Vornehmlich war es die spanische Poesie, mit deren Studium sich Tieck

und A. W. Schlegel eifrig beschäftigten. Sie gedachten für deren

Einführung in die deutsche Literatur miteinander zu wirken. Während

Tieck den „Don Quixote“ übersetzte, erwuchs daraus der Plan, mit

Schlegel gemeinschaftlich den Cervantes vollständig zu übertragen.

Soeben hatte er auch den Band des Calderon erhalten, in welchem „Die

Andacht zum Kreuze“ stand, eine Tragödie, die ihm mehr als irgendeine

zusagte. Er erzählte von dem Eindrucke, welchen sie auf ihn gemacht

habe, und forderte Schlegel auf, sie ebenfalls zu lesen. Dies geschah;

am andern Tage tauschte man die Meinungen aus. Schlegel konnte diese

Bewunderung nicht theilen. Manches fand er nicht hinreichend motivirt,

die langen Reden unnatürlich, es war ihm zu katholisch; erst durch

Abkürzungen und Umarbeitungen könne dergleichen für den deutschen

Geschmack genießbar gemacht werden. Dagegen nahm Tieck das Gedicht in

Schutz. Vor allem müsse man sich die Fähigkeit aneignen, an die Legende

zu glauben; darum sei es noch nicht nöthig, die Legende selbst zu

glauben, aber es sei die Bedingung, unter der allein ein Verständniß

solcher Dichtungen möglich sei. Diese Anregung war für Schlegel

bedeutend genug, ihn zur Uebersetzung des Calderon zu veranlassen.

Später ging er so vollständig auf den eigenthümlichen Geist des

Dichters ein, daß er Tieck’s Ansichten zu den seinen machte, während

dieser sie gegen eine kühlere Betrachtung des spanischen Dramas aufgab.

Einige Jahre darauf war der Bewunderer zum Tadler geworden, und der

strenge Kritiker zum Lobredner. „Schreibe erst solche Dramen“, bemerkte

Schlegel gegen Tieck, „dann will ich deinen Tadel gelten lassen.“

So arbeiteten in dichterischem Wetteifer die Freunde mit- und

nebeneinander. Damals entstand ein großer Theil jener Sonette, in

denen Schlegel ältere Dichter und Meister der Kunst feierte. In

eigenthümlicher Laune wünschte er seinen Gedichten auch eines von

Tieck hinzuzufügen, und dieser schrieb darauf das Sonett auf die

„Galathea“ des Cervantes, welches Schlegel mit den seinen herausgegeben

hat. Auch Tieck’s „Arion“ war kurz vorher entstanden. Mit gewohnter

Schärfe hatte sich Herder über Schlegel’s „Arion“ geäußert. Es schien

ihm eine undankbare Arbeit, einen so oft behandelten Stoff nochmals

zu bearbeiten, er bezweifelte die Möglichkeit, ihm eine neue Seite

abzugewinnen. Durch diese Behauptungen wurde Tieck gereizt, sich

ebenfalls an der Dichtersage zu versuchen. Schlegel’s Gedicht war

ihm ohnehin zu glatt, zu elegant. Er suchte seinem „Arion“ eine mehr

dramatische Farbe zu geben.

Auch als begeisterter Verkündiger Jakob Böhme’s trat er auf. Vollen

Anklang fand er bei Novalis, welcher den deutschen Philosophen zuerst

durch ihn kennen lernte und mit gleicher Begeisterung erfaßte. In ihm

sah er den wahren Mikrokosmus, den gewaltigen Frühling mit allen seinen

quellenden, bildenden Kräften, der eine neue Welt aus sich zu gebären

ringt; Ansichten, die er bald darauf in einem an Tieck gerichteten

Gedichte aussprach.

Andere verhielten sich zweifelhafter oder abweisend; Niemand aber war

weniger geeignet, sich mit Böhme zu befreunden, als Fichte. Diesen

hatte Tieck schon in Berlin zu Anfang des Jahres 1799 kennen gelernt.

Dorthin hatte sich Fichte begeben, als die Anklage auf Atheismus gegen

ihn erhoben wurde, und war mit Friedrich Schlegel und Bernhardi in

nähern Verkehr getreten. Als bald darauf Tieck Berlin verließ mit der

Absicht, über Halle nach Jena zu gehen, gab ihm Fichte einen Brief mit

an seine zurückgebliebene Frau. Er selbst war noch einmal nach Jena

gekommen, um seine Verhältnisse aufzulösen, und verweilte dort in den

Wintermonaten von 1799 auf 1800.

Kaum konnten zwei Naturen entgegengesetzter sein als die Fichte’s und

Tieck’s. Es war der Gegensatz der verstandesmäßigen Consequenz und der

Phantasie, der Philosophie und der Poesie. Fichte’s scharf ausgeprägtes

Wesen, die Strenge, die Rücksichtlosigkeit, mit der er zu urtheilen

pflegte, wollte Tieck nicht überall zusagen. Wenn auch Manches

solchen Aeußerungen zu widersprechen schien, namentlich Fichte’s

Kindererziehung, so konnte er dennoch diesem festen, männlichen

Charakter seine Achtung nicht versagen. Er nannte ihn später öfter den

eisernen Fichte.

Die Gespräche über Jakob Böhme wollten zu keinem Frieden führen.

Tieck blieb dabei stehen, daß er ein Prophet, Fichte, daß er ein

verworrener Träumer sei. Als jener wiederum auszuführen suchte, wie

in Böhme philosophisches Denken mit dichterischer Anschauung sich

unmittelbar verbinde, fiel Fichte mit den Worten ein: „Lieber Freund,

Sie sind ein Dichter, und wenn Sie mir die Versicherung geben, Jakob

Böhme sei ein großer Dichter, so will ich Ihnen das aufs Wort glauben;

dagegen aber müssen Sie mir auch glauben, wenn ich Ihnen sage, er ist

kein Philosoph, sondern ein großer Narr!“ „Dann machen Sie mir erst

deutlich“, erwiderte Tieck, „wie man ein großer Narr, und zugleich

ein großer Dichter sein kann!“ Fichte meinte, das würde zu vieler

Demonstrationen bedürfen, und brach das Gespräch ab.

Nicht immer war es möglich in schöpferischer Thätigkeit im

dichterischen Genusse, im Austausche der Gedanken ohne Widerspruch zu

leben. Es mußten Augenblicke der Abspannung eintreten; der Duft der

Poesie konnte die Gegensätze menschlicher Schwäche wol verschleiern,

aber nicht aufheben.

Auch dieser Welt des Geistes fehlte es weder in Jena noch in Weimar

an Gegnern. Es war die Mittelmäßigkeit, welche sich schon durch das

Dasein derselben unangenehm berührt, in ihrer Behaglichkeit gestört

fand, und darin einen Vorwurf für sich selbst sah. Der Anerkennung

setzte sich der Neid und die Misgunst entgegen; sie scheute sich nicht

zu Klätscherei und Ränken ihre Zuflucht zu nehmen. Feinde dieser Art

konnte man verachten, oder mit den Waffen des Geistes und Witzes

bekämpfen, oder stillschweigend dulden. Der Führer jener platten

und niedrigen Opposition war Kotzebue, der Bühnenherrscher, für den

neben Goethe und Schiller auf dem classischen Boden Weimars noch

Raum war. Mit ihm verbündet war der Publicist Garlieb Merkel. Dazu

kam die Feindschaft zwischen A. W. Schlegel und Schütz, dem Führer

der „Jenaischen Literaturzeitung“, seit sich ihr das „Athenäum“ als

Ausdruck einer neuen Kritik entgegengestellt hatte. Schon im Herbst

1799 hatte Schlegel von der fernern Mitwirkung an jener Zeitung sich

öffentlich losgesagt. An solchen Gegnern übte er die schärfsten Waffen.

Tieck nahm an diesen Kämpfen keinen persönlichen Antheil; er war der

Meinung, Schlegel beachte diese Gegner und ihre Angriffe mehr als

nöthig, und gebe ihnen dadurch einen Werth, den sie nicht hätten.

Bedenklicher war es, daß in dem Freundeskreise selbst Misklänge und

Irrungen nicht fehlten. Dies ging zunächst von den Frauen der beiden

Schlegel aus, die sich miteinander nicht verständigen konnten. Dorothea

überließ sich dem rücksichtlosen Zuge Friedrich Schlegel’s, und rief

dadurch manche Kritik ihrer gemessenern Schwägerin hervor. Tieck

konnte sich nicht verhehlen, daß sie ihm in ihrer männlichen, oft

unschönen Weise widerlich sei. An dem Romane „Florentin“, mit dem sie

sich beschäftigte, fand er ebenso wenig Gutes, als er die „Lucinde“

seines Freundes, welche soeben erschienen war, anzuerkennen vermochte.

Er konnte sich weder mit diesen Ansichten, noch mit der Art ihrer

Ausführung befreunden. Das Buch wollte ihm fast abgeschmackt scheinen.

Noch weniger begriff er Schleiermacher’s Kritik in den vertrauten

Briefen über diesen Roman. Geheim waren sie nach Jena geschickt worden,

um gedruckt zu werden. Durch einen Zufall hatte er bald erfahren, wer

der Verfasser sei.

Aber F. Schlegel selbst zeigte sich zu Zeiten abstoßend und unbillig.

Seine Art sich zu äußern, wenn er einmal zu sprechen begann, war stets

ein überfließender Erguß, seine Beredtsamkeit wandelte jedes Gespräch

in einen Monolog um, der tiefsinnig sein konnte, aber doch schließlich

ermüdete. Und Tieck liebte nichts mehr als den freien Austausch des

Gebens und Nehmens im Gespräch. Ward Schlegel in einem solchen Monologe

durch irgendeinen Einwand, einen leichten Zweifel unterbrochen,

so konnte er ungerecht, ja leidenschaftlich werden. Wenn er nicht

unbedingten, fast blinden Glauben fand, so sah er darin eine Verletzung

der Freundschaft, zog sich beleidigt zurück, und war dann wochenlang

kalt und mistrauisch.

Doch auch mit A. W. Schlegel war Tieck nicht überall eines Sinnes.

Dies trat auch in ihren Ansichten über Schiller hervor. Bereits war

das Verhältniß zwischen diesem und den Schlegel ein gespanntes, und

gereizt wie er war, beurtheilte Schlegel die Dichtungen Schiller’s

schonungslos, ja ungerecht. In diesen Ton konnte Tieck nicht

einstimmen, wenn freilich auch seine Ansichten und Beziehungen zu

Schiller seit seiner Jugend andere geworden waren. Während man

allgemein von der größern und reichern Entwickelung des Dichters in

der spätern Zeit sprach, erkannte er nur eine Beschränkung, eine

Verengerung, eine Furcht vor der Anwendung der vollen Kraft. Das

Streben nach dem Idealen war ihm eine Verwischung des Individuellen,

ein Hineinziehen des Eigenthümlichen in das Allgemeine, Unbestimmte.

Er wollte in seiner Poesie das Besondere, das Nationale zum Ausdruck

bringen, Schiller entwickelte dagegen ein grandioses, aber allgemeines,

tragisches Pathos. Auch von der Fruchtbarkeit der philosophischen

Studien konnte er sich nicht überzeugen. Weder mit ihren Ergebnissen

stimmte er überein, noch mit dem Eindringen der philosophirenden

Reflexion in die Poesie. Dagegen erfüllte ihn immer noch die

unbedingteste Bewunderung vor Schiller’s ältester Dichtung, den

„Räubern“. Hier herrschte ein gewaltiger, kolossaler Geist, der mit

einer Kühnheit, einem Trotze auftrat, wie er kaum seines Gleichen

hatte. Er nahm den Dichter nicht nur gegen seine Gegner, sondern auch

gegen ihn selbst und seine Kritik in Schutz. Die spätern Bearbeitungen

galten ihm für Abschwächungen, ja für eine Verleugnung der eigenen

geistigen Gewalt.

Tieck hatte den Freunden viel von den „Räubern“, und der schon damals

seltenen ersten Ausgabe gesprochen; auf diese müsse man zurückgehen,

wenn man die wunderbare Dichtung ganz würdigen wolle. Zum guten Glücke

fand man diese Ausgabe in einem unbedeutenden Bücherladen, und sogleich

begann Tieck sie den Freunden vorzulesen. Günstig schien es, daß

der ältere Schlegel verhindert war zugegen zu sein. Unerwartet indeß

trat er während des Lesens ein, und fing an Tieck durch hingeworfene

Bemerkungen, dann durch Angriffe auf das Stück zu unterbrechen. Er

könne nicht begreifen, wie man an einem so rohen Producte Gefallen

finden, wie man es nur lesen könne. Wie man es denn überhaupt nennen

solle? Es sei weder ein Drama noch ein Epos, noch gehöre es irgendeiner

Kunstgattung an. Voll Verdruß über diesen Tadel schlug Tieck endlich

das Buch nicht ohne Heftigkeit zu. „Das ist das Beste, was du thun

kannst“, sagte Schlegel ironisch.

Auch an Tieck’s Vorlesen fand er viel zu tadeln, obgleich dieser mit

entwickelter Virtuosität und dem entschiedensten Erfolge las. Er

sprach ihm sogar die Fähigkeit ab Tragisches zu lesen, sein natürlich

einfacher Ton sei für das Pathos der Tragödie viel zu schwach, nur für

das Komische wollte er ihn gelten lassen. Er selbst pflegte Tragisches

in einem unangenehmen Gurgelton zu lesen, der von der Bescheidenheit

der Natur weit entfernt war, und eine Wirkung hervorbrachte, welche der

beabsichtigten ganz entgegengesetzt war.

In äußere Beziehung zu Schiller war Tieck bereits durch den

„Musenalmanach“ von 1799 getreten, für welchen er durch Schlegel’s

Vermittelung einige Gedichte geliefert hatte. Bei dem ersten

Aufenthalte in Jena im Juli hatte er ihn in seinem Gartenhause besucht.

Schiller kannte Tieck’s nahe Verbindung mit den Schlegel, und mochte

ihn vielleicht schon deshalb nicht ohne Zurückhaltung empfangen. Er war

hager und groß, der Oberleib langgestreckt, die Gesichtsfarbe bleich;

die graublauen Augen hatten für gewöhnlich einen kalten Ausdruck, der

jedoch schwand, wenn er in der Unterhaltung warm wurde. Er sprach

nicht ohne Pathos. Von Shakspeare und der spanischen Literatur war

die Rede. „Meinen Sie denn auch, daß Lope de Vega eine so große

Aehnlichkeit mit Shakspeare hat?“ war eine Frage, auf welche Schiller

besonders Antwort zu haben wünschte, die aber Tieck nicht so kurzweg zu

ertheilen wußte. Auch bei wiederholten Besuchen blieben ihre Gespräche

auf der Oberfläche. Es schien etwas Fremdes zwischen ihnen zu stehen.

Tieck fühlte sich erkältet gegen Schiller, ihre Wege gingen zu sehr

auseinander.

Eine letzte Begegnung hatten sie in Dresden 1801. Auch diesmal kamen

sie nicht weiter. Tieck machte aus der Gemäldegalerie ein Studium;

auch Schiller hatte sie besucht. Sie kamen im Gespräche auf Malerei.

In seinen Kunsturtheilen war Schiller durch den Einfluß Goethe’s und

Meyer’s bestimmt. Von diesen hatte er Manches angenommen, so die

unbedingte Bewunderung der alten Kunst und Plastik, welche seiner

eigenen Natur fern stand. Er sprach sich daher gegen die Malerei aus.

Er fand den Eindruck der Farbe unangenehm; er habe keine Dauer, es sei

unmöglich ihn festzuhalten und zu bestimmen. „Sie sehen z. B. dieses

Tuch“, sagte er, indem er auf ein rothes Umschlagetuch seiner Frau

hinwies, das in der Nähe des Fensters lag. „In diesem Augenblicke

erscheint es roth, lassen Sie das Licht wechseln, und dasselbe Roth

wird sich dann lila oder grau zeigen, und damit wird auch der Eindruck

ein anderer werden müssen. Dagegen wie viel sicherer und entschiedener

ist er nicht in der plastischen Kunst. Am höchsten möchte das Basrelief

stehen, das die Festigkeit der Plastik mit der Bewegung der Malerei

verbindet.“ Tieck machte die Gegenfrage, ob sich diese Beobachtungen

über den Eindruck der Farbe auch vor Correggio’s Bildern behaupteten.

„Gerade hier finde ich sie am meisten bestätigt!“ antwortete Schiller.

Dagegen führte Tieck aus, wie in der Vertheilung von Licht und

Schatten, in dem unendlichen Wechsel und Spiel der Farbe, in den

Mitteln der Zeichnung, der nicht zu erschöpfende Zauber der Malerei

liege. Endlich schieden sie voneinander, ohne sich überzeugt zu haben.

Zugleich war eine andere Hoffnung im Sommer 1799 in Erfüllung

gegangen. Tieck war dem Altmeister der Poesie genaht, er hatte Goethe

gesehen. Schlegel, der bei Goethe als metrischer Rathgeber in Ansehen

stand, und Novalis hatten es übernommen ihn einzuführen. Sicherer

und unbefangener, als er selbst geglaubt hatte, trat er nun endlich

jenem Dichter entgegen, dessen Gestalten ihn seit den Tagen frühester

Kindheit begleitet hatten, der zu einer großen geistigen Macht in

seinem Leben geworden war. Diesen Augenblick hatte er als Knabe geahnt,

und ihn mit heißer Sehnsucht als Jüngling herbeigewünscht, darauf

schien eine Seite seines Lebens angelegt. Jetzt endlich war er da!

Goethe stand wirklich vor ihm. Das war er selbst, Götz, Faust, Tasso!

Aber auch der Herrscher im Reiche der Poesie, in abgeschlossener

Hoheit stand vor ihm. Ein gewaltiges, erschütterndes Gefühl erfüllte

ihn beim ersten Anblicke. „Das ist ein großer, ein vollendeter Mensch,

du könntest bewundernd vor ihm niederfallen!“ Zugleich erhob sich aus

dem Grunde seiner Seele wie ein Wolkenschatten der leise aufsteigende

Zweifel: „Könntest du ihn zu deinem Freunde, deinem Vertrauten machen?“

Und er mußte sich antworten: „Nein, das könntest du nicht!“

Auf diese erste Begegnung folgten mehrere Besuche, bei denen man sich

etwas näher kam. Tieck erzählte von seinen Studien des Shakspeare

und dessen Zeitgenossen. Dies führte auf Ben Jonson. Er schilderte

dessen durchgehenden Gegensatz gegen Shakspeare, und endete mit der

Frage, ob Goethe nicht einen Versuch mit dem sonderbaren Schriftsteller

machen wolle. Da Goethe bereitwillig darauf einging, schlug er ihm

den „Volpone“ vor, und überbrachte ihm die Folioausgabe. Als er ihn

nach einiger Zeit wieder besuchte, hatte Goethe das empfohlene Drama

soeben durchgelesen. Das Buch lag noch vor ihm. „Hören Sie, verehrter

Freund“, rief er ihm besten Humors entgegen, indem er mit der Hand auf

den Deckel des Buches schlug, „das ist ja ein ganz verfluchter Kerl!

ein wahrer Teufelskerl!“ Tieck sprach seine Freude aus, daß seine

Empfehlung sich bewährt habe. „Ja, das ist ein Schwerenothskerl!“ fuhr

Goethe mit derselben Handbewegung fort, „was hat der für Kniffe im

Kopfe!“ Auf die Frage, ob er nicht noch einiges Andere lesen wolle, um

ihn ganz kennen zu lernen, antwortete er abwehrend: „Nein, verehrter

Freund, nun ist es genug, nichts weiter. Ich kenne ihn jetzt, und das

reicht hin!“

Im November kam darauf Goethe nach Jena. Tieck hatte die „Genoveva“

vollendet, und sie den Freunden mitgetheilt, jetzt kam die Gelegenheit,

das Gedicht auch ihm vorzulesen. Goethe wohnte auf dem Schlosse. Da

der erste Abend nicht ausreichte, so konnte die Vorlesung erst am

folgenden beendet werden. Aufmerksam und theilnehmend war Goethe ihr

gefolgt. Er sprach sich wohlwollend und anerkennend aus. Dann wandte er

sich zu seinem neunjährigen Sohne, der am zweiten Abend zugegen war.

Indem er ihm mit der Hand über das Haar hinstrich, sagte er: „Nun, mein

Söhnchen, was meinst du denn zu allen den Farben, Blumen, Spiegeln und

Zauberkünsten, von denen unser Freund uns vorgelesen hat? Ist das nicht

recht wunderbar?“ Einige Einwendungen, welche Goethe machte, wurden

später berücksichtigt.

Auch den „Zerbino“ lernte er kennen. Er schenkte den ernsten

Charakteren und den lyrischen Partien vollen Beifall, und forderte

Tieck auf, diese zusammenzuziehen, und zu einem Ganzen abzurunden,

welches alsdann auf der weimarischen Bühne dargestellt werden sollte.

Obgleich es Goethe war, von dem dieser Vorschlag ausging, konnte sich

Tieck doch nicht entschließen darein zu willigen. Beide Theile, der

satirische wie der dichterische, gehörten unmittelbar zusammen, sie

gewannen erst durcheinander ihre Bedeutung. Ein Streichen des einen

Theils würde einem Zerstören des Ganzen gleichgekommen sein.

Vor allem wünschte Tieck den Meister auch im Reiche der Bühne kennen

zu lernen, auf einem Gebiete, welches er selbst so allseitig studirt

hatte, und dem noch immer seine Neigung angehörte. Konnte ihm doch

selbst damals noch der Gedanke kommen, Goethe um die Erlaubniß zu

ersuchen die Bühne zu betreten. Wäre es auch nur einmal gewesen, er

wünschte wenigstens den Versuch eines öffentlichen Spiels gemacht zu

haben. Indeß gab er diesem Einfalle keine weitere Folge.

Die weimarische Gesellschaft hatte er früher in Lauchstädt spielen

sehen, und in ihre unbedingte Anerkennung nicht einstimmen können.

Seiner Meinung nach verdienten manche Schauspieler nicht den Ruf, in

welchem sie standen. Graff’s Pathos unterschied sich wenig von dem

verrufenen tragischen Gurgelton. Jetzt wohnte er an Goethe’s Seite

einer Vorstellung der „Maria Stuart“ bei, die soeben auf die Bühne

gebracht worden war. Auch diesmal konnte er nicht anderer Meinung sein.

Den künstlerischen Instinct, welchen er an Fleck bewunderte, fand

er hier nicht wieder. Alles war auf ein gewisses durchschnittliches

Mittelmaß zurückgeführt. Ein ihm aus Berlin bekannter Schauspieler

gab den Leicester in so ungeschickter Weise, daß er die Bemerkung

nicht unterdrücken konnte, wie dieser das Ganze entschieden störe.

„Ich kann es nicht finden“, antwortete Goethe trocken, „er thut seine

Schuldigkeit gleich allen Andern.“

Bei den wiederholten Besuchen in Weimar lernte Tieck auch Herder

kennen. Dieser empfing ihn in freundlicher Weise, doch nicht ohne

abgemessene Würde. Nach den ersten Wechselreden trat der Kritiker aus

dem „Gestiefelten Kater“ ein, Böttiger, den Tieck hier zum ersten Male

sah, und dem er später noch öfter begegnen sollte. Böttiger stand mit

Herder in gelehrter Verbindung, und pflegte ihn häufig zu besuchen.

Eingedenk der Rolle, welche Tieck ihn spielen ließ, hatte er Herder

erzählt, wie man in Berlin jeden abgeschmackten Einfall schlechtweg mit

den Worten bezeichne: „Das ist gerade so thöricht wie der ‚Gestiefelte

Kater‘.“ Nicht ohne Ironie stellte Herder dem Eintretenden den jungen

Dichter des „Gestiefelten Katers“ vor. Böttiger, welcher das Bedürfniß

hatte Complimente zu machen, und stets einige in Bereitschaft zu

haben pflegte, gerieth in sichtbare Verlegenheit. Mit einem komischen

Auf- und Niederzucken der Augenbrauen, das ihm eigenthümlich war,

beschränkte er sich darauf, mit sauersüßem Lächeln zu wiederholen: „Ei!

Ei! das ist ja recht schön!“

Weniger erfreulich war ein späterer Besuch. Herder litt seit längerer

Zeit an tiefer Misstimmung. Er stand nicht mehr mit Goethe in gutem

Einvernehmen. Der scharfe kritische Ton der jüngern Schule hatte

ihn verletzt, und die Kantische Philosophie, die in seiner Nähe

namhafte Verehrer hatte, regte ihn zu heftigem Widerspruche auf.

Seine „Metakritik“ war bereits erschienen, ein Buch, das selbst seine

Anhänger nicht gutheißen wollten. In muthwilligem Scherze hatte Tieck

die Allegorie von Hugo und Hägesa, welche die Metakritik einleitet,

in den „Zerbino“ hineingezogen, und sie durch den Epilog als ein

deutsches Nationallustspiel ankündigen lassen, das nächstens zur

Aufführung kommen solle. Herder war nicht der Mann, einen solchen

Spaß durchschlüpfen zu lassen, oder ihn mit Humor aufzunehmen. Tieck

hatte genug von seiner Empfindlichkeit gehört, um zu wissen, wie er

jetzt gegen ihn gesonnen sein werde. Ungern folgte er daher einer

Aufforderung von Novalis, ihn zu Herder zu begleiten, der unmöglich

einen leichten Scherz schwerer nehmen könne, als er gemeint sei.

Dennoch hatte Tieck Recht. Herder war gekränkt, und verfehlte nicht es

merken zu lassen. Er erschien kalt und fremd, fast umgewandelt. Seine

Frau, die eine unangenehme Schärfe besaß, zeigte sich noch abstoßender.

Nur der Gegenwart des Freundes mochte es Tieck zu danken haben, daß

eine Einladung, den Thee mit ihnen zu trinken, erfolgte. Eine peinlich

verlegene Scene entstand, welche durch das trübselige Helldunkel des

Zimmers für Tieck einen noch grausigern Charakter annahm. Kein freies

offenes Gespräch wollte in Gang kommen, alle fühlten sich gedrückt.

Eine Art Befreiung war es, als endlich ein neuer Gast, der Kunst-Meyer,

eintrat. Dieser mußte nun die Kosten der Unterhaltung übernehmen. Er

wußte Mancherlei zu erzählen. Dem jüngern Stolberg sei durch seine

Freunde eine ganz absonderliche Weihnachtsbescherung bereitet worden.

Man habe ihm eine Krippe mit einer Puppe darin aufgebaut, und diese

habe er dann angebetet. Solchen und andern spöttischen Reden machte

Herder durch ein entschiedenes Wort ein Ende, das auch in dieser

peinlichen Stimmung auf Tieck Eindruck machte. „Lassen wir das, mein

Freund“, sagte er, „man muß einem Jeden seine Hausreligion lassen!“ Da

indeß der Einklang nicht wieder herzustellen war, so verabschiedeten

sich Tieck und Novalis bald darauf.

Auch später zeigte sich Herder nicht versöhnlicher. Als er im Jahre

1803 auf der Bibliothek in Dresden seine Studien für den „Cid“ machte,

traf er wiederum mit Tieck zusammen, aber er blieb fremd wie zuvor. Ein

schadenfroher Zufall war es, daß sie sich noch einmal bei der Frau von

Berg begegnen mußten, die in der Hoffnung einiger genußreicher Stunden

die beiden Dichter allein zu Mittag eingeladen hatte. Herder ließ auch

hier nichts von jener Liebenswürdigkeit ahnen, die ihm, wenn er wollte,

zu Gebote stand. Er war einsylbig, verschlossen und mürrisch.

Ludwig Tieck Erinnerungen aus dem Leben des Dichters nach dessen mündlichen und schriftlichen Mitteilungen · 第 20 / 51 段