auf die berliner Bühne auszuüben. In Berlin war das königliche Theater
das allein herrschende. Es gab kein vorstädtisches, volksthümliches,
wie in den südlichen Städten. Zum Charakter dieser ruhigen,
genießenden Friedensjahre gehörte eine gesteigerte Theaterlust. Man
sah in der Bühne zwar keine Erziehungsanstalt für das Volk, aber
das wichtigste Kunstinstitut. Es waren die einzigen öffentlichen
Interessen, die öffentlich besprochen werden konnten; alles drehte
sich um diesen Mittelpunkt. Man entwarf den Plan zu einer zweiten
unabhängigen, nur von Privatleuten unterstützten Bühne. Endlich war
die Concession gewonnen. Es war für Berlin ein großes Unternehmen,
welches Schauspieler, Kunstkenner und Liebhaber, Beamte, Journalisten
und officielle Kritiker gleich sehr in Aufregung setzte. Die durch
das Privilegium geschützte Kunst sollte aufhören, und eine Volksbühne
gegründet werden. Das war die Meinung der Enthusiasten, und die
Freunde Tieck’s wünschten, in ihm eine Autorität dafür zu gewinnen.
Die erste Nachricht gab ihm Ludwig Robert. Einer der Hauptleiter des
Unternehmens erschien selbst in Dresden, und 1823 erfolgte die amtliche
Einladung der Direction des neuen Königstädtischen Theaters, an dessen
Einrichtung Theil zu nehmen, ein Repertoire aufzustellen, und für die
Eröffnung ein Vorspiel zu schreiben.
Einen Augenblick glaubte auch Tieck an diese Entwürfe. Er dachte sich
eine wirkliche Volksbühne, ein mittleres bürgerliches Theater, wie er
es in seiner Jugend gesehen hatte; er hielt es für möglich, ein solches
herzustellen. Bei mäßigen Mitteln konnten übertriebene Ansprüche
nicht gemacht werden, der blendende, für den Geschmack verderbliche
Pomp sollte fern bleiben, damit das einfache, bürgerliche Schauspiel,
welches mit Unrecht jetzt ganz verachtet wurde, das harmlose
Singspiel und der Volkswitz wieder Raum gewinne. Nicht ein kritisch
nasenrümpfendes und überbildetes Publicum dachte er sich, sondern ein
bürgerliches, wie es in den entlegenern Theilen der Stadt inzwischen
entstanden war. In die Zeiten ihrer Jugend und Unbefangenheit sollte
die Bühne zurückkehren, um von neuem heranzuwachsen. Er stellte ein
Verzeichniß älterer Lustspiele zusammen, auf dem Schröder, Jünger,
Holberg, Gozzi standen, auch Kotzebue und Iffland waren nicht
ausgeschlossen.
Doch bald ward es klar, auf so schlichtem Wege waren die Dinge
nicht mehr zu führen. Die Leiter des Unternehmens waren mit der
anspruchslosen Hausmannskost der Väter, welche ihnen zugemuthet wurde,
nicht zufrieden. Auch verlangten sie, Tieck solle auf Bestellung Verse
machen und Stücke schreiben. Damit durfte man ihm am wenigsten kommen.
Er eilte sich zurückzuziehen und bereute das umsoweniger, als auch
hier Alles die verkehrte Bahn einschlug, gegen die er unaufhörlich
eiferte. Keine Volksbühne, sondern eine glänzende Oper entstand, und
jener unerhörte Sturm der Theaterwuth brach los, den der Kritiker als
das Zeichen einer abgespannten und an großen Interessen armen Zeit
nicht ohne Bitterkeit belächelte.
Am nächsten stand Tieck die dresdener Bühne; sie war auf ihn
angewiesen. Schon sein vollendetes Vorlesen dramatischer Werke mußte
unwillkürlich einen bildenden Einfluß ausüben. Für den Schauspieler
konnte es keine bessere Schule geben. Und er las nur, was vollendet
war, oder mindestens nach einer Seite hin bedeutenden Werth hatte.
Auch für die Darstellung größerer dramatischer Dichtungen erholte man
seinen Rath. Schon 1821 war der „Kaufmann von Venedig“ nach seinen
Angaben in drei Acten zur Aufführung gekommen. Bald darauf setzte er es
durch, daß Kleist’s „Prinz von Homburg“ gegeben wurde. Zugleich hatte
er Veranlassung, als Dramaturg öffentlich aufzutreten. Seine Kritiken
fanden Eingang in die „Abendzeitung“, und bildeten in den Jahren 1823
und 1824 einen stehenden Artikel derselben. Ueber dem Standpunkte des
gewöhnlichen Tageskritikers stehend, hatte er stets das Ganze der
Kunst und Literatur, und ihre Entwickelung im Auge. Das Niedere und
Mittelmäßige fertigte er kurz ab, oder übersah es, zum Verdrusse der
Verfasser, um das wirklich Classische um so allseitiger zu besprechen.
Wie Lessing, kam er von den Künstlern auf die Kunst, und seine Kritiken
erwuchsen allmälig zu einer dresdener Dramaturgie.
Ungesucht, aus den Verhältnissen hatte sich diese Stellung gebildet.
Zu seinem und des Theaters Vortheil wünschten die Freunde sie in eine
ausgesprochene und dauernde zu verwandeln. Auf diesen Punkt wiesen
ihn Talent, Gelehrsamkeit und Vorliebe gleichmäßig hin. Bei Hofe
war man ihm günstig gesonnen; die Königin, die Prinzen und andere
einflußreiche Personen wollten ihm wohl, so kam es zur Entscheidung.
Mit Beginn des Jahres 1825 wurde er bei der Hofbühne als Dramaturg mit
einem jährlichen Gehalt von 700 Thalern und dem Titel eines Hofraths
angestellt. Den Kreis seiner Pflichten hatte man weit und allgemein
gezogen, sie sollten keine Last für ihn sein. Als literarischer
Rathgeber trat er dem neuen Chef des Theaters, Herrn von Lüttichau, an
die Seite. Bei Besetzung, Anordnung und Einstudirung der Stücke sollte
er gehört werden, an der Aufstellung des Repertoires Theil nehmen. Vor
allem hofften seine Freunde, er werde durch das Vorbild, welches er
gab, durch Kritik, Einsicht und edle Humanität auf die allgemeinere
Durchbildung und künstlerische Erziehung der Schauspieler wirken.
So war denn endlich in Erfüllung gegangen, was er schon früher als
seinen Beruf erkannt hatte. Von Amtswegen wurde ihm eine Stelle in
jenem Kunsttempel angewiesen, in den er sich als Knabe heimlich zu
schleichen suchte; Alles, was er studirt und erfahren hatte, kam zur
Anwendung. Dazu erhielt er noch den Titel eines Hofraths, und die
Hofräthe waren gerade die Personen, deren er in seinen jugendlichen
Dichtungen oft genug gespottet hatte. Diese Ironie hob er nicht ohne
Selbstbefriedigung hervor. Er hatte Recht gehabt, eine solche Wendung
abzuwarten, und voll des besten Humors schrieb er bald darauf: „Nun
werde ich doch endlich einmal dafür bezahlt, daß ich reise und Komödie
sehe! Es ist meine verdammte Schuldigkeit, daß ich mich amüsire, und
Dienst. Prügel dafür in der Jugend bekommen, im Alter Hofrath geworden;
so gebührt es sich!“
4. Die Kunstreise.
Also ein Amt hatte Tieck, und dieses Amt legte Pflichten auf,
welche erfüllt sein wollten. Eine der ersten und angenehmsten war
eine Kunstreise. Er sollte den Intendanten bei einer theatralischen
Rundreise durch Deutschland begleiten. Freundschaft, Neigung und Humor,
ja selbst Gesundheit, Alles kam zusammen, ihm diese Amtshandlung so
leicht als möglich zu machen.
Er fühlte sich frisch und kräftig, wenngleich er manchen Anfall zu
bestehen gehabt hatte. Die Krankheit war mit ihm nach Dresden gewandert
und mußte ebenfalls heimisch werden. Wochen, Monate lang war er leidend
gewesen. Zu Zeiten lähmte die Gicht Arm und Hand, sie machte das
Schreiben fast unmöglich; er fühlte sich in allem gehemmt, was ihm
Lebensbedürfniß war. Von neuem duldete er, trug die Schmerzen mit Ruhe,
ja Heiterkeit, und benutzte die Pausen, die ihm gegönnt waren. Wiederum
ward ein regelmäßiger Besuch der Bäder nothwendig. Das nächste und
geeignetste war Teplitz. Mit Erfolg brauchte er es in den Jahren 1821,
1823 und 1824. Diese Leiden waren jetzt so weit zurückgedrängt, daß er
an eine weitere Reise denken konnte.
Mit seinem Vorgesetzten, den er begleiten sollte, verband ihn ein
näheres Verhältniß. Das Haus desselben war ein Sammelplatz der
gebildeten und künstlerischen Gesellschaft Dresdens. Hier hatte er
nicht nur Anerkennung und Verständniß seiner Dichtungen, sondern auch
bedeutende Anregungen und vor allem die edelste Freundschaft gefunden.
So gestaltete sich die Amtsreise doppelt angenehm. In den ersten
Tagen des Mai 1825 brachen sie auf. Der nächste Zielpunkt, wo man
länger verweilen wollte, um die Theaterzustände kennen zu lernen, war
Wien. Der Weg führte über Teplitz und das wohlbekannte Prag. Bei jeder
Meile, welche sie weiter zurücklegten in diesen heitern, oft gesehenen
und doch immer neuen Landschaften, fühlte er sich freier, und erlebte
wieder jene Empfindungen, welche ihm früh das Gedicht eingegeben
hatten, „über Reisen kein Vergnügen, wenn Gesundheit mit uns geht!“ Es
war ihm eine Probe dafür, daß er noch nicht so alt und hinfällig sei,
wie er oft in den Stimmungen der Krankheit und des Unmuths geglaubt
hatte. Er konnte die zweiundfunfzig Jahre seines Alters und die trüben
Erfahrungen vergessen, und mit freudigem Staunen schrieb er nach Hause,
er fühle, daß er seit 1819 jünger geworden sei.
In einen weiten Kreis alter Freunde, neuer Bewunderer und
Kunstgenossen, und aristokratisch glänzender Gesellschaften trat er in
Wien ein. Auch hier ging der literarische Enthusiasmus über die engern
Grenzen hinaus. Ein Jeder wollte gelesen haben, wollte gebildet sein
und Verständniß für die Literatur zeigen. Alles, was dazu gehörte, ward
zur öffentlichen Frage, ein berühmter Dichter mußte Aufsehen erregen.
Tieck lernte die wiener Literatur kennen; Grillparzer, dessen
liebenswürdige Persönlichkeit ihn fast mit seinen Trauerspielen
aussöhnte, den vielgenannten Castelli, West, Kurländer und
Deinhardstein, die schnellfertigen Theaterschriftsteller. Er machte die
Bekanntschaft des Grafen Dietrichstein und des Hofraths von Mosel, die
an der Spitze des Theaterwesens standen. Noch manchen wohlbekannten
Schauspieler fand er wieder, darunter Lange; neue Talente sah er in
Anschütz und Sophie Müller, und das kaiserliche Burgtheater bewährte
auch vor ihm seinen Ruf. Die reichen Kunstschätze bewunderte er wie
früher, die Stadt, den Prater mit seiner bunten Menschenmenge. Auch
F. Schlegel suchte er in den eigenen Zauberkreisen auf, und erkannte
bald, daß auch hier seine Prophetie nicht so viel gelte, als er selbst
glaubte.
In den höhern Gesellschaften empfing ihn sein alter Bekannter Hormayr
mit voller Ueberschwänglichkeit. Bei der Fürstin Hohenzollern, der
Gräfin Salm, den Grafen Zichy, Palfy und Andern wurde er eingeführt.
Er ward der Mittelpunkt ihrer Gesellschaft, er sollte vorlesen,
conversiren, diniren und soupiren. Er ging von einer Hand in die
andere, um sich bewundern zu lassen, und überall mußte er die Seite
feinster geselliger Bildung und dichterischer Liebenswürdigkeit
herauskehren. Mit aufrichtig gemeinten Huldigungen kam man ihm überall
entgegen; man wollte zeigen, daß man einen Dichter zu ehren verstehe.
Doch mitten unter dieser Bewunderung, im glänzenden Kreise der Damen,
in den strahlenden Salons ergriff ihn bisweilen eine dichterische und
menschliche Selbstironie, die um so unwiderstehlicher zu werden drohte,
je weniger er sie äußern durfte. In der sonderbaren Stimmung hätte
er über sich selbst lachen mögen, wo er sich ernsthaft mußte feiern
lassen. Das gewaltsame Niederkämpfen dieses schadenfrohen Kitzels
erregte ihm beinahe körperliches Unbehagen. Jetzt erstickte er im
Lehnsessel fast an der Fülle des Ruhms, nach dem er als heranwachsender
Jüngling oft sehnsüchtig geseufzt hatte.
Nächst Wien war München das bedeutendste Reiseziel. Sie gingen über
den Traunsee, Ischl, durch das Salzburgische. München war für Tieck
ein Ort schmerzlicher Erinnerungen; kaum erkannte er es wieder.
Manche, mit denen er damals verkehrt hatte, waren gestorben, andere
ihm entfremdet; die Stadt selbst trug ihren alten Charakter nicht
mehr. Seitdem hatte sich das neue Baiern erhoben, und neben dem alten
München war ein neues entstanden. Auch hier trat das Alterthümliche,
das Volksmäßige, Vieles, was an die Vergangenheit erinnerte, vor einer
glänzenden Gegenwart zurück. Prachtbauten im griechischen Stile standen
neben altbairischen Kirchen, Galerien und Sammlungen wurden geöffnet,
eine Kunstschule gebildet, München sollte eine großstädtische Residenz
werden. Auch ein glänzendes Theater gab es; die volksthümlichen Spiele
waren herabgekommen. Man war stolz darauf, in Eßlair den ersten
tragischen Schauspieler Deutschlands zu besitzen.
Bei einem der ersten Besuche des Theaters wurde Tieck dem Könige Max
und der Königin in ihrer Loge vorgestellt. Der König war noch ganz der
einfache, bürgerlich-schlichte Mann, wie er ihn früher gesehen hatte.
Mit wohlwollender Gutmüthigkeit unterhielt er sich eine Zeit lang
mit Tieck. Tags darauf hatte dieser eine Audienz bei dem Kronprinzen
Ludwig, den sein enthusiastisches Interesse für Kunst und Literatur
längst ausgezeichnet und beliebt gemacht hatte. Der Prinz begrüßte ihn
als alten Bekannten, und begann ein literarisches Gespräch, in dem
er zuletzt sagte: „Eine große Ehre für mich, Ihren Namen zu haben!
Heiße auch Ludwig. Große Ehre für mich, ebenso zu heißen, wie ein
ordentlicher Dichter.“
Von den neugeordneten Kunstschätzen wurden die Reisenden nicht minder
in Anspruch genommen, als von dem geselligen Verkehr. Tieck sah seinen
literarischen Freund Schlichtegroll wieder, er lernte Thiersch und
Klenze, den Schöpfer der münchener Prachtbauten, kennen, und in dem
Ministerialrath Schenk einen liebenswürdigen Dichter, der ihn ganz für
sich einzunehmen wußte.
Von München ging die Reise nach Stuttgart, wo man abermals die
Boisserée’sche Gemäldesammlung bewunderte. Dann über Konstanz,
Winterthur und Zürich nach Schaffhausen und Strasburg. Hier sahen sie
die französische Schauspielerin George in zwei der größten tragischen
Rollen, als Mutter der Makkabäer und Lady Macbeth, an einem Abend
auftreten. Endlich erreichten sie Karlsruhe und Manheim.
Winterthur hatte Tieck zu berühren gewünscht, um den schweizerischen
Schriftsteller Ulrich Hegner persönlich kennen zu lernen. Alles, was
dieser Mann geschrieben hatte, sprach ihn in hohem Grade an, besonders
das treffliche Buch „Saly’s Revolutionstage“, welches Hegner bereits
zu einem Briefe an Tieck Veranlassung gegeben hatte. Der einfache
und natürliche Zug dieser Schriften hatte ihn gewonnen. Er glaubte
darin etwas von seinem eigenen Wesen zu erkennen, und wünschte nun in
mündlicher Unterredung manche Andeutung weiter ausgeführt zu hören.
Erwartungsvoll eilte er, den unbekannten Freund aufzusuchen. Er fand
ihn in seinem altväterischen Hause, dessen ganze Einrichtung die
Erinnerung an altschweizerisches Leben erweckte, und eine überlieferte
feststehende Sitte verkündete. Als er ins Zimmer trat, erhob sich
ein starkgliederiger und corpulenter Mann, der in den Sechzigen sein
mochte, schwerfällig vom Sessel. Er hatte ein breites, bleiches Gesicht
und einen kalten Blick. In ruhiger phlegmatisch massiver Haltung trat
er auf ihn zu. Doch als er hörte, wer der Ankömmling sei, belebte sich
sein Gesicht, ein eifriges Gespräch begann, welches mit der Einladung
endete, längere Zeit zu verweilen, damit man sich ganz aussprechen
könne. Tieck mußte dies natürlich ablehnen, bat aber für heute mit
seinem Reisegefährten wiederkehren zu dürfen. Auf dieses unbefangene
Wort hin änderte sich plötzlich die Scene. Die Aussicht, einen ihm
unbekannten, hochgestellten Mann ohne Vorbereitung bei sich zu sehen,
machte den an altfränkische Höflichkeit gewöhnten Schweizer stutzig. Er
ward verlegen, kalt und einsilbig, das Gespräch stockte, er ließ die
Einladung fallen; Tieck erkannte, daß es Zeit zum Rückzuge sei. Er ging
nicht ohne Verstimmung über den wunderlichen Mann, der sich um einer
Aeußerlichkeit willen in demselben Augenblicke eigensinnig verschloß,
wo er sich mitzutheilen wünschte.
In Karlsruhe sah Tieck den rheinischen Hausfreund Hebel, dessen großes
Talent volksthümlicher Dichtung er bewunderte. Wer Hebel recht kennen
lernen wollte, that am besten, ihn im Wirthshause aufzusuchen, wo
er bürgerlich bei Bier und Pfeife Abends zu sitzen pflegte. Er fand
den schlichten, kindlichen Mann wieder, den er aus den Gedichten
kannte. In der Unterhaltung kam man auf die Anekdoten des „Rheinischen
Hausfreundes“. In zutraulichem Tone fragte Tieck: „Aber, lieber Mensch,
warum schreiben Sie denn nicht mehr solche hübsche Sachen?“ Mit naiv
trocknem Humor antwortete Hebel: „Jo, i wees nischt mehr.“
Während eines kurzen Aufenthalts in Manheim fand Tieck auch seinen
ältesten Freund Bothe wieder, der ihm die ersten Seelenschmerzen
verursacht hatte. Dieser war als rühriger Philolog bekannt. Wol seit
dreißig Jahren mochte ihn Tieck nicht gesehen haben. Wie jener sich
auch äußerlich verändert hatte, selbst in der freundschaftlichen
Aufregung erkannte er ihn innerlich wieder. Das Gespräch kam auf das
Sonett, welches Tieck an ihn gerichtet hatte, und wie er ihn jetzt
beurtheilte, sah er wohl, daß nur schwärmerischer Jugendenthusiasmus
eine Freundschaft zwischen zwei so entgegengesetzten Naturen für
möglich halten konnte.
Der nächste Besuch galt den Theatern von Darmstadt und Frankfurt a.
M., wo Tieck zugleich den Rath Schlosser und manchen andern Bekannten
wiedersah. Darauf folgte ein Ausflug in den Rheingau, dann wandten sie
sich nach Kassel zurück, dessen Bühne ebenfalls zu berücksichtigen
war. Kurze Zeit verweilten sie in Hannover und Braunschweig. Ende Juni
war Tieck wiederum daheim. Ein mehrwöchentlicher Aufenthalt in Teplitz
schloß sich zur Stärkung und Erholung sogleich an.
So endete diese inhaltvolle Reise. In den Raum weniger Wochen drängte
sich das Bedeutendste zusammen. Die böhmischen Gebirge, die Tiroler-
und Schweizeralpen und den Harz, die Donau und den Rhein hatte er in
raschem Fluge gesehen. Die mannichfaltigsten Erscheinungen in Kunst und
Natur waren an ihm vorübergegangen; er hatte einen Ueberblick des neuen
deutschen Lebens gewonnen.
5. Die Novellen.
Die Rundreise durch Deutschland hatte den Beweis geliefert, daß Tieck’s
dichterisches Ansehen in der allgemeinen Meinung fest stehe. Ueberall
hatten sich alte und neue Freunde um ihn geschart; es sprach sich der
Gedanke aus, nächst Goethe verehre man in ihm den größten der lebenden
Dichter Deutschlands. Man erkannte, er sei es gewesen, der nach
Goethe der Literatur noch einmal eine neue eigenthümliche Wendung zu
geben vermocht habe. Aber man feierte nicht allein den Dichter einer
glänzenden Vergangenheit. Denn in den letzten Jahren war er mit einigen
Werken hervorgetreten, welche bewiesen, der neuen Zeit werde er sich
in anderer Weise gegenüberstellen. Soeben hatte das Publicum den ersten
Eindruck seiner Novellen empfangen.
Die Wirkung dieser neuen Erscheinungen war überraschend. Man war
geblendet, befremdet; man zweifelte, wie man diese Novellen zu
verstehen habe, mochte man dabei den Dichter oder die Literatur im Auge
haben, in welche sie eingriffen. Und diese stand in einem wunderbaren
Gegensatze zu denselben.
In neuerer Zeit ist die erzählende Dichtung für die mannichfaltigen
Wandlungen des öffentlichen Geistes immer am empfänglichsten gewesen.
Häufig geht sie allein aus dem Bedürfnisse des Tages hervor, und
hat kaum einen andern Zweck, als der Unterhaltung zu dienen. Keine
dichterische Form sinkt leichter zum Mittelmäßigen, Gewöhnlichen, ja
Gemeinen herab. In seiner Jugend hatte es Tieck mit Spieß und Cramer,
Schlenkert und Meißner zu thun. Sie waren mit dem Tage vorübergegangen.
Aber das Bedürfniß einer leichten Nahrung, einer augenblicklichen
Zerstreuung, das Wohlgefallen am Gewöhnlichen war geblieben. Es machte
keinen Unterschied, daß die größten Geister die Literatur umgewandelt
hatten; es gab Viele, die nichts gelernt und nichts vergessen hatten.
Mit dem Jahre 1820 neigte sich die Glanzzeit der neuen Ritterromane
und Nordlandshelden ihrem Ende zu. Fouqué’s Stelle als Beherrscher
der Modeliteratur theilte mit ihm ein anderes bizarr neckendes und
irregehendes Talent, E. T. A. Hoffmann. In der Region der Erzählung,
wo das Furchtbare und das Grausen heimisch war, welches vorzugsweise
für romantisch galt, war er der Erste. Hier gab es alle erdenkliche
Zerrgebilde krankhafter Phantasie, den bis zum Schwindel gesteigerten
Wechsel brennender Farben. Alles verwandelte sich in Alles; der
Wahnwitz war zuletzt der wahre Tiefsinn, und das Leben erfüllte sich
mit Gespenstern, die ebenso gräßlich als scurril waren. Die Fieberhitze
dieser Nachtstücke und Teufelselixire ging auf das Publicum über; durch
den nervösen Schreck wollte es ergriffen und geängstigt werden. In
den „Serapionsbrüdern“ gab Hoffmann eine Nachbildung des „Phantasus“,
aber nur die Caricatur davon vermochte Tieck wiederzuerkennen. Andere
schrieben abgeschwächt in Hoffmann’s Weise; doch auch die Erzählungen
Contessa’s und Weißflog’s wurden gern und viel gelesen.
Auf die Krämpfe folgte Abspannung. Jetzt war das wässerige Gebräu der
trivialen Geister sehr willkommen. Mit gleicher Gier verschlangen
die Leser die seichten, unsittlichen Erzählungen von Clauren, dessen
Taschenbücher Deutschland überfluteten. Seine „Mimilis“ und „Lislis“,
seine „Dijonröschen“ und „Christpüppchen“, die hungerigen und lüsternen
Schilderungen von Dinées und Toiletten; die breite Darstellung gemeiner
Sinnlichkeit fand nicht allein in den Leihbibliotheken, sondern auch
bei denen, die für gebildet galten, reichen Beifall.
Endlich stellte sich der historische Roman mit seiner ganzen Schwere
in den Vordergrund. Er vorzugsweise war das Product der Poesie, welche
sich der Vergangenheit zuwendet. Die Romane des großen Unbekannten,
die Waverley-Novellen, hatten einen Eindruck ohne Gleichen gemacht,
und drohten alles Andere zu verdrängen. Die deutschen Uebersetzer und
Buchhändler waren haufenweise zur Arbeit bereit, und die Nachahmer
eilten, auf dem neugebahnten Wege zu folgen. Historisches Leben und
Charaktere wurden verlangt; Schlachtstücke, Burgen, Costüme bis auf
die Strumpfbänder, Alles sollte historisch sein. In van der Velde und
Tromlitz war mehr als ein deutscher Walter Scott gefunden, der ebenso
schnell producirte wie der englische, ohne zu besitzen, was diesen groß
machte, die nationale Grundlage.
Diesen Erscheinungen der Tagesliteratur fehlte, was allein einen
bleibenden Werth verleihen kann, die schöpferische Idee, der tiefere
geistige Gehalt, der das Leben zum Leben macht. Und eben hier lag die
Stärke der Novellen Tieck’s.
Seit dem zweiten Theile des „Fortunat“ hatte er keine eigenen
Dichtungen herausgegeben. Jetzt erschien in Wendt’s Taschenbuche „Zum
geselligen Vergnügen“ von 1822 die erste Novelle, „Die Gemälde“; gleich
darauf eine zweite, „Die Verlobung“ im „Berliner Taschenkalender für
1823“, mehrere andere kamen in rascher Folge hinzu. War der Tieck,
welcher hier die Verhältnisse der Gegenwart in hellem und scharfem
Lichte darstellte, derselbe, welcher einst den Heiligenschein,
das mystische Dämmerlicht des Mittelalters und die mondbeglänzte
Zaubernacht in trunkener Begeisterung besungen hatte? War es wirklich
der Dichter der „Genoveva“, des „Octavian“ und „Phantasus“, der hier
mit nüchterner Dialektik und Ironie die Verkehrtheiten der neuesten
Zeit nachwies? so fragte man sich zweifelnd und bedenklich. Kaum daß
man die alten, wohlbekannten Züge in diesem Bilde wiedererkennen
wollte. Er schien ein Anderer geworden, von sich abgefallen. In ihm
selbst mußte irgendwo ein Widerspruch, eine Inconsequenz liegen, so
wenig begreiflich schien diese überraschende Wandlung. Oder sollte
sie etwa ihren Ursprung in eigensinniger Laune und Willkür, in der
offenbaren Caprice des Romantikers haben?