, das an manche seiner Jugenddichtungen

erinnerte. Auch in dieser letzten seines Alters lag etwas Herbes,

Gewaltsames, Dämonisches. Er schilderte einen hohen, starken Charakter,

der inmitten einer verderbten und ruchlosen Zeit sich im Bewußtsein der

Kraft überhebt, und in den allgemeinen Sturz hinabgezogen wird. Auch

hatte dieser Stoff zuerst in der Jugend, vor fast funfzig Jahren, seine

Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Ein altenglisches Drama in Dodsley’s

Sammlung hatte ihn 1792 in Göttingen darauf hingeleitet.

Der Eindruck war ein getheilter. Indem man die frische Kraft des

Dichters anerkannte, wurde Einzelnes sittlich anstößig, das Ganze

im Geschmacke der sogenannten französischen Romantik gefunden. Die

strengsten Kritiker sahen ihn auf dem Wege, zu den Feinden überzugehen,

zu den Schriftstellern der Emancipation und des gesellschaftlichen

Radicalismus. Von Allem, was die Anklage so zuversichtlich gegen ihn

aussprach, wußte er sich frei, nichts davon hatte er gewollt oder

beabsichtigt.

Auch das Jahr 1840 war durch einen Todesfall bezeichnet. Immermann, der

fast dreißig Jahre jüngere Freund, starb in einem Augenblicke, wo er

zum ersten Male allgemeine Anerkennung fand. In seinem letzten Briefe

hatte er Tieck mitgetheilt, daß er mit der Erneuerung von „Tristan und

Isolde“ beschäftigt sei. Es war ihm nicht vergönnt, dieses Werk zu

vollenden.

Ludwig Tieck Erinnerungen aus dem Leben des Dichters nach dessen mündlichen und schriftlichen Mitteilungen · 第 36 / 51 段