Eng verbunden mit ihm war Jean Paul, der sich ebenfalls in Weimar

aufhielt. Die Schriften des humoristischen und sonderbaren Dichters

hatte Tieck bereits vor Jahren kennen gelernt, als er mit Wackenroder

einige Tage in Braunschweig war. Zufällig fand er damals bei einem

Bücherhändler die „Unsichtbare Loge“. Der von allem Bekannten

abweichende Ton bestimmte ihn, das Buch mit sich zu nehmen. Er begann

Wackenroder daraus vorzulesen, bei dem es aber nur eine kühle Aufnahme

fand. Noch übler erging es Jean Paul’s ersten Schriften bei den

berliner Kunstrichtern, denen solche humoristische Sprünge gar nicht

behagen wollten. Auch für ihn hatte Tieck manche Lanze zu brechen, und

die aufgeklärten Gegner unterließen nicht ihm auch die Anerkennung

Jean Paul’s zum Verbrechen zu machen. Indeß war diese Verehrung nicht

so unbedingt, daß er die Schwächen, ja Unbegreiflichkeiten mancher

Dichtungen hätte übersehen sollen. Vieles erklärte sich ihm jetzt

erst aus der Persönlichkeit des Dichters. Mit tiefem Humor und Gefühl

verbanden sich Laune und grillenhaftes Wesen, das an eine Kindernatur

erinnerte, und oft in den bizarrsten und sonderbarsten Aeußerungen zum

Vorschein kam.

Merkwürdig wiederholte sich mit Jean Paul eine Scene, wie sie Tieck

früher mit Nicolai gehabt hatte. Unter den Volksmärchen stellte er den

„Blonden Ekbert“ allen andern voran. Er sprach seine volle Bewunderung

aus, und schloß endlich mit der Frage: „Gestehen Sie es nur, wo

haben Sie die Geschichte her?“ Auf Tieck’s Versicherung, er habe

sie erfunden, antwortete er: „Nein, nein! Sagen Sie was Sie wollen!

Dergleichen erfindet sich nicht! Das muß schon vorher dagewesen sein!“

Unter so verschiedenartigen Anregungen steigerte sich Tieck’s eigene

Dichterlust, und nach allen Seiten hin erwies er sich thätig. „Zerbino“

und „Genoveva“ waren zum Abschluß gekommen, der „Treue Eckart“ und der

„Tannhäuser“ wie „Melusine“ reihten sich im Tone der Volksmärchen an.

Diese Dichtungen erschienen bei Frommann als „Romantische Dichtungen“,

ein Titel, der mit vollster Unbefangenheit gewählt, bald allgemeine

Bedeutung als literarischer Parteiname erhalten sollte. Eine neue oder

gar höhere Art der Poesie damit bezeichnen zu wollen, war seine Absicht

nicht im mindesten. Höchstens wollte er andeuten, daß der Leser in

die entgegengesetztesten Regionen des Gefühls, der Leidenschaft, der

Phantasiewelt in raschem Wechsel eingeführt werden solle. Daneben gab

er ein poetisches Journal heraus, dessen Aufgabe sein sollte, in die

ältere englische und spanische Literatur einzuführen. Dafür übersetzte

er Ben Jonson’s „Epicöne“, nahm in den Briefen über Shakspeare die

Kritik über den Dichter wieder auf, und gab eine Anzahl von kleinern

Beiträgen.

Tieck stand in der Mitte geistvoller, strebender und theilnehmender

Freunde, der Schöpfer einer glänzenden Welt der Poesie und Phantasie,

reich an Gedanken und Gefühlen, an Hoffnungen und Entwürfen.

Siebenundzwanzig Jahre alt, war er bereits ein anerkannter Dichter.

In die Reihe der edelsten Geister des Volkes war er eingetreten, und

von ihnen als ebenbürtig anerkannt. Die kühnsten Träume seiner Jugend

waren zur Wirklichkeit geworden, der Genius hatte den Jüngling bereits

auf die Höhen des Lebens geführt. Er stand auf jenem Gipfel, zu dem er

früher sehnsüchtig hinaufgeschaut hatte. Es war die Fülle geistiger

und sinnlicher Kraft, in der er lebte, noch wirkte Alles zusammen,

um ein Dasein zu schaffen, wie es dem Menschen nur in erhöhten

Augenblicken verstattet ist. Mit diesem Gefühl blickte er später auf

die schöne Zeit in Jena zurück. Aber schon gingen diese sonnenhellen

Tage vorüber; in den Frühling wehte ein rauher Herbstwind hinein, und

künftige lange und schwere Leiden kündeten sich an.

Tieck war gewohnt auf seine Gesundheit und die volle Stärke seines

Körpers sich zu verlassen. Noch in Jena hatte er die alten ritterlichen

Künste geübt, und durch Gewandtheit und Unerschrockenheit die Freunde

zu Zeiten überrascht. Als er einst mit Schlegel und Schelling in der

Nähe von Jena einen Spazierritt machte, führte er sein Pferd über einen

Balken, der als Steg über einen zwar trockenen, aber doch mehrere Fuß

tiefen Graben gelegt war. Mitten auf dem schmalen Pfade scheute das

Thier, und er stürzte mit demselben bügellos in den Graben hinab. Seine

Begleiter glaubten ihn verunglückt, aber lachend erhob er sich, klopfte

den Staub von den Kleidern, und saß im nächsten Augenblicke wieder im

Sattel.

Rastlose geistige Arbeit und Nachtwachen wechselten bei ihm mit starken

Körperanstrengungen. Als Knabe und Jüngling hatte er sich Stunden lang

dem Sturm und Regen preisgegeben, und die Nächte unter freiem Himmel

zugebracht; schon damals mochte seine Gesundheit gelitten haben. In

der letzten Zeit begannen rheumatische Schmerzen ihn zu quälen. Da

fühlte er sich eines Tages heiterer und freier als je. So leicht, so

aufgelegt zu Humor und Dichtung war er lange nicht gewesen. Es war

als wenn Jugendkraft und Gesundheit mit diesem letzten erfrischenden

Hauche hätten auf immer von ihm Abschied nehmen wollen. Tages darauf

erkrankte er ernstlich. Die rheumatischen Schmerzen zeigten sich als

ausgebildete Gicht im Knie. Eine langwierige Cur begann; er blieb auf

sein Zimmer beschränkt, nur mit Mühe und Schmerzen vermochte er zu

gehen. Schwäche und Abspannung machten das Arbeiten auf längere Zeit

unmöglich.

Als der Frühling kam, erholte er sich allmälig. Er brachte ihm mit den

warmen Lüften Schmerzensfreiheit und Arbeitslust wieder. Ein Ausdruck

der wiederkehrenden Heiterkeit war die Tragödie „Rothkäppchen“ und das

Märchen „Melusine“. Neu belebt durch den ersten vollen Sonnenschein

schrieb er sie, in einer blühenden Laube sitzend, im Frühling des

Jahres 1800.

Endlich schied er von den Freunden; es war zu Ende des Monats Juli. Er

ging nach Hamburg, dann nach Berlin, die Angehörigen seiner Frau wie

seine eigenen wiederzusehen.

In Hamburg fand er Veranlassung zu einem letzten großen Gedichte,

welches die Reihe mystischer Poesien abschloß. Auf dem Wege nach einem

Vergnügungsorte an der Elbe, wo sich eine Gesellschaft versammeln

sollte, fand er in einem Bücherkram an der Straße das Volksbuch vom

Kaiser Octavianus. Er kannte es noch nicht, und die Freunde erwartend,

las er es sogleich durch im Angesichte des heitern Flusses, in der

herrlichsten Sommerluft. Es war ein reiner und voller Zug, den er

that. Schon während des Lesens erhob sich ihm der Gedanke, diesen

bunten Stoff dramatisch zu bearbeiten; klar und deutlich traten ihm die

einzelnen Gestalten entgegen. Mit Vorliebe und planvoller Ueberlegung

ging er an das Werk. Im Jahre 1801 hatte er den ersten Theil, gegen

Ende des Jahres 1802 das Ganze beendet. Noch wirkten die Vorbilder der

spanischen Poesie. Sie zeigten sich in dem Inhalte, wie in der freien

Behandlung der Form, die neben dem Dramatischen auch Lyrisches und

Episches in reichem Maße enthielt. Wieder trat die christliche Welt der

heidnischen entgegen. Das siegreich fromme Dulden und die Leidenschaft,

der Glaube und die Naturgewalt, das Wunder der Legende und der Zauber

des Märchens standen einander gegenüber. In dem allegorischen Vorspiele

erschienen die Mächte, welche diese Welt bewegten. Der Glaube und die

Liebe, der Scherz und die Tapferkeit, und in ihrer Mitte die Romanze.

Noch einmal erfüllte sie das Herz ihres Dichters mit trunkener

Begeisterung, und eine versunkene Welt beschwor er herauf mit dem

geheimnißvollen und mächtigen Rufe:

Mondbeglänzte Zaubernacht,

Die den Sinn gefangen hält,

Wunderbare Märchenwelt,

Steig’ auf in der alten Pracht!

Drittes Buch.

Kampf und Leiden.

1800-1819.

1. Bewunderer und Gegner.

Fünf Jahre waren verflossen, seit der Name des Dichters durch

die Nachtstücke „Abdallah“ und „Lovell“ bekannt geworden war. In

überraschenden Wendungen war er dann zum Humor, zum volksthümlichen

Märchen und den romantischen Dichtungen übergegangen. Hier hatte er die

vergessene Sage des Mittelalters neu belebt, und der Sehnsucht nach dem

dichterischen und religiösen Glauben Worte gegeben.

Die dämonischen Romane fanden nicht die Theilnahme, welche er erwartet

haben mochte. Es fehlte an ungünstigen Beurtheilungen nicht. Das

Publicum verhielt sich diesen Erscheinungen gegenüber gleichgültig.

Dann hatte der abweichende Ton der Volksmärchen überrascht und gereizt.

Wenn Manche bedenklich wurden oder sich zu leidenschaftlicher Kritik

hinreißen ließen, so gab es doch auch Solche, deren Beifall um so

entschiedener war. Im Allgemeinen mußte man anerkennen, man habe es mit

einem eigenthümlichen Dichtergeiste zu thun, der Glauben genug an sich

selbst besitze, um seine eigenen Bahnen zu suchen und zu verfolgen. Die

romantischen Dichtungen, die Verbindung mit den Schlegel und Novalis

brachte Tieck’s Stellung zum Abschlusse. Ein bedeutender Erfolg blieb

dieses Mal nicht aus, und die Poesie, welche wechselsweise den Humor

und die Verherrlichung des Wunders voranstellte, fand auch in weitern

Kreisen ihr Echo. In der literarischen Meinung des deutschen Nordens,

mindestens in der Berlins, bereitete sich ein Umschwung vor.

Das Ansehen der ältern Schule, ihrer Philosophen und moralischen

Dichter war in ein bedenkliches Schwanken gerathen. Aus Kritikern und

Richtern wurden sie Kritisirte und Gerichtete. Schon ihr Gegensatz

gegen alle großen und glänzenden Erscheinungen der letzten Jahrzehnde

mußte ihre innere und ursprüngliche Dürftigkeit klar machen. Die

neue Wendung der Philosophie, Goethe’s und Schiller’s Siege, die

schonungslosen Urtheile der Schlegel, die Dichtungen Tieck’s, Alles

wirkte zusammen.

Aber schon ward auch die Aufklärung zum Stichwort des Spottes,

Bezeichnung des Seichten und Oberflächlichen. Die Angriffe auf ihre

Vertheidiger wurden zahlreicher, und die Unberufenen fingen an, von

dem Tiefsinnigen und Geheimnißvollen viel zu reden. Unverkennbar hatte

die „Genoveva“ großen Eindruck gemacht. Je glänzender die verklärenden

Strahlen der Dichtung waren, in denen dieses Heiligenbild sich zeigte,

um so ärmlicher erschien die ältere nüchterne Poesie. Das jüngere

Geschlecht sah die Stellung der Parteien mit andern Augen an. Wie ganz

anders wurden nicht Gefühl und Phantasie durch die neuen Dichtungen

angeregt! Zunächst in Berlin bildeten sich neben den Kreisen der

Freunde, der Anhänger und Bewunderer, auch die der Nachahmer und

Nachsprecher.

Als Tieck im Herbste des Jahres 1800 aus Hamburg zurückkehrte, mußte er

bereits mehr, als ihm lieb war, von Mystik und Wunder, von Mittelalter

und Romantik reden hören. Es waren Wendungen und Formen, die man ihm

und seinen Freunden abgelernt hatte. Andere, die keinen Beruf dazu

hatten, stimmten in den abschreckenden Ton der neuen Kritik ein. Sie

gebrauchten deren Stichworte fleißig, gleichviel ob sie passen mochten

oder nicht. Eine Wendung der Schlegel vornehmlich ward zur beliebten

und stehenden Redensart. Bis zur Religion sollte Alles getrieben

werden, nicht allein Kunst und Poesie, sondern zuletzt auch jede

Trivialität des gewöhnlichen Lebens. So entstand eine Parteisprache,

die für Niemand verdrießlicher war als für Tieck selbst. Das jüngere

Geschlecht, das genial und erhaben sein wollte, war um nichts

besser als das ältere pedantische. Wieder waren es unwahre Gefühle,

nachgesprochene Redensarten, angelernte Gedanken, denen er begegnete.

So ernst seine Stimmung damals war, so regte sich doch bei diesen

Wahrnehmungen die humoristische Laune. Die freie Bewegung des

Dichters hatte er gegen den alten Schul- und Parteizwang in Schutz

genommen, jetzt wollte er auch des jüngern vorlauten und zudringlichen

Geschlechts nicht schonen, dem er selbst die Waffen in die Hände

gegeben hatte. In Jena hatte er für sein poetisches Journal eine

Parodie: „Der neue Hercules am Scheidewege“, geschrieben, in welcher

er seinem Unwillen, seiner Verachtung der seichten und unmündigen

Bewunderer Luft machte. Er war jener Autor, der am Scheidewege

zwischen dem falschen und dem wahren Ruhme steht, und dem sich die

verschiedensten Stimmen und Meinungen aus dem Publicum aufdrängen.

Das Gegenbild zu den kindischen Huldigungen des Bewunderers gaben die

platten Einwürfe des alten Mannes, der als eifriger Vorfechter der

alten Schule den Dichter mit der Autorität Lessing’s zu schrecken sucht.

Indessen erhoben sich auch die Gegner. Seit langer Zeit hatten sich

infolge der kritischen Neckereien Verdruß und Aerger angesammelt,

endlich mußte es zum Ausbruche kommen. Seit ihrem ersten Auftreten als

Kritiker und Dichter hatten die Schlegel eine Reihe neuer Ansichten

und Behauptungen aufgestellt, die durch Schärfe und Paradoxie reizten.

Persönliche Angriffe, die sich damit verbanden, hatten erbittert. Zwei

Namen waren es, für deren unbedingte Anerkennung sie kämpften, Goethe

und Fichte. Die Beschränktheit und Engherzigkeit der Gegner vermehrte

die Misverständnisse, die Furcht vor dem Neuen machte sie um ihre

Stellung besorgt, das scharf Ausgesprochene, das Eigenthümliche ward

lästig und unbequem.

Seit 1798 war das „Athenäum“ der Träger dieser neuen einschüchternden

Kritik. Nur auf eine geringe Zahl von Mitarbeitern beschränkte man

sich. Außer den beiden Schlegel hatten Novalis, Schleiermacher,

Bernhardi und Hülsen Beiträge gegeben, und sie trafen schonungslos

eine nicht unbedeutende Anzahl von Namen, die in der Literatur bisher

gegolten hatten.

Am meisten verletzten A. W. Schlegel’s satirische Ausfälle in seinem

literarischen „Reichsanzeiger“. Nicht nur Nicolai und Kotzebue, Jenisch

und Schmidt von Werneuchen wurden verspottet, auch Kästner, selbst

Wieland blieb nicht unangetastet, ebenso wenig als Matthisson und Voß

verschont wurden. Wußte man doch, daß Schlegel auch mit Schiller nicht

in gutem Vernehmen stehe. Wenn aber die Neuerer Männer, welche einen

unleugbaren Einfluß auf die Literatur gehabt hatten, in dieser Weise

behandelten, wenn sie Zweifel erhoben, wo man bisher nur zu bewundern

gewohnt war, so lag darin für die kleinen Geister kein geringer Trost,

dergleichen Mishandlungen nicht allein erfahren zu haben. Nun konnten

sie die glänzenden, allgemein anerkannten Namen voranschieben. Eine

noch bessere Waffe für die Gegner war die „Lucinde“. Dieser Roman

machte durch seinen Cultus der Sinnlichkeit, durch die Zügellosigkeit,

welche die sittlichen Schranken durchbrach, auch die Freunde irre, er

drohte praktisch in das Leben einzugreifen. Jetzt appellirte man an den

Richterstuhl der öffentlichen Moral. Es handelte sich nicht mehr um

philosophische oder ästhetische Kritiken und Lehrmeinungen. Auf dies

Buch hin glaubte man alle diese jüngern Schriftsteller als eine Sekte

gefährlicher Bilderstürmer angreifen zu können.

Tieck hatte sich von dem fachmäßigen Betriebe der literarischen

Kritik fern gehalten. Einige übernommene Aufträge für die „Jenaische

Literaturzeitung“ hatte er später abgelehnt, und sich bei dem

„Athenäum“ nicht betheiligt. Nur in einigen Jahrgängen des berlinischen

„Archivs der Zeit“ hatte er die neuesten Musenalmanache besprochen.

Somit blieben allein die humoristischen Scherze und Angriffe in

seinen Dichtungen übrig. Hier waren viele einzelne Züge von bekannten

Persönlichkeiten entlehnt, die meistens Berlin angehörten. Außer

Kotzebue, Böttiger und manchem Modeschriftsteller, fand man auch

Nicolai, Iffland, Gedike, Biester und Engel wieder. In der Vision „Das

jüngste Gericht“, hatte Tieck eingeräumt, sie verspottet zu haben.

Dennoch konnte er mit Recht sagen, nicht das Persönliche, sondern das

Allgemeine in diesen Charakteren habe er dargestellt. Eine bestimmte

Richtung der Zeit hatte er in ihnen angegriffen, den unverbesserlichen

Prosaismus geschildert. Nicht als privilegirter Satiriker, nicht als

schwerfälliger oder gallsüchtiger Moralist war er aufgetreten, als

Dichter hatte er die Waffen des Spiels und der Phantasie gebraucht. In

seiner rein humoristischen Laune war er des Vorrechts der Poesie, den

Scherz um des Scherzes willen treiben zu können, so gewiß, daß er mit

dem besten Gewissen versichern konnte, nichts habe ihm ferner gelegen

als persönliches Uebelwollen; die Schuld des Misverständnisses liege

zum Theil an dem schwerfälligen Ernste seiner Landsleute, die überall

Räthsel suchen und lösen wollten, und nicht im Stande seien, den Scherz

ohne irgendeine hinterhaltige Absicht zu denken.

Wirklich war er über die Grenzen des literarisch Erlaubten nicht

hinausgegangen. Er sprach nicht von dem moralischen Charakter dieses

oder jenes bekannten Mannes, sondern von Zuständen, von Ansichten, die

in Büchern offen vor Aller Augen lagen. Wie harmlos seine Angriffe

waren konnte ihre Vergleichung mit denen Schlegel’s am besten zeigen.

Mit dem kältesten Blute und der ruhigsten Ueberlegung waren diese

ausgeführt und mitunter giftig zu nennen.

Ein komischer, aber entschiedener Beweis der schlagenden Kraft seiner

Dichtungen war es, wenn Personen sich für angegriffen erklärten, an

welche er nicht gedacht hatte, die er kaum kannte. Durch Einiges im

„Gestiefelten Kater“ war ein fernstehender Bekannter, der Maler Darbes,

verletzt worden. Die eifrigsten und aufrichtigsten Versicherungen des

Gegentheils hatten den Zürnenden nicht zu besänftigen vermocht. In

schildaischer Weise wollten andere Ueberkluge in dem „Prinzen Zerbino“

den Kriegsrath Zerboni wiedererkennen, der infolge seiner Händel mit

dem Minister Hoym als des Jakobinismus verdächtig, zur Untersuchung

gezogen und auf die Festung abgeführt worden war. Freilich nur dunkle,

aber für den Eingeweihten doch kenntliche Anspielungen auf diese

vielbesprochene Tagesgeschichte sollten sich in Tieck’s romantischer

Dichtung finden.

Aus diesem Spähen nach einem verborgenen satirischen Sinne ergaben sich

nicht geringe persönliche Belästigungen. Zudringliche ließen keine

Gelegenheit vorübergehen, um ihm vertraulich näher zu rücken und ihn

auszuforschen, wen er wol mit diesen Gestalten gemeint haben könne.

Inquisitorische Examina hatte er zu bestehen, die in der Regel mit dem

Vorwurfe der Verschlossenheit und des Mangels an freundschaftlichem

Vertrauen endeten. Nichts aber war ihm verhaßter als das plumpe und

täppische Zufahren der Biedermänner, welche in ihrer treuherzigen

Offenheit vertrauliche Mittheilungen und Geständnisse als Pflicht der

Freundschaft in der ersten halben Stunde oberflächlicher Bekanntschaft

in Anspruch nahmen.

Zu diesen kleinen Quälereien kamen auch literarische Angriffe, die

einen ärgerlichen Charakter trugen. Zuerst griff Johannes Falk der

Satiriker zu den Waffen. Mit einem gewissen Geräusch war dieser

Schriftsteller in die Literatur eingetreten. Wieland hatte ihn als

neuen Aristophanes proclamirt; sieben große satirische Geister der

Vorzeit sollten in ihm versammelt sein. Seit dem Jahre 1797 speicherte

er für die Freunde des Scherzes und der Satire seine Einfälle

in jährlich wiederkehrenden Taschenbüchern auf. Trotz Wieland’s

schützender Privilegien konnte Tieck in diesen Satiren nichts von

dem finden, was darin liegen sollte. Er vermißte den pomphaft

angekündigten Scherz. In seiner Kritik des „Taschenbuchs für 1798“

im „Archiv der Zeit“ führte er aus, wie schwerfällig Falk die Satire

als eine überlieferte literarische Stilgattung, als ein nützliches

Geschäft moralischer Besserung nach der Definition älterer Lehrbücher

betreibe; sein breiter und selbstgefälliger Witz beruhe nur auf einigen

allbekannten und verbrauchten Kunstgriffen, und sei der Poesie ebenso

fern, als er sich dem Pasquillantischen nähere. Er greife mit seinem

gewichtigen Apparate nur unwesentliche und gleichgültige Dinge auf von

rein localer Bedeutung, während er den Charakter der Zeit im Ganzen

weder aufzufassen noch darzustellen vermöge.

Diese Bemerkungen waren geeignet, Tieck’s eigene Scherze im rechten

Lichte erscheinen zu lassen, und ihr Verständniß im Gegensatze zu

der absichtsvollen sogenannten moralischen Satire zu eröffnen. Falk

indeß fühlte sich durch diese ernste Kritik, wie durch die scherzhafte

im „Zerbino“ gleich sehr verletzt. Es schien mit seiner Freundschaft

für Scherz und Satire kein rechter Ernst zu sein. Im „Taschenbuch für

1799“ antwortete er in zornig-höhnischen Angriffen auf Rambach, den

Herausgeber des „Archivs der Zeit“, der an jenem Urtheile unschuldig

war. In den nächsten Jahrgängen wandte er sich gegen die Schlegel, das

„Athenäum“ und ihre Freunde. Auf einem beigegebenen Bilde hatte er

sogar Tieck, auf seinem „Gestiefelten Kater“ reitend, darstellen lassen.

Auch Garlieb Merkel, der vorlaute und oberflächliche Publicist,

ergoß sich in seinen „Briefen an ein Frauenzimmer über die schöne

Literatur“, dann später in seinem „Freimüthigen“ in den niedrigsten

Schmähungen über Tieck. Zu der beliebten Anklage des Obscurantismus,

der Bänkelsänger- und Sachs-Poesie kamen Verdächtigungen der gemeinsten

Art.

Selbst die Uebersetzung des „Don Quixote“ wurde in diesen Parteistreit

hineingezogen. Gleichzeitig mit derselben war auch die von Soltau

erschienen. Dieser hatte in Schlegel’s anerkennender Beurtheilung der

Tieck’schen Arbeit in der „Literaturzeitung“ von 1799 eine Herabsetzung

seiner eigenen Leistungen gefunden, und es nöthig gehalten, in dem

Jahrgange von 1800 sich dagegen zu verwahren. Es sollte die keineswegs

unbedingte Anerkennung, welche Tieck’s Uebersetzung zu Theil geworden,

ein berechnetes Verfahren einer Partei sein, deren Absicht war, kein

anderes Verdienst als ihr eigenes gelten zu lassen. Auch an sonstigen

gelegentlichen Ausfällen ließ er es nicht fehlen. Im nächsten Stücke

des „Athenäum“ erfolgte darauf eine Gegenkritik Schlegel’s, welche

nun die Schwächen der Soltau’schen Arbeit offen darlegte. Soltau war

in Spanien gewesen, er kannte die Sprache aus lebendigem Gebrauche,

und hatte gewiß mit bessern Mitteln gearbeitet als Tieck. Dennoch war

auch er von Irrthümern nicht frei geblieben. Aber seine Uebersetzung

litt an prosaischem Unverständniß des Cervantes überhaupt. Wenn er

Tieck in manchen Punkten übertraf, so hatte er doch sicher nichts von

dem nachdichtenden und umbildenden Geiste, der für den Uebersetzer des

Cervantes unerläßlich ist.

Unzweifelhaft war unter diesen Händeln der ärgerlichste der mit Iffland.

In Berlin hatten neben Tieck’s Dichtungen und Schlegel’s Kritiken

Bernhardi’s Theaterrecensionen keinen geringen Anstoß gegeben. Auch

er war des scharfen, kritischen Stils vollkommen Meister, und hatte

durch den bestimmten, abschreckenden Ton im „Archiv der Zeit“ die

Schauspieler und den Führer der Bühne gegen sich aufgebracht. Er

erkannte Iffland’s großes mimisches Talent an, aber nicht unbedingt,

nur innerhalb gewisser Grenzen; auch er wollte es nur für die mittlern

und gemäßigten Rollen gelten lassen. Als dramatischen Schriftsteller

hatte er ihn in seiner Posse „Seebald, der edle Nachtwächter“, die ein

treffendes Abbild der rührenden Familiengeschichten ist, kritisirt.

Bernhardi’s Verhältniß zu Tieck war bekannt, in ihrer Verbindung mit

den Schlegel galten sie als Partei, die es auf gegenseitige Lobpreisung

und Erhebung, auf ein Tyrannisiren des Geschmacks und der Literatur

abgesehen habe. Ein Vorwurf, der, soweit er Tieck betraf, vollkommen

unbegründet war. Wiederholt war Iffland Gegenstand kritischer Zweifel

und satirischer Neckereien geworden. Er war gereizt, und dachte

seinerseits einen Schlag gegen die lästigen Angreifer zu führen, der

nicht ihn allein, sondern zugleich alle, die überhaupt gekränkt worden

waren, rächen sollte.

Ludwig Tieck Erinnerungen aus dem Leben des Dichters nach dessen mündlichen und schriftlichen Mitteilungen · 第 21 / 51 段