die Bühne gebracht, das sich in veränderter Gestalt bis in die spätern
Zeiten auf den Bretern erhalten hat. Verfasser war der Schauspieler
Beck, ein ehemaliger College Iffland’s. Dieses schwache Machwerk, das
ursprünglich harmlos gemeint sein mochte, war zu einer persönlichen
Satire gegen Tieck und seine Freunde ausersehen. Es erschien darin
ein hungeriger Schriftsteller und Gelegenheitsdichter, der sich
durch trügliche Annahme des Adels in das Haus eines vornehmen Mannes
einschleicht, um sich satt zu essen und womöglich Bezahlung seiner
Schulden zu erlangen. Er spricht in mystischen und sonderbaren
Redensarten, die an ähnliche Wendungen Friedrich Schlegel’s erinnern;
er ist Verfasser eines schmuzigen Romans, betitelt „Lorraine“; er
hat romantische Dichtungen herausgegeben, er hat unter dem Namen
Peter Walter geschrieben. Mit diesen Producten hat er einen ehrbaren
Buchhändler an den Bettelstab gebracht. Er gehört einer Clique von
Fünfen an, in welcher man sich gegenseitig in Sonetten preist, und in
der ganzen deutschen Literatur nur einen großen Dichter anerkennt,
um alles Andere desto rücksichtloser in den Staub ziehen zu können.
Dies geschieht in einem Journal, das sich durch seinen impertinenten
Ton auszeichnet; es heißt der Wahrheitsrachen. Aber zum Troste der
Biedermänner und Freunde der ältern literarischen Autoritäten erscheint
der hungerige Poet in der jammervollsten Verfassung. Er ist die
Zielscheibe aller seichten Witze der Gebildeten und Ungebildeten.
Willig läßt er sich als Spielball der rohesten Neckereien und
Verhöhnungen gebrauchen. Er streift an der bedenklichen Grenze der
Prügel hin; Nachts bringt er auf der Straße, in leeren Portechaisen und
Schilderhäusern zu.
Es war nicht zu verkennen, die ganze neuere ästhetische Kritik sollte
in diesem elenden Sudler der Verhöhnung öffentlich preisgegeben werden.
Nur aus literarischen Anspielungen war diese Figur zusammengesetzt. Bei
der Clique von Fünfen hatte man an Tieck und Bernhardi, an die beiden
Schlegel und etwa noch an Novalis gedacht, der ebenfalls Beiträge zum
„Athenäum“ geliefert hatte.
Soweit sich diese plumpen Ausbrüche auf literarischem Gebiete hielten,
hätte Tieck sie ruhig ertragen mögen; aber man suchte den bürgerlichen
Charakter der Angegriffenen verdächtig zu machen, und sie moralisch vor
dem Publicum an den Pranger zu stellen. Dieser hungerige Poet war ein
literarischer Gauner. Tieck erkannte bald, daß Iffland’s eigenes Spiel
nicht frei von feindseliger Absicht war. Er gab den alten Grafen, der
ein Bewunderer Gellert’s ist; dessen „Leben der schwedischen Gräfin“
kann er nicht oft genug lesen. Die Behauptung des Poeten, Gellert
sei kein Genie, beantwortet er mit einem Wuthausbruche. „Aber er war
ein ehrlicher Mann!“ schreit er, indem er mit einer ausdrucksvollen
Bewegung, in der Iffland Meister war, sich auf die Taschen klopft. Um
Gellert’s Manen zu rächen, will er am Ende den armseligen Kritiker mit
Hunden vom Hofe hetzen lassen.
Bei diesem Acte gemeiner Rache fiel ein großer Theil der Schuld auf
Iffland, unter dessen Leitung das Stück einstudirt worden war. Er hätte
alle Veranlassung gehabt, die rohesten und schreiendsten Farben zu
mildern. Aber er war ein glücklicher Improvisator, und der Verfasser
lebte fern von Berlin. Die Vermuthung war nicht abzuweisen, manche von
diesen Zügen seien ihm erst von hier aus an die Hand gegeben, oder
während der Darstellung von den Schauspielern hineingelegt worden.
Bei einer so pasquillantischen Beleidigung glaubte Tieck nicht
schweigen zu dürfen, obgleich man bei spätern Wiederholungen des Stücks
die anstößigsten Stellen gestrichen hatte. In einem Besuche bei Iffland
forderte er die Auslieferung des Manuscripts, um sich zu überzeugen,
wieviel von diesen Gemeinheiten auf Rechnung des Verfassers komme. Mit
unerwarteter Bereitwilligkeit ging Iffland auf dies Verlangen ein. Er
gab zu, Einiges könne vielleicht auf ihn und seine Freunde gedeutet
werden; er bot sogar die Unterdrückung des Stücks an, wenn er es
wünsche, und lieferte ihm schließlich das Manuscript zur Durchsicht
aus. Doch als Tieck darauf schriftlich eine öffentliche Ehrenerklärung
verlangte, zog Iffland nicht nur die gemachten Zugeständnisse zurück,
sondern stellte auch in Abrede, daß man in diesem Lustspiele auf ihn
oder irgendeinen seiner Freunde habe zielen wollen.
Bisher hatte Tieck an keiner literarischen Fehde Theil genommen, doch
jetzt, von den verschiedensten Seiten angegriffen, verlästert und
roh geschmäht, schien es ihm an der Zeit, seine Stimme zu erheben.
Er schrieb einige polemische Blätter, die unter den unverständigen
und böswilligen Gegnern von Falk bis Merkel aufräumen sollten. Da
man seine Sprache des dichterischen Humors nicht verstand, so wollte
er versuchen, in der offenen und unumwundenen Sprache der kritischen
Grobheit sich deutlich zu machen. Auch er wollte zeigen, daß er Lessing
mit Erfolg studirt und gelesen habe. Und diese Blätter bewiesen, er
verstehe das Schwert der Polemik zu führen. Schon näherte sich die
Schrift dem Abschlusse. Bernhardi verband in dem Decemberhefte des
„Archivs der Zeit für 1800“ mit dem Abschiede, den er vom Publicum
als Theaterkritiker nahm, die Anzeige, daß im Namen derer, welche in
dem Lustspiele „Das Chamäleon“ angegriffen worden, Tieck in einer
besondern Schrift nächstens antworten werde. Dennoch kam es anders.
Es widerstrebte ihm zu sehr, in den wüsten Lärm der literarischen
Tageszänkereien einzustimmen, auch wenn ihn selbst diese Schmähungen
trafen. Der augenblickliche Zorn verrauchte, und machte der
schweigenden Verachtung Platz. Jene Blätter blieben unvollendet liegen
und wurden vergessen.
Gehässiger als diese öffentlichen Schmähungen waren die geheimen
Verdächtigungen und Einflüsterungen Kotzebue’s. Die einen waren darauf
berechnet, Tieck in der öffentlichen Meinung zu verderben, ihn vor
dem Publicum um Ehre und Ansehen zu bringen, die andern wollten den
politischen Verdacht erregen, und den literarischen Gegner durch die
Gewalt der Polizei zu Boden schlagen.
Niemals hatte Tieck mit den Aeußerungen seiner sittlichen und
kritischen Abneigung gegen Kotzebue zurückgehalten. Auch im „Zerbino“
kamen Hindeutungen dieser Art vor. Dennoch hatte Kotzebue früher einen
Versuch der Annäherung gemacht. Im Gefühle seiner unvortheilhaften
Stellung in Weimar, mit allen Größen in Feindschaft zu stehen, hatte
er den Wunsch, in dem Anschluß an irgendeinen bedeutenden Namen Schutz
zu suchen. Freilich galt sein Lob für ein bedenklicheres Zeichen als
sein Tadel, und denen, welche davon betroffen wurden, mochte gar nicht
wohl dabei zu Muthe sein. Eine Zeit lang machte er Miene, auf Goethe’s
Kosten Schiller zu verherrlichen. Dann schien er Tieck huldigen zu
wollen, und die frühern Verspottungen großmüthig zu vergessen.
Als die „Genoveva“ erschienen war, schlug er sich unerwartet auf
die Seite der Bewunderer der Romantik, und er, der Rationale und
Aufgeklärte, wollte den Heiligenschein gelten lassen. Er erklärte
Schiller’s Mortimer für das Abbild des Golo, und ließ durch einen
Bekannten bei Tieck anfragen, ob er etwas dagegen habe, wenn man seine
Tragödie in Weimar zur Aufführung bringe. Er verspreche nur solche
Abkürzungen zu machen, die durch die Bühne geboten seien, im Uebrigen
aber sich jeder Aenderung zu enthalten. Dies war kein unpraktischer
Vorschlag, der vielleicht Tieck’s dramatischen Dichtungen den Zugang
zum Theater eröffnet hätte. Später, als diese Gegensätze erloschen
waren, bedauerte er selbst, ihn so entschieden abgewiesen zu haben.
Der Gedanke einer Verstümmelung seines Gedichts, und zwar durch diese
Hand, war ihm unerträglich. Hatte er doch einen ähnlichen Vorschlag in
Betreff des „Zerbino“ abgelehnt, und der kam von Goethe! Er antwortete
daher mit scharfer Betonung, sein Gedicht sei gedruckt und öffentliches
Eigenthum, es könne ein Jeder damit thun was ihm gutdünke. Die
Darstellung unterblieb, und Kotzebue, der sich hatte wohlwollend zeigen
wollen, war doppelt gekränkt.
Im Jahre 1802 ging er auf einige Zeit nach Berlin. Er erlangte Zutritt
bei Hofe, und bald schien sich eine treffliche Gelegenheit der Rache
darzubieten. Er erdreistete sich, die Paradescene im „Zerbino“ nicht
ohne unverschämte Andeutungen dem Könige vorzulesen. Aber der unwürdige
Versuch mislang. Großartig überhörte der König die Insinuation, und
sie blieb ohne weitere Folgen. Tieck hatte die Absicht, welche ihm
hier untergelegt werden sollte, nicht einmal haben können. Denn jene
Scene war bereits 1796 unter ganz andern Verhältnissen geschrieben.
Es waren die Eindrücke seiner Jugend, die Gefühle, welche das straffe
Militärwesen ihm erregte, die er hatte darstellen wollen.
Auf den unmittelbaren literarischen Streit mit seinen zahlreichen
Gegnern hatte er verzichtet, die Waffen, welche hier geführt wurden,
waren zu plump. Umsomehr kam ihm die Lust, die unverbesserlichen
Philister mit dichterischem Scherze anzugreifen, der bisjetzt noch
nie die Wirkung versagt hatte. Im Sommer 1801 entstand der Plan
eines umfassenden humoristischen Lustspiels, in welchem er noch
manches Andere auszusprechen dachte, was er auf dem Herzen hatte. Die
Fabel war aus Ben Jonson’s „~The devil is an ass~“ entlehnt.
Es war die Geschichte eines dummen Teufels, welcher sich vermißt,
der alterschwachen Hölle, die in Folge der Bildung ihren Einfluß
vollständig verloren hat, die klug gewordene Welt wiederzugewinnen,
aber die Probe mit Schimpf und Schanden besteht. Er nannte diese
Dichtung „Anti-Faust“. Da er sich und seine Werke nicht schonte,
so konnte es für erlaubt gelten auch über Andere frei und offen zu
sprechen. Und er durfte den Aristophanes selbst einführen, denn
vielleicht nie hatte sich sein Witz zu dieser Aristophanischen
Kraftfülle und Schlagfertigkeit erhoben. Leider verrieth er das
Geheimniß zu früh. Er hatte einigen Buchhändlern von dem neuen Gedichte
erzählt, doch als diese hörten, auch Herder’s Humanitätsbriefe würden
nicht verschont, erschraken sie, und wiesen einen so gefährlichen
Verlagsartikel ab. Verstimmt und unlustig legte er das Begonnene für
bessere Zeiten bei Seite; aber die glückliche Stimmung, welche es
vollenden sollte, kehrte nicht wieder.
Durch die Kämpfe mit Iffland und andere unangenehme Erfahrungen war
ihm der Aufenthalt in der Vaterstadt verleidet. Nach dem reichen Leben
in Jena konnte sie überhaupt nichts gewähren, was ihm genügt hätte.
Die Eintönigkeit der Natur erdrückte ihn, er hielt sich für einen
Gefangenen, den man bei armseliger Kost eingeschlossen habe. Nach der
Poesie der Berge, Bäche und Wälder sehnte er sich. Viel mehr schon
gewährte Dresden. Dorthin übersiedelte er sich im Frühlinge des Jahres
1801.
Auf sein dichterisches Schaffen hatten die letzten Zeiten hemmend
eingewirkt. Durch Misverständniß und Angriffe gereizt, zwischen Zorn,
Verachtung und satirischer Laune schwankend, von Zweifeln umdrängt
und beunruhigt, vermochte er den Octavian, der das Erbtheil einer
frischeren Zeit war, nur langsam dem Abschlusse entgegenzuführen.
2. Zweifel und Verlust.
Aber er hatte überhaupt das Behagen an seinen Schöpfungen verloren.
Die lebensvollen Gestalten des Humors begannen ihm kalt und matt zu
erscheinen, die Lust am dichterischen Schaffen sank, die heitere
und unbefangene Freude der Jugend war von ihm gewichen. Zu Zeiten
dünkte es ihm ein leeres unerquickliches Treiben, ein frevelhaftes
Spiel mit dem Leben. Wenn die Schwermuth auf der Seele des Knaben und
Jünglings lastete, dann war es die ihrer selbst bewußt werdende Kraft
des Talentes, die Hoffnung auf die Erfolge der Zukunft, die Trost
gewährten und ihn aufrecht hielten. Jetzt war die Zukunft zur Gegenwart
geworden, er hatte ausgesprochen, was damals sein Herz dunkel bewegte,
und nach dessen Gestaltung Sinn und Phantasie rangen; konnte er sagen,
er sei darum glücklicher, mehr mit sich selbst eins und im Frieden?
Bisweilen meinte er nur an bitteren Erfahrungen reicher, an schönen
Hoffnungen ärmer geworden zu sein. Zu den Anfeindungen kamen Verluste,
schmerzliche Todesfälle und unglückliche Verhältnisse in seiner Familie.
Gleichzeitig hatte sich die Mystik seiner Seele ganz bemächtigt.
Nie hatte ihn Jakob Böhme mehr erfüllt. Das Studium des deutschen
Philosophen führte ihn zurück auf die Mystiker des Mittelalters, auf
Tauler, auf die Mystiker anderer Völker, endlich auf die Kirchenväter.
Mit Eifer las er die Schriften des Augustinus, seine Bekenntnisse, sein
Buch vom Reiche Gottes. Unmerklich hatten sich diese Kreise erweitert,
immer mehr wurde er hinabgezogen in ihre Tiefen.
Wie anders zeigten sich ihm Philosophie und Religion, Welt und
Leben, seit er sich gewöhnt hatte sie in diesem Lichte zu sehen!
Schien sich manches Räthsel zu lösen, so kamen dafür andere und
vielleicht schwierigere hervor. Die Unbefangenheit, mit welcher er
hineingetreten war in das grüne, jugendliche Leben, war vorüber. Was
er von seinem Sternbald gesagt hatte, war auch ihm geschehen; er hatte
das Paradies der Jugend verloren. Was war er, sein Leben in diesem
großen Zusammenhange? War es nicht leichtsinnig sich an einem Talente
zu erfreuen, das die Kluft nicht auszufüllen, nur mit seinen Blüten
zu verdecken wußte? Ja oft erschien ihm dieses Talent selbst als das
Böse, als die Sünde. Er glaubte sich von einer finstern Magie umgarnt,
die ihn ins Verderben reißen müsse. Vor dieser Macht sank alle Poesie
unter, das Leben und Alles, was sonst als Schönheit, Glück und Liebe
erschienen war. Dann aber erhob sich wieder die Frage, warum war ihm
dieses Talent geworden? War es nicht das seine? Gehörte es nicht zu
seinem Wesen? So drehte er sich im Kreise von Zweifeln und Fragen
umher, die ihn wie Gespenster verfolgten. Er las, er studirte, er
suchte Gesellschaft auf, um der innern Angst zu entfliehen, dieser
fieberischen Erregung, die mit trüber Gleichgültigkeit wechselte. Es
war umsonst. Wie in der Jugend wünschte er in einem stillen Kloster
sich verbergen zu können. Er sehnte sich, der Welt, sich selbst zu
entfliehen, nach dem Frieden der Versenkung in den ewigen Gedanken
Gottes.
Und um diese Zeit trafen ihn neue, schwere Verluste. Zuerst entriß
ihm der Tod Novalis, den kaum noch gefundenen Freund. Seit dem Sommer
1800 kränkelte Novalis. Neue Erschütterungen, der plötzliche Tod eines
Bruders hatte seine wankende Gesundheit auf das tiefste angegriffen.
Ein Blutsturz folgte; immer mehr neigte sich sein Leben abwärts.
Am Neujahrstage 1801 schrieb er im Gefühle unheilbarer Krankheit
zum letzten Male an Tieck. Darauf verfiel er in ein abzehrendes
Fieber. Am 25. März entschlief er sanft und schmerzlos in den Armen
Friedrich Schlegel’s, der gekommen war, um ihn noch einmal zu sehen.
Achtundzwanzig Jahre war er alt geworden.
Nicht ganz zwei Jahre waren verflossen, seit Tieck und Novalis sich
zum ersten Male begegnet waren. Sogleich verband sie die innigste
Freundschaft; sie hatten das Gefühl, sich vorausahnend ohne Worte zu
verstehen. Ueberraschend sprach einer oft die Gedanken des andern aus.
Es war eine gemeinschaftliche Wurzel, aus der sie emporwuchsen. Vieles
war bei Tieck erst in diesem Elemente lebendig geworden, er fühlte,
Novalis sei seinem Wesen nothwendig. Er klagte, es sei ihm, als habe
durch diesen Tod die Liebe selbst in ihm einen Riß bekommen.
In der Ahnung eines frühen Todes hatte Novalis gewisse Papiere
bezeichnet, die von Tieck oder F. Schlegel eröffnet werden sollten.
Ihnen allein traute er das rechte Verständniß seiner Gedanken zu. Sie
waren dadurch zu Vollziehern seines literarischen Testamentes bestimmt,
das freilich nur zu zeigen vermochte, was der Dahingeschiedene bei
längerm Leben der deutschen Dichtung hätte werden können. Von dem
Roman „Heinrich von Ofterdingen“ war der erste Theil vollendet. Aus
seinen Erinnerungen und den Gesprächen mit dem Freunde versuchte
Tieck ergänzend auszuführen, wie ungefähr der Dichter dieses Buch
abzuschließen gedachte. Dazu kamen seine nicht zahlreichen lyrischen
Gedichte, und einige zerstreute Fragmente aus dem „Athenäum“ und andern
Zeitschriften. Im Jahre 1802 erschien dieser Nachlaß unter dem Namen,
welchen sich der Dichter nach einem Landgute, das seiner Familie
gehörte, beigelegt hatte.
Um Ostern desselben Jahres starben Tieck’s Aeltern, Vater und Mutter
in einer Woche, an einer Krankheit. Zwei ihrer Kinder konnten sie zu
Grabe geleiten. Die Tochter Sophie, die seit zwei Jahren an Bernhardi
verheirathet war, und Friedrich, der nach mehrjähriger Abwesenheit
soeben zurückkehrte.
Friedrich Tieck hatte die künstlerischen Lehrjahre vollendet, und war
auf dem Wege sich zu einem Meister der Kunst auszubilden. Das letzte
Ziel jener Reise, welche er als Begleiter Wilhelm’s von Humboldt und
Burgsdorff’s unternommen hatte, war Paris. Die großen Schätze alter
und neuer Zeit, die sich hier angesammelt hatten, machten es zur
Kunstschule. Zu Anfang 1798 trat er in die Akademie ein, um einen
Lehrgang der Bildhauerei, dann der Malerei durchzumachen. Er arbeitete
eine Zeit lang unter David’s Leitung; doch fand er in diesem Institute
Eifer, Kunstsinn, Methode, ja selbst die Einrichtungen weit hinter dem
zurückstehend, was er von der berliner Akademie kannte. Im Verkehre
mit Humboldt und seiner Familie fehlte es ihm an bedeutender Anregung
nicht. Auch lernte er manche interessante Persönlichkeit kennen. Er
lebte im Umgange mit Gustav von Brinckmann, der bei der schwedischen
Gesandtschaft stand, dem Baron Bielfeld, und Baggesen, der bald darauf
nach Paris kam. Auch die Bekanntschaft der Staël machte er.
Dennoch hatte er mitten in dieser reichen Welt Stunden und Tage des
Kampfes, die an ähnliche Zustände seines Bruders erinnerten. Ihn
erfüllte wie eine höhere Macht die Begeisterung für seine Kunst. Aber
sie war zu stiller, zu friedlicher Natur, als daß sie in dem Strome
großer politischer Bewegungen, in der Welt eines rastlosen Ehrgeizes
sich hätte entfalten können. Die Politik widerte ihn an; er fühlte
sich als einen Gegner dessen, der sie beherrschte, Bonaparte’s. Aber
auch in sich selbst fand er keine Befriedigung. In das Studium der
großen Meisterwerke wünschte er sich ganz zu versenken. Doch hier
ergriffen ihn Muthlosigkeit, ja Verzweiflung. Er fühlte sich von ihrer
Größe überwältigt, vernichtet. Seine Studien schienen ihm leerer Tand
und Spielerei, ein nutzloses Ringen nach einem Ziele, das stets in
weitere Ferne rückte. Er glaubte seinen Beruf verfehlt zu haben, und
fühlte sich unverstanden und allein; das Heimweh ergriff ihn oft mit
unwiderstehlicher Gewalt. Er sehnte sich nach dem geistigen Austausche,
in dem er mit seinen Geschwistern gelebt hatte, doch nur selten erhielt
er Nachricht von Hause; er glaubte sich vergessen. Seine Einsamkeit
ward noch drückender, als Humboldt nach Spanien, Burgsdorff nach
England reiste. Er dachte daran, die Anerbietungen Alexander’s von
Humboldt anzunehmen, ihn nach Amerika zu begleiten. Sein ganzes Leben
würde eine andere Wendung erhalten haben. Aber der Wunsch Italien, die
Antiken auf dem classischen Boden selbst zu sehen, der Gedanke an seine
Familie hielt ihn zurück.
Endlich 1801 kehrte er heim. Er ging nach Weimar und Jena, machte
die Bekanntschaft der Schlegel, und schloß mit dem ältern eine
enge Freundschaft. Er lernte Goethe kennen, begann dessen Büste zu
modelliren, und wurde durch diese und andere Arbeiten für einige Zeit
an Weimar gefesselt. Nun kam er nach Berlin zurück, um der Mutter,
deren Liebling er gewesen war, die Augen zuzudrücken. Sie starb an
einer entzündlichen Brustkrankheit, die zuletzt in ein Nervenfieber
überging.
Der Tod der Mutter wirkte tödtlich auf den Vater. Er war in sich
gebrochen. Laut klagend ging er Tage und Nächte lang im Zimmer auf
und nieder. Still und lautlos folgte er dem Sarge, dann stellten
sich ähnliche Krankheitszeichen bei ihm ein, bald war sein Zustand
hoffnungslos. Acht Tage nach dem Tode seiner Frau that auch er den
letzten Athemzug. In Folge dieses zwiefachen Todesfalls erkrankte
die Tochter so heftig, daß man an ihrem Leben verzweifelte. Als
Tieck in Dresden die erste Nachricht von der schweren Erkrankung der
Mutter erhielt, war sie bereits gestorben. Gleich darauf folgte die
Trauerkunde von dem Tode des Vaters.
Der Lebensabend des alten Tieck war nicht ohne Leiden und Sorgen
gewesen. Doch eine Genugthuung war ihm geworden. Er sah das reiche
Talent seiner Kinder, für deren Erziehung er gearbeitet hatte, in
voller Entfaltung, und zu den berühmten Namen des Vaterlandes hörte er
auch den seinen zählen. Aus den engen Schranken des Handwerks, wo man
nur ängstlich für das Heute arbeitete, waren sie hinausgetreten in den
weiten Kreis des geistigen Lebens, um die kleinen und stillen Freuden
und Leiden mit größern zu vertauschen.
Unter diesen Eindrücken und Kämpfen ermattete bei Tieck die Kraft des
dichterischen Schaffens. Auf die hochgehende Strömung der ersten zehn
Jahre schien die Ebbe einzutreten. Zwar regten ihn Freunde und manche
Ereignisse vorübergehend an. Aber meistens blieb es bei Entwürfen, es
waren Ansätze und Versuche ohne Abschluß, ohne Lust, ohne Vertrauen.
Im Jahre 1801 sah er Steffens in Dresden wieder. In lebhaftem
Umgange bildete sich erst jetzt ein entschiedenes Verhältniß zwischen
ihnen aus. Steffens wohnte in Tharand, häufig kam er nach der Stadt
Tieck zu besuchen, in dessen Hause er bald heimisch ward. Auch bei
dem Hofsecretär Ernst, einem sächsischen Beamten, der die Schwester
der Schlegel geheirathet hatte, sahen sie sich oft. Steffens’
naturphilosophische Richtung kam ihm entgegen. Die Natur und ihre
Geheimnisse, Poesie, Philosophie und Religion waren Gegenstände
häufiger stundenlanger Unterhaltungen. Sie trafen zusammen in Jakob
Böhme und den Mystikern. Aus diesen Gesprächen bildete sich jenes
schauerliche Märchen „Der Runenberg“, in dem die Natur als dunkle und
unwiderstehliche Macht erscheint, die den freien sittlichen Entschluß
des Menschen vernichtet. Es war das Abbild der damaligen Stimmung
Tieck’s. Im Walde, in der Pflanzenwelt wehte ein verwandter Hauch,
der ihn geheimnißvoll durchschauerte. Er glaubte hineinzublicken in
ferne, untergegangene Riesenwelten, und sie in ihren Erinnerungen
wiederzuerkennen. In sich erfuhr er die uralten Wandlungen der Natur,
von der Sage und Mythos dunkel erzählten; sie waren ihm nichts
Vergangenes, sondern ein Gegenwärtiges. Natur, Geschichte, Poesie floß
in eins, und es blickte ihm entgegen mit einem Auge der Liebe und des
Schreckens zugleich. Der „Runenberg“ erschien in einem Taschenbuche für
das Jahr 1802 im Druck.
Durch Steffens war er früher in Giebichenstein mit einem jungen
Landsmann desselben, Namens Möller, bekannt geworden, der ebenfalls,
für deutsche Wissenschaft und Literatur begeistert, nach dem Süden
gekommen war. Erzogen und aufgewachsen in dem strengsten Lutherthum,
erfüllte ihn eine leidenschaftliche Abneigung gegen die katholische
Kirche, welche er nur aus Büchern und den im Vaterlande herrschenden
Ansichten kannte. In Gesprächen mit Tieck und Andern, ging er oft
zur heftigsten Polemik über. Kaum ein christliches Element wollte er
in ihr anerkennen, er meinte sie verhalte sich zum protestantischen
Bewußtsein nicht viel anders als der Mythos der Griechen. Gegen so
einseitige Angriffe vertheidigte Tieck die katholische Kirche von
seinem Standpunkte aus. Auch sie sei eine Form des Christenthums,
und zwar eine nicht minder berechtigte, außerdem sei sie die ältere.
In den einzelnen Theilen des katholischen Cultus liege ein Sinn, der
historisch wol anzuerkennen sei. Uebrigens werde das wahre Wesen der
Frömmigkeit dadurch kaum berührt, denn zu allen Zeiten, wie auch jetzt
noch, habe es unter den Katholiken fromme und wahrhafte Christen
gegeben. Der junge Norweger wies diese Entgegnungen hartnäckig ab;
er behauptete sogar, nur in seiner Heimat könne man das Abendmahl in
voller Reinheit empfangen, und schickte sich bereits an deswegen dahin
zurückzukehren.