über die Anerkennung der katholischen Kirche gehört und gelesen hatte,
kam zu einem unerwarteten Durchbruch. Mit demselben ausschließlichen
Eifer, mit welchem er vorher an dem Lutherthum gehangen hatte, umfaßte
er nun den Katholicismus. Nur hier war die Wahrheit, nur im Schoose
dieser Kirche Friede und Seligkeit. Bald darauf trat er über, und
verbannte sich dadurch aus seinem Vaterlande für immer. Er heirathete
eine ältere Schwägerin Tieck’s, und zog auch diese zu sich herüber.
Sein Bekehrungseifer war erwacht. Alles was er je aus Tieck’s Munde
gehört hatte, wandte er nun gegen ihn. Er sah in ihm einen schwachen
und unentschiedenen Anhänger des Glaubens. Mündlich und schriftlich
forderte er ihn auf wiederzukehren in den Schoos der wahren Kirche,
als berühmter Mann ein großes Beispiel der Bekehrung zu geben, das von
den glänzendsten Folgen begleitet sein werde. Nur mit Mühe erwehrte
sich Tieck dieser Zumuthungen. Auf die Anerkennung des tiefen Sinnes,
der in jeder echten Frömmigkeit ruht, welche Formen sie haben möge, war
es ihm angekommen. Seine Neigung zum Mystischen, ein lebhaftes Gefühl
der Gerechtigkeit hatten ihn getrieben, den alten Glauben der von den
Aufgeklärten geschmähten katholischen Kirche anzuerkennen. Aber weil er
dies that, sollte er darum seine Freiheit dem System, das jene Schätze
bewahrte, aber in drückender Weise verwaltete, unterwerfen?
Aus diesen Erfahrungen ging im Jahre 1802 der Entwurf einer Dichtung
hervor, welche einen ähnlichen Bildungsgang darstellen sollte. Ein
Jüngling begegnet den Verkündigungen des Wunders und der Heiligkeit
der Religion, die er aus dem Munde eines Greises vernimmt, mit Spott
und Zweifel. Niemals sind ihm ähnliche Gedanken gekommen. Aber seine
Augen öffnen sich, die neue Offenbarung erfüllt bald sein Herz. Als ein
Umgewandelter kehrt er zu dem Greise zurück, und verlangt die Aufnahme
in die Kirche, welche er jetzt erst hat schätzen lernen. Aber nun
eröffnet ihm der Greis zum zweiten Male ein neues Verständniß. Er klärt
ihn darüber auf, wie er im Begriffe sei statt des Ewigen eine andere
endliche, dem Mangel und Irrthum unterworfene Form zu ergreifen; er
heißt ihn heimgehen und den gefundenen Schatz in seinem Innern bewahren.
Um diese Zeit machte Tieck auch die Bekanntschaft einiger Maler, die
eine ähnliche Richtung hatten; es waren Hartmann, Fridrich, und Philipp
Otto Runge. Die beiden letzten, aus Schwedisch-Pommern gebürtig, in der
Malerei vornehmlich der Landschaft zugewendet, machten diese zum Träger
einer mystischen Symbolik. Besonders Runge hatte einen eigenthümlichen
Mysticismus der Farben ausgebildet, in dem Kunst, Religions- und
Naturphilosophie ineinander verschwammen. Er war tiefsinnig, streng
gläubig, doch fern von aller Kopfhängerei, jugendlich kräftig,
witzig und heiter. Schon früher hatte der „Sternbald“ einen tiefen
Eindruck auf ihn gemacht; er schätzte sich glücklich, jetzt mit dem
Dichter selbst befreundet zu sein, denn so gestaltete sich bald das
Verhältniß beider. Tieck bewunderte ebenso sehr seinen Tiefsinn wie
sein Talent, und nahm lebhaften Antheil an den berühmten symbolischen
Kupferstichen, die vier Tageszeiten, die damals eben im Entstehen
waren. Später sagte er von ihm, er habe die spielende Arabeske zu einem
philosophisch-religiösen Kunstausdruck erziehen wollen.
Auch Lafontaine, den er zur Zielscheibe seiner literarischen Satire
gemacht hatte, lernte er während eines kurzen Aufenthaltes in Leipzig
kennen. Eines Abends war er bei Mahlmann, dem Buchhändler und
Schriftsteller, der auch zu den Gegnern Kotzebue’s gehörte. Hier traf
er, außer F. Schlegel und einigen andern Bekannten, einen Mann, den nur
der Zufall in diese Gesellschaft geführt haben konnte, da er mit den
Wortführern unter den Anwesenden offenbar unbekannt, sich mit großer
Unbefangenheit über seine eigenen schriftstellerischen Leistungen
aussprach. In diesem fetten, rothen Manne hätte Niemand Lafontaine,
den Verfasser so vieler thränenreicher Romane vermuthet. Endlich mußte
ihm klar geworden sein, in welche bedenkliche Gesellschaft er gerathen
sei, denn er entfernte sich stillschweigend. Kaum war er gegangen,
als eine Flut des Gelächters und der Spottreden hinter ihm losbrach,
über seine Romane, seine Persönlichkeit und Autoreitelkeit. Plötzlich
aber wurde dieser Muthwille durch eine wohlbekannte Stimme mit den
Worten unterbrochen: „Lieber Mahlmann, ich kann aus Ihrem Hause nicht
hinausfinden!“ Es war Lafontaine, der unerwartet wie der steinerne
Gast in der lustigen Gesellschaft wieder erschien. Da er die Hausthür
verschlossen gefunden hatte, war er zurückgekehrt, und hatte, unbemerkt
hinter den Kritikern stehend, ihre schonungslosen Reden eine Zeit lang
schweigend angehört. Schnell unterbrach Schlegel die augenblickliche
Bestürzung mit den Worten: „Da geht es Ihnen hier gerade so wie in
Ihren Romanen, da können Sie sich auch nicht hinausfinden.“ Und nun
fand Lafontaine den Weg aus dem Hause um so rascher.
Es war stets eine Erholung für Tieck, wenn er dem steifen Ernste der
großen Bühne, die er in Dresden nicht besser fand als in Berlin,
entfliehen und sich an den harmlos volksthümlichen, oft auch wahrhaft
albernen Spielen der Bretertheater in den Vorstädten erheitern konnte.
In Dresden erwies ihm das Sommertheater auf dem Linke’schen Bade,
wo eine wandernde Truppe spielte, diesen Dienst. Hier sah er das in
seiner hohen Abgeschmacktheit kindisch unbefangene Liederspiel „Das
Donauweibchen“, welches zu den beliebtesten Stücken des Tages gehörte.
Einige von diesen Gestalten faßte er auf, und suchte sie zu Trägern
eines phantastischen Märchens umzubilden. Auch entwarf er den Plan zu
einer dramatischen Bearbeitung der „Magelone“, die zwischen „Octavian“
und „Genoveva“ in die Mitte treten sollte, und eine Tragödie „Niobe“
wollte er im Wettkampfe mit den Schlegel, die diesen Stoff ebenfalls zu
behandeln dachten, schreiben. Zugleich trug er sich seit 1797 mit dem
Gedanken eines Romans „Alma“, in dem er die Liebe, wie im „Sternbald“
die Kunst, verherrlichen wollte. Rasch, wie wechselnde Bilder, gingen
diese Pläne durch seine Seele.
Endlich kam ein anderer Gedanke zur Ausführung, den er schon 1800
mit A. W. Schlegel gemeinschaftlich gefaßt hatte, die Herausgabe
eines Musenalmanachs. Daß dieser für das Jahr 1802 wirklich zu Stande
gebracht wurde, war die Folge von Schlegel’s Thätigkeit und gewandter
Geschäftsführung. Schiller’s „Musenalmanach“, der dem Werthe nach bei
weitem die erste Stelle eingenommen hatte, war 1800 zum letzten Male
erschienen. Hier hatten auch die Freunde Manches beigetragen. An den
andern zahlreichen Almanachen fand sich Vieles auszusetzen. Bei der
Art, wie man sie beurtheilt hatte, bei den hohen Anforderungen, die man
machte, war es unmöglich, sich irgendeinem anzuschließen. Es entstand
daher der Wunsch, einen eigenen Musenalmanach herauszugeben, zu dem
nur die besten Freunde das Beste beisteuern sollten. Es lieferten
außer den Herausgebern Friedrich Schlegel, Schelling unter dem Namen
Bonaventura, Tieck’s Schwester und Bernhardi die hervorragendsten
Beiträge. Was außer einigen Gedichten von Novalis von Andern herrühren
mochte, war von geringerer Bedeutung. Zugleich ward diese Sammlung
zu einem zwiefachen dichterischen Todtenopfer. Es galt nicht allein
der Erinnerung an Novalis, den geschiedenen Dichter und Freund,
sondern auch an Auguste Böhmer, jenes geistvolle junge Mädchen, das
in hoffnungsvollster Jugend im Jahre 1800 dem Tode verfallen war. Zur
Herstellung ihrer Gesundheit hatte Schlegel seine Stieftochter nach
Boclet ins Bad begleitet, wo sie statt der Gesundheit den Tod fand.
Ihrem Andenken widmete er unter dem Namen „Todtenopfer“ eine Reihe von
Sonetten, die den Haupttheil des Musenalmanachs bildeten.
Durch das Studium der Mystiker war Tieck mit den allgemeinen Gedanken
des Mittelalters vertrauter geworden, es lag daher der Uebergang zur
altdeutschen Poesie in ihrer ursprünglichen Gestalt nahe. Er hatte sie
von seinem Freunde Wackenroder gewissermaßen geerbt; jetzt nahm er
sie, etwa 1801, selbständig auf. Es war ein Seitenweg des dichterischen
Lebens, den er einschlug. In diesen Werken fand seine Richtung auf das
Tiefsinnige und Eigenthümliche, die Vorliebe für das Althistorische
und für literarische Gelehrsamkeit ihre Befriedigung. Bald kam es zu
Versuchen der Uebersetzung, Nachbildung und Umdichtung. Die fremde
Dichterkraft beschäftigte ihn, während die eigene ruhte.
Zunächst zog ihn das schwäbische Zeitalter an. In der Vergessenheit
alter Drucke und Handschriften, von deren Dasein nur wenige Gelehrte
Kunde hatten, und deren noch wenigere sie werthachteten, erkannte er
die Schöpfungen einer volksthümlichen Dichtung, die aus dem Staube
hervorgezogen, dem Verständnisse der Gegenwart wieder zugänglich
gemacht werden müsse. Es kam darauf an, dem Volke die Denkmale seines
Geistes, seine eigene Sprache zu deuten. Ein solches Unternehmen war
damals, wo die Herbeischaffung der unentbehrlichsten Hülfsmittel
mit großen Schwierigkeiten verbunden war, wo man nicht ahnte, daß
sich auch hier eine Wissenschaft aufbauen könne, doppelt kühn und
anerkennenswerth. Seine Begeisterung gehörte dazu, dieses Leben aus
langem Schlafe wiederzuerwecken. An ihr haben sich dann jüngere Kräfte
entzündet. Wie auch eine spätere, klüger gewordene Kritik über diese
Versuche urtheilen möge, Tieck’s großes Verdienst ist es, den ersten
einladenden Pfad durch die romantische Wildniß, durch den grünen,
rauschenden Wald der ältern deutschen Poesie gebahnt zu haben, durch
welchen jetzt manche befahrene Heerstraße führt. Die erste Frucht
dieser Thätigkeit war die Uebersetzung der Minnelieder, die er 1803 dem
Publicum übergab.
3. Ein alter Freund.
Seit er Berlin verlassen hatte, dachte er daran, eine neue Heimat
zu suchen. Aber wie lange dauerte es, ehe er sie fand! Während die
Schwierigkeiten des Lebens wuchsen, Leiden und körperliches Ungemach
zunahmen, fehlte es ihm an einem festen Herde. Und doch wollte er sich
nicht binden.
Einen Augenblick eröffnete sich die Aussicht auf eine dauernde
Stellung und einen Wirkungskreis, der seinen Neigungen entsprach. Bei
dem Stadttheater in Frankfurt a. M. suchte man 1801 einen Regisseur,
der nicht Schauspieler, sondern dramaturgisch gebildeter Kenner des
Theaters sein sollte. Brentano, seit den Zeiten in Jena ein warmer
Freund Tieck’s, faßte den Gedanken, ihm diese Stelle zu verschaffen.
Auch Frommann, der in Frankfurt Verbindungen hatte, nahm sich der Sache
an. Durch ihn kam sie an Goethe, dessen Rath man schon bei ähnlichen
Gelegenheiten eingeholt hatte. Doch wollte dieser in einem an Tieck
gerichteten Briefe keineswegs zureden, die schwierige und schwankende
Stellung anzunehmen. Während der Verhandlungen aber eilte eine
Gegenpartei, das Amt in ihrem Sinne zu besetzen.
Bald darauf kam ihm sein alter Freund Burgsdorff wieder nahe. Seit
längerer Zeit hatten sie einander aus den Augen verloren; jeder war
seines Weges gegangen. Während Tieck dichtete und mit sich kämpfte,
hatte Burgsdorff die innere Unruhe, die Lust am vollen Leben und seinem
Genusse in die Welt hinausgetrieben; er hatte das westliche Europa
durchkreuzt. Nicht auf die gewöhnlichen Gebiete des Ehrgeizes führte
ihn seine Neigung, nicht Aemter oder Stellen zogen ihn an. Auch er
wollte frei und unabhängig sein, Erfahrung und Studium, Bildung und
Genuß miteinander vereinen, das Leben in seinen wechselnden Gestalten
an den Quellen kennen lernen. Sein abenteuerndes Reiseleben erinnerte
an jene deutschen Edelleute des siebzehnten Jahrhunderts, die erst
dann, wenn sie den reichern Süden und Westen kennen gelernt hatten, in
dem eintönigen Vaterlande, auf ihren abgelegenen Landsitzen Ruhe fanden.
Nach der Rückkehr aus Göttingen hatte er abwechselnd in Berlin und
Dresden gelebt. Er gehörte zu den geistreichen und eleganten jungen
Männern, die sich um Rahel sammelten. Dann begleitete er Wilhelm
von Humboldt mit Friedrich Tieck nach Wien und Paris. Hier lebte er
mitten im Strudel der gewaltigsten Weltbegebenheiten als stiller
und genießender Beobachter. Der Verlauf der Revolution hatte seinen
frühern Enthusiasmus abgekühlt. Im Jahre 1799 ging er nach Spanien, im
Spätherbste nach London, wo er den Winter und den Sommer des folgenden
Jahres in angenehmen Verhältnissen verlebte. Die Empfehlungen, die er
mitbrachte, die Verbindungen, welche er in der Heimat hatte, eröffneten
ihm die höhern Kreise. Mit Engländern, mit Deutschen und Franzosen
verkehrte er. Im Hause des preußischen Gesandten Jakobi fanden sich die
in London lebenden Preußen zusammen, zu denen sich auch andere Deutsche
gesellten. Hier sah er den Grafen Neal, der mit den Verhältnissen des
preußischen Hofes wohl bekannt war, die Grafen Degenfeld und Einsiedel
und den dänischen Gesandten Wedell.
Ein anderer Sammelplatz der Preußen war der kleine Hof, welchen
der Markgraf Karl Alexander von Ansbach und Baireuth in seiner
Zurückgezogenheit hielt. Nachdem er die Regierung seiner Stammlande
niedergelegt, und als der Letzte der markgräflichen Linie an Preußen
abgetreten hatte, heirathete er die Witwe des Lord Craven, und schlug
seinen Wohnsitz in England auf. Brandenburgh-House, in Benham in
Berkshire an der Themse, war als Fürstensitz von Geschmack und Eleganz
auch bei den Engländern bekannt; man rühmte den Park, die Galerien,
die trefflichen Pferdeställe. Der Markgraf führte seinen Hof mit dem
üblichen Glanze kleiner deutscher Fürsten, aber ohne Sorge und Anspruch
in einem Lande, wo man eben nicht geneigt war, Rücksicht auf ihn zu
nehmen.
Hier wurde auch Burgsdorff eingeführt. Der erste Empfang geschah am
Spieltische. Der Ton war frei und ungezwungen, und gern verweilte
er einige Tage in diesem gastlichen Hause. Der Markgraf war bequem,
gesprächig, doch nicht ohne fürstliche Haltung. Nach dem ersten Diner
zog er Burgsdorff in ein Gespräch über Deutschland und die Revolution.
Mit Heftigkeit äußerte er sich über die deutschen Universitäten; er
nannte den Geist ihrer Gelehrten einen revolutionären, besonders schalt
er auf Schlözer und dessen Staatsanzeigen. Die Markgräfin hielt die
Mitte zwischen der englischen Lady und der emporgekommenen deutschen
Prinzessin. Sie sprach sich im Sinne aristokratischer Opposition
aus. Sie klagte über den steigenden Druck der Taxen, über das damit
verbundene Herabkommen der Gentry, von dem auch ihre Familie betroffen
werde. Auch mit ihrem Sohne erster Ehe, Mr. Keppel, und einigen andern
ihrer Verwandten ward Burgsdorff bekannt. Ein alter Kammerherr, ein
Freund des Markgrafen, dessen Resident er lange Zeit in Italien gewesen
war, das Abbild eines deutschen Hofbeamten des vorigen Jahrhunderts,
geleitete ihn durch Schloß und Park. Alles war reich, bequem, fast
verschwenderisch eingerichtet. Ein kleines Theater gab es, das nach
dem Muster von Drurylane erbaut war. Auch an einer Jagdpartie fehlte es
nicht, an welcher der Gast Theil nahm.
Später wurde Burgsdorff durch den preußischen Gesandten dem Herzoge
von York, dann dem Könige Georg vorgestellt. Dies verschaffte ihm
Gelegenheit, Zeuge eines längern Gesprächs zwischen dem Könige, dem
preußischen, und dem russischen Gesandten Woronzow zu sein. Es betraf
die Revolution und einige Einrichtungen, die zu ihren Folgen gehörten,
die Departementseintheilung, den neuen Kalender und Anderes der Art.
Vor allen Dingen wünschte der Reisende Pitt, den Führer des Kampfes
gegen die Revolution, zu hören. Im Januar 1800 wurde das Parlament
eröffnet. Nach manchen vergeblichen Versuchen gelang es ihm, den
großen Mann auf seinem Schlachtfelde zu sehen. Der Gegenstand der
Verhandlungen war nicht von Bedeutung, doch redete Pitt ausführlich.
Umsomehr konnte die Aufmerksamkeit bei dem Redner verweilen. Beim
ersten Anblicke entsprach er den Erwartungen nicht, die der Beobachter
mitbrachte. Sein Wesen trug weder den Stempel des Edeln oder des
Schönen, noch hatte sein Gesicht die charakteristische Häßlichkeit
mancher anderer ausgezeichneter Menschen. Seine Bewegungen waren steif
und eckig, zuweilen streiften sie an die Caricatur. Die Stimme war
kräftig und volltönend, fast schien sie zu seinem Körper nicht zu
passen. Es war der sittliche Anstand, die Würde, die Alles durchdrang,
und ihm einen hohen Ausdruck verlieh. Er zeigte sich als Meister der
Rede im großen Stil, Inhalt und Form beherrschte er, er stand hoch über
ihnen. Seine Gründe waren schlagend; von den mildesten Aeußerungen
stieg er bis zu den kräftigsten, je nachdem es der Augenblick
erforderte. Mitunter nahm seine Rede den Lehrton an; aber dies schien
nothwendig, da er einem großen Theile des Hauses die Sache erst
nahebrachte und die leitenden Gesichtspunkte angab.
Einen merkwürdigen Kreis bildeten die französischen Emigranten, die
in großer Anzahl in London lebten. Burgsdorff verkehrte mit ihnen,
ohne in ihre übertriebenen Ansichten einzustimmen. Der bedeutendste
Mann war ohne Zweifel der Genfer Ivernois, bekannt als politischer und
nationalökonomischer Schriftsteller. Aus Frankreich verbannt, stand er
jetzt bei der schwedischen Gesandtschaft in London. Er war allseitig
gebildet und besaß hohes Talent. Ihm am nächsten kam Montansier,
ein ehemaliger Constitutioneller; der altfranzösische Emigrant in
seiner vollen carikirten Einseitigkeit war ausgebildet in dem Abbé
de Lisle. In ihrem hoffnungslosen Exil lebten diese Emigranten im
sonderbarsten Hader untereinander, der bisweilen einen erbitterten
Charakter annahm. Für sie war die wichtigste Frage, wer ~pur~ sei und
wer nicht, wie weit Jemand mit der Revolution gegangen, wie früh oder
wie spät er ausgewandert sei, oder ob er gar eine Zeit lang Dienste
genommen habe. Bei den verschiedenen Erklärungen des ~pur~ kamen
politischer Glaube und Fanatismus im vollsten Umfange zu Tage. Nach de
Lisle’s Meinung konnte Niemand darauf Anspruch machen, ~pur~ zu sein,
der je etwas von der englischen Verfassung gehalten, oder gar an die
Möglichkeit ihrer Einführung in Frankreich gedacht hatte. Diese galten
ihm höchstens für Moderantisten. Bailly hieß kurzweg ~scelerat~,
Bonaparte ~homme infame~.
Ueberwiegend aber nahmen Kunst und Leben im Großen den Reisenden in
Anspruch. Die Neigung der jüngern Generation in Berlin für Theater und
Literatur verließ ihn auch in London nicht. Im bunten Wechsel eines
geräuschvollen Weltlebens behielt er Zeit genug, den Shakspeare mit
Eifer zu lesen. Häufig besuchte er die Theater; er sah Kemble als
Richard III., die Siddons in ihren Hauptrollen in Shakspeare’schen
Stücken. Er besuchte Kirchen, Galerien und Fabriken, versäumte Märkte
und Ausstellungen nicht, war Zuhörer bei den Proceßverhandlungen, und
Zuschauer, wenn Gehenkte vom Galgen losgeschnitten wurden. Nach allen
Seiten hin machte er sich mit dem Leben der Weltstadt bekannt. Endlich
folgte eine Reise in die Provinzen und nach Schottland. Dazu hatte er
sich mit Ivernois und einem Landsmanne, dem Landrathe von Vincke aus
Minden, verbunden. Man besuchte Oxford und Birmingham, die Höhle von
Castleton, sah die alterthümlichen Schlösser und Landsitze reicher und
kunstliebender Lords, und hielt sich einige Zeit in Edinburg auf. Von
hier gingen sie nach den Hochlanden. Bald darauf kehrte Burgsdorff nach
der Heimat zurück, die er seit mehreren Jahren nicht gesehen hatte.
Er wollte versuchen, auf seiner Scholle das stillere Leben des
Ackerbauers, des Jägers zu führen. Ihm gehörte das Gut Ziebingen
in der Neumark. Bald indeß verkaufte er es an seinen Oheim, den
Grafen Finkenstein. Im Jahre 1801 sah er nach langer Trennung seinen
melancholischen Jugendfreund in Dresden wieder. Beide hatten Vieles
und sehr Verschiedenes erlebt, beide waren in mancher Hinsicht anders
geworden, und doch im Grunde dieselben geblieben. Aber auch die alte
Freundschaft war dieselbe. Dringend forderte Burgsdorff den Freund auf,
ihm nach Ziebingen, wo er noch wohnte, zu folgen, und eine Zeit lang
seine Heimat bei ihm aufzuschlagen. Tieck nahm diese Einladung an, und
sie ward für ihn Veranlassung zu einer neuen Freundschaft.
Im Jahre 1802 lernte er den Grafen Finkenstein in Madlitz bei
Frankfurt an der Oder kennen. Der Graf war ein gebildeter und würdiger
Mann. Ein Sohn jenes bekannten Ministers Friedrich’s des Großen, hatte
er früher die juristische Laufbahn eingeschlagen, als Rath an dem
berühmten Processe des Müllers Arnold Antheil genommen und sich fest
und unerschrocken gezeigt. Jetzt hatte er den Staatsdienst verlassen,
und lebte auf seinen Gütern, deren Verwaltung neben literarischen
Studien und Liebhabereien seine Muße füllte. In Madlitz legte er
einen berühmten Park an. Den Landbau übte er praktisch, dabei las
und studirte er die ländlichen Dichter der Römer und Griechen,
und versuchte sie sogar zu übersetzen. Seine Familie war eine der
liebenswürdigsten, die Mutter wie ihre drei Töchter. Alles schien
sich vereint zu haben, um ihre Erscheinung zu einer harmonischen zu
machen. Nichts, was Kunst, Poesie und Literatur darbot, war ihnen
fremd. Wie Goethe’s Bedeutung hier eine anerkannte und abgemachte war,
so hatten auch schon die jüngern Dichtungen Eingang gefunden. Man las
Tieck’s „Romantische Dichtungen“, und die Lieder aus dem „Sternbald“
wußte man auswendig. Die ernste Musik der alten italienischen Meister
des strengen kirchlichen Stils war hier heimisch. Man hörte die im
Norden Deutschlands sonst unbekannten Werke Marcello’s, Lotti’s und
Palestrina’s.
Mit der liebenswürdigsten und reinsten Gastfreundschaft nahm man den
Dichter auf, und ein geistiger Verkehr entspann sich, der gerade
in dieser Zeit beruhigend und erhebend auf ihn zurückwirkte. Der
alte Graf, offenen und freien Blicks, verschloß sich den Anregungen
des jüngern Zeitalters nicht, weil ihn keine gelehrten Theorien
und Vorurtheile beschränkten. Gern ging er auf Tieck’s Ansichten
ein, nachdem er ihn näher kennen gelernt hatte, und folgte dessen
begeistertem Lobe Shakspeare’s und des Mittelalters in die ältere
englische und deutsche Poesie.
Gegen Ende des Jahres 1802 übersiedelte sich Tieck auf Burgsdorff’s
Einladung mit Frau und Kind auf längere Zeit nach Ziebingen. Von den
Erinnerungen an die alte Freundschaft und der Gegenwart kam man auf die
Zukunft, und es entstand der Plan einer gemeinschaftlichen Rundreise
durch Deutschland. Seit den Studienjahren hatte sich Tieck nur zwischen
Berlin und Jena, Hamburg und Dresden bewegt.
Im Juni 1803 brachen sie auf. Sie gingen über Guben nach Dresden, wo
Tieck Fouqué sah, der damals noch preußischer Lieutenant, durch A.
W. Schlegel angeregt, sich den jüngern Dichtern angeschlossen hatte.
Eben fing er an, mit der ältern deutschen Poesie und den nordischen
Sagenkreisen sich bekannt zu machen.
Darauf schlugen sie den Weg nach Böhmen ein. Bei dem herrlichsten
Wetter überstiegen sie die Nollendorfer Höhen, und blickten in das
reiche böhmische Land hinab, das sich zu ihren Füßen ausbreitete.
Doch als die Sonne sank, folgte auf den ersten Rausch des Entzückens
ein verdrießliches Abenteuer. Statt, wie sie wünschten, Teplitz mit
dem Abend zu erreichen, langten sie erst in der Nacht daselbst an.
Des Weges unkundig, hielt der Fuhrmann in tiefer Finsterniß vor
einem großen Thore, das die Einfahrt zum Gasthofe sein sollte. Nach
mancherlei Fragen und Untersuchungen ergab sich, man stand vor dem
Kirchhofe und hatte Einlaß begehrt.
In Karlsbad trafen sie Novalis’ jüngern Bruder, Karl von Hardenberg,
der sich unter dem Namen Rostorf als Dichter versucht hatte, ohne
das Talent und den Tiefsinn des Bruders zu besitzen. Ein trefflicher
Charakter, lebte er in der Erinnerung des Geschiedenen. Die Verbindung,
in welche Tieck durch die Herausgabe des Nachlasses mit ihm gekommen
war, ward zu einer persönlichen und freundschaftlichen.