Frankenlandes. Sie sahen die Ruine von Berneck, Erlangen, Pommersfelde
wieder, und das geliebte Nürnberg. Ueberall wurden alte Erinnerungen
aufgefrischt, und alte Bekanntschaften erneuert. Dann ging es nach
Bamberg, weiter nach Würzburg und durch den Spessart nach Heidelberg,
wo sie Daub und Creuzer sahen. In Heilbronn kehrten sie um. Sie gingen
durch das Kocherthal, und im Andenken an Götz und Goethe, den Helden
und den Dichter, besuchten sie Jaxthausen. In Kissingen standen sie am
Grabe der Auguste Böhmer, und kamen endlich nach Liebenstein, wo sie,
wie verabredet worden, mit Hardenberg wieder zusammentrafen.
Durch diesen wurden sie dem Herzoge von Sachsen-Meiningen vorgestellt.
Diesem begegnete Tieck bald darauf in einer Breterbude, wo ein
Marionettentheater aufgeschlagen war, das er selbst nicht unbesucht
lassen konnte. Hier saß der Herzog als Zuschauer, um einen rohen
Kunstgenuß mit Badegästen, Soldaten und Bauerndirnen zu theilen, mitten
in einem undurchdringlichen Tabacksdampfe, den er selbst nicht wenig
vermehrte.
Zufällig ward Tieck in einem öffentlichen Garten auch mit dem
Schriftsteller Cramer bekannt, der als Forstmeister im Meiningischen
lebte. Als unerschöpflicher Autor roher und geschmackloser
Ritterromane, war dieser Mann oft Gegenstand seiner humoristischen
Angriffe gewesen, wie ein Anderer desselben Schlages, den er früher in
Tharand gesehen hatte, Schlenkert. Im eifrigen Gespräche saß Cramer im
Kreise seiner Bekannten. Das Gesicht war pockennarbig, der Ausdruck
platt und gewöhnlich, die Stimme hart und rauh. Die Pausen der Rede
füllte er durch lange Züge aus einer großen Meerschaumpfeife; in dicken
Qualmwolken blies er den Rauch umher. Er sprach in einer sonderbaren
Mischung der überschwänglichsten und niedrigsten Redensarten,
Schimpfwörter wurden in seinem Munde zum Ausdrucke der Anerkennung. Er
erzählte von seinen alten Freunden. Es waren alle herrliche, erhabene,
idealische Kraftmenschen; sie schienen die Urbilder seiner Ritter und
Kämpen zu sein. Leider hatten die meisten von ihnen im Gefängnisse
oder im Krankenhause ein elendes Ende genommen. Einen pries er vor
Allen, welcher die größten undenkbarsten Gedanken gedacht habe; er
würde ein ganz idealischer Mensch gewesen sein, wenn er nicht einen
übelriechenden Athem gehabt hätte.
Doch die Reise sollte mit einem Abenteuer enden, dem Schiffbruche
ähnlich, welcher zehn Jahre früher die studentische Fahrt durch das
westliche Deutschland beschlossen hatte. An der Bank zu Liebenstein
wollte Burgsdorff sein Glück versuchen. Doch binnen kurzer Zeit verlor
er bis auf einen dürftigen Rest das gesammte Reisegeld. So schnell
als möglich eilte man nach Dresden, wo man Freunde und Unterstützung
zu finden hoffte. Aber das Geld schmolz noch schneller. In Chemnitz
mußten die Reisenden ihr Gepäck als Pfand zurücklassen, doch zum Glück
fanden sie in der letzten Nacht in einem einsam gelegenen Forsthause
gastfreie Aufnahme. Sie waren froh, Dresden endlich zu erreichen. Noch
einmal war es ein Abenteuer aus der Jugendzeit, und wenn auch reich
an Unbequemlichkeiten, dennoch unterhaltend und in der Erinnerung ein
trefflicher Spaß.
4. Ein Naturdichter.
Als Tieck in den folgenden Monaten in Dresden verweilte, gab es ein
heiteres Erlebniß, welches sich den Reiseerinnerungen wohl anschloß. Er
machte die Bekanntschaft des gefeierten Naturdichters Hiller.
Es war eine eigenthümliche Fügung, daß dieser Mann ihm gewissermaßen
gegenübergestellt wurde. Wenn Jemand, war Tieck ein Dichter von Natur
und der Natur. Er hatte die Poesie geübt, ehe er ihre Bedeutung
kannte, sie war sein Leben selbst. Jetzt fand sich ein Mann, den viele
Aesthetiker von Fach für einen wirklichen Dichter erklärten, wie er
unmittelbar aus der Hand der Natur hervorgegangen sei. Sie staunten
ihn wie ein Wunder an, weil er, ohne den Schulcursus der Bildung
durchgemacht zu haben, darauf verfallen war, einige Reime miteinander
zu verknüpfen, um gewöhnliche Betrachtungen auszusprechen, die sich in
schlichter Prosa hätten besser sagen lassen. Die Verherrlichung eines
solchen Naturtalents hätte trefflichen Stoff für ein Capitel in der
Literatur der Schildbürger gegeben.
Hiller war nacheinander Fuhrmann, Strohflechter und Ziegelstreicher
gewesen, als er in die Hände bildungseifriger Menschenfreunde gerieth,
die ihn für ein Genie hielten, weil er Wieland’s Schriften las und
zu einigen Reimen angeregt wurde. Seine Gönner erwiesen ihm einen
zweideutigen Dienst, als sie ihn aus dem engen Leben herausrissen und
nach Berlin brachten. In ihrem Eifer ruhten sie nicht eher, als bis er
bei Hofe vorgestellt wurde. Dadurch wurde sein Ruf in weitere Kreisen
verbreitet; nur ein ausgezeichneter Mann konnte so geehrt werden.
Auch die Wissenschaft, die eben aufkommende Schädellehre, deren Orakel
man anzustaunen begann, nahm sich des Genies an. Gall hatte an diesem
Dichter seine Demonstrationen gemacht, und seine Lehre wurde durch die
Natur selbst bestätigt. Er fand das Dichterorgan an ihm ausgebildet.
Hiller, so erzählte man, hatte vor dem Katheder Gall’s gesessen, und
dieser sollte die Zuhörer darauf angeredet haben: „Sie werden an
diesem Manne durchaus nichts Bemerkenswerthes finden; es könnte sogar
scheinen, er sei ein dummer Mensch. Dennoch ist er im Gegentheil ein
großer Dichter!“
Tieck sah den bewunderten Naturdichter zuerst in Dresden im Theater,
wo er Gegenstand der Neugier ward. Man gab ein schlechtes Ritterstück,
„Kunz von Kaufungen“, dessen Verfasser ein gewisser Naumann war. Es
machte auf den Natursohn einen bedeutenden Eindruck. Er erklärte es für
ein treffliches Werk, und meinte, der Verfasser müsse ein Genie sein;
er habe nicht geglaubt, daß ein berühmter Kapellmeister zugleich ein
großer Dichter sein könne.
Einige Tage darauf kam er zu Tieck, das Handwerk zu grüßen. Er sammelte
Subscribenten für seine Gedichte, die als Beweis seines Talents
herausgegeben werden sollten. Mit naiver Zuversicht behandelte er Tieck
als seines Gleichen. Als dieser bemerkte, wie lästig das Sammeln von
Subscribenten sei, ein Zeichen der Abhängigkeit des Schriftstellers vom
Publicum, das ihn schließlich vergesse, antwortete mit schlauer Miene
der Naturdichter zu seinem Troste: „Neh! Hören Se, wir zwee Beede sind
dadrüber weg!“
5. Schmerz und Krankheit.
Die Sommerreise im Jahre 1803 war eine geistige Erfrischung gewesen,
deren Tieck in seinem Trübsinn gar sehr bedurfte. Er litt nicht allein;
schon seit längerer Zeit sah er auch seine Schwester leiden. Ihre Ehe
mit Bernhardi war keine glückliche; man wünschte auf beiden Seiten
eine Trennung. Auch Tieck zerfiel jetzt mit dem alten Freunde. Die
Gesundheit seiner Schwester war tief erschüttert; sie mußte sich aus
der Lage, in der sie sich befand, herausreißen. Ein südliches Klima
sollte sie aufsuchen, am liebsten zu ihrer Herstellung nach Italien
gehen. Sie wünschte dringend, der Bruder möge sie begleiten, der wie
sie der Stärkung bedurfte.
Zunächst beschloß Tieck, mit der Schwester nach München zu reisen,
wo man dem ersehnten Lande des Südens soviel näher war. Hier
verschlimmerte sich ihr Zustand seit dem Herbste 1804. Ihr Leben war in
Gefahr, eine weitere Reise unmöglich; man mußte sich, so gut es gehen
wollte, heimisch zu machen suchen.
Manche Bekanntschaft ward indeß angeknüpft, mit Radlof, dem
wunderlichen Sprachforscher, mit Sailer, dem frommen Bischofe, endlich
mit Franz Baader, der für Tieck durch seine theosophische Weisheit der
Merkwürdigste war.
Als er den Philosophen zum ersten Male aufsuchen wollte, führte ihn
der Zufall irre; statt zu Baader kam er zu Babo, der als Verfasser des
„Otto von Wittelsbach“ damals der Bekanntere war. Früher würde ihm der
Mann anziehender gewesen sein als jetzt. Er fand den Schriftsteller
mitten unter den Apparaten für seine ritterlichen Dramen sitzend. An
den Wänden des Zimmers hingen Waffen des Mittelalters. Nach einem
gleichgültigen Gespräche verließ er ihn, um den rechten Baader zu
suchen.
Selten mag Jemand ein größeres Talent für die augenblickliche Rede
besessen haben als Baader, und niemals trat es glänzender hervor,
als wenn es Gegenstände tiefsinniger Wissenschaft, der Religion, der
Philosophie betraf. Unaufhaltsam flossen dann seine Worte, jeden
Einwurf brachte er zum Schweigen, die Gewalt seiner Ueberredung riß
mit sich fort. Das nächste Thema, was beiden am Herzen lag, war
Jakob Böhme. In einem dreistündigen Monologe ergoß sich Baader; die
Unterhaltung hörte auf. Alles Verwandte aus andern Mystikern, was er
sonst über sie gelesen hatte, war ihm gegenwärtig. Er zeigte eine
umfassende Gelehrsamkeit in dieser Literatur, und Fülle der Gedanken,
mystischen Tiefsinn. Doch war es selbst für Tieck’s damalige Ansichten
des Geheimnisses, der orakelmäßigen Dunkelheit zu viel. Er vermochte
ihm in die verschlungenen Gänge seiner Speculation nicht zu folgen.
Später zeigten sich auch Schwächen, Widersprüche und Sonderbarkeiten.
Er war ein erregbarer, schwer zu fassender Charakter, der oft
unerklärlichen Einflüssen unterlag. Philosophischer Tiefsinn und
Aberglaube, Haß und Liebe verbanden und durchkreuzten sich.
Größere persönliche Wichtigkeit erhielt die Freundschaft mit Rumohr. Im
Frühjahr 1805 kam dieser nach München. Enthusiastisch, rasch wechselnd
in Gefühlen und Ansichten, schwankte er, weniger unentschlossen als
zu lebhaft erregt, stets zwischen entgegengesetzten Richtungen.
Doch für das Studium der Kunst und ihrer Geschichte hatte sich sein
Talent bereits entschieden. Tieck’s Dichtungen kannte er, und als er
dessen Anwesenheit in München erfuhr, eilte er ihn zu sehen. In der
Begeisterung für die deutsche Kunst begegneten sie sich. Beim Abschiede
schenkte ihm Rumohr als erstes Zeichen der neuen Freundschaft ein Bild
Albrecht Dürer’s in altem Holzdruck.
Bei wiederholten Besuchen glaubte Tieck zu erkennen, daß auch
Rumohr sich in gedrückter Stimmung befinde. Endlich erfuhr er,
sein neugewonnener Freund sei im Augenblicke in nicht geringer
Verlegenheit. Er habe die Heimat verlassen, um katholisch zu werden
und in ein Kloster zu gehen, da er der Welt überdrüssig sei; in einem
zurückgelassenen Briefe habe er dies den Seinigen angezeigt. Diese
schienen sich in Folge dessen von ihm losgesagt zu haben, und er sei
für jetzt mittellos. Den raschgefaßten Entschluß mochte er schon
bereuen, denn er ließ sich von Tieck, der zu helfen versprach, soweit
er es vermöge, bereden, durch einen versöhnenden Brief an seine Familie
den Frieden herzustellen. Auch er war ein unberechenbarer Charakter.
Ein Gedanke, ein Gefühl beherrschte ihn stets ausschließlich. Dann gab
es für ihn kein zweites. Er schien nie anders gewesen zu sein, nie
anders sein zu können. Doch eine unscheinbare Veranlassung reichte hin,
ihn in die entgegengesetzte Stimmung hineinzuwerfen, und es wiederholte
sich auf der andern Seite dieselbe Erscheinung. Er war gutmüthig,
liebenswürdig, aufopfernd; dann plötzlich kalt, fremd, abstoßend.
Es war nicht mehr derselbe Mensch. Er war bescheiden und anmaßend,
nachgiebig und hochfahrend, wankelmüthig und eigensinnig, Cyniker und
Elegant, Demokrat und Aristokrat zugleich. Gegen Tieck zeigte er die
freundschaftlichste Ergebenheit, und bald fand er Gelegenheit, sie
durch die That zu bewähren.
Noch war Tieck’s Schwester nicht hergestellt, als er selbst
lebensgefährlich erkrankte. Die Gicht, die ihn seit Jena heimsuchte,
trat mit nicht gekannter Heftigkeit auf. Wahrscheinlich hatte
schon früher eine äußere Veranlassung die Krankheit vollständig
entwickelt. Ohne ein Jagdliebhaber zu sein, hatte er einmal an einer
Entenjagd Theil genommen. Mit durchnäßten Kleidern mußte er sich dem
Zugwinde aussetzen; auf dem Leibe waren sie ihm getrocknet. In den
verschiedensten Gestalten erschien jetzt die Krankheit, bald als
reißender Gliederschmerz, bald warf sie sich auf die innern Theile.
Auch der Gesundheitszustand der Schwester verschlimmerte sich. Es hieß,
nur in Italien werde sie Rettung finden, sobald irgend thunlich, sollte
sie abreisen. Er selbst stimmte diesem Rathe bei. Man hatte den jüngern
Bruder gebeten, ebenfalls nach München zu kommen. In dieser Hoffnung
trat die Schwester die Reise an.
Jetzt nahm sich Rumohr, der mit Tieck zusammenwohnte, des Kranken mit
unermüdlicher Sorgfalt an. Nicht Tag, nicht Nacht wich er von seinem
Lager, er schaffte herbei, was ihm Erleichterung gewähren konnte,
er bewachte und pflegte ihn mit der Treue eines Bruders. Tieck litt
wie noch nie. Des Gebrauchs der Glieder war er beraubt, Schmerzen,
Fieberhitze, die furchtbarsten Träume quälten ihn unablässig. Die ganze
Gewalt seiner Phantasie war entfesselt. Mit zerschlagenen Gliedern,
als Leiche sah er sich auf weitem Schlachtfelde, in tausendfacher,
grausiger Wiederholung.
Sein Arzt war ein Brownianer, und behandelte ihn mit den stärksten
Mitteln. Während den Kranken ein unauslöschlicher Durst quälte, war
ihm jedes Getränk auf das strengste untersagt. Seinen lauten Klagen
setzte der Arzt die Forderung der Geduld und die Vertröstung auf einen
baldigen bessern Erfolg entgegen. Aber er lechzte nach einem Tropfen
Wasser, er sah und träumte nichts als kühlende Getränke, Citronen und
Orangen. Endlich beschloß er, der Sache auf eigene Hand ein Ende zu
machen. Eines Morgens ließ er sich ein großes Glas frischen Wassers
bringen, eine Limonade mußte bereitet werden. Mit unersättlicher
Gier trank er in wenigen Zügen die ganze Masse aus. Ein solcher Trank
konnte nicht ohne Wirkung bleiben; er fing an sich leichter, ruhiger
zu fühlen. Als der Arzt erschien und seinen Zustand sah, verkündete er
mit triumphirender Miene, das sei der verheißene Erfolg seines Systems.
Das war dem Kranken zu viel. Nicht ohne Ingrimm erzählte er, nicht
seinem Systeme, sondern der Limonade verdanke er die Erleichterung.
Voll Verwunderung meinte der Arzt jetzt, in Folge der Menge genossenen
Wassers hätte er eigentlich den Tod haben müssen, worauf ihm Tieck
andeutete, daß er nach solchen Erfahrungen auf seinen fernern Rath mit
Vergnügen verzichte.
Trotz der Schmerzen erwachte doch die Sehnsucht nach literarischer
Beschäftigung. Zuerst nahm er die altdeutschen Studien wieder
auf. Schon früher war er von den Minnesängern zu den Nibelungen
übergegangen, er hatte sie eifrig gelesen und sich an den nationalen
Heldengestalten gestärkt. Mit A. W. Schlegel war mancher Brief darüber
gewechselt worden. Bei vorschreitendem Studium zog er die nordischen
Poesien, die Edda, die Wilkinasage in seinen Kreis. Zuletzt war ihm
der Gedanke entstanden, auch dieses Heldenlied nachzudichten. Da er
Lücken zu entdecken glaubte, beschloß er nach Anleitung der verwandten
Sagen zu ergänzen und abzurunden. In erneuter Gestalt sollte das alte
Volksgedicht erscheinen. Schon im Winter 1804 las er in Ziebingen
die ersten Proben dieser Umarbeitung dem Grafen Finkenstein vor. In
München hatte er die Schätze der Bibliothek benutzt. Von dem schlechten
Abdrucke bei Müller war er auf die dortige Handschrift zurückgegangen,
und erkannte nun die strophische Form, auf welche A. W. Schlegel schon
früher aufmerksam gemacht hatte. In der Genesung begann er die Arbeit
von neuem. Noch war er zu schwach, die Feder selbst zu führen, seine
Hand war gelähmt. Daher übernahm es Rumohr, nach seinem Dictate die
Verse niederzuschreiben.
Aus den Unterhaltungen mit diesem ergab sich für ihn ein neuer Stoff.
Viel und eifrig beschäftigte sich Rumohr mit italienischer Literatur,
besonders mit der ältern Novelle. In Bandello’s Sammlung fand er eine
Erzählung, die ihn anzog; sie behandelte die Geschichte Balduin’s,
des ersten lateinischen Kaisers von Konstantinopel. Unter dem Titel
„Der griechische Kaiser oder die hochgehängte Hoffart“ wollte er sie
in Versen bearbeiten. Aber abspringend, wie er war, ward er bald des
Dinges überdrüssig; dagegen fing Tieck an, diesen Stoff zu gestalten.
Zuerst wollte er ihn in der Weise der spanischen Dramen darstellen.
Indeß auch er kam in seinem krankhaften Zustande zu keinem bestimmten
Ergebnisse, und dieser Plan blieb liegen, bis er dreißig Jahre später
in ganz anderer Gestalt in der bekannten Novelle zur Ausführung kam.
Endlich traf Friedrich Tieck in München ein, und übernahm die Sorge für
den Kranken, der allmälig zu genesen begann.
Jetzt trat auch der Gedanke, der Schwester nach Italien zu folgen,
in den Vordergrund. Die Aerzte verordneten den Gebrauch der Bäder
von Pisa, und verhießen Herstellung unter dem lauen italienischen
Himmel. Längst waren Friedrich Tieck’s sehnlichste Wünsche dahin
gegangen. Auch Rumohr, der den Plan mit Eifer ergriff, hoffte seine
Kunststudien dort fortzusetzen. Auf seinen Betrieb gesellten sich die
Gebrüder Riepenhausen, als Zeichner und Maler bekannt, zu ihnen. Eine
vollständige Reisegesellschaft hatte sich zusammengefunden.
Aber unvermuthet schlug es bei Rumohr um. Er, der die Sache am
eifrigsten betrieben hatte, erhob allerlei Einwendungen. Die
neugeworbenen Reisegefährten misfielen ihm, er zeigte sich verletzt und
empfindlich, und erklärte endlich, zur Reise jetzt keine Zeit zu haben.
Längst habe er gewünscht, gründlich Hebräisch zu lernen, es biete sich
nun eine treffliche Gelegenheit dar, die er nicht dürfe vorübergehen
lassen; er habe einen gelehrten alten Juden kennen gelernt, der bereit
sei, ihn zu unterrichten. Nun beschloß Friedrich Tieck, den Reiseplan
um jeden Preis zu retten. Er besaß die Gabe eines nachdrücklichen
Freimuths, der, wo es erforderlich war, in die offenste Grobheit
übergehen konnte. Mit der ganzen Kraft dieser Beredtsamkeit setzte
er Rumohr auseinander, wie es seine Pflicht sei, bei der getroffenen
Verabredung zu bleiben, wie er sich überhaupt ändern müsse, wenn er
sich durch sein unstetes, abspringendes Wesen nicht zu Grunde richten
wolle. Auf diese Ermahnungen ging Rumohr wirklich in sich. Endlich
waren alle Vorbereitungen glücklich beendet, und im Sommer 1805 brachen
sie nach dem gelobten Lande auf, in dem sie Kunst, Heilung und Frieden
zu finden hofften.
6. Der italienische Himmel.
Ihr Weg führte sie durch Tirol nach Trient, dann nach Verona, dessen
Mauern schon die reichsten Erinnerungen einschlossen. Hier war
die große Arena. In einem armseligen Ausschnitte, der mit Bretern
abgeschlagen war, sahen sie Werther’s und Lottens Geschichte, die
zum italienischen Familienstücke umgewandelt war, unter reichlichem
Thränenergusse der Zuschauer darstellen. Sie sahen die prächtigen
Denkmäler der Scaliger und den dürftigen Stein, welchen man als Julia’s
Grab zeigt. Dann gingen sie über Mantua nach Florenz. Der Gebrauch
der Bäder in Pisa mußte aufgegeben werden, da man den Aufenthalt
daselbst in der heißen Jahreszeit allgemein widerrieth. Endlich
betraten sie Rom. Tieck war in jener ewigen Stadt, wo die Strömungen
des christlichen und antiken Lebens zu einem gewaltigen Weltstrome sich
verbinden!
In Begleitung des Bruders und ergebener Freunde war er gekommen, die
Schwester und andere Freunde sollte er finden; unter diesem Himmel war
ihm Genesung verheißen, nach dieser Natur, nach diesen Kunstwerken
hatten alle Wünsche hingedrängt, wie hatte er sich gesehnt, aus dieser
Quelle des Lebens den heißen Durst zu löschen! Hier, so schien es, wenn
irgendwo auf der Erde, mußte er finden, was er suchte. Noch auf der
Reise hatte er mit heftigen Anfällen der Krankheit gekämpft und einige
Male gefürchtet, zurückbleiben zu müssen.
Die Wohnung, welche er am Monte-Cavallo bezog, trug den heitern
italienischen Charakter. Schon der Blick aus dem Fenster auf den
kleinen Garten vor der Thür, wo zwischen Orangen- und Citronenbäumen
friedlich und still zwei Springbrunnen rauschten, erquickte ihn. Wie
anders war es hier, als unter den Kiefern der Heimat! Aber er war
derselbe mit seiner Krankheit und seinem Grame. Hier im Lande seiner
Sehnsucht, mitten in dem Reichthume dieses Lebens, ergriff ihn wieder
ein schmerzliches Heimweh nach dem dürftigen und geschmähten Boden, an
dem dennoch sein Herz hing, und auf dem so Vieles lebte, was ihm theuer
war.
So ward ihm auch die erste Zeit in Rom zu einer unendlich traurigen.
Mit Schmerzen ringend, schlich er am Stocke durch die Straßen, über die
Plätze. Oft trat die Gicht in den Arm, in die Hand, welche, auf dem
Stocke ruhend, die ganze Wucht des schweren und hinfälligen Körpers
zu tragen hatte. Durch die Eindrücke, welche er erhielt, wurden ihm
diese mühseligen Spaziergänge zur zwiefachen Qual. In den Straßen Roms
kehrten ihm die angstvollen Empfindungen seiner Jugend wieder. Wenn er
zwischen den Palästen und Ruinen hinging, von denen er oft geträumt
hatte, und sich sagte, jetzt stehe er auf dem Boden Roms, wenn er auf
sich und seine Hülflosigkeit sah, wie die Last der Krankheit ihn zu
Boden drückte, dann erfaßte ihn eine unnennbare Angst, ein Entsetzen
vor sich selbst, vor den Dingen, die ihn umgaben. Fremd, gespenstisch,
traumartig erschienen sie. Alles verkehrte sich. Seine Jugend mit ihrer
Sehnsucht war die Wirklichkeit, die Gegenwart ein Traum, aus dem er
vergeblich zu erwachen rang. Mußte er so hier erscheinen, gebrochen,
das Herz von Gram erfüllt, er, der einst kräftige, begeisterte
Jüngling? War er es wirklich? Schadenfroh erhob sich aus seinem Innern
eine Stimme: „Was du einst so inbrünstig gewünscht hast, ist dir jetzt
zu deiner Pein gewährt.“
Qualvoller noch waren die Nächte, wenn er umsonst die Augen schloß,
und der Schmerz ihn wach erhielt, bis der Morgen graute. Da murmelten
die Springbrunnen so traurig, und in das Rauschen des Windes hallten
eintönig klagend die Glocken der nahen Klöster hinein. Es war die
schwermüthige Begleitung seiner trüben Gedanken. Jeder alte Gram stieg
wieder in seinem Herzen auf, und er ward ihm von neuem zur Beute. Oft
brach er in heiße Thränen aus, die doch keine Linderung brachten. War
er endlich eingeschlafen, so begann eine neue schrecklichere Qual. Die
gräßlichsten Bilder kamen ihm in seinen Träumen. Sie verfolgten ihn am
Tage; er wagte nicht daran zu denken, noch weniger davon zu sprechen,
und doch standen sie vor ihm und wichen keinem Wechsel der Gegenstände.
So begann sein Tag und endete mit Schmerzen; Furcht und Entsetzen
lösten einander ab, er schien gekommen um ganz elend zu werden. Und
dieser grauenhafte Zustand dauerte Wochen, Monate lang.
Genesung sollte er unter dem italienischen Himmel finden! Und er fand
sie trotz jener furchtbaren Angst, die ihn wieder bis zum Wahnsinn
fortzureißen drohte. Seine ursprünglich starke Natur arbeitete sich
durch Krankheit und Schwermuth durch. Dazu that die italienische
Sonne das Ihre; allmälig erweckte sie die gesunkene Lebenskraft.
Instinctmäßig suchte er sonnige Plätze und Straßen auf. Stunden lang
setzte er sich mit Behagen den vollen Sonnenstrahlen aus, und ließ sich
durchwärmen, niemals konnte es ihm zu heiß sein. Mit Verwunderung sahen
selbst Römer dem kranken Spaziergänger nach, der an der Spanischen
Treppe in der Mittagssonne unermüdlich auf- und niederging. Diese Cur
schlug endlich an.
Mit der allmäligen Befreiung kehrte die Theilnahme am Leben wieder.
Sein Auge, das der Schmerz geschlossen hatte, öffnete sich der großen
Gegenwart, die ihn umgab. Jetzt erst sah er im Vatican die Werke
Rafael’s, und alle Denkmale, zu denen er schon vor Jahren seinen
Sternbald geführt hatte; Michel Angelo’s jüngstes Gericht und die
Peterskirche, die er verherrlicht hatte, ohne sie gesehen zu haben.
Auf dem Capitol und in den Riesenbauten des Colosseums trat ihm der
alte Römergeist näher als jemals zuvor. In diesen Trümmern fand er jene
Größe, welche moderne Forscher ihm bisher vergebens gepriesen hatten.
Auch das Grab der Cäcilia Metella suchte er auf, jene Gegend, die er
zum Schauplatz einer furchtbaren Episode im „Lovell“ gemacht, und die
er als Jüngling zu beschreiben gewagt hatte. Hier mußte er staunen, wie
nahe er der Wirklichkeit gekommen war, er glaubte nicht zum ersten Male
unter diesen Ruinen zu stehen.