der Graf Heinrich Loeben, der unter dem Namen Isidorus Orientalis
Mancherlei in Vers und Prosa geschrieben hatte. Neben Fouqué war er
der allseitigste Vertreter der neuesten Romantik. Durch seinen ersten
Roman „Guido“ zog sich ein wunderlicher und verworrener Nachhall von
Novalis’ „Ofterdingen“. Zu der mittelalterlichen Ritterlichkeit kam ein
unklarer und mit sich selbst ringender Sinn, der oft mit Gleichnissen
nur spielte, und katholisirende Neigungen. Bald war er der andächtige
Pilgersmann, bald ein irrender Ritter oder ein klagender Schäfer. Der
Karfunkel, die Hyacinthe und Narcisse, alle Blumen und Edelsteine der
spanischen Dichter gingen durch seine Hand. Mit ungemeiner Leichtigkeit
producirte er. Sein beweglicher Vers war der Ausdruck einer unruhigen
und überreizten Phantasie. In schweren Krankheiten und anhaltenden
Leiden schienen sich diese Seelenkräfte auf Kosten der Gesundheit zu
steigern.
Befreundet mit beiden war Karl Förster, Lehrer an der dresdener
Cadettenanstalt, eine offene, einfache und weiche Natur. Mit
vielseitiger Gelehrsamkeit ausgerüstet, war er besonders Kenner der
italienischen Literatur und Kunst. Seine Uebersetzungen des Petrarca
und Tasso zeigten, wie seine eigenen Gedichte, ein nicht unbedeutendes
Formtalent.
Zu ihnen kam der Graf F. Kalkreuth, Sohn des Feldmarschalls; auch er
hatte Manches im romantischen Ton geschrieben; und endlich Tieck’s
älterer Freund, Wilhelm von Schütz, welcher als ein eifriger Anhänger
F. Schlegel’s, die Ueberschwänglichkeit der jüngern Romantiker noch
überbot.
Diese bildeten den engeren Kreis, der sich ohne Tieck’s Zuthun um
ihn sammelte. Alle waren jüngere Männer, begabt, begeistert für eine
eigenthümliche Auffassung der Poesie, als deren Meister sie Tieck
anerkannten. Reine Hingebung und aufrichtige Bewunderung seiner
Dichtungen brachten sie ihm entgegen. Durch die Einfachheit und
vollendete Durchbildung, die es ihm unmöglich machte, irgendeinen
geistigen Druck auf Andere ausüben zu wollen, durch die feine Sitte
und gesellige Form, die seine Natur war, wurden sie gefesselt. Sie
selbst bedurften eines Mittelpunktes, eines Namens, an den sie sich
anschlossen; so erhoben sie Tieck auf den Schild und nannten ihn
ihren Meister. In seiner mittelalterlichen Sprache bezeichnete Loeben
ihn als seinen Ritter und sich als getreuen Knappen. Gewann es für
die Gegner den Anschein, als wenn sich Tieck wirklich zu einem
Sektenhaupte erheben wolle, so konnte doch nur der so urtheilen, der
ihn nicht kannte. Unbekümmert um die Deutungen, welche dies Verhältniß
erfuhr, ließ er geschehen, was sich von selbst machte. Weder stimmte
er mit seinen Freunden in allen oder den wichtigsten Punkten überein,
noch verkannte er ihre Einseitigkeiten und Schwächen, aber nicht
minder schätzte er ihre Treue und liebenswürdige Hingebung. Ungesucht
bildete sich eine literarische Gesellschaft, die sich regelmäßig
versammelte, in der man eigene oder fremde Dichtungen vorlas und mit
freundschaftlicher Kritik beurtheilte.
Zu den Freunden, welche in Dresden lebten, kamen vorübergehend auch
auswärtige, welche Abwechselung und manche neue Anregung brachten. Nach
langer Trennung sah Tieck im Jahre 1820 seine Schwester, jetzt Frau von
Knorring, wieder, welche einen ihrer Söhne aus Livland nach Heidelberg
begleitete. Noch beschäftigte sie sich eifrig mit Poesie und Literatur.
Ihre Gedichte und Dramen trugen den Charakter der modernen bunten
Romantik, welche märchenhafte Stoffe in klingende romanische Versmaße
einkleidete. Auch sein Bruder Friedrich kam, der nach einem unruhigen
Wanderleben in der Schweiz, lange in Carrara gelebt hatte, und jetzt
bei der Kunstakademie in Berlin angestellt war. Im Sommer 1822 erschien
Jean Paul, mit dem Tieck heitere Tage verlebte. Im Anfange hatte
sich eine gewisse kühle Rückhaltung und Befangenheit zwischen beide
gelagert; sie mochten sich erinnern, daß sie bei aller Anerkennung
nicht immer glimpflich über einander geurtheilt hatten. Doch endlich
wurde das Eis gebrochen; offen und unbefangen besprachen sie ihre
Dichtungen und ihre gegenseitige Stellung, und zu Jean Paul’s großem
Ergötzen las Tieck den „Attila Schmelzle“ vor.
Dem engern Freundeskreise schloß sich auch Wilhelm Müller an, der
mit Loeben befreundet war. Seine „Müller- und Waldhornistenlieder“
fanden allgemeinen Anklang; einen tiefen Eindruck machten bald darauf
die „Griechenlieder“. Die Verständigung mit ihm war leicht. Er war
gesund, frisch, wahr, von allem Grillenwesen entfernt, und für die
einfache Liederpoesie in hohem Grade begabt. Als er einst Tieck einen
dramatischen Versuch mittheilte, und dieser ihm auseinandersetzte, daß
das Drama nicht sein Beruf sei, verwarf er ohne Empfindlichkeit und mit
voller Anerkennung der dargelegten Gründe seine Dichtung, und hielt
sich seitdem von dieser Gattung fern. Auch Ludwig Robert und Holtei
kamen zeitweise nach Dresden.
Eine der seltsamsten Erscheinungen tauchte von anderer Seite auf,
die auf Tieck einen überraschenden Eindruck machte. Unter vielen
dichterischen Erstlingswerken, welche ihm zugesendet wurden,
empfing er im Herbst 1822 ein Manuscript, das schon äußerlich durch
Umfang und Gewicht gegen die übrigen nicht wenig abstach. Es war
eine Tragödie, betitelt „Theodor von Gothland“. Der Verfasser hieß
Grabbe, und bat um Tieck’s richterliches Urtheil. Auf den ersten
Blick erkannte er die große, aber rohe und verwilderte Kraft. Da war
nichts von Schwächlichkeit, nichts von dichterischer Koketterie, es
war das Arbeiten eines ungebändigten, dunkel bewußten Talents. Der
Verfasser hatte Shakspeare studirt und in sich aufgenommen, aber
die dichterische Wuth führte ihn weit hinaus über Alles, was die
ältern Genies sich erlaubt hatten. Die Weichlichkeit des herrschenden
Geschmacks bestärkte ihn in seiner natürlichen Richtung. Es fehlte
nicht an tragischen Momenten und Gedanken, aber Vieles war hart,
bizarr, ja blutig und entsetzlich. Mit der Raserei der Leidenschaft,
die sich selbst zerfleischte, paarte sich bisweilen ein widerlicher
Cynismus; die Kraft schlug in ein krampfhaftes Wüthen, in einen
unpoetischen Materialismus über. So konnte nur ein großes Talent und
ein unglücklicher Mensch sich darstellen. Voll Theilnahme sprach sich
Tieck in einem Briefe in diesem Sinne aus, und sogleich antwortete der
Dichter mit der Uebersendung eines zweiten Stücks. Dieses Mal war es
ein Lustspiel.
Tieck hatte Recht. Ein unglücklicher Mensch hatte dies geschrieben; es
war ein Talent, das schon im Augenblicke des Auslaufens zu scheitern
drohte. Grabbe studirte damals in Berlin. In Detmold, wo sein Vater
Zuchthausbeamter war, empfing er unter drückenden Verhältnissen die
erste Ausbildung. Doch seine Anlagen zeichneten ihn aus; man erwartete
von ihm Bedeutendes, und nahm sich seiner an. Auf verschiedene Weise
suchte man auf ihn zu wirken und ihn nutzbar zu machen. Eine Zeit
lang sollte er Prediger, dann Archivar und Diplomatiker werden. Er
häufte Massen entgegengesetzter und verworrener Kenntnisse auf, die
ihn zuletzt anwiderten und ihm die gelehrten Studien verleideten.
Aber er spürte etwas vom Dichter in sich, und bald schien das Gefühl
in ihm Oberhand zu gewinnen, daß man die Kraft in ihm am wenigsten
würdige, auf die er stolz war. Er zeigte sich abspringend und reizbar,
wunderlich, hochmüthig und voll Leidenschaft. Endlich ging er nach
Leipzig und Berlin, um die Rechte zu studiren; hier vollendete er seine
früher begonnenen Dichtungen.
Jetzt suchte er nach irgendeinem Mittel des Unterhalts. Bei seiner
Vorliebe für das Drama glaubte er auch Beruf für dessen Darstellung zu
haben; er beschloß Schauspieler zu werden. Er glaubte mit den größten
Naturmitteln ausgestattet zu sein; seine Einbildung spiegelte ihm
vor, auf der Bühne müsse er ungeheuern Eindruck machen. Inzwischen
war er nach Leipzig zurückgegangen, von wo er Tieck seine Wünsche und
Absichten im März 1823 mittheilte. Er schilderte seine unwiderstehliche
Neigung für das Theater; er besitze eine Stimme, die aller Modulationen
fähig sei; sein Talent sei das vielseitigste, Hamlet, Lear und
Falstaff vermöge er darzustellen. Er beschwor ihn, seine Anstellung
bei der dresdener Bühne zu vermitteln, und ihn dadurch zugleich einer
drückenden Lage zu entreißen. Durch diese Ankündigungen ward Tieck auf
das höchste gespannt.
Es war im Frühling 1823, als ein Fremder zu ihm ins Zimmer trat; eine
schwächliche Figur, ein bleiches Gesicht, von Sorge und Leidenschaft
zerstört. Verlegen und unbehülflich, kündigte er mit polternder Stimme
an, er sei Grabbe. Kaum konnte es eine größere Selbsttäuschung auf der
einen, und Enttäuschung auf der andern Seite geben. Von allen Talenten,
die Grabbe von sich gerühmt hatte, besaß er keines, weder Stimme, noch
Haltung, noch Wandlungsfähigkeit. Alles beruhte auf einer Einbildung,
die sein Unglück vermehrte. Für nichts paßte er weniger, als für ein
öffentliches Auftreten auf den Bretern. Der Druck enger Verhältnisse,
und das trotzige Gefühl seiner Kraft hatten ihm etwas Störrisches
gegeben. Einige Leseproben, auf denen er bestand, fielen ungünstig aus,
und bestätigten, daß er für das Theater keinen Beruf habe. Auch ergab
sich, daß durch häufigen Genuß geistiger Getränke seine Gesundheit
zerrüttet sei.
Bei seiner Zügellosigkeit paßte er in kein bürgerlich geordnetes
Verhältniß. Er war schwer unterzubringen; seine Dramen, auf die er
hoffte, ließen sich nicht darstellen. Auf Tieck’s Verwenden suchte
indeß die Intendanz des dresdener Theaters ihn anderweitig zu
unterstützen. Aber dies konnte ihm nicht genügen. Er vermochte von
seinen Einbildungen nicht zu lassen, und glaubte sich verkannt und
zurückgesetzt. Er hatte sich Tieck in die Arme geworfen, von ihm
erwartete er Hülfe, Erleichterung seines Zustandes und Erfüllung
phantastischer Wünsche, in der er eine Anerkennung seines Werthes sah.
Tieck that, was in seinen Kräften stand; er behielt ihn in seiner Nähe,
und zog ihn zu seinen Gesellschaften. Aber es war schwer mit ihm zu
verkehren. Die Gegenwart Anderer war ihm lästig; er war bald scheu,
bald hochfahrend. An keinem Gespräche nahm er Theil; oft stand oder saß
er stumm auf einer Stelle, oder sah, unbekümmert um die Gegenwärtigen,
zum Fenster hinaus. Es war ein seltsames Gemisch von Stolz und
Unbehülflichkeit. Am beredtesten war er in der Mitte ungebildeter
Leute. Als Tieck einst zufällig an einer gewöhnlichen Schenkwirthschaft
vorüberging, sah er Grabbe in der Mitte mehrerer Spießbürger beim Biere
sitzen, denen er erhitzt und großsprecherisch von sich und seinen
Dramen erzählte, obgleich sie schwerlich je etwas von Poesie, und von
seinem Namen gewiß nichts gehört hatten.
Endlich zeigte sich, daß er auch in Dresden nicht finde, was er suchte.
Mit erhöhter Bitterkeit schied er, um sein Glück anderweitig zu
versuchen. Tieck gab ihm Empfehlungen an einige Freunde mit. Zuerst bot
Grabbe seine Dienste dem braunschweiger Theater an. Aber Klingemann,
der Vorsteher desselben, wußte ihn nicht zu beschäftigen. Er schrieb an
Tieck, es sei eine heraustobende Natur, die bei allem Drange für die
Bühne gar nicht passe. Ein ähnliches Schicksal hatte er in Hannover.
Man bot ihm ein Gehalt, das einem Almosen gleich kam. Hoffnungslos
und verzweifelt kehrte er nach Detmold zurück. In der Nacht schlich
er sich in das Haus seiner Aeltern, denen er von seinem Berufe so
viel erzählt, und die an ihn geglaubt hatten. Im August 1823 rief er
Tieck’s Hülfe von neuem an; er sei bereit Allem zu entsagen, und mit
einer Schreiberstelle zufrieden zu sein.
Später nahm Grabbe’s Schicksal für einige Zeit eine günstigere
Wendung. Seinem Andenken an Tieck mischte sich aber ungerechterweise
eine gewisse Gereiztheit bei. Sie war nicht zu verkennen in den halb
widerlegenden Anmerkungen, mit denen er fünf Jahre später Tieck’s
Brief über den „Theodor von Gothland“ begleitete, als er seine
dramatischen Dichtungen herausgab. Noch minder in der Abhandlung über
Shakspearomanie, in welcher er in absichtlichem Gegensatze zu Tieck
Shakspeare’s nachtheiligen Einfluß auf die deutsche Poesie zu beweisen
suchte. Und doch war Grabbe selbst eine Zeit lang ein so exaltirter
Bewunderer Shakspeare’s gewesen, daß Tieck hatte mäßigen und zügeln
müssen.
Im Herbste des folgenden Jahres 1824 kam F. Schlegel nach Dresden.
Manches Jahr war verflossen, seit sie sich nicht miteinander
ausgesprochen hatten. Auf der Rückkehr von England sah Tieck den Freund
flüchtig in Frankfurt a. M., Briefe waren nur gelegentlich gewechselt
worden. Ein Blick auf ihre gegenwärtige Stellung und ihr Verhältniß
zueinander, und die Erinnerung an frühere Zeiten erweckte ernste
Betrachtungen. Schon äußerlich war Schlegel bedeutend verändert. Er
war corpulent geworden, sein Gesicht hatte breite, zerfließende Züge
angenommen; man erkannte den Feinschmecker, dem bei aller Prophetik
die Freuden der Tafel keineswegs gleichgültig waren. Er war wortkarg
und bequem, nicht ohne Vornehmheit; in Gegenwart minder Bekannter
schweigsam. Er schien nur Bedeutendes, Tiefsinniges sagen zu wollen.
Gleich in den ersten Gesprächen zeigte sich, daß sie das frühere
persönliche Wohlwollen, das vollständig kaum je erlöschen konnte,
zwar noch bewahrten, aber eine Verständigung schien nicht erreichbar.
In den Zeiten des Idealismus hatte Schlegel das Wissen und die Kunst
vergöttert, jetzt wollte er sie kaum noch dulden. Die Kirche und ihre
Formen sollte Eines und Alles sein. Doch weder damals noch jetzt konnte
Tieck diesen Ansichten beistimmen. Die Philosophie als Wissenschaft
verachtete Schlegel, besonders die Dialektik. Zum Theil verwarf er
hier, was er nicht kannte, und im stolzen Gefühle, zu besitzen, was
noththue, hielt er es für überflüssig, die einzelnen Erscheinungen
kennen zu lernen. Als Tieck Solger rühmte, sprach er von diesem als
einem unfertigen jungen Manne, aus dem vielleicht mit der Zeit hätte
etwas werden können. Alles Studium hielt er für zu umständlich, zu
weitläufig und für unnöthig, da man dies Alles auf kürzerm Wege haben
könne. In der Poesie erkannte er nur Calderon an, höher noch standen
ihm die Orientalen, sie enthielten Alles in Allem.
Seine Urtheile über Tieck’s neuere Dichtungen waren daher nichts
weniger als schmeichelhaft. Er bestritt die Möglichkeit, das moderne
Leben dichterisch zu behandeln; überhaupt jede Gegenwart entziehe
sich dem Dichter, nur die Vergangenheit könne er darstellen. Von den
Novellen meinte er, sie seien schwacher Wein der Poesie mit vielem
Wasser des Verstandes vermischt. Als er hörte, Tieck beschäftige sich
mit dem „Aufruhr in den Cevennen“, und denke einen religiösen Stoff zu
behandeln, rieth er besorgt von einem solchen Vorhaben ab; hier dürfe
nichts übereilt werden, in so wichtigen Dingen könne Unreife oder
Verstimmung leicht zur Sünde werden.
Tieck dachte zu billig, um Schlegel Vorwürfe zu machen, aber es war
eine Geduldprobe, wenn dieser stets nur aus dem höchsten Tone sprach,
wenn er überall voraussetzte, Alles um ihn her liege im Argen, oder
sei im Traume befangen, er allein kenne die Zeit und wisse, wie ihr zu
helfen sei. Besonders gegen Tieck liebte er, im untrüglichen Orakeltone
zu reden. Stellte er ihn gleich als Dichter hoch, so sprach er ihm
doch jede Einsicht in die Philosophie ab, und pflegte ihn mit der
zuversichtlichen Ueberlegenheit anzuhören, mit welcher der Meister
die schwachen Versuche eines eben geweihten Schülers oder eines Laien
geduldig erträgt. In das eigenthümliche Wesen seiner Ansichten und
Dichtungen einzugehen, hielt er nicht der Mühe werth, er glaubte
sie ohne das zu erkennen. Jedes Gespräch ließ bei Tieck das tiefe
Bedauern zurück, daß ein so reiches Talent der Verblendung maßloser
Selbstüberschätzung gerade in dem Augenblicke verfallen mußte, wo es
sich der größten Selbstverleugnung rühmte.
3. Amt und Würden.
Tieck’s Leben in Dresden hatte sich jetzt fester gestaltet. Sein
dauernder Aufenthalt daselbst blieb nicht ohne Einfluß. Als mittlere
Residenzstadt, im Besitze großer künstlerischer und wissenschaftlicher
Hülfsmittel, gewährte es bedeutende Anregungen, aber es war nicht
groß genug, um eine solche geistige Macht zu neutralisiren oder in
den Hintergrund zu drängen. Viele Verhältnisse waren angeknüpft,
Anerkennung und Widerspruch hatten sich eingestellt, dichterisch
schaffend und studirend führte Tieck ein Leben, welches ihm ganz
zusagte. Sich selbst, seiner Kraft verdankte er Alles. Durch keine
Schranke beengt, wollte er sich diese Freiheit bewahren. Auch war
Niemand weniger geeignet, sich äußern Dienstverhältnissen zu fügen;
er kannte keine andere Ordre als die seines Genies, und keine andere
Arbeit als die dichterische Muße.
Anders dachten seine Freunde. Manche wünschten ihm eine sorgenfreie
Existenz, welche der Staat sicherstellte; andere wollten ihn in
eine geregelte Thätigkeit des bürgerlichen, oder wenigstens des
wissenschaftlichen Lebens hineinziehen. Sie dachten sein kritisches
Talent, seine künstlerische Erfahrung, seine Kenntniß der neuern
Literatur und ausgedehnte Buchgelehrsamkeit dem praktischen Nutzen
dienstbar zu machen. Sie meinten ihm eine Wohlthat zu erweisen, selbst
gegen seinen Willen. Man wollte ihn bei der Leitung des Theaters
beschäftigen, oder als Lehrer auf das Katheder stellen. Schon 1804
wünschten ihm Einige an der reorganisirten Universität Heidelberg
eine Stellung zu schaffen. Auch Creuzer war dafür gewonnen worden;
vorbereitende Schritte geschahen, aber sie führten zu keinem Ergebniß.
Im Jahre 1812 trug ihm der Minister von Wietersheim die Stelle eines
Oberbibliothekars in Dresden an, und 1816 ward ihm die unvermuthete
Anerkennung einer wissenschaftlichen Corperation zu Theil, indem die
Universität Breslau ihm das Ehrendiplom eines Doctors der Philosophie
übersandte.
Später wurde eine mögliche Anstellung Tieck’s im Dienste des Staats
und der Wissenschaft von Solger eifrig betrieben. Mit der Wärme
des Freundes und dem Nachdrucke des Geschäftsmannes nahm er sich
der Sache an. Schon in der Zeit des Aufenthalts in Ziebingen war
Tieck dem Fürsten Hardenberg bekannt geworden. Er hatte auf diesen
einen günstigen Eindruck gemacht. Der Mann war für ihn, welcher
Alles durchsetzen konnte. Wiederholt hatte Hardenberg ihn zu Tische
eingeladen. Es war eine ebenso gewinnende als imponirende Erscheinung.
Er mußte früher schön gewesen sein; in der vollendeten Bildung des
vornehmen Aristokraten und mächtigen Staatsmannes trat er ihm entgegen.
Die würdigste Haltung verband sich mit einnehmender Freundlichkeit,
fern von beleidigender Herablassung. Auch waren in Hardenberg’s Nähe
Personen, welche diese wohlwollende Stimmung für den Dichter zu nutzen
suchten. Zu diesen gehörte Koreff, der selbst ein Romantiker sein
wollte; auch Stägemann. Mit Solger vereinigte sich F. v. Raumer, der
1819 von Breslau als Professor nach Berlin berufen worden war. Auch
wollte man wissen, daß der Kronprinz, ein Gönner und Liebhaber der
Poesie, Tieck’s Dichtungen besonders günstig sei.
Der Staatskanzler forderte darauf den Cultusminister v. Altenstein auf,
für Tieck’s Anstellung geeignete Vorschläge zu machen. Dieser hielt es
gerathen, den Dichter selbst zu hören. Er fragte bei ihm an, ob er eine
Stellung bei der Universität, der Akademie der Wissenschaften oder der
Künste wünsche, wobei zugleich die Aussicht auf eine dramaturgische
Thätigkeit beim Theater eröffnet wurde. Aber auch hier lagen manche
Schwierigkeiten in der Sache selbst; noch schlimmer war es, daß durch
Solger’s plötzlichen Tod dieser Plan im entscheidenden Augenblicke
seinen eifrigsten Beförderer verlor. Nun faßte man den Gedanken, Tieck
an Solger’s Stelle zum Professor der Aesthetik zu berufen. Aber dagegen
sträubte sich seine Pietät; er fühlte sich durch den Antrag erschüttert
und verletzt. Wie hätte er daran denken können, den Lehrstuhl eines
Mannes einzunehmen, als dessen Schüler er sich bekannte, und jetzt,
wo er den Verlust mit dem tiefsten Schmerze empfand? Er war Dichter
und nicht Philosoph; das Katheder erforderte ein System, und er hatte
keines. Niemand sprach trefflicher als er, aber die Stimmung mußte
ihn leiten, und diese ließ sich durch keinen Lectionsplan gebieten.
Ein solcher Lebenswechsel, eine so fremdartige, bisher nie geübte
Thätigkeit noch im reifern Mannesalter zu übernehmen, war bedenklich.
Erwog er dann seine Kränklichkeit, die Schmerzen, die ihn oft plötzlich
und heftig überfielen, seine Schwerfälligkeit und Abhängigkeit von
äußern Dingen, so ward er vollends unsicher und zaghaft. Er gestand
sich, auf dem fremden Gebiete, als Professor, der dociren solle, werde?
er immer nur ein Stümper und halber Mensch bleiben. Nur widerstrebend
hatte er sich durch seine Freunde in diese Sache verwickeln lassen. Er
hatte gezögert und ihre Geduld auf die Probe gestellt; endlich ward
Solger’s Tod die Veranlassung, den Plan ganz fallen zu lassen.
Bald darauf, es war 1822, hatten andere Freunde in Breslau eine
ähnliche Absicht. Nun wollte man ihn zum Professor der neuern Literatur
und Dramaturgen des Theaters machen, aber auch dies zerschlug sich.
Tieck kannte seine Natur besser als die Freunde, die ihn versorgen
wollten. Er wußte, daß ein festes amtliches Verhältniß für ihn nicht
geeignet sei; es konnte fraglich sein, ob es irgendein Amt gebe,
welches er zu führen im Stande sei. Das Talent, die Kunst dienstbar
und nützlich zu machen, war ihm platterdings versagt; er hatte es so
oft verspottet und verlacht. Er zog es daher vor, frei zu bleiben und
aus eigener Kraft die Bedrängnisse zu überwinden, die von der Stellung
eines modernen und eines deutschen Dichters nicht zu trennen sind.
Doch es gab noch einen Lehrstuhl, der für ihn der entsprechende war,
eben der, welchen er längst schon inne hatte, der kritische beim
Theater. Endlich trat auch hier eine glückliche Wendung ein. Schon
früher hatte die berliner Bühne, welche unter der Leitung des Grafen
Brühl stand, Tieck’s Rath für Einzelnes zu nutzen gesucht. Als Ludwig
Devrient 1816 „Richard III.“ einstudirte, wollte man ihn darüber hören,
und als darauf Wolff den „Blaubart“ zur Darstellung zu bringen dachte,
gab dies Veranlassung zu neuen Besprechungen. Später, als der Fürst
Radziwill in seinem engern Kreise die Aufführung einiger Scenen aus
dem „Faust“ mit seiner Composition veranstaltete, lud er Tieck ein,
derselben beizuwohnen. Er wünschte sein Urtheil zu hören, und obgleich
Tieck sonst ein Gegner der Versuche der Faustdarstellungen war, fand er
dennoch Vieles anzuerkennen. Nächst der Musik machte der Herzog Karl
von Mecklenburg-Strelitz als Mephistopheles einen bedeutenden Eindruck.
Nie hatte er einen Schauspieler diese Rolle besser auffassen und
darstellen sehen.