machte, rühmen. Man wußte mehr von ihm, als er erwartet hatte. Das Lob,
welches ihm die Staël ertheilt hatte, war nicht ohne Wirkung geblieben.
Seine Schriften waren bekannt, und die Arbeiten über Shakspeare
konnten auf Zustimmung und Förderung rechnen. Unter den englischen
Schriftstellern fand er einen Bekannten wieder, Coleridge, den Kenner
der deutschen Literatur und Uebersetzer des „Wallenstein“. Er hatte ihn
zehn Jahre früher in Rom gesehen, und in freundlichen Beziehungen zu
ihm gestanden. Auch schätzte Coleridge Tieck als Dichter und Kritiker.
Shakspeare war Gegenstand ihrer häufigen Unterhaltungen. Coleridge
kannte seine Ansichten über die englischen Commentatoren, und daß er
über den Entwickelungsgang des Dichters und die Reihenfolge der Stücke
eine andere Meinung aufgestellt habe. Eines Abends bat er ihn um
ausführliche Mittheilung derselben. Tieck erklärte sich bereit, wenn
er sie im Zusammenhange und ohne Unterbrechung vortragen könne. Es war
zehn Uhr Abends, als er begann, Mitternacht vorüber, als er schloß.
Schweigend hatte Coleridge zugehört; ohne ein Wort der Erwiderung
sagte er gute Nacht. Am andern Abende kam man wieder zusammen. „Ich
habe“, fing er an, „Ihre Ansichten die ganze Nacht hindurch überlegt;
und Neues daraus gelernt. Ich finde, Sie haben in vielen Punkten
Recht.“ Auf eine so unumwundene Zustimmung hatte Tieck nicht gehofft.
„Dennoch“, fuhr er fort, „kann ich sie nicht annehmen!“ „Und warum
nicht?“ fragte Tieck überrascht. „Weil ich sie nicht annehmen will,
denn sie widersprechen Allem, was man bisher in England über Shakspeare
gedacht und geschrieben hat.“ Gegen einen so nationalen Gesichtspunkt
auch in der Kritik war schwer anzukämpfen. Doch erwies sich Coleridge
freundlich und behülflich, und durch seine Vermittelung kam Tieck in
Berührung mit Southey und dem Novellisten Godwin.
Endlich wünschte man England außerhalb Londons kennen zu lernen.
Wohin anders konnte dieser Ausflug gehen, als nach dem Geburtsorte
Shakspeare’s? Zuerst nach Oxford. Aber auch der Natur konnte Tieck
keinen Geschmack abgewinnen. Es war ein üppig grünendes, ein herrlich
bestelltes Land, durch das sie fuhren; aber es war eine gemachte,
eine zugeschnittene Natur, den Charakter der Ursprünglichkeit hatte
sie verloren. Es fehlte ihr die Unmittelbarkeit, jene Heiligkeit, wie
er es nannte, welche das Gefühl anspricht, und die ihn selbst in den
ärmlichen Gegenden der Heimat oft gerührt hatte. Durch die Industrie
war sie des dichterischen Duftes beraubt worden.
In Warwickshire standen sie auf dem Boden Shakspeare’s und seiner
Helden. Herrlich war die Wirkung des alten Schlosses von Warwick, mit
seinen Mauern, von dichtem Epheu umsponnen. Die reiche Sammlung alter
Waffen, die hier aufbewahrt wurde, erhöhte den lebendigen Eindruck.
Man bestieg einen der mächtigen Thürme, der einen überraschenden
Blick auf das Land gewährte. Dann besuchten sie die Ruinen des einst
glänzenden Schlosses Kenelworth, an dessen Namen sich viele bedeutende
Erinnerungen knüpften. Zuletzt waren sie in dem kleinen Stratford
am Avon, das ein Dichter zum berühmten Wallfahrtsorte gemacht hatte.
So waren die Dinge in Erfüllung gegangen! Er, der Dichter, stand in
frommer Verehrung an der Wiege des Dichters, an dessen Geiste im fernen
Lande und nach Jahrhunderten sich der seine entzündet, dessen Namen er
im Herzen getragen hatte, seit er seiner selbst bewußt geworden.
Ueber die Felder von Glocestershire, wo die blutigen Schlachten der
beiden Rosen geschlagen worden waren, über Bristol und Bath, reisten
sie nach Salisbury, wohin sie außer der alten Kathedrale auch das
fabelreiche Feld von Stonehenge zog, welches die Sage zum Schauplatze
Merlin’s macht. Mit diesem Ausfluge schloß ihr Aufenthalt in England.
In den ersten Tagen des Juli trafen sie in Paris ein, wo sie von
Alexander von Humboldt, Oelsner und Andern freundlich empfangen wurden.
Die eigenthümlichste Erscheinung unter den Deutschen in Paris war
Schlaberndorf, der seine heimischen Verhältnisse zum Opfer gebracht
hatte, um hier als Einsiedler und Weltmann zugleich zu leben. Seine
Sonderbarkeiten hatten die Revolution überdauert. Von den herkömmlichen
Gesetzen des geselligen Lebens befreit, beschränkte er sich auf den
Raum eines dürftigen Zimmers, das er nicht mehr verließ. Schon aus
dem Bette aufzustehen, war ihm eine wichtige Veränderung; oft blieb
er Tage lang liegen. Dennoch war er mitten in den Dingen. Es fehlte
ihm nicht an Berichten aus der politischen und literarischen Welt.
Die ausgezeichnetsten Personen besuchten den Sonderling. Er war eine
lebendige Chronik der französischen Revolution, und überschaute die
politische Lage mit dem Blicke eines Staatsmanns und der Ruhe eines
Diogenes. Tieck suchte ihn in seiner Einsiedlerhöhle auf. Er fand
einen alten Mann mit starkem grauen Barte, von verwildertem Ansehen.
Das Hauptstück seines Anzugs war ein zerrissener Schlafrock, der die
Blöße des Körpers, und den Mangel der gewöhnlichsten Unterkleider nur
unzureichend bedeckte. Es war das Bild eines Anachoreten; aber seine
volle Theilnahme gehörte dem Leben und der Gegenwart. Beredt sprach er
von der Revolution. Er ging mit dem Gedanken um, seine Erinnerungen
aufzuzeichnen. In seinem Kopfe war das Buch fertig. Auch hatte er es
auszuführen angefangen. Zum Beweise brachte er einige Bogen Papier zum
Vorschein, auf deren erster Seite der zierlich geschriebene Titel des
Buches stand. Weiter war er noch nicht gekommen. Tieck wiederholte
diese merkwürdigen Besuche, erregte aber dadurch den Zorn Leopold’s
von Buch, der nur spottend und verwerfend von dem sonderbaren Manne
sprechen konnte, der in seinen Augen ein vollkommener Revolutionär war.
Auch in Paris war die Bibliothek das Wichtigste, über deren Besitz
in der ältern deutschen und dramatischen Literatur Tieck sich zu
unterrichten suchte; dann die Theater. Hier ereignete sich ein
merkwürdiges Abenteuer. Wiederholt bemerkte er, daß er unter den
zunächst Sitzenden eine gewisse Aufmerksamkeit und eine Bewegung
hervorrief, die sich weiter verbreitete, so oft er eintrat. Was konnte
es sein? Als deutscher Dichter war er sicherlich nicht Gegenstand der
Neugier. Endlich kam es an den Tag. Es bestätigte sich, was ihm früher
schon Freunde gesagt hatten; seine auffallende Aehnlichkeit mit dem
Kaiser war es, die Aller Blicke auf ihn lenkte. Diese großen dunkeln,
schwermüthigen Augen, die hohe Stirn, die obere Hälfte des Gesichts
erinnerte lebhaft an Napoleon in späterer Zeit. Ein Nordamerikaner,
der den König Joseph persönlich kannte, meinte, diesem sähe er noch
ähnlicher. Tieck, kein Bewunderer Napoleon’s, hatte dergleichen
scherzende Bemerkungen immer halb unwillig abgewiesen, jetzt mußte er
sich von ihrer Wahrheit überzeugen. Aeltere Offiziere des Kaiserreichs
nahten sich ihm forschend, selbst auf der Bibliothek umgab man ihn,
sodaß es ihm zuletzt lästig ward, Gegenstand dieser neugierigen
Betrachtung zu sein.
Nach einem Aufenthalte von mehreren Wochen trat man die Rückreise an.
Durch das Lothringische und über Trier gingen sie nach Koblenz, wo sie
bei Görres den Präsidenten von Meusebach, den bekannten Sammler für
ältere deutsche Literatur, sahen. In Frankfurt a. M. trafen sie F.
Schlegel. Unerwartet begegneten sie darauf in Heidelberg Jean Paul. Zu
den ältern Freunden, Daub und Creuzer, kam noch der Mediciner Nägele,
ein heiterer, humoristischer Mann, und Hegel, dessen Ruf als Philosoph
um diese Zeit begann. Auch bewunderten sie Boisserée’s Sammlung
altdeutscher Gemälde, die an Werth und Umfang Alles übertraf, was sie
auf der Reise an Denkmälern alter Kunst gesehen hatten.
Endlich verwandten sie noch einige Tage auf das südliche Deutschland.
Ueber Karlsruhe gingen sie nach Baden-Baden, Stuttgart und Würzburg,
dann durch Thüringen nach Weimar. Wie konnte Tieck hier sein, ohne
Goethe wenigstens begrüßt zu haben? Denn mehr verstattete dieses Mal
der kurze Aufenthalt nicht, da er noch an demselben Tage weiter reiste.
Goethe meinte später von Tieck’s Besuche, es sei ja diese Zusammenkunft
ganz gut abgelaufen.
In Weißenfels besuchten sie Müllner, einen Dichter neuen Schlages,
dessen schnell erworbener Ruhm für ein Zeichen der Zeit gelten konnte.
Tieck hatte ihn früher einmal gesehen, jetzt wünschte auch Burgsdorff,
den Schicksalstragöden kennen zu lernen. Im Gefühle reichlich
genossener Anerkennung war Müllner so zuversichtlich, daß er einen
komischen Eindruck machte. Man unterhielt sich einen ganzen Abend
lang. Tieck wagte einige Zweifel über „Die Schuld“ zu äußern. Müllner
überhörte sie, oder fertigte sie mit der wiederholten Versicherung ab,
in der Vorrede zur bevorstehenden vierten Auflage werde er diese und
andere Einwürfe widerlegen. Dies kehrte so häufig wieder, daß es klar
ward, er hielt die vierte Auflage seiner „Schuld“ für eine Waffe, an
der alle Kritik zunichte werden müsse. Nach einem flüchtigen Besuche
bei Adam Müller in Leipzig langten sie im September in Berlin an.
Hier sah Tieck viele Freunde älterer und neuerer Zeit, Brentano, Arnim,
Solger, Schinkel, mit dem er in froher Gesellschaft zusammenkam, auch
F. A. Wolf und Schleiermacher. Seit seiner Studentenzeit war er Wolf
hin und wieder begegnet. Er fand den schlagfertigen, epigrammatischen
Alterthumsforscher wieder, der die Alten auch praktisch wohl studirt
hatte. Schleiermacher besuchte er in seiner Kirche. Mit Bewunderung
hörte er den großen Redner. Seine Predigt war einfach, klar, treffend,
belehrend. Dennoch genügte sie dem, was Tieck von kirchlicher
Erbauung forderte, nicht ganz. Am Mittage desselben Tages war er in
einer Gesellschaft bei seinem Verleger Reimer. Im eifrigen Gespräche
begriffen, fühlte er einen leichten Schlag auf der Schulter. Es war
Schleiermacher, der ihn am Morgen von der Kanzel aus bemerkt hatte.
Originell rief er ihm zu: „Wie Teufel, Tieck, kommen Sie denn in meine
Kirche?“
Auch Oehlenschläger hielt sich in Berlin auf. Ueber Wien war er aus
Paris zurückgekehrt, wohin er einen vornehmen jungen Dänen begleitet
hatte. Er war ganz der Alte, gutmüthig, aber reizbar und blindlings
zufahrend. Dies führte zu einer komischen Täuschung. Er war ein
Bewunderer Shakspeare’s, und „Hamlet“ nahm bei ihm auch darum die erste
Stelle ein, weil er darin eine Verherrlichung des skandinavischen
Nordens sah. Kühn trat ihm Tieck mit der Behauptung entgegen, eben in
dieser Tragödie habe der Dichter mit klaren Worten ausgesprochen, daß
die Dänen keine Vernunft besäßen. Aufbrausend rief Oehlenschläger, das
sei unmöglich. Tieck versprach den Beweis zu führen, und zeigte ihm
jenen Vers, in dem der König sagt: „Ihr könnt nicht von Vernunft dem
Dänen reden.“ Oehlenschläger brach in eine Flut von Verwünschungen aus.
Solche Einseitigkeit, ja Barbarei sei unerhört! Ein ganzes Volk der
Vernunftlosigkeit anzuklagen! Wer so spreche, sei gewiß kein Dichter!
Aber er sage sich jetzt von Shakspeare los; öffentlich werde er die
leichtgläubige Welt darüber aufklären, welchen Götzen sie angebetet
habe. Sein Zorn steigerte sich zur Berserkerwuth, der die Freunde
umsonst Einhalt zu thun suchten.
Am andern Tage, als man wieder zusammenkam, schalt er in demselben Tone
weiter, als wenn er soeben erst aufgehört hätte. Jetzt mußte der Sache
ein Ende gemacht werden. Solger und Schleiermacher, die zugegen waren,
ergriffen den Widerstrebenden an den Armen, und drückten ihn auf den
Stuhl nieder. Den Shakspeare in der Hand, trat Tieck vor ihn und schrie
ihm in die Ohren: „Mensch, bist du unsinnig geworden? Höre an! Laß dich
bedeuten!“ Schon der folgende Vers erkläre ja, wie es zu verstehen sei;
nur aus dem Zusammenhange gerissen, gebe jener Vers einen so verkehrten
Sinn. Der Däne sei der König, dieser bestimmte König von Dänemark,
nicht die Dänen, das Volk überhaupt. Allmälig ward Oehlenschläger
stiller, er fing an zu begreifen, warum es sich handle. Erschöpft saß
er auf dem Stuhl; der Schweiß lief ihm von der Stirn. Endlich sagte
er: „Böses Volk ihr! Einem so zuzusetzen!“ Doch seine Gutmüthigkeit
ließ ihn nicht lange zürnen, und bald stimmte er in das Gelächter der
Freunde ein.
14. Uebersiedelung.
Mit reicher Ernte war Tieck nach Ziebingen zurückgekehrt. Es war eine
Reise, wenn auch nur von kurzer Dauer, doch von höchstem Werthe. An
Kenntniß der Literatur, des gegenwärtigen Kunstzustandes, an Ueberblick
seines Stoffes hatte er gewonnen. Er fing an, diese neuen Eindrücke in
sich zu verarbeiten. Er fühlte sich frisch und angeregt; die nächste
Zukunft versprach reichhaltige und belehrende Arbeit. Doch anders
gestalteten sich die Dinge.
Im Frühjahr 1818 starb der alte Graf Finkenstein, das Oberhaupt der
Familie, mit welcher Tieck in naher Verbindung stand. Er war der
Mittelpunkt des geselligen Zusammenlebens gewesen. Theilnehmend und
vielseitig, war er für Tieck ein väterlicher Freund, und dieser Verlust
berührte auch ihn schmerzlich. Es war eine nicht wieder zu füllende
Lücke. Diese Verhältnisse, welche zu gewohnten geworden waren, neigten
der Auflösung zu.
Seit funfzehn Jahren gehörte ihnen Tieck an, in der zweiten Hälfte
dieses Zeitraums hatte er fast ausschließlich in ihnen gelebt,
Ziebingen war seine Heimat geworden. Aber es war nur eine Seite des
Lebens; auch fehlte es an Beschwerden nicht. Er war abgeschnitten
von dem literarischen Verkehr. Hatte er auch eine nicht unbedeutende
Bibliothek zur Hand, so konnte diese doch unmöglich überall ausreichen.
Nicht ohne Schwierigkeiten wurden die Hülfsmittel durch Freunde von
Frankfurt, später von Berlin gesendet. In dem bewegten Leben einer
größern Stadt lag an sich schon eine bedeutende Anregung; selbst der
Gegensatz, auf den man hier gefaßt sein mußte, ward zur treibenden
Kraft. Anderes boten die Künste dar. Endlich war bei einem dauernd
leidenden Zustande die Stadt an Aushülfen reicher als das Land.
Im Sommer 1819 übersiedelte er sich nach Dresden, das sich vor andern
Städten zu längerm Aufenthalte empfahl. Es kehrte ihm die Erinnerung
früherer Jahre zurück, die er hier verlebt hatte, wo trübe Schwermuth
ihn gefangen hielt, und die heitere, freundliche Natur ihre Kraft für
ihn verloren hatte. Jetzt sah er die Welt mit andern Augen an. Er war
ruhiger, er erwartete weniger, und fand mehr. Die bekannten und doch
neuen Gegenstände bewegten ihn. Diese Gärten und Weingelände, dieser
Strom mit seinen Bergen, Alles rollte sich wie ein altes, lange nicht
gesehenes, und darum doppelt frisches Bild vor ihm auf. Dazu die
Galerie mit ihren Meisterwerken, die sich auch jetzt noch, nach Italien
und England, in altem Glanze behaupteten, die Bibliothek, das Theater,
freundschaftlicher Umgang; Alles gestaltete sich günstig.
Kaum aber war Tieck heimisch geworden, als ihn ein neuer Verlust traf.
Vor Ablauf des Jahres starb Solger. Noch im Frühlinge hatte er ihn
gesehen, und unter den ersten heitern Eindrücken im September zum
letzten Mal an ihn geschrieben. Nicht ohne Besorgniß sah er, wie der
Freund, der im jugendlichen Mannesalter stand, seit einiger Zeit zu
kränkeln anfing. Beim letzten Wiedersehen fand er ihn verändert und
niedergeschlagen, der sonst so klar und sicher die Dinge überschaute.
Oft hatte er sich an dieser festen Natur aufgerichtet, jetzt mußte
er den Zuspruch übernehmen. Ein Besuch Karlsbads gewährte in diesem
krankhaften Zustande nur eine vorübergehende Hülfe. Im November starb
Solger nach kurzer Krankheit an einem entzündlichen Halsübel.
Für Tieck war es ein schwer zu verschmerzender Schlag. Dieser Freund
machte einen Theil seines eigenen Lebens aus. Sein Umgang, sein Wort,
seine Schriften übten eine tiefe Einwirkung aus, und hatten die Zeit
innern Ringens zum Abschluß gebracht. Er war ihm mehr als Freund
gewesen; mit aufrichtigster Dankbarkeit nannte er ihn seinen Lehrer. Zu
der freudigen Erhebung gesellte sich jetzt der Schmerz, und erst durch
beide ward ihm der neue Wohnort zur Heimat.
Ludwig Tieck.
Zweiter Theil.
Ludwig Tieck.
Erinnerungen
aus dem
Leben des Dichters
nach dessen
mündlichen und schriftlichen Mittheilungen
von
Rudolf Köpke.
Zweiter Theil.
Leipzig:
F. A. Brockhaus.
1855.
Inhalt des zweiten Theils.
Seite
+Viertes Buch.+ Ruhm und Anerkennung. 1820-1841. 1
1. Restauration und romantische Schule 3
2. Dresden 14
3. Amt und Würden 28
4. Die Kunstreise 36
5. Die Novellen 42
6. Das Haus des Dichters 57
7. Das alte und das junge Deutschland 73
8. Anerkennung 83
9. Auflösung 91
+Fünftes Buch.+ Tod des Dichters. 1841-1853. 101
1. König und Dichter 103
2. Theater, Literatur und Politik 111
3. Lebensweise und Eigenthümlichkeiten 120
4. Die letzten Tage 134
5. Tieck’s Werke 149
+Sechstes Buch.+ Unterhaltungen mit Tieck. 1849-1853. 167
1. Tieck über sich und seine Werke 169
Individualität 169
Ueberzeugung 169
Scherz und Ernst 170
Aufklärung 170
Kritiker 171
Sternbald 171
Romantische Dichtungen 172
Romantische Schule 173
Ironie 173
Der junge Tischlermeister 175
Vittoria Accorombona 175
Das junge Deutschland 176
Pietät 177
Theater 177
Vorlesen 178
Resignation 180
2. Deutsche Literatur 180
1. Klopstock 180
2. Wieland 182
3. Lessing 183
4. Herder 185
5. Bürger 186
6. Goethe 187
7. Schiller 193
8. Sturm- und Drangperiode 198
9. Lenz 199
10. Klinger 201
11. Heinrich von Kleist 201
12. Fouqué 202
13. Achim von Arnim 203
14. Brentano 204
15. Z. Werner 205
16. Zschokke 205
17. Hoffmann 206
18. Immermann 206
19. Platen 207
20. Heine 208
21. Moderne Literatur 208
3. Fremde Literatur 211
1. Die Alten 211
2. Dante 213
3. Camoens 214
4. Shakspeare 214
5. Ben Jonson 223
6. Alfieri 224
7. Goldoni 224
8. Rousseau 225
9. Byron 225
10. Walter Scott 226
4. Theater 226
Fleck 228
Schröder 230
Iffland 231
Wolff 232
L. Devrient 232
5. Aesthetisches 234
Die Novelle 234
Das Tragische 235
Das Komische 236
Humor 236
Romantisch 237
Ironie 238
Ideal 240
6. Gegenwart und Vergangenheit 241
Instinct 241
Individualität 241
Bildung 242
Erziehung 243
Falsche Humanität 244
Gewerbefreiheit 244
Emancipation der Juden 245
Fortschritt 245
Kosmopolitische Ideen 247
Geschichte 247
7. Religion 249
Systematik 249
Glaube und Forschung 250
Das Wunder 251
Ebenbild Gottes 251
Mittler 251
Baum der Erkenntniß 251
Ahnungen des Christenthums 251
Versuchung Christi 252
Reden Christi 252
Christenthum 253
Lehrformeln 253
Frömmigkeit 254
Das Elend 254
Die Skepsis 254
Unsterblichkeit 255
Resignation 256
+Beilagen.+ 257
1. Geheimer Rath Loebell in Bonn an den Verfasser 259
2. Geheimer Rath Carus an den Verfasser 266
3. Anmerkungen 267
4. Chronologisches Verzeichnis von Tieck’s Werken 285
Viertes Buch.
Ruhm und Anerkennung.
1820-1841.
1. Restauration und romantische Schule.
Das sechsundvierzigste Lebensjahr hatte Tieck zurückgelegt, als er
sich nach Dresden übersiedelte. Er stand auf der Höhe des Lebens, die
Mittagssonne über seinem Haupte. Durch den mannichfaltigsten Wechsel
der Menschen, ihrer Kämpfe, Leiden und Hoffnungen war er gegangen.
Deutschland hatte sich in dem letzten Vierteljahrhundert umgestaltet.
Throne und Staaten waren gestürzt und wieder aufgerichtet worden, auf
Schmach und Unterdrückung waren Sieg und Erhebung gefolgt, und neue
Stimmungen und Bedürfnisse, Wünsche und Neigungen rasch emporgewachsen.
Wer hätte in diesem Deutschland von 1820, jenes von 1807, oder gar das
von 1792 wiedererkennen mögen? Selten hatte sich im Völkerleben ein
größerer und gewaltigerer Umschwung in kürzerer Zeit vollzogen. Die
deutsche Dichtung seit Goethe und die Wissenschaft durften einen Theil
dieser Siege für sich in Anspruch nehmen; auch mit ihren Waffen waren
Schlachten geschlagen worden.
In diesen Kämpfen hatte Tieck in erster Reihe gestanden. Wo aber
war jenes Geschlecht geblieben, gegen das er in den letzten Jahren
des verflossenen Jahrhunderts die schärfste Spitze des Witzes
und humoristischer Dichtung wenden mußte? Die Aufklärung war
vorübergegangen und vergessen. Nur noch dunkel erinnerte man sich
ihrer als eines alten Hausgeräthes, das man einst nicht entbehren zu
können glaubte, und das nun längst bei Seite gestellt worden war.
Man nannte die Namen der Kritiker, Moralphilosophen und Dichter, die
früher das große Wort führten, nicht mehr; kaum daß man ihnen einen
stillen Platz in der Literaturgeschichte gönnen wollte. Wer hätte sich
jetzt nicht geschämt in dem einst gefürchteten Nicolai einen Kritiker
zu erkennen? Wer hätte Ramler noch für einen Dichter gehalten? Wem
galt Engel’s Philosoph für die Welt noch für einen Philosophen, oder
Moses Mendelssohn für den modernen Sokrates? Sie alle waren in den
Hintergrund getreten. Hier war seit Fichte und Schelling alles neu
geworden.
Aber auch das geniale Geschlecht der Stürmer und Dränger, dessen
Einbruch die Aufklärer umsonst abzuwehren suchten, war nicht mehr, der
Kreis der großen Dichter hatte sich aufgelöst. Schon war manches Jahr
über Schiller’s Grab hingegangen, der durch sein gewaltiges Wort die
Nation zuletzt erschüttert hatte. In Weimar war es still geworden.
Nur einer noch war übrig, der Erste, der Größeste, Goethe. Es war
der alte Goethe, der unmittelbar einzuwirken aufgegeben hatte, der
der stillen Poesie des Orients, seinen eigenen Lebenserinnerungen
und den Naturstudien zugewendet, in einsamer Hoheit thronte und in
mystischer Beschaulichkeit die wechselnden Gestalten der Zeit an sich
vorüberziehen ließ. Er war der Erhabene, der in aller Welt Anerkannte.
Daß es Zeiten gegeben hatte, wo auch er sich durchkämpfen mußte,
und die jüngeren Kritiker jene Anerkennung zuerst aussprachen, war
vergessen, wie fast alle literarischen Kämpfe, welche die deutsche Welt
beschäftigten, als Tieck zuerst auftrat.
Selbst von jenen Gefährten, mit denen Tieck im engen Bunde gestanden
hatte, nannte er kaum Einen mehr den Seinen. Sie waren gestorben oder
das Leben hatte sie von seiner Seite gerissen. Rambach, der ihn in
die Literatur eingeführt hatte, war im fremden Lande verschollen;
Reichardt, dem er die erste Kunsterziehung verdankte, war todt, und
in seiner Kunst überflügelt. Bernhardi hatte sich der praktischen
und gelehrten Thätigkeit hingegeben; jetzt war auch er gestorben.
Wackenroder und Novalis waren ihm längst vorangegangen. Nur zwei Männer
aus jenem Kreise lebten noch, eben die, welche im Vereine mit Tieck
jene Bewegung geleitet hatten, die beiden Schlegel. Aber das alte
Einverständniß hatte aufgehört. Alle drei hatten verschiedene und weit
auseinander führende Wege eingeschlagen.
A. W. Schlegel war zum weltmännischen Gelehrten und Kunstkritiker
geworden; statt des deutschen hatte er einen universellen Charakter
angenommen. Mit der Staël hatte er in Genf und Coppet gelebt und
den Dolmetscher deutscher Dichtung und Wissenschaft gemacht. Dann
verkehrte er an den Höfen der Fürsten und in den Heerlagern der
kämpfenden Parteien, wo er sich in der Theilnahme an politischen
Verhandlungen zum Diplomaten zu machen versuchte. Er war in Wien und
Stockholm zu finden gewesen, er schrieb vortrefflich französisch wie
er vortrefflich deutsch geschrieben hatte, und politische Pamphlets
wie früher Kritiken. Er bespiegelte sich in der Eleganz dieser Formen.
Er ward Ritter mehrerer Orden und in den Adelstand erhoben. Dann
begleitete er die Staël nach Italien, und lebte in Pisa und Florenz
künstlerischen und antiquarischen Studien. Er hielt sich in Paris auf,
und nach dem Tode der Staël nahm er einen Ruf als Professor an die neu
begründete rheinische Universität an. Der deutsche Gelehrte kam wieder
zum Vorschein. Mit kalter und diplomatischer Haltung, doch nicht ohne
eine gewisse Bitterkeit sah er auf die meisten Genossen seines ersten
jugendlichen Strebens in Dichtung und Wissenschaft zurück. Er war
innerlich überzeugt, ihr Bestes hätten sie mehr oder minder ihm und
seinen Anregungen zu verdanken.