Diese Erörterungen hinterließen einen unangenehmen Eindruck. Es

wurde beschlossen, Tieck sollte ein anderes Zimmer beziehen. Doch

er widersprach, er fing an auf den weitern Verlauf der Geschichte

begierig zu werden. Nicht ohne Schauer betrat er am Abend das spukhafte

Zimmer, doch die Nacht verging ohne Störung, er schlief nach allen

Anstrengungen trefflich, und hat den alten Beeren nie wieder gesehen.

Es schien damals in Berlin eine geisterhafte Atmosphäre zu herrschen.

Die Erscheinungen des thierischen Magnetismus fingen an Aufsehen zu

erregen. Sie setzten Aerzte, Naturforscher und Philosophen in Bewegung.

Man hatte Beobachtungen und Erscheinungen, zu denen man kein Gesetz

auffinden konnte. Man stritt und haderte, und Gläubige und Zweifler

theilten sich in feindliche Heerlager. Es hatte sich ein früher nicht

geahntes Geheimniß aufgethan. Die berufene berlinische Aufklärung war

alterschwach geworden, sie wußte mit diesen Dingen nichts anzufangen.

Auch für Tieck waren diese Wunder anziehend; immer hatte er die

geheimnißvolle Seite der Natur im Auge gehabt. Dennoch stand er

diesen Dingen kühler gegenüber. Ohne über die Erscheinungen an sich

aburtheilen zu wollen, waren die Ergebnisse derselben häufig sehr

geringfügig. In der Mitte der Gläubigen stand ein als Magnetiseur

bewunderter und gesuchter Arzt, der Medicinalrath Wolfardt. Als Tieck

ihn einst besuchte, sah er ein junges Mädchen im magnetischen Schlafe

auf dem Sopha liegen, mehrere beobachtende Personen standen umher.

In einem entfernten Nebenzimmer war Wolfardt; er suchte nach einem

Recepte, dessen er im Augenblicke bedurfte. Da erschien die Hellseherin

unerwartet an der Schwelle des Zimmers. „Sie suchen rechts!“ sagte sie,

„das Recept liegt in dem Schubfache links, oben.“ Und wirklich fand es

sich hier.

Bisweilen konnte Tieck sich kaum des Gedankens erwehren, dieser Mann

übe auf ihn selbst einen magnetischen Einfluß aus. Von heftigen

Kopfschmerzen geplagt, mußte er eine Gesellschaft besuchen. Als er

eintrat, stand der Magnetiseur in der Mitte aufmerksamer Zuhörer,

er sprach eifrig und unter lebhaften Bewegungen der Hände. Tieck

trat hinzu und blieb längere Zeit in seinem Bereiche. Die Schmerzen

verschwanden allmälig, und er fühlte sich frei und leicht.

Ueberhaupt gehörte sein Aufenthalt in Berlin diesmal zum großen Theil

den Aerzten. Er sah Hufeland, Behrens und Reil. Als er Behrens wegen

seines Leidens befragte, gab ihm dieser den praktischen Rath, viel

Burgunder und Champagner zu trinken, dann werde er ohne Zweifel das

Podagra bekommen, und von allen andern Uebeln befreit werden.

Anders fiel seine Unterredung mit Reil aus, dessen Scharfblick und

Originalität bekannt war. Beobachtend und ohne ihn zu unterbrechen,

hörte dieser die Geschichte seiner Krankheit an. Dann sagte er: „Gehen

Sie im Zimmer auf und nieder, aber fest und schnell!“ Tieck folgte dem

Befehle. „Nun sprechen Sie so laut Sie können!“ Es geschah. „Holen Sie

tief Athem, und hauchen Sie mich an!“ „Jetzt lesen Sie eine halbe Seite

aus diesem Buche!“ So folgte eine Weisung der andern. Endlich schwieg

er und sah Tieck durchdringend an. „Ich habe in meinem Leben viel

unverschämte Kranke gesehen“, begann er, „aber keinen der unverschämter

gewesen wäre als Sie. Alle diese Bewegungen können Sie sicher ausführen

und sind noch nicht zufrieden? Was verlangen Sie denn noch mehr bei

Ihrem Zustande? Danken Sie Gott, daß Sie soviel Kraft und Gesundheit

haben!“ Es war der Trost der Trostlosigkeit, den ihm der große Arzt

gab, doch er erschien im Gewande des Humors und verfehlte seine Wirkung

nicht.

12. Neue Freunde.

Einen Wendepunkt in Tieck’s Leben bezeichnete die Freundschaft mit

Solger. Dieser war fast um acht Jahre jünger. Ursprünglich Kameralist

lebte er doch allein dem Studium der Philosophie, der alten Sprachen

und der neuen Literatur. In der Zeit des ersten Eindrucks der Kritik

der Schlegel und der Dichtungen Tieck’s hatte er sich gebildet. Wie

er Goethe verehrte, entschied er sich auch für Tieck, dessen weitere

Entwickelung er mit Theilnahme verfolgte. Endlich begann er in der

Philosophie nach Schelling einen eigenen Weg zu gehen. Er wurde als

Professor nach Frankfurt an der Oder berufen, und von da an die neu

begründete Universität zu Berlin versetzt.

Im Frühjahr 1808, vor seiner Reise nach Wien, sah ihn Tieck zum

ersten Male bei dem gemeinschaftlichen Freunde Hagen. Zwei Jahre

später, als er nach dem Norden Deutschlands zurückkehrte, besuchte

er ihn in Frankfurt. Es kam zu einer Annäherung, und aus allgemeinen

literarischen Berührungen entstand ein geistiger Verkehr, der durch

Briefwechsel und Besuche unterhalten und gesteigert wurde. Entscheidend

war eine gemeinsame Reise im Jahre 1811. Tieck hatte soeben seine

Badecur in Warmbrunn beendet, als Solger auf einer Gebirgsfahrt

begriffen dort eintraf. Bis Schmiedeberg reisten sie zusammen, und seit

diesen Gesprächen stand ihre Freundschaft fest.

In keinem entscheidendern Augenblicke hätte sie eintreten können.

Tieck fühlte, die frühere Richtung in Poesie und Wissenschaft konnte

er nicht mehr verfolgen, er suchte nach einer andern, neuen. Noch

schien es zweifelhaft, wohin seine Natur ihn führen werde. Durch das

Studium Jakob Böhme’s war das Dunkle und Mystische in ihm, dem er

früher unbewußt, als einer ursprünglichen Kraft seines Wesens gefolgt

war, zur Entfaltung gekommen. Immer mehr hatten ihn diese wunderbaren

Gedanken umsponnen, sie erwuchsen zu einer furchtbaren Macht, welche

alles Andere zu verschlingen drohte, sie beherrschten Talent, Gefühl

und Stimmung. Aus ihm selbst hatte sich etwas erhoben, das nicht mehr

er selbst war.

Während seiner Krankheit in Italien fing er an sich den alten

Zauberkreisen zu entziehen. Hatte Jakob Böhme in der That die letzten

Räthsel gelöst? Wie wollte er seinen Lucifer mit Gott ausgleichen?

Gerieth er nicht in die Gefahr eines furchtbaren Dualismus? Mit

diesen Zweifeln kehrte auch die alte Unsicherheit zurück, aber nicht

der jugendliche Muth, der früher siegreich darüber hingegangen war,

und in seinen Schöpfungen Genüge gefunden hatte. Es war ein festes

geschlossenes System, das ihn beherrschte, ein philosophischer Glaube,

den er aufgeben mußte, wenn er frei werden wollte. Aber nun wurden

Zweifel und Schwankungen doppelt quälend.

Da trat ihm Solger entgegen, ein Charakter wie er ihn suchte; klar

und vielseitig, gelehrt und tiefsinnig, forschend und sicher ohne

absprechend zu sein, offen und voll Antheil an jeder Seite menschlichen

Daseins. Er sah die Welt in Religion und Geschichte, in Kunst und

Poesie, er wollte sie nicht construiren, nicht von neuem schaffen, er

suchte nach den gestaltenden Principien. Er war ein Bewunderer der

alten, aber nicht minder der großen modernen Dichter. Mit Shakspeare

und der spanischen Literatur war er vertraut. Hier war nichts von

dem, was Tieck bei Philosophen und Philologen fürchtete, und weshalb

er sie stets mit einer Art Scheu betrachtet hatte; nichts von der

herrschsüchtigen Zuversicht des Systems, von einseitiger Schärfe und

zersetzender Splitterrichterei, keine fertige Schulmanier, die für

Alles ein Schlagwort in Bereitschaft hat; es war überall Erlebtes.

Er fand wieder, was ihn selbst erfüllte. Mit keinem seiner Freunde

vermochte er ein so offenes, eingehendes und allseitiges Gespräch zu

führen als mit Solger. Es war ein ruhiges Versenken in den Gegenstand,

ein wahres Zwiegespräch, ein Austausch der Geister. So große

persönliche Anregungen hatte Tieck seit Novalis nicht empfangen.

Aus dem „Erwin“ und den „Dialogen“ machte er ein Studium. Der Genuß

wurde für ihn dadurch erhöht, daß ihm Solger die eben beendeten

Gespräche im Manuscript zuschickte, und seine Bemerkungen darüber

erbat. Stets sah er diesen Sendungen mit Spannung entgegen. Mit

derselben Begeisterung, wie in der Jugend die Dichter, las er jetzt den

Philosophen. Ergänzend kamen Solger’s Briefe hinzu. In diesen Werken

erkannte er seine innersten Gedanken und Erfahrungen.

Mit keinem Philosophen war er so weit gekommen, auch mit Jacobi nicht,

der ihm noch am nächsten gestanden hatte. Immer war es ihm gewesen,

als wenn sie über eine trennende Kluft zueinander hinübersprächen. Das

unmittelbare Leben, welches er bei großen Dichtern und Mystikern fand,

das er in seinen Dichtungen darzustellen suchte, von dem er sprach

als von etwas Geheimnißvollem, hatten manche als Träume seiner Poesie

behandelt, und wollten es nicht kennen. Hier war ein Philosoph, der

ihn verstand; nicht in unsichern Umrissen, oder versetzt mit fremden

und trüben Mischungen, sondern in festen Formen fand er seine Gedanken

wieder. Es war die innere Blutsverwandtschaft der Religion, der

Philosophie, der Kunst, an welche er stets geglaubt hatte, und die ihm

in andern Systemen im abstracten Gegensatze, in feindlicher Trennung

erschienen waren. Seine Ahnungen wurden zum gesetzmäßig Gedachten,

und die Denkformen erfüllten sich mit einem realen Inhalte. Jetzt war

ihm die Philosophie weder eine bloße Gymnastik des Denkens, noch ein

Construiren und Entstehenlassen Gottes. In einen neuen Zusammenhang

rückte Alles ein, er lernte im wahren Sinne des Worts.

Bisher hatte er in einem instinctiven Zustande gelebt, und sich

dem Eindrucke der Kunst und des Schönen hingegeben, ohne das

philosophische Bedürfniß zu haben, sich über das Wesen desselben

klar zu werden. Was es an sich war, was es in ihm wirkte, war ihm

unterschiedlos Eins; er nahm Eines für das Andere. Aus dieser Quelle

war in seinen Phantasien und Dichtungen manches entsprungen.

Der unmittelbare Verkehr mit Solger hielt diese Bewegung in stetem

Flusse. Kein Jahr verging, wo sie sich nicht gesehen hätten, wo Tieck

nicht auf einige Tage in Berlin gewesen, oder der Freund ihn nicht im

Frühlinge oder Herbste besucht hätte. Oft begannen ihre Unterhaltungen

am frühen Morgen, und nach kurzen Unterbrechungen fand der späte Abend

sie noch im tiefen Gespräche. Einzelne, oft nur leichte Andeutungen

Solger’s durchzuckten ihn mit der Gewalt des Blitzes, und warfen vor-

und rückwärts auf ganze Gedankenreihen ein neues, helles Licht. So

wirkte eine Aeußerung über das Böse als das reale Nichts wie eine

plötzliche Offenbarung auf ihn, und von hier aus entwickelten sich ihm

neue fruchtbare Gedanken, die er später mannichfach verarbeitete.

Kein Gedanke aber ergriff ihn tiefer vom ersten Augenblicke, wo er ihm

bei Solger begegnete, und beschäftigte ihn länger als der der Ironie,

über die am Schlusse des „Erwin“ einige Andeutungen gegeben waren, und

von der Solger ihm später einmal im Jahre 1818 schrieb: „Die Mystik

ist, wenn sie nach der Wirklichkeit hinschaut, die Mutter der Ironie,

wenn nach der ewigen Welt, das Kind der Begeisterung oder Inspiration.

Sie haben das, was ich Mystik nenne, Poesie genannt; ich nenne es

auch so, auch Religion, je nachdem sie sich ihrer nach beiden Seiten

bewußt oder unbewußt ist. Was ich aber Mystik für sich nenne, ist

die lebendige und unmittelbare Einsicht, die sie auf allen Stufen in

sich selbst hat, und deren Entwickelung wieder die Philosophie ist.“

Das waren Gedanken, die ihn seit früher Zeit dunkel erfüllt hatten,

und denen er bei seinen ersten Dichtungen unbewußt gefolgt war; schon

beim „Lovell“, dann bei seinen satirischen Dramen. Um die unmittelbare

Gegenwart des Göttlichen zu offenbaren, mußte die menschliche

Wirklichkeit verschwinden; dies war die tragische Seite der Ironie,

während das Göttliche aufgehend in das Leben der Zerstückelung und

Widersprüche, in die menschliche Sphäre verpflanzt, zum Gegenstand der

Komödie wird; darum ist auch in dem Komischen von der Ironie der Ernst

unzertrennlich.

Zu ihnen gesellte sich auch Friedrich von Raumer, der früher schon mit

Solger in freundschaftlicher Verbindung gestanden hatte. Unter der

Leitung des Staatskanzlers Hardenberg hatte er im Fache der Verwaltung

gearbeitet; doch entsagte er dieser Laufbahn, um eine Professur der

Geschichte und Politik in Breslau anzunehmen. Schon 1810 besuchte er

Tieck in Ziebingen. Auch hier ergab sich aus den ersten Unterredungen

ein näheres Verhältniß, das durch Briefe und Besuche fortgesetzt wurde,

und zu einer wahren und dauernden Freundschaft führte. Mit Interesse

verfolgte Tieck die historischen Forschungen Raumer’s. Er sah das Werk

über die Hohenstaufen entstehen, und las es, nicht ohne eine bedeutende

Rückwirkung zu erhalten, zum großen Theil bereits im Manuscripte. So

traten ihm Politik, Geschichte, die historische Gegenwart ebenfalls

näher.

Ausschließlich hatte er früher der Vergangenheit gelebt, soweit sie der

Sage und Literatur angehörte, die thatsächlichen Zustände der Gegenwart

im Einzelnen beschäftigten ihn wenig. Andere Kräfte und Elemente

kamen jetzt hervor, und indem der Dichter in der Mitte zwischen dem

Philosophen und Geschichtsforscher stand, und in ein neues Verhältniß

zur idealen und realen Welt trat, vollendete sich seine Umbildung. Der

Verkehr der drei Freunde war der innigste und reichste. Sie ergänzten

und förderten sich gegenseitig, da jeder eine eigenthümliche Seite des

Lebens darstellte. Daraus ergab sich der Gedanke einer Zeitschrift

für Philosophie, Poesie und Geschichte, deren Herausgeber Solger sein

sollte, und in der sie die Ergebnisse ihrer gemeinsamen Thätigkeit

niederlegen wollten.

Aber auch in der engern Umgebung fehlte es nicht an Freunden, bei

denen Tieck in seinen Studien und Dichtungen Anregung und Theilnahme

fand. Außer seiner Familie waren Graf Finkenstein, Burgsdorff und

dessen Angehörige, und Wilhelm von Schütz, einer seiner frühesten

Schulfreunde, der seit einiger Zeit in Ziebingen lebte, die nächsten;

selbstthätig nahm dieser an der romantischen Poesie Theil. Nach

spanischen Musterbildern war sein Trauerspiel „Lacrimas“ gearbeitet,

das eine Zeit lang neben F. Schlegel’s „Alarcos“ unter den Dramen der

Romantiker einen gewissen Ruf hatte. Er war enthusiastisch aber unklar.

Auch in Kadach, dem Prediger in Ziebingen, einem verständigen und

wissenschaftlichen Manne, hatte Tieck einen Freund gefunden.

So lebte er in diesen Jahren ein einfaches Stillleben, das ohne

bedeutende äußere Unterbrechung zwischen Freunden, dichterischen

Productionen, geistiger Arbeit, und körperlichen, niemals ganz ruhenden

Leiden, sich auf- und abbewegte. Es war ein enger Kreislauf, von dem

die Welt nur selten wie von einem fern entlegenen Dasein Kunde erhielt.

Fast schien er in einem zeitlosen Zustande zu leben. Mit Befriedigung

sah er Auf- und Niedergang der Sonne, Frühling und Herbst an sich

vorüberziehen, und was er einst als Knabe über ländliche Einsamkeit

geschrieben hatte, erfüllte sich hier. Wenn er die Mitwelt vergaß, so

blieb ihre Rache nicht aus, indem sie ihn als einen Verschollenen

zu betrachten anfing, der schon mehr der Literaturgeschichte als dem

gegenwärtigen Leben angehöre. Sonderbare Gerüchte waren über ihn in

Umlauf gekommen. Früher hatte es geheißen, er denke daran in Ziebingen

Prediger zu werden. Ein anderes Mal übersandte ihm ein Durchreisender

einen Zettel mit der Aufforderung, durch die Kraft seiner Muse das

vergessene Ziebingen wieder in Ruf zu bringen.

Seit dem Erscheinen des ersten Theils des „Phantasus“ waren

mehrere Jahre verflossen. Jetzt kam diese Sammlung zu einem

gewissen Abschlusse. In den Jahren 1815 und 1816 vollendete er den

„Fortunat“. Es war ein alter, im Jahre 1800 entworfener Plan, der

endlich ausgeführt wurde. Zum letzten Male behandelte Tieck einen

dem Mittelalter entlehnten Sagenstoff dramatisch. Aber schon dieses

Werk gab Zeugniß von der eingetretenen Umwandlung, es war weder so

mittelalterlich gläubig wie „Genoveva“, noch so bunt wie „Octavian“.

Er suchte sich in den Grenzen der Bühne zu halten; auf eine mehr

dramatisch wirksame Concentrirung war er ausgegangen. In dem zweiten

Theile, den er für den vollendetern ansah, bewältigte die Dichterkraft

den Märchenstoff. Hier hielten sich Humor und Tragik das Gleichgewicht;

hier wehte der Geist Shakspeare’s. Zugleich gab die 1817 erscheinende

Sammlung „Altdeutsches Theater“ und die Vorrede dazu einen neuen Beweis

seiner allseitigen dramaturgischen Studien.

13. London und Paris.

Längst hatte er gewünscht das Vaterland seines Dichters kennen zu

lernen, den Boden, der zugleich Schauplatz der meisten und gewaltigsten

Tragödien desselben war. Es war von Wichtigkeit, in die Hülfsmittel

Englands für diese Literatur Einsicht zu gewinnen. Im Verlaufe einer

fünfundzwanzigjährigen Erforschung Shakspeare’s und des englischen

Dramas, hatte er eine umfassende Kenntniß dessen erworben, was die

deutschen Bibliotheken darin aufzuweisen hatten. Aus eigener Anschauung

oder durch Vermittelung von Freunden wußte er was Göttingen, Dresden,

Berlin und Kassel besaß. Viele ältere englische Dramen, selbst solche,

die unter Shakspeare’s Namen gingen, suchte man hier vergeblich. Es

schien nicht möglich sie in Deutschland herbeizuschaffen. Mit Freuden

ergriff er daher auch diesmal einen Plan seines reisefertigen Freundes

Burgsdorff, ihn 1817 nach England zu begleiten.

Endlich war ein allgemeiner und dauerhafter Friede gewonnen. Mit dem

Gefühle der Sicherheit kehrten auf allen Lebensgebieten die alten, lang

zurückgedrängten Neigungen wieder. Es war anziehend, jetzt im ersten

Augenblicke friedlicher Beruhigung London und Paris, denn auch dieses

sollte besucht werden, zu sehen.

In den ersten Tagen des Mai 1817 traten sie die Reise an. Sie nahmen

ihren Weg durch das nördliche Deutschland nach den Rheingegenden

und den Niederlanden, die Denkmäler der alten Kunst wurden zunächst

Gegenstand der Betrachtung, soweit es die Eile verstattete. Die

Augen des lebenden Geschlechts hatten sich für die Größe nationaler

Vergangenheit geöffnet, die Kunstwerke der deutschen Vorzeit, über

die man kalt und gleichgültig hinweggesehen hatte, erschienen jetzt in

neuem, glänzenden Lichte.

Die Freunde betraten zuerst die alten Dome in Magdeburg und

Halberstadt, und rasteten dann in Göttingen. Es war ein bewegtes

Wiedersehen nach der Studienzeit, die nun schon ein Vierteljahrhundert

hinter ihnen lag. Sie besuchten die Bibliothek, die jetzt unter der

Leitung des in der neuen Literatur gelehrten Beneke stand, sie sahen

Hugo, Heeren und einige andere Notabilitäten der Universität, auch

Fiorillo, ihren alten Lehrer. In Marburg erfreuten sie sich der alten

Kirche, dann der herrlichen Lage Wetzlars und Limburgs und der dortigen

Alterthümer. In Koblenz verweilten sie bei Görres, der auch der

altdeutschen Kunst lebte. Er besaß nicht unbedeutende Sammlungen, mit

denen er seine Wohnung geschmückt hatte, und hielt es für Pflicht den

Dichter der „Genoveva“ zur Kapelle der heiligen Genoveva bei Andernach

zu führen, die sammt der Quelle beim Volke im Rufe heilbringender

Kraft stand. Wichtiger war es für Tieck Max von Schenkendorf kennen

zu lernen, den Dichter der Freiheitskriege, dessen schönes lyrisches

Talent er achtete. Görres begleitete sie nach Köln, dem deutschen Rom,

wo sie mit Walraf, Grote und andern Alterthumsforschern bekannt wurden.

Weiter ging es nach Brüssel, Mecheln, Antwerpen, Gent und Brügge.

Es waren zum Theil die Kunstwanderungen seines Sternbald, welche

Tieck zwanzig Jahre später nachholte. In diesen Städten war noch das

alte deutsche Leben in ursprünglicher Fülle zu Hause. Hier gab es

Kathedralen, Bilder von Eyck, Hemlink, Rubens. Auch der Menschenschlag

trug den festen, sichern Zuschnitt eines wohlgegründeten,

althistorischen Daseins.

Von Calais gingen sie über den Kanal. Am Morgen des 29. Mai sahen sie

die Küste von England. Im Nebel, zwischen grauer See und Wolken,

lagen die Kreidefelsen von Dover vor ihnen. Es war trübes Wetter, und

der erste Anblick kein heiterer. Doch für manche Unannehmlichkeiten

entschädigte schon der Besuch der Kathedrale von Canterbury. Tages

darauf waren sie in London. Bald fanden sich alte und neue Bekannte

zusammen; Burgsdorff’s alter Freund, der Baron von Bielfeld, Leopold

von Buch, der geniale Naturforscher und Reisende, der durch sein

schroffes, aber immer originales Wesen anzog.

Für Tieck gab es in London zwei Punkte, die vor andern seine

Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen, das Museum und das Theater. Bald

überzeugte er sich, wie unentbehrlich die Kenntniß der Schätze des

ersten für seine Shakspearestudien sei. Aus Handschriften und seltenen

Drucken copirte er manches alte Drama. Eine freundliche Unterstützung

dieser Arbeiten fand er bei dem jüngern Schlichtegroll, der auf dem

Britischen Museum beschäftigt war, und auch später manchen Auftrag für

ihn ausführte.

Auf der Bühne war es Tieck vergönnt, Kemble und Kean nebeneinander

zu sehen. Der erste war im Begriffe, seine theatralische Laufbahn

zu schließen. Tieck sah ihn in den größten Rollen Shakspeare’s, als

Brutus, Percy, Wolsey, Hamlet, endlich als Coriolan, worin man sein

Spiel stets am meisten bewundert hatte. Lange war er der Liebling des

Publicums gewesen. Unter ausbrechenden Thränen nahm er nach der letzten

Vorstellung von den Zuschauern und der theatralischen Wirksamkeit

Abschied. Wahrhaft wüthende Ausbrüche der Verehrung folgten, mit denen

das Publicum den berühmten Schauspieler überschüttete. Es war eine

Scene des ungeheuersten Lärms und Tumults. Kemble war ein bedeutender

Schauspieler, dennoch entsprach er nicht dem, was Tieck von der

Kunstvollendung forderte, und selbst gesehen hatte. Früher mochte

Kemble’s Spiel wirksamer gewesen sein; jetzt im vorgerückten Alter

hatte er an Kraft und Stimme eingebüßt. Für jugendliche Rollen reichten

beide nicht mehr aus. Er declamirte mehr als er spielte. Doch in der

Herrschaft über Sprache und Ton zeigte er sich als Meister. Seine Rede

glich einem klaren, gleichmäßigen Flusse, der aber endlich ermüdet. Um

so größer war die Wirkung, die er durch einzelne, unerwartet und selten

angewendete Accente hervorrief. Oft glaubte Tieck Iffland wieder zu

hören.

Mit andern Mitteln wirkte Kean als Hamlet und Richard III. Er war der

vollendete Gegensatz Kemble’s, und bei weitem mehr Manierist. Sein Ton

war scharf, eindringend, zum Humoristischen neigend. Er zerschnitt und

zerriß die Rede, er war in steter Unruhe; heftig fuhr er auf der Bühne

hin und her. Die wirklich bedeutenden Momente waren bei ihm seltener.

Man kam nicht zum ruhigen Genusse. Talma zu sehen gelang nicht. Mit

der George gab er einzelne Scenen auf dem Theater der großen Oper bei

einem nach deutschen Begriffen ungeheuer hohen Eintrittsgelde. Im

Ganzen stand das englische Theater tiefer als das heimische. Die Manier

herrschte, der letzte Ton der Naturwahrheit war verloren gegangen. Ohne

Verständniß und Achtung des Dichters verarbeitete man Shakspeare’s

Dramen durch Abkürzungen und Zusammenziehungen wahrhaft barbarisch, oft

bis zur Unkenntlichkeit. Von der Bedeutung und Wirkung des Ganzen hatte

man keine Idee.

Was neben den Studien an Zeit übrig blieb, gehörte den Kirchen und

Galerien, dem Tower, der Stadt, dem Leben im Allgemeinen. Auch bei der

Einweihung der neuen Waterloobrücke waren sie zugegen. Doch war für

Tieck dies Treiben nicht eben leicht. Oft seufzte er über die weiten

Entfernungen in der großen Stadt, und die Eigenthümlichkeiten der

Sitte gaben ihm, der an deutsche Hausordnung gewöhnt war, in Scherz

und Ernst zu mancher Aeußerung des Unmuths Gelegenheit. Er fand,

das Leben werde bei allen Vorrichtungen zur Bequemlichkeit wieder

unbequem; und wer Deutschland in seiner Weise wolle schätzen lernen,

müsse ins Ausland gehen. Auch London wollte ihm nicht gefallen. Der

alterthümlichen Reste waren weniger als er geglaubt hatte, und diese

wurden durch neue Bauwerke, und das Handels- und Fabriktreiben der

modernen Welt verdrängt.

Ludwig Tieck Erinnerungen aus dem Leben des Dichters nach dessen mündlichen und schriftlichen Mitteilungen · 第 28 / 51 段