Es mußte überraschen, wenn er gewissen Modeneigungen, welche sich

gerade auf ihn beriefen und in seinen ältern Dichtungen ihre Quelle

zu haben behaupteten, den Krieg erklärte. In der Novelle, „Die

Gemälde“, wurde die Ansicht der Malerei, welche Genie und Beruf aus

der Frömmigkeit und andächtigen Verehrung der alten Kunst herleiten

wollte, von der unzweideutigsten Ironie getroffen. Es war die Zeit der

Deutschthümelei, der altdeutschen Röcke und breiten Spitzenkragen,

der langen, wallenden Haare und Sammetbaretts. Der fromme und biderbe

Sinn der Altvordern sollte mit ihrem harten Kunststile wieder lebendig

werden. Eine Caricatur war entstanden, die sich vaterländisch und

altdeutsch, in der Kunst fromm und heilig begeistert nannte. Noch mehr

Entrüstung erregte es, als er es wagte, in der zweiten Novelle, „Die

Verlobung“, das neumodische, ausschließende Christenthum in seiner

Zweideutigkeit darzustellen. Es hatten sich Kreise gebildet, in denen

man die Geheimnisse der christlichen Lehre besser zu verstehen und

tiefer zu fühlen meinte, als die außerhalb Stehenden, wo man durch

besondere Erleuchtungen und Begnadigungen zu besitzen wähnte, was die

nicht Erweckten in der Irre gehend umsonst suchen. In eine allein

gültige Form des christlichen Lebens sollte Alles hineingezwängt

werden, und Kunst, Wissenschaft und Philosophie glaubte man nicht

allein entbehren zu können, sondern auch verfolgen zu müssen, weil sich

in ihnen die Weisheit und Eitelkeit der Welt bespiegele.

Wenn die Schilderung solcher Zustände die Anklage hervorrief, daß Tieck

den religiösen Geist jetzt selbst verfolge, den er in der Zeit des

Abfalls habe erwecken helfen, so mochte Vielen, die seine Entwickelung

nicht kannten, dieser Vorwurf annehmlich scheinen. Er und sein Freund

Wackenroder hatten zuerst von dem frommen Glauben, der Einfalt der

alten deutschen Kunst mit jugendlicher Begeisterung gesprochen. Sein

„Sternbald“ war das Abbild dieser alten Meister, und ward nun das

Urbild dieser jungen altdeutschen Künstler, die alle zu sternbaldisiren

anfingen. Aber weil man Kunst und Kunstsinn zuerst in den Formen des

Mittelalters wiedergefunden hatte, folgte daraus, daß man sich von dem

griechischen Kunstwerke, als einem heidnischen Gräuel, mit frommem

Schauder abwenden mußte? War denn die altdeutsche Kunst die einzige,

die Kunst überhaupt? Wenn in einer Zeit der Unbefangenheit Glauben und

Kunst miteinander verschwistert waren, wenn fromme Männer treffliche

Maler gewesen waren, hatten darum die Nachahmer Recht, welche Künstler

zu sein behaupteten, weil sie fromm waren, und fromm zu sein wähnten,

weil sie eckige und hölzerne Heiligenbilder malten? Weil Wackenroder’s

künstlerischer Glaube tief und wahr gewesen war, hatten darum die

Recht, welche ihm gedankenlos nachsprachen? War es eine nothwendige

Folge, alle Zerrbilder gutzuheißen, weil man das Urbild anerkannte?

Keinem Freierblickenden konnte es zweifelhaft sein, daß bei diesem

Pochen auf Genie und Frömmigkeit, bei dieser Verehrung des Einseitigen

in der altdeutschen Malerei, die Kunstbildung selbst gefährdet war.

Ebenso stand es mit Tieck’s Widerspruch gegen die ausschließliche

und anmaßliche Frömmigkeit. Er hatte den Katholicismus von sich

abgewiesen, sollte er sich jetzt einem puritanischen Systeme gefangen

geben, welches viel inconsequenter als jener, die Freiheit im Glauben

aufzuheben, und aller Wissenschaft und Kunst den Krieg zu erklären

drohte? Den Quell des ewigen, unveräußerlichen religiösen Gefühls

suchte er wieder aufzudecken, als er im Sande zu verrinnen schien, und

jetzt wollten Manche unter dem Vorgeben, ihm ein neues Bette zu graben,

ihn von neuem verschütten. Die beschränkten Aufklärer hatten das

Christenthum herabgesetzt, weil sie seinen Inhalt glaubten entbehren

zu können; die beschränkten Eiferer setzten es herab, weil sie allein

in seiner äußern Gestalt es in Wahrheit zu besitzen wähnten. Es waren

zwei entgegengesetzte Systeme, welche nur Eines miteinander gemein

hatten, die Intoleranz.

Andere Tadler wollten die Ironie, mit welcher Tieck diese Fragen

behandelte, verwerflich finden. Man vergaß, daß die schärfsten Waffen

des Dichters gegen die verhaßte Aufklärung Witz und Ironie gewesen

waren. Hätte er als Mann, bei soviel reiferer Entwickelung und

freierm Blicke nicht wagen dürfen, was er als Jüngling unter Beifall

und Anerkennung der Unbefangenen gewagt hatte? Oder waren etwa die

Vorurtheile der Gegenwart soviel besser, als die der Vergangenheit?

Aus den Verhältnissen erwuchsen ihm die ergiebigsten Novellenstoffe,

welche die Ironie in sich selbst trugen. Der Gemäldesammler, der auf

seine Kennerschaft stolz ist, läßt sich durch einen groben Betrug

täuschen; in einer musikschwelgerischen Zeit, wo Alles singt und

musicirt, sind die Unmusikalischen die Lautesten; die selbstgerechten

Frommen erscheinen als unfromm; oder wenn endlich der Hüter der Thoren

mit ihnen selbst zum Thoren wird, so war das nicht willkürlich gesucht,

sondern eine Ironie, für welche sich Hunderte von Beispielen aus dem

Leben herausgreifen ließen. In diesen Novellen entwarf er eine Reihe

von Zeitbildern, die man ironisch oder dialektisch, oder social nennen

konnte, denn sie enthielten alle diese Bestandtheile zusammen. Die

musikalische Ueberschwänglichkeit der zwanziger Jahre stellte er in den

„Musikalischen Leiden und Freuden“ dar; die Vorliebe für Hoffmann’sche

Spukgeschichten im „Zauberschloß“; die wiederauftauchende Wundersucht

in den „Wundersüchtigen“; das Selbstbelügen, das für seine Truggebilde

zuletzt mit gläubigem Eifer auftritt, in dem „Geheimnißvollen“ und der

„Gesellschaft auf dem Lande“. Die Frage, auf welchem Wege das sittliche

Element im Menschen sich entwickeln könne oder müsse, ob und welche

Zwischenstufen durchzumachen seien, behandelte er in einer andern

Novelle, deren Anfänge in seine früheste Zeit zurückgingen. Schon

1819 waren die ersten Bogen des „Jungen Tischlermeister“ gedruckt,

doch erst viel später kam er zum vollständigen Abschluß. Aber diese

Novelle hatte noch eine andere Seite. Sie übernahm die Darstellung und

Vertheidigung des ältern deutschen Handwerkslebens, das sich in stiller

Selbstbeschränkung durch ämsigen Fleiß und künstliche Arbeit zur

Kunst erhebt. In ihm wie in den Zünften sah er ein altehrwürdiges und

nothwendiges Element des deutschen Lebens, das er gegen die mechanische

Gleichmacherei des wachsenden Fabrikwesens gewahrt wissen wollte.

Den Novellen lag überall ein bestimmter Inhalt und eine feste Ansicht

zu Grunde, die fast vorsätzlich verkannt wurde, wenn man behauptete,

daß die Ironie in ihrem dialektischen Spiel die Dinge und zuletzt

sich selbst auflöse, um den Leser auf ödem und unfruchtbarem Boden

unbefriedigt zurückzulassen. Vielmehr diente die Ironie dazu, das

Positive zu entwickeln. Man that ihm Unrecht, wenn man ihm Kälte,

Zurückhaltung und ein gleichgültiges Spielen mit seinen Stoffen zum

Vorwurfe machte. Wenn er sich an diese nicht aufgab und verlor, so

bekundete das seine volle dichterische Reife. In diesem sicheren und

schöpferischen Wirken, das die Natur des Stoffes zugleich in der

künstlerischen Form offenbart, lag ihm die höchste, die künstlerische

Ironie selbst. Welchen Antheil er menschlich an den tiefsinnigsten

Fragen unausgesetzt nahm, bewiesen schon die Stoffe selbst, welche er

für die Novellen wählte. Wie ihn in der Jugend die religiösen Räthsel

erfüllt hatten, so noch jetzt, nur war es natürlich, daß der Mann,

der an sich und Andern so viel erfahren hatte, sie in anderer Weise

zu lösen suchte, als der Jüngling. Hatte er sie damals mit größerer

Glut aufgefaßt, so war er jetzt im Stande, sie mit größerer Tiefe und

Milde zu beantworten. In verschiedener Beleuchtung kehrte dieser Inhalt

in der „Verlobung“, „Dichterleben“, den „Wundersüchtigen“, im „Alten

vom Berge“ und vor allen im „Aufruhr in den Cevennen“ wieder. Schon im

Jahre 1806 war er auf diesen merkwürdigen Stoff, der alle jene dunkeln

Elemente in sich schloß, aufmerksam geworden, doch erst 1820 begann er

die Bearbeitung.

Das Verhältniß des Menschen zum Göttlichen war der eine Punkt, auf

den alles ankam. Früher hatte er dessen Ausdruck in der Legende und

Mystik gefunden. Auch jetzt war er weit entfernt Wunder und Geheimniß

anzugreifen, wie man ihm Schuld gab; vielmehr faßte er es tiefer und

unmittelbarer auf. Das Gesetz, von dessen scheinbaren Ausnahmen wir

als von einem Wunder sprechen, ist selbst das Wunder, hier liegt das

Geheimniß, es umgibt uns, in ihm leben wir, aber wir nehmen es nicht

wahr. Darum kann und soll die vereinzelte Thatsache eines Wunders

niemals zum ausschließlichen Mittelpunkte des religiösen Bewußtseins

oder Bedürfnisses gemacht werden. Die Offenbarung bedarf dessen nicht,

und die unruhige Wundersucht, welche immer nach neuen Bestätigungen des

Ewigen sucht, ist am Ende Irreligiosität oder Schwärmerei. Das höchste

aller Wunder aber begibt sich in dem Menschen selbst, wenn das Herz des

Bereuenden oder Gleichgültigen sich unwiderstehlich zu Gott hingezogen

fühlt. Denn hier geht der Schöpfungsproceß zum zweiten Male vor sich,

in dieser Wiedergeburt wird aus Nichts Etwas geschaffen.

Der Mensch ist ewigen Ursprungs, aber das Böse ist in ihn eingedrungen,

es ist die Unkraft, der Ungrund, das reale Nichts. Ist er dagegen

absolut schlecht, so hat alles von vornherein ein Ende. Aber ohne die

Offenbarung und ihre Aufnahme gibt es keinen Sinn im Tiefsinn, keinen

Geist in der Geschichte, keinen Trost in der Natur, keinen Scherz,

keine Kunst, keine Liebe. Er, der Quell und Keim aller Liebe ist,

kann sich dem Herzen nicht entziehen, das ihn mit seinen heiligsten

Kräften sucht und ihm entgegenstrebt. Doch die höchste Entzückung

kann nicht gleichmäßig fortdauern; der gewonnene Besitz wird durch

den Zweifel angefochten, er scheint sich uns wieder zu entziehen,

das ist die Schwäche und Beschränktheit der menschlichen Natur. Aber

der Zweifel ist der Diener des Glaubens; wer nie gezweifelt hat,

wird auch nicht im vollen Sinne glauben können. Der Sichere wird

nur um so eher zu Falle kommen. Wer vor der in Entzückung erkannten

Wahrheit nicht in Ehrfurcht zurücktritt, wird in geistiger Schwelgerei

untergehen, oder sich zu fanatischer Verfolgungssucht verhärten. Die

abschreckendsten Verzerrungen treten aber da hervor, wo die höchsten

göttlichen Erhebungen der nichtigen Leidenschaft dennoch verfallen

und sich mit den dunkeln Naturkräften und dem dämonischen Nichts

verbinden. Hier entsteht wilde Schwärmerei. Jede Schwärmerei aber ist

die Zwillingsschwester der ihr scheinbar unähnlichsten, und die ewige

Wahrheit wird herabgezogen und entweiht. Vor diesen Verirrungen bewahrt

nur Demuth, Entsagung, einfacher Wandel und Gebet. Das Christenthum

aber in seiner unendlichen Milde weist kein wahres Bedürfniß und

keine wahre Sehnsucht ab. Wie es ein unendliches und allgemeines

ist, so ist es auch für Jeden ein besonderes; darin liegt seine

Freiheit. Beschränktheit ist es, seinen ganzen tiefen Inhalt auf eine

Silbe stellen, und diese Silbe aller Welt aufdrängen zu wollen, und

Profanation des Heiligen, es unaufhörlich im Munde zu haben. Es gibt

viele Wege, die zu Gott hinführen.

Das Höchste, Unsichtbare suchte Tieck hier dichterisch faßlich und

gegenständlich zu machen. Denn das war ihm die Aufgabe der Poesie,

daß die wahre Begeisterung auch im Geringen das Hohe, im Irdischen

das Ueberirdische wiedererkenne, und Gott auch da sehe, wo das blöde

Auge verschlossen bleibt. Auf diesen Gipfel wahrhaft prophetischer

Seherkraft erhob er den Dichter in den Novellen „Dichterleben“, und

dieser Seher trug den Namen Shakspeare.

Wie in der Jugend war ihm die Poesie auch jetzt noch eine Offenbarung,

welche das Göttliche in ihrer Weise aussprechen sollte. In den frühern

Naturdichtungen und Sagen hatte er stets das altkluge bewußte Thun und

Machen der Menschen im Gegensatze zu der instinctiven Macht des Geistes

dargestellt. Während die Klugen und Weisen zu Schanden werden, fällt

den Kindlichen und geistlich Armen das Höchste ungesucht zu. Das war

die ewige Ironie der Weltordnung. Auch in den Novellen faßte er sie so

auf. Nichts anderes war es, wenn im „Funfzehnten November“ der dunkle

Instinct des Blödsinnigen die Todesgefahr lange vorher ahnt, und die

Klugen, die ihn verspotten, daraus errettet, und wenn dieser Instinct

die Macht Gottes genannt wird.

An diesen Stoffen bildete sich die dialektische Entwickelung und

sinnlich gegenständliche Darstellung zur Meisterschaft. Wo hätte

man ausgeprägtere mannichfaltigere Charaktere gefunden? Es war eine

Galerie der eigenthümlichsten Menschen, die aufgestellt wurde.

Aber es waren keine Bilder, sondern Menschen von Fleisch und Blut.

Man sieht sie sinnlich, handgreiflich vor sich, in ihrem Thun und

Lassen, in allen ihren Bewegungen. Selten hatte sich das große Talent

der Menschendarstellung glänzender bewährt. Wie behaglich in ihrer

Selbstzufriedenheit trat nicht die Thorheit auf, und hier wie überall

zeigt sich die ungetrübte Komik, die von jeder böswilligen Absicht

fern, sich nur um ihrer selbst willen gibt, und so zu reiner Wirkung

gelangt. Und wie schwebte über Allem, was scharfe Beobachtung des

Lebens, reife und allseitige Erfahrung gesammelt hatte, die versöhnende

Milde des Urtheils, der Tiefsinn, die verklärende Kraft der Dichtung.

Freilich war es eine andere Strahlenbrechung der Poesie als in der

„Genoveva“, im „Octavian“ und „Phantasus“, aber es war Poesie hier

wie dort; und wo das reichere Licht sei, darüber konnte man kaum

zweifelhaft sein.

Konnte man die ältesten Erzählungen in den „Straußfedern“ grobe aber

charakteristisch derbe Holzschnitte nennen, die Märchen im „Phantasus“

schaurige Nachbtilder, so waren die Novellen vollendete Gemälde, auf

denen das helle Tageslicht des Kunstwerkes ruhte. Muster und Vorbilder

waren ihm Boccaz und Cervantes, dann Goethe, der in der deutschen

Literatur die ersten Beispiele reiner novellistischer Kunstform gab.

Durch Tieck kam sie jetzt zum Abschlusse, und den ältern Meistern

der Novelle gesellte er sich als der jüngste zu. Diese Gattung der

Erzählung, die bisher schwankend und zweideutig gewesen war, ward nun

fast die populärste. Die Idee der Novelle bildete sich schärfer und

klarer aus.

Auch seine Theorie derselben enthielt nichts Anderes, als was er zu

allen Zeiten in den Dichtungen darstellen wollte. Eine hervortretende

Spitze, einen Brennpunkt sollte die Novelle haben, in welchem ein

bestimmtes Ereigniß in das hellste und schärfste Licht gesetzt wird.

Dieses Ereigniß mag alltäglicher, ja scheinbar geringfügiger Natur

sein, und dennoch ist es wunderbar, ja vielleicht einzig, weil es nur

unter diesen Umständen geschehen, und nur diesen Personen widerfahren

kann. Es erscheint somit das Wunder in unserer gewöhnlichen Umgebung,

und doch in der eigenthümlichsten und überraschendsten Weise

ausgeprägt. Von nicht minder wunderbarer Einwirkung ist es auf die

Welt der Geister. Es bildet den dialektischen Wendepunkt der Handlung,

und um ihn sammelt sich die gespannteste Theilnahme des Lesers. Die

Novelle, welche das Wunder im täglichen Laufe der Dinge zu enthüllen

sucht, ist mehr auf die Stoffe der Gegenwart, als der Vergangenheit

angewiesen. Daraus folgte der Uebergang von den Legenden und Sagen der

Vorzeit zu den Problemen des Tages.

Er, der einst das romantische Land eröffnete, wollte nun zeigen, die

wahre Poesie sei frei und unbedingt; daß sie den romantischen Glanz wol

annehmen könne, aber zu ihrem Wesen seiner nicht nothwendig bedürfe.

Die Verhältnisse und Eigenthümlichkeiten der neuen Zeit erschließen

sich dem klaren dichterischen Auge nicht minder als die Vergangenheit;

ward doch auch für Cervantes seine Zeit zum Stoffe reicher und

tiefsinniger Darstellung. Nicht allein die Lebensfülle der Gegenwart

in ihren besondern Gestalten und Charakteren war darzustellen, auch

die großen Fragen, welche die Parteien in Staat, Kirche und Literatur

beschäftigten, die oft in Familien und häusliche Verhältnisse

zerstörend eingriffen, gerade sie vorzugsweise mußten zur Sprache

kommen. Die Gegensätze der Geister, die scharfen und schneidenden

Contraste der Ansichten konnten sich in der Handlung bis zur Wirkung

der Tragödie erheben; aber sie ließen sich auch zum Gegenstande der

ruhigen Erörterung und des Dialogs machen. In diesen Gesprächen, welche

tiefsinnig ernst, oder leichtscherzend und humoristisch große Stoffe

behandelten, bewährte sich die Meisterschaft künstlerischer Dialektik.

Es war eine bestimmte, aber doch höchst dehnbare Form der Erzählung

gewonnen, die jeder Erweiterung fähig war, und jedem Gegenstande sich

anschmiegte. Immer aber sollte die Novelle den höchsten Standpunkt

des Dichters festhalten, sie sollte die Welt nicht allein abspiegeln,

sondern die Widersprüche des Lebens, die Wirren und Kämpfe der

Leidenschaft auflösen und zur versöhnenden Auffassung erheben.

In derselben Zeit entwickelte Tieck auch als literarischer Sammler

und Forscher eine ungemeine Thätigkeit. Es hatte sich ihm eine Reihe

von Aufgaben gebildet, welche er allmälig zu lösen hoffte. Immer noch

stand hier sein Shakspeare voran; was er für diesen that, galt ihm nur

für eine Vorbereitung, für einen Abschlag auf das Hauptwerk, dessen

Gedanke der Mittelpunkt aller seiner Studien war. Unterstützt durch

das Talent jüngerer Freunde, gab er seit 1823 eine Reihe altenglischer

Stücke, unter dem Titel „Shakspeare’s Vorschule“ heraus, und begleitete

sie mit einer historisch-kritischen Einleitung. Da Schlegel von der

Uebersetzung des Shakspeare sich vollständig zurückgezogen hatte,

übernahm er es sie zu vollenden. Diese neue Ausgabe des sogenannten

Schlegel-Tieck’schen Shakspeare erschien seit 1825; die einzelnen

Stücke begleitete er mit kritischen Anmerkungen und Excursen. 1827 gab

er die Uebersetzung von Espinel’s „Leben des Marcos Obregon“ heraus,

und führte in der umfassenden Vorrede in die gleichzeitige spanische

Literatur ein.

Ebenso thätig war er für die deutsche Literatur, wo er durch Sammlung

und Herausgabe anderer Dichter und Schriftsteller eine persönliche

Schuld abtragen, eine Pflicht der Pietät erfüllen wollte. Von dem hohen

Talente H. v. Kleist’s überzeugt, von seinem tragischen Geschicke tief

erschüttert, sah er in der Erhaltung des Andenkens des halbvergessenen

Dichters eine unerläßliche Pflicht. Er wollte die Nachwelt zu der

Anerkennung nöthigen, welche die Mitwelt verweigert hatte. Ihm verdankt

man die Erhaltung von Kleist’s bestem Werke, des „Prinzen von Homburg“.

Er erinnerte an das einzige noch vorhandene Manuscript, welches unter

den Papieren einer hohen Person, die sich einst dafür interessirt

hatte, vergessen worden war. Schon 1821 gab er Kleist’s hinterlassene

Schriften, 1826 die gesammelten Werke heraus, und in demselben Jahre

vereint mit Raumer, Solger’s Nachlaß und Briefwechsel. Auch Lenz war

damals ein verschollener Dichter. Er zog ihn aus der Vergessenheit

hervor und sammelte seine Dramen, für deren derbe Natürlichkeit er

seit der Jugend eine große Vorliebe hatte, aufs neue. Die Einleitung

dazu gestaltete sich zu einer literarhistorischen Darstellung der

Epoche, in welcher Goethe zuerst auftrat. Auch schrieb er manche Kritik

oder Vorrede, oft auf Bitten der befreundeten Verfasser, und seine

dramatischen Recensionen in der „Abendzeitung“ gab er 1826 unter dem

Titel „Dramaturgische Blätter“ gesammelt heraus.

Endlich legte er Hand an die erste Gesammtausgabe seiner Schriften. Sie

sollte zugleich der Weiterverbreitung der verschiedenen unrechtmäßigen

Ausgaben (eine solche war zuletzt in Wien erschienen) entgegentreten.

Die erste Lieferung von fünf Bänden wurde 1828 ausgegeben. Ihr, wie den

beiden folgenden, ging ein ausführliches Vorwort voran. Hier erläuterte

er Veranlassung und Entstehung seiner ältern Werke, die schon in den

Hintergrund getreten waren. Es waren zugleich die ersten Ansätze, die

er zu einer Geschichte seines Lebens- und Bildungsganges machte. Leider

sind es die einzigen geblieben.

6. Das Haus des Dichters.

Vielleicht niemals war Tieck’s Leben in sich befriedigter gewesen und

gleichmäßiger verflossen als in dem Jahrzehend von 1820 bis 1830. Die

Schwermuth, welche ihn früher oft lange niederdrückte, hatte sich

gemildert, er war zu einer abgeschlossenern und zugleich heiterern

Auffassung des Lebens gekommen. Die aufsteigenden Zweifel fanden ein

siegreiches Gegengewicht in der stillen Resignation, die immer mehr der

Mittelpunkt seiner Gedanken ward. In dieser Seelenruhe öffneten sich

die Quellen der Dichtung von neuem, und in der raschen Production der

Novellen schienen ihm die Jugendkräfte wiedergekehrt. Nicht mit Unrecht

mochten Freunde und Fernerstehende über diese zweite, fast reichere

Ernte staunen, welche nach längerer Ruhe eingetreten war. Es war eine

späte und glänzende Verjüngung des Dichterruhms, den er zuerst vor

einem Menschenalter gewonnen hatte.

Auch die Krankheit hatte mit ihrer Dauer an Kraft verloren, und es

war möglich, ihr zeitweise den Stachel abzubrechen. Anderes, was ihn

früher bedrängte, war ausgeglichen, seine äußere Stellung gesichert,

bedeutende Verhältnisse nach allen Seiten hin angeknüpft, und sein Haus

der Sammelplatz eines reichen literarischen und künstlerischen Lebens

und edelster Geselligkeit.

Der Kreis der nächsten Angehörigen und Freunde trug wesentlich dazu

bei, seinem Hause den für alle geistigen Kräfte so anziehenden

Charakter zu geben. Neben Tieck’s Frau standen seine beiden Töchter,

und die Gräfin Finkenstein, eine alte Freundin des Hauses, war der

Familie nach Dresden gefolgt. Frau von Lüttichau und die Witwe seines

Freundes Solger hatten sich ihnen in treuer Ergebenheit angeschlossen.

Eigenthümlich entwickelte sich die ältere Tochter Dorothea. Sie war

ein so bestimmtes geistiges Element in diesem Verkehre, daß sie bald

nicht allein den Freunden und Verehrern des Vaters eine merkwürdige

und anziehende Erscheinung war. Bei der Uebersiedelung nach Dresden

war sie etwa zwanzig Jahre alt gewesen. Schon früh zeigte sie reiche

Fülle des Talentes und eine Kraft, die ihren eigenen Weg gehen wollte.

An den Dichtungen des Vaters bildete sie sich heran und wußte deren

besondern Charakter aufzufassen. Mit reger Theilnahme verfolgte sie

seine Thätigkeit, und ward die Genossin seiner Studien. Unter seiner

Anleitung lernte sie die neuern Sprachen kennen und ihre Dichter

lieben. Schon vor dem zwanzigsten Lebensjahre war sie mit Shakspeare

und Calderon vertraut.

Kaum bedurfte es der Anregung durch solche Geister, um sie in die

Tiefen des Lebens blicken zu lassen. Früh genug waren schmerzliche

Gefühle in ihr erwacht. Nicht allein ein Theil des Talentes und der

schnellen Auffassungskraft des Vaters war auf sie übergegangen, sie war

auch Erbin seines Tiefsinns und seiner Schwermuth. Wie reich ihr Leben

nach einer Seite hin ausgestattet war, immer vermochte sie es nur mit

dem Blicke des Ernstes zu betrachten. Und dieser Blick war schärfer

für die schneidenden Contraste, welche das Auge verwunden, als für die

hellern wohlthuenden Farben. Dieselben Zweifel, mit denen Tieck so

oft gekämpft hatte, wiederholten sich bei ihr, und warfen früh einen

dunkeln Schatten auf ihr Leben.

Ludwig Tieck Erinnerungen aus dem Leben des Dichters nach dessen mündlichen und schriftlichen Mitteilungen · 第 33 / 51 段