welche der neuen Richtung der Poesie folgend statt des Ideales
Volksthümlichkeit und Natürlichkeit verlangten. Er hatte zuerst
in Halle Naturwissenschaften studirt, nicht ohne Hinneigung zur
mystischen Seite; dann war er zur Poesie übergegangen. Später hatte
er in Göttingen gelebt und im Hause des jüngern Buchhändlers Dietrich
viel verkehrt. Im Verlage desselben erschienen 1804 die „Offenbarungen
Ariel’s“ in denen er seine naturphilosophischen Ansichten mit den
Ergebnissen der Studien der germanischen Urzeit verband. Denn er
beschäftigte sich lebhaft auch mit der ältern deutschen Dichtung.
Während des Aufenthalts in Sandow ward sie in wiederholten Gesprächen
zwischen Tieck und Arnim eine Quelle der Kräftigung und Hoffnung für
die Zukunft, deren man in dieser schmerzlichen nationalen Niederlage
doppelt bedurfte. Tieck theilte seine Bearbeitung der Nibelungen
mit. Dagegen verhieß Arnim ihn mit einem Werke der ältern Literatur
bekannt zu machen, über das er staunen werde. Ohne sein Geheimniß zu
verrathen, suchte er Tieck’s Neugier aufs höchste zu spannen. Erst
am folgenden Tage kam er mit dem verheißenen Schatze zum Vorschein.
Es war das Trauerspiel des Andreas Gryphius „Cardenio und Celinde“,
welches er später zur Grundlage seiner phantastischen Dichtung
„Halle und Jerusalem“ machte. Für Tieck war diese Mittheilung keine
überraschende, denn die Anfänge des deutschen Dramas hatten längst
seine Aufmerksamkeit erregt.
Die sorglich vorbereitete Bearbeitung der Nibelungen hatte inzwischen
für ihn die erste Frische verloren. Je nachdem ihm neue Hülfsmittel
zugekommen waren, hatte er sie mit unermüdlichem Eifer umgestaltet. Er
hatte sie auf fünf Bücher berechnet, die in eine Reihe von Gesängen
zerfielen. Die Klage sollte das letzte Buch beschließen. Mit dem
jüngern Dietrich waren Verabredungen über den Verlag getroffen, der
Meßkatalog für 1805 kündigte bereits die neue Bearbeitung an, und A.
W. Schlegel sprach in der „Jenaischen Literaturzeitung“ öffentlich
darüber. Dennoch gab Tieck den Plan auf. Ein anderer Bearbeiter war ihm
zuvorgekommen. Im Jahre 1807 erschien F. v. d. Hagen’s Uebersetzung der
Nibelungen. Mit gleicher Begeisterung für älteres deutsches Volksthum
und Dichtung, und mit allen Mitteln der damaligen Gelehrsamkeit
ausgerüstet, war auch dieser an die Bearbeitung des alten Heldenliedes
gegangen.
Im Herbste sah Tieck die Vaterstadt wieder, nachdem der zerschmetternde
Schlag gefallen war. Auch jetzt fehlte es nicht an Bewegung und
bedeutenden Persönlichkeiten.
Johannes Müller hatte dem preußischen Ruhme die Grabrede gehalten.
Tieck lernte den berühmten Geschichtschreiber kennen, und auch den
damals nahe mit ihm verbundenen Karl von Woltmann, einen Gelehrten
von vornehmer und anspruchvoller Haltung, der sich als Diplomat
und Weltmann zu bewegen versuchte. Dieser pflegte ungemein graciös
und kostbar zu thun, und ward dadurch für Andere verletzend. Beide
Geschichtschreiber hatten an den Gesellschaften des Prinzen Louis
Ferdinand Theil genommen, der dem Kriege als eines der ersten Opfer
gefallen war. Tieck hatte den genialen und unglücklichen Prinzen
früher aus der Ferne gesehen. Im Theater saß er zu Zeiten seiner Loge
gegenüber. Es war eine glänzende und doch wehmüthige Erscheinung.
Ein dauernder Gewinn war Hagen’s Bekanntschaft, die durch
die Nibelungen vermittelt worden war. Ein literarischer und
freundschaftlicher Verkehr entspann sich, und beide beschlossen
auf ihrem gemeinsamen Wege miteinander zu gehen. Später ergab sich
daraus ein neuer literarischer Plan, den sie im Vereine ausführen
wollten, eine Erneuerung der gesammten Heldensage, wie sie in
dem jüngern Heldenbuche vorlag. Zu diesem Zwecke gab Tieck seine
früher angefertigte Bearbeitung des „König Rother“, und fügte den
kleinen „Rosengarten“ und andere Theile der Dietrichssage hinzu.
Schon 1808 erschien ein Bruchstück des „König Rother“ in Arnim’s
Einsiedlerzeitung. Indeß ließen Krankheit und wechselnde Verhältnisse
auch dieses Unternehmen nicht zum Abschlusse kommen.
Um diese Zeit tauchten noch einmal Erinnerungen an den „Zerbino“ und
die kleinen Plagen auf, die ihn begleitet hatten. Der holländische
Gesandte in Berlin, Goldberg, wünschte durch Hagen’s Vermittelung
Tieck kennen zu lernen. Bei diesem trafen daher Diplomat und Dichter
eines Abends zusammen, man unterhielt sich angenehm, und als man
aufbrach, machte der Gesandte Tieck das Anerbieten, ihn in seinem Wagen
nach Hause zu fahren. Arglos nahm dieser es an, doch fiel ihm auf,
daß der Kutscher die Weisung erhielt, eine andere Richtung als die
gewöhnliche einzuschlagen. Als beide im engsten Raume nebeneinander
saßen, begann der Diplomat: „Jetzt habe ich Sie sicher! Nun müssen Sie
mir ausführlich erzählen, wen und was sie in Ihrem ‚Zerbino‘ gemeint
haben; ich lasse Sie nicht los!“ Und zugleich nahm der Staatsmann, der
in dem literarischen Scherze politische Satire witterte, den Dichter
in ein scharfes Kreuzverhör. Von Allem, was jener meinte, war Tieck
weit entfernt gewesen. Als er daher mit der Forderung antwortete, einen
Scherz doch einfach nur als solchen zu nehmen, setzte ihn der Gesandte
nach einer langen und peinlichen Fahrt endlich vor seinem Hause ab.
8. Wanderleben.
In stiller Zurückgezogenheit lebte Tieck im Winter des Jahres 1808 auf
dem einsamen Landgute bei Frankfurt seinen Freunden und den Studien.
Doch führte ihn der Sommer nach Dresden. Dieses Mal wollte er weiter
gehen, nach Wien, welches er schon auf der Rückkehr aus Italien zu
sehen gehofft hatte. Die literarischen Schätze, die künstlerische
Bedeutung und politische Wichtigkeit gerade in diesem Zeitpunkte
forderte zu einem längern Besuche auf.
Wenige Wochen in Dresden reichten hin, den Kreis bedeutender Männer,
die er kennen gelernt hatte, um einen merkwürdigen Charakter zu
erweitern. Dieser war Heinrich von Kleist. Noch war der geniale Dichter
dem größern Publicum kaum bekannt. Im Jahre 1803 war seine Tragödie,
„Die Familie Schroffenstein“, erschienen, in der sich echt Tragisches
und Großes mit Plattem, ja Rohem mischte, und soeben hatte für ihn sein
Freund, Adam Müller, das Lustspiel „Amphitryon“ herausgegeben. Aber man
wußte, wie anerkennend sich die ersten Dichter über Kleist’s großes
dramatisches Talent ausgesprochen hatten. Auch hatte man allerlei von
seinen Reisen und Sonderbarkeiten gehört. Kürzlich erst war er aus
französischer Gefangenschaft zurückgekehrt.
Als ihn Tieck kennen lernte, stand er in vertrautem Umgange mit Adam
Müller, einem seiner eigenen frühesten Schulgefährten. Diese Entdeckung
hätte ihn von der neuen Bekanntschaft fast abgeschreckt. Adam Müller
war F. Schlegel’s mystisch-kritischer Richtung gefolgt und übertrug sie
auf das Gebiet der Politik. Auf Tieck machte er stets einen abstoßenden
Eindruck. Er war rechthaberisch, hochfahrend, und vornehm geheimnißvoll.
Trotz seines sonderbaren Wesens war Kleist liebenswürdig. Wenn auch
scheu und schroff, war er doch bieder, wahr und aufrichtig, aber
wechselnden und zweifelvollen Stimmungen unterworfen. In guten Stunden
nahm er unbefangen und lebhaft an der Unterhaltung Theil. Dann fiel ein
unbedeutendes Wort, auf welches Niemand Werth legte, aber ihn berührte
es in unbegreiflicher Weise, und sogleich ward er stumm, finster,
und zog sich mistrauisch Tage lang in sich selbst zurück. In solchen
Augenblicken des Schweigens schien er geistig abwesend. In seiner
Bildung hatte er die verschiedenartigsten Gegensätze durchgemacht,
ohne sie zu überwinden. Kantische Philosophie und Militärdisciplinen,
Poesie und Naturwissenschaften, Skepsis und gläubige Mystik hatten
ihn angezogen und erfüllt. Namentlich glaubte er Kant’s Philosophie
trefflich zu kennen. Von allen Seiten her suchte er die Räthsel des
Lebens aufzufassen, und angstvoll arbeitete er sich an ihrer Lösung
ab, ohne weiter zu kommen. Seine äußere Stellung war eine unsichere;
die Hoffnungslosigkeit Deutschlands drückte ihn vollends nieder. Der
Sturz Preußens erschütterte ihn heftig. Ein tiefer sittlicher Unwille,
ein bitterer Ingrimm erfaßte ihn, der sich sarkastisch und schlagend
äußerte. Und oft warf sich dieser Haß auf einzelne Personen.
Bisweilen war er fixen Ideen unterworfen. So glaubte er einmal Adam
Müller’s Frau leidenschaftlich zu lieben, und sagte offen, daß er
diesem das Leben nehmen müsse. Wirklich machte er einmal den Versuch,
seinen Freund von der Elbbrücke in den Fluß zu stürzen. In dieser
Zeit war er bereits mit seinem Hauptwerke „Käthchen von Heilbronn“
beschäftigt. Er gewann Zutrauen genug, es Tieck mitzutheilen. Auch
dieser erkannte das bedeutende dramatische Talent, aber zugleich
auch, wie der Dichter im Kampfe mit den Zweifeln und Versuchungen zu
unterliegen drohe, deren Gewalt er an sich selbst erfahren hatte.
In den nächsten Sommermonaten lebte Tieck in Wien. Bekanntschaften,
Geselligkeit, Kunst und Literatur wirkten anregend. Freundschaftlich
kamen ihm die beiden Brüder Collin entgegen, die als literarische
Vertreter Oestreichs einen Namen zu gewinnen anfingen. Mit Ernst und
Eifer, welche tief in seinem Charakter lagen, hatte sich der Aeltere,
Heinrich, auf das Drama geworfen. Sein „Regulus“ war erschienen,
andere Stoffe suchte er zu gestalten, darunter auch „Coriolan“. In
wiederholten Gesprächen bemerkte Tieck mit Staunen, daß Collin nicht
wußte, auch Shakspeare habe eine Tragödie dieses Namens gedichtet.
So stand es hier noch mit der Kenntniß seines Lieblings! Collin’s
eigene Trauerspiele waren bei weitem mehr Producte des reflectirenden
Verstandes, als der Phantasie, kalt, steif und frostig.
Um so anspruchsloser zeigte sich der Dichter im persönlichen Umgange,
ebenso sein jüngerer Bruder Matthäus. Ihren Wünschen nachgebend,
nahm Tieck den Entwurf zu dem phantastisch-dramatischen Spiele, „Das
Donauweib“, wieder auf, und fügte den in Dresden verfaßten Scenen
einige neue hinzu, da der ältere Collin eine Art nationaler Vorliebe
dafür hatte.
In Hormayr, dem vielseitigen Staatsmanne und Geschichtsforscher, gewann
er einen eifrigen Freund, und Karoline Pichler, die Schriftstellerin,
fand er angenehmer als ihre Romane.
Auch das Theater machte sein Anrecht an den Liebhaber wieder geltend.
Merkwürdig war der Schauspieler Lange, ein Veteran der alten Schule,
der eine lebhafte Erinnerung an die beste Zeit der deutschen Bühne
erweckte, welche für Tieck bereits damals eine vergangene war. Da
man jenen oft gerühmt hatte, suchte er ihn auf. Ein einfacher,
älterer Mann trat ihm in gewöhnlicher Hauskleidung entgegen. Im
Gespräche kamen sie auf die frühere Zeit der Bühnenwelt. Lange
erzählte von seinen Rollen, und machte das Anerbieten, eine Probe
seiner Darstellungsweise zu geben. Ohne Vorbereitung, im Schlafrocke,
begann er die leidenschaftliche Rede des Herzog Albrecht vor den
Turnierschranken aus Törring’s „Agnes Bernauerin“ zu recitiren. Er
sprach nicht, sondern er spielte mit so unmittelbarer Wahrheit, daß er
zum Jünglinge zu werden schien. Gleich darauf wiederholte er dieselbe
Rede, aber nun in ganz anderer Weise. Jetzt war es mehr der Ton der
Mäßigung, der sich zügelnden Kraft. Tieck war zweifelhaft, welcher
Auffassung er den Vorzug geben solle, als Lange ihn mit der Ankündigung
überraschte, er werde nun eine dritte, mittlere folgen lassen, die er
für die angemessenste halte. Und auch dieses Mal löste er seine Aufgabe
vortrefflich.
Fast wäre Tieck hier an das Theater gefesselt worden. Collin wünschte
für ihn eine Anstellung am Burgtheater zu gewinnen, und that
dafür einige vermittelnde Schritte. Auch der Graf Palfy, der eine
entscheidende Stimme hatte, war ihm günstig. Dennoch war dieser Plan
nicht sogleich durchzuführen. Man hatte kurze Zeit zuvor Iffland
die Leitung der kaiserlichen Bühne unter vortheilhaften Bedingungen
angetragen. Seine Antwort mußte abgewartet werden, und die Entscheidung
verzögerte sich. Schon vorher war Tieck nach München gegangen, wo man
ihm einen ähnlichen Antrag machte. Gleich darauf erkrankte er von
neuem, und so scheiterten auch diese Verhandlungen.
Im Herbst 1808 sah er in München Baader und Rumohr, seinen treuen
Pfleger, wieder; auch Bruder und Schwester trafen ein. Zu diesen
gesellten sich noch Friedrich Jacobs, Wiebeking und Jacobi, in deren
Familien er die gastfreundlichste Aufnahme fand.
In Jacobi begegnete er einem Meinungsgenossen. Aehnlich, wie er selbst,
stand dieser zur systematischen Philosophie. Auch Jacobi war bei
den Thatsachen des Bewußtseins stehen geblieben. Die Schilderungen,
welche man Tieck von dem Philosophen gemacht hatte, waren ungünstig.
Ein empfindlicher und krankhaft reizbarer Mann war ihm angekündigt.
Er war erfreut, weder das Eine noch das Andere zu finden. Einfach
und natürlich kam ihm Jacobi entgegen. In ihren Gesprächen herrschte
der Ton der ruhigen und offenen Erörterung, die der Sache gilt, und
jedes zeigte den Denker, den wahrhaft gebildeten Mann. Nie war Tieck
bis jetzt einem Philosophen näher gekommen als diesem. Mit vollster
Unbefangenheit sprach Jacobi von seinen Schriften; ruhig hörte er
Einwürfe und Bedenken an.
In spätern Unterhaltungen war die Rede von Baader und F. Schlegel.
Mit jenem stand Jacobi in keinem guten Vernehmen, obgleich es an
Berührungspunkten nicht fehlte. Baader konnte in Jacobi den Fremden und
Protestanten nicht vergessen, und dieser glaubte Veranlassung zu haben,
seine Aufrichtigkeit zu bezweifeln. Einst erzählte Tieck, mit welcher
Verehrung Baader zu ihm über Schlegel gesprochen habe, wie er ihn eine
prophetische Natur, einen zweiten Apostel Paulus genannt habe. Ruhig
erwiderte Jacobi: „Halten Sie mich für einen ehrlichen Mann? Nun wohl,
treten Sie hierher“, sagte er, indem er auf einen Punkt hindeutete.
„Sehen Sie, auf dieser Stelle hat Baader zu mir gesagt, Schlegel sei
ein wahrer Judas Ischarioth!“
Bald war Tieck in Jacobi’s Hause heimisch. Er las dramatische
Dichtungen vor, machte Mittheilungen aus seinen Papieren, und verlebte
hier manche angenehme Stunde. Zugleich hatte er auch Gelegenheit zu
sehen, wie Jacobi Gegenstand feindseliger Angriffe und Verdächtigungen
ward.
Von einer andern Bewegung war indessen Rumohr ergriffen worden. Die
Gährung, welche Deutschlands Befreiung herbeiführen sollte, hatte
begonnen. Es glühte unter der Asche. Die Bewunderung, welche man früher
Napoleon’s dämonischer Größe zollte, wich der steigenden nationalen
Erbitterung. Tieck hatte nie in jenen Ton eingestimmt. Er konnte das
Genie nicht für eine Berechtigung zur Tyrannei halten. Der eiserne
Druck, der alles Eigenthümliche zermalmte, empörte ihn. Das deutsche
Volksleben schien geknickt und zerbrochen.
Leidenschaftlicher hatte Rumohr ähnliche Gesinnungen kundgegeben.
Dazu war München, wo französische Politik herrschte, nicht der Ort.
Uebereilte Aeußerungen, welche an Revolution erinnerten, brachten ihn
in den Ruf eines Demokraten; er galt für verdächtig und gefährlich. Als
unruhiger Kopf sollte er verwiesen werden. In dieser Bedrängniß riefen
seine Freunde die Vermittelung des östreichischen Gesandten, Grafen
Stadion, an, mit dem auch Tieck bekannt war. Erst auf dieses mächtige
Fürwort ward es Rumohr verstattet, in München zu bleiben.
Bald zeigte sich, daß Tieck das wechselnde Klima nicht ertragen könne.
Im Winter 1809 erkrankte er zum zweiten Male schwer. Doch standen
ihm dieses Mal seine Geschwister zur Seite. Es traten Augenblicke
vollständiger Lähmung ein, in denen er kein Glied zu regen vermochte,
ja selbst die Sprache verlor. Es war ein Starrkrampf, auf den nervöse
Abspannung und Schwäche folgte.
Als er so weit hergestellt war, um an der Unterhaltung Theil zu nehmen,
dachte man auf Zerstreuungen. Erfinderisch benutzte Friedrich Tieck
das Nibelungenlied. Er fertigte ein Spiel Karten an, in dem jedes der
zweiundfunfzig Blätter einen Charakter aus dem Heldenliede darstellte,
während der Spielwerth der Karte am Rande angedeutet war. Zu den
Freunden, welche in dieser Krankheit um Tieck Sorge trugen, gehörte
auch Brentano’s Schwester, Bettina. Oft besuchte und unterhielt sie ihn
in ihrer humoristischen Weise.
Langsam erholte er sich. Aber welche Veränderung war in dieser
schweren Zeit mit ihm vorgegangen! Kaum kannte er sich selbst wieder.
Der jugendfrische Dichter hatte sich zum entsagenden Leidensträger
umgewandelt. Die Hand des Schmerzes hatte seinen Körper vor der Zeit
gebeugt und niedergedrückt. Erst jetzt fühlte er sich krank, schwach
und elend. Ein Leiden hatte begonnen, das fortan mit seinem Leben Eins
sein sollte.
Endlich war der Kranke in erträglicher Weise hergestellt. In Begleitung
seines Bruders erprobte er die wiederkehrenden Kräfte in weitern
Spaziergängen. Auch die alten Liebhabereien erwachten, und er hatte
Muth genug gewonnen, ihnen selbst mit Gefahr für seine Genesung
nachzugehen.
Auf einem Volkstheater in der Vorstadt spielte ein Hanswurst, oder
wie man ihn kurzweg nannte, der Lipperle, mit großem Beifall. Tieck
konnte der Versuchung nicht widerstehen, diese gerühmten Späße kennen
zu lernen. An einem heißen Sommertage wallfahrtete er daher mit seinem
Bruder zum Lipperletheater hinaus. Während er sich in der Bude an dem
Witze des Lipperle mit Behagen ergötzte, kam ein drohendes Gewitter
herauf. Es war in vollem Anzuge, als die Vorstellung endete. Eilig
machte man sich auf den Weg. Aber schon brach es los. Nach einigen
Stößen heftigen Wirbelwindes ergoß sich unter steigender Finsterniß ein
rauschender Regen. Tieck vermochte sich im Sturme nicht aufrecht zu
halten, er mußte sich an den stärkern Bruder anklammern, der ihn mehr
trug als führte. Nirgends gab es ein Obdach. Endlich erreichte man das
Haus. Der Kranke wurde in ein erwärmtes Bett gebracht; man wandte alle
Mittel an, um der vielleicht tödtlichen Erkältung zu begegnen. Während
der Bruder diesen Dienstleistungen sich mit ängstlichem Eifer unterzog,
machte er zugleich seinem Zorne in einer Flut von Vorwürfen Luft. Er
schalt auf die thörichte Vorliebe für abgeschmackte Theaterpossen,
denen Tieck am Ende noch sein Leben opfern werde. Diese Scheltworte
standen zu der sorglichen Hülfe in einem so komischen Contraste, daß
der Kranke trotz der eigenen Besorgniß, sich des Lachens und der Lust
an seinem unbesonnenen Streiche nicht erwehren konnte. Zum Glücke ging
die Erkältung ohne schlimmere Folgen vorüber.
Während er zwischen Genesung und Rückfällen schwankte, kam der Winter
in München zum zweiten Male heran; auch der Frühling des folgenden
Jahres fand ihn leidend. Schon zwei Jahre war er von den Seinen
getrennt, und noch war an die Heimreise nicht zu denken. Für den Sommer
1810 sollte der Gebrauch eines nicht allzu fernen Bades eintreten.
Er ging daher nach Baden-Baden. Auch der Kronprinz von Baiern hielt
sich hier auf. Schon in München war er von diesem ausgezeichnet
worden, jetzt sah und sprach er ihn fast täglich, und freute sich
seiner Begeisterung für deutsche Kunst und Dichtung. Auch mit Sulpice
Boisserée trat er hier in nähere Verbindung. Endlich im Herbste kehrte
er nach Ziebingen zurück, wo indessen die Seinen gelebt hatten.
Der Zustand seiner Gesundheit war kein besserer. Er war empfindlicher
und schwerfälliger geworden, er bedurfte der Hülfe und des Beistandes.
Bald ward es klar, es werde auf die Cur in der Fremde eine zweite
daheim folgen müssen. Ein frankfurter Arzt rieth ihm im Sommer 1811
den Gebrauch von Warmbrunn. Aber dies vermehrte seine Leiden. Die
gichtischen Schmerzen behaupteten sich hartnäckig, und das Bad führte
neue Gebrechen herbei, von denen er früher nichts gewußt hatte.
Kraft und Gesundheit waren für das Leben dahin, sein Körper schwach und
gebrechlich, von jedem Luftzuge abhängig. Von der Natur, mit der er von
Jugend auf im innigsten Verkehr gelebt hatte, mußte er Abschied nehmen.
Die Tage des dauernden Leidens und der Entsagung waren gekommen.
9. Phantasus.
Seit dem Abschlusse des „Octavian“ war beinah ein Jahrzehnd verflossen.
Wie verschieden war es nicht von dem ersten, in dem jene Werke
entstanden waren, welchen er seine Stelle unter Deutschlands Dichtern
verdankte. War das frühere reich gewesen an Muth und Zuversicht, an
Streben und Erfolg, und vor allem an dichterischen Schöpfungen, so
war das zweite reich an Zweifeln, Schmerzen und Krankheit, an bittern
Erfahrungen und Entsagung. Der Dichter war zum Dulder geworden. Die
Poesie, welche ihm sonst tröstend zur Seite gestanden hatte, schien
verstummt.
Was hätte auch Großes unter diesen unaufhörlichen Schmerzen entstehen
sollen? Bei einzelnen Gedichten, Versuchen und Entwürfen war es
geblieben. Mehr in den Werken Anderer als in den eigenen lebte er.
Das Studium, welches sich mit gelehrter und literarischer Forschung
verband, hielt ihn aufrecht, und gewährte ihm Trost und Zerstreuung.
Zwei Bücher gingen daraus hervor. Im Jahre 1811 erschien das
„Altenglische Theater“, im folgenden Jahre „Ulrich’s von Lichtenstein
Frauendienst“. Diese Bearbeitung gab ein Lebensbild aus dem deutschen
Mittelalter, und jene Sammlung verwirklichte endlich einen Theil des
Plans, den er in frühern Jahren in Göttingen entworfen hatte. Die
Uebersetzung älterer englischer Dramen sollte das Verständniß der Zeit
Shakspeare’s eröffnen; doch nahmen seine Arbeiten jetzt eine andere
Stellung ein. In diesen zwanzig Jahren war Schlegel’s Uebersetzung
des Shakspeare erschienen. Aber umsomehr Veranlassung gab es, in die
unbekannteren Gegenden einzuführen. Man sollte den großen Dichter im
Zusammenhange mit seinem Lande, mit Vorzeit und Mitwelt auffassen und
würdigen lernen. Nur aus der Vergleichung mit dem, was Andere vor und
neben ihm gethan, konnte die volle Erkenntniß hervorgehen.
Doch auch Tieck’s dichtende Kraft ließ sich nicht verleugnen und noch
weniger ertödten. Sie konnte gehemmt, aber nicht gebrochen werden.
Zuerst warf er einen Blick rückwärts, auf die Versuche und Dichtungen
seiner Jugend. Sie waren ihm fremd geworden. Mängel und Einseitigkeiten
ließen sich nicht verkennen. Vieles würde er jetzt anders aufgefaßt und
dargestellt, Anderes gar nicht geschrieben haben. Dennoch schienen ihm
manche der minder gelungenen als Zeugnisse seines Lebens des Erhaltens
und Sammelns werth.