Anschauung und der phantastischen Lust, welche den Dichter aus den
trübsten Stimmungen gerettet hatte, stand eine bedeutende Wendung bevor.
In den Stunden der Versuchung hatte Tieck Trost in seinem Talente, in
dem Glauben an die Poesie gefunden, in der innern Selbstgewißheit,
ohne welche sie nicht denkbar ist. Gerade da erkannte er sie, wo
die gebildeten Tonangeber sie nicht sehen wollten. Dieser Gegensatz
hatte seinen Humor herausgefordert, und verwegen im Besitze eines
Schatzes, von dessen Werthe jene keine Ahnung hatten, verspottete er
die leere und schale Weisheit der Welt. Er glaubte an die sittliche
Macht, die siegreiche Gewalt der reinen Begeisterung, welche aus der
Volkspoesie, aus den Werken der großen Dichter, aus den Schöpfungen
der alten Meister laut und vernehmlich sprach. Er deutete auf die
ewigen Grundgesetze des Lebens, der Natur hin. Schon war in seinen wie
in Wackenroder’s Dichtungen die Kunst zur Religion geworden. Was die
Poesie für die Kunst forderte, mußte sie in höherm Maße für sich selbst
in Anspruch nehmen; sie konnte nicht zu allen Zeiten nur verneinend
oder angreifend auftreten. Mit der Ueberzeugung dieses dichterischen
Glaubens wuchs das Bedürfniß zu glauben.
In der geltenden Fassung des Christenthums erzogen, hatte sich Tieck,
wie viele, gegen das Religiöse, gegen die hergebrachten kirchlichen
Formen gleichgültig verhalten. Das Bedürfniß des Trostes hatte ihn wol
nach dieser Seite hingeführt. Aber die Stillung des Schmerzes, welche
er suchte, hatte er nicht gewinnen können. Nur in der Poesie hatte er
göttliche Ahnungen gefunden, welche ihm weder die Schule, noch die
theologischen Systeme zu geben vermochten. Um so entschiedener wandte
er sich nun von den ungenügenden Formen und Formeln ab, welche sein
Herz leer ließen und sein Gefühl nicht befriedigten. Sein Dichten
war ein unaufhörliches Suchen nach jenen tiefen Gedanken und ihrem
entsprechenden Ausdrucke gewesen, welchen die herrschenden Systeme
nicht kannten, oder für etwas Alltägliches erklären wollten.
In dieser Stimmung kam ihm ein Buch in die Hände, das diese Bewegung
vollendete. Es war Jakob Böhme’s „Morgenröthe“. Ihre glühenden
Strahlen fielen auf dunkel Geahntes, als eine andere, neue erschien
in ihrem Glanze die Welt. Den Aufgeklärten galt Jakob Böhme’s Name
als eine allgemeine Bezeichnung religiöser Schwärmerei, verbunden
mit Abgeschmacktheit, Barbarei und Aberwitz aller Art. Tieck hatte
in diesen Ton spottend eingestimmt, ohne daß er eines seiner Bücher
gelesen hätte. Der Geist des Widerspruchs wurde von neuem in ihm
aufgeregt, als er jene Schrift in der Maurer’schen Buchhandlung fand.
Er meinte darin eine reiche Fundgrube des Witzes und Scherzes entdeckt
zu haben. Doch dieser geheimnißvolle Geist ließ sein nicht spotten, und
ungestraft sollte ihm Niemand nahen. Bald mußte er erkennen, daß er
nicht der Herrschende, sondern der Beherrschte sei. Diese Gedankenkette
ließ ihn nicht los, er mußte ihr folgen, auch wenn er nicht gewollt
hätte. Er schloß mit der vollsten Verehrung und Hingebung an diesen
Tiefsinn, diese ursprüngliche Philosophie, welche zugleich auch Poesie
war. Nie hatte er sich mehr hingerissen und zugleich gedemüthigt
gefühlt.
Auch dies war ein System, aber ein ganz anderes, als was man sonst
so zu nennen pflegte. Es war kein künstlich aufgeführtes Gebäude von
Paragraphen, in denen zuletzt nur beschränkte Geister zu Hause waren;
es schien die Welt selbst zu sein. Hier verschwanden alle Gegensätze
zwischen Glauben und Wissen, Verstand und Phantasie, es war alles
in allem Eins, ein ungetheiltes Ganze, in dem Gottes Geist lebte
und athmete. Von hier aus glaubte er das Christenthum, die Natur,
die Philosophie zu verstehen. Sein Glaube war früher ein poetischer
gewesen, jetzt ward er ein religiöser. Sein Bewußtsein ruhte in diesem
Elemente; Wunder und Geheimniß wurden ihm deutlich, während sich das,
was der Welt als das Gewöhnliche galt, zum Wunder erhob. Nun erregten
auch die philosophischen Systeme seine Theilnahme; er begann sich
mit der neuern Philosophie bekannt zu machen, und las die Schriften
Fichte’s und Schelling’s. Und auch die Poesie mußte dieser neue Strom
befruchten.
Zu den deutschen Philosophen traten dann die spanischen Dichter.
Vorzugsweise hatte er bisher den Cervantes gelesen, und seiner
humoristischen Neigung folgend, sich hier heimisch zu machen gesucht.
Er wünschte das Meisterwerk in der echten Gestalt in der deutschen
Literatur herzustellen. Cervantes war es nicht viel besser ergangen als
Shakspeare. Man kannte ihn nicht in seiner Größe, und der „Don Quixote“
wurde nur in Bertuch’s Bearbeitung oder in Florian’s Abschwächung
gelesen. Zwar dieser Stoff war nicht zu verwüsten, aber der Duft der
Poesie, der darüber schwebte, mußte unter den Händen der Bearbeiter
sich verflüchtigen. Schon 1797 hatte A. W. Schlegel von Tieck’s
Vorhaben gehört, und sich schriftlich aufmunternd ausgesprochen. Auch
Unger wünschte einen Verlagsartikel dieser Art zu übernehmen. So begann
Tieck gutes Muths, oder wie er es später ansah, nicht ohne Leichtsinn,
die Uebersetzung. Zwar hatte er den „Don Quixote“ viel gelesen, aber
die Kenntniß der spanischen Sprache und Literatur war in Deutschland
höchst dürftig. Als Literatur des Katholicismus und der Legende lag sie
der allgemeinen Theilnahme unendlich fern. Spanische Bücher waren eine
große Seltenheit; um sie zu erlangen, bedurfte es der weitläufigsten
Vermittelungen; auf Spanien selbst mußte man zurückgehen. Ueberall
fehlte es an zuverlässigen Ausgaben, und an den gewöhnlichsten
Hülfsmitteln. Dennoch hatte Tieck den ersten Band der Uebersetzung 1798
im Manuscript vollendet, und im folgenden Jahre erschien er bereits im
Drucke.
Doch wollte man Cervantes verstehen, so war es nothwendig, nicht ihn
allein, sondern auch die frühere und spätere Poesie kennen zu lernen.
Eine Zeit mußte die andere erklären. Er ging daher zu den dramatischen
Dichtern, zu Lope de Vega, Calderon und den Lyrikern über, und hier
lebte eine Fülle dichtender und schaffender Phantasie, welche nicht
nur die Natur in ihrer ganzen sinnlichen Pracht, sondern auch die im
höchsten Glanze strahlende Welt des Glaubens in ihren Zauberkreis
hineinzog. Hier, wo Sinnliches mit Uebersinnlichem sich in mystischer
Weise verband, flossen die Wunder der Poesie und des Glaubens in der
Legende in Eins zusammen, das Wunder war noch Wunder, noch Gegenstand
des Glaubens und der Anbetung. Diese Gedichte paßten ganz zu den
religiösen Bewegungen, welche den Dichter mehr als je ergriffen hatten.
Früher war es die Naturkraft und Frische, die Volksthümlichkeit und
Unmittelbarkeit, welche in dem Mittelalter und seinen Sagen herrscht,
die ihn ahnungsvoll angesprochen hatte; jetzt wandte er sich in der
Poesie dem kirchlichen Glauben der Vergangenheit zu. Aber auch der
Reichthum der Formen, die Fülle der verschiedenartigsten Versmaße
überraschten ihn, in den mannichfaltigsten Strahlenbrechungen ließen
sie Gefühl und Leidenschaft erscheinen. Es erweiterte sich die
abgemessene dramatische Form durch epische und lyrische Einschaltungen;
der volle Erguß der verschiedensten Gefühle durchbrach die engen
Schranken des Dramas. Aehnliches fand sich auch bei Shakspeare,
wenigstens trat in einigen Stücken die erzählende Episode als eine Art
von Chor ein, wie im „Perikles von Tyrus“, für welchen Tieck besondere
Vorliebe hatte.
In diesen Augenblicken ward er auf einen Stoff aufmerksam, welcher
geeignet war, alle diese Empfindungen zur Darstellung zu bringen, auf
die Legende der Genoveva. In erster jugendlicher Kraft erschien hier
das ritterliche, kämpfende Christenthum, aber in noch höherm Glanze
strahlte der leidende, im Dulden siegende Glaube, der das Wunder
vom Himmel herabruft. Das Heidenthum, die Wildheit der natürlichen
Leidenschaft stehen auf der andern Seite. Die ganze Gewalt dieser
streitenden Kräfte konnte sich entfalten.
Schon einmal war Tieck daran erinnert worden. Als er im Jahre 1797
Hamburg zum zweiten Male besuchte, theilte ihm der Maler Waagen
ein Manuscript mit, eine Tragödie enthaltend, welche denselben
Stoff behandelte. Sie gehörte dem Maler Müller, dessen Name in der
Jugendzeit Goethe’s häufig genannt worden war, und der einst Muth genug
gehabt hatte, sich neben diesen zu stellen. Seitdem hatte er mit dem
Vaterlande gebrochen; er war nach Italien gegangen und für Deutschland
verschollen. Jenem Freunde hatte er während dessen Aufenthalt in Rom
das Trauerspiel mit dem Wunsche übergeben, nach zwanzig Jahren sein
Andenken in der deutschen Literaturwelt zu erneuern. Das Drama war
jedoch nicht neu, sondern noch unter dem unmittelbaren Einflusse des
„Götz“ entstanden. Tieck hatte das Manuscript zu lesen versucht,
aber andern Verhältnissen hingegeben, und durch die schwierige
Beschaffenheit desselben abgeschreckt, war er über eine oberflächliche
Durchsicht nicht hinausgekommen. Nur das schwermüthig und volksthümlich
gehaltene Lied Golo’s: „Mein Grab sei unter Weiden“, hatte Eindruck auf
ihn gemacht, und sich seinem Gedächtnisse umsomehr eingeprägt, als
der Verfasser diese Worte als Motto auf das Titelblatt gesetzt hatte.
Ohne indeß diese Gedanken weiter zu verfolgen, gab Tieck das Drama dem
Besitzer zurück.
Ein Jahr später lernte er unter den Volksbüchern, denen er stets eifrig
nachspürte, die „Geschichte vom Leben und Tode der heiligen Genoveva“
kennen. Die Legende erweckte seine ganze dichterische Kraft. Schon
am Ende des zweiten Theils des „Sternbald“ führte er vorübergehend
die Gestalt der Heiligen ein. Nun ward sie die leidende Heldin eines
dramatisch-religiösen Gedichts. Der Stoff erfüllte und beherrschte
ihn, er trieb ihn vorwärts. Es entstand ein episch gehaltenes Drama,
dem es auch an reichen lyrischen Elementen nicht fehlte, das von allen
Anforderungen des Theaters absah und nur die Stimmung des Moments
zum Ausdrucke bringen wollte. Im Sommer des Jahres 1799 war Tieck
nach Halle gegangen, um hier einige Wochen bei Reichardt zu verleben.
In Giebichenstein schrieb er den Prolog, in welchem er den heiligen
Bonifacius die Klage aussprechen ließ, daß Niemand mehr Gott vertraue,
daß man seinen und der Apostel Namen mit Spott und Hohn nenne, weil
sie dem Rufe gefolgt seien, der sie als Prediger in die Wüste gesendet
habe. Dann folgten die ersten Scenen. Noch vor Ablauf des Jahres wurde
das Ganze in Jena vollendet.
Eine eigenthümliche Fügung war es, daß er in dieser Zeit, wo er in den
Wundern der romantischen Poesie lebte, in Halle mit Voß zusammentraf,
der seiner Natur nach nur der entschiedenste Gegner derselben sein
konnte. Er hatte einen Ausflug nach Weißenfels gemacht, um Novalis,
den er bereits kannte, zu besuchen, als Reichardt’s alter Freund Voß,
damals noch Rector in Eutin, auf einer Ferienreise in Giebichenstein
eintraf. Dieser Zufall war für Reichardt nichts weniger als angenehm.
Schon war die Feindseligkeit zwischen Voß und Schlegel bekannt.
Dieser hatte in der „Jenaischen Literaturzeitung“ von 1796 und 1797
die Uebersetzung des „Homer“ und Voß’ „Musenalmanach“ einer Kritik
unterworfen, die jenen höchlich verletzte. Tieck war Schlegel’s Freund,
und hatte sich im „Archiv der Zeit“ über den Almanach ebenso wenig
unbedingt anerkennend ausgesprochen. Voß war durch das classische
Alterthum gebildet, er war in der Kenntniß desselben einer der ersten
Meister, er lebte in den einfachen antiken Grundgedanken und Formen.
In der deutschen Literatur hatte er sich besonders an Klopstock und
Gleim angeschlossen. Seine Uebersetzungen und Idyllen fanden bei Vielen
Anklang; auch hier hatte er sich eine strenge Behandlung der Form zum
Gesetz gemacht, während der Inhalt seiner Dichtungen nüchtern war. Es
war eine tüchtige rationalistische niederdeutsche Natur. Wie Nicolai
fürchtete er überall Katholicismus und Obscurantismus. Für ihn gab es
weder jene Mystik der gläubigen Poesie, noch den übermüthigen Humor,
welcher in den romantischen Dichtungen herrschte.
Reichardt wollte unangenehme persönliche Beziehungen vermeiden, und
schickte daher an Tieck eiligst einen Boten ab, mit der Bitte, nicht
nach Giebichenstein zurückzukehren, bevor es Voß verlassen habe. Doch
der Bote traf Tieck bereits auf dem Rückwege, und dieser war nicht
gesonnen, der Begegnung auszuweichen. In der Nähe von Giebichenstein
traf er gar auf Voß selbst und Reichardt, der sehr überrascht war,
seine wohlgemeinte Vorsicht vereitelt zu sehen. Man wechselte einige
Worte, dann ging jeder Theil seines Weges. In der nächsten Unterredung
mit Reichardt erklärte Tieck, er möge sich beruhigen, er werde nicht
nur Voß’ Freundschaft gewinnen, sondern diesen sogar nöthigen, ihn
aufzusuchen, und ihm durch den ganzen Garten zu folgen.
Als darauf die beiden Gegner zusammenkamen, zeigte sich Voß zuerst kalt
und zurückhaltend. Tieck konnte sich nicht verhehlen, dieser hagere,
trockene und steife Mann, der in dem scharf absprechenden Tone des
Gelehrten redete, mache keinen günstigen Eindruck. Dennoch ließ er
sich nicht abschrecken. Höflich und zuvorkommend, nicht ohne Ironie
näherte er sich ihm. Endlich überwand er sein sprödes Wesen. Bald war
von Goethe die Rede. Voß konnte nicht unterlassen, die Hexameter in
„Hermann und Dorothea“ zu tadeln. Tieck hörte diese Bemerkungen ruhig
an, dann entgegnete er trocken, es finde sich auch ein siebenfüßiger
darunter. „Was?“ fuhr Voß auf, „das wäre! Da lassen Sie uns gleich
nachsehen.“ Das war der Augenblick, welchen Tieck erwartet hatte. Sie
waren im Garten; indem er dem Hause zuging, um das Buch zu holen,
folgte ihm Voß mit hastigen, ungeduldigen Schritten. Der Beweis für die
Behauptung ward in der That geführt, und Voß’ gute Laune war völlig
hergestellt. „Sie sind ein vortrefflicher junger Mann!“ rief er aus.
„Wie danke ich Ihnen das!“ In freundlichem Verkehr verlebten sie darauf
die folgenden Tage ihres gemeinsamen Aufenthalts in Giebichenstein.
9. Jena und Weimar.
Seit einem Menschenalter war Weimar der Mittelpunkt des geistigen
Lebens in Deutschland. Eine neue Zeit war von hier ausgegangen, seit
Goethe es zu seinem Wohnsitze gewählt hatte. Wieland hatte er dort
gefunden, Herder nach sich gezogen, und Schiller war im Begriffe,
sich ebendahin zu übersiedeln. Selten waren bedeutendere Kräfte auf
einem engern Raume vereint gewesen; dem großen Talente schien sich in
der That das größere nachzudrängen. Welch ein reiches Leben war nicht
in diesem Zusammenwirken! Reich an tiefen Gedanken, an dichterischen
Schöpfungen, an umgestaltenden volksthümlichen Einwirkungen! Das kleine
Weimar war zu einem classischen Boden geworden; von hier empfing die
deutsche Poesie ihre Gesetze.
Neben Weimar stand Jena. Die alte Universität hatte neue Jugendfrische
gewonnen. Hatte Weimar die Poesie für sich, so gehörte Jena die
Wissenschaft. Hier glänzten kaum weniger große Namen. Hier hatte
die Kantische Philosophie ihren Sitz aufgeschlagen, dann war Fichte
gefolgt, zuletzt hatte Schelling die neue Philosophie der Natur
verkündigt. Neben ihnen stand manche andere bedeutende Autorität.
Griesbach der Theolog, Eichstädt der Philolog, Woltmann der Historiker,
A. W. Schlegel der Kritiker und Aesthetiker. Und welche Kraft konnte
eine größere Anziehung ausüben als der Geist? Kaum gab es ein
hervorragendes Talent, welches von dieser Welt nicht wäre angezogen
worden, und wenigstens für eine kurze Zeit in ihr geweilt hätte, so
Jean Paul, Friedrich Schlegel, Novalis.
Jetzt gesellte sich zu den großen deutschen Dichtern der jüngste in
dieser Reihe, Tieck. Man könnte sagen, es lag eine Nothwendigkeit
darin, wenn die Naturpoesie der Naturphilosophie begegnete. Was jene
dichterisch gestaltend darstellte, wollte diese wissend erkennen, das
geheimnißvolle Leben, die innere Kraft der Natur, ihren Geist.
Schon vor seiner Begegnung mit Voß hatte Tieck von Halle aus eine Fahrt
nach Jena unternommen. Es war ein erster Blick in diese Welt; hier
dachte er in dem kommenden Winter zu leben. Bereits erwartete ihn A.
W. Schlegel, und führte ihm einen neuen Freund zu, welcher auf diesen
Augenblick lange gehofft hatte. Ein Jahr früher schrieb F. Schlegel an
Tieck, zwei neue Freunde seien ihm durch seine „Volksmärchen“ gewonnen,
Novalis und Schelling. Jetzt traten ihm beide entgegen.
Die Begegnung zwischen Tieck und Novalis war für beide entscheidend.
Zwei Geister trafen zusammen, die nur aufeinander gewartet zu
haben schienen. In der Zeit, wo er Jakob Böhme ergriffen hatte,
fand Tieck auch Novalis. Dieser sagte später einmal, mit Tieck’s
Bekanntschaft beginne ein neues Blatt in seinem Leben. Neigung,
Studium, schmerzliche Erfahrungen hatten ihn von einer andern Seite
her denselben Weg geführt. Auf die Erforschung der Natur leitete ihn
äußerer Beruf, auf die Naturphilosophie innerer Trieb. Auch war er in
Schlegel’s „Athenäum“ als Schriftsteller aufgetreten; er hatte seine
Ebenbürtigkeit erwiesen, und die Ausführung des „Ofterdingen“, in dem
er eine Verherrlichung der Poesie geben wollte, begonnen. Eifrig hatte
er den „Wilhelm Meister“ studirt, und Vieles daraus seinem Gedächtnisse
vollständig eingeprägt; er bewunderte ihn zuerst ebenso sehr, als er
sich später davon abwandte. Dann hatte er mit nicht geringerem Eifer
den „Sternbald“ gelesen. Nach dem Tode seiner Braut versenkte er sich
in eine stille befriedigte Mystik, welche ihn aufrecht hielt, und zu
dem religiösen Glauben zurückführte, in dem er erzogen worden war. Er
war um ein Jahr älter als Tieck.
Novalis war ein Ersatz für Wackenroder, an den er in mancher Beziehung
erinnern konnte. Beide waren fein organisirte Naturen, beide tief und
eigenthümlich; glaubensvolles Hingeben war ihnen Bedürfniß. Doch war
der spätere Freund dem früheren in vielen Punkten überlegen. Mit der
mystischen Richtung vereinte Novalis verstandesmäßige Schärfe und
Klarheit, er war philosophisch geschult, er besaß Blick und Urtheil
für die Welt, mit Gewandtheit bewegte er sich in ihren Verhältnissen.
An seiner Stelle mußte er Jedes anerkennen, ohne dem Höchsten etwas zu
vergeben. Er war freier, sicherer, durchgebildeter als Wackenroder.
Es war ein schöner Abend, als die Freunde während des Besuchs,
den Tieck im Sommer 1799 in Jena machte, zum ersten Male vereint
waren. Novalis war aus Weißenfels gekommen. A. W. Schlegel hatte den
Vermittler gemacht. In bewegten Gesprächen hatten sie die Herzen
gegeneinander aufgeschlossen, geprüft und erkannt; die Schranken des
alltäglichen Lebens fielen, und beim Klange der Gläser tranken sie
Brüderschaft. Mitternacht war herangekommen; die Freunde traten hinaus
in die Sommernacht. Wieder ruhte der Vollmond, des Dichters alter
Freund seit den Tagen der Kindheit, magisch und glanzvoll auf den
Höhen um Jena. Sie erstiegen den Hausberg, und eilten weiter über die
Hügel. Endlich begleiteten sie Novalis nach Hause; der Morgen war nicht
mehr fern. Als man Abschied nahm, sagte Tieck: „Jetzt werde ich den
‚Getreuen Eckart‘ vollenden.“ „Wenn du das kannst nach diesem Abende,
nach diesem Spaziergange“, erwiderte Schlegel, „dann will ich dich
hoch in Ehren halten!“ Tieck löste sein Wort. In den Morgenstunden
vollendete er die Erzählung, und noch an demselben Tage theilte er sie
den Freunden mit.
Sogleich wurde die Verabredung getroffen, Tieck solle nach seiner
Rückkehr, von Halle aus den neuen Freund in Weißenfels besuchen. Er
verlebte hier einige Tage. Der Eintritt in diese Familie machte einen
tiefen Eindruck. Ein ernstes, stilles Leben, eine prunklose, aber wahre
Frömmigkeit herrschte hier. Die Familie war der Lehre der Herrnhuter
zugethan, und lebte und wirkte in diesem Sinne. Der alte Hardenberg,
früher ein rüstiger Soldat, eine hohe, ehrwürdige Natur, stand wie
ein Patriarch in der Mitte talentvoller Söhne und lieblicher Töchter,
denen sich Julie von Charpentier, Novalis zweite Braut, zugesellte. Der
neue Freund wurde von dem Vater herzlich willkommen geheißen, und bald
fanden sie mehr als einen Einigungspunkt. Neuerung und Aufklärung waren
ihm in jeder Form verhaßt; die alte verkannte Zeit liebte und lobte
er, und wenn die Gelegenheit es bot, konnte er derb und rückhaltlos
seine Ansichten aussprechen, oder in plötzlichem Jähzorn auflodern.
Die komischen Gegensätze, welche dabei bisweilen zum Vorschein kamen,
thaten seiner ursprünglichen Würde keinen Eintrag.
Einst hörte Tieck den alten Herrn im Nebenzimmer in nicht eben
glimpflicher Weise schelten und zürnen. „Was ist vorgefallen?“ fragte
er besorgt einen eintretenden Bedienten. „Nichts“, erwiderte dieser
trocken. „Der Herr hält Religionsstunde.“ Der alte Hardenberg pflegte
Andachtsübungen zu leiten, und auch die jüngern Kinder in Dingen des
Glaubens zu prüfen, wobei es mitunter stürmisch herging.
Im October übersiedelte sich Tieck mit seiner Frau und der eben
geborenen Tochter Dorothea nach Jena. Er wohnte in dem Hause A. W.
Schlegel’s, welches für ihn und andere Freunde der Mittelpunkt des
gemeinsamen Lebens ward. Er lernte Schlegel’s Frau, Karoline, und deren
Stieftochter, Auguste Böhmer, kennen. Diese war siebzehn Jahre alt;
unleugbar eine der anziehendsten Erscheinungen in diesem Kreise. Sie
war rasch, lebhaft, geistvoll, durchaus originell. Man konnte sie nicht
schön nennen, denn sie hatte einen etwas schielenden Blick; doch weit
entfernt, störend oder abstoßend zu wirken, gab es ihren tiefen Augen
einen eigenthümlichen Ausdruck. Es lag darin eine Gewalt, der man sich
kaum zu entziehen vermochte. Als Tieck in das Zimmer trat, rief sie
ihm entgegen: „Sie kommen durch die Thür? Ich meinte, Sie müßten, wie
Ihr Kater, über die Dächer einherspazieren.“
Andere Freunde traten diesem Kreise bei, Friedrich Schlegel und
Dorothea Veit, dann Fichte, Schelling. Oft kam auch Novalis aus
Weißenfels. Brentano, der in Jena studirte, Gries, die Künstler Bury
und Genelli, und noch mancher Andere gesellte sich vorübergehend zu
ihnen. In heiterer Weise vereinte man sich in dem Hause des ältern
Schlegel zum gemeinsamen Mittagstisch; Tieck wenigstens und die Seinen
regelmäßig. Hier fanden sich jene geistig angeregten Gesellschaften
in Wirklichkeit, welche er in den spätern Novellen so meisterhaft zu
schildern verstand. Daß sie so reich waren, konnte zum großen Theil für
sein Werk gelten. Abends kam man wieder zusammen, war es bei Schlegel,
oder bei Frommann dem Buchhändler, der an Allem den lebhaftesten
Antheil nahm. Tieck las etwas Dramatisches, jeder theilte mit, was
er eben vollendet hatte, oder worüber er den Rath, das Urtheil der
Freunde zu vernehmen wünschte. Poesien, Studien und Entwürfe, Meinungen
und Ansichten kamen zur Besprechung. Hier las Tieck sein damals
niedergeschriebenes Gedicht „Die Zeichen im Walde“. Er hatte es zuerst
in verschlungenen Reimen, dann in durchgehender Assonanz bearbeitet,
die als Probe gewandten Versbaus aufgegeben war. Treffend bemerkte
einmal Schlegel, wem die größern Dichtungen Tieck’s zu lang seien, dem
müsse man die Verse von der Waldeinsamkeit im „Blonden Ekbert“ zu lesen
geben; diese seien die Quintessenz seiner Poesie und der wahre Inhalt
seines Wesens.
Schlegel selbst las sein Gedicht auf die Schauspielerin Bethmann. Ein
anderes Mal hielt Novalis einen Vortrag, der einen eifrigen Streit
hervorrief, weil man fand, daß er sich darin zum Katholicismus bekannt
habe. Brentano trug seine „Naturgeschichte des Philisters“ vor, als
auch Fichte zugegen war. Nach beendigter Vorlesung erhob sich dieser
mit den Worten: „Nun werde ich euch aus dieser Geschichte beweisen,
daß eben der Brentano hier der erste und ärgste unter allen Philistern
ist!“ Worauf dann eine schlagende Kritik folgte. Der Erinnerung an
dieses Leben widmete Brentano einige bewegte Zeilen am Schlusse seines
verwilderten Romans „Godwi“, den er unter diesen Einwirkungen schrieb.