in Hamburg auch Schröder besuchen zu wollen. Er hatte den Verdacht,
der Freund verbinde mit diesem Besuche den Plan, jetzt endlich die
Bühne wirklich zu betreten. Die Lage, in welcher Tieck sich befand,
gab dieser Vermuthung viel Wahrscheinlichkeit. So sehr Wackenroder
die Theaterliebhaberei des Freundes theilte, hatte doch der Gedanke,
ihn auf den Bretern unter den Schauspielern zu sehen, für ihn etwas
Widerwärtiges, ja Schmerzliches. In dem Augenblicke, als Tieck sich zu
seinem Besuche anschickte, eilte ihm Wackenroder voran und verschloß
die Thür des Zimmers. „Ich weiß, was du jetzt beabsichtigst!“ rief er
ihm voll Erregung zu. „Du willst zu Schröder gehen, um dich bei ihm
für das Theater zu melden. Ich bitte, ich beschwöre dich“, fuhr er
fort, indem er ihn unter ausbrechenden Thränen umarmte, „bedenke, was
du thust, welche Folgen dein unbesonnener Schritt nothwendig haben
muß!“ Voll Staunen über diesen fast leidenschaftlichen Ausbruch der
Freundesliebe, bat ihn Tieck sich zu beruhigen. Er habe dem Gedanken,
die Bühne zu betreten, längst entsagt; er gebe ihm sein Wort, daß
er nur die Absicht habe, Schröder persönlich kennen zu lernen. Wie
dem auch sein mochte, es hatte mindestens die Folge, daß der Besuch
entweder ganz unterblieb, oder doch kein weiteres Ergebniß hatte.
Dagegen wünschte Wackenroder lebhaft, Klopstock, den Patriarchen
der deutschen Poesie, zu sehen. Zurückgezogen lebte dieser in dem
abgeschlossenen Kreise seiner Bewunderer, und schon seit langer Zeit
betrachtete er die spätere deutsche Dichtung aus mistrauischer Ferne.
Glänzendere Namen hatten seinen einst gefeierten in den Hintergrund
gedrängt. Wackenroder war zu pietätsvoll, als daß er sich einer
solchen Größe nicht hätte nahen sollen, auch wenn er nicht überall
im Einverständniß mit ihr war. Tieck ging nur mit Widerstreben auf
den Wunsch des Freundes ein. Er fühlte sich dem alten Dichter viel zu
fremd, um in der That die Miene des Bewunderers annehmen zu können.
Klopstock’s hochgespannte Oden widersprachen zu sehr dem einfachen
Volkstone, den er zu suchen begann. Diese fremdartigen verschlungenen
Versmaße, die dem Ohre kaum noch verständlich waren, die jüdische
und die germanische Urwelt, alles das schien für eine volksthümliche
Auffassung in viel zu weiter Ferne zu liegen.
Schon der erste Eindruck war kein günstiger. Es war kein Barde der
Telyn, noch weniger ein alttestamentarischer Prophet, der ihnen
entgegentrat, sondern ein deutscher Gelehrter im Schlafrock, mit
der Tabackspfeife in der Hand. Ein kleiner zusammengetrockneter
Mann mit schneeweißem Haar, doch mit hellen lebhaften Augen, der
in kurzen und hastigen Bewegungen im Zimmer hin- und herschoß. Er
sprach laut und rasch im höchsten Tone, fast schneidend. Im Gespräche
sprang er ungeduldig von einem Gegenstande zum andern über. Man
kam auf den gegenwärtigen Zustand der deutschen Literatur, und auf
Goethe. „Nun“, fragte Klopstock spottend, „hat sich denn Goethe
immer noch nicht todtgeschossen?“ Er war noch auf dem Standpunkte
der Wertherperiode, und hielt die damals ausgesprochene Meinung
fest, Goethe müsse seiner Ansicht gemäß wie sein Held enden, und
sich eine Kugel vor den Kopf schießen. Auch von der französischen
Revolution war die Rede. „Sehen Sie hier!“ sagte er indem er auf
eine Büste der Charlotte Corday hindeutete, „das ist meine Heilige!“
Eine danebenstehende wunderliche Büste mit drei Köpfen erklärte er
für das Sinnbild der Unparteilichkeit. Er betrachte sie häufig, um
sich stets die Nothwendigkeit eines freien und unabhängigen Urtheils
zu vergegenwärtigen. Im Verlaufe des Gespräches äußerte er, die
französische Revolution habe doch ein Gutes gehabt, die „Messiade“
sei in das Französische übersetzt worden, das wäre ohne sie nimmer
geschehen. Die zur „Messiade“ gegebenen Kupfer seien elend; namentlich
sei es den Künstlern nicht gelungen, die himmlischen Gestalten so
darzustellen, daß auch zugleich ihre Unsichtbarkeit angedeutet werde.
Als die Freunde sich entfernten, mußten sie sich gestehen, der Sänger
der „Messiade“ habe eher einen komischen als erhabenen Eindruck
gemacht. Er schien nicht frei von Eitelkeit, und seine Bedeutung für
die Literatur zu überschätzen. Fast hätten sie es bereuen mögen, ihn
aufgesucht zu haben.
5. Die Vaterstadt.
Im Herbste 1794 war Tieck wieder in Berlin. Er sah das väterliche
Haus, die Freunde, die Kreise wieder, in denen er seine erste Bildung
erhalten hatte. Es war noch der alte, ihm wohlbekannte Zuschnitt der
Dinge; nur wenig hatte sich geändert. Aber er war ein anderer geworden.
Als Schüler war er gegangen, als durchgebildeter Mann kehrte er zurück,
mit dem vollen Entschlusse selbständig, nach eigener Ueberzeugung
einzugreifen. Seine Ansichten waren fester, sein Urtheil sicherer, sein
Blick schärfer geworden; Muth und Zuversicht, der Glaube an seinen
Beruf waren gewachsen. Im Gefühle der vollsten Jugendkraft war er
wenig geneigt zu schonen oder sanft aufzutreten. Der Abgeschmacktheit
und Albernheit erklärte er offen den Krieg, und war entschlossen ihn
schonungslos zu führen, wo er sie auch finden mochte.
Auf dem Gebiete der Dichtung, der Kritik und Literatur begegnete er
ihr so häufig! Der Ton der kritischen Zuversicht, Unfehlbarkeit und
Kunstrichterei war in Berlin zu Hause; er mochte sich eher gesteigert
als gemildert haben. Die alten Kunstrichter schienen ihr Amt hier um
so entschiedener behaupten zu wollen, je mehr sie auf andern Punkten
allmälig aus ihrer frühern Stellung hinausgedrängt worden waren.
Die meisten angesehenen und namhaften Männer Berlins, welche bisher
die öffentliche Meinung geleitet hatten, insofern von einer solchen
überhaupt die Rede sein konnte, waren in den Zeiten Friedrich’s des
Großen gebildet. Die Ansichten, welche in der Mitte des achtzehnten
Jahrhunderts die herrschenden waren, hatten sie in sich aufgenommen,
sie waren in Fleisch und Blut übergegangen. Es waren moralische,
pflichttreue Männer in allen Fächern des Wissens und der Verwaltung,
die mit ernstem und hingebendem Amtseifer und oft mit eiserner Kraft
arbeiteten. Sie waren klar, scharf, nüchtern und doch nicht frei von
idealer Täuschung. Wie sie an sich selbst arbeiteten, wollten sie
auch die moralische Verbesserung der Menschen. Durch ein äußerliches
Machen und Eingreifen glaubten sie dies zu erreichen, durch Maßregeln
und Verordnungen die Menschheit erziehen zu können. Sie hatten
die Zuversicht, nur in den Formen, wie sie sich in dem Zeitalter
Friedrich’s entwickelt hatten, sei eine heilsame Wirksamkeit möglich.
In diesen Ansichten begegneten sich die Richter und Räthe der
Collegien, die Theologen der sächsischen Schule, welche bis dahin
die Kanzeln fast allein beherrscht hatten, und deren Predigt das
Christenthum nützlich zu machen suchte, die Schulmänner, welche
die Bildung in dem Gemeinverständlichen fanden, die Kritiker,
Popularphilosophen und sogenannten Dichter, welche das Theater
leiteten, die wenig zahlreichen öffentlichen Blätter herausgaben, und
die Literatur in Händen hatten. Der Gedanke, von dem alle diese Männer
beseelt waren, ließ sich in dem einen Worte „Aufklärung“ zusammenfassen.
Gewiß war es ein edles und anerkennenswerthes Streben, die höchsten
Güter des Geistes allen Menschen zugänglich machen zu wollen, und die
Schranken einer anmaßenden und selbstsüchtigen Ausschließlichkeit
aufzuheben. Aber indem diese Männer danach trachteten, Allen
mitzutheilen, was nur nach dem verschiedenen Maße der Kräfte von den
Einzelnen aufgefaßt werden kann, entging es ihnen, daß nothwendig eine
Verflachung eintreten mußte. Ein gewisses durchschnittliches Maß des
allgemein Verständlichen mußte gesucht werden, das für Viele gerecht
und passend sein konnte, aber darum nur die Mittelmäßigkeit selbst war.
Diese aber ist die geborene Gegnerin alles Höhern, und sie mußte eine
doppelt widerliche Haltung annehmen, wenn sie sich mit Dünkelhaftigkeit
paarte, die sich entweder in innerstem Selbstbehagen, oder in dem
Glauben an halbverstandene Autoritäten sicher und unangreifbar
fühlte. So mangelte es denn auch hier an Widersprüchen nicht, und
im Namen des Wohles und der Aufklärung der Menschen hörte man nicht
selten mit derselben Unduldsamkeit und demselben rücksichtlosen Eifer
reden, welchen die Aufklärer sonst zum ersten Klageartikel gegen die
Altgläubigen machten.
Und was war am Ende das Ergebniß aller dieser Kenntnisse, dieser
Aufklärung und Abklärung? Ein gewisser einförmig bürgerlicher Wandel,
ein äußerlich gesetzmäßiges Verhalten, von dem man nicht mit Unrecht
sagen konnte, es sei nur eine neue, eine aufgeklärte Art der verrufenen
Werkheiligkeit. Denn der Inhalt des überlieferten historischen
Wissens und Glaubens mußte unter diesen Händen zusammenschrumpfen. Im
Gegensatze zum religiösen Glauben gingen diese Männer zuversichtlich
von der Voraussetzung aus, dieser selbst sei weit entfernt, eine
geistige Kraft zu sein, vielmehr nur ein Mangel an Kraft und
moralischem Muthe, eine Ungeschicklichkeit, wo nicht eine Unfähigkeit
des Denkens und der Anwendung des Verstandes. So ward es ihnen leicht,
eine ganze Reihe eigenthümlicher Lebenserscheinungen zu beseitigen,
weil sie die Grundlage, auf der sie ruhten, in Abrede stellten, und
gerade das Tiefsinnigste wurde zum Oberflächlichsten gemacht.
Die Vertreter dieser aufgeklärten Nützlichkeitslehre und verwandter
Richtungen waren auf kirchlichem Gebiete Männer wie Teller, Zöllner,
Irwing, in der Schule Gedike, in der Wissenschaft Biester, in der
Kritik und Poesie Nicolai, Engel, Ramler, denen sich eine Anzahl
kleinerer Geister anschloß. In der That beherrschten sie noch in
Berlin die öffentliche Ansicht in Literatur und Kunst, sie standen
in mannichfachen Verbindungen, hatten bedeutende und vielgeltende
Namen aufzuweisen, und meinten vor allen Dingen die Ueberlieferungen
Lessing’s für sich zu haben.
Um Lessing hatten sie sich bei seinen Lebzeiten geschart, sie rühmten
sich seiner Freundschaft, und wurden nicht müde, auf ihn als höchstes
Vorbild hinzudeuten. Die unbestechliche Nüchternheit und Schärfe
seines Urtheils, seine Verständlichkeit, die Knappheit seines Stils
hatten sie zunächst aufgefaßt. Sein Bestreben, Alles auf die reinsten
und einfachsten Linien zurückzuführen, wodurch jede überfließende
Empfindung streng ausgeschlossen, jeder Auswuchs der Phantasie
abgeschnitten wurde, war bei ihm der Ausdruck eines männlichen
und starken Geistes, der diese Selbstzucht an sich ausübte. Seine
Freunde und Anhänger fanden diese Form als eine abgeschlossene vor,
und eigneten sie sich an, weil es bequem war, sie nachzuahmen, weil
die natürliche Mittelmäßigkeit und geistige Armuth sich mit ihrer
Hülfe leicht den Schein der Selbstbeherrschung und künstlerischen
Beschränkung geben konnte. Diese Formen sollten die höchsten in der
Kunst sein. Dies zu bezweifeln galt für Impietät gegen Lessing, für
einen Frevel an seinen Manen. Seine Freunde leiteten von ihm ein
Ansehen her, und suchten es in einer Weise zur Geltung zu bringen, die
sicher nicht in seinem Geiste war, und gegen die er zuerst die Waffen
seiner Kritik gewendet hätte.
Die Zuversicht dieser Kunstrichter war zuerst durch die Anerkennung
erschüttert worden, welche Goethe’s Poesie zu Theil geworden war.
Jetzt ward diese auch in Berlin zum unterscheidenden Kennzeichen
einer literarischen Gegenpartei, die zwar noch keinen bedeutenden
Umfang hatte, aber bald unerwartete Kräfte entwickelte. Die Aufnahme,
welche die ersten Dichtungen Goethe’s bei den Wortführern der Kritik
gefunden hatten, war nur eine kühle und bedingte gewesen. Mit dem
kleinen Zollstocke, welchen sie sich gemacht hatten, ließ sich diese
großartige Erscheinung, die alles Frühere überragte, nicht messen.
Dieses tiefe, leidenschaftliche Fühlen, diese Dichtertrunkenheit, diese
Größe und Kühnheit der Auffassung und Darstellung, die unbekümmert
um alles Andere ihre Welt von neuem aufbaute, mußte jener nüchternen
und wohlgezogenen Poetik unbegreiflich erscheinen. Wie unbändig trat
nicht dieses Genie mitten hinein in die wohlabgezirkelten, gepflegten
Sandwege und Heerstraßen, welche die Kunstrichter zu eigenem und
Anderer Nutzen auf dem Gebiete der Poesie angelegt hatten! Unter seinen
Füßen öffneten sich neue Springquellen, die Alles fortzureißen drohten,
was jene mühselig aufgebaut hatten. Am liebsten hätten sie Goethe wie
Shakspeare für ein wildes Waldgenie erklärt.
Die Urtheile mancher Kritiker kamen darauf hinaus, Goethe’s Größe
bestehe nur darin, daß er sage, was ihm gerade in den Mund komme,
daß er rücksichtlos jeder Laune den Zügel schießen lasse, und es
verschmähe, die kritische Feile anzuwenden, von der sie doch einen
so sorgfältigen und erfolgreichen Gebrauch machten. So ins Blaue
hinein könne leicht ein Jeder dichten. In diesem Sinne hatte sich
Nicolai geäußert, als der „Egmont“ erschien; dergleichen zu machen
sei keine Kunst; er werde es auch können, wenn er sich verstatten
wolle niederzuschreiben, was ihm eben durch den Kopf gehe. Auch Engel,
der unter den damaligen berliner Freunden Lessing’s der bedeutendste
war, und von dessen kritischen Studien man ein besseres Urtheil hätte
erwarten sollen, hatte sich in seiner „Mimik“ fast nur auf ältere,
mittelmäßige Dramen gestützt. Ueber die Bruchstücke des „Faust“ ließ
er sich ähnlich vernehmen, wie Nicolai über den „Egmont“, und als
der „Wilhelm Meister“ erschien, wunderte er sich darüber, was denn
nach Scarron’s Roman über das Komödiantenleben noch zu sagen sein
könne. Manche hatten, wie Klopstock, voll moralischen Abscheus ihre
Goethe-Kenntniß mit dem „Werther“ ein für alle Mal abgeschlossen. Zu
diesen gehörte Elise von der Recke, der man nachsagte, daß sie aus
Entrüstung über Werther’s Lotte ihren ersten, bis dahin gewöhnlich
gebrauchten Vornamen Charlotte mit dem zweiten, Elise, vertauscht habe.
Diesen gegenüber sammelten sich diejenigen, denen Goethe der Anfänger
und Begründer einer neuen Poesie war, die einen innern Unterschied
zwischen seinen Dichtungen und allen frühern behaupteten, und immer
lauter und entschiedener die Anerkennung derselben verlangten. Schon
Moritz hatte sich seit seiner Rückkehr aus Italien so ausgesprochen,
doch gerade um diese Zeit (1793) war er gestorben. Auch fehlte es an
kleinern stillen Kreisen nicht, in denen man diese Ansichten theilte.
War doch selbst Tieck’s Vater, ein einfacher Handwerker, noch viel
früher ein eifriger Verehrer Goethe’s gewesen. Aber einige geistvolle
und gebildete Frauen waren es, welche auf die siegreiche Durchführung
der neuen Kritik in ihren gesellschaftlichen Kreisen einen bedeutenden
Einfluß ausübten.
Zu diesen gehörte Rahel Levin. Sie war ein höchst eigenthümlicher
Geist; sie besaß einen durchdringenden Blick, tiefen Wahrheitsinn und
die Kraft, ihre Ansichten mit rücksichtloser Schärfe auszusprechen.
War sie selbst auch keine Dichterin, so hatte sie doch Verständniß für
Poesie und Alles, was dem Gebiete geistigen Lebens angehörte. Ohne
schön zu sein, hatte sie einen glänzenden Kreis um sich gesammelt, in
dem sie durch schlagenden Witz, Schnellkraft und Freiheit des Tons
herrschte.
Neben ihr stand eine andere, welche sich ebenfalls der neuen Poesie
zugewendet hatte, die Frau des Bankiers Veit, die Tochter eines der
Meister der berliner Aufklärung, Moses Mendelssohn’s. Auch sie war
ein eigenthümlicher Charakter. Die Aehnlichkeit mit ihrem Vater gab
ihrem Gesichte einen keineswegs schönen, aber auffallenden, fast
männlichen Ausdruck. Sie hatte etwas scharf Ausgeprägtes, nahm an den
Fragen der Literatur eifrig Antheil, und war eine Verehrerin Goethe’s.
Ebenso Henriette Herz, die Frau des jüdischen Arztes Marcus Herz,
eines Kantianers und eifrigen Anhängers der alten Schule. Sie war eine
gefeierte Schönheit, aber weniger originell; doch war sie gescheit und
wußte sich rasch und leicht anzueignen, was sie hörte. Sie besaß das
Talent des Lernens, und war kenntnißreich, ja gelehrt zu nennen.
Mit allen diesen trat jetzt auch Tieck in geselligen Verkehr oder in
literarische Beziehungen. In Rahel’s Hause hatte er Zutritt, ohne
gerade zu ihren nähern Freunden zu gehören. Es war nicht allein
Goethe’s Poesie, in der sie sich begegneten, sondern auch in der
gemeinsamen Anerkennung der künstlerischen Größe Fleck’s. Bei ihnen
stellte sich die Ansicht fest, das berliner Publicum wisse diesen
merkwürdigen Mann nicht nach dem ganzen Umfange seines Talents zu
schätzen.
Eine besondere Gunst des Glücks war es, als er Fleck’s persönliche
Bekanntschaft machte. Die Veranlassung dazu war heiter genug. In der
Gegend des Invalidenhauses gab es eine öffentliche Speiseanstalt,
welche den Ruhm behauptete, das beliebte berliner Nationalessen,
Erbsen, in einer Vollkommenheit herzustellen, die auch den Kenner
befriedigte. Hier fand sich jeden Donnerstag Mittag eine ausgewählte
Gesellschaft zusammen, Schadow der Bildhauer, Zelter der Musiker, Fleck
der Schauspieler, und der Jüngste unter diesen, Tieck der Dichter.
Wo so entschiedene Geister aufeinandertrafen, konnte es an freier,
anregender Unterhaltung nicht fehlen. Für Tieck aber war Fleck die
anziehendste Erscheinung.
Fleck war eine großartig zugeschnittene Natur. Seine Haltung, jede
Bewegung, jede Miene hatte etwas Edles, Würdevolles. Natürliche,
angeborene Grazie und Hoheit sprachen sich darin aus. Alles Gemachte
und Gespreizte lag ihm ebenso fern wie alles Unedle. Selbst wenn er
es gewollt hätte, er würde nicht unedel oder gemein haben erscheinen
können. Auch ohne Schwert und Mantel erkannte man den geborenen
Heldendarsteller in ihm. Hatte er am Abend eine hochtragische Rolle zu
spielen, so beherrschte ihn dieses Bild schon lange vorher. Man durfte
ihn nur über die Straße gehen sehen, um anzuerkennen, so könne nur ein
König schreiten. Er war in seinem Kreise ein Genie, ein echter Künstler
aus tiefem geistigen Instinct, aber darum nicht ohne Bewußtsein seines
Werthes und künstlerischen Stolz.
Nichts hatte Tieck mehr gewünscht, als mit ihm über seine Hauptrollen
zu sprechen. Von Fleck’s Ansichten glaubte er bedeutende Aufschlüsse
erwarten zu dürfen. Hier aber trat die Künstlernatur hervor.
Wohlwollend hörte Fleck an, was der junge Kritiker ihm zu sagen
hatte. Dagegen war dieser nicht wenig überrascht, Fleck’s eigene
Auseinandersetzungen über seine Rollen nicht anders als geringfügig zu
finden. Hätte ihn allein die Einsicht geleitet, welche er entwickelte,
so konnte er nur ein mittelmäßiger Schauspieler sein. Hier stand
hinter dem Bewußtsein eine höhere Kraft, die im Augenblicke der
begeisterten Darstellung siegreich hervortrat und alle Mängel der
Erkenntniß zudeckte, indem sie sich selbst derselben entzog. Es war
eine Wahrnehmung, welche dazu diente, Tieck in seinen ursprünglichen
Ansichten über Geistesleben und Wirken zu befestigen.
Ungefähr um dieselbe Zeit, es war im Jahre 1796, lernte er im Hause
des Bankiers Veit Friedrich Schlegel kennen, und ein Verhältniß
begann sich zu bilden, welches für beide die größte Bedeutung gewann.
Friedrich Schlegel gehörte zu denen, welche sich voll Jugendkraft und
Selbstvertrauen den alten beschränkten Theorien entgegenstellten. Seine
Studien galten damals noch der alten Literatur. Er beschäftigte sich
mit seiner „Geschichte der Literatur der Griechen und Römer“, und hatte
den Plan gefaßt, in Verbindung mit seinem Freunde Schleiermacher den
Plato zu übersetzen. Er war als Talent und Charakter ein räthselhaftes
Gemisch der entgegengesetztesten Eigenschaften, und schon dadurch
anziehend. Wenn er im Kreise der Freunde sich unbefangen hingab, konnte
er eine gewinnende Liebenswürdigkeit entwickeln, in der er mit naiver
Offenheit aus seinen Schwächen kein Hehl machte. So vieles Tieck auch
anerkennen mußte, entging ihm doch nicht, daß er von Selbsttäuschung
und Eitelkeit nicht frei sei. Dies äußerte sich in fast komischer
Weise. Auf einem Spaziergange durch den Thiergarten setzte Schlegel
eines Tages alles Ernstes auseinander, daß er sein Leben für ein
verfehltes halten müsse, weil er sein wahres und eigenthümliches Talent
nicht ausbilden könne. Eigentlich sei er zum Feldherrn berufen, und
wenn es ihm an Gelegenheit fehle, dies zu zeigen, so verliere die Welt
dabei nicht wenig.
Durch Schlegel kam Tieck mit Schleiermacher in Berührung, der damals
Prediger an der Charitékirche war. Auch er war ein entschiedener
Gegner der alten Schule, und Tieck lernte in ihm bald den tiefsinnigen
Theologen anerkennen.
Unter den ältern Freunden blieb ihm dagegen Rambach fern, dessen
Oberflächlichkeit und unbefriedigende Vielthätigkeit ihm immer klarer
ward. Die Zeiten, wo er von diesem lernen konnte, waren vorüber. Einen
letzten äußern Beziehungspunkt gab das berliner „Archiv der Zeit“,
welches seit 1795 bei Maurer erschien, und dessen Herausgeber Rambach
war. Diese Monatsschrift, die Politik, Literatur und Kritik umfassen
sollte, war ein Sammelplatz für die bedeutendsten und verschiedensten
Kräfte Berlins. Es war ein neutrales Gebiet, auf dem alte und neue
Literatur sich begegneten. Hier erschienen auf der einen Seite Nicolai,
Gedike, Ramler, Zöllner, Bendavid, Jenisch; von der andern Bernhardi,
Bothe, Hirt, dann Zschokke, Feßler, Veit Weber. Bernhardi führte
eine Zeit lang das Fach der Theaterkritiken. Auch Tieck gab eine
Beurtheilung der neuesten Musenalmanache, namentlich von Schmidt, Voß,
Becker, Falk und Schiller, in der er sich entschiedener aussprach,
als es dem Herausgeber lieb war, welcher es mit der ältern Schule
keineswegs zu verderben wünschte.
Durch Bernhardi’s Vermittelung erneuerte er vorübergehend Zschokke’s
Bekanntschaft, dem er früher in einem schmerzvollen Augenblicke
begegnet war. Zschokke hatte sich in der Tagesliteratur einen Namen
gemacht. Er war als Docent an der Universität Frankfurt aufgetreten,
und bald darauf mit dem Wöllner’schen Ministerium in einen
verdrießlichen Zwist gerathen. Mit den heimischen Zuständen zerfallen,
war er jetzt im Begriff, nach der Schweiz auszuwandern. Sein Wesen war
hart, schroff, vierkantig. Er zeigte sich als demokratischen Parteimann
bis auf die schweren, mit eisernen Nägeln beschlagenen Schuhe,
welche er trug. Auf Tieck machte er einen abstoßenden Eindruck. Die
demokratischen Grundsätze, welche er selbst hin und wieder vertheidigt
hatte, erschienen ihm hier in unangenehmer Form. Er konnte ein völliges
Aufgeben des Vaterlandes wegen augenblicklicher Uebelstände und einiger
persönlicher Unbilden weder für politisch noch patriotisch halten.
Nur im Vaterlande selbst könne der Mensch auf eine volle Entwickelung
seines Wesens rechnen, war seine Ansicht.
Zwischen diesen anziehenden und abstoßenden Kräften bildete sich
Tieck zunächst seinen eigenen Kreis, dem Wackenroder, Bernhardi, der
junge Arzt Bing, der Musikdirector Wessely und sein Bruder Friedrich
angehörten, welcher sich inzwischen als Bildhauer ausgebildet hatte,
und für eine Kunstreise vorbereitete. In die Enge des väterlichen
Hauses konnte auch er nicht mehr zurückkehren. Er wie seine Geschwister
waren über diese beschränkten Verhältnisse hinausgewachsen. Das mußte
der Vater selbst erkennen, der in alter Weise fortschaltete, wenngleich
nicht ganz in alter Kraft und Frische, und nicht frei von krankhaften
Anwandlungen und Sorgen.