Immer tiefer hatte sich F. Schlegel in seine mystische Weisheit

hineingearbeitet, er war zur katholischen Kirche übergetreten und dann

wie Gentz und Adam Müller, östreichischer Diplomat geworden. Sein

früheres kritisch dichterisches Wirken lag in dunkler Vergangenheit

hinter ihm. Nach tausendfachen Kreuzfahrten in Poesie und Philosophie

war er endlich in einen Hafen eingelaufen, wo er Ruhe zu finden

glaubte. Niemand machte es anschaulicher als er, welche vollständige,

vorher nicht zu ahnende Umwandlung die Welt in den letzten zwanzig

Jahren erfahren hatte. Auf die Umstimmung der literarischen Ansichten

in Deutschland hatte er selbst wesentlich eingewirkt, indem er den

Gedanken des Romantischen als einer besondern geheimnißvollen Poesie

und Wissenschaft entwickelte.

Schon in den Zeiten, wo die neue Kritik mit den kühnen Lehrsätzen des

„Athenäums“ sich Bahn machte, zeigte F. Schlegel bei allen Paradoxien

ein bei weitem mehr mystisches und positives Element als sein Bruder,

der überwiegend scharf und verneinend auftrat. Es war seine Sturm- und

Drangperiode, als er nur die Originalität für moralisch gelten ließ,

die wahre Tugend in die Genialität setzte, und in der Sinnlichkeit

die Unschuld, ja Kunst und Religion fand, und dennoch den heiligen

Müßiggang quietistisch verherrlichte und ihn zur Religion machen

wollte. Schon im „Athenäum“ von 1798 suchte er die Bedeutung der

romantischen Poesie systematisch darzulegen. Wenn er sagte, ihr erstes

Gesetz sei, daß die Willkür des Dichters kein Gesetz über sich leide,

sie sei die Dichtkunst selbst, und alle Poesie sei romantisch, so

konnten seine Freunde ihm darin noch beistimmen. Doch bedenklich ward

es, wenn er behauptete, die romantische Dichtart werde Poesie und

Prosa, Philosophie und Rhetorik, Genialität und Kritik, Kunst und Natur

mischen und verschmelzen, sie solle die Poesie lebendig und gesellig,

das Leben und die Gesellschaft poetisch machen. Nur sie allein könne

ein Spiegel der Welt sein, ihr Wesen sei ewig zu werden, nie vollendet

zu sein, sie sei unerschöpflich und unendlich. Dieser neuen Poesie,

die Alles in Allem sein sollte, gab er bald darauf einen andern Namen;

als ihren Kern bezeichnete er die Mythologie. In dem Mangel dieser sah

er die Schwäche der gegenwärtigen Dichtung, und zugleich sprach er in

prophetischem Tone aus, die Zeit sei nicht mehr fern, wo man eine neue

Mythologie gewinnen werde. Aus der tiefsten Tiefe des Geistes sollte

sie hervorgehen, ein neues Gefäß des alten ewigen Urquells der Poesie,

und ein unendliches Gedicht sein, welches die Keime aller andern in

sich trage, ein hieroglyphischer Ausdruck der Natur in der Verklärung

von Phantasie und Liebe. Dazu sollte die Kenntniß Indiens beitragen,

und das Höchste des Romantischen nur im Orient gefunden werden.

Damals war ihm der Katholicismus noch das naive, der Protestantismus

das sentimentale Christenthum, er fand in diesem noch ein

revolutionäres Verdienst, er war ihm eine universelle und progressive

Religion. Anders dachte er wenige Jahre später. Seit 1802 studirte er

in Paris mittelalterliche, mehr noch orientalische Poesie. Dorthin

drängte ihn das dunkle, mystisch-mythische Element. Im Jahre 1804, als

er die „Anthologie“ aus Lessing herausgab, war ihm der Katholicismus

schon die positive, der Protestantismus die negative Religion, eine

Religion des Krieges, bis zur innern Feindschaft und zum Bürgerkriege.

Der katholischen Religion war es gelungen, den künstlerischen Glanz,

Reiz und Schönheit der alten Mythologie sich zu eigen zu machen.

Eine esoterische Poesie sollte entstehen, deren Aufgabe es war, die

unnatürliche Trennung von Dichtung und Wissenschaft aufzuheben, die

Mythologie herzustellen, den alten Fabeln ihre Bedeutung wiederzugeben

und das gemeine Leben zu poetisiren. Eine Wiedergeburt der Welt

sollte vor sich gehen, in welcher die Eisenkraft des Nordens mit der

Lichtglut des Orients verschmolz. In diesem Sinne versuchte er in der

Restaurationsperiode nicht nur am Aufbau der alten Kirche, sondern

auch an der Herstellung des alten Staates Theil zu nehmen; er gab

diesem eine religiöse Weihe, und nannte das die legitime Ansicht der

Geschichte. In einem Propheten- und Orakeltone, der an Dunkelheit

zunahm, predigte er die neue Philosophie in verschiedenen Schriften

und Vorlesungen. Er ward der Oberpriester aller philosophischen,

politischen und poetischen Mystiker.

Unter diesen verschiedenartigen Einwirkungen hatte sich ein drittes

Geschlecht herangebildet, dem die Gegenwart gehörte. Es waren

diejenigen, welche die Poesie Goethe’s und seiner Zeitgenossen, die

Dichtungen Tieck’s und die frühern kritischen Urtheile der Schlegel

als ein anerkanntes und ausgesprochenes Erbe überkommen hatten. Für

sie war zum ruhigen Besitz geworden, was jene erkämpft hatten. In

einem ganz andern Luftkreise waren sie aufgewachsen. War man früher

aufgeklärt gewesen, so war man jetzt gläubig, und an die Stelle des

freigeistigen Rationalismus sollten Mystik und Tiefsinn treten.

Früher glaubte man in der Moral die Religion entbehren zu können,

jetzt war die Moral in Verruf gekommen; früher verlachte man das

Wunder und den Glauben als eine geistige Schwäche und Trägheit, jetzt

sah und fand man das Wunderbare überall. Hatte sonst die breite

Altklugheit das Wort geführt, so hörte man jetzt fast nur das Stammeln

und Lallen der Natur, der Unschuld und sogenannten Kindlichkeit.

Einst war Alles weltbürgerlich, human, von Freiheitsgedanken erfüllt

gewesen; aus abstracten Grundsätzen construirte man einen allgemeinen

Kosmopolitismus, nun war Alles historisch, volksthümlich, germanisch,

mittelalterlich und kirchlich geworden. Die einst verspotteten Gedanken

hatten ihre frühere Verachtung gerächt.

Das Streben, eine geschmälerte Nationalität herzustellen, und die

Sehnsucht nach einer einst glänzenden Vergangenheit war auch Inhalt

der Poesie geworden. Volksthümliche Lieder, die in der Zeit des

Kampfes entstanden waren, sangen von ritterlichem Streiten und Siegen

der Ahnherren, von ihrem treuen Glauben, von Kaiser und Reich, von

der Kirche und ihren Wundern. Nun aber waren die Siege errungen, das

Joch zerbrochen, und um die Lösung anderer Aufgaben handelte es sich

jetzt. Aber das Singen und Sagen von ritterlichen Thaten wollte nicht

enden. Die Zeit der Rittergedichte brach herein. Die tölpelhaften

und ungeschlachten Kämpen der Spieß’schen und Cramer’schen Romane

hatten sich in tugendhafte Fouqué’sche Nordlandsrecken, in blonde,

tapfere, sittige und wohlgezogene Jünglinge umgewandelt. Da war

alles ritterliche Ehre, Minne, Biederkeit und Frömmigkeit, selbst

die lichtbraunen Rößlein und die Rüden und Bracken waren verständig.

Schien es doch als wenn die Dichtung nur im Mittelalter, im deutschen

Mittelalter, im ritterlich frommen deutschen Mittelalter ihre Heimat

habe, und hier allein ebenbürtige Formen finden könne.

Aber nicht allein die deutsche Dichtung älterer Zeiten, auch die

der südwestlichen Völker war wieder entdeckt worden. Früher war

ausschließlich von der Mustergültigkeit antiker Poesie die Rede

gewesen, jetzt sollte die romantische mindestens ebenso viel, ja

noch mehr gelten. Seit Schlegel’s Uebersetzung war Shakspeare’s Name

in aller Munde, fast gewöhnte man sich ihn neben den eigenen großen

Dichtern als einen Deutschen anzusehen. Die Voß’sche Uebersetzung

folgte, und ihr manche andere. Rascher noch war man von der ersten

dürftigen Kunde der spanischen Literatur, von schwachen Versuchen

zu umfassenden Studien, Uebersetzungen, Nachbildungen und einer

schwärmerischen Bewunderung fortgeschritten. In den spanischen

Romanzen und im Drama lebte noch der echt ritterliche Geist, die alte

Frömmigkeit und eine alte Kunst. Calderon sollte wie Shakspeare, ja

mehr noch Inbegriff und Muster aller wahren dramatischen Dichtung

sein. An allen schwierigen romanischen Versmaßen, nicht an Sonetten

allein, mühte man sich ab, und Sterne, Perlen, Jasmin und narkotische

Blumendüfte durfte der Dichter nicht sparen.

Gerade die reichsten Talente wurden von diesem dunkeln Zuge am

stärksten ergriffen. Arnim und Brentano, mit denen Tieck in

mannichfacher persönlicher Verbindung gestanden hatte, verloren sich

in phantastischer Willkür, bei Werner war alles Traum und Vision, und

weiter noch gingen Andere. Es war die Frage, ob die ältern Meister,

welche die neue Kunst eingeführt hatten, diese allerneuesten Künste

gutheißen würden.

Wenn Tieck diese Bewegung überschaute, welche in dem letzten Jahrzehnd

eine allgemeine geworden war, so mußte er sich gestehen, er und seine

Freunde hatten dazu einen ersten Anstoß gegeben.

Unendlich oft hörte er die Worte wiederholen, die er als Jüngling

ausgesprochen hatte, aber hatte man sie damals nicht verstanden, so

schien man sie heute zu misverstehen. Es war dasselbe, was er gewollt

hatte, und doch etwas ganz Anderes; es waren die Farben, welche er

gebraucht hatte, und doch ein fremdartiges Bild. Oft wollte es ihm als

eine Caricatur seiner Jugend erscheinen; und er war über die Jugend

hinaus. Diesen neuen Genies gegenüber kam er sich nicht selten wie ein

Philister aus der Vergangenheit vor, und fast lächerlicher noch als

die Aufklärung waren ihm jetzt diejenigen, welche auf sie schalten,

nachdem sie dieselbe von ihm verachten gelernt hatten. Die allgemeine

Ansicht des Publicums war jetzt ungefähr auf dem Punkte angekommen,

wo er vor zwanzig Jahren gestanden hatte. Wenn man ihm von vielen

Seiten zurief, nun stimme man mit ihm überein, man wolle nur was er

gewollt habe, so war ihm diese Anerkennung mitunter bedenklicher,

als alle frühern Angriffe. Jetzt konnte er mit größerm Rechte seinen

Nachahmern entgegenrufen, was er schon 1800 im „Neuen Hercules“ den

Autor zum Bewunderer sagen ließ: „So streut man nur Worte in den Wind,

die nachher zum Misbrauch gut genug sind.“ Die Standpunkte hatten sich

geändert, die Entfernung, welche sie voneinander trennte, war dieselbe

geblieben.

Nachdem er Jahre lang die mystische Philosophie studirt, und mit

ihr gerungen hatte, waren seine Kräfte in ein mehr harmonisches

Gleichgewicht getreten. Die Idee der Ironie als der höchsten und

klarsten Beherrschung des Stoffes war ihm aufgegangen. Ein freier

und leidenschaftsloser Ueberblick des Lebens und ein reineres

künstlerisches Gestalten war damit verbunden. Es lag darin der Gedanke,

sich sittlich über den Erscheinungen zu halten, sich nicht von ihnen

unterwerfen oder fortreißen zu lassen.

Eben das aber war bei den meisten der Fall. Man hörte nur von

Geheimniß, Dunkel und Mystik, und Freund und Feind schienen darin

einig zu sein, daß ein consequentes Fortschreiten auf diesem Wege zur

katholischen Kirche führen müsse. Brentano war katholisch, F. Schlegel

war es geworden, andere folgten dem Beispiele, und Werner hatte seine

Feder der Mutter Gottes geopfert. Die Eifrigsten forderten laut die

Unterwerfung aller Poesie unter das katholische System. Konnte aber

Tieck geneigt sein, als Mann gutzuheißen, was er unter ganz anderen

Einflüssen und Stimmungen schon als Jüngling von sich abgewiesen hatte?

Er hatte die historische katholische Kirche als eine alt begründete,

als frühere Bewahrerin der Legende, der Poesie und aller Künste, gegen

unverständige Angriffe vertheidigt; aus dichterischem Gefühlsdrange,

aus innerer Gerechtigkeit, aus freier Ueberzeugung hatte er es gethan,

folgte daraus die Nothwendigkeit sich dem gegenwärtigen Katholicismus

unterzuordnen? In der Poesie lag an sich schon das Wunderbare,

Religiöse, aber das hatte man ihm nicht glauben wollen, darum hatte

er den spießbürgerlichen Utilismus der ältern Zeit bekämpft, aber

den modern überspannten, den katholisirenden konnte er ebenso wenig

gutheißen.

Ganz anders sahen viele der jüngern Dichter die Sache an. Sie wollten

aus der dichterischen Wahrheit eine praktische machen, und waren

Dichter und Helden ihrer Romane und Epen zugleich. Die Einen wollten

Mönche, die Andern kreuzfahrende Ritter sein. Dichtung und Leben

verschwammen hier in Eines, die Dichter verloren sich an ihre Stoffe,

dies konnte schließlich nur Zerrbilder geben. Oft genug ward Tieck

an Don Quixote erinnert; diesem war es mit seinen Thaten nicht mehr

Ernst als den neuen ritterlichen Dichtern, die nicht daran dachten,

daß diese Minne, diese Rittertugend, dieses Vasallenthum, welches sie

verherrlichten, weder jetzt noch jemals existirt habe. Er stand hier

auf Goethe’s Standpunkte, das heißt auf dem aller wahren Dichter. Aus

dem Leben selbst mußte die Poesie quellen; aber eine angebliche Poesie,

was der Einzelne dafür hielt, in das Leben hineintragen zu wollen,

konnte nur mit Verkehrtheit und Abgeschmacktheit enden. Ueberall

vermißte er die unverfälschte Wahrheit der Natur, ohne welche keine

Kunst bestehen kann; überall blickte das Gemachte, das Willkürliche

durch.

Dieses neue System nannten Anhänger und Gegner die romantische Schule,

und Tieck galt ihnen für das Haupt derselben. Aber dies war ein großes

Misverständniß. Stets hatte er die Schule bekriegt, nun sollte er

selbst der Stifter einer solchen sein. Niemals hatte er daran gedacht;

zu einem Partei- und Sektenhaupte, zu einem literarischen Agitator

fehlte ihm nicht mehr als Alles. In seiner Weise kämpfte er, aber in

die Tagesliteratur hatte er sich nie gemischt. Er hatte zu viel mit

sich selbst zu thun, um an eine bewegliche und sich zersplitternde

Thätigkeit zu denken; er war zu tief, wenn man will zu schwerfällig,

zu bequem. Alles Parteiwesen haßte er; er haßte es auch darum, weil es

Unterordnung und Aufgeben des Individuellen verlangte.

Als er mit den Schlegel und Novalis verbunden war, hatte man auch von

einer neuen Partei, von einer kritischen oder einer Schlegel’schen

Schule gesprochen. Allerdings waren sie durch ein freundschaftliches

Verhältniß miteinander verknüpft, wie überall diejenigen, welche in

gewissen Grundansichten übereinstimmen. Schon damals wurden sie von den

Gegnern als unterschiedslose Masse behandelt und Einer für den Andern

verantwortlich gemacht. An ein planmäßiges Machen und Organisiren

dachten sie selbst nicht, auch wenn man sich im „Athenäum“ vereinte und

auf einander Sonette dichtete. Und was bewiesen am Ende diese Sonette?

Hatten nicht Klopstock, seine Freunde und die ältern Dichter des

achtzehnten Jahrhunderts genug Oden und Lieder auf einander gemacht?

Niemand hatte Anstoß daran genommen. Auch ging Tieck von Anfang an

so selbständig seinen Weg, daß dies mehr als ein Mal Veranlassung

ernstlicher Entzweiung mit dem ältern Schlegel zu werden drohte.

Jetzt aber noch viel weniger als früher wollte er eine romantische

Schule anerkennen. Er konnte nicht einstimmen, wenn man ihm von der

Romantik, als einer besondern Gattung der Poesie, reden wollte. Unter

wechselnden historischen Bedingungen konnte diese erscheinen, an

sich aber mußte sie immer dieselbe sein und bleiben. Damit war seine

Stellung in jener Zeit, als er seinen Wohnsitz in Dresden aufschlug,

entschieden. In dem Augenblicke, wo man ihn als zweites dichterisches

Haupt Deutschlands begrüßte, war er dennoch innerlich isolirt. Es

konnte nicht anders sein. Wie alle bedeutenden Naturen war er zu eigen

gebildet, zu allseitig, als daß er jemals in den allgemeinen Ruf des

Tages hätte einstimmen können, auch wenn seine Worte zum Feldgeschrei

gemacht wurden. Im Munde Anderer wurden es andere Worte.

2. Dresden.

Gegensätze und Meinungsverschiedenheit dieser Art waren in Dresden

nicht zu befürchten. Die literarischen Kreise, welche hier herrschten,

und mit denen eine Berührung nicht ausbleiben konnte, waren ganz

anderer Natur; sie stammten zum Theil noch aus jenen Zeiten, die

längst für abgethan galten. Es gab eine locale Tagesliteratur,

welche, durch bekannte Männer geleitet, auf die öffentliche Meinung

keinen geringen Einfluß ausübte, und als eine Art von Macht auftrat.

Eine Anzahl mittlerer, gewandter, federfertiger Talente war hier

vereinigt. Ohne Tiefe und entschiedene Richtung waren sie zufrieden,

dem Bedürfnisse und Geschmacke des Tages zu dienen, und das Publicum zu

unterhalten. Sie stimmten darin überein, nicht entschiedene Anhänger

der romantischen Schule zu sein. Nach Bildung und Neigung gehörten sie

vielmehr der alten Aufklärung an, doch je nach Umständen ließen sie

sich auch in dem neuen Tone vernehmen.

Die anerkannteste und geehrteste Autorität war Böttiger, mit dem Tieck

fast fünfundzwanzig Jahre nach dem „Gestiefelten Kater“ durch ein

eigenes Geschick dauernd zusammengeführt wurde. Nach Herder’s Tode

nach Dresden berufen, machten ihn Gelehrsamkeit, Vielseitigkeit und

Vielthätigkeit bald zum Führer und Lehrer der öffentlichen Meinung

in gelehrten und künstlerischen Dingen. Als eleganter Philolog und

Alterthumsforscher hatte er eine entsprechende Stellung bei dem

Antikencabinet; aber auch über Literatur, Schauspiel und Kunst im

Allgemeinen ließ er sich nicht selten öffentlich vernehmen.

Wie Böttiger stammte der namhafteste der dortigen Dichter ebenfalls

aus der ältern, ja ältesten Schule her, Tiedge, der Freund

Elisa’s von der Recke, der vielgefeierte und bekränzte Sänger der

„Urania“. Seine Poesie war noch vor Goethe’schen Datums, denn in

Gleim’s Freundeskreisen war er gebildet. Der Kern dieser Ansichten

und Dichtungen war die gute, alte, nüchterne Prosa, die bis auf

den „Werther“ Vielen für mehr gegolten hatte. Tiedge war dabei

nicht stehen geblieben. Nicht ohne Formtalent hatte er sich den

sentimental-declamatorischen Ton späterer Zeiten angeeignet, und unter

bilderreichen, wohltönenden, schäumenden Versen verbarg sich die

ursprüngliche Trockenheit. Wenig wurde hier durch Vieles ausgedrückt;

aber diese rednerische und nüchterne Tugend fand ungemeinen Beifall.

Seine „Urania“ erlebte Auflage nach Auflage, und alte fromme Damen und

junge Mädchen wallfahrteten, um den sinnigen Dichter zu verehren.

Tieck und Tiedge, aus früherer Zeit miteinander bekannt, hatten beide

gleichzeitig im Jahre 1819 sich nach Dresden übersiedelt. Ohne nähere

Beziehungen zu haben, setzten sie den geselligen und literarischen

Verkehr in bequemer Weise miteinander fort. Als Tiedge mit seinem

letzten Lehrgedichte, „Der Markt des Lebens“, beschäftigt war, bat er

Tieck, ihm irgendeinen lesbaren neuern Philosophen nachzuweisen, da

er in dieser Literatur unbekannt sei, in seinem Gedichte aber doch

davon zu sprechen wünsche. Tieck schlug ihm Solger’s Schriften vor,

ohne damit große Ehre einzulegen. Denn als Tiedge auf eine scharfe

Kritik Klopstock’s stieß, warf er das Buch mit Abscheu von sich. Zu

komischen Verwechselungen gab nicht selten die Aehnlichkeit der Namen

Veranlassung. Tieck behauptete bisweilen im Scherze, er habe manche

Huldigung übereifriger Bewunderer stillschweigend und duldend hinnehmen

müssen, die eigentlich seinem Collegen gegolten habe. Einmal kam es

sogar vor, daß ein bekannter, aber in der Literatur wenig heimischer

Arzt, der seine Hochachtung vor Dichtern beweisen wollte, in einer

Gesellschaft Tieck’s Wohl mit den Worten ausbrachte: „Vivat Oranien!“

„Das war ein großer Held“, erwiderte Tieck, heiter darauf eingehend,

„den können wir schon leben lassen!“

Ein dritter vielbeliebter Romanschriftsteller war Friedrich Schulze,

in der Bücherwelt Laun genannt. Schon im Jahre 1801 hatte Tieck seine

Bekanntschaft gemacht, und ein Sonett von ihm im Schlegel’schen Tone

hatte, ohne daß man den Verfasser kannte, durch die dritte Hand

Eingang in den Musenalmanach für 1802 gefunden. Es war ein stiller,

anspruchsloser Charakter, und ein gewandtes, leichtes Talent. In

zurückgezogener Aemsigkeit sorgte er schon seit den neunziger Jahren

durch eine lange Reihe von Romanen und Erzählungen, in denen er

bald in das gewöhnliche Kleinleben, bald in die Ritterzeit oder in

die Gespensterwelt hineingriff, für die Unterhaltung des Publicums.

Eine wahre Fabrikthätigkeit auf diesen Gebieten entwickelte Gustav

Schilling, der es bis auf hundert Bände brachte, und Richard Roos gab

ihm darin wenig nach.

Die Inhaber der Tagespresse waren Friedrich Kind und Theodor Hell. Der

erste war als Erzähler aufgetreten und hatte das Publicum nach und

nach mit seinen „Malven“, „Tulpen“ und „Lindenblüten“ beschenkt, zu

denen noch das „Vergißmeinnicht“ von Hell kam. Kind versuchte sich auch

im Schauspiele und gewann bald darauf durch seinen „Freischütz“ eine

rasch vorübergehende Berühmtheit. Hell arbeitete im Lustspiel; er hielt

sich an die Vaudevilles der Franzosen. Zu diesen gesellte sich später

als tragischer Schriftsteller Eduard Gehe. Einen gemeinschaftlichen

Mittelpunkt besaßen sie in dem früher von Laun, Hell und Kuhn

gestifteten literarisch-geselligen Verein, der Liederkreis, und ihr

Tagesblatt war die „Abendzeitung“, welche Kind und Hell seit 1817

gemeinschaftlich herausgaben, an der auch Böttiger Antheil nahm.

Alle diese Schriftsteller gingen in Ansichten und Begabung über die

behagliche Mittelmäßigkeit nicht hinaus. Die meisten von ihnen waren

in Dresden geboren, sie waren untereinander mannichfach verbunden, und

bildeten eine geschlossene Reihe. Die Uebersiedelung eines Mannes wie

Tieck nach Dresden war für sie ein wichtiges Ereigniß, ihre Stellung

mußte eine andere werden, sobald sie eine große dichterische Autorität

neben sich hatten. Reibungen konnten nicht ausbleiben. Ohnehin

war es eine Zeit, wo man in politischer Abspannung literarischen

Parteikämpfen, Personalien und Localinteressen eine übermäßige

Wichtigkeit beizulegen anfing.

Fühlte sich Tieck schon im Gegensatze gegen diejenigen, welche sich

seine Freunde und Anhänger nannten, wie hätte er sich mit denen

verständigen können, die weder das eine noch das andere waren,

und gelegentlich den modernen Spuk mit dem alten Rationalismus zu

verbinden wußten. Wie in frühern Jahren, fand er daher auch jetzt

Veranlassung genug, immer wieder von Goethe und Shakspeare als den

großen Mustern der Dichtkunst zu sprechen. Es erregte auf jener Seite

ein unbehagliches Gefühl, wenn er Meisterwerke vorlas, über sie schrieb

und sprach, und das Alltägliche, Flache und Mittelmäßige beim rechten

Namen nannte oder ganz übersah. Dagegen vernahm man den literarischen

Stoßseufzer, man dürfe nicht mehr lachen, wenn Kotzebue kitzele,

nicht mehr weinen, wenn Iffland’s Ernst rühre, beide würden gemein

gescholten, und deutsche Originale weggewitzelt, um Holberg’s Nuditäten

und unverstandene Briten und Spanier zu bewundern.

Dennoch wurden beide Theile erträglich miteinander fertig. Böttiger war

ein höflicher und auch gutmüthiger Mann, mit dem sich leben ließ. Auch

mit den Uebrigen kam ein Einvernehmen insoweit zu Stande, daß Tieck

seit dem Jahre 1820 dramatische Kritiken für die „Abendzeitung“ schrieb.

Dagegen schlossen sich einige jüngere Dichter, die mit wärmstem Eifer

der Romantik huldigten, in persönlicher Freundschaft an, und machten

ihn zum Mittelpunkte eines eigenen Kreises. Zuerst Ernst Otto von

der Malsburg, ein junger Mann, der, ganz erfüllt von dem Gedanken

der modernsten Poesie, durch Schlegel zum Studium der spanischen

Dichtung und zur Uebersetzung Calderon’s angeregt worden war. Mit Glück

lieferte er eine Fortsetzung des spanischen Theaters; sie erschien

seit dem Jahre 1817. Die Atmosphäre spanischer Ritterlichkeit und

Gläubigkeit entsprach seinem Charakter und Talente, und in seinen

lyrischen Dichtungen reproducirte er mit Empfindung, was er dort

aufgenommen hatte. Er war nicht original oder schöpferisch, doch warm,

innig, überschwänglich. Persönlich war er liebenswürdig, treu und

hingebend als Freund, gewandt, heiter und voll gutmüthigen Humors als

Gesellschafter. Auf seine Kenntniß des Spanischen legte Tieck hohen

Werth, und seiner Uebersetzung des Calderon gab er vor der Gries’schen

den Vorzug. Für beide war das Studium der spanischen Literatur ein

Einigungspunkt. Beide waren Liebhaber und Sammler alter Drucke,

und scherzweise verabredeten sie, daß der zuerst Sterbende seine

spanische Bibliothek dem Ueberlebenden als Erbe hinterlassen solle.

Durch Malsburg’s frühen Tod ward dieser Scherz nur zu bald zum Ernst.

Im Jahre 1817 war er als kurhessischer Geschäftsträger nach Dresden

gekommen, wo er mit einigen Unterbrechungen die letzten Jahre seines

Lebens zubrachte.

Ludwig Tieck Erinnerungen aus dem Leben des Dichters nach dessen mündlichen und schriftlichen Mitteilungen · 第 30 / 51 段