Mit der Kunst und Natur verbanden sich die Wirkungen des kirchlichen

Lebens. Beruhigend und erhebend kamen sie ihm entgegen; er sah den

Cultus im vollen Glanze, welchen er in der Heimat oft gegen die

Angriffe der Eiferer in Schutz genommen hatte. Alle Stufen der hohen

kirchlichen Feste machte er durch; die heilige Woche mit ihren Musiken

und Messen bis auf den Segen, welchen der Papst vom Altan herab der

gläubigen Menge ertheilt.

Auch in die gesellige Welt trat er ein. Hier fand er seine Schwester

bereits heimisch. Mit bedeutenden Personen stand sie in Verbindung,

obgleich auch sie noch stets leidend war. Der Erzherzogin Marianna von

Oestreich, der Schwester des Kaisers, die in Rom in Zurückgezogenheit

lebte, war sie bekannt geworden. Helfend und schützend hatte diese sich

ihrer angenommen, und sie in die Kreise ihres Umganges hineingezogen.

Tieck lernte in der Prinzessin eine edle und geistvolle Frau kennen.

Auch mit einigen hohen Würdenträgern der Kirche ward er bekannt, mit

dem Cardinal-Großvicar, einem angenehmen und unterrichteten Manne, und

dem Cardinal Somaglio, der ihm manche Freundlichkeit erwies.

Für die Deutschen war das Haus des Prinzen von Sachsen-Gotha ein

gastlicher Sammelplatz. Dieser Fürst liebte es, Gesellschaften,

ausgezeichnete Reisende und Landsleute um sich zu versammeln. In

seinen Cirkeln verlebte man heitere Stunden. Indeß war die deutsche

Theaterliebhaberei auch hier zu Hause, und selbst in Rom, unter den

mächtigsten Eindrücken, konnte man das kleine heimische Vergnügen, und

den Lieblingsschriftsteller, an dessen Umgang man gewöhnt war, nicht

vergessen.

So geschah denn das Unerhörte. In Rom, wo Tieck von den Thorheiten des

Vaterlandes weit entfernt zu sein meinte, mußte er seinem Antipoden

Kotzebue begegnen. Und nicht allein das; er mußte ihn feiern helfen,

wenn er gegen den Prinzen, der ihn auszeichnete, nicht undankbar

scheinen wollte. In dieser deutschen Hofgesellschaft war beschlossen

worden Kotzebue’s Lustspiel, „Der Wirrwarr“, aufzuführen. In Tieck

hatte man eine bühnenkundige Autorität gefunden, er wurde daher

aufgefordert die Rolle des Regisseurs und Souffleurs zu übernehmen.

Von der Pflicht selbst als Schauspieler aufzutreten, rettete ihn sein

Leiden. Aber die wiederholten Proben wurden ihm nicht erspart, die

man mit allem pedantischen Kunsteifer anstellte, um schließlich eine

gewöhnliche Darstellung eines noch gewöhnlichern Stückes zu eigenem

Vergnügen zu Stande zu bringen.

Sonderbar mischte sich mit der Frivolität naive Frömmigkeit. Eine

Hauptrolle war einer jungen Gräfin zugetheilt. Mit sichtlicher Lust,

und doch niemals ohne die unerläßliche Angst, spielte sie ihr Theil

ab. So oft sie aus den Coulissen trat, unterließ sie nicht das Kreuz

zu schlagen. So gerüstet glaubte sie muthiger an das Thorenwerk gehen

zu können. Tieck sah es als reichliche Buße an, die er in Rom für alle

literarischen Sünden zu leisten habe, daß er als Einhelfer verdammt

ward, ein Lustspiel gerade dieses Mannes nicht in einer, sondern in

allen Rollen auswendig zu lernen. Ihm wurde in der That eine Strafe

auferlegt, die er in seinem „Jüngsten Gericht“ muthwilligerweise seinen

Gegnern zuerkannt hatte.

Auch im Hause Wilhelm’s von Humboldt, der in Rom preußischer Resident

war, fand er freundliche Aufnahme. Ebenso sah er Elise von der Recke

wieder, die sich von ihrem Freunde Tiedge hatte nach Rom führen lassen.

Auch in die Kreise der Künstler wurde er durch seinen Bruder und Rumohr

eingeführt.

Doch unter allen Deutschen war ihm keiner merkwürdiger als der Maler

Müller, dessen Dichtungen ihn früher in hohem Grade angezogen hatten.

Als er sich nach der Vollendung der „Genoveva“ im Sommer 1800 in

Hamburg aufhielt, hatte er Müller’s Manuscript zum zweiten Male

zur Hand genommen. Er las die Arbeit des Vorgängers mit doppelter

Theilnahme, und erkannte wie verschieden beide Gedichte seien, und

daß sie darum wol nebeneinander stehen könnten. Erschien Manches

in Müller’s Tragödie übertrieben, fast roh, so hatte sie dennoch

große dichterische Züge, und er sah es als ein Unrecht an, ein so

eigenthümliches Werk der öffentlichen Kenntniß zu entziehen. Dann war

er zu den verschollenen Idyllen übergegangen. Es waren Naturbilder

im kräftigsten Stile, fern von der gezierten Natürlichkeit, welche

seit Geßner den sogenannten ländlichen Dichtungen eigen war. Voll

Eifer, das Andenken des Dichters herzustellen, ließ er später durch

den Architekten Genelli wiederholt bei Müller anfragen, ob er die

Herausgabe der „Genoveva“ verstatte, ohne daß er eine Antwort erhalten

hätte.

Auf der Sommerreise 1803 machte er in Erlangen die Bekanntschaft

des reformirten Predigers Le Pique. Dieser Mann, der für Poesie und

Literatur eine lebhafte Theilnahme zeigte, war ein Bewunderer Müller’s.

Wie dieser ein geborener Pfälzer, war er mit den Verhältnissen in

Manheim und der dortigen Buchhandlung, in deren Verlag die ersten

Drucke erschienen waren, bekannt. Er erbot sich, die erforderlichen

Schritte zu einer Erneuerung des literarischen Andenkens Müller’s zu

thun. Jetzt sah Tieck in Rom den sonderbaren Mann selbst.

Hier war Müller seit fast dreißig Jahren eine bekannte Figur. Früher

hatte er von einer kurpfälzischen Pension gelebt, die jedoch in

Folge der Kriegswirren nicht weiter gezahlt worden war. Ohne als

Künstler productiv zu sein, hatte er sich mit antiquarischen und

kunsthistorischen Studien beschäftigt. In Folge seiner Bekanntschaft

mit Rom und dessen Schätzen pflegte er bei angesehenen Fremden den

Cicerone zu machen. Er gehörte zu den Deutschen, welche mit dem

Vaterlande gebrochen hatten. Manche Hoffnungen und Erwartungen

waren ihm daheim unerfüllt geblieben. Dazu waren noch persönliche

Verwickelungen gekommen. Er glaubte sich zu wenig anerkannt. Ein

Altersgenosse Goethe’s, selbst leidenschaftlich bewegt, ward er durch

diesen in den Schatten gestellt. Verstimmt schied er vom deutschen

Boden. Jetzt fast verschollen, rächte er sich durch Vergessen und

Geringschätzung an der Heimat. Dennoch hatte er der Poesie und

Schriftstellerei nicht ganz entsagt, nur waren seine spätern Producte

von dem naturwahren Charakter der frühern weit entfernt.

In Rom kannte man Müller’s Schwächen und Sonderbarkeiten aus langer

Erfahrung. Zu manchen komischen Anekdoten hatte er Veranlassung gegeben

durch seine Neigung zu lächerlichen Uebertreibungen und Prahlereien;

auch der Bekanntschaft, ja der Freundschaft Goethe’s hatte er sich

früher gerühmt. Als nun die Nachricht kam, Goethe werde nächstens in

Rom eintreffen, baten ihn einige Deutsche vorsorglich, sie mit dem

großen Dichter bekannt zu machen, was er auch willig zusagte. Eines

Tages hieß es, Goethe sei wirklich angekommen, man wollte ihn bereits

einige Male zu einer bestimmten Stunde des Tages an der Spanischen

Treppe gesehen haben. Müller wurde aufgefordert sein Wort zu lösen.

Man begab sich an Ort und Stelle. Goethe kam, doch Müller, der

voreilig vermuthet haben mochte, man wolle ihn irreführen, sagte mit

entschiedenem Tone: „Ich kenne Goethe! Der da ist es nicht!“

In dieser Weise lernte ihn auch Tieck kennen. Er zeigte sich zuerst

mistrauisch, dann absprechend und rechthaberisch; alles kannte er

besser oder hätte es besser machen können. Er verfiel nicht selten in

einen aufschneiderischen Ton, und die Wahrheit war schwer zu ermitteln,

da es kaum zu erkennen war, ob er täuschen wolle oder sich selbst

täusche. Später kam er mit seiner Ansicht über Goethe offener hervor.

Er kritisirte ihn scharf, und war weit entfernt in die allgemeine

Bewunderung einzustimmen; ihn erfüllte Eifersucht, seine Stimmung war

herb, fast bitter. Als einst von der „Iphigenia“ die Rede war, meinte

er, das sei nichts, auch er habe eine Iphigenia gedichtet, das sei

ein ganz anderes Werk, da werde man erkennen, wie das antike Drama

zu behandeln sei; gelegentlich werde er es Tieck einmal mittheilen.

Obgleich dieser wußte, was er von solchen Reden zu halten habe,

unterließ er doch nicht Müller an das gegebene Versprechen zu erinnern.

Er erhielt indeß nie einen andern Bescheid, als daß er zu seiner Zeit

jenes geheimnißvolle Drama schon kennen lernen solle. Doch kam diese

Zeit nicht, solange Tieck sich in Rom aufhielt.

Ein anderes Mal erzählte Müller mit der größten Zuversicht, einst

sei ihm in Manheim der Teufel erschienen; die Gesichtszüge des Bösen

hätten sich ihm so fest eingeprägt, daß es ihm gelungen sei, ein

wohlgetroffenes Porträt zu entwerfen. Zugleich brachte er die Skizze

eines Kopfes zum Vorschein, der in der That eigenthümlich genug aussah.

Ein besserer Gegenstand der Unterhaltungen waren Müller’s ältere

Dichtungen. Tieck erzählte ihm, sie seien in Deutschland keineswegs

vergessen, vielmehr habe sich ein jüngeres Geschlecht mit Theilnahme

dem Anfange der deutschen Poesie in den siebenziger Jahren zugewendet.

Gewiß werde eine Sammlung derselben, da sie bereits zur literarischen

Seltenheit geworden seien, mit großem Beifall aufgenommen werden.

Müller ging darauf ein, und ermächtigte ihn eine neue Ausgabe zu

veranstalten, und die „Genoveva“ darin aufzunehmen. Auch verwies er ihn

auf eine bedeutende Anzahl alter Papiere, welche er in einen Koffer

gepackt, bei der Abreise aus Deutschland auf dem Lager der Schwan’schen

Buchhandlung in Manheim zurückgelassen habe.

Endlich war Tieck auch zu den eigenen altdeutschen Studien

zurückgekehrt, sobald es seine Gesundheit erlaubte. Nicht ohne

Unterbrechungen vermochte er zu arbeiten, aber der glückliche

Augenblick förderte ihn doppelt. Auf der Vaticanischen Bibliothek fand

er reiche Schätze dieser Literatur. Dem Cardinal Somaglio verdankte

er eine seltene Begünstigung. Man wies ihm ein eigenes Zimmer zur

Arbeit an, und verstattete ihm selbst während der Ferien den Zutritt.

Seine gelehrten Forschungen wurden zum heilsamen Gegengewichte gegen

körperliche und geistige Leiden. Indem er Handschriften abschreibend,

vergleichend und ausziehend, eine reiche Ernte hielt, bildete sich der

Gedanke aus, eine umfassende Nachricht von den deutschen Handschriften

im Vatican, dann eine Geschichte der altdeutschen Poesie aus denselben

zu geben. Zunächst blieb er bei dem Heldenliede und den Nibelungen

stehen. Das Gedicht vom „König Rother“ und andere Stücke der Heldensage

schrieb er ab; auch die karolingische Sage, „Tristan und Isolde“,

den „Titurel“ und anderes zog er herbei. Als er sicherer geworden

war, entwickelte er eine unermüdliche Ausdauer. Vom Morgen an konnte

er nüchtern bis weit über Mittag hinaus, halbe Tage lang, unter

Handschriften und alten Drucken sitzen, ohne Abspannung zu fühlen.

Neben diesen strengern Arbeiten sprach er seine Empfindungen und

Erlebnisse in einer Reihe kleinerer Gedichte aus, die sich allmälig zu

einem dichterischen Tagebuche zusammenschlossen.

Fast ein Jahr war um. Er mußte an die Heimkehr denken. Der wohlthuende

Einfluß des italienischen Himmels hatte sich bewährt. In den letzten

Monaten fühlte er sich genesen, die Schmerzen hatten ihn verlassen,

die Herrschaft über den Körper war ihm wiedergekommen. Die politischen

Wirren machten es unmöglich nach Neapel zu gehen. Dagegen unternahm er

einen glücklichen Reiseversuch in die Romagna und das Gebirge. Zuletzt

sah er Subiaco und das Kloster des heiligen Benedict; dann wurde die

Rückreise vorbereitet. Bruder und Schwester ließ er in Rom zurück,

aber Rumohr, der sorgsame Freund, der ihn nach Italien geleitet hatte,

führte ihn im Sommer 1806 wieder der Heimat zu.

Ueber Siena gingen sie nach Florenz und Fiesole, dann nach Pisa,

Bologna und Mailand. Nicht ohne Anstrengung überstiegen sie den

Gotthard, aber auch dieses bestand Tieck glücklich. Er war wieder auf

deutschem Boden.

7. Die Heimat.

In Deutschland war zunächst St.-Gallen wichtig wegen seiner

Handschrift der Nibelungen. In Manheim nahmen Müller’s Papiere seine

Aufmerksamkeit in Anspruch. Er trat mit der Götze’schen Buchhandlung,

auf welche der Schwan’sche Verlag übergegangen war, in Unterhandlung.

Sein Freund Le Pique, der inzwischen nach Manheim versetzt worden

war, unterstützte ihn dabei. Der von Müller bezeichnete Koffer fand

sich. Er enthielt alte Papiere, Briefe, Entwürfe und Zeichnungen, eine

Masse unzusammenhängender und schwer zu lesender Blätter, über welche

in kurzer Zeit keine Uebersicht zu gewinnen war. Erst später konnte

er die Sichtung und Anordnung durchführen. Das Ergebniß war kein so

bedeutendes als er erwartet hatte. Unterdeß war das Vorhandensein der

Müller’schen „Genoveva“ weiter bekannt geworden, und schon ließen sich

böswillige Stimmen vernehmen, Tieck verdanke seine eigene Dichtung der

Kenntniß derselben, und habe daher Grund mit der Bekanntmachung zu

zögern, oder sie dem Publicum ganz vorzuenthalten. Nachdem er daher

den Stoff geordnet hatte, überließ er die Besorgung der neuen Ausgabe

seinem Freunde Le Pique. Doch die Verhandlungen mit Müller gingen nur

langsam. Misverständnisse mit der Verlagshandlung kamen hinzu. Erst

1811 erschien die neue Sammlung von Müller’s Schriften in Heidelberg.

Von Manheim ging man nach Heidelberg, wo Tieck Creuzer wiedersah, und

auch Voß besuchte, der kurze Zeit vorher dorthin versetzt worden war.

Voß empfing seinen alten Bekannten von Giebichenstein her mistrauisch;

wie er selbst später drucken ließ, sah er in ihm einen Angehörigen

jenes Ordens, dessen Bekämpfung seine Lebensaufgabe war, einen

Obscuranten und heimlichen Katholiken. Ueberhaupt bemerkte Tieck,

daß man seinem Aufenthalte in Italien die wundersamsten Deutungen

unterlegte. Glaubte man früher ihn für die katholische Kirche gewinnen

zu können, so war man jetzt überzeugt, er sei wirklich übergetreten.

In Frankfurt verweilte er einige Zeit. Er sah Brentano und dessen

Schwester Bettina, die eigenthümlich und excentrisch erschien. Tieck

und seinen Dichtungen wie der jüngern Literatur hatte sie ihre

Theilnahme zugewendet. Ihr verdankte er die Bekanntschaft mit Goethe’s

Mutter. Es war eine noch im höchsten Alter regsame und theilnehmende

Frau, die selbst an manchen kleinen Eitelkeiten des Lebens Gefallen

fand. Von dem Sohne wußte sie natürlich vieles zu erzählen. Auf einem

Bücherbrete in ihrem Zimmer habe sie lange sechs Bände Manuscript aus

Goethe’s früherer Zeit bewahrt, welche die älteste, später verworfene

Bearbeitung des „Wilhelm Meister“ enthielten. Von dem Inhalt theilte

sie manches mit; hier sollte die Heirath Wilhelm’s und Marianens den

Abschluß machen. Leider gelangte Tieck nicht zur Einsicht dieser

merkwürdigen Papiere.

Von der Mutter ging er den Sohn in Weimar zu besuchen. Auch diesmal

verlebte er einige Abende mit Goethe. Doch wenn er an seine Jugendliebe

dachte, fühlte er sich ihm fremder geworden. Dazu hatte namentlich der

erkältende Eindruck der „Natürlichen Tochter“ beigetragen. Kurz zuvor

hatte Goethe Oehlenschläger kennen gelernt. Der nordische Dichter,

der nach Weimar gekommen war, der deutschen Poesie seine Huldigungen

darzubringen, hatte ihn ganz für sich gewonnen. Auch sprach Goethe

schon von den „Nibelungen“, wie er im Vereine mit Oehlenschläger den

Versuch gemacht habe, sie zu lesen, was denn freilich nicht sonderlich

habe von Statten gehen wollen.

Ueberraschend war es ihm in einer Mittagsgesellschaft bei Goethe mit

einem Landsmanne, dem Kapellmeister Himmel aus Berlin, dem Componisten

des gefeierten Singspiels „Fanchon“ zusammenzutreffen. Die Eitelkeit

und Selbstgenügsamkeit dieses Mannes war bekannt. Er schlug seinen

Werth sehr hoch an, und wirkte durch die naive Art, dies auszusprechen,

mitunter komisch. Auch dem Dichterfürsten gegenüber verließ ihn

seine Sicherheit nicht. Er suchte zu beweisen, er sei ebenso sehr

Sprachtalent als Musiker; dadurch habe er sogar die Beamten der

Vaticanischen Bibliothek in Staunen gesetzt. Hebräische, chaldäische

und andere orientalische Handschriften habe er in rascher Folge

durchgesehen und Stellen daraus laut gelesen. Endlich fragt einer der

Beamten, wer er denn sei. „Der Kapellmeister Himmel aus Berlin!“ Voll

Schrecken aber ruft jener aus: „Sie mögen wol der Teufel sein, aber

kein Kapellmeister aus Berlin!“ Mit stillem Lächeln, in olympischer

Ruhe, hörte Goethe diese Märchen an.

Ohne zu wissen in welchen Beziehungen Tieck zu Reichardt stehe,

unterwarf Himmel seinen ehemaligen Amtsgenossen als Musiker wie

als Menschen einer scharfen Kritik. Auch Tieck kannte Reichardt’s

Schwächen, aber er hielt es für Pflicht ihn gegen ungerechte Angriffe

zu schützen. Himmel stutzte. Er lenkte ein, und gutmüthig suchte er

Tieck in seiner Weise zu versöhnen. Als Tabacksraucher schätzte er ein

treffliches Weichselrohr, das er besaß, ganz besonders hoch, er bot es

Tieck als Friedenspfeife an. Dieser mußte des gutgemeinten Geschenks

lachen, das für Niemand weniger paßte als für ihn, den abgesagtesten

Feind des Rauchens.

Endlich im Herbste traf er in Dresden ein, wo er die nächsten Wochen zu

bleiben beschlossen hatte. Sogleich erzählte ihm der Maler Hartmann,

Oehlenschläger sei angekommen und wünsche seine Bekanntschaft

zu machen, bald darauf traf er diesen selbst auf der Galerie.

Oehlenschläger war eine reichbegabte und überschwängliche nordische

Natur. Voll erregten Gefühls und Phantasie, jedem Eindrucke offen, ließ

er sich in Verehrung und Abneigung leicht bestimmen. Doch er war auch

voll starken Selbstbewußtseins, das als hoher nordischer Nationalstolz,

und bald als kleinliche persönliche Eitelkeit erschien. Er überschätzte

seine Originalität, und hielt manches für Eigenthum, was er deutschen

Anregungen verdankte. Widerspruch konnte er nicht vertragen, noch

viel weniger Tadel. Eine leise Andeutung war hinreichend, ihn in

heftigen Zorn zu versetzen. Er besaß eine Beredtsamkeit, gegen die man

vergeblich ankämpfte. Er hörte auf keinen Einwurf, und beachtete keinen

Versuch des andern Theils, zu Worte zu kommen.

Nächst Goethe, den er schwärmerisch verehrte, hatte er Tieck’s Poesien

mit Eifer studirt, und in ihnen vielleicht ein noch verwandteres

Element gefunden. Am Abend desselben Tages sahen sie sich in einer

Gesellschaft wieder, die Hartmann bei einem Italiener versammelt hatte.

Im Sturme suchte Oehlenschläger Tieck’s Freundschaft zu erobern, und

trug ihm mit leidenschaftlichem Enthusiasmus Brüderschaft an. Seitdem

sahen sie sich öfter. Oehlenschläger theilte dem neuen Freunde seine

nicht längst vollendete Tragödie „Hakon Jarl“ mit; obgleich Tieck sie

als einen Beweis des Talents anerkannte, war er doch mit dem fünften

Acte nicht einverstanden. Sogleich suchte der Dichter im Gegentheil

zu beweisen, wie gerade dieser der beste sei. Bald darauf verließ er

Dresden.

Während dieses harmlosen Verkehrs waren kriegerische Stürme

losgebrochen, unter denen die deutsche Erde erbebte. Der

verhängnißvolle October des Jahres 1806 war gekommen. Preußen war

in den Sturz der ältern Staaten hineingerissen worden. Mit dem

dichterischen und literarischen Stillleben war es zu Ende.

Schon von Italien hatte Tieck auf die politische Lage des Vaterlandes

den Blick voll Besorgniß zurückgewendet. Man konnte sich dem

drückenden Gefühle nicht entziehen, daß man einer entscheidenden Zeit

entgegengehe. Während der Rückreise waren die Dinge rasch gereift.

Mit jedem Schritte, weiter gegen Norden, mehrten sich die drohenden

Anzeichen. Als er in Weimar eintraf, waren die Häuser mit preußischer

Einquartierung gefüllt. Alles war voll ängstlicher Erwartung. Die

Schlacht entschied Preußens Schicksal, und die Eroberung ergoß sich

jetzt über die fernen Provinzen.

Der Sturz des Staates bedrohte die Existenz der Einzelnen; auch manche

Freunde Tieck’s wurden betroffen. Zu diesen gehörte Reichardt. Von den

neuen Lehren erfüllt war er nach Frankreich gegangen, und hatte die

Revolution in verschiedenen Entwickelungspunkten kennen gelernt. Zuerst

1792. Die Frucht dieser Reise waren seine „Vertrauten Briefe über

Frankreich“ gewesen; dann abermals 1802. In Paris hatte er mannichfache

Verbindungen angeknüpft, auch mit dem Grafen Schlaberndorf, dem

bekannten Sonderlinge. Wie dieser war auch Reichardt ein Gegner des

neuen Herrschers. Hier entstand jenes Buch: „Napoleon Bonaparte und das

französische Volk unter seinem Consulate“, zu dem ihm Schlaberndorf

manche Daten gab. Es erschien 1804. Seine kühne Sprache machte

Aufsehen; bald begannen die Nachforschungen französischer Agenten

nach dem unbekannten Verfasser. Jetzt, da die feindlichen Truppen

vorrückten, mußte Reichardt auf seine Sicherheit denken. Er hatte

beschlossen nach den östlichen Provinzen zu gehen; nur mit großer

Vorsicht konnte er sich in die Nähe der Franzosen wagen.

In dieser Zeit hatten sich Tieck und einige Andere in Sandow, dem

Gute seines Freundes Burgsdorff, vereint. Hier traf auch Achim von

Arnim ein. Er brachte einen Begleiter mit, der für seinen Bedienten

gelten sollte. Es war Reichardt. Solche Vorkehrungen schienen um so

nothwendiger, da auch dieses Gut mit französischer Einquartierung

belegt worden war. Man hatte einen Husarenoffizier als Gast erhalten.

Es war ein Mann von straffer, militärischer Haltung; des Deutschen

schien er nicht mächtig zu sein.

Man saß bei Tische und unterhielt sich unter so eigenthümlichen

Umständen gut genug. Tieck fand, daß Herr Richard, so hieß der

französische Offizier, ein ganz angenehmer Mann sei. Da fiel ihm

eine häufig wiederkehrende Bewegung des Fremden auf. Lachend hatte

er im lebhaften Gespräche mit der Hand auf die Lende geschlagen. Mit

voller Gewißheit trat eine alte dunkle Erinnerung vor seine Seele. Der

Franzose war Niemand anders als Hensler, Reichardt’s Stiefsohn, sein

Jugendfreund, der seit Jahren für ihn verschollen war.

Auch Hensler’s Lebensgang war kein gewöhnlicher. Ein Jahr früher

als Tieck, 1791, hatte er Gedike’s Schule verlassen, als Reichardt

mit seinen berlinischen Verhältnissen unzufrieden, sich nach Halle

übersiedelte. Hier begann er die Rechte zu studiren; doch begleitete

er schon zu Anfang des folgenden Jahres seinen Stiefvater nach

Frankreich. Er sah Lyon und Paris, und obgleich diese Reise nur wenige

Monate dauerte, waren diese Eindrücke doch hinreichend, ihn in einen

französischen Demokraten umzuwandeln. In Kiel setzte er seine Studien

fort, aber bald ward es ihm zu eng in Deutschland; 1796 ging er

abermals nach Paris. Er brach mit dem Vaterlande, um sich dem neuen

politischen Leben ganz hinzugeben. Obgleich Schlaberndorf und andere

Freunde sich seiner mit Rath und That annahmen, zeigte sich doch,

wie schwer es einem Fremden sei, eine Stellung zu gewinnen. Endlich

warf er alle deutschen Träume hinter sich, und trat als Commis in

ein Handelsgeschäft. Sogar den deutschen Namen legte er ab, nannte

sich Richard, und ward zum Franzosen. Mit dem gesammten Frankreich

machte er den Uebergang vom revolutionären Freiheitsschwindel zum

militärischen Despotismus durch. Er ward mit dem nachmaligen General

Guilleminot bekannt, und trat in die Armee. Als sein Stiefvater 1802

nach Paris kam, hatte er eben das Patent als Offizier erlangt. Vier

Jahre später kehrte er mit dem Heere des Eroberers in das Vaterland

zurück.

So führte ein gewaltiges Weltgeschick nach langer Trennung die Freunde

zusammen, die in der Jugend dichterisch und künstlerisch miteinander

geschwärmt hatten, und dann ihre verschiedenen Wege durch die Welt

gegangen waren. Bald schlug die Stunde der Trennung wieder; Hensler

mußte dem Commando weiter folgen. An den spätern Feldzügen nahm er

Antheil. Er ging nach Spanien, stieg durch Avancement, und starb nach

geschlossenem Frieden als Oberst im Hôtel der Invaliden.

Jener Aufenthalt in Sandow im Spätherbste 1806 führte auch zu einer

nähern Beziehung zwischen Tieck und Arnim, die sich schon früher in

Halle gesehen hatten.

Ludwig Tieck Erinnerungen aus dem Leben des Dichters nach dessen mündlichen und schriftlichen Mitteilungen · 第 25 / 51 段