die auch äußerlich die Periode, welche hinter ihm lag, als eine
abgeschlossene darstellen sollte. Einen Theil der verständigen
Erzählungen, die ohne seinen Namen in den „Straußfedern“ erschienen
waren, die „Volksmärchen“, was er später im Tone derselben
gedichtet, und die humoristisch-satirischen Spiele beabsichtigte er
zusammenzustellen. Ausgeschlossen blieben die großen dramatischen
Werke. Dagegen sollte eine Anzahl neuer Erzählungen und Dramen
hinzukommen, und manches ältere Stück einer vollständigen Umarbeitung
unterworfen werden, z. B. „Die sieben Weiber des Blaubart“. Diese
Erzählung war bestimmt, den satirischen Stoff, der sich inzwischen
angesammelt hatte, aufzunehmen. An den „Gestiefelten Kater“ und die
„Verkehrte Welt“ sollte sich der „Anti-Faust“ anschließen, und die
Zahl aller Stücke, der Erzählungen und Dramen, auf funfzig gebracht
werden. Sie alle wurden durch einen gemeinsamen und novellistischen
Rahmen zu einem Ganzen verbunden. In einem Kreise befreundeter Männer
und Frauen werden diese Dichtungen vorgetragen. Der lesenden Personen
sind sieben, verschieden nach Charakter und Ansichten, Neigung und
Empfindungsweise. Dem entsprechen ihre Vorträge und die Art, wie sie an
der allgemeinen Unterhaltung Theil nehmen. Indem sie sich gegenseitig
bedingen, anziehen und abstoßen, entstehen unter ihnen selbst
mannichfache Verhältnisse, die sich allmälig zu einem Ganzen runden.
Aus den Gesprächen der Gesellschaft bildet sich eine neue Novelle,
welche alle übrigen in sich schließt. Sie knüpfen die einzelnen Stücke
aneinander, und ziehen sich als lyrisch begleitende Musik zwischen
ihnen hindurch. Sie geben dem Dichter Gelegenheit, seine Ansichten über
Kunst, Literatur und Alles, was ihm an Herzen liegt, auszusprechen, und
Lebenserfahrungen und Episoden ungezwungen einzuflechten.
Zu den ältern Märchen und Volkssagen fügte er einige neue hinzu, die
ähnlich zwar, doch schon ein anderes Element in sich trugen. Er selbst
bezeichnete sie später als in seinem neuen Stile geschrieben. Waren
die „Elfen“ anmuthig und natürlich, so ging der „Liebeszauber“ bis
zur höchsten Steigerung des Entsetzens. Im „Pokal“ verband sich das
menschlich Rührende mit dem Wunderbaren.
Den Stoff der beiden letzten Erzählungen verdankte er zum Theil äußern
Umständen, die er zur dichterischen Wirkung zu erheben wußte. Als er in
München lebte, hatte ein Haus, welches seiner Wohnung gegenüber lag,
seine Aufmerksamkeit erregt. Ueber die enge Gasse blickte er in ein
Zimmer, an dessen Fenster sich zuweilen ein junges Mädchen mit einem
Kinde auf dem Arme zeigte. Sie pflegte mit demselben zu spielen und zu
tändeln. Abends wurden die Fensterladen sorglich geschlossen, doch aus
den Spalten drangen helle Lichtstreifen hervor. Auch jetzt noch war es
möglich, in das Innere des Zimmers zu sehen. Schattenhaft glitt sie am
Fenster vorüber, oder saß mit dem Kinde beschäftigt hinter dem Lichte
am Tisch. Der Einblick in die enge Häuslichkeit, die sich einfach gab,
wie sie war, zog ihn an und beschäftigte ihn. Aus diesen abgerissenen
Bildern gestaltete die dichtende Phantasie jene grauenvolle Geschichte,
in welcher der Lichtstrahl aus den Fugen der Fensterladen hervorquillt
und todtbringend auf den Beobachter fällt, der jenseit der Straße in
nächtlicher Stille lauschend steht.
Die zweite Erzählung, „Der Pokal“, war aus einigen Nachrichten
entstanden, welche ihm über die frühern Schicksale des Malers
Müller zugegangen waren. Zu den Widerwärtigkeiten, welche diesen
aus Deutschland vertrieben hatten, sollte die Auflösung eines
Liebesverhältnisses gehört haben, in dem er mit einem jungen Mädchen
höhern Standes gewesen war. Ränke und Zwischenträgereien hatten darauf
hingearbeitet, und Müller’s schroffes Wesen und Wunderlichkeit mochte
die Folge eines so verbitterten Lebens sein. Einen geringfügigen
Vorfall, den er selbst erlebt hatte, verflocht er in den Eingang der
Erzählung. Als er eines Sonntags in Florenz bei herrlichem Wetter
vor der Thür der Hauptkirche stand, und auf die Menge hinsah, welche
über den Platz von verschiedenen Seiten heranströmte, fiel ihm die
jugendliche Gestalt einer schönen Frau auf. Niedergeschlagenen Blicks
ging sie die Stufen hinan. Doch bevor sie die oberste erreicht
hatte, trat sie fehl. Er eilte der Strauchelnden entgegen, um sie zu
unterstützen. Erröthend dankte sie und eilte in die Kirche.
„Phantasus“ nannte er in einem einleitenden Gedicht diese Sammlung.
Es war eine Erinnerung an ein ähnliches, in welchem er schon im
„Sternbald“ die Phantasie verherrlicht hatte, die Macht, aus der ihm
seine Leiden und Freuden kamen.
Als der erste Band im Jahre 1812 erschien, erweckten die Personen
des dialogischen Zwischenspiels bei Einigen mehr Theilnahme als die
Erzählungen. Bei Bekannten und Unbekannten kehrte die Frage wieder,
ob diese Charaktere aus dem Leben genommen seien. Wen stellen sie
vor? Ist nicht Dieser oder Jener dahinter zu suchen? Schon wollten
Manche herausgefunden haben, wer gemeint sei; Andere glaubten sich
selbst wiederzuerkennen. Hatte er bei diesen Charakteristiken eine
bestimmte Absicht, so war es die, die verschiedenen Seiten seiner
Eigenthümlichkeit auszusprechen. Er selbst war der krankhaft reizbare
Phantast, der Humorist, der Freund deutscher Poesie und Alterthums, der
Enthusiast für Theater und dramatische Kunst. Daher hatte er eine Reihe
einzelner Episoden aus seinem Leben eingeschaltet, und den Erzählern
als Selbstbekenntnisse in den Mund gelegt. Als er endlich den Fragenden
einige Aufschlüsse darüber gab, wie er es gemeint habe, waren sie wenig
zufrieden. Hatten sie vorher Rechenschaft von ihm gefordert, warum er
sie dargestellt habe, so hätten sie nun eine Geringschätzung darin
finden mögen, daß er diese Absicht überhaupt nicht gehabt habe.
Die begonnene Sichtung der ältern Gedichte führte zu dem Plane,
auch die größern einer nachträglichen Kritik zu unterwerfen. Eine
zweite Ausgabe des „Lovell“ erschien im folgenden Jahre. Nahe lag die
Frage, ob auch der „Zerbino“ einer Erneuerung bedürfe. Die Zustände
der literarischen Welt, welche damals Bedeutung gehabt hatten,
waren vorübergegangen, und die alten Thorheiten fast verschollen.
Es konnte gerathen scheinen, das ganze Gedicht in die Gegenwart zu
übersetzen. Auch hier gab es reichen Stoff. Aber das würde eine
völlige Umgestaltung erfordert haben; das Gedicht selbst wäre ein
anderes geworden. Herausgerissen aus dem natürlichen Boden, in dem es
gewachsen war, hätte es Ursprünglichkeit und historischen Charakter
verloren. Daher schien es besser es bestehen zu lassen, wenn auch nicht
ohne Commentar verständlich, doch eigenthümlich. So war es ein Zeugniß
der Zeit, in welcher es entstand.
10. Auswanderung.
Während Tieck in ländlicher Stille sich mit seinen Jugenddichtungen
beschäftigte, rückte der große Kampf der Entscheidung näher. Die Zeit
der Befreiung war gekommen. Geräuschlos hatte sich ein großer Umschwung
vorbereitet.
Als die mittlern Provinzen im Sommer 1813 zu Schlachtfeldern wurden,
hielt er es bei seinem unbehülflichen Zustande gerathen, sich und die
Seinen den Wechselfällen des Kriegs, die nothwendig auch den nicht
kriegerischen Theil treffen müssen, nicht zum zweiten Male auszusetzen.
Wie viele Andere beschloß er nach Prag zu gehen. Durch Wilhelm von
Humboldt, der preußischer Gesandter in Wien war, hatte er einen Paß und
Empfehlungen an den Oberst-Burggrafen Kolowrat erhalten. Dort verlebte
er den größten Theil des Sommers.
Die alte Stadt hatte ihren Charakter geändert. Der Friedenscongreß war
eröffnet worden. Sie war der Sammelplatz der verschiedensten Personen,
ihrer Hoffnungen und Befürchtungen. Wer dem unmittelbaren Drange des
Krieges sich entziehen, wer den Ausgang in der Nähe beobachten, oder
auf die weitere Entwickelung der Dinge einwirken wollte, Alles floß
hier zusammen. Hohe Staatsmänner, Diplomaten, Agenten aller Art,
Schriftsteller, Künstler und Auswanderer bewegten sich durcheinander,
alle von gleicher Spannung beherrscht.
Einzelne bedeutende Erscheinungen erregten allgemeine Aufmerksamkeit
und Theilnahme. Auch Tieck kam der staatsmännischen Welt näher. Er
sah Stein, Humboldt kam von Wien, Niebuhr’s Bekanntschaft, mit dem er
schon früher zusammengekommen war, erneuerte er. Doch die weiten Kreise
dieser Männer waren nicht die seinen; es blieb bei gelegentlichen und
vorübergehenden Berührungen.
Niebuhr’s stark ausgeprägter Charakter, seine Sicherheit, Gelehrsamkeit
und umfassendes Gedächtniß, welches ihm in jedem Augenblicke Massen
des verschiedensten Wissens darbot, erregten Tieck’s Bewunderung. So
theilnehmend und freundlich sich auch Niebuhr zeigte, trat doch die
Verschiedenheit der Naturen und Anschauungsweisen bald hervor. Es
war der Gegensatz des strengen, realistischen Geschichtsforschers,
des Staatsmanns und des Dichters. Wo dieser Phantasie und Kunst
voranstellte, setzte jener die Anforderungen der praktischen Moral
entgegen. In den Gesprächen und Kritiken über Dichter ward dies
deutlich. Tieck schloß einmal eine Vorlesung des „Macbeth“ mit
einer Darlegung seiner Ansicht der beiden Hauptpersonen, wie sie
ursprünglich edle und großartig angelegte Charaktere seien. Eine
Verkettung eigenthümlicher Umstände wandelt ihre Naturen um, und sie
verfallen in eine Bösartigkeit, die sich zum Wahnwitze steigert.
Diese Darstellung, welche den Entwickelungsgang Macbeth’s erklären
wollte, schien seine Frevel zu entschuldigen. Niebuhr dagegen legte
den historisch moralischen Maßstab an, und sah in Macbeth nur den
verwerflichen Usurpator und Tyrannen. Er brach in die Worte aus: „Ich
bitte Sie, liebster Freund, sprechen Sie doch nur so nicht! Es sind
die abscheulichsten Charaktere, die es geben kann!“
Unter den ältern Freunden, welche Tieck wiedersah, war auch Brentano,
mit dem er nach langer Unterbrechung hier in vertrauterem Umgange
lebte. Brentano hatte sich in seiner Weise ausgebildet. Einige
phantastische Dichtungen hatte er herausgegeben, im Geschmacke der
romantischen Poesie, für deren bedeutendsten jüngern Vertreter er
bereits galt. Ebenso geistvoll als sonderbar, war er doch eine
ursprüngliche Natur. In Tieck sah er seinen Meister, mit ihm fühlte er
sich in mehr als einem Punkte in Uebereinstimmung. Durch wiederholte
Versuche, für ihn eine Stellung ausfindig zu machen, hatte er seine
Freundschaft thatsächlich bewährt.
Brentano’s erster Eindruck war ein liebenswürdiger und gewinnender.
Er war frisch, heiter, voll des besten Humors; schlagende Einfälle,
unerwartete Wendungen standen ihm in Fülle zu Gebote. Es war schwer
seinen Scherzen auf die Dauer Unmuth entgegenzusetzen. Er wußte
trefflich zu erzählen, und hatte die anmuthig überredende Beredtsamkeit
in seiner Gewalt; alles trug den Charakter der natürlichen
Aufrichtigkeit, der man unmöglich zürnen konnte. Sah er sich des
Irrthums überwiesen, so war Niemand bereitwilliger zu bereuen als er.
Laut und heftig klagte er sich der Verkehrtheit an, und versprach mit
sichtlicher Bewegung sich zu bessern. Bei längerem Umgange fielen indeß
wiederholte Erfahrungen dieser Art auf. Er war weder so einfach, noch
so unbefangen, als viele meinten. Er pflegte sonderbare Geschichten zu
erzählen, die er erlebt haben wollte. Im Anfange glaubte man ihm, dann
stiegen Bedenken auf, endlich kam man dahinter, er habe seinen Zuhörern
Märchen aufgebunden. Ward er zur Rede gestellt, so erfolgten jene
bewegten Versicherungen der Besserung, die nicht länger vorhielten als
bis zur nächsten Geschichte derselben Art.
Für den Kundigen, der Brentano’s Verfahren kannte, war dieses
Spiel eine Probe glänzenden Talents, aber auch eine merkwürdige
psychologische Erscheinung. Tieck glaubte nie einen bessern
Improvisator gesehen zu haben, aber auch Niemand, der graziöser und
anmuthiger zu lügen verstanden hätte. Diese Verbindung von Witz und
Schelmerei erinnerte ihn an die Charaktermasken des italienischen
Lustspiels. Dies schien Truffaldin in seiner Urgestalt zu sein.
Schon in Jena als Student hatte Brentano dergleichen Geschichten
aufgetischt. Er erzählte von einer kostbaren Ausgabe des Shakspeare,
die er besessen und durch einen sonderbaren Zufall verloren habe. Eines
Abends habe er eifrig in einem Bande gelesen, die übrigen standen vor
ihm aufgereiht. Vom Lesen ermattet fallen ihm die Augen zu, er schläft
ein. Plötzlich weckt ihn ein heller Lichtschein, er ist in Gefahr zu
verbrennen. Das Licht hat die Bücher ergriffen, und sein kostbarer
Shakspeare geht in Flammen auf. Ruhig ließ sich Tieck die Geschichte
erzählen, dann fragte er: „Heißen Sie etwa davon Brentano?“
Bedenklicher ward es, wenn diese Abenteuerlichkeiten mit dem Anspruche
sittlichen Ernstes, oder als moralische Beichte auftraten. Nirgends
brachte er dergleichen lieber an als bei Frauen. Gern und viel
unterhielt er sich mit gebildeten und empfindungsvollen Frauen, dann
entfaltete er mit Behagen alle glänzenden Seiten seines Talents,
man hing an seinem Munde, und bald war er der erklärte Liebling der
Damengesellschaften. Er wußte nicht nur zu unterhalten, sondern auch
das Herz leicht zu rühren, und die Thränen in Fluß zu bringen. Nichts
that er lieber als das. Das nächste und bequemste Thema für solche
Gespräche war er selbst. Er begann mit Selbstanklagen, er schilderte
seine Seelenzustände. Viele Vorwürfe habe er sich zu machen, und vieles
zu bereuen, er sei ein schlechter Mensch. Aber es habe ihm an der
nöthigen Leitung gefehlt; wie ganz anders würde sein Leben geworden
sein, wenn er immer in so trefflicher Gesellschaft hätte sein können.
Doch noch sei es nicht zu spät; er werde sich bessern, wenn es edle
Frauen übernähmen ihn auf den rechten Weg zu leiten. Ein solcher
Aufruf an den Tugendeifer verfehlte selten die Wirkung. War es endlich
zur Rührung gekommen, so brach er ab und ging seines Erfolges froh
von dannen. Er lachte seiner weichherzigen Zuhörerinnen und rief im
nächsten Augenblicke aus: „Nun glauben die Gänse dort wirklich alles,
was ich ihnen erzählt habe!“
Tieck hielt es für gerathen, sein Haus durch ein bestimmtes Abkommen
vor diesen magischen Einwirkungen zu schützen. „Lügen Sie den Frauen
vor, soviel Sie wollen, nur eine Bedingung mache ich, lassen Sie es
heiter sein!“ Brentano versprach die Rührung nicht in Anwendung zu
bringen. Dennoch konnte er der Versuchung nicht widerstehen. Eines
Tages benutzte er Tieck’s Abwesenheit, um seine gewöhnlichen Künste
spielen zu lassen. Als dieser nach Hause kam, fand er die Frauen in
Thränen, und Brentano in ihrer Mitte. „Plagt Sie denn der Teufel?“
rief er dem Improvisator zornig zu. „Sie haben ja unsere Verabredung
vergessen!“
Dieses Talent bewährte sich auch in anderer Weise. Später als
gewöhnlich kehrten beide eines Tages vom Spaziergange zurück. Brentano
hatte die Entschuldigung übernommen, und sich anheischig gemacht,
die absonderlichsten Dinge vorzubringen und Glauben zu finden. Er
erzählte mit dem Anscheine reinster Wahrheit eine abenteuerliche
Geschichte, die ihnen widerfahren sein sollte. Als er die Zuhörerinnen
überzeugt sah, wendete er um. Er wolle es eingestehen, er habe sich
einen Scherz erlaubt, doch jetzt werde er ihnen sagen, wie sich die
Sache in der That verhalten habe. Nun begann ein zweites Märchen, dem
endlich noch ein drittes folgte, und alle drei fanden Glauben, obgleich
eines das andere Lügen strafte. Jedes Mal war seine Erfindung neu und
eigenthümlich, und endete mit einem vollständigen Siege, bis er selbst
dieses Spiels müde ward.
Es war ein gefährliches Talent, denn oft spann er sich so in seine
Erfindungen ein, daß er selbst daran glaubte. Dämonisches Wesen,
Phantasie, Reizbarkeit des Gefühls, Selbsttäuschung und Lust an der
Täuschung gingen ineinander über; es war schwer, seinen Seelenzustand
klar zu erkennen. Später wurden die wiederkehrenden Vorwürfe und
Anklagen bei ihm stehend. Diese Gemüthsanlage bekam eine andere
Richtung, er war in einem Zustande dauernder Selbstpeinigung, und
suchte endlich Ruhe in streng kirchlicher Frömmigkeit und katholischer
Ascetik.
Auch Ludwig Robert aus Berlin näherte sich Tieck freundschaftlich.
Flüchtig hatte er diesen jungen Mann früher in den Gesellschaften
seiner Schwester Rahel gesehen. Jetzt führten die Kriegswirren
auch ihn nach Prag. Es war eine kleine, feine Gestalt, das Gesicht
häßlich, aber charakteristisch. Er besaß Geist und Talent, doch seine
dichterischen Versuche hatten etwas Hartes, Sprödes. Er war mehr
reflectirt und absichtsvoll als einfach und unmittelbar. Früh war er
mit den Wortführern der neuern Schule bekannt geworden. Doch diese
phantastische Richtung, in der er sich anfänglich bewegte, entsprach
seinem Wesen nicht. Dann ward er ein entschiedener Anhänger Fichte’s.
Eine gewisse Herbigkeit blieb ein Grundelement seines Charakters;
Sarkasmen und schneidende epigrammatische Schlagworte waren in Rede
und Schrift seine Lieblingsform. Diese Bitterkeit wuchs durch seine
persönliche Stellung. Obwol zum Christenthum übergetreten, war doch ein
Stachel in ihm zurückgeblieben. Vergebens suchte er einen Punkt, wo er
die Kräfte angemessen entfalten konnte. Die Formen des öffentlichen
Lebens genügten ihm nicht. Er sagte wol von sich, er mache Opposition
gegen Vergangenheit und Gegenwart für die Zukunft. Seine Stimmung war
unbefriedigt und ruhelos; er ward mistrauisch und empfindlich, gereizt
und bitter.
Als Dichter hatte er sich dem Drama mit Vorliebe zugewendet, und
suchte nach einer realistischen Poesie; zugleich ward sie der Ausdruck
seiner Verstimmung. So entstand das bürgerliche Trauerspiel „Die Macht
der Verhältnisse“, welches er in Prag Tieck vorlas, auf den es den
peinlichen Eindruck eines Tendenzstücks machte.
Zu den merkwürdigsten Bekanntschaften gehörte die Beethoven’s.
Mozart hatte einen Nachfolger gefunden, um den sich zahlreiche
Bewunderer reihten. Nicht unbedingt vermochte Tieck einzustimmen,
er gehörte der ältern Richtung an. Wenngleich er die Genialität,
die gewaltige und erschütternde Kraft des jüngern Meisters in
der Instrumentalmusik erkannte, so sprachen ihn doch weder seine
Liedercompositionen noch selbst seine Oper an. Er vermißte in beiden
das eigentlich Gesangmäßige, die einfachsten Töne der Musik, jene hohe
und klare Heiterkeit, die den Tonwerken Mozart’s den Charakter der
abgeschlossenen und vollendeten Kunst verlieh. Auf Beethoven’s Musik
lastete der Druck der Schwermuth, der Schmerz einer gewaltigen Natur.
Er selbst machte einen unheimlichen Eindruck. Er war finster,
auffahrend, jähzornig und unberechenbar in den Ausbrüchen seines
Gefühls. Dennoch gestaltete sich das Verhältniß zwischen ihm und
Tieck freundlich; dieser besuchte ihn nicht selten. Dann setzte er
sich an das Instrument, phantasirte Stunden lang, und entfaltete eine
staunenswerthe Gewalt. Doch plötzlich ergriff es ihn wie eine fremde,
dämonische Macht, mitten im Takte sprang er auf, und stürmte zur Thür
hinaus. Heftiger noch brach ein anderes Mal die Leidenschaft hervor.
Tieck hatte auf dem Schreibtische einen zierlichen Gypsabguß bemerkt.
Es war der Porträtkopf eines vornehmen östreichischen Magnaten, mit
dem Beethoven in Verbindung stand. Er machte einige gleichgültige
Bemerkungen über die Arbeit; da springt Beethoven zornig auf, ergreift
die Statuette, stürzt in den Vorsaal, und schleudert sie unter lauten
Verwünschungen über das Geländer der Treppe, daß sie zerschellend auf
dem gepflasterten Boden der Hausflur niederfällt. An eine Fortsetzung
der Unterhaltung war für heute nicht zu denken.
Gemüthlicher war der Umgang mit Liebich, dem Director des ständischen
Theaters. Er gehörte zu den maßvollen und verständigen ältern
Schauspielern. Künstlerische Einsicht verband sich bei ihm mit
Anspruchslosigkeit und Einfachheit. Im bürgerlichen Schauspiele und
feinern Lustspiel war er ausgezeichnet. Er besaß Iffland’s sicheres
und wirksames Spiel, ohne in dessen Manier zu verfallen, und auch als
Mensch war er achtungswerth.
11. Visionen in Berlin.
Sommer und Herbst des Jahres 1813 waren verflossen; der Norden
Deutschlands war frei. Tieck war wiederum in Ziebingen.
Hier erwartete ihn sein alter Feind. Im Winter erkrankte er am
Scharlachfieber, und kaum war er hergestellt, als schwere Erkrankungen
in seiner nächsten Umgebung ihn mit Sorgen erfüllten. Ein Fall, der
tödtlich zu werden drohte, rief ihn im Sommer 1814 unerwartet nach
Berlin. Der Eintritt in die Stadt war von dem sonderbarsten Abenteuer
begleitet, das ihn fast in die träumerische Zeit seiner Jugend
versetzte.
In angestrengter Eile legte er den Weg zurück. Tag und Nacht war er
in drückender Hitze gefahren. Ermattet traf er in den Mittagsstunden
bei seinem Schwager, dem Staatsrath Alberti, ein. Nach den ersten
Begrüßungen und Erkundigungen zog er sich zurück. Ueberwacht, von
Anstrengung, Hitze und Spannung abgemattet, bedurfte er der Ruhe. In
einem obern Stockwerke des Hauses wies man ihm ein Zimmer an. Es lag
mitten in einer Reihe weitläufiger zusammenhängender Gemächer, die vor
kurzem nach dem Tode des letzten Bewohners geräumt worden waren. Die
Dienerschaft erhielt Befehl, jeden unzeitigen Besuch abzuwehren, und
jede Störung zu vermeiden. Zu größerer Sicherheit schloß er selbst die
Thüren.
Noch einen Augenblick trat er an das Fenster. Er sah auf den Hof hinab.
Eine schwüle Mittagshitze brütete auf dem engen Raume. Die Diener
waren mit den Pferden beschäftigt; man putzte und ordnete, klapperte
und schwatzte durcheinander. Ohne die Kleider abzulegen, warf er sich
auf das Bett. Er blickte im Zimmer umher. Es war wüst und unheimlich;
die Wände verstaubt, hin und wieder Nägel darin. Einst waren sie mit
Gemälden und Kunstgegenständen geschmückt gewesen. Abgespannt und
gleichgültig lag er, verworrenes Geräusch tönte vom Hofe herauf; noch
schlief er nicht.
Da ward plötzlich die nach innen führende Thür mit Heftigkeit geöffnet.
Aufgeschreckt fuhr er in die Höhe. Ein hagerer ältlicher Mann in
blauem Frack und altmodischer Haltung tritt ein. Sein Gesicht ist
blaß, die Züge fest und markirt, starke weiße Brauen überschatten die
Augen. Eine Hand hatte er unter den Brusttheil des Rockes geschoben,
er schien etwas verbergen zu wollen. Tieck glaubte einen kleinen
Gipsabguß zu erkennen. Indem der Eintretende mit dem eiligen Schritte
eines Beschäftigten durch das Zimmer ging, streifte ein gleichgültiger
Seitenblick über Tieck hin. Bevor dieser fragen konnte was ihn
herführe, hatte er die zweite Thür aufgerissen, und war in den Vorsaal
hinausgetreten. Unwillig über diese Störung warf sich Tieck zurück,
um jetzt zu schlafen. Doch bald wird die Thür abermals geöffnet, in
derselben Haltung kehrt der Alte zurück und verschwindet. Nach einiger
Zeit schreitet der Eindringling zum dritten Male durch das Zimmer.
Jetzt sprang Tieck zornig auf. Er will ihn zur Rede stellen, aber der
Alte wirft ihm einen festen und scharfen Blick zu, öffnet die Thür nach
dem Vorzimmer, und verschwindet abermals. Endlich hatte er Frieden und
schlief ein.
Nach einer Stunde festen Schlafes kehrte er zur Gesellschaft zurück.
Die Unterhaltung begann, er hatte den störenden Vorfall vergessen.
Erst später erinnerte er sich desselben, und erzählte scherzend, wie
er trotz der Vorsichtsmaßregeln nicht weniger als drei mal gestört
worden sei. Die Möglichkeit wurde in Abrede gestellt. Man verhörte die
Dienerschaft. Kein Besuch war gekommen, man hatte Niemand gesehen,
Niemand war nach dem obern Stockwerk hinaufgegangen. Man fing an
zu zweifeln; die Störung sei ein Traum gewesen. Aber Tieck glaubte
beschwören zu können, den Alten mit wachenden Augen gesehen zu haben,
er war vollkommen klar und seiner bewußt gewesen. Er beschrieb ihn,
den Anzug, die Haltung, das markirte Gesicht; die Gesellschaft ward
stumm, eine Pause trat ein. Endlich hieß es, diese Beschreibung passe
allein auf den alten Beeren, den neulich verstorbenen Bewohner des
obern Stockwerks.
Dieser Mann gehörte zu den Sonderlingen Berlins. Schon sein Name war
eigenthümlich; er hieß Geist genannt von Beeren. Tausend wunderliche
Geschichten wurden von ihm erzählt. Er war reich, hatte eine geräumige
Wohnung in der Stadt, und in der Nähe derselben einen Landsitz,
der heute seinen Namen trägt. Im bürgerlichen Leben galt er für
einen Rechthaber und Querulanten, mit allen Behörden stritt er, mit
aller Welt processirte er. Seine Erwiderungen waren nach Umständen
grob, sarkastisch, oder abenteuerlich sonderbar. Er war Sammler und
Kunstkenner, und hatte in seinen Zimmern Gemälde und Gypsabgüsse
aufgehäuft, auf die er einen hohen Werth legte. Niemals hatte Tieck
diesen Mann gesehen, doch früher Manches von seinen Wunderlichkeiten
gehört. Beim Eintritt in das Zimmer hatte er nicht an ihn gedacht,
aber er erinnerte sich jetzt, im Vorsaal einige Gypsabgüsse gesehen
zu haben. Es waren Reste der Sammlung, welche man einstweilen
zurückgelassen hatte.