auch, was bedenklicher war, gegen die Autorität des Publicums. In
diesem phantastischen Lustspiel erschienen Bühne und Publicum auf
der Bühne, sie ironisirten sich gegenseitig, und das aufgestellte
Bild beider war nicht eben schmeichelhaft. In die Philisterwelt der
zärtlichen Väter und unschuldigen Landleute Iffland’s und Kotzebue’s
trat dreist und zuversichtlich, als könne es nicht anders sein,
der „gestiefelte Kater“, der allein schon dadurch die gutgemeinte,
aber beschränkte Ernsthaftigkeit jener Gestalten verspottete.
In dem bürgerlichen Schauspiele sollte die gemeine alltägliche
Wahrscheinlichkeit für dichterische Wahrheit gelten; jetzt erschien
es in dem grellsten Lichte des Lächerlichen, indem es nicht nur das
Unwahrscheinliche, sondern sogar das Widersinnige dulden mußte. Der
einzige Witzige, ja Vernünftige in dieser ehrbaren Gesellschaft war
der mit Schimpf und Schande vertriebene und geschmähte Hanswurst,
dessen gemeiner Name allein schon dem gebildeten Publicum Ekel
erregte, und der nun wieder zu Ehren gebracht werden sollte. Und
abgeschmackt erschien das Publicum selbst, die Kunstrichter von Fach,
die privilegirten Hüter des guten Geschmacks, die dessenungeachtet
gerührt, belehrt und gebessert sein wollen, und in jedem Augenblick
bereit sind, ihre Anforderungen an Geschmack und Wahrheit mit Hülfe der
Füße durchzusetzen. Hier gab es alle Arten der Thorheit und Anmaßung,
von dem hochmüthigen Kunstenthusiasmus bis zur reinen Dummheit. Der
Vertreter jenes war ein Mann, dessen Lobrednerei Tieck vor allem
verdrossen hatte, Böttiger, welcher in seinem unlängst erschienenen
Buche, „Entwickelung des Iffland’schen Spiels in vierzehn Rollen“, dem
Publicum in breiter Ausführung die Künstlergröße Iffland’s begreiflich
machen wollte.
Diesem verwegenen Spiele folgte 1797 ein zweites, vielleicht noch
kühneres, welches er herausfordernd ein historisches Schauspiel nannte,
„Die verkehrte Welt“. Veranlassung und Namen hatte eine Posse in
Weise’s vergessenem „Zittauischen Schultheater“ gegeben. Der Dichter
selbst lebte ja in einer ähnlich verkehrten Welt, wo die Thorheit sich
als Weisheit breit machte, um den Tiefsinn als Thorheit zu verschreien,
wo man die reinste Prosa Poesie nannte, um diese für immer zu exiliren.
Apoll und der Poet sind verbannt, während ein Nützlichkeitsregent auf
dem Parnaß backen und brauen läßt, und die Musen sich bequemen müssen,
zu brauchbaren Personen zu werden, um die Hochachtung des guten Bürgers
zu verdienen. Während endlich das Spiel mit dem Theater so weit ging,
daß Zuschauer und Schauspieler ihre Plätze miteinander tauschten,
begleitete die in Worte übersetzte Musik diese tolle Welt mit dem
Adagio ihrer schwermüthigen Töne, und durch jenes betäubende Geschrei
des Unverstandes klangen die vollen Accorde des tiefsten dichterischen
Ernstes. Hier fand sich auch die Andeutung, man solle die verkehrte
Welt nur noch einmal umkehren, so werde schon die rechte zum Vorschein
kommen.
Nach solchen Ausbrüchen des Humors durfte der Dichter nicht mehr
hoffen, mit seinen Beschützern und Verlegern im Einverständnisse
zu bleiben; jetzt mußten ihnen die Augen aufgehen. Tieck hatte
gewünscht, mit dem letzten Lustspiel die „Straußfedern“ abzuschließen.
Schon früher hatte er es gewagt, ein kleines, unbedeutendes Drama
einzuschwärzen. Jetzt übersandte er Nicolai die drei ersten Acte der
„Verkehrten Welt“, dann ließ er nach einiger Zeit die beiden letzten
folgen. Doch die Geduld des kritisirenden Verlegers war erschöpft.
In eine wohlgemeinte Sammlung moralischer Erzählungen, wie seine
„Straußfedern“, gehörten so excentrische Ausgeburten der Phantasie
nicht hinein; und er sollte nun gar noch zwei solche Stücke gutheißen!
Auch war der bescheidene junge Schriftsteller, der seinen Lehren so
aufmerksam zu folgen schien, offenbar nichts weniger als sein Jünger,
sondern ein arger Ketzer, erfüllt von allen verpönten und gefährlichen
Phantastereien. Doch zu des jungen Mannes eigenem Besten beschloß
er, ihm diesmal seine Meinung gründlich zu sagen. Er sandte das
Manuscript mit einem Briefe zurück, in welchem er ihn vor den Irrwegen
phantastischer Excentricität väterlich warnte, wie vor übermüthiger
Verspottung des Publicums, und ihm zu Gemüthe führte, daß Anlagen
nur durch Fleiß und Strenge zu bilden seien. Aber der muthwillige
Geist des Lustspiels hatte den gründlichen Kritiker gerade in diesem
Augenblicke der Belehrung arg geneckt. Er hatte in seinem Eifer völlig
übersehen, daß es sich hier um ein einziges Drama handle. Weil es ihm
in zwei Sendungen zugegangen war, hatte er zwei verschiedene Lustspiele
daraus gemacht! Den Vermittelungsvorschlag Nicolai’s, eines davon
diesmal noch passiren zu lassen, konnte Tieck natürlich nicht annehmen;
er eilte ihn über seinen Irrthum aufzuklären, und erbat sich sein
Lustspiel zurück.
Die Verleger waren mistrauisch geworden. Sie begannen seine
Dichtungen zu durchmustern, und fanden bald genug in ihren eigenen
Verlagsartikeln deutliche Spuren, daß ihr Schriftsteller ein Gegner
der Aufklärung, wol gar der Moral sei. Man hatte also im eigenen
Heerlager einen Feind beherbergt. Nach solchen Erfahrungen war an eine
Ausgleichung nicht mehr zu denken. Sie war auch nicht möglich. Die
Zeitalter der vorgoethischen und nachgoethischen Poesie waren in ihren
entschiedensten Vertretern aufeinandergestoßen. Eine ganze Periode
der deutschen Literatur lag zwischen beiden, sie konnten sich nicht
verstehen.
Die Verbindung mit dem jüngern Nicolai ging ihrem Ende entgegen.
Nicht zufrieden mit dem, was Tieck ihm geliefert hatte, wünschte er
voll unruhiger Vielthätigkeit bald diesen bald jenen Plan ausgeführt
zu sehen, von dem er einen glücklichen Erfolg für sein Geschäft
erwartete. Unter Anderm hatte er eine Anzahl von englischen Moderomanen
zusammengebracht, welche übersetzt werden sollten. Da Tieck mit so
schlechter Waare sich nicht befassen mochte, so ruhte jener doch nicht
eher, als bis er die leidlichsten ausgesucht, und ihm einige Freunde
nachgewiesen hatte, die bereit waren, sich der Arbeit zu unterziehen.
Wackenroder mußte das „Kloster Netley“, der Musikdirector Wessely
„Schloß Montfort“ übersetzen.
Gleich darauf kam er mit einem andern Plane zum Vorschein. Elise von
der Recke, die aus einer Anhängerin der Mystik eine Freundin Nicolai’s
geworden war, stand in den geselligen Kreisen, welche sich bei diesem
versammelten, in hohem Ansehen. Hier hatte sie Tieck’s „Blaubart“
kennen gelernt, und den Gedanken hingeworfen, es müsse eine treffliche
Aufgabe für den Dichter sein, die frühere Geschichte des Blaubart und
seiner sechs Weiber zu schreiben. Er könne sich als Menschenkenner und
Charakterdarsteller bewähren, es gelte Leidenschaften zu zeichnen, das
Ganze werde ein trefflicher Stoff zu feinen psychologischen Gemälden
sein. Diese Aeußerung faßte der jüngere Nicolai auf, und Tieck sollte
auf der Stelle ans Werk gehen. Diesem war indeß weder die Aufgabe,
noch die Art, wie sie gelöst werden sollte, genehm. Das pedantische
Anatomisiren aller Fibern und Fasern, wie es in den psychologisirenden
und moralisirenden Romanen an der Tagesordnung war, war ihm widerlich.
Dennoch ging er auf den Vorschlag ein, weil er einen Stoff gefunden
zu haben meinte, der ihm Veranlassung gebe, seine Ansicht über die
Beschränktheit der Moralpoesie noch einmal darzulegen.
Doch während der Arbeit erlahmte er; nur eine matte Geschichte hatte
er zu Stande gebracht. Ein Streit, in den er mit dem Censor gerieth,
verdarb den Spaß vollends, da dieser ihm vorwarf, in dem einleitenden
Capitel die Moral lächerlich gemacht zu haben. In einem Gespräche
darüber kam man auf Voltaire’s „Candide“, und da Tieck dieses Buch
als wahrhaft unmoralisch bezeichnete, zürnte jener noch mehr über die
Anmaßlichkeit, mit welcher der junge Schriftsteller ein weltberühmtes
Buch anzugreifen wage, das ihm doch zum Vorbilde gedient habe.
Tieck mußte sich bequemen, seine Einleitung zum Besten der Moral
umzuarbeiten. Diese Verzögerungen machten auch Nicolai ungehalten; er
maß das Mislingen Tieck’s Eigensinn bei, und um die Sache zum Abschluß
zu bringen, gab er selbst die Erzählung unter einem geschmacklosen
Titel heraus, der sie witziger und anziehender machen sollte. Er
nannte sie: „Eine wahre Familiengeschichte, herausgegeben von Gottlieb
Färber, Istambul bei Heraklius Murusi, Hofbuchhändler der hohen Pforte,
im Jahre der Hedschrah 1212.“
Allmälig war aus dem Verleger ein Kritiker geworden. Er lobte,
tadelte, schalt, und war schon mit den frühern Dichtungen keineswegs
zufrieden gewesen. Der „Kater“ und die „Schildbürger“ waren ihm zu
übermüthig, sie durchbrachen zu rücksichtlos die sichern kritischen
Gehege. Er fürchtete, man könne am Ende gar ihn selbst für Peter
Lebrecht halten; er hatte daher jede Verantwortlichkeit für diese
excentrischen Producte abgelehnt. Bedenklicherweise aber hatte er der
„Geschichte der Schildbürger“ die Erklärung angehängt, daß er nicht der
Verfasser dieses Buches sei, vielmehr den Inhalt desselben erst nach
dem Abdrucke kennen gelernt habe. Auch hatte er aus ähnlichen Gründen
die „Volksmärchen“ gegen den anfänglichen Plan bereits mit dem dritten
Bande abgeschlossen.
Endlich kam es zu einem völligen Bruche. Wenngleich es den Volksmärchen
nicht an Beifall fehlte, während der Verleger selbst ihnen denselben
versagte, so hatte er dennoch ungeduldig einen bessern Erfolg erwartet,
und griff nun in seinem Zorn über Dichter und Gedicht zu einer
Maßregel, die ebenso eigenmächtig als unberechtigt war. Er kündigte
1799 Tieck’s sämmtliche Werke an, in zwölf Bänden, zu einem bedeutend
herabgesetzten Preise, und ließ es dabei an spöttischen Bemerkungen
nicht mangeln. Tieck’s Freunde, denen diese Dichtungen inzwischen
liebgeworden waren, hatten wol gesagt, sie seien nicht für den
gewöhnlichen Leser, sondern für den höhern Menschen geschrieben. Diese
Wendung faßte Nicolai auf. Eben um dem höhern Menschen den Ankauf zu
erleichtern, habe er den Preis dieser Bücher herabgesetzt.
Aber diese erste Gesammtausgabe war in keiner Hinsicht was sie sein
wollte. Weder enthielt sie alles, was Tieck geschrieben hatte,
noch war alles, was sie enthielt in der That von ihm, noch war sie
endlich überhaupt eine neue Ausgabe. Hierin lag nicht allein eine
doppelte Beeinträchtigung des Verfassers, sondern auch eine Täuschung
des Publicums. Es fehlten die Erzählungen in den „Straußfedern“,
„Allamoddin“, „Der Abschied“ und „Herr von Fuchs“, drei dramatische
Jugendversuche, welche Wackenroder während Tieck’s Abwesenheit 1797
hatte in Leipzig drucken lassen, um den Freund zu überraschen; es
fehlte der „Sternbald“ und die „Phantasien über die Kunst“, die
sämmtlich in den Händen anderer Verleger waren. Dagegen mußte Tieck
es sich gefallen lassen, als Uebersetzer jener schlechten Romane
zu erscheinen, vor denen er gewarnt hatte. Endlich waren an dieser
sogenannten neuen Ausgabe nur die Titelblätter neu, welche als
lockendes Aushängeschild den alten Drucken vorgesetzt worden waren.
Nach solchem Verfahren blieb nur der Rechtsweg übrig. Es kam zur
Klage beim Stadtgericht. Nicolai verlor den Proceß, und der fernere
Verkauf dieser unechten Ausgabe wurde ihm untersagt. Noch in demselben
Jahre starb er, nachdem sein Geschäft in der letzten Zeit mannichfach
gelitten hatte. Mit den Resten seiner Verlagsartikel gingen auch jene
Titelblätter in den Besitz einer leipziger Buchhandlung über, und noch
später ist diese erste angebliche Gesammtausgabe von Tieck’s Werken
hin und wieder auf dem Büchermarkt aufgetaucht, um die Kunde von den
Anfängen seiner dichterischen Laufbahn zu verdunkeln und zu verwirren.
7. Alte und neue Freunde.
Das Jahr 1798 war für Tieck ein entscheidendes. Manches alte feste Band
sollte sich lösen, manches neue bedeutungsvoll geschlungen werden.
Zuerst wurde der treuste und bewährteste der Freunde von Tieck’s Seite
gerissen, Wackenroder, mit dem er vom Knaben zum Jünglinge aufgewachsen
war und jetzt das männliche Alter erreicht hatte. Gerade in diesem
Augenblicke entfaltete sich Wackenroder’s tiefer Sinn vollständig.
Auch er hatte sich in der Stille zum Dichter herangebildet. Seine
Gedanken über die Kunst waren zu einem Abschlusse gekommen, und
gestalteten sich nun zu einer Reihe dichterischer Bilder. Schüchtern
hatte er sein Geheimniß bisher bewahrt, und selbst seinem Freunde nicht
mitzutheilen gewagt. Tieck war daher sehr überrascht, als er die ersten
Blätter erhielt. Er mußte sich eingestehen, bei aller Anerkennung des
tiefen Gemüths und Talents hatte er Wackenroder so Bedeutendes nicht
zugetraut. Seine frühern Versuche waren nicht glücklich ausgefallen.
Noch hatte er den Ton nicht finden können, der seinem eigenthümlichen
Wesen entsprach. Er schwankte in seinen Gedichten zwischen dem Pathos
Schiller’s und dem nüchternen Tone der ältern Schule. Noch weniger
wollte es mit dem Drama gelingen. Eine Tragödie schloß damit, daß die
Geliebte ohnmächtig in die Arme des Geliebten sinkt. Dieser, um sie
ins Leben zurückzurufen, greift zu einigen Kräutern (die Scene ist im
Garten), er hält sie ihr an den Mund, aber unglücklicherweise sind sie
giftig, und er tödtet dadurch die Geliebte mit eigener Hand.
Die Kunst war es, durch welche Wackenroder auch in der Poesie mündig
werden sollte. Eine Reise, welche die Freunde im Sommer des Jahres
1796 nach Dresden machten, führte zur Entdeckung des Geheimnisses.
Endlich wollten sie die größten Werke der alten italienischen Meister
sehen. Es war eine Pilgerfahrt nach dem gelobten Lande, das nur durch
einen Zug durch die Wüste zu erreichen war. Denn die Poststraße nach
Dresden war kaum minder beschwerlich. Tage und Nächte lang schleppte
sich die Fahrpost mühselig durch den Sand und die trübseligen
Haiden der Mark und der Lausitz. Diese endlosen Nachtfahrten durch
finstere Kieferwaldungen waren geeignet Gedanken zu erwecken und
mitzutheilen. So entstanden auf dieser Reise bei Tieck zwei Gedichte
im ersten Entwurfe, welche den düstern Charakter jener Einsamkeit
widerspiegelten. In der Nacht sahen die Reisenden weiße Steine zwischen
den Bäumen hervorschimmern, welche als Wegweiser, als Zeichen im
Walde, gelegt sein mochten. Um sie sammelten sich jene schaurigen
Phantasiegebilde, denen Tieck in dem bekannten Gedichte dieses Namens
Leben gab. Diese Steine verwandelten sich ihm in rächende Zeichen, die
einen schweren Frevel verbargen und zugleich verriethen. Mit diesen
Bildern wechselten dann die Gefühle schmerzlicher Verlassenheit und
Einsamkeit, die er in jenem Nachtliede des Wanderers aussprach, der
still weinend seines Weges zieht und die Sterne anruft.
Auf dieser Reise theilte auch Wackenroder sein Geheimniß dem Freunde
mit. Diese Darstellungen waren die Frucht der künstlerischen Studien,
des Aufenthaltes in Nürnberg, der Besuche der Galerien zu Pommersfelde,
Kassel und Salzthal. Alles was er gesehen, was ihn entzückt und
begeistert hatte, drückte er in dem einen Gedanken aus, der für ihn
die vollste Wahrheit war, es sei ihm die Kunst eine andere Religion,
zum Gegenstande eines heiligen Glaubens geworden. Niemals konnte sich
eine solche Ueberzeugung mit den Theorien der Kunst und der Kritik
versöhnen, welche auf dem Boden der Aufklärung gewachsen war.
Wie Tieck in der Poesie, forderte Wackenroder in der Kunst das
Einfache, Ursprüngliche. Nichts war ihm verhaßter als das hergebrachte
Kunstraisonnement, mochte es nun auftreten als Zergliedern des Ganzen,
als verständiges Herzählen von Einzelheiten, in denen die Kunstrichter
den Geist zu fassen vermeinten, oder mit der Miene der Unfehlbarkeit,
als System und Herleitung aus obersten Grundsätzen. Die damals häufig
genannten Schriften von Ramdohr, „Venus Urania“ und andere hatten den
Freunden manchen Anstoß gegeben. Wie konnten diese Kunstrichter so
zuversichtlich sprechen, da sie weder Kunst noch Begeisterung besaßen?
Dem allwissenden System stellte Wackenroder die Begeisterung entgegen,
als eine geheimnißvolle Offenbarung, von welcher der Künstler selbst
nicht zu sagen wisse, woher der Geist wehe. Zu der Quelle jener
Gefühle führte sie Wackenroder zurück, welche die Theoretiker aus
der Seele wie aus ihren Lehrbüchern hinaus demonstriren wollten. Aus
dem geheimnißvoll Göttlichen im Menschen stieg auch die Kunst empor,
und ihr Ausdruck war das Werk des Meisters. Aber diese Offenbarung
in der Kunst ist nicht zu fassen wie der Paragraph eines Lehrbuchs,
die Versenkung in das Kunstwerk muß zur religiösen Erhebung werden.
Den Machtsprüchen unduldsamer Systematiker, die das nicht verstehen
wollten, setzte er ein kühnes und entschiedenes Wort entgegen,
Aberglaube sei besser als Systemglaube.
Solche Gedanken und Gefühle wollte Wackenroder anschaulich machen in
einer Reihe von Bildern, die er aus dem Leben und Wirken der alten
großen Meister entlehnt hatte. Er wollte zeigen, wie jeder von ihnen
dem Genius getreu, kräftig und einfach gebildet, und das Göttliche in
seiner Weise dargestellt habe, der große Rafael in seiner Herrlichkeit,
der kunstvolle Leonardo da Vinci, und vor allen Albrecht Dürer, der
Vater der deutschen Kunst, still und ämsig, rein und fromm; wie ihnen
allen die Religion ein erklärendes Buch gewesen für das ganze Leben,
und dieses selbst unter ihren Händen zum Kunstwerke geworden sei.
Viele dieser charakteristischen Züge hatte Wackenroder aus Vasari’s
Malerchronik entlehnt.
Als Tieck jene Blätter durchgelesen hatte, wollte es ihm trotz alles
Beifalls in seiner damaligen kritischen Stimmung scheinen, Manches
könne vielleicht noch wirksamer gesagt werden. Er begann daher den
ersten Abschnitt „Rafael’s Erscheinung“ umzuarbeiten, ein rasches
Verfahren, welches er später als voreilig misbilligte, da die
ursprüngliche Darstellung seines Freundes ohne Zweifel besser gewesen
sei. Ebenso machte er den Versuch, das über Leonardo da Vinci Gesagte
in Verse umzusetzen. Als er darauf von Dresden nach Halle ging,
Reichardt zu besuchen, theilte er ihm die Dichtungen des Freundes
mit. Auch dieser stimmte in den Beifall ein, und nahm sogleich eine
der Skizzen, „Das Ehrengedächtniß Albrecht Dürer’s“ in sein Journal
„Deutschland“ auf.
Reichardt fand auch den Titel, unter dem diese Bilder dem Publicum
übergeben werden sollten. Sie waren durchweht von dem Geiste eines
frommen Kunstglaubens, der einer vergangenen Zeit angehörte, in welcher
die Begeisterung dem zersetzenden Verstande noch das Gleichgewicht
hielt; eine solche Betrachtung des Kunstwerkes schien in der Zeit
geräuschvoller und selbstbewußter Thätigkeit kaum möglich. Sie wurde
daher einem einfachen Mönche zugeschrieben, der seine Jugend der
Kunst widmete, und in klösterlicher Stille das Leben zu beschließen
gedenkt. Hinter ihm liegen Welt und Jugend, aber die Begeisterung für
die Kunst durchglüht ihn noch wie damals, sie ist ihm zu einem Theile
seines Glaubens selbst geworden. In kunstlosen, aber ergreifenden
Worten spricht er diesen Glauben aus, mit jener Ruhe, welche den festen
Ankergrund gefunden hat, der nicht mehr entrissen werden kann. Diese
fromme Einfalt hatte an Lessing’s Klosterbruder im „Nathan“ erinnert,
daher schlug Reichardt für diese Betrachtungen den treffenden Titel
vor: „Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders.“ Tieck
fügte die Vorrede und einige kleinere Aufsätze hinzu; dann erschien das
Buch 1797 in Unger’s Verlag.
Mehr als einen Grund mochte Wackenroder haben, sich nicht als Verfasser
zu nennen. Manchen Kampf hatte er in dieser Zeit zu bestehen, davon
gaben diese Herzensergießungen Zeugniß; sie waren es für ihn in vollem
Sinne des Wortes. Auch für die Musik hatte er einen leitenden und
rathenden Freund in Zelter gefunden. Doch je mehr sich sein Ohr der
innern Harmonie öffnete, desto verletzender wurden die Misklänge des
äußern Lebens. Er war in die juristische Praxis eingetreten. Aber wenig
war er für eine solche Thätigkeit geeignet. Er sollte Acten lesen oder
selbst abfassen über geringfügige Dinge des Lebens, die er verachtete,
die für ihn nicht da waren. Wie oft klagte er nicht dem Freunde seine
Leiden, wenn der Augenblick drängte, und Actenstöße abgearbeitet werden
sollten, und er weder Sammlung noch Uebersicht finden konnte, um die
verhaßte Arbeit zum Abschlusse zu bringen. Wie Tieck manches Mal in den
Schülerjahren aus der Noth geholfen hatte, so bewährte er sich auch
jetzt. Schnell entschlossen setzte er sich nieder, und brachte so gut
er es vermochte das Referat zu Stande.
Es war klar, auf diesem Wege mußte der Freund zu Grunde gehen. An den
Wurzeln seines Lebens nagte der geheime Gram, seinem wahren Berufe
nicht folgen zu können. Auch nach Tieck’s Meinung war dies die Kunst.
Da er bei dem alten Wackenroder etwas galt, so unternahm er mit mehr
Zuversicht als Erfolg das schwierige Werk ihn umzustimmen. Dieser hatte
von dem Freunde seines Sohnes eine günstige Meinung, als von einem
verständigen jungen Manne, an dessen Unterhaltungen man wol Gefallen
finden könne. Tieck suchte ihm begreiflich zu machen, wie es das Heil
des Sohnes erfordere, daß er sich für die Musik ausbilde. Nicht ohne
Staunen hörte der alte Wackenroder diese dreiste Rede an. Von einem
Musiker hatte er die geringsten Begriffe, und seinen Sohn hatte er zu
einem nützlichen Bürger erzogen. „Sie meinen wol gar, mein Sohn soll
so ein Musikant werden, der zu Hochzeiten aufspielt?“ fragte er mit
schneidender Schärfe dagegen. Bei solchen Ansichten hörte jede Hoffnung
auf Verständigung auf.
So verzehrte sich Wackenroder in innerm Widerstreite. Während er von
Musik und Malerei träumte, zogen Pflichtgefühl und Kindesliebe ihn nach
der andern Seite hin. Das Geschäftsleben aufzugeben, war ohne seinen
Vater tief zu kränken, nicht möglich. Aber er fühlte, trotz seines
guten Willens werde er den Anforderungen, die gemacht wurden, nicht
genügen können.
Diesen schmerzlichen Seelenzustand hatte er in seinen
Herzensergießungen in dem musikalischen Leben Joseph Berglinger’s
geschildert. Er war jener Knabe, der mit seiner Musiksehnsucht und
Begeisterung dem thätigen und verständigen Vater gegenübersteht, der
ihn nöthigen will sich nützlich zu beschäftigen wie er selbst. Er war
es, der jede Seite in seinen Lehrbüchern zehn mal überlesen mußte, ohne
sie zu fassen, während die Seele ihre innerlichen Phantasien fortsang.
Es waren Erinnerungen an die Träume der Studentenzeit, wenn er den
Leidenden aus dem Vaterhause entfliehen ließ, um sich seiner Kunst in
die Arme zu werfen. Dann mochten ihn wol geheime Zweifel beschleichen,
ob er den höchsten schöpferischen Beruf habe, wenn er seinen Berglinger
mit dem Gefühl bitterer Enttäuschung gestehen läßt, daß Sehnsucht und
Phantasie mehr versprechen, als Talent und Leben gewähren, daß die
Begeisterung, die den Widerstand des Lebens schöpferisch überwinden
soll, von stärkerem Metall sein müsse, daß sein Beruf vielleicht mehr
der Genuß als die Ausübung der Kunst sei. Seine Begeisterung war eine
stille Glut, die Alles durchzog, was er dachte und sprach, aber auch
seine Jugend und sein Leben verzehrte.