Besonders drückend war dies für die Schwester geworden, die mit

steigender Leidenschaft auf die endliche Rückkehr des Bruders

gehofft hatte. Als ein Ideal hatte sie die Erinnerung des frühern

Zusammenlebens festgehalten. In der Zeit seiner Abwesenheit, als er

sich in den verschiedensten Studien und Verhältnissen befand, glaubte

sie sich vernachlässigt und vergessen. Jetzt endlich sollte ein lang

gehegter Plan in Erfüllung gehen. Um ganz sich selbst zu leben, bezogen

Bruder und Schwester in den Jahren 1795 und 1796 eine Sommerwohnung

auf dem sogenannten Mollard’schen (nachher Wollank’schen) Weinberge

vor dem Rosenthaler Thore. Da gab es freilich weder Wein noch Berge,

wol aber versammelte sich auf einer zwischen Sandhügeln liegenden Oase

von Kastanienbäumen die elegante Welt Berlins. Hier besprachen die

Geschwister und Freunde in Scherz und Ernst die gemeinsamen Interessen

in Poesie, Literatur und Kunst; neue Entwürfe wurden gemacht, alte

Pläne gediehen zur Reife, und tiefere Einwirkungen der Dichtungen

Tieck’s bereiteten sich vor.

6. Der Altmeister und der junge Dichter.

Aber auch den Führern der alten Schule konnte Tieck nicht fern bleiben.

Schon von Göttingen aus hatte er Verbindungen mit ihnen angeknüpft.

In dem Hause des alten Wackenroder lernte er Ramler kennen, der

Hausfreund und literarischer Rathgeber war. Ein feiner alter Herr,

stets sorgfältig gekleidet, in seiner Haltung elegant, nicht ohne

scharfe, fast spitze Züge. In geselligen Kreisen pflegte er als

Vorleser aufzutreten, und gern gehört zu werden. Man bewunderte

die Kunstfertigkeit, mit welcher er auch prosaische Erzählungen

zu dramatisiren pflegte. In den dialogischen Partien trug er die

Frauenrollen mit fistulirender Stimme vor, und plötzlich fiel er dann

in den tiefsten Baß hinab. Tieck hörte ihn in dieser Weise einige

Capitel aus dem „Don Quixote“ vorlesen. Doch schien ihm sein Vortrag

ebenso wenig wie seine Gedichte lobenswerth.

Ramler stand noch an der Spitze des berliner Theaters. Tieck übergab

ihm daher seine Bearbeitung des „Sturm“ mit der Bitte, einen Versuch

damit auf der Bühne zu machen, wobei er den Wunsch nicht unterdrückte,

sie keinen Veränderungen zu unterwerfen. Er kannte und fürchtete

die berühmte Ramler’sche Feile. Der Dichter nahm diese Andeutung

nicht ohne Empfindlichkeit auf, und der „Sturm“ kam natürlich nicht

zur Darstellung. Engel hatte bereits Berlin verlassen; erst später

begegnete ihm Tieck im Hause des Buchhändlers Unger.

Am wichtigsten für ihn blieb Nicolai. Da sich dieser bereit erklärt

hatte, seine Dichtungen in Verlag zu nehmen, so suchte er ihn bald nach

seiner Rückkehr auf. Gleich der erste Eintritt war sonderbar. Nicolai,

ein hagerer, trockener Mann, war im eifrigen Gespräche mit seinem Sohne

Karl und Bernhardi. Ihre Unterhaltung schien fast unverständlich; sie

bewegte sich in Schiller’schen Reminiscenzen, und endlich bemerkte

Tieck, daß jeder in einem angenommenen Charakter spreche. Sie

improvisirten eine Scene aus dem „Don Carlos“. Der alte Nicolai stellte

den König Philipp, sein Sohn den Don Carlos dar, Bernhardi sprach im

Tone des Marquis Posa. Es war überraschend, den kühlen, nüchternen

Kunstrichter und Buchhändler in einem phantastischen Spiele dieser Art

zu finden. Die Lust der Zeit am Theater beherrschte auch ihn.

Als man sich nähergekommen war, erwarb Tieck unerwartet die Gunst

des sonst schwer zufriedenzustellenden Kritikers. Seit vierzig Jahren

war Nicolai daran gewöhnt, nicht allein zu verlegen, sondern auch in

allen Dingen der Literatur mitzureden, zu urtheilen und seine Stimme

auch da abzugeben, wo man wenig Neigung hatte, darauf zu hören. Da

er sich eines aufrichtigen Strebens bewußt war, und Erfolge, und

mehr noch Erfahrungen und praktische Kenntnisse der Literatur für

sich hatte, die er in einem langen Geschäftsleben sammeln konnte,

so hatte er keinen geringen Begriff von seiner Würde und Bedeutung.

Es war ihm zum Bedürfniß geworden, Rath zu geben und den Mäcen zu

spielen. Gern theilte er jungen strebsamen Männern und Anfängern

seine Erfahrungen und Lehren mit, sie zu warnen, zu leiten und zu

bilden. Auch in den Gesprächen mit Tieck legte er seine Meinungen

ausführlich dar; er begann ihn zu belehren, und auf diesen und jenen

wichtigen Punkt aufmerksam zu machen. Niemals hatte es Tieck für

möglich gehalten, auf so abgeschlossene und festwurzelnde Ansichten

Einfluß auszuüben. Ohnehin mehr zum Schweigen als zum Reden aufgelegt,

hielt er jeden Widerspruch für überflüssig, und begnügte sich, den

Nestor der Literatur schweigend anzuhören. Nicolai fand darin ein

Zeichen der Anerkennung, der Ehrfurcht, welche seinem Alter und

seiner Ueberlegenheit gebühre, und unterließ nicht, dem jungen

vielversprechenden Manne seine besondere Gunst zuzuwenden. Er glaubte

einen Jüngling gefunden zu haben, den Eifer und Bescheidenheit gleich

sehr auszeichne, und der sich unter seiner Leitung zu einem nützlichen

Schriftsteller heranbilden wolle.

Und gleich hatte er für ihn Arbeit bei der Hand. Er übertrug ihm

die Fortsetzung der „Straußfedern“. Seit 1787 war unter diesem

gesuchten, aber ironisch gemeinten Titel eine Sammlung von Erzählungen

erschienen, deren Verfasser der durch seine Volksmärchen beliebt

gewordene Musäus war. Als dieser nach dem Abschlusse des ersten

Bandes starb, übernahm Johann Gottwert Müller die Fortsetzung, dessen

„Siegfried von Lindenberg“, wie seine übrigen komischen Romane, nicht

minder gern gelesen wurde. Er lieferte den zweiten und dritten Band,

ward aber der Sache überdrüssig. Seit 1791 ruhte das Unternehmen; jetzt

war in Tieck eine frische, fähige und bereitwillige Kraft gewonnen.

Diese Erzählungen sollten unterhaltend und belehrend zugleich sein;

sie sollten die satirisch-moralische Richtung verfolgen. Es waren

theils Originale, theils Nachbildungen und Umarbeitungen. Im Ganzen gab

Nicolai diesen den Vorzug, da sie eine größere Sicherheit darboten.

Nach den ersten Verabredungen übersandte er Tieck das Material in

ganzen Waschkörben zur Verarbeitung und Zubereitung. Es bestand

aus bändereichen Sammlungen älterer französischer Anekdoten und

Erzählungen, wie die „~Amusemens des eaux de Spa~“. Für Tieck

hätte es keine verdrießlichere Aufgabe geben können, als aus diesem

Haufen Spreu die noch genießbaren Körner herauszusuchen. Er fühlte

Kraft und Bedürfniß, sich frei und selbständig auszusprechen, und jetzt

wurden ihm Vorbilder und Stoffe gegeben, welche kaum der Betrachtung

werth waren. Sogar der Ton der Erzählungen war ihm vorgeschrieben;

er sollte sich soviel als möglich der Art und Weise seiner Vorgänger

anbequemen. So sehr er auch Musäus als feinen, gewandten Schriftsteller

anerkannte, und es ihm als Verdienst anrechnete, die alten Volksmärchen

wieder aufgefrischt zu haben, so wenig einverstanden war er mit der

Art, wie dies geschehen war. Für diese einfachen und unbefangen

natürlichen Erzeugnisse des dichtenden Volksglaubens schien ihm der Ton

der directen Ironie oder des rationalistischen Spottes, in den seine

anmuthige Erzählung überging, der unpassendste. In den „Straußfedern“

war dieser Ton zur Manier geworden. Weniger noch als Musäus’ feine

Weise wollten ihm die groben Holzschnitte Müller’s zusagen, dessen

gepriesene Naturwahrheit am Ende nur ein Abschreiben der Natur in

niederländischer Art, in plumpen und rohen Strichen war.

Indeß, wollte er das Vertrauen seines literarischen Mentors nicht

verscherzen, so mußte er sich dem Geschäft unterziehen. Er begann

zu sichten, zu lesen, auszuwählen. Mit Widerstreben bearbeitete er

einige dieser französischen Anekdoten für das deutsche Lesepublicum.

Doch bald ward er der undankbaren Arbeit müde. Es war kürzer, für ihn

selbst fördernder, und im Erfolge mindestens ebenso sicher, eigene

Erfindungen an die Stelle jener Trivialitäten zu setzen. Es entstand

die größere Erzählung „Die beiden merkwürdigsten Tage aus Siegmund’s

Leben“, in welcher er ein satirisches Bild gewisser gesellschaftlicher

Verhältnisse nach eigenen Beobachtungen gab.

Als er seine Erzählung Nicolai zur Censur überreichte, war dieser durch

ihre Vorzüge vor den frühern nicht wenig überrascht. Er lobte die Wahl,

welche er getroffen habe, und wünschte eine genaue Nachweisung des

Originals. Tieck’s Antwort, er habe sein Eigenthum gegeben, wies er mit

ungläubigem Lächeln ab. Als später einmal beide allein waren, kam er

auf dieselbe Frage zurück, und begann im Tone väterlicher Ermahnung:

„Jetzt, lieber junger Mann, sind wir allein; nun können Sie es mir, dem

älteren Freunde, offen gestehen, woher Sie jene Geschichte genommen

haben. Wo steht das Original?“ Auf Tieck’s Versicherung, daß er nichts

zu gestehen habe, die Geschichte sei Original und sein Eigenthum,

erwiderte er: „Für so eitel hätte ich Sie doch nicht gehalten!“ und

brach das Gespräch nicht ohne Empfindlichkeit ab.

Eine so große Genugthuung hatte Tieck kaum erwartet; er gab daher

auch für die folgenden Bände statt der verlangten Bearbeitungen

eigene Erzählungen. Es waren rasch und keck hingeworfene Skizzen

des geselligen und literarischen Lebens der Gegenwart, die keinen

Anspruch auf bedeutende Tiefe machten, in denen er aber mit

steigender humoristischer Laune und offener Satire die Verkehrtheiten

darstellte, an denen er sich schon als Schüler geärgert hatte. Er

griff schonungslos die unwahre Empfindsamkeit an, die seit der

Siegwartperiode immer noch ihr klägliches Gewinsel fortsetzte,

die seichte und dünkelhafte philanthropische Erziehung, welche

die Kinder mit Aufklärung und Philosophie auffüttern wollte, die

falsche Naturempfindelei, den abgeschmackten Kunstenthusiasmus, die

Starkgeisterei der Kraftmenschen und Genialen, die in den angeblich

altdeutschen Ritterromanen, und in den Räuber- und Spukgeschichten

ihr Wesen trieb. Manche Züge entnahm er aus seinen eigenen Kreisen.

In einer Erzählung: „Die gelehrte Gesellschaft“, ironisirte er in

flüchtigen aber scharfen Strichen sein und seiner Freunde literarisches

Treiben. Einige Verse, die Wackenroder im pathetischen Tone der ältern

Schiller’schen Gedichte 1795 auf Arkona gemacht hatte, fanden darin

eine Stelle, um eine strenge Kritik zu erfahren. Er zeigte, daß er für

die Schwächen seiner Freunde kein minder scharfes Auge habe.

In den Jahren 1795-98, wo die Sammlung abgeschlossen wurde, lieferte er

sechzehn verschiedene Beiträge, die den größten Theil der fünf letzten

Bände füllten. Da es darauf ankam, Stoff herbeizuschaffen, so begann

auch seine Schwester an diesen Arbeiten übersetzend und erfindend Theil

zu nehmen. Geschützt durch die Anonymität des Buches, trat sie hier

zuerst als Schriftstellerin auf. Mit Ausnahme einer kleinen Erzählung,

deren Verfasser Bernhardi war, gehörten die übrigen ihr.

Neben diesen Arbeiten hatte Tieck noch Zeit und Laune gefunden, einen

alltäglichen Stoff, den er jenen französischen Sammlungen verdankte,

frei zu gestalten. Es war „Peter Lebrecht, eine Geschichte ohne

Abenteuerlichkeiten“, die ihm ebenfalls unerwartet den höchsten

Beifall seines kritischen und väterlichen Freundes erwarb. Nur hatte

er auszusetzen, daß Tieck dem Helden den Namen Friedrich gegeben habe,

den er mit dem witziger scheinenden Peter vertauschte. Der Ton der

schärfern Ironie, welcher in den frühern Skizzen herrschte, war um ein

Bedeutendes herabgestimmt, eine gewisse gutmüthige Zahmheit war an

die Stelle der Kühnheit getreten. Eine nüchterne, einfache Geschichte

wurde benutzt, um ebenso nüchtern gewisse Ansichten auszusprechen, die

auf das Mittelmaß des Verständnisses berechnet waren, mit welchem die

Aufklärer sich zu begnügen pflegten. Nur hin und wieder blitzte die

satirische Laune auf, und ebenso überraschend klangen einzelne tiefe

Töne der Volks- und Naturpoesie durch, in denen der Dichter seinem

gepreßten Herzen Luft machte. In der Freude, einmal ein Werk ganz nach

seinem Geschmack gefunden zu haben, schien sie der alte Kritiker ganz

zu überhören, sonst hätte er erkennen müssen, daß er es hier mit einem

andern Geiste zu thun habe, als er meinte.

Sein Sohn theilte die Freude über den Fund, und da dieser sein eben

eröffnetes buchhändlerisches Geschäft durch einen bedeutenden Artikel

empfehlen wollte, so überließ ihm der Vater den Verlag. Noch im Jahre

1795 erschien die abenteuerlose Geschichte des Herrn Peter Lebrecht im

Druck. Früher schon hatte er den „Abdallah“ übernommen, und zugleich

alles, was Tieck sonst noch etwa unter der Feder haben mochte.

In diesen zahlreichen kleinen Arbeiten hatte der Dichter zum ersten

Male den humoristisch-satirischen Ton mit Erfolg angeschlagen. Er

begann damit die Kehrseite seines Wesens herauszuwenden, die bisher von

den finstern Schatten des „Abdallah“ bedeckt worden war. Aber er konnte

darum jenen schwermüthigen Gedanken nicht untreu werden, auf ihnen

ruhte seine Natur. In dem größern Romane „William Lovell“ vollendete er

jetzt eine neue Gestaltung derselben.

Seit dem Sommer 1792 hatten ihn diese Charaktere und die

psychologischen Räthsel, deren Träger sie sein sollten, beschäftigt.

Gleich nach dem Abschlusse des „Abdallah“ war er an die Ausarbeitung

gegangen, jetzt war sie beendet, und noch 1795 erschien der erste Theil

des neuen Romans. Er war minder phantastisch als der frühere. Weder

die übliche Maschinerie der Feenmärchen war angewendet, noch sollte

der Leser durch die sinnlichen Farben des Orients bestochen werden.

Aber eben darum wirkte das Nachtgemälde, welches der Dichter aufrollte,

um so erschütternder. Unmittelbar aus der Gegenwart, aus seiner

eigenen Erfahrung, aus den Stimmungen höchster Verzweiflung, die ihn

früher so oft ergriffen hatte, waren diese scharfen und düstern Züge

hergenommen. Ein Seelenleben und Leiden war geschildert, wie es Jeder,

der die Gegensätze der Geisteswelt nicht ganz oberflächlich ansah,

an sich selbst erfahren konnte; Verhältnisse und Charaktere gehörten

unmittelbar der Zeitgeschichte an. Die Folgen der prahlerischen

Starkgeisterei und des falschen Tugendprunks verfolgte er durch die

ganze Reihe ihrer unheilvollen Wirkungen, bis zum letzten Punkte

hin. Das unaufhörliche Betrachten und Studiren der Seele, das einem

geistigen Selbstverzehren gleichkam, das Großthun mit Kraft, Tiefe,

Genie und Enthusiasmus stellte er dar, diese moralische Gedunsenheit,

welche nur die geistige Armuth und Selbstsucht verbirgt und mit

dem Verbrechen endet. Er wollte die Nothwendigkeit einer nüchternen

Selbstbeschränkung anschaulich machen, einer Resignation, ohne welche

der Mensch nicht leben kann.

Niemals vielleicht hatte ein jugendlicher, kaum zwanzigjähriger

Dichter, der selbst von Enthusiasmus erfüllt war, an seinem Helden ein

furchtbareres Gericht vollzogen. Schonungslos riß er ihm ein Stück nach

dem andern von jener moralischen Garderobe ab, mit welcher Anfänger

so gern ihre idealen Tugendhelden prunken lassen. Unbewußt übte er

hier jene vielbesprochene Ironie aus, welche er in späteren Jahren als

erste Bedingung jeder darstellenden Dichtung forderte. Es war zugleich

eine Selbstwarnung, die er seinen eigenen Abirrungen entgegenstellte,

eine scharfe Kritik, welcher er sich und seine jüngern Genossen

unterwarf, die sich so gern genial, groß und kühn dünkten. Es war eine

Auseinandersetzung der wahren sittlich-dichterischen Begeisterung, und

der falschen, welche die Züge jener heuchlerisch nachbildet. Dieser

Roman war ein Zeugniß staunenswerther Reife, aber sie war auch mit

schmerzlichen Erfahrungen erkauft.

Stellung und Gruppirung der Charaktere erinnerten an den „Abdallah“.

Lovell und Abdallah, Andrea und Omar entsprachen einander. War der

„Lovell“ in manchen Partien noch dunkel und schwerfällig, so war er

doch das viel gereiftere Product. In einzelnen Zügen und Schilderungen

hatte sich auch der Einfluß des „Geistersehers“ von Schiller geltend

gemacht, dessen Werth Tieck bei weitem höher anschlug als der Dichter

selbst.

Ein solches Buch war weder eine leichte noch eine erfreuliche Lectüre;

es konnte nur einen peinlichen, düstern Eindruck machen. Er durfte

sich kaum wundern, wenn es die Einen ganz abwiesen, die Andern

misverstanden, und er es am Ende weder Freund noch Feind recht

gemacht hatte. Er nahm darin eine eigene, freie Stellung ein, und

zeigte, daß er sich der neuen Schule ebenso wenig unbedingt zu ergeben

geneigt sei als der alten. Die kritischen Urtheile, welche das Buch

öffentlich erfuhr, waren zum Theil sonderbar. So wies ihm der überkluge

Recensent der „Jenaischen Literaturzeitung“ aus einigen misverstandenen

Anglicismen, die er gefunden haben wollte, nach, der Roman sei aus

dem Englischen übersetzt, und er verschweige den Namen des Verfassers

absichtlich. Ebenso hatte ein anderer Kritiker in Folge der trefflichen

Erzählungen im fünften Bande der „Straußfedern“ dem Witz und der

unerschöpflichen Laune des Verfassers des „Siegfried von Lindenberg“

seine volle Anerkennung zu Theil werden lassen.

Der aufgeklärte Herr Peter Lebrecht hatte den wohlwollenden Lesern doch

besser gefallen, und so sollte denn sein Name einigen andern Dichtungen

zur Empfehlung dienen, mit deren phantastischem Inhalte seine biedere

Verständigkeit wenig übereinstimmte. Schon in dem zweiten Theile seiner

Geschichte, den der jüngere Nicolai ausdrücklich verlangt hatte,

kündigte er die beabsichtigte Erneuerung einiger alten Volksmärchen an.

Zugleich warnte er, man möge doch ja nicht jene Volksromane, die man

auf der Straße für einen Groschen von alten Weibern kaufe, verspotten.

„Siegfried“ und die „Haimonskinder“, „Herzog Ernst“ und „Genoveva“

seien reiner und enthielten mehr Poesie als die Misgeburten einer

wahnwitzigen Phantasie in den angeblichen Ritterromanen. Die Herausgabe

von „Peter Lebrecht’s Volksmärchen“ wurde vorbereitet. Kaum hätte es

einen glücklichern Stoff für Tieck geben können.

Sein Talent hatte um diese Zeit eine neue reichere Entfaltung

erfahren. Er hatte Gelegenheit gehabt es auszusprechen, im Tone

des spielenden Humors wie des tiefsten Ernstes. Manches, was früher

Gegenstand trübsinniger Betrachtung gewesen war, erschien ihm jetzt

in hellerem Lichte, und war es auch nicht möglich, die Räthsel zu

lösen, so waren doch Humor und scherzhafte Laune eine angenehmere und

willkommenere Form dafür. Ueber Dichtung und Dichterwerke ging ihm eine

neue Offenbarung auf. Entferntes trat ihm näher, Vereinzeltes strebte

zueinander hin und rundete sich zum Ganzen ab, Verschlossenes eröffnete

sich. Ein nie geahnter wunderbarer Glanz schien über das Leben

hinzugehen, überall sah er es keimen und blühen, in anderm erhöhten

Sinne kehrte ihm die Naturtrunkenheit der ersten Jünglingsjahre zurück.

Zu Zeiten konnte er meinen er habe jetzt zuerst das Auge aufgeschlagen.

Dies alles sollte nun in seinen Dichtungen Gestalt gewinnen. Wie hätten

Tiefsinn und Leidenschaft, Humor und Witz, die Begeisterung für das

einfach Volksthümliche, das echte Naturgefühl, und die ruhelos bildende

Phantasie einen bessern Stoff finden können als in den alterthümlichen

Volksmärchen? In diesen halb tiefsinnigen, halb kindlichen Erzeugnissen

einer unbefangenen und phantastisch-spielenden Volks- und Naturpoesie,

die sich harmlos ihrem Witze wie ihrem Schmerze überließ, lagen alle

jene Elemente beisammen. Diese Schätze schienen nur des Dichters zu

harren, der im Besitze des Zauberwortes war, das sie zu heben vermochte.

Dem aufgeklärten Lesepublicum lagen diese alten Volksgeschichten

sehr fern. Längst glaubte man über die Zeiten hinaus zu sein, wo sie

um ihrer selbst willen irgendeine Beachtung verdient hätten; man

behandelte sie als altes Weibergeschwätz, dem höchstens noch eine

Stelle in den Spinnstuben zu gönnen sei. Musäus’ Erneuerung hatte

zum Theil deshalb Beifall gefunden, weil sie jene Dichtungen mit

der Ironie einer höherstehenden Bildung betrachtete. In Tieck’s

Umdichtungen wandte sich nun diese Ironie gegen die Besserwissenden,

gegen die Aufgeklärten selbst. Während sie Alles wissen und erklären

wollten, erschien in diesen Märchen, deren Entstehung gar nicht

nachzuweisen war, das natürlich Ergreifende, das Tiefsinnige und

Dichterische als ein Räthselhaftes und Unerklärliches, das aller

Definitionen spottet. Häufig ist es die unbewußte Naturkraft, in

deren geheimnißvollem Zuge allein Hülfe und Rettung liegt, während

das überweise, selbstzufriedene und vorwitzige Handeln und Machen der

Menschen hemmend und verneinend eingreift. So erschien als Thorheit was

für Weisheit gegolten hatte, und in dem kindischen ahnungslosen Spiele

der Thoren erschloß sich ein tiefer Sinn. Nicht ohne beißenden Spott

nannte Tieck diese alten Bilder, welche er seinen klugen Zeitgenossen

vorhielt, Ammen- und Kindermärchen. Eine verdoppelte Ironie war

es, wenn seine kritischen Verleger, indem sie sich an einzelne

ihnen zusagende Züge hielten, diesen Bearbeitungen der Volksmärchen

Beifall schenkten, ohne zu ahnen, welche Satire auf sie und ihre

Meinungsgenossen darin liege.

Im Jahre 1796 entstand die Dramatisirung des alten Märchens vom

Blaubart. Er hatte es fast zu einer Tragödie erweitert, in der die

Lösung von den Ahnungen ausgeht, welche von den Klugen als Thorheit

verspottet werden. In treuherziger Einfalt erschien der alte Sagenton

in den „Haimonskindern“, während die „Geschichte von den Schildbürgern“

in dem Aberwitz der Ueberweisheit, die Alles ergründen will und

schließlich den Wald vor Bäumen nicht sieht, eine deutliche und derbe

Satire der herrschenden Richtung gab. Kühn griff er die Aufklärer

fast auf allen Punkten an. In der Charakteristik der schildaschen

Dichter waren Iffland und Kotzebue nicht zu verkennen; auch an einigen

Anspielungen auf des alten Nicolai berühmte Beschreibung seiner Reise

durch Deutschland fehlte es nicht. Bald darauf, 1797, entstand die

„Geschichte von der schönen Magelone“, und die dramatisirte Sage von

„Karl von Berneck“, deren Herausgabe der jüngere Nicolai besonders

wünschte, schloß sich in umgearbeiteter Gestalt diesem Märchenkreise

trefflich an.

Eine der anziehendsten dieser volksthümlichen Erzählungen war Tieck’s

eigene Erfindung, „Der blonde Ekbert“. Sie verdankte ihre Entstehung

einer augenblicklichen Inspiration. Der jüngere Nicolai wünschte nichts

sehnlicher, als das Erscheinen der Märchen zu beschleunigen. Häufig

hatte er ungeduldig die Anfrage wiederholt, wie weit das Manuscript

vorgerückt sei, oder was er unter der Feder habe. Um den Dränger

zufriedenzustellen hatte Tieck einmal auf gut Glück geantwortet: „Der

blonde Ekbert!“ Es war ein Name, der ihm in den Mund gekommen war.

Später fiel ihm die Leichtfertigkeit auf die Seele, mit welcher er eine

Dichtung angekündigt hatte, für die er bisjetzt weder Fabel noch Idee

habe. Er setzte sich zum Schreiben nieder. Da fand sich zu dem Namen

ein Mann. Aus der Erinnerung an die Erzählungen seiner Mutter tauchte

das Bild jenes alten unheimlichen Weibes auf, das mit dem Hunde in

menschenscheuer Abgeschiedenheit in der Hütte saß. Es verband sich mit

den Bildern der einsamen und schauerlichen Waldgründe, welche er oft

durchstrichen hatte, und eine ergreifende Erzählung erwuchs, die der

volksthümlichen Sage irgendeines Waldgebirges anzugehören schien.

Als Tieck sein Märchen im Kreise der Freunde aus den Correcturbogen

vorlas, erfuhr das Wort, welches im Mittelpunkte desselben stand,

Waldeinsamkeit, eine scharfe Kritik. Wackenroder erklärte es für

unerhört und undeutsch, wenigstens müsse es heißen Waldeseinsamkeit.

Die Uebrigen stimmten bei. Umsonst suchte Tieck sein Wort, das er

unbefangen gebraucht hatte, durch ähnliche Zusammensetzungen zu

vertheidigen. Er mußte endlich schweigen, ohne überzeugt zu sein,

strich es aber nicht aus, und gewann ihm das Bürgerrecht in der

Literatur. Im Jahre 1797 ward der „Gestiefelte Kater“ vollendet. Es war

ein genialer Wurf, und er gelang auf das glänzendste. Freilich schloß

sich weder dieser Stoff noch die Behandlung an die frühern treuherzigen

Erzählungen unmittelbar an. Aus Perrault’s Märchen war eine scharfe

literarische Satire geworden. Aber schon die Keckheit des Contrastes

mußte überraschen, und mehr noch, daß ein junger Autor, der sich erst

bilden sollte, dieses kindische Märchen, das in der That aus der

Ammenstube zu kommen schien, einem erleuchteten Publicum vorzuführen

wagte.

Ludwig Tieck Erinnerungen aus dem Leben des Dichters nach dessen mündlichen und schriftlichen Mitteilungen · 第 16 / 51 段