Aber auch für Tieck war guter Rath theuer. Woher sollte er jene Summen

nehmen, da er selbst des Geldes bedurfte? Auf diesem Wege würde kaum

zu helfen gewesen sein, wenn er nicht einen einflußreichen Freund

Burgsdorff’s auf dessen Verlangen in das Geheimniß gezogen hätte, den

Herrn von Bielfeld, der bei der preußischen Gesandtschaft im Haag

stand. Die Schritte, welche dieser that, hatten endlich Burgsdorff’s

Freilassung zur Folge. Durch solche Widerwärtigkeiten in seiner

neufränkischen Begeisterung noch nicht abgekühlt, durchwanderte er ohne

Geld einen Theil der Schweiz und Süddeutschlands, und traf endlich in

unerschütterlich guter Laune Anfangs August in Erlangen ein.

Der Sommer ging zu Ende. Man kannte Natur und Land; die Aussicht auf

einen Winter in Erlangen war nicht gerade reizend, daher beschlossen

die Freunde nach Göttingen zurückzukehren. Burgsdorff, der so Vieles

von seinen Abenteuern zu erzählen wußte, hatte durch die Schilderungen

der herrlichen Rheinlande den Freunden Lust erregt, auf diesem Wege

nach Göttingen zu gehen. Er, der Menschen und Länder gesehen hatte,

und es liebte, den dichterischen Freunden als der Mann des wirklichen

Lebens entgegenzutreten, übernahm die Leitung der Reise. Kaum hatte

man einen Tageweg zurückgelegt, als Tieck sich überzeugte, daß man

stillschweigend die Richtung geändert habe. Offenbar ging es statt

dem Rheine zu, nach Göttingen. Als er den Reisemarschall eindringlich

zur Rede stellte, mußte der kluge Führer eingestehen, er habe die

gemeinschaftliche Kasse theils verspielt, theils sonst verausgabt, es

sei noch eben genug darin, um nach Göttingen zu kommen. Was half es?

Zürnend und lachend fügten sich die Freunde in das Unabänderliche,

suchten in Eilmärschen Göttingen zu erreichen, und trafen daselbst im

Herbste ein, früher als sie gehofft und gewünscht hatten.

4. Lebensaufgaben und Pläne.

Nach manchen Erfahrungen waren die Freunde, reicher an Kenntnissen

der Welt und Menschen, in die Heimat zurückgekehrt. Jene wenigen aber

inhaltvollen Monate in Erlangen hatten sie wesentlich gefördert,

und statt der nüchternen Gestalten des Nordens und der Schatten der

Bücherwelt, hatten sie ein reiches Leben kennen gelernt, das manchen

dichterischen Gedanken erweckte. Ein solcher Stoff wollte verarbeitet

sein; dazu war das gelehrte und aufgeklärte Göttingen, das von dem

Schauplatze der Weltbegebenheiten entfernt genug lag, mit seinen

Vorlesungen, seiner Bibliothek und seinem wohlgeordneten Leben der

geeignete Ort. Die Lieblingsstudien wurden wieder hervorgesucht, und

bald gewannen sie die Gestalt einer gelehrten Aufgabe, an deren Lösung

man die Kraft des Lebens zu setzen bereit ist.

Tieck kehrte zu seinem Helden Shakspeare zurück. Allmälig stand der

Gedanke eines größern Werkes über den Dichter und seine Zeit in allen

Theilen abgeschlossen da. Es sollte die Größe Shakspeare’s verkündigen,

welche Deutschland, trotz Wieland’s Uebersetzung und Lessing’s und

Goethe’s Hinweisung, nur sehr unvollkommen kannte, oder bezweifelte.

Es war ihm zur Ueberzeugung geworden, der Weg, welchen man in Theater

und Literatur zur Erkenntniß des Dichters eingeschlagen hatte, konnte

niemals zum Ziele führen. Allzu sehr von dem Werthe der eigenen Bildung

erfüllt, hofmeisterte man ihn überklug, man schalt ihn einen Barbaren,

ein wildes Waldgenie, das gereinigt und geputzt werden müsse, um in

der Gesellschaft anständiger und aufgeklärter Männer erscheinen zu

können. Man verstümmelte barbarisch die Werke, welche man schon aus

historischer Rücksicht hätte achten sollen, und auf deren Erkenntniß es

eben ankam. Nicht minder flach erschien die unaufhörlich wiederholte

Meinung, Shakspeare sei, trotz seiner Wildheit und Regellosigkeit,

dennoch ein großes Genie. Worin anders aber hätte sich dieses zeigen

sollen, als in seiner innern wahren Kunstvollendung?

Zu wiederholten Malen hatte er Shakspeare’s sämmtliche Dichtungen

durchstudirt. Dann war er zu historisch-kritischen Forschungen über

den Dichter, die Geschichte seines Lebens, seiner Zeit und Werke

übergegangen. Hier ließ sich eine neue Wissenschaft aufbauen. Was die

Bibliothek an Ausgaben und Commentaren besaß, war ihm bekannt und

geläufig. Doch wenn die deutschen Kunstrichter ihm nicht Genüge thaten,

so gaben die englischen Kritiker und Erklärer durch ihre Dürre und die

übermäßige Nüchternheit, mit der sie nur bei dem Außenwerke stehen

blieben, keinen geringern Anstoß. Neben Ben Jonson hatte er auch

Beaumont und Fletcher, Massinger und Andere in den Kreis seiner Studien

hineingezogen.

Unter Shakspeare’s Dramen zog ihn wegen seines

phantastisch-märchenhaften Charakters der „Sturm“ besonders an.

Er vollendete um diese Zeit eine Bearbeitung, in welcher er noch

die allgemein geltenden Gesichtspunkte festhielt, weil er an die

Möglichkeit einer Darstellung auf der Bühne dachte. Zugleich sollte

ihm dieses Stück Veranlassung geben, seine Ansichten über Shakspeare

in einer Reihe von Abhandlungen darzulegen, und eine richtigere

Auffassung des Dichters vorzubereiten. Zuerst beschränkte er sich auf

die Behandlung des Wunderbaren und dessen Darstellung im „Sturm“.

Diese Arbeit sandte er mit einer Probe seiner Uebersetzung an Schiller

mit dem Wunsche, daß beides in die „Thalia“ aufgenommen werden möge.

An das umfassende Werk über Shakspeare sollten sich dann mehrere

Dramen anderer Dichter aus jener Zeit anschließen, namentlich der vier

genannten. Die bedeutendsten dachte er zu übersetzen, die andern,

um dem Publicum nicht zu viel zuzumuthen, im Auszuge oder in freier

Bearbeitung zu geben; historische und kritische Anmerkungen sollten das

Ganze begleiten. Schon sah er sich nach einem Verleger um, dem er sein

kritisches Erstlingswerk übergeben könne. Wackenroder, der die Pläne

des Freundes mit keinem geringern Eifer als die eigenen verfolgte,

hatte sich deshalb bereits an seinen Lehrer, den Prediger Koch in

Berlin gewandt, mit dem er noch in wissenschaftlichem Verkehre stand.

Hieran schloß sich eine verwandte Arbeit, die unter Fiorillo’s Augen

entstanden war, dessen Vorlesungen über Malerei und Kunstgeschichte

Tieck hörte. Es war eine Beurtheilung der in England herausgegebenen

Sammlung von Kupferstichen nach der „Shakspeare-Galerie“. Bereits 1794

erschien sie auf Heyne’s Vermittelung in der „Bibliothek der schönen

Wissenschaften“.

Zugleich eröffnete sich ihm um diese Zeit ein Weg in die Literatur.

Von Göttingen aus kam er mit dem alten Nicolai, dem er in Berlin fern

gestanden hatte, in nähere Berührung. Entscheidend war eine Reise, die

er mit Wackenroder um Ostern 1794 nach Braunschweig und Wolfenbüttel

machte, um die dortigen Bibliotheken und Sammlungen kennen zu lernen.

Er erneuerte die Bekanntschaft Ebert’s, welcher ein behagliches

wissenschaftliches Stillleben führte, und den jungen Dichter mit

herzlichem, fast väterlichem Wohlwollen empfing. Ebenso entgegenkommend

zeigte sich Eschenburg; er nahm besonders an Tieck’s Arbeiten über

Shakspeare Antheil. Die beiden ältern Freunde überzeugten sich, daß

hier eine Kraft sich Bahn zu brechen suche, die jede Unterstützung

und Aufmunterung verdiene. Bei nächster Gelegenheit wiesen sie daher

ihren Freund Nicolai auf seinen Landsmann hin. Nicolai war eine Macht

in der deutschen Buchhändlerwelt, und unterstützte junge Talente gern

in mäcenatischer Weise. Nachdem er sich von Tieck’s Arbeiten und

literarischen Plänen unterrichtet hatte, erklärte er sich nicht nur

bereit den „Abdallah“ und Anderes in Verlag zu nehmen, sondern er

übersandte ihm sogar eine Abschlagssumme des verabredeten Honorars.

Endlich begann sich auch Anderes zu gestalten. Schon 1793 war im

ersten Entwurf eine Tragödie „Karl von Berneck“ entstanden. Unter den

fränkischen Burgen hatte keine einen tiefern Eindruck zurückgelassen

als die Ruinen von Berneck, deren düsterer Anblick trefflich zu der

Sage paßte, welche dort lebte. Ein Sohn sollte die Mutter ermordet

haben, um den durch sie und ihren Verführer gefallenen Vater zu

rächen. Es war ein deutscher Orest, der sich in die Mitte zwischen den

griechischen Helden und den englischen Hamlet stellte. Der schon am

Orte selbst gefaßte Gedanke, einen tragischen Helden aus ihm zu bilden,

kam jetzt zur Ausführung. Die Sage, der Schauplatz des deutschen

Mittelalters, Alles schien sich zu vereinen, um dem Dichter einen Stoff

zu geben, der seiner Eigenthümlichkeit ganz zusagen mußte.

Inzwischen hatte auch Wackenroder einen nicht minder unbetretenen Pfad

der Studien eingeschlagen, den er mit Eifer verfolgte. Freilich wußte

er nur zu gut, im Sinne seines Vaters war es ein Irrweg. Er hatte sich

der ältern deutschen Literatur zugewendet, die sich wie ein Wunderland

in fernen dunkeln Umrissen erhob, welches man in zaghaften Versuchen

wieder zu entdecken trachtet. Sein Aufenthalt in Erlangen und Nürnberg

hatte gezeitigt, was sein Lehrer Koch angeregt hatte. Die Manesse’sche

Sammlung der Minnelieder, die Müller’schen Ausgaben der Heldengedichte,

die Anfänge des deutschen Dramas, namentlich Hans Sachs, studirte er

mit Eifer, meistens nur auf sich und seine Begeisterung angewiesen.

Zugleich übernahm er manchen gelehrten Auftrag für Koch, zu dessen

Compendium der deutschen Literatur er auf den reichen Bibliotheken in

Göttingen und Kassel Notizen über altdeutsche Handschriften sammelte.

Dies gab Veranlassung, den Rath Casperson kennen zu lernen, der

ebenfalls für die ältere deutsche Poesie eine lebhafte Theilnahme

hatte. Auch wurde er dem als Staatsmann und Forscher bekannten

hessischen Minister von Schlieffen vorgestellt.

So gleichmäßig das Leben war, welches die beiden angehenden

Gelehrten führten, so fehlte es doch nicht an lustigen Vorfällen

und studentischen Abenteuern. Bei aller Freundschaft liebte man es

sich gegenseitig durch übermüthige Neckereien zu stören oder zu

hintergehen, um dann zu allgemeinem Jubel eine unerwartete Enttäuschung

herbeizuführen. Zu solchen Komödien forderte zunächst Wackenroder’s

Gutmüthigkeit und Leichtgläubigkeit in den alltäglichen Dingen heraus.

Leicht suchte und fand er Wunder und Geheimnisse, und seine Neigung

für das Tiefsinnige, Mystische, Sonderbare ward oft genug Gegenstand

des Spottes und Angriffs. Besonders Burgsdorff liebte es ihm in

übermüthiger Keckheit schonungslos entgegenzutreten. Einmal ward

Wackenroder das Opfer einer Täuschung, welche über die Grenzen des

Erlaubten fast hinausging.

Burgsdorff besaß einen Hund Namens Stallmeister. Er war sein treuer

Gefährte auf abenteuerlichen Fahrten gewesen, und zeigte sich in allen

Dingen als der Studenten gelehrigen Scholar. Da man die Anstelligkeit

des Thieres oft gepriesen und sein Genie scherzend anerkannt hatte, so

beschloß man übermüthigerweise, Wackenroder einzubilden, der Hund habe

es in der Stille bis zum Lesen und zur Theilnahme an den Studien seiner

Herren gebracht.

Wackenroder war ein eifriger Collegiengänger. Nie hätte er eine

Vorlesung ohne die dringendste Veranlassung versäumt, auf das

eifrigste schrieb er nach. Minder gewissenhaft waren die beiden andern

Freunde. Sie benutzten eine Stunde, in welcher er im Collegium war,

um auf seinem Zimmer den Hund in die gehörige Verfassung zu setzen.

In aufrechtsitzender Stellung banden sie ihn auf dem Stuhle vor

Wackenroder’s Arbeitstische an; die beiden Vorderpfoten ruhten auf

einem mächtigen Folianten, welchen man vor ihm aufgeschlagen hatte.

Das gelehrige Thier, das solcher Kunststücke gewohnt war, machte auf

dem Sessel des Gelehrten eine ganz überraschende Figur. Die beiden

Muthwilligen verbargen sich darauf in der anstoßenden Kammer, um den

Erfolg ihrer List abzuwarten. Früher als gewöhnlich kehrte Wackenroder

zurück. Er benutzte eine Pause, um ein vergessenes Heft zu holen. Voll

Ueberraschung blieb er stehen; sein Auge war auf den Hund und dessen

tiefsinnige Stellung gefallen. Er warf noch einen scheuen Blick auf das

Thier, und steckte dann die vergessenen Blätter geräuschlos zu sich.

Die Furcht seine Pflicht zu versäumen, und die Besorgniß die wunderbare

Erscheinung durch längeres Verweilen zu stören, trieben ihn fort. Eilig

und leise verließ er das Zimmer. Die lauschenden Freunde erkannten,

er sei mit der Ueberzeugung, den Hund in Studien vertieft gesehen zu

haben, gegangen. Sie erlösten den unfreiwilligen Gelehrten aus seiner

peinlichen Lage, und warteten den Erfolg ab.

Als sie Wackenroder wiedersahen, war er ungewöhnlich still und in sich

gekehrt. Sie hielten es nicht gerathen ihn mit Fragen zu beunruhigen,

sondern ehrten rücksichtvoll sein Schweigen. Endlich, als sie Abends

in gewöhnlicher Weise beisammensaßen, und kein Gespräch in Gang

kommen wollte, brach er das Schweigen, und begann mit vielsagender

tiefsinniger Miene: „Freunde, ich muß euch eine geheimnißvolle

Begebenheit mittheilen, deren Zeuge ich heute gewesen bin. Ich sage

euch, es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als sich eure

Schulweisheit träumen läßt. Unser Stallmeister kann lesen!“ Er erzählte

darauf im Tone der vollsten Ueberzeugung die Scene, welche die Freunde

ihm aufgeführt hatten. Anfangs hörten sie ihm mit kaum unterdrücktem

Spotte zu, doch bald machte dieser einer ernstern Stimmung Platz. Daß

ihr Scherz so vollständig gelingen könne, hatten sie selbst nicht

erwartet. Sie erschraken, ihn jene außerordentliche Erscheinung so

glaubensvoll beschreiben zu hören. Fast schien er in das Gebiet der

phantastischen Visionen hinüberzuschweifen. Endlich machte man der

Sache ein Ende, und bat ihn die Geschichte jener Erscheinung aufmerksam

anzuhören. Die Auflösung des Räthsels war zu schlagend, um etwas

dagegen einzuwenden, aber Wackenroder konnte seine Empfindlichkeit

nicht ganz unterdrücken, daß man ihm so schonungslos mitgespielt.

Aber auch an Tieck kam die Reihe, durch äußere Zufälligkeiten und

kleine Erlebnisse, die seine Phantasie erregten, in die Welt der

Schauer zurückgezogen zu werden, aus welcher er sich gerettet zu haben

meinte. Wenn er zu Zeiten Tage und Nächte hindurch von seinen Stoffen

erfüllt bis zur höchsten Aufregung arbeitete, dann bewährte sich

Wackenroder’s besonnene Freundschaft. Bei einer solchen Gelegenheit

sagte ihm dieser einst: „Wie kann man sein Talent so leichtsinnig

verschwenden! Das heißt sich ruiniren, sich geistig an den Bettelstab

bringen! Wer so ohne Sammlung arbeitet und auf sich einstürmt, kann nur

mit Geisteszerrüttung enden!“

Wie es öfter geschah, war einst beim Studium des Shakspeare Mitternacht

herangekommen. Er las den „Macbeth“, und folgte mit steigender

Bewegung der erschütternden Scene, in welcher der eben vollführte

Mord geschildert wird. Er glaubte Zeuge der blutigen That zu sein.

Mit angehaltenem Athem hörte er den Rächer an das Thor des Schlosses

pochen. Und klopfte es nicht in diesem Augenblicke wirklich? „Es ist

Wackenroder!“ dachte er, dessen Rückkehr aus einer Gesellschaft er

erwartete. Unwillig über die Störung, die er für einen unzeitigen

Scherz hielt, rief er „Herein!“ Plötzlich traf ihn ein kalter Luftstrom

von hinten her. Die Thür mußte sich leise geöffnet haben. Er fühlte

eine eisige Hand über sein Gesicht gleiten. Voll Entsetzen fuhr er

in die Höhe. Neben seinem Stuhle stand ein runzelvolles, gnomenhaftes

altes Weib, das ihn grinsend anblickte, und ihm die geöffnete Hand

murmelnd entgegenstreckte. Fast schien es, eine der Hexen Macbeth’s sei

plötzlich in seinem Zimmer wie eine Erdblase aufgestiegen, und komme

auch ihn zu verwirren. Zwischen Täuschung und Wirklichkeit angstvoll

schwebend, rief er dem Weibe zu, wer sie sei, was sie wolle. Sie

gehörte, wie sich später zeigte, zu einem Haufen Bettelvolkes, das man

Nachts durch die Stadt geführt hatte. Sie war den Hütern entkommen, und

hatte durch die für Wackenroder geöffneten Thüren den Weg in Tieck’s

Zimmer gefunden. Mit einem Almosen kaufte er sich los; aber er mußte

sich gestehen, einen tiefern Schreck hatte er seit langer Zeit nicht

empfunden.

Besonders aber öffnete sich die Welt der Abenteuer, sobald die Freunde

die Mauern des gelehrten Göttingen verließen. Auch jene Reise nach

Braunschweig war nicht frei davon. Als Tieck durch die Straßen der

Stadt ging, erblickte er an einem Fenster ein schönes junges Mädchen,

welches ihn durch Zeichen als einen alten Bekannten zu grüßen schien.

Einem neugierigen Zuge folgend, betrat er das Haus. Bereits auf der

Treppe kam sie ihm in höchster Aufregung entgegen. „Gut, daß Sie

kommen“, rief sie ihm zu, „ich habe Sie lange erwartet! Ich komme

sogleich zurück, ich will nur meinen Schmuck anlegen.“ Betroffen über

diesen seltsamen Empfang, blieb er nicht ohne Spannung zurück, wie

das enden werde. Die Schöne kehrte nach einigen Augenblicken zurück,

aber wie verändert! Ophelia! hätte er ausrufen mögen. Phantastisch

mit einem Kranze geschmückt, statt des Gürtels und über den Schultern

Gewinde von Stroh und Blumen, trat sie ihm mit irrem Lächeln entgegen.

„Da bin ich!“ sagte sie. „Und nun fort! Meine Verwandten verfolgen

mich!“ Staunend blickte er die Unglückliche an. Jene wunderbare und

räthselhafte Gestalt seines Dichters schien aus der Welt der Phantasie

in die sinnliche Wirklichkeit getreten zu sein. Da vernahm er ein

Geräusch. Eilig kamen mehrere Personen aus dem Innern des Hauses, sie

bemächtigten sich der Unglücklichen, und führten sie ohne auf ihr

erschütterndes Geschrei zu achten, zurück. Es war eine Irrsinnige, die

sich ihren Wächtern entzogen hatte. Voll Entsetzen eilte er aus dem

Hause. Jenes grauenhafte und doch rührende Bild, wie jene schrecklichen

Töne verfolgten ihn noch lange.

Ein anderes Mal war es in der Abenddämmerung, als er allein über Land

fuhr. Bald bemerkte er, daß ein wandernder Handwerksgeselle mit dem

Wagen gleichen Schritt halte. Gutmüthig bot er ihm einen Platz in

demselben an, und dankbar wurde der Vorschlag angenommen. Schüchtern

saß der Reisegefährte eine Zeit lang neben ihm. Endlich brach er das

Schweigen. Soviel Ursach er habe zu danken, sei es doch auch ein

Glück mit ihm zusammenzutreffen. „Denn Sie werden es nicht glauben“,

fuhr er fort, „aber doch ist es so. Ich bin der Sohn Friedrich’s des

Großen.“ Unwillkürlich rückte Tieck von der Seite seines Begleiters

fort; ihm wurde unheimlich zu Muthe. So unbefangen als möglich suchte

er auf diese fixe Idee einzugehen. Er bemerkte, er habe immer geglaubt,

Friedrich habe keine Kinder hinterlassen. „Das ist es eben, was meine

Gegner verbreiten“, erwiderte der Andere, „um mich und meine gerechten

Ansprüche zu unterdrücken. Sie können ihre Bosheit erkennen, wenn ich

Ihnen sage, daß man mich erst in Spandau eingesperrt, und dann noch

obenein unter die Juden gesteckt hat! Wer glaubt nun an meine hohe

Abkunft? Ueberall lacht man und ruft: das ist ja ein Jude!“ Tieck

betrachtete jetzt seinen Begleiter genauer, und entdeckte allerdings an

ihm jüdische Gesichtszüge. Er unterhielt sich noch eine Zeit lang mit

ihm in gleichgültigem Tone, und war froh, den unheimlichen Gefährten

auf dem nächsten Haltpunkte abzusetzen.

Heiterer Art war das Abenteuer, welches die Freunde auf der Bibliothek

zu Wolfenbüttel zu bestehen hatten. Der Bibliothekar Langer stand im

Rufe, die Besuchenden nicht zu allen Zeiten glimpflich zu empfangen.

Vorsorglich hatten sie sich daher ankündigen lassen; außerdem

vertrauten sie auf Heyne’s Empfehlung, die wol für einen Freipaß in

der gelehrten Welt gelten konnte. Sie hatten sich an Ort und Stelle

eingefunden, als nach längerm Zögern der Bibliothekar in feierlicher

Amtswürde erschien, in Schuhen und Strümpfen und dem besten gelehrten

Putze. Mochte er nun die Meldung falsch verstanden, oder bessere Leute

erwartet haben, als er sah, daß die angekündigten Fremden nichts mehr

und nichts weniger waren, als ein paar göttinger Studenten, trat er

ihnen barsch mit der Frage entgegen, was ihr Begehren sei. Wackenroder,

der es übernommen hatte mit dem borstigen Gelehrten zu sprechen, wurde

durch diesen Empfang in nicht geringe Verlegenheit gesetzt. Schüchtern

brachte er endlich heraus, der Herr Hofrath Heyne habe die Güte gehabt,

ihnen eine Empfehlung an den Herrn Bibliothekar aufzutragen. „Ich weiß

gar nicht“, fuhr Langer ärgerlich dazwischen, „was mir der Herr Hofrath

Heyne für Empfehlungen schickt, bei denen niemals etwas herauskommt.“

Tieck hatte unterdessen einen alten Druck auf einem der Bücherbreter

ins Auge gefaßt, und da der Zorn des Bibliothekars sich noch weiter

ergießen wollte, trat er respectvoll mit der Bemerkung vor, man habe um

die Erlaubniß bitten wollen, jenen alten Druck auf kurze Zeit außer der

Bibliothek zu benutzen. Dies wurde nach einigem Widerstreben gewährt,

und die Freunde waren froh, der gelehrten Löwenhöhle zu entkommen.

Es näherte sich nun die Zeit, wo ein Entschluß gefaßt werden mußte.

Zwei und ein halbes Jahr war Tieck von Hause entfernt. Die akademische

Freiheit ging dem Ende entgegen, und hatte er auch ein entschiedenes

Studium gefunden, so wollten ihm doch die regelrechten Formen

des Lebens jetzt fast noch weniger zusagen als damals, wo er die

Vaterstadt verließ. Er konnte zu keinem andern Ergebniß kommen, als

sich unabhängig in seiner Weise ausbilden zu wollen. Aber wie war es

möglich, sich von den gewöhnlichen Lebensbedingungen frei zu machen?

Mit nicht geringern Sorgen sah Wackenroder in die Zukunft. Sobald

er nach Hause zurückgekehrt war, stand ihm der Eintritt in den

Justizdienst, in das Amt unausbleiblich bevor. Nach allen Studien,

denen er sich mit Fleiß und voll moralischen Entschlusses unterzogen

hatte, stand es in der That fest, für die Rechtswissenschaft hatte er

keinen Beruf. Er konnte sich diesen trockenen Stoff nicht aneignen,

manche Verhältnisse und Lehrsätze blieben ihm trotz wiederholter

angestrengter Versuche, sie aufzufassen, vollkommen unbegreiflich.

Dagegen versenkte er sich immer mehr in Betrachtung und Studium der

Kunst, ja er versuchte ihre Ausübung. Farbe und Ton waren sein Element.

Er war ausübender Musiker. Reichardt hatte sein Talent erkannt, und

ihm Leitung und Anweisung gegeben; unter seinen Augen hatte er sich

gebildet, und sich in eigenen Compositionen versucht. In der Zeit der

Unabhängigkeit war er noch fester und entschiedener geworden.

Indem für beide Freunde die Zukunft zweifelhaft erschien, entstand bei

ihnen ein abenteuerlicher Plan, welchen der dritte Freund, Burgsdorff,

der schon einmal eine ähnliche Fahrt durchgemacht hatte, mit Vorliebe

weiter ausspann. Sie wollten in der Stille Göttingen verlassen, und

nach Italien, dem Lande der Kunst und der dichterischen Sehnsucht

gehen, um dort ein neues Leben anzufangen. In Rom sollte Wackenroder

frei von allen Fesseln Musik studiren, und dereinst, so träumten sie,

dem Vater als Meister von Ruf und Namen selbständig entgegentreten.

Tieck sollte als Dichter und Schriftsteller wirken. Freilich wie man

sich durchschlagen wollte, bis man das gelobte Land erreicht habe,

welche Kämpfe es auch dort noch kosten werde, daran hatte man kaum

gedacht. Endlich, als die Freunde anfingen, sich ernstlich mit diesem

Gedanken vertraut zu machen, sprang Burgsdorff zuerst wieder ab,

weil er sich inzwischen in Verhältnisse eingelassen hatte, die seine

Rückkehr nach Berlin forderten. Auch die beiden Andern ließen den Plan

fallen, und so blieb nichts übrig, als nach Ablauf des Sommers ruhig

nach Hause zurückzukehren, und abzuwarten was sich weiter begeben werde.

Aber wenigstens nicht auf geradem Wege wollten sie zurückkehren. Noch

einen Hauptpunkt des Nordens beschlossen sie zu besuchen, Hamburg. Wenn

es auch die Sehnsucht sein mochte, nach langer Zeit die Alberti’sche

Familie wiederzusehen, welche Tieck dorthin führte, so hatte doch die

Stadt auch manches andere Anziehende. Der Ruf des hamburger Theaters

war allgemein verbreitet. Schröder war als darstellender Künstler, wie

als leitendes Talent und dramatischer Schriftsteller für ihn eine der

merkwürdigsten Erscheinungen. Ohne Zweifel war Schröder neben Fleck der

größte Mann der deutschen Bühnenwelt.

Ludwig Tieck Erinnerungen aus dem Leben des Dichters nach dessen mündlichen und schriftlichen Mitteilungen · 第 14 / 51 段