Mit dem Ablauf des dritten Jahrzehends ging dieses gleichmäßige

künstlerische Stilleben zu Ende. Neue Ereignisse traten ein, denen

Verstimmung und Unruhe, Schmerz und Erschütterung in den engen Grenzen

nächster Verhältnisse wie im öffentlichen Leben folgten. Für Tieck

wurde dieser Lebensabschnitt durch zwei Todesfälle bezeichnet, die ihn

tief ergriffen. Zu Anfang des Jahres 1829 starb Friedrich Schlegel,

dann folgte der Tod Goethe’s.

Von dem Wunsche getrieben, den wohlbekannten Boden des nördlichen

Deutschland auf längere Zeit wiederzusehen, kam Schlegel im Spätherbste

1828 nach Dresden. Er beabsichtigte in den Wintermonaten eine Reihe

von öffentlichen Vorlesungen in alter Weise zu halten. Er wollte darin

die Ergebnisse seiner philosophischen und historischen Studien, seine

Lebensphilosophie, wie er es nannte, vortragen. Mehr als je erschien

er von dunkler Mystik und Prophetik erfüllt. Er sprach mitunter

glänzend, es war ein Aufblitzen des alten Talents, öfter sophistisch,

unklar und verworren; Paradoxie und Anmaßung waren vorherrschend.

Seine neuen Vorlesungen waren bei weitem mehr Gegenstand der Neugier

und des Staunens, als der wahren Theilnahme. Für Tieck waren sie

ungenießbar. Es gab Augenblicke, in denen er nicht ohne Schrecken

die apokalyptischen Verkündigungen seines Freundes anhörte. Fast

gespenstisch erschien er ihm. Wie hatte sich dieser reiche Geist aus

den weitesten Räumen in die engste Dürftigkeit zusammengezogen! Im

Willkürlichen, Abenteuerlichen, Verkehrten fand er Genügen, und gerade

jetzt meinte er auf der Höhe der Weisheit angelangt zu sein.

Dem reinsten Aberglauben war er verfallen; jedes Gespräch zeigte nur

die immer größer werdende Kluft. Er behauptete wirklich prophetisch

in die Zukunft zu blicken, die er aus einzelnen Bibelsprüchen deuten

wollte. Diese nahm er aber nur aus der Vulgata. Wenn Tieck sich

erlaubte, bescheidene Zweifel zu äußern, wies er ihn pathetisch mit

den Worten ab: „Mein Sohn, auf deinem Standpunkte verstehst du das

nicht.“ Als ihm Tieck einmal einen phantastischen Traum erzählte,

erkannte Schlegel darin einen Wink der heiligen Jungfrau, die es gut

mit Tieck meine, und ihn in den Schoos der Kirche zurückführen wolle.

Ein anderes Mal kündete er die Nähe des jüngsten Tages an, dann würden

die Gestirne des Himmels sich gegeneinander bewegen, und die Gestalt

eines Crucifixes bilden. Unwillkürlich brach Tieck bei diesem Orakel in

den Ruf aus: „Mensch, sage einmal, glaubst du denn wirklich das Alles?“

Nach solchen Zweifeln sprach dann Schlegel sein tiefes Bedauern aus,

daß der Freund, der doch alle Elemente des Glaubens in sich trage, sich

zum Glauben selbst nicht erheben könne.

Schlegel sollte seine Vorlesungen nicht beenden. Es war am 10. Januar,

als er noch einmal in heiterer Geselligkeit mit den Freunden vereint

war; in der Nacht darauf wurde er vom Schlagfluß getroffen.

Am 22. März 1832 starb Goethe. Die letzte Berührung hatte Tieck mit

ihm, als 1829 zur Feier von Goethe’s Geburtstage auf der dresdener

Bühne der „Faust“ zur Aufführung gebracht wurde. Er war mit diesem

Plane nicht einverstanden, weil er darin eine Beeinträchtigung des

Gedichts fand, dennoch schrieb er für die Darstellung einen Prolog.

Wenige Tage später erhielt er ein danksagendes Schreiben von Goethe’s

Hand.

Jetzt war auch er dahingegangen, der in dem Reiche deutscher Dichtung

sechzig Jahre lang als König geherrscht, an dem sich die spätern

Geister alle gemessen oder emporgerankt hatten. Es war eine tiefe

Lücke im deutschen Leben selbst. An Goethe’s Dichtungen hatte Tieck

in kindischem Spiele gelernt, von ihm als Knabe geträumt, für ihn

als Jüngling voll Begeisterung gekämpft. Unaufhörlich hatte er seine

frühern Werke studirt, in ihnen lebte er. Wie viel hatte er nicht

seit dreißig Jahren über Goethe’s dichterischen Genius gedacht,

gesprochen und geschrieben! Doch nie war es zu einer dauernden

persönlichen Verbindung zwischen ihnen gekommen. Sie standen einander

zu nah und doch auch fern. Aber nur um so klarer ward Tieck’s reine

und uneigennützige Pietät. Es war ein innerstes Verständniß, welches

das Zufällige von dem Unvergänglichen trennte, und deshalb in den

hergebrachten Ton der Bewunderung nicht überall einstimmen konnte.

Goethe’s Tod wirkte auf ihn mit schmerzlicher Gewalt. Wochen lang

war er in schwermüthiger Trauer, und vermochte seiner Rührung nicht

Herr zu werden. Familie und Freunde fingen an für seine Gesundheit zu

fürchten. Ergreifend sprach er das Gefühl seiner tiefen Wehmuth aus,

als er einmal sagte, Goethe sei der Stern gewesen, der seiner Jugend

vorgeleuchtet habe; wie Ferdinand für Egmont, habe er für Goethe

gefühlt. In dem Epilog zum Andenken Goethe’s, der nach der Darstellung

der „Iphigenia“ gesprochen wurde, legte er ein letztes Zeugniß für

ihn als Vorbild, Lehrer, Freund und hohen Meister ab, indem er ihn

mit Dante und Shakspeare zusammenstellte, und sie als das leuchtende

Dreigestirn der Poesie bezeichnete.

Es war, als wenn mit dem Scheiden Goethe’s, des Schöpfers der

nationalen Poesie, und Schlegel’s, des Vorkämpfers der Mystik, eine

große Zeit hätte abschließen sollen. Denn jetzt drängte gewaltsam ein

jüngstes Geschlecht nach, in dessen Augen die alten Lorbern längst

vertrocknet waren, welches Talent, geistige Kraft und Bedeutung

allein für die Gegenwart und für sich selbst in Anspruch nahm. Die

Julirevolution war ausgebrochen, und der Widerhall der heftigen

Explosion erschütterte zunächst Deutschland. Eine fieberhafte Bewegung

durchzuckte das Leben. Alle Unzufriedenheit, alles gesellschaftliche

Misbehagen, dessen Aeußerungen die Restaurationspolizei bisher

niedergedrückt hatte, brach hervor, und suchte sich einen politischen

Ausweg zu bahnen. Aber seit lange lag es im Charakter des deutschen

Geistes, die Schlachten, die er sich selbst liefert, vorzugsweise auf

dem Gebiete der Literatur zu schlagen. So geschah es auch jetzt.

Die Jahre der Ruhe gehörten überwiegend den jüngern Romantikern, deren

Letzte die Nachzügler Walter Scott’s waren. Sie priesen unaufhörlich

die gute alte Zeit, und suchten sie auf allen Wegen. Man war sicher

und stolz geworden im Besitze der wiedergewonnenen Güter. Aber die

ausschließende Einseitigkeit bereitete sich selbst den Fall. Nicht

Alle dachten so, wie die Tonangeber. In der Stille erhoben sich andere

Kräfte, deren Erbitterung mit ihrer Unterdrückung wuchs, und die um so

begieriger waren, sich hören zu lassen, je weniger man sie zu Worte

kommen ließ.

Lord Byron war das Urbild der literarischen Oppositionsmänner neuester

Zeit, der Dichter des Schmerzes, der sittlichen Zerfallenheit, der

Verzweiflung und auch der Koketterie mit der Verzweiflung. Er war

das Ideal der modernen Fauste und himmelstürmenden Titanen, der

volle Ausdruck der durchbrechenden Zeitverstimmung, welche die

Selbstgenügsamkeit der herrschenden Restauration verspottete, nichts

mehr glaubte, an Allem zweifelte, Alles bestritt, und dem Misbehagen

der Welt durch eine radicale Umwandlung abhelfen wollte. Vorher war

Alles positiv und althistorisch gewesen, jetzt sollte Alles negativ und

jung sein. Raum sollte gemacht werden für das Neue. Aber was war das

Neue?

Was den deutschen Nachahmern Byron’s an Kraft und Tiefe fehlte,

ersetzten sie durch Systematik. In der lyrischen Poesie hatte sich mit

Heine’s Liedern ein verneinender Geist in glänzender und populärer

Hülle erhoben, deren bestes Theil von Goethe entlehnt war. Der scharfe,

fressende Hohn, der Alles, was über dem einzelnen Menschen steht,

angriff, das Gefühl verspottete und endlich sich selbst vernichtete,

war in diesen leichten Versen durch Deutschland getragen worden.

Börne’s Kritiken, die sich mit Zerstörungslust auf alles Deutsche

warfen, wurden das Signal zu heftigen und maßlosen Angriffen. Die

Literatur schien übersättigt, von Ekel vor sich selbst ergriffen.

Solange hatte man gedichtet und Bücher geschrieben, jetzt wollte man

Thaten; man hatte Dichter bewundert und gepriesen, jetzt sollte die

Zeit gekommen sein, wo man sie hassen und sich selbst verhaßt machen

müsse, um zu wirken. Hatte man bisher an Autoritäten geglaubt, so

sollte jetzt die Axt an die Götzenbilder gelegt werden. Goethe’s Name

war der erste, der fallen mußte. Was man hier verlor, behaupteten

die Neuerer durch die Einwirkung auf Volk, Staat und Gesellschaft

tausendfach zu ersetzen. Dem Leben sollte im Leben selbst zu seinem

Rechte verholfen werden. Das junge Deutschland wollte diese Thaten

ausführen. Unter seinen Händen nahm die bisher so harmlose Tagespresse

einen andern Charakter an, und bald erscholl in Zeitungen und Journalen

in allen Tonarten der Ruf nach Emancipation.

Aber es war keine dichterische Schule, es war eine halb politische,

halb literarische Partei, dieses junge Deutschland. Die Freiheit sah

sie auch in der Zerstörung dessen, was seit fast einem Jahrhunderte

das Eigenthümlichste des deutschen Lebens gewesen war, und die

Anerkennung ihrer Gedanken forderte sie mit einem Terrorismus, der

alles Frühere überbot. Es hatte eine Zeit gegeben, wo Lessing und

Goethe gegen Gottsched, wo Tieck und die Schlegel gegen Nicolai das

junge Deutschland gewesen waren. Sie hatten die Poesie, das Genie

für sich, aber niemals war es ihnen eingefallen, sich das junge

Deutschland zu nennen. Man war sehr wenig, wenn man nichts weiter war,

als jung; es war bedenklich, von dem allgemeinsten und vergänglichsten

aller Vorzüge, von der Jugend, das Parteizeichen herzunehmen. Auch

Goethe’s und Tieck’s Polemik war eine scharfe gewesen; aber ihre Werke

zeigten, daß sie nicht im Zerstören ihre Aufgabe fanden. Goethe’s

dichterisches Schaffen war ein urkräftiges Behagen, Tieck erklärte, nur

in der Poesie sein höchstes Gesetz zu finden; die neue Partei wollte

nicht diese, sondern in ihr Politik und sociale Reform. Dem System

der neuen Freiheit, des Staats, der Gesellschaft sollte die Poesie

unterthan sein. Diese Politik war keine deutsche, keine volksthümliche,

vielmehr bekämpfte sie, was bisher dafür gegolten hatte. Französische

Schriftsteller hatten ein allgemeines, patentirtes Schema einer

kosmopolitischen, socialen Politik aufgestellt. Die Nationalität war

auch nur eine Schranke; der Mensch sollte sich erweitern.

An das eigenthümliche Leben des deutschen Volks hatte Tieck in Kunst

und Poesie sich angeschlossen. Niemand studirte auch die Literaturen

fremder Völker eifriger als er; er that es um ihres besondern

Charakters willen, und diesen achtete er. Aber der Gedanke einer

allgemeinen Weltliteratur lag ihm fern. Von einer solchen hatte Goethe

in der Zeit seiner letzten allegorisirenden Dichtung öfter gesprochen,

und diesen Gedanken griff die neue Partei auf, und beutete ihn aus.

Doch das Allgemeinste im Menschen, was jedem verständlich sein mußte,

war die sinnliche Kraft, der Naturtrieb; dieser sollte in sein Recht

eingesetzt werden. Es war die Emancipation des Fleisches.

Tieck hatte den Freiheitstaumel der französischen Revolution, an seinen

eigenen Freunden den älteren Kosmopolitismus erlebt, und wußte welche

Emancipationsideen schon damals zu Tage gekommen waren. Die neuen

Schriften dieser Art besaßen nicht die Originalität von Schlegel’s

„Lucinde“. Nur wer diese vergessen hatte, konnte jene für neu halten.

Man wiederholte in tumultuarischer Weise, was in der Sturm- und

Drangperiode und später gesagt worden war.

Auch die literarischen Productionen der jüngsten Schule bewegten sich

nur auf engem Raume. Es waren lyrische Lieder oder Kritiken, immer

wieder Charakteristiken von Personen und Zuständen der Gegenwart, ein

unaufhörliches Sprechen über die Literatur. Oder man benutzte die

Novelle, weil man hier den ganzen Inhalt politischer und socialer

Polemik ausschütten konnte. Die Novelle lernte man von Tieck behandeln

und gebrauchen, wie man das literarische Raisonnement von den Schlegel

gelernt hatte.

Während die Neuerer Goethe als einen höfischen Dichter anklagten, der

des Sinnes für Freiheit und volksthümliche Entwickelung entbehre,

machten sie vorzugsweise Schiller, als den Dichter der Sittlichkeit

und des Fortschrittes der Menschheit, zu ihrem Helden. Noch heftiger

waren die Angriffe auf die romantischen Dichter, die jetzt den

vollen Rückschlag ihrer eigenen Einseitigkeit erfuhren. Sie hatten

Ritterthum und Mittelalter besungen und oft carikirt, dafür wurden

sie als Träger des Servilismus, als Feinde des Volks bezeichnet. Sie

galten für Kryptokatholiken, Vertheidiger der geistigen Unfreiheit

und Obscuranten. Romantisch hieß alles, was der freien Entwickelung

zuwider war, und Romantik war planmäßige Verfinsterung. Diese Anklagen

nahmen einen systematischen Charakter an, je mehr sich ihrer die

letzten Jünger der Philosophie bemächtigten. Hier sollte der neueste

Fortschritt logisch erwiesen und die Nothwendigkeit dargethan werden,

daß vorerst unter den alten Größen aufgeräumt werden müsse. Der

philosophische und politische Radicalismus trat auf. In voller Stärke

erschien er in dem Kriegsmanifest, welches die „Hallischen Jahrbücher“

gegen die Romantik, und Alles was damit zusammenhing, erließen.

Diese Feindseligkeit der jüngern Schriftsteller sammelte sich immer

entschiedener auf Tieck. Manche mochten bei ihm Sympathien erwartet

haben, eine Voraussetzung, die sich als irrthümlich erweisen mußte.

Er hatte das Wort gegen die falsche Frömmigkeit ergriffen, andere

Thorheiten der Gegenwart gelegentlich berührt, und von seinen eigenen

überfrommen Anhängern sich abgewendet. Noch viel kecker war der

Ton seiner Jugenddichtungen. Aber niemals hatte er dem politisch

literarischen Radicalismus gehuldigt. Die Ueberzeugung, daß Misbräuche

vorhanden seien, welche Abhülfe erforderten, gab noch kein Recht, die

Grundlagen des Staats selbst anzutasten. Eben weil der Mensch nur in

der geordneten Gesellschaft zum echten Menschen werden kann, ist es

nothwendig, ihre Formen mit heiliger Scheu zu behandeln. Wer immer nur

das Einzelne tadelte und angriff, bewies, daß er für das Ganze keinen

Sinn hatte, und löste auf, ohne etwas besseres dafür geben zu können.

Diese Ansichten sprach er wiederholt mündlich und schriftlich aus.

Die jüngern Kritiker behandelten den Glauben an Tieck’s dichterischen

Genius als Aberglauben, seinen Einfluß auf die Literatur als ein

Unglück, ihn selbst als einen Abtrünnigen, als gewandten aber

gesinnungslosen Taschenspieler, der mit seiner Ironie ein kindisches,

oder boshaft perfides Spiel treibe. Alle möglichen Schmähungen, aus

allen Winkeln hergeholt, wurden auf ihn gehäuft. Er selbst ließ sich

durch dieses wüste Geschrei nicht beirren. Er kannte diese Anklagen

und Vorwürfe aus alter Zeit, sie erschienen nur mit neuen Stichwörtern

ausgerüstet. Die vergessene Aufklärung war diesmal im Bunde mit dem

neuen Liberalismus und darum doppelt intolerant. Jede Gelegenheit ward

von den Parteiblättern zu Verunglimpfungen oft der niedrigsten Art

benutzt. Selbst seine körperliche Gebrechlichkeit wurde nicht geschont.

Dennoch geschah es, daß er die Gegner in seinem Hause sah, um

Erfahrungen mit ihnen zu machen, die noch weniger erbaulich waren.

Offen und unbefangen, häufig auch unbekannt mit dem augenblicklichen

Einflusse der gefürchteten Tagesschriftsteller, nahm er manchen auf,

der sich dem berühmten Manne demüthig nahte. Nicht selten las er bald

darauf in irgendeinem öffentlichen Blatte das Gespräch, welches er

geführt hatte. Man conterfeite ihn und seine Umgebung, man schalt ihn

absprechend, hochmüthig, unfähig andere Meinungen zu ertragen, man

verdrehte seine Worte, kritisirte sie, oder hatte sie misverstanden.

Da alles öffentlich sein sollte, mußte auch das unbefangene Wort, das

ein bekannter Mann gesprochen hatte, sogleich in die Oeffentlichkeit

kommen. Einst übersandte ihm ein Tagesschriftsteller ein Drama mit der

Bitte um ein anerkennendes Urtheil und Darstellung auf der dresdener

Bühne. Wirklich äußerte er sich beifällig darüber. Doch bald änderte

der Verfasser seine Politik und ließ nun drucken, er selbst sei an

seinem Stücke irre geworden, als er gehört habe, es sei von Tieck

gelobt worden.

Ein anderes Mal lehnte er den Besuch eines Publicisten den er früher in

seinem Hause gesehen, ab, weil er sich, wie oft, in einem leidenden

Zustande befand, der die Unterhaltung mit Fremden nicht erlaubte.

Sogleich schrieb dieser einen drohenden Brief, mit der Anzeige, er

werde dieser Beleidigung zu seiner Zeit eingedenk sein. Ein anderer

wollte gar eine Art von Conspiration gegen ihn zu Stande bringen.

Er besuchte einen namhaften Mann im südlichen Deutschland, dessen

Verbindung mit Tieck er nicht kannte, und trug ihm vor, wie alle

literarischen Kräfte sich einigen müßten, um Tieck in der Meinung des

Publicums zu stürzen.

Mit nichtachtender Großartigkeit ließ er diese Flut von

Verunglimpfungen über sich ergehen. Nur den heitern Gleichmuth und

die scherzende Laune der Poesie setzte er ihr entgegen, und auch hier

führte er nicht allein seine, sondern auch Goethe’s Vertheidigung. Die

nüchternen Philister alten Schlages waren ausgestorben, nun war es

nöthig ihn gegen die modernen Philister in Schutz zu nehmen, welche

seinen Standpunkt längst überwunden zu haben glaubten. Den Vandalismus

der kritischen Bilderstürmer, das Literatenthum, die Einseitigkeit

dieser politischen Glaubenssätze, die Intoleranz und dichterische

Unfruchtbarkeit, dies Alles stellte er in Andeutungen oder Ausführungen

in einigen spätern Novellen dar. Zu diesen gehörten „Der Mondsüchtige“,

„Die Reise ins Blaue“, „Die Vogelscheuche“, „Der Wassermensch“,

„Liebeswerben“.

So oft behaupteten die neuen Kritiker, daß es mit ihm und seinen

Dichtungen vorüber sei. Neben den polemischen bewiesen andere Novellen,

daß die Dichterquelle immer noch frisch und reich sprudele. Einen

wahrhaft volksthümlichen Dichter verherrlichte er in Camoens, der

getragen von einem glänzenden, ritterlichen und ruhmreichen Volksleben,

in dessen Mitte verkannt, still und einfach, ja als Bettler lebt,

der zufrieden, den Ruhm seines Vaterlandes, das sich nicht dankbar

erwies, besungen zu haben, mit dessen Unabhängigkeit stirbt. Die

Sehnsucht des Phantasus erkennt man wieder in der „Reise ins Blaue“.

Wie die Cevennen, eröffnet „Der Hexensabbath“ die Abgründe religiöser

Schwärmerei, und tiefsinnig und versöhnend ist „Der Schutzgeist“.

Daneben vollendete er andere literarische Arbeiten. Er übersetzte

die vier altenglischen Schauspiele, welche er gegen die hergebrachte

Kritik Shakspeare zuschrieb. Auch war er immer noch bereit, jüngeren

Freunden den Eintritt in die Literatur durch ein empfehlendes Wort

oder ausgeführtere Einleitungen zu erleichtern. In dieser Zeit gab er

Eduard von Bülow’s literarische Sammlungen und Uebersetzungen heraus.

Er erneuerte das Andenken seiner im Jahre 1833 gestorbenen Schwester,

deren letzten Roman „St.-Evremont“ er veröffentlichte. Endlich empfahl

er die ersten novellistischen Versuche eines vielversprechenden

jugendlichen Talentes, welches unter dem Namen Franz Berthold auftrat.

8. Anerkennung.

Zu allen Zeiten war Tieck von den Wortführern und Anhängern

herrschender Richtungen in Philosophie, Religion und Politik

angegriffen worden, weil er stets der überflutenden Strömung

entgegentrat und jeder einseitigen Gleichmacherei sich widersetzte.

Um so häufiger fand er Freunde unter den Naturen, welche, wie er

selbst, ihr eigenes Wesen der im Augenblicke geltenden Stimmung nicht

unterordnen wollten. Die scharf ausgeprägten Persönlichkeiten konnten

sich in manchen Punkten um so eher verständigen und einander nähern,

je weniger sie darauf rechneten sich gegenseitig zu bestimmen. Das

Eigene und Originale, das wodurch der einzelne Geist gerade das

war, was er war, hatte ihn überall am meisten angezogen. Auch jetzt

gewann er manchen neuen Freund. Schon früher war er mit einem Manne

in Berührung gekommen, dessen Gegensatz gegen die Richtung der Zeit

der schärfste war. Vereinzelt, und trotz zahlreicher Productionen

wenig beachtet, war die Stellung S. Wiese’s, der es sich zur Aufgabe

machte, das christliche Dogma in Drama und Roman darzustellen. Es

war eine bestimmte Auffassung des Christenthums, welche zugleich das

höchste Kunstprincip sein sollte. Obgleich Tieck hier Talent und Ernst

anerkannte, so war er, fortgesetzter Ausgleichungsversuche ungeachtet,

nicht im Stande, diese Ansichten zu theilen. Doch es bestand zwischen

beiden ein freundschaftliches Verhältniß, welches auf gegenseitiger

Anerkennung des Eigenthümlichen ruhte.

Ein männlich kräftiger und stark ausgeprägter Charakter war Immermann.

Auch seine Stellung war eine abgesonderte und eigenthümliche. Obgleich

angeregt durch die Nachwirkungen der romantischen Poesie, war er weit

davon entfernt, sich ihren hergebrachten Glaubensartikeln zu beugen,

oder Anhänger irgendeines Systems zu sein. Seine Dichtung, das ihm

verliehene Talent wollte er ausbilden, und fern von dem allgemeinen

Strome suchte er seinen eigenen Weg zu gehen. Darum fanden seine ersten

Werke keinen Anklang, sie erschienen hart, dunkel und schwerfällig. Im

Jahre 1820 besuchte er Tieck zum ersten Male, bald darauf übersandte er

ihm eines seiner Trauerspiele. Sogleich erkannte Tieck in dem damals

noch sehr jungen und bescheiden auftretenden Manne eine eigene Natur.

Indem Immermann unter manchen Angriffen sein Talent weiter ausbildete,

ward er zu einem markirten Charakter, der sich Anerkennung erzwang.

Nach längerer Unterbrechung knüpfte er die Verbindung mit Tieck wieder

an, und aus fortgesetztem Briefwechsel und wiederholten Besuchen

erwuchs eine Freundschaft zweier verschiedener aber ebenbürtiger

Geister. Er besaß ein männliches starkes Selbstvertrauen, in seinem

Wesen lag etwas Kampfbereites, Zornglühendes. Er konnte schroff

und bitter sein, Manche wollten ihn dämonisch unheimlich finden.

In steigendem Maße gewannen seine Dichtungen Tieck’s Theilnahme,

besonders der zweite Theil des „Alexis“, an dessen Aufführung man in

Dresden dachte, die indeß aus manchen Rücksichten unterbleiben mußte.

Seinen „Merlin“ las Immermann während eines Besuches 1831 vor. Später

übersandte er die „Epigonen“, dann den „Münchhausen“, in dem Tieck

den ausgezeichnetsten Roman der Gegenwart anerkannte. Einen andern

Einigungspunkt bildete das Theater, an dessen Hebung und künstlerische

Fortbildung Immermann glaubte, und für die er mit eifriger und

aufopfernder Thätigkeit arbeitete. Als er die Leitung der düsseldorfer

Bühne übernommen hatte, ließ er 1835 Tieck’s „Blaubart“ aufführen, was

ihm Dichter und Schauspieler ebenso sehr wie die Zuschauer dankten.

Schon vor 1830 hatte Tieck’s geselliger und freundschaftlicher

Kreis ein neues Mitglied in der Verfasserin der Novellen gewonnen,

welche später unter dem Namen Franz Berthold erschienen. Unter den

zahlreichen deutschen Schriftstellerinnen ist Adelheid Reinbold eine

der begabtesten, und doch ist kaum eine weniger anerkannt worden. Was

sie besaß und vermochte, selbst ihre Dichtungen, hatte sie dem Leben

in hartem Kampfe abgerungen. Schon als junges Mädchen war sie auf

sich selbst, auf ihre eigene Kraft angewiesen. Sie stammte aus einer

hannoverischen Beamtenfamilie, in der, wie nicht selten in den mittlern

Ständen, Bildung, Anlage und Lebensansprüche nicht durch genügende

Mittel unterstützt werden konnten. Früh machte sie manches verborgene

Leiden durch. Dennoch erwarb sie reiche Kenntnisse in Sprachen und

Wissenschaft, und suchte sich dadurch eine selbständige Stellung zu

schaffen. Zuerst hatte sie in Rehberg’s Familie eine freundschaftliche,

und für ihre Ausbildung folgenreiche Aufnahme gefunden, dann ging

sie nach Wien, wo sie im Hause des Bankiers Pereira sieben Jahr als

Erzieherin lebte, und zugleich in die Welt der großen Gesellschaft

eingeführt wurde. Als sie ihre Aufgabe gelöst hatte, schied sie mit

einer Pension aus, und ging nach Dresden, wo sie Tieck kennen lernte.

Ludwig Tieck Erinnerungen aus dem Leben des Dichters nach dessen mündlichen und schriftlichen Mitteilungen · 第 35 / 51 段