Romantik hervorgerufen hatte, setzten sich hier in einer spätern
Generation fort. Die dichterische Stimmung, welche die Legende
wiederbelebte und sich zum Glauben des katholischen Mittelalters
neigte, war bei ihr zur Ueberzeugung geworden und in das Leben
übergegangen. Das sehnsüchtige Bedürfniß der Religion fand nur in
diesen Formen Ruhe und Frieden. Schon als Kind war sie mit ihrer
Mutter zur katholischen Kirche übergetreten. Doch was ihr Frieden gab,
war von manchen Gegensätzen unzertrennlich. Tieck’s eigene religiöse
Ueberzeugung war wesentlich protestantisch, das sprachen alle seine
neuern Dichtungen aus. So kamen Augenblicke, wo sie sich von den
Nächststehenden nicht verstanden glaubte, und bei der kindlichsten
Liebe zu ihren Aeltern sich dennoch einsam fühlte. War es doch als wenn
gerade aus dem Verkehre mit den Menschen, mit welchen man am innigsten
verbunden ist, die man am meisten liebe, auch die reichsten Schmerzen
erwachsen müßten. Und was wollte dieses Leben überhaupt, in dem Freude
wie Schmerz, wenn sie vorübergegangen waren, nur wie ein dunkler und
fernliegender Traum erschienen? Wie bunt trieb alles durcheinander!
Mit welchem Eifer jagten die Menschen dem Geringfügigen, Vergänglichen
nach! In solchen Augenblicken konnte sie alles für ein leeres Spiel
halten. Aber dennoch machte die Gegenwart immer wieder ihre Ansprüche
geltend. Hatte man denn kein Recht auf Glück? War es wirklich ein
leerer Traum, wenn die Kindheit sich ein solches Bild ausmalte? Von
einer tiefen und mit den Jahren steigenden Sehnsucht nach innerer Ruhe
wurde sie ergriffen, in der sie diese verwirrenden Netze von sich
abstreifen und den Gedanken, die einander anklagen und freisprechen,
auf immer entfliehen könne. Nur die Einsamkeit eines Klosters erschien
als ein Hafen der geängstigten Seele, als letzte Lösung aller Fragen
der Tod.
Doch sie fühlte, diese Seelenstimmung bedürfe eines Gegengewichts,
wenn sie nicht zu Grunde gehen wolle. In diesem einsamen Zurückziehen
auf sich selbst schien ein geistiger Egoismus zu liegen. Auch bot
ihr das Leben manches Mittel der Entwickelung mehr als Andern. Mit
aller Kraft begann sie dann gegen die Schwermuth zu kämpfen; ruhiger
wollte sie werden. So gewann sie sich Zeiten gleichmäßiger Stimmung
ab, in denen sie mittheilend, selbst heiter erschien. Sie unternahm
geregelte Studien und literarische Arbeiten, die ihr Zerstreuung und
geistige Sammlung gewährten. Von den neuern Sprachen ging sie auf die
alten zurück, und gewann einen reichen Schatz von Kenntnissen, die
man Gelehrsamkeit nennen konnte. Die Homerischen Gedichte und den
Virgil, die griechischen Tragiker und den Horaz, den Herodot und den
Livius las sie, und nicht ein Mal, sondern zu wiederholten Malen. Es
war keine Neugier, kein gewöhnlicher Dilettantismus; eine Zeit lang
lebte sie in diesen Schriftstellern, und suchte sich mit dem antiken
Charakter vertraut zu machen. Aber sorgfältig verbarg sie diese
Studien, kein Fremder hätte eine Ahnung davon haben dürfen; sie waren
ihr Sache des Herzens wie ihre innern Kämpfe. Darum war sie fern von
der kokettirenden Vielwisserei gelehrter Frauen. Alles Prunken mit
Kenntnissen, alles was als moderne Emancipation hätte gedeutet werden
können, haßte sie in tiefster Seele. Nur die vertrautesten Freunde
wußten darum, allen Andern wollte sie eine Frau sein, die sich durch
nichts über das hergebrachte weibliche Dasein erhebe. Mit demselben
Eifer unterzog sie sich daher auch den kleinen weiblichen Arbeiten.
Dennoch konnte sich eine so eigenthümliche Erscheinung nicht
verleugnen, selbst wenn sie es wollte. Die Art ihres Seins war nicht
die gewöhnliche. Jedes Urtheil, jede Meinung trug das Gepräge ihrer
ernsten Stimmung. Wer so Vieles in sich selbst durchgearbeitet
hatte, konnte Menschen und Verhältnisse nicht in gewöhnlicher Weise
ansehen. Die Wahrheit war ihr Bedürfniß; alles gemachte, alles falsche
Scheinwesen haßte sie, aber sie sprach die Wahrheit nicht ohne Schärfe
aus, und erschien Fremden oft streng, herb, ja schroff. Auch das
gehörte zu den Prüfungen ihres Lebens. Alle diese Gegensätze waren
schwerer zu überwinden für die Frau, welcher eine große praktische
Einwirkung auf die Welt versagt war. Auch war ihr literarisches Talent
ein receptives; wol zum Nachbilden, nicht zu eigenen dichterischen
Hervorbringungen fühlte sie sich befähigt. Vielleicht waren ihre
Empfindungen zu tief und verzehrend, um sie schöpferisch zu gestalten.
So blieb ihr Wesen räthselhaft, unverstanden, aber eigenthümlich und
anziehend.
Bald nach dem Jahre 1820 begann die Tochter an der literarischen
Thätigkeit des Vaters Theil zu nehmen. Sie übersetzte die Sonette
Shakspeare’s und die altenglischen Stücke des ersten Bandes der
„Vorschule Shakspeare’s“, mit Ausnahme der „Hexen von Lancashire“. Im
Publicum schrieb man diese Arbeiten längere Zeit Tieck selbst zu. Als
er die Fortsetzung des Schlegel’schen Shakspeare übernahm, führte sie
einen großen Theil derselben aus, während ein jüngerer Freund das Werk
nicht minder eifrig förderte. Der Graf W. Baudissin hatte sich seit
1827 in Dresden niedergelassen, und theilte bald Tieck’s Studien des
englischen Theaters. Dieser selbst hatte schon früher manches aus den
von Schlegel zurückgelassenen Dramen nach Stimmung und Laune übersetzt.
Einzelne Bruchstücke des „Macbeth“, „Othello“ und des Lustspiels „Der
Liebe Müh umsonst“, waren da. Jetzt vollendete seine Tochter das erste
dieser Stücke, und übersetzte den „Coriolan“, „Cymbeline“, „Timon von
Athen“, „Die beiden Veroneser“ und „Das Wintermärchen“ vollständig.
An einigen andern hatte sie keinen unwesentlichen Antheil. Ueberhaupt
sah man diese Arbeit als eine gemeinschaftliche an. Die Uebersetzungen
wurden vorgelesen, mit dem Originale verglichen, geprüft und
verbessert. Schwierige Stellen besprach man gründlich, und bisweilen
nahm die endgültige Feststellung weniger Verse einen ganzen Vormittag
ein.
Ein zweiter Kreis theilnehmender und mitstrebender Freunde war in
dieser Zeit entstanden. Denn schon hatte der erste sich aufgelöst.
Nach einem bewegten Leben war Burgsdorff, der dem Freunde nach Dresden
gefolgt war, 1822 gestorben. In ihm verlor Tieck einen der ältesten
Jugendgenossen, der bei aller Verschiedenheit des Charakters ihm stets
treu ergeben gewesen war. Zwei Jahre später wurde Malsburg daheim auf
seinem Gute Escheberg vom Nervenfieber unerwartet fortgerafft. Im Jahre
1825 erlag Loeben langen und schweren Leiden; einige Jahre später
folgte ihnen Wilhelm Müller. Keiner dieser jüngern Dichter erreichte
das vierzigste Lebensjahr.
Dem neuen Kreise gehörte Rehberg an, der in Staatsgeschäften alt
geworden war, und noch spät eine aufrichtige Freundschaft mit Tieck
schloß. Er kam 1823 nach Dresden, nachdem er der öffentlichen
Thätigkeit entsagt hatte. Bekannt als einer der ersten und
geistreichsten Gegner der französischen Revolution, faßte er die Dinge
überall scharf mit eindringendem Blicke auf. Der Verschiedenheit der
Stellungen, und zum Theil auch der Ansichten, ungeachtet, einigte sich
Tieck in den Hauptsachen dennoch mit dem realistischen Staatsmanne. So
gingen z. B. ihre Urtheile über Goethe weit auseinander; Tieck hatte
aber vor dem Scharfblick Rehberg’s eine so hohe Achtung, daß er einem
Briefe, den dieser, angeregt durch die Einleitung zu Lenz’ Schriften,
über Goethe an ihn geschrieben hatte, eine Stelle in derselben
einräumte. Immer sah er es als ein freudiges Ereigniß an, noch in
spätern Jahren einen wahren Freund gewonnen zu haben. Zu den heimischen
Freunden Tieck’s gehörten K. M. Weber, der Hofmarschall von Lüttichau,
Carus, Quandt, der Kunstkenner, Ungern-Sternberg, Karl Förster, Graf
Baudissin, die Maler Dahl und Vogel. Eine Zeit lang versammelte man
sich regelmäßig zu literarischen Mittheilungen und Vorlesungen.
Eine reiche geistige Anregung gewährten die literarischen Cirkel,
welche der Prinz Johann um sich versammelte. Es war die sogenannte
Dante-Gesellschaft, in der die Kenner der italienischen Literatur,
Förster, Tieck, Carus und Baudissin, sich unter dem Vorsitze des
Prinzen zur Lectüre und Erklärung des Dichters in Dresden oder Pillnitz
vereinten. In der Regel ließ der Prinz die einzelnen Abschnitte seiner
Uebersetzung des Dante von Tieck vorlesen. Ueberall zeigte er ein
tiefes Verständniß des Dichters und eine seltene Gelehrsamkeit in der
scholastischen Philosophie. Mit Unbefangenheit und Freimuth besprach
man den Gegenstand allseitig, eine vollkommene Debatte entspann sich.
Ganz als Gelehrter, dem es allein um die Sache zu thun ist, erschien
der Prinz; er nahm Kritik an, wie er sie ausübte, und ließ das
Uebergewicht, welches ihm seine Stellung gab, vollständig vergessen.
Frei und ungezwungen bewegte man sich. Heimische und fremde, alte und
neue Literatur, Kunst und Wissenschaft boten einen unerschöpflichen
Inhalt, an dem man Geist und Kenntnisse förderte.
Es war ein behagliches, heiteres Leben damals in Dresden. Es gibt
Zeiten der Ruhe, wo Noth und Mühsal vergessen scheinen, und die
geistige Entwickelung, die oft nur im heißen Kampfe zu gewinnen
ist, zum befriedigenden Genusse wird. Dresden konnte an das reiche
Leben in Weimar und in jenen italienischen Städten erinnern,
welche sprüchwörtlich geworden sind. Da eilen die Maler, Kenner und
Kunstfreunde des Morgens nach den Galerien. Vor der Sixtinischen
Madonna oder den Gemälden Correggio’s sind sie versammelt; mit Eifer
tragen sie ihre Ansichten vor, sie vertheidigen ihre Lieblinge,
und suchen einander zu überzeugen. Dann hält der alte Böttiger im
Antikencabinet eine Vorlesung über Pallas oder Artemis, man geht in die
Werkstätte eines befreundeten Malers, um irgendein eben vollendetes
Gemälde zu betrachten, oder man sitzt im Laden des Italieners beim
Glase Wein und unterhält sich tiefsinnig, oder schwatzt gemüthlich
über Kunst, Welt und Leben. Am Abende wird es im Theater ein neues
Trauerspiel oder eine neue Oper geben, das beschäftigt die Gemüther
und hält sie in Spannung. Tieck wird vor auswärtigen Gästen ein
Drama von Shakspeare, eine Dichtung aus seiner ältern Zeit, oder im
Kreise der vertrautesten Freunde eine neue Novelle aus dem Manuscript
lesen. Dann gibt es irgendein Fest zu feiern, ein Liederfest, ein
Künstlerfest, den Geburtstag des Dichters. Man besingt und bekränzt
ihn, man stellt in scenischen Versuchen Einzelnes aus seinen Dichtungen
dar, und versammelt sich abermals an seinem Sessel, oder macht am
Frühlingsabende eine Fahrt in das Elbthal. Man wird nicht müde zu
sprechen von Poesie und Malerei, von Drama und Novelle, von Shakspeare
und Goethe.
Dann kommen auf längere oder kürzere Zeit auch auswärtige Freunde.
Schon früher hatte Uechtritz seine ersten dramatischen Arbeiten dem
Urtheile Tieck’s unterworfen, und 1827 gab dieser das Trauerspiel
„Alexander und Darius“ mit einer Vorrede heraus.
Auch Eduard von Schenk hatte durch seine liebenswürdige Persönlichkeit
Tieck schon während des Aufenthalts in München für sich eingenommen.
Als Dichter wünschte er seine Kritik, und als Staatsmann suchte er für
ihn zu wirken. Bei der Begründung der neuen Universität in München
zählte König Ludwig auch Tieck zu den Autoritäten, die gewonnen werden
sollten. Dieses Mal wiederholte sich die Zumuthung, das Katheder zu
besteigen, unter glänzenden Bedingungen. Man bot ihm eine Professur der
neuern Literatur mit einem Gehalte von 2500 Gulden. In der Wahl und
Anordnung der Vorlesungen sollte er die vollste Freiheit behalten, und
in seinen literarischen Arbeiten in keiner Weise gestört werden. Doch
dieses Anerbieten lehnte er ab; er war in Dresden heimisch geworden,
und fühlte sich nicht geneigt, nachdem er das funfzigste Lebensjahr
überschritten, eine neue Laufbahn zu beginnen. Auch war seinen
körperlichen Leiden das wechselnde Klima von München nicht zuträglich,
das ihn zwei Mal an den Rand des Grabes gebracht hatte.
Außer diesen jüngern Freunden besuchten ihn in regelmäßiger Wiederkehr
auch manche der ältern. Einen lebhaften Briefwechsel unterhielt er mit
F. von Raumer, der an Allem, was Tieck berührte, den wärmsten Antheil
nahm, und im Frühjahr und Herbst einige Wochen bei ihm zu wohnen
pflegte. Mit treuer Freundschaft stand er diesem in den Zeiten heftiger
und ungerechter politischer und literarischer Angriffe zur Seite.
Auch Steffens kam, der mit seinem vielgelesenen Roman „Walseth und
Leith“ Tieck auf das Gebiet der Novellendichtung folgte; nicht minder
Tieck’s Bruder und sein Neffe Gustav Waagen. Rumohr schlug zu Zeiten
seinen Wohnsitz in Dresden auf. Er war noch der Alte; geistreich,
sanguinisch, unruhig und abspringend. Aber immer kehrte er wieder.
Heiter und durch ihre eigenthümliche Küche ausgezeichnet waren die
Gesellschaften, die er in seinem Gartenhause auf einem Weinberge
bei der Stadt gab; obgleich er stets behauptete, in ganz Dresden sei
kein Bissen genießbares Essen zu finden. Denn längst hatte er den
Geist der Kochkunst praktisch studirt. Später las er die „Deutschen
Denkwürdigkeiten“ Tieck vor, und zeigte sich auch hier reizbar und
wunderlich. Ein leichter Tadel, den er eines vereinzelten Wortes wegen
erfuhr, erregte seinen heftigen Zorn, und lange war er nicht von dem
Gedanken abzubringen, Tieck verfolge ihn feindselig, und wolle ihm
seine Schriftstellerei verleiden. Dagegen räumte er gutwillig ein, daß
seinem Buche der Schluß fehle, und auf Tieck’s Aufforderung fügte er
einen vierten Theil hinzu.
In diesen glänzenden und bewegten Kreis älterer und neuerer Freunde
trat 1827 als Zeuge einer längst entschwundenen Zeit Tieck’s
ältester, fast vergessener Jugendfreund Piesker, jener altkluge
Mentor, der unter den Jünglingen die Rolle des strafenden Gewissens
zu übernehmen liebte. Seinem verständigen und ehrenfesten Wesen
gemäß war er in die Beamtenlaufbahn eingetreten, und war dann nach
Polen verschlagen worden; endlich hatte ihn Tieck während seiner
Sturm- und Drangperiode ganz aus den Augen verloren. Der dürftige
Briefwechsel war eingeschlafen; Tieck wußte nicht einmal, ob der alte
Freund noch lebe. Jetzt kündigte er plötzlich nicht nur sein Leben,
sondern auch seinen Besuch in Dresden an, und zwar mit einem Theile
seiner ziemlich zahlreichen Familie. Er war unterdeß als arbeitsamer
Actenmann Landgerichtsrath in Meseritz geworden. Es war die freudigste
Ueberraschung, den ältesten Jugendfreund so unerwartet wiederzusehen,
den einzigen von jenen Genossen, der noch lebte. Alte Zeiten wurden
in diesem Wiedersehen neu. Doch bald wich die überschwängliche Freude
andern Betrachtungen. Der Landgerichtsrath aus Meseritz war ein guter
und pflichteifriger Mann, dessen Geist in dem kleinen Beamten- und
Stadtleben zusammengeschrumpft war. In der ersten Begeisterung las ihm
Tieck Einiges von seinen Dichtungen vor, und führte den wenig Gereisten
in Dresden umher. Doch statt aller theilnehmenden Aeußerungen hörte er
stets nur die eine Gegenbemerkung, daß, dies und jenes ausgenommen,
Alles in Meseritz ebenso sei. Es war vergeblich, aus ihm einen Funken
herauszuschlagen, und Tieck konnte schließlich nicht begreifen, wie
er in der Jugend im Verein mit diesem gutmüthigen, aber trockenen
Gefährten Trauerspiele hatte schreiben wollen.
Einen anziehenden Charakter gewann dieses freundschaftliche und
literarische Zusammenleben durch Tieck’s dramatische Vorlesungen.
Längst waren sie mehr gewesen als eine anregende Unterhaltung für
die Familie und die nächsten Freunde. Sie waren eine Vermittelung
für Fernerstehende, ein künstlerisches Vorbild für Schauspieler,
Gegenstand der Bewunderung oder Neugier für Fremde, und Mittelpunkt
der Geselligkeit. Ihr Ruf ging weit über Dresden hinaus, und Tieck’s
Meisterschaft im dramatischen Lesen trug vielleicht ebenso viel dazu
bei, ihn zur öffentlichen Person zu machen, als sein dichterischer
Ruhm. Seine Vorlesungen wurden zu Dresdens Merkwürdigkeiten gezählt.
Bisweilen fragten sogar die Lohnbedienten der Gasthöfe im Namen
angekommener Fremden an, ob heute Abend Vorlesung sein werde. Man
sprach von ihnen, wie von der Gemäldegalerie, von der Kapelle der
katholischen Kirche, oder dem Theater. Wer nach Dresden kam, mußte
Tieck besucht, irgendeine seiner Vorlesungen gehört haben, das war
unerläßlich. Sie vollendeten den künstlerischen Charakter der Stadt.
Wie Goethe zu Weimar, gehörte Tieck zu Dresden.
Dem Huldigungseifer der Fremden kam er mit Unbefangenheit,
Gutmüthigkeit und der edelsten Liberalität entgegen. Selten mag eine
uneigennützigere Gastfreiheit ausgeübt worden sein. Er empfing seine
Gäste wie der feingebildete Mann, der zugleich Dichter ist. Wenn in der
deutschen Geselligkeit irgend etwas den vielgerühmten literarischen
pariser Salons entsprach, so fand es sich im Hause Tieck’s. Nur
mit den mäßigen Mitteln eines deutschen Privatmannes und Gelehrten
ausgestattet, sah er dennoch fast an jedem Abende Gäste; außerdem
galt der Sonnabend als officieller Empfangstag. Die Versammlung in
seinem Lesezimmer war in der Regel sehr zahlreich. Mitunter stellten
sich gegen die Sitte des Hauses noch um zehn Uhr Abends Fremde ein.
Die verschiedensten Menschen und Gestalten fanden sich zusammen;
die nächsten Freunde, Reisende, Bekannte und Unbekannte, Künstler,
Schriftsteller und Gelehrte, neben den Deutschen oft Franzosen, Dänen,
Engländer, Russen oder auch Nordamerikaner. Es war eine bunte Menge,
wie sie Freundschaft, Verehrung, Neugierde oder fremde Empfehlung
zusammengeführt hatte. Denn ein Wort, eine Zeile irgendeines Bekannten,
eine anspruchslose Selbsteinführung reichte hin, diesen Kreis jedem
Gebildeten zu öffnen. Man fühlte nichts von der Herrschaft, welche die
geistige Größe auf ihre Umgebung unwillkürlich ausübt. Er dachte nicht
daran, daß er der Mittelpunkt sei, und war weit entfernt, das Gespräch
an sich zu ziehen.
Die Vorlesung erfüllte ihn jedes Mal ganz; er ging persönlich so
vollständig in seinen Dichter auf, daß er der Gesellschaft umher oft
entrückt wurde, und nach dem Schlusse nur allmälig zu seiner Umgebung
zurückkehrte. Die künstlerische Vollendung, mit der er las, mochte
damals den höchsten Punkt erreicht haben. Während man früher Vorlesen
für ein Leichtes hielt, was sich von selbst verstehe, zeigte er, auch
der Vorleser vermöge ein Kunstwerk zu schaffen, welches die Wirkung der
Bühne überbiete. Unter den Stücken, die er zu lesen pflegte, standen
die Shakspeare’schen obenan; häufig las er auch Goethe oder Schiller,
Calderon oder Holberg, ein älteres deutsches Lustspiel, oder er griff
zu einer neuesten dramatischen Dichtung eines jüngern Freundes. In
ausgewähltern Kreisen ging er nicht selten auf Sophokles zurück, stets
nach Solger’s Uebersetzung. Gern und unter tiefem Eindrucke las er den
Euripides, nur vor Männern, in der Regel im Hause eines der Freunde
auch den Aristophanes. Diese eigenthümliche Mischung von kühnem Witz
und Phantasterei schien ihm besonders zusagend. Die Theilnahme der
Zuhörer stieg, wenn er eines seiner eigenen Werke vortrug, und als
Dichter und Vorleser zugleich auftrat. Fühlte er sich ganz kräftig, so
konnte er wol zwei fünfactige Dramen, eine Tragödie und ein Lustspiel
ohne größere Pause oder merkliche Ermattung hintereinander lesen. Die
Jahreszeit machte keinen Unterschied; an den Sommerabenden fanden
sich die Fremden vielleicht noch zahlreicher ein. Das Lesepult ward
aufgestellt, man sammelte sich mit einer gewissen Andacht, und bald
nach sechs Uhr begann die Vorlesung.
Manches gleichgültige Gesicht, welches er nie wiedergesehen hat, ging
damals an ihm vorüber, und mancher Name wurde ihm genannt, dessen
er sich nicht wieder erinnerte. Doch auch die berühmtesten Männer
saßen vor seinem Lesepulte. Fast jeder Abend erweiterte den Kreis der
persönlich Bekannten. Schon 1820 besuchte ihn Hegel, den er auf der
Rückreise von England in Heidelberg kennen gelernt hatte. Dieser hatte
seitdem sein System im ganzen Umfange entwickelt, er war eine Autorität
geworden, welche die Stimmung der Wissenschaft zu beherrschen anfing.
Eine innere Annäherung oder Ausgleichung zwischen beiden war unmöglich.
Bei Tieck’s Stellung zur Philosophie konnte er sich am wenigsten mit
der Strenge und scharfen Dialektik Hegel’s befreunden, und diesem lag
die Plastik antiker Kunst näher, als das moderne Gefühl. Später wurde
Tieck durch Hegel’s Kritik über Solger verletzt. Er sah darin ein
Verkennen der tiefsten Gedanken seines Freundes, die auch sein eigenes
Leben gebildet hatten.
Diesmal kamen Dichter und Philosoph auf dem neutralen Boden
dramatischer Vorlesung zusammen. Tieck las im Kreise seiner Freunde
den „Othello“. Am Schlusse machte Hegel einige Bemerkungen über den
Charakter des Jago; er sah darin einen Beweis des unbefriedigten
Gemüths des Dichters selbst. Bei Tieck stand der Gedanke der reinsten
künstlerischen Stimmung Shakspeare’s fest. Im Eifer herausfahrend, rief
er: „Professor, sind Sie denn des Teufels, so etwas zu behaupten?“ ein
Gefühlsausbruch, der auf Hegel keinen günstigen Eindruck machte.
Zu den Vertretern der deutschen Kunst- und Dichterwelt, welche bei
Tieck erschienen, und mit denen er zum Theil im brieflichen Verkehr
blieb, gehörten Thorwaldsen, Cornelius, Schadow, Jean Paul, Robert,
Häring, Holtei, Hauff, Schall, Immermann, Eduard Devrient, die
Uebersetzer Gries, Kauffmann und Regis. Ein unbequemer Gast war
Müllner. Er war absprechend und hochfahrend, umsomehr, da er Tieck’s
Widerwillen gegen seine Trauerspiele kannte, und sich nicht hinreichend
geehrt glaubte. Er hielt es überwiegend mit den Gegnern, und ließ es in
seinem „Mitternachtsblatte“ an Ausfällen nicht fehlen.
Unter den Gelehrten schloß sich ihm in naher Freundschaft Loebell
an, der neben seinen Fachstudien an den Geschicken der deutschen
Literatur und Tieck’s Einwirkung auf dieselbe lebhaften Antheil
nahm. Auch mit Ottfried Müller war er in nähere Verbindung getreten,
dessen Liebenswürdigkeit und geistvolle Gelehrsamkeit gleich sehr
fesselte. Er stand mit Thorbecke, Hormayr, A. Wendt, Adolf Wagner im
Briefwechsel; gelegentlich auch mit A. von Humboldt, Schleiermacher,
Neander. Herbart, Ranke und andere Gelehrte sah er in seinem Hause. Als
er 1828 Teplitz mit Baden-Baden vertauschte, lernte er auf der Reise
durch das Würtembergische Wolfgang Menzel kennen, der mehr als einmal
seine Vertheidigung gegen ungerechte Angriffe übernahm; dann Kerner
und Eschenmaier, welche ihm die Seherin von Prevorst nicht erließen.
Durch die Schweiz über Strasburg ging er nach Bonn, um nach langer
Zeit seinen alten Freund Schlegel zu besuchen. Hier hielt er sich
vierzehn Tage auf, und obgleich ihm die indische Gelehrsamkeit durchaus
fern lag, verständigten sie sich doch bald. Schlegel misbilligte die
mystische Richtung seines Bruders in so harten Ausdrücken, daß Tieck
mäßigen mußte.
Auf der Rückreise, es war in den ersten Tagen des October, berührte er
Weimar. Zehn Jahre waren verflossen, seit er Goethe nicht gesehen
hatte. In dieser Zeit waren ihre Berührungen nur vorübergehender
Natur gewesen. Als Goethe Tieck’s Novelle, „Die Verlobung“, gelesen
hatte, dankte er ihm schriftlich dafür, und öffentlich sprach er seine
Anerkennung aus. Jetzt war Tieck mit seiner Familie einen Mittag bei
Goethe, den Dorothea durch eine gelungene Recitation eines Theiles
der „Iphigenia“ aus dem Gedächtnisse überraschte. Am folgenden Abend
las Tieck in einem größern Kreise bei Goethe’s Schwiegertochter den
„Clavigo“. Goethe selbst erschien nicht; er hatte sich entschuldigen
lassen.
Indeß war Tieck auch dem Auslande als Dichter bekannt geworden.
Zuerst vielleicht im skandinavischen Norden, wo die nationalverwandten
Gemüther für die romantische Poesie große Vorliebe zeigten. Die
Einwirkungen von Steffens und Oehlenschläger waren nicht ohne Erfolg
geblieben. Selten ging ein namhafter Däne nach Deutschland, ohne
Tieck aufzusuchen. Noch 1831 kam Oehlenschläger nach Dresden; zu
andern Zeiten Heiberg, Ingemann, Hauch, Herz und Anderssen; später die
Schweden Atterbom und Beskow.
Seit die deutsche Literatur in Frankreich Gegenstand eifrigen Studiums
geworden war, fehlte es auch an französischen Besuchern nicht.
Ampère und Marmier, welche Deutschland in Deutschland kennen lernen
wollten, verweilten bei Tieck. Obgleich er sich mit Abscheu von der
neufranzösischen Romantik abwandte, die ihm nicht als Poesie, sondern
als Krankheit galt, ward der literarische Verkehr doch nicht gestört.
Auch brachte die „~Revue des deux Mondes~“ einen eingehenden und
anerkennenden Artikel über seine dichterische Entwickelung. Später
kamen Barante, Montalembert, der Marquis Cubières, der, wie Marmier,
ihn in französischen Versen besang, Carnot, der Schauspieler St.-Aubin
und mancher Andere. Mit England blieb er durch Shakspeare in steter
Verbindung, durch die Kenner der altenglischen dramatischen Literatur
Coleridge, Dyce, Hayward und Colliers. Auch besuchten ihn die Russen
Schukowski, Uwarow und Stackelberg. Von Nordamerikanern lernte er den
Theologen Robinson und den Literarhistoriker Ticknor kennen.
7. Das alte und das junge Deutschland.