überdrüssig, ohne Hoffnung für die Zukunft. Leicht würde eine zarte
Natur wie die seine Schwereres ertragen haben, wenn sie mit sich
einig geworden wäre; an diesem quälenden Widerspruche ging sie zu
Grunde. Seine Gesundheit wankte; er kränkelte, es entwickelte sich ein
Nervenfieber. Am 13. Februar 1798 starb er fünfundzwanzig Jahre alt.
Es war ihm gegeben, unter Kampf und Streit die höchsten Entzückungen
der Kunst in sich zu erleben, er hatte sie ausgesprochen, dann war er
gestorben. Sein Leben war ein kurzes, aber darum nicht schmerzenfreies;
doch war es still, rein und voll künstlerischen Glaubens gewesen, wie
das jener alten Meister, von deren Bildern seine Seele erfüllt war.
Nächst dem Vater traf dieser Schlag Niemand härter als Tieck. Zehn
Jahre der reichsten Entwickelung hatte er mit diesem Freunde verlebt.
Es gab nichts in Leben, Poesie und Kunst, was sie nicht besprochen
hätten. Es war eine Freundschaft hervorgegangen aus der Gleichheit der
höchsten Seelenstimmungen. In der letzten Zeit hatten sie für eine
tiefere Auffassung der Poesie und Kunst gemeinschaftlich gekämpft.
Und in diesem Sinne wirkte Tieck weiter. Er setzte dem hingeschiedenen
Freunde ein Denkmal, das ein Zeugniß ihres gemeinsamen Lebens in der
Kunst sein sollte. In einer eigenen Dichtung führte er die Ideen
des Klosterbruders weiter aus. Dies war der „Sternbald“. Schon in
Nürnberg hatten die Freunde den Gedanken gefaßt die alte volksthümliche
Kunstwelt wieder zu beleben. Unter den verschiedenartigsten Arbeiten
hatte Tieck diesen Plan festgehalten. Zu den „Herzensergießungen“
hatte er einen Beitrag gegeben, in dem der Charakter des „Sternbald“
bereits vollständig ausgebildet war. Es ist der Brief des jungen
deutschen Malers, der aus der Schule seines Meisters Albrecht Dürer
nach Rom gegangen ist, und unter den Werken Rafael’s und der großen
Italiener ein neues Leben in der Kunst beginnt. In dem letzten
Lebensjahre Wackenroder’s hatte er diese Gedanken mit verdoppeltem
Eifer wieder aufgenommen, und mit dem Freunde auf manchem Spaziergange
im Thiergarten besprochen. Er wünschte lebhaft, auch dieser möge an
der Ausführung Theil nehmen. Zögernd willigte endlich Wackenroder ein,
und übernahm die Bearbeitung gewisser Capitel. Auch diese altdeutsche
Geschichte sollte dann unter dem Namen des Klosterbruders erscheinen.
Doch gleich darauf erkrankte Wackenroder, bevor er noch an die Lösung
seiner Aufgabe gehen konnte. Die Gestalten der deutschen Kunstwelt und
der Gedanke an die eben entworfene Dichtung erfüllte die Phantasie
seiner letzten Tage. Unterdessen hatte Tieck bereits begonnen, und
unter den Schmerzen jenes herben Verlustes vollendete er die ersten
Bücher. Er konnte sie nur mit der Klage abschließen, daß er ohne den
Beistand des Freundes habe ausführen müssen, was in der Idee beiden
gehörte.
Er führte in seiner Dichtung den Jünger durch die verschiedenen Stufen
der Kunst bis nach Rom. Aus der Werkstatt Albrecht Dürer’s geht der
einfache und schlichte Schüler hervor. Er sieht die deutschen und
italienischen Kunststätten in Leyden, Strasburg und Florenz; in Rom mit
dem Anblick von Michel Angelo’s jüngstem Gericht schließt der erste
Theil seiner Lehrjahre. Tieck’s Gedanken über deutsche Art und Kunst,
seine Erinnerungen an Nürnberg, seine Gespräche mit dem Freunde, Alles
hatte hier eine dichterische Gestalt gewonnen. Der innige und warme Ton
des Klosterbruders klang auch durch diese Malergeschichte.
Den Abschluß dieser Thätigkeit machte die Herausgabe von Wackenroder’s
Nachlaß, in dem sich Manches fand, was für einen zweiten Theil der
„Herzensergießungen“ bestimmt gewesen war. Es waren die Skizzen aus
Dürer’s Leben, und Einiges was unter Berglinger’s Namen geschrieben
war. In Verbindung mit eigenen Aufsätzen ähnlichen Inhalts gab sie
Tieck 1799 als ein Vermächtniß Wackenroder’s heraus unter dem Titel:
„Phantasien über die Kunst.“ Das geistige Leben der Freunde hatte in
drei verschiedenen Werken einen dauernden Ausdruck gewonnen, welcher
für die Poesie wie für die Kunst nicht ohne bedeutende Folgen blieb.
In der Zeit dieses Verlustes gestaltete sich auch das Verhältniß zu
Bernhardi anders. An die Stelle der Offenheit, welche früher zwischen
ihnen geherrscht hatte, begann eine vorsichtige Zurückhaltung zu
treten. Fast hatte es den Anschein, als wenn sich Bernhardi in eben dem
Maße von Tieck entfernte, als er sich dessen Schwester Sophie näherte,
mit der er sich später verlobte. Auch Tieck hatte sich 1796 mit der
Schwägerin Reichardt’s in Giebichenstein verlobt. Es fehlte nicht an
kleinen Neckereien und Angriffen, die den Charakter der Gereiztheit
annahmen.
Bernhardi warf Tieck, dem Goethe-Enthusiasten, in den wiederkehrenden
Kämpfen gegen die alte Schule Lauigkeit vor, oder wol gar, daß er
seine Ansicht verleugne. Wie bei Nicolai hatte er sich auch manchem
andern Würdenträger der Aufklärung gegenüber schweigend und hörend
verhalten; sie waren nicht zu bekehren, und zu seiner Beruhigung eine
Tirade über Goethe zu geben, erschien ihm nutzlos und lächerlich.
Niemand kannte und würdigte die Meinungen der Gegner besser als er,
davon hatte er mannichfache Beweise gegeben; immerhin mochte er ihnen
das Vergnügen lassen sich in breiter Ausführlichkeit Luft zu machen.
Aber diese ruhige Sicherheit galt für Kälte, Zweideutigkeit und Mangel
an Begeisterung. Dies gab Bernhardi sogar zu einigen satirischen
Bildern Veranlassung, deren treffliche Ausführung Tieck bereitwillig
anerkannte, wenngleich er einsah, man habe ihm damit einen Spiegel
vorhalten wollen. Fink, aus dessen Leben sechs Stunden geschildert
wurden, war Niemand anders als er. Der enthusiastische Anbeter Goethe’s
erschien hier aus kluger, hinterhaltiger Berechnung vor dem mächtigen
Gegner des Dichters als zweideutiger Kritiker. Und nichts lag Tieck’s
offenem Charakter ferner als diese berechnende Weltklugheit.
Man konnte nicht rückhaltloser und uneigennütziger sein, als er gegen
Bernhardi gewesen war. Er hatte ihm früher das kleine Trauerspiel „Der
Abschied“ überlassen, für dessen Verfasser jener zu gelten wünschte.
Dann hatte Bernhardi das Märchen „Die Versöhnung“ dem „Archiv der
Zeit“ als seine Arbeit überschickt, und die Erzählung „Almansor“ nahm
er in ein Buch auf, welches er „Nesseln“ nannte, und unter dem Namen
Falkenhayn herausgab. Als er den „Abdallah“ im Manuscript gelesen
hatte, schrieb er davon angeregt einen Ritterroman „Die Unsichtbaren“,
der 1794 in zwei Bänden in Halle erschien. Hier hatte er sich Ernst
Winter genannt. Es war eine Nachbildung des „Abdallah“, die um mehrere
Monate früher durch den Druck bekannt ward als das Vorbild, freilich
ohne einen irgend merklichen Eindruck zu machen. Ja auf den „Abdallah“
selbst erhob er eine Art von Anspruch, indem er Tieck einmal andeutete,
daß ohne große Opfer, welche er gebracht habe, und ohne seine Beihülfe
dieser Roman wol niemals zum Abschluß gekommen sein würde. Doch bei
dieser Behauptung riß Tieck’s Geduld. Es war auf einem Spaziergange;
ohne ein Wort erwidern zu können, wandte er Bernhardi den Rücken und
schlug einen andern Weg ein. Endlich ließ dieser es sich gefallen, als
der Verfasser der „Verkehrten Welt“ aufzutreten.
Durch den „Klosterbruder“ und den „Sternbald“ war Tieck mit dem
Buchhändler Unger in nähere Verbindung gekommen. Dieser Mann erfreute
sich eines nicht unbedeutenden Rufes unter Künstlern und Gelehrten.
Neben seinem buchhändlerischen Geschäfte, mit dem eine Druckerei
verbunden war, übte er selbst den Holzschnitt und fand Anerkennung.
Seine Frau war liebenswürdig, talentvoll, vielseitig gebildet und als
Schriftstellerin aufgetreten. Manches hatte sie aus fremden Literaturen
übersetzt, sich aber auch in eigenen Darstellungen versucht. Ihre
Pensionsgeschichte „Julchen Grünthal“ wurde gern gelesen, und war von
A. W. Schlegel günstig beurtheilt worden. Unger’s Haus war ein sehr
geselliges; man traf stets die beste Gesellschaft, und Tieck hatte
manche heitere und angenehme Stunde daselbst verlebt.
Unger wünschte, eine von Tieck’s neuesten Dichtungen in Verlag zu
nehmen. Dieser beschloß ihm die von Nicolai zurückgewiesene „Verkehrte
Welt“ zu übergeben. Unger, ein heiterer Mann, versprach sich das Beste
davon, und hatte eine kleine Gesellschaft von Freunden eingeladen,
vor denen das Lustspiel gelesen werden sollte. Er selbst kannte es
noch nicht. Der Dichter begann zu lesen. Er hatte in voller Laune
geschrieben, und glaubte diesmal seines Erfolges sicher zu sein. Doch
war es schon eine unangenehme Enttäuschung, als bei den Stellen, wo
er ein unauslöschliches Gelächter erwartet hatte, sich kein Mund
öffnen wollte. Als er zu Ende gelesen hatte, sah er nur ernste, lange
Gesichter. Ein frostiges Schweigen herrschte, Niemand wußte ein Wort zu
finden. Endlich kam der verlegene Verleger schüchtern mit der Sprache
heraus. Auch er fand diese Dichtung doch zu sonderbar und abweichend
vom Gewöhnlichen, um sich zur Uebernahme derselben entschließen zu
können.
Verdrießlich über diese zweite Abweisung des Scherzes, warf Tieck das
Manuscript bei Seite, und schenkte es nach einiger Zeit Bernhardi.
„Mache damit was du willst!“ sagte er. Dieser gab soeben eine Sammlung
satirischer Skizzen und Erzählungen heraus, „Die Bambocciaden“, deren
erster Theil 1797 anonym bei Maurer erschienen war. 1799 folgte der
zweite Theil, der außer einigen Erzählungen von Tieck’s Schwester auch
die „Verkehrte Welt“ enthielt. Auf Bernhardi’s Wunsch schrieb Tieck
diesmal die Vorrede, unter die jener dann seinen Namen setzte. Er
war gutmüthig genug zu versichern, Bernhardi habe den Plan zu diesem
Lustspiel mit ihm gemeinsam entworfen, und dasselbe zum Theil auch
ausgearbeitet. Mit der Freigebigkeit des Reichen, die er schon in
früher Jugend gezeigt hatte, gab er seine Schätze hin, und überließ es
gern Andern, sich ihrer zu rühmen. Nicht im stolzen Besitze, sondern in
dem ununterbrochenen lebendigen Schaffen fand er seine Befriedigung.
Um diese Zeit entwarf er einen kecken Plan zu einem satirischen
Feldzuge gegen die aberwitzigen Ritterromane, an dem auch seine
Schwester und Bernhardi Theil nehmen wollten. Das Publicum sollte auf
die Probe gestellt werden. Bei Maurer war ein grausiges Machwerk dieser
Art unter dem abgeschmackten Titel erschienen: „Er nahm die Silberlocke
des Enthaupteten und zerstörte das Femgericht.“ Als Verfasser wurde
Zschokke genannt. Diese Albernheiten sollten nicht nur fortgesetzt,
sondern womöglich überboten werden. Ohne einen gemeinsamen Plan gemacht
zu haben, begann jeder der drei Mitarbeiter für sich zu schreiben;
später wollte man die Theile aneinandersetzen und irgendeinen
Zusammenhang hineinbringen. Tieck suchte den Tyrannen zu übertyrannen,
und durch eine Reihe von Uebertreibungen die vermeintliche Heldengröße
jener prahlerischen Klopffechter in ihrer ganzen Lächerlichkeit zu
zeigen. Der Held sitzt eingekerkert in einem Thurme. Sein Freund
klettert an demselben hinauf, und da er sonst kein anderes Werkzeug bei
sich führt, zerbeißt er tapfer mit seinen gewaltigen Zähnen das eiserne
Gitterwerk vor dem Fenster, und entführt den gefangenen Helden. Schon
hatte sich der Verleger bereit erklärt, die Fortsetzung des beliebten
Romans zu übernehmen, als ihm noch zeitig genug der Muthwille, welcher
dahinter steckte, durch Bernhardi verrathen wurde, und nun unterblieb
die ganze Sache.
Endlich hatte Friedrich Tieck 1797 Berlin verlassen. Er hatte seine
erste Kunstreise angetreten, und Wilhelm von Humboldt und Burgsdorff
nach Dresden begleitet, dann nach Wien. Die ursprüngliche Absicht,
nach Italien zu gehen, war bei den damaligen Verhältnissen nicht
durchzuführen; man war daher nach Paris gegangen, wo er seine
künstlerischen Studien fortsetzte.
Doch gewann Tieck zwei neue Freunde, welche mit ihm für das Leben
verbunden bleiben sollten, A. W. Schlegel und Steffens, deren
Hinzutritt mit andern bedeutenden Momenten seines Lebens zusammenfällt.
Obwol er mit dem jüngern Schlegel seit einigen Jahren befreundet war,
so hatte doch seine persönliche Verbindung mit dem ältern Bruder einen
literarischen Ursprung. A. W. Schlegel hatte einen kritisch-genialen
Blick für Alles, was der Kunst und Poesie angehörte, und ein nicht
minder großes Talent für die vollendete Form. Witzig und schlagfertig,
war er ein scharfer Gegner aller pedantischen Geschmacklosigkeit und
Beschränktheit. Ein seltenes gelehrtes Wissen in den alten und neuen
Sprachen, und ein klarer Ueberblick ihrer Literatur stand ihm zu
Gebote. Er war ein Verkündiger Goethe’s, und seine Kritiken in der
„Jenaischen Literaturzeitung“ hatten nicht wenig dazu beigetragen,
deren wissenschaftliche Bedeutung zu heben; die ersten Bände seiner
Uebersetzung Shakspeare’s waren bereits 1797 in Unger’s Verlag
erschienen.
Er war auf Tieck’s Dichtungen aufmerksam geworden. Die Bearbeitung
des „Sturms“ hatte er in der „Jenaischen Literaturzeitung“ von 1797
beurtheilt, und wenngleich er an der jugendlichen Arbeit Manches
auszusetzen fand, so schien sie doch zu bedeutenden Hoffnungen
zu berechtigen. Liebe und Kenntniß seines Dichters konnte er dem
Verfasser nicht absprechen. Gleich darauf hatte er in der Anzeige
der Einzelausgabe des „Blaubart“ und des „Gestiefelten Katers“ den
Dichter als einen solchen, als einen wirklich dichtenden, willkommen
geheißen, und in den ernsten wie in den humoristischen Zügen bereits
eine Meisterhand erkannt. Dies führte zu einem Briefwechsel. Tieck
übersandte dem Kritiker die „Volksmärchen“, und noch vor Ablauf des
Jahres sprach Schlegel den Wunsch aus, seine persönliche Bekanntschaft
zu machen. Zugleich fügte er eine kurze Kritik der „Volksmärchen“
selbst hinzu. In dem „Blonden Ekbert“ fand er Goethe’s reizenden
Ueberfluß wieder bei gleicher Klarheit und Mäßigung, ebenso in einigen
Liedern der „Magelone“. Es schien ihm das nicht minder eine Folge
ursprünglicher Verwandtschaft der Geister als tiefen Studiums. Dieselbe
Ansicht sprach er auch im „Athenäum“ aus.
Anfang Sommers 1798 kam A. W. Schlegel auf einige Wochen nach Berlin.
Man verständigte sich nach allen Richtungen. Shakspeare, das gemeinsame
Studium der ältern englischen und spanischen Literatur, ward eine
Quelle des fruchtbarsten Gedankenaustausches. Schlegel trat ganz
den Freunden bei, welche sich um Tieck gesammelt hatten. Die hier
herrschenden Ideen gewannen in ihm einen gefürchteten Vertreter in der
kritischen Welt.
Er wohnte bei seinem Verleger Unger, der in einem nahegelegenen Theile
des Thiergartens, im sogenannten Schulgarten, ein Haus bezogen hatte,
wo man unter schattigen Bäumen den Staub und das Geräusch der großen
Stadt vergaß. Hier hatte auch Tieck seine Wohnung. Täglich sah man
sich, im geistigen Verkehr wuchsen Kühnheit und Zuversicht.
Indeß gesellten sich diesem Kreise auch andere Elemente bei, die zu
demselben nicht zu passen schienen. Schlegel stand in näherer Beziehung
zu Iffland. Er wünschte die Aufführung des „Hamlet“ nach seiner
Uebersetzung, und konnte Iffland seine Bewunderung als Schauspieler
nicht versagen. Auch Tieck suchte er für den gefeierten Künstler
zu gewinnen; doch dieser vermochte jenen weder als dramatischen
Schriftsteller anzuerkennen, noch konnte er in die Bewunderung seines
Spiels einstimmen; hatte er doch den Commentator desselben diese
Bewunderung übel entgelten lassen. Es war ihm unbegreiflich, wie man
Iffland’s großes, aber doch immer kleinlich berechnendes Talent der
kühnen Genialität Fleck’s vorziehen konnte. So meisterhaft er auch in
mittlern, gemäßigten oder komischen Rollen sein konnte, so war sein
Spiel doch ein aus vielen kleinen Strichen mühsam zusammengesetztes
Bild, das überall Absicht verrieth. Unter diesen künstlichen
Einzelheiten ging die Natur verloren. Obgleich Iffland sich freundlich
und entgegenkommend zeigte, und auch seine Anerkennung des „Sternbald“
glaubte aussprechen zu müssen, so konnte Tieck doch kein Zutrauen zu
ihm fassen. Er meinte auch hier Berechnung und Manier zu erkennen, und
wiederholte seine Ansicht, ihn nicht in ihren Kreis hineinzuziehen, zu
dem er nicht passe; er sei eine doppelseitige Natur, der es an innerer
Wahrheit fehle.
Da indeß auch Reichardt von Halle aus in dauernder Verbindung mit
Iffland geblieben und ihm nicht minder günstig gesonnen war, so kam es
zu einem gemeinsamen Plane, in welchen sich auch Tieck hineinziehen
ließ. Reichardt wünschte eine neue Oper auf das berliner Theater zu
bringen, und nicht minder angelegentlich, Tieck möge den Text dichten.
Zuerst hatte er Shakspeare’s „Was ihr wollt“ vorgeschlagen, ihm
dann aber freie Hand gelassen. Die Märchenwelt, welche Tieck wieder
aufgeschlossen hatte, seine phantastisch-lyrische Richtung, manche
seiner ältern Lieder, die in ihrer rhythmischen Freiheit der Musik
entgegenzukommen schienen, alles mußte für einen solchen Versuch
sprechen. Er selbst war schon früher auf den Gedanken gekommen, in
einem Schauspiele die Recitation mit der Musik zu verbinden.
Er nahm einen Plan aus frühester Zeit wieder auf, welchen er in
ähnlicher Weise in dem Lustspiel „Das Reh“ zu bearbeiten versucht
hatte. Shakspeare’s „Sturm“, Gozzi war dabei nicht ohne Einfluß
gewesen. Jetzt gestaltete sich daraus das musikalische Märchen, „Das
Ungeheuer und der bezauberte Wald“, in welchem sich wiederum die
Alltagswelt und das Wunder, Prosa und Poesie in dem Dialoge und im
musikalischen Theile entgegentraten. Componist und Schauspieler waren
damit einverstanden, schon wurden Verabredungen im Einzelnen getroffen.
Iffland und Fleck sollten die beiden Hauptvertreter der prosaischen
Welt, den König und seinen Minister spielen. Alles schien im besten
Gange zu sein, als plötzlich von der eifrig gewünschten Oper nicht mehr
die Rede war. Man hatte Anstände gefunden, welche man nicht aussprechen
wollte oder konnte. Nach längerer Zeit gab man Tieck das Manuscript
stillschweigend zurück, und Reichardt componirte statt dessen ein
gewöhnliches Zauberstück von Kotzebue.
Nicht besser ging es später einmal mit dem Trauerspiel „Karl von
Berneck“, welches ein beliebter Schauspieler zu seinem Benefiz
ausersehen hatte, um es dann ebenfalls ohne Angabe eines Grundes
fallen zu lassen. Nicht minder scheiterten andere Pläne, an denen auch
Schlegel Antheil genommen hatte, wie man auf die Bühne einwirken könne.
Namentlich hatte man an die Einrichtung antiker Dramen, z. B. des
„Oedipus“, für die Darstellung gedacht.
Ein Jahr später, 1799, kam Steffens nach Berlin. Schon in Jena hatte er
Tieck’s Namen gehört, und war mit seinen Dichtungen bekannt geworden.
Jetzt wünschte er ihn persönlich kennen zu lernen. Eines Morgens
suchte er ihn in seiner Wohnung auf, den Abend desselben Tages trafen
sie wiederum in einer Gesellschaft zusammen, welche Reichardt, der
sich vorübergehend in Berlin aufhielt, veranstaltet hatte. Obgleich
diese erste Berührung zwischen Tieck und Steffens kaum mehr als ein
äußerliches Begegnen war, so theilten sie doch genug miteinander, um
daraus ein dauerndes Verhältniß zu gewinnen. Denn auch Steffens, der
begeisterte Anhänger der neuen Naturphilosophie, suchte nur auf einem
andern Wege das Einfache, das Ursprüngliche, die Natur.
Endlich noch in anderer Hinsicht war für Tieck das Jahr 1798 ein
bedeutendes geworden. Eine lang gehegte Hoffnung ging in Erfüllung.
Er heirathete Amalie Alberti, und trat somit in den Kreis der
Verwandtschaft Reichardt’s ein. In welchem erregten, ja visionären
Zustande er in dieser Zeit war, bewies ein sonderbares Ereigniß,
welches er erlebte. Voll Sehnsucht, seine Braut wiederzusehen, ging
er ihr auf der Poststraße nach Hamburg, von wo sie kommen sollte,
entgegen. In einer einsamen Waldschenke hinter Tegel, einige Meilen von
Berlin, beschloß er sie zu erwarten. Früher, als sie in ihre Vaterstadt
zurückkehrte, hatte er ihr bis zu derselben Stelle das Geleit gegeben.
Er kannte das Haus, seine Umgebungen, den Weg dahin genau. Ungeduldig,
in der Ahnung nahen Glückes, singend und Verse hersagend, wie die
Ueberschwänglichkeit des Augenblicks sie ihm eingab, eilte er vorwärts.
Da erblickte er früher, als er erwartet hatte, die Schenke an dem
Graben auf der rechten Seite des Weges. Er stutzte; das Haus lag hinter
Tegel, und seiner Meinung nach hatte er diesen Ort noch nicht erreicht;
irrte er nicht, so lag es links, nicht rechts am Wege, und doch sah er
es deutlich vor sich! Er sah den Zaun, der es umgab, den wohlbekannten
dicken Wirth in der Thür, die Hühner auf dem Hofe. Es konnte kein
Irrthum sein; nur suchte er vergeblich einen Weg über den Graben, der
ihn von dem Hause trennte. Er entschließt sich zum Sprunge; aber er
springt zu kurz und fällt. Er blickt auf, sieht sich im Graben liegen,
und weit umher nichts als Feld; das Haus sammt Wirth und Hühnern war
verschwunden. Es war eine Vision gewesen; seine Sehnsucht hatte die
Wirklichkeit vorweggenommen. Bis zur Waldschenke selbst mußte er noch
eine bedeutende Strecke Weges zurücklegen.
8. Romantische Dichtungen.
Nach manchen Unterbrechungen war endlich auch der „Zerbino“ zum
Abschluß gekommen; bei Frommann in Jena sollte er erscheinen. Die erste
Idee, der Entwurf und ein Theil der Ausführung gehörten einer frühern
Zeit an. Diese Dichtung war vor dem „Gestiefelten Kater“ entstanden
und dann neben der „Verkehrten Welt“ hergegangen; später als beide
wurde sie jetzt beendet. Schon 1796 hatte er die drei ersten Acte
niedergeschrieben, 1797 die beiden folgenden, im nächsten Jahre endlich
den Schluß hinzugefügt.
Nach Form und Inhalt reihte sie sich den beiden andern satirischen
Spielen an. Noch schärfer, noch kühner drückte sie dieselben Gedanken
aus. Sie verbreitete sich über einen größern Raum, und war fast
noch phantastischer. Ursprünglich für die „Volksmärchen“ bestimmt,
bezeichnete er sie als eine Art von Fortsetzung des „Gestiefelten
Katers“. Die aufgeklärte Welt der Prosa erscheint in dem Staate König
Gottlieb’s, welcher dem patriotischen Eifer des Katers den Thron
verdankt, vollständig organisirt. Auf allen Gebieten der Thätigkeit
ist hier die schildaische Ueberweisheit zu Hause, die Thorheit der
Klugheit mit allen ihren Abgeschmacktheiten. Der Dichter hatte den
Kreis vollständig beschrieben, aus welchem die früheren Lustspiele nur
Einzelnes herausnehmen. Der Hof und der Staat mit seinem Mechanismus,
das Theater und die Schule, die Gelehrten und die Schriftsteller,
die Philosophie und die Poesie waren als Träger einer eiteln,
selbstgenügsamen und beschränkten Aufklärung hingestellt. Wiederum der
Hanswurst und der alte König, bei dem im kindischen Greisenalter statt
der patentirten Bildung und Verständigkeit die Poesie sich eingefunden
hat, sind die Vertreter einer tiefern Ansicht, und gelten darum allen
Aufgeklärten und den nützlichen Bürgern für unheilbare Narren. Sie
sind mit einem gefährlichen Wesen behaftet, welches als epidemische
Krankheit um sich zu greifen droht. Diesem Staate der klappernden
Betriebsamkeit, der fabrikartigen Thätigkeit, in welchem die Bildung
producirt, und als Artikel des Handels vertrieben wird, tritt die
stille idyllische Welt der Poesie gegenüber mit ihren natürlichen,
ursprünglichen Klängen der Liebe und Unschuld, des Schmerzes und der
Leidenschaft. Zu jenem Bilde des aufgeklärten Lebens hatten sich
einzelne Züge, Farben und Gestalten in Fülle herzugedrängt. Manches
hatte Tieck gesehen und gehört, was bezeichnender war, als die
Erfindung es hätte geben können. So kam eine grelle Localfarbe hinein,
obgleich bittere persönliche Satire dem Charakter des Dichters fern
lag, und er nur das Vorrecht des phantastischen Scherzes für die Poesie
in Anspruch nahm.
Mit diesem Lustspiele hatte jener jugendliche, stürmende Humor sich
gesättigt. Noch einmal ergoß er sich in seinen muthwilligsten,
sonderbarsten Einfällen. In die reizende Wildniß dichterischer
Begeisterung, in den Garten der Poesie führte er die irrenden Ritter
des guten Geschmacks, um sie dann neckend und höhnend auf öde Steppen
und Sandflächen hinauszutreiben, wo der Wind den klugen Hellsehern
die wirbelnden Staubwolken in die Augen jagt und sie mit Sandregen
überschüttet.