Spaziergängen. Einst führte sie ihr Weg vor dem Thore bei einem
Gartenhause vorbei, in welchem ein Mann wohnte, der mit der fixen
Idee behaftet war, predigen zu müssen. Dieser stand in der Mitte
des Gartens, und ließ sich voller Eifer folgendermaßen vernehmen:
„Wie wir das, andächtige Zuhörer, in den neuesten Komödien gesehen,
und durch die neuesten Komödienzettel erfahren haben!“ Diese laut
herausgeschriene Anrede machte auf Tieck einen wunderlichen Eindruck,
und ohne Umstände wollte er den gelehrten Professor im Stiche lassen,
um den Redner näher zu sehen. Voll Schreck und Entrüstung hielt ihn
Harleß zurück. „Ei bewahre, mein Lieber“, rief er; „das schickt sich
nicht für Sie! Der Mensch dort ist ja ein Narr; da können Sie nichts
profitiren!“
Ein Gegenbild zu Harleß war Meusel, das gelehrte Deutschland in Person,
der in altfränkischer Höflichkeit nie unterließ, das Sammetkäppchen
zu lüften, und mit einer Verbeugung zu antworten, wenn man ihn mit
seinem Amtstitel anredete. Auch den Professor Breyer hatten die Freunde
aufgesucht, und durch einige andere Studenten unterstützt, ihn in
wohlgemeintem Eifer ersucht, eine besondere Vorlesung über Pindar
zu halten, den sie nur aus Gedike’s Lehrstunden kannten. Nach den
Versicherungen, die sie auf dem Gymnasium gehört hatten, daß Pindar in
der That ein großer Dichter sei, hofften sie, jetzt werde ihnen auf der
Universität das Verständniß eröffnet werden. Doch sie täuschten sich,
auch hier hörten sie nur eine Wiederholung der alten Redensarten, die
in der Regel mit dem näselnden Schlußsatz endeten: „Wie das der Herr
Consistorialrath Gedike so trefflich gesagt hat!“ Was aber der zu sagen
pflegte, wußten sie selbst am besten; daher löste sich das Collegium
nach einigen Wochen auf.
Mehr als alle Vorlesungen versprach das Fichtelgebirge, das Mainthal,
dann die alten Städte, wie Bamberg, und vor allen das kunstreiche
Nürnberg. Hier stand man auf dem Boden des deutschen Reichs, im
gesegneten Frankenlande. Da gab es Ruinen und Ritterburgen, und auf
diesem Hintergrunde bewegten sich jene kraftvollen Gestalten des Götz
und seiner Genossen, mit denen man seit den Kinderjahren vertraut war.
Nürnberg ward ein Hauptwallfahrtsort für die Freunde. Je öfter sie es
sahen, mit um so größerer Theilnahme, ja Andacht kehrten sie dahin
zurück. In seiner ganzen Fülle trat ihnen das alte deutsche Kunstleben
entgegen. Was sie früher dunkel geahnt hatten, war hier längst zur
lebendigen Wirklichkeit geworden. Wie reich an Denkmalen aller Künste
war nicht diese Stadt, mit ihren Kirchen von St.-Sebald und St.-Lorenz,
mit ihren Werken von Albrecht Dürer, von Vischer und Krafft! Hier
war das Handwerk durch Kunstsinn und ämsigen Fleiß zur Kunst geadelt
worden. Da war jedes Haus ein Denkmal der Vorzeit, jeder Brunnen,
jede Bank ein Zeugniß für das stille, einfache und sinnvolle Leben
der Väter. Noch hatte die blasse Kalktünche die Häuser nicht gleich
gemacht. Stattlich prangten sie mit bunten Bildern, die aus der Sage
und Poesie des Volkes entlehnt waren. Da sah man Ortnit und Siegenot,
Dietrich und andere Helden als Schützer und Hüter über den Thüren. Es
ruhte auf der alten, ehrenfesten Reichsstadt mit ihren Wundern und
Wunderlichkeiten ein Duft der Poesie, den der Zugwind neuer Politik und
Aufklärung an andern Orten längst verweht hatte.
In voller Kunsttrunkenheit durchsuchten die Freunde Kirchen und
Kirchhöfe. Mit Rührung standen sie an den Gräbern Albrecht Dürer’s und
Hans Sachs’, sie sahen die Burg, Bürgerhäuser und Sammlungen, was nur
irgendeinen Namen hatte. Eine versunkene Welt stieg vor ihren Augen
wieder empor, und unwillkürlich bevölkerten sie diese Straßen und
Plätze mit den Gestalten ihrer Phantasie. Von selbst ward das Leben des
alten Nürnberg zu einem Kunstroman. Da hätte man zugleich Gelegenheit
gehabt, das Wesen der altdeutschen Kunst, die Vorzeit darzustellen,
von deren Werth und tiefem Ernst die Gegenwart keine Ahnung hatte,
und die Undankbarkeit eines spätgeborenen, klügelnden Geschlechts
in ein helles Licht zu setzen. Hier tauchten die ersten Ideen zum
„Sternbald“ auf, und jene innigen Klänge, welche die Herzensergießungen
des Klosterbruders und die Schilderungen der deutschen Kunst und des
stillen Schaffens der alten Meister durchziehen.
Doch auch Nürnbergs Gegenwart, seine Gelehrsamkeit und
Alterthumsforscher mußten sie kennen lernen; besonders Wackenroder
durfte sie nicht versäumen. Da folgte auf die Begeisterung die
Abkühlung. In ihren Forschern nahm sich die Vergangenheit keineswegs
poetisch aus. Als sie respectvoll den grundgelehrten Panzer besuchten,
sagte dieser mit steifem Ernste zu ihnen: „Als eifrige Scholaren werden
Sie Ihre kleinen Ferienreisen gewiß nicht machen, ohne den Horatium
in der Tasche zu führen.“ Darauf kam der berühmte Alterthumsforscher
Murr an die Reihe, der gelehrte Theolog Strobel, Mannert der Geograph,
manche Kunstkenner und Händler, und Andere, darunter der junge
Kant’sche Arzt Erhardt. An alle war Wackenroder bestens empfohlen. Dann
ging es zu Pferde nach Pommersfelde, wo alle frühern künstlerischen
Genüsse zurücktraten, als sie in der Gemäldegalerie zum ersten Male
eine Madonna von Rafael, wie man damals glaubte, sahen. Später erlebten
sie in Bamberg an einem Festtage ein katholisches Hochamt in vollem
Glanze, Processionen mit Fahnen und Lichtern. Es vollendete die
wunderbaren Eindrücke, die sie hier erhielten.
Wackenroder hatte nicht unterlassen, mit gläubigem Sinne die namhaften
Gelehrten aufzusuchen, jetzt mußte er auch die Natur, Land und Leute
kennen lernen. Er wußte wol, daß sein Vater mit der Strenge des
Geschäftsmannes ein nachweisbares Ergebniß dieser Reisen verlangen
werde. Er sollte als junger Mann, der sich bilden will, die Welt
kennen lernen und mit Nutzen reisen, etwa wie Nicolai eine Anleitung
dazu in seinen bekannten Reisen gegeben hatte. Darum machten sich die
Freunde in den Pfingstferien auf den Weg in das Baireuthsche. Sie sahen
Hüttenwerke und Zinngruben, fuhren in die Bergwerke, streiften in das
böhmische Gebiet hinein, und verloren sich endlich auf den Waldpfaden
des Fichtelgebirges.
Nie glaubten sie einen herrlicheren Baumwuchs und frischeres Grün
gesehen zu haben. Da wanderten sie hin durch die Gründe, wo aus dem
malerischen Gewirr düsterer Tannen hellschimmernd das junge Laubholz
hervorblickte, und „dicht von Felsen eingeschlossen“, unter Stein und
Moos die Bäche still und einsam gingen. Für einen der höchsten Punkte
im Fichtelgebirge galt der Ochsenkopf; der sollte erstiegen werden.
Kühn genug wollten die Freunde unter der Leitung eines Führers den
schwierigen Weg zu Pferde machen. Anfangs ging Alles trefflich. Bald
aber änderte sich die Scene. Man kam in den sogenannten Fichtelsee,
einen morastigen Grund, wo auch im Sommer das Wasser in Lachen stand,
von kriechenden Schlingpflanzen bedeckt, aus denen sich Buschwerk und
niederes Baumgestrüpp erhob. Hervorragende Steine, Strauchwerk, hin und
wieder ein Bret, bildeten den Weg, auf dem man sich mühselig und nicht
ohne Gefahr fortarbeiten mußte. Es war kaum möglich, die Pferde ohne
Schaden von der Stelle zu bringen, man mußte sie am Zügel hinter sich
herziehen.
Als die Wanderer wieder festen Boden unter sich fühlten, hatten sie die
Richtung des Weges verloren. Da standen sie zwischen hohen Felsenwänden
und rauschenden Bäumen! Der Führer ward kleinlaut, dann still. Jetzt
brach er unter Flüchen aus: „Ich muß verhext sein! Ich habe den Weg
hundert mal gemacht und bin nie irregegangen. Ich muß verhext sein!
Das kommt oft vor hier im Fichtelgebirge.“ Endlich schlug er vor,
einen höhern Punkt zu ersteigen, von wo ein heller Lichtstreif durch
den Wald blickte. Dort schien sich das Dickicht zu öffnen; vielleicht
konnte man einen freien Ueberblick gewinnen. Aber hier galt es,
neue Schwierigkeiten zu überwinden. Man mußte mit den Pferden einen
schmalen Felsenweg emporklimmen, den Gießbäche ausgehöhlt hatten.
Endlich war man oben angelangt. Es war eine kleine Hochebene, mit
kurzem Grase bedeckt, von dunkeln Bäumen und engverwachsenem Gestrüpp
eingeschlossen. Nirgends eine Aussicht ins Freie, nirgends ein Pfad;
nur Bäume und Felsen, und über ihnen der Himmel. Fern ab schienen Welt
und Menschen zu liegen; hier verhallte jeder Laut in der tiefsten
Waldeinsamkeit.
Zurück konnte man mit den Pferden nicht, ebenso wenig vorwärts.
Wieder begann der Führer seine Verwünschungen, daß er behext sei.
Endlich versuchte er es mit einem Handbeil, das er bei sich trug,
durch das Gestrüpp einen Weg zu bahnen. Auf gut Glück folgte man
ihm. Zwischen krachenden Zweigen wanden sich die Verirrten mit Mühe
hindurch. Jetzt kam man wieder auf einen Pfad; aber welcher Weg war
das! Schmal und steinig zog er sich am Rand eines Bergrückens hinab.
Ein falscher Tritt, und die Pferde sammt den zu Fuß wandernden Reitern
stürzten in die Tiefe hinab. Mit steigender Angst setzten sie ihren
unheimlichen Marsch fort. Zu ihrer nicht geringen Freude erreichten
sie eine Glashütte, wo man ihren Berichten kaum trauen wollte, als sie
erzählten, welchen halsbrechenden Weg sie mit den Pferden zurückgelegt
hätten. Zugleich erfuhren sie, daß man erst von diesem Punkte aus den
Ochsenkopf besteigen könne. Trotz aller Kämpfe beschlossen sie auch
dieses Abenteuer zu bestehen, fanden aber nach ihren Erfahrungen das
Ersteigen der Höhe weder so schwierig, noch so belohnend, als man es
geschildert hatte.
Nach so schweren Mühen des Tages waren sie froh, am späten Abend eine
gastfreie Aufnahme auf dem Eisenhammer des Commerzienraths Müller, an
den sie empfohlen waren, unfern des Dorfes Bischofsgrün, zu finden. In
einem Flügel des weitläufigen Fabrikgebäudes hatte man die ermatteten
Reisenden untergebracht. Wackenroder, der Anstrengungen ungewohnt, warf
sich sogleich auf das Bett. Tieck war zu bewegt, er konnte nach Allem,
was er heut erlebt hatte, nicht schlafen. Die Naturgeister wachten auf.
Er öffnete das Fenster. Es war die laueste, herrlichste Sommernacht.
Das Mondenlicht floß in vollen Strahlen auf ihn nieder. Da lag sie vor
ihm die mondbeglänzte Zaubernacht, die Natur mit ihren uralten und
ewig jungen Märchen und Wundern! Wieder schwellte es sein ganzes Herz.
Zu welchem fernen, unbekannten Ziele zog es ihn mit unwiderstehlicher
Kraft? Mild und beruhigend klangen die schwebenden Töne eines
Waldhorns durch die Nacht herüber. Er fühlte sich wehmüthig bewegt und
doch unendlich glücklich.
So träumerisch er in solchen Augenblicken versinken konnte, so sehr
dann die tiefe Natureinsamkeit seine Seele füllte, so trieb ihn doch
die eigene Art seines Wesens aus dieser Stille hinaus, nach ganz
entgegengesetzten Seiten hin. Es regte sich seine Theaterliebhaberei,
die trotz ihrer kritischen Ansprüche, doch nicht ohne eine gewisse
Selbstironie auch mit sehr Gewöhnlichem vorlieb nehmen konnte. Ihr zu
Gefallen ließ er sich in ein seltsames Abenteuer verlocken, das leicht
den unerfreulichsten Ausgang hätte haben können.
In der Gegend von Fürth hatten Reichstruppen, die nach dem Rhein
vorrücken sollten, ein offenes Lager bezogen, welches von Nürnberg,
Erlangen und andern benachbarten Städten von Neugierigen und
Reiselustigen besucht wurde. Dies hatte den Director einer wandernden
Schauspielertruppe auf den Gedanken gebracht, es sei ein gutes
Geschäft, im Lager selbst eine theatralische Vorstellung zu geben.
Nachdem er die Erlaubniß des Generals erhalten hatte, glaubte er ganz
seinem Vortheile und den Anforderungen des guten Geschmacks gemäß zu
handeln, wenn er in der Mitte der Soldaten eines jener Soldatenstücke,
welche seit „Minna von Barnhelm“ allgemein beliebt waren, zur
Aufführung bringe. Er hatte dazu ein Hauptspectakelstück „Graf Waltron“
ausersehen. Der militärische Glanz des Lagers sollte ihm dabei zu Hülfe
kommen, Zelte und Bäume die natürliche Decoration bilden, die große
Masse der Reichssoldaten den belebten Hintergrund darstellen, und
zugleich einen Theil des Publicums abgeben.
Für Tieck war dieses sonderbar angekündigte Schauspiel viel zu
anziehend, als daß er nicht hätte nach Fürth hinüberreiten sollen.
Im Lager fand er einen Platz abgesteckt, um den sich eilig
zusammengeschlagene Bänke stufenweis erhoben. Die Zuschauer fingen
an die hintern Plätze zu füllen, die vordern sollten für die noch zu
erwartenden Honoratioren aufgespart werden. Einige Reichssoldaten
waren beordert, die Polizei in diesem neuen Kunsttempel zu handhaben.
Da indeß dieses Amt der kriegerischen Ehre Eintrag zu thun schien,
so hatte man die Uniformen der dienstthuenden Soldaten an Kragen und
Aermeln mit Streifen rothen Papiers besetzt, und so eine Art von
phantastischer Uniform geschaffen. Tieck hatte seinen Sitz auf dem
ersten Platze eingenommen, und sah vertrauensvoll und heiter dem
wunderlichen Schauspiele entgegen, in dem in ungeschickter Weise Natur
und Kunst verbunden werden sollten. Diese gab sich selbst auf, indem
sie sich in kläglich verzerrter Gestalt unmittelbar neben jene stellte.
Inzwischen begann das Publicum voll Ungeduld und Erwartung ein
eigenthümliches Vorspiel aufzuführen. Man drängte und lärmte
durcheinander. Die entfernter Sitzenden versuchten es zuerst mit
List, dann mit offenbarer Gewalt, ohne sonderliche Achtung vor
der soldatischen Polizei, in die vordern Reihen der Honoratioren
einzudringen. Einige waren sogar unverschämt genug, im Bühnenraume
selbst sich niederzulassen. Unter diesen drohenden Anzeichen begann
das Stück. Die Soldaten im Stücke, die den wirklichen gegenüber
eine armselige Figur spielten, fingen an ihre Rollen herzusagen.
Da aber bei der um sich greifenden Unordnung jede Kunsttäuschung
vollends aufhörte, so wurden die Schauspieler durch die Eindringlinge
unterbrochen und verhöhnt, und mußten endlich unter dem Jubel der
barbarischen Kunstfeinde beschämt abziehen. Der Director rief in seiner
Noth die bisher ziemlich unthätige Polizei zu Hülfe. Ein Reichssoldat
versuchte unter Flüchen und Schimpfreden das Publicum in die Schranken
zurückzutreiben, und schwang dabei seinen eisernen Ladestock, den er
als Amtsstab in der Hand hatte, rücksichtlos über den Häuptern der
Aufrührer, von denen er den einen und den andern unsanft berührte.
Mit Verdruß hatte Tieck diese Scene angesehen. Zuerst ärgerte ihn
die Unverschämtheit des Publicums, das sich selbst den Spaß verdarb,
dann die Fuchtel des Soldaten. Plötzlich fühlte auch er sich von dem
Zauberstabe am Hute getroffen. Eine wahre Berserkerwuth ergriff ihn.
Blindlings stürzte er über die Schranken fort, auf den züchtigenden
Soldaten los. Als die erste Wuth von ihm gewichen war, sah er nicht
ohne Verwunderung, daß er auf der Brust des Soldaten kniee, der dem
unerwarteten Angriffe erlegen und sammt dem Angreifer zu Boden gestürzt
war. Jetzt erst erfolgte der allgemeinste Aufruhr; mit Mühe trennten
die herbeieilenden Wachen die Kämpfer, und führten den Hauptübelthäter
vor den commandirenden General. Dieser empfing ihn mit zornigen
Begrüßungen; er habe sich meuterisch an dem Reichssoldaten vergriffen,
das sei ein Verbrechen gegen Kaiser und Reich, eine exemplarische
Strafe und Satisfaction sei nothwendig.
Während dieses Unwetters hatte Tieck seine Besonnenheit wiedergefunden.
Nach einigen Gegenreden riß er dem dabei stehenden Soldaten ein Stück
des papiernen Uniformbesatzes ab mit der Frage, welcher Truppentheil
denn eine solche Uniform trage, an der er sich vergriffen haben
solle. Diese unerwartete Wendung machte den General stutzig. Er hieß
ihn seiner Wege gehen, und ergoß den Rest der Zornesschale über
den unglücklichen Director, der nun seinerseits Zuschauer dieses
Schauspiels gewesen war.
Beschämt eilte Tieck, der plötzlich zum Haupthelden des Tages geworden
war, durch die gaffende Menge nach Fürth zurück, in den Gasthof, wo er
sein Pferd eingestellt hatte. Er dachte sich nach diesem unangenehmen
Handel durch ein Glas Wein zu stärken, bevor er nach Hause eilte. Aber
neue Beschämungen warteten seiner. Als er in dem Saale Platz nahm, war
die Unterhaltung über die Rolle, die er heute gespielt hatte, bereits
in vollem Gange. Nur scheu wagte er umherzublicken, und bemerkte in
einiger Entfernung einen ihm wohlbekannten Buchhändler aus Erlangen mit
seiner jungen, hübschen Frau. Diese pflegte er zierlich und nicht ohne
huldigenden Eifer zu grüßen, so oft er sie am Fenster sah, was eben
nicht selten der Fall war. Der Mann in der Voraussetzung, daß Tieck ihn
nicht verstehe, sagte auf Englisch zu seiner Frau: „Das ist der junge
Mensch, der sich draußen auf dem Naturtheater in so sonderbarer Weise
bemerklich zu machen suchte.“ Das war zu viel! In welch lächerlichem
Lichte mußte er nicht vor der Schönen erscheinen! In verbissenem
Ingrimm über seine Heftigkeit eilte er, unter dem kaum verhaltenen
Lachen der Umhersitzenden, zur Thür hinaus. Er warf sich aufs Pferd,
und jagte verhängten Zügels, ohne rechts und links zu sehen, in das
Abenddunkel hinaus.
Doch das Abenteuer war noch nicht zu Ende. Er hatte gewähnt, auf dem
Wege nach Erlangen zu sein; als er sich abzukühlen anfing, erkannte
er, daß er in seinem Zorn die Richtung verloren hatte. Es war Nacht
geworden; er befand sich in einem Gehölze, in dem er sich nicht
erinnerte, gewesen zu sein. Umsonst suchte er in der Dunkelheit
nach einem Wege. Es blieb nichts übrig, als über Stock und Stein
auf gut Glück durch das Dickicht zu dringen. Da öffnete sich ihm
unvermuthet eine malerische, aber doch besorgliche Scene. Um ein lustig
loderndes Feuer hatte sich ein Zigeuner- und Kesselflickervölkchen
gelagert, das unter dem Schutze der milden Reichspolizei auf den
sich durchkreuzenden Gebieten ungestört sein Wesen trieb. Schon
hatte die unheimliche Gesellschaft den Reiter bemerkt, und forderte
ihn gastfrei auf, vorlieb zu nehmen und sich wahrsagen zu lassen.
Es war ihm bei dieser unerwarteten Einladung nicht wohl zu Muthe.
Indeß mit unbefangener Miene suchte er ihr zu folgen, um nicht aus
einem Ehrengaste ein Gefangener zu werden. Man bot ihm zu essen; er
mußte seine Hand hinreichen, und sich große Dinge verkünden lassen.
Er war froh, als man ihn endlich ziehen ließ, ohne sein Pferd
zurückzubehalten, und ihn sogar auf den rechten Weg geleitete. Doch
hatte er die genossene Gastfreundschaft reichlich bezahlen müssen.
Gegen Morgen kam er in Erlangen an.
So wechselte in dieser heitern und bewegten Zeit studentischer
Ungebundenheit ein wunderliches Abenteuer mit dem andern. Die buntesten
und sonderbarsten Gestalten drängten sich an ihm vorüber, die
verschiedensten Eindrücke machten sich geltend. Wie oft hatte er nicht
von solchen und ähnlichen Vorfällen gelesen, oder sie beschrieben.
Bisweilen schienen seine Phantasien zur Wirklichkeit zu werden, und
in einer nüchternen Zeit stand er plötzlich mitten in Abenteuern, und
ward gar zum Haupthelden. Kunst, Natur und Menschen zeigten sich ihm
in den verschiedensten und zum Theil grellsten Beleuchtungen. Es waren
auch Studien, die er in Erlangen machte. Freilich ganz andere als in
Göttingen.
Endlich ward er noch aus der Ferne Zuschauer, und mittelbar auch
Theilnehmer eines andern Abenteuers, das minder harmloser Natur war,
und einer rauhern Welt als der deutscher Dichterträume angehörte.
Die Revolution jenseit des Rheins hatte unterdessen ihren blutigen
Gang vollendet. Das Haupt Ludwig’s XVI. war gefallen. Es gab manche
jugendliche Schwärmer, welche meinten, mit diesen dämonischen Mächten,
deren zerstörende Gewalt sie nicht kannten, spielen zu können.
Schon in Göttingen hatte man sich in Parteien getheilt. Man stritt,
zankte und erhitzte sich aneinander. Brandes’ und Rehberg’s Namen
wurden fast als Ekelnamen behandelt, die Siege der Franzosen nicht
ohne Theilnahme verfolgt. Auch Tieck hatte sich wol einen Demokraten
genannt, und von Freiheit und Menschenrechten gesprochen, ohne zu
ahnen, in welchem Gegensatze das, was er hier zu vertheidigen schien,
zu seinem Wesen stand. Bei den Meisten ging die Neigung für die
Revolution überhaupt nicht tief. Thatsächlich beschränkte sie sich nur
auf polizeiliche Plackereien und einige gesellige Unbequemlichkeiten
in dem steifen Verkehr der Stände untereinander. Andere, heftiger und
unbesonnener, wurden freilich tiefer in den Strudel hineingezogen. Zu
diesen gehörte Burgsdorff.
Wie manche junge Edelleute jener Zeit, hatte er sich für die Grundsätze
der Freiheit und Gleichheit begeistert. Von ganzem Herzen meinte er
die heimische Tyrannei zu hassen, und mit lautem und herausforderndem
Trotze gegen die eigenen Verhältnisse pflegte er seine Ansichten
auszusprechen. Endlich ward es ihm zu eng in Göttingen. Im Frühjahre
1793, während Tieck sich anschickte, nach Berlin und Erlangen zu
gehen, beschloß er nach Strasburg zu eilen, um die großen Bewegungen,
von denen er das Heil der Welt erwartete, in der Nähe zu studiren.
Doch hatte er nicht den günstigsten Augenblick gewählt. Er traf das
französische Heer unter Custine in vollem Rückzuge vor den Preußen
begriffen, und schon in Speier bekam seine Reise eine unerwartete
Wendung. Hier traf er eine Berlinerin, die an einen Deutschen
verheirathet war, der als Offizier bei den Franzosen stand. Sie
begrüßte den alten Bekannten, und machte sich sogleich anheischig,
ihm durch ihren Mann den gewünschten Paß zu verschaffen, ohne den es
unmöglich war, die französische Grenze zu überschreiten. Doch als
Burgsdorff sich bei dem Landsmann meldete, ließ ihn dieser, statt ihm
den Paß auszustellen, ohne weiteres verhaften. Er hielt den eifrigen
Demokraten für einen preußischen Spion, und da er sich in geläufigem
Französisch zu vertheidigen begann, witterte man gar einen verkappten
Emigranten in ihm. So ward der Freiheitsmann unvermuthet zum Gefangenen.
Mit andern wurde er darauf im Gefolge der zurückgehenden Armee nach
Landau abgeführt. Hier verhörte ihn Custine persönlich, und ließ ihn
ohne eine Entscheidung zu treffen, einstweilen zu weiterer Haft nach
Strasburg bringen. Auf dem Wege ward er als Aristokrat verhöhnt, man
drohte mit dem Laternenpfahl, der Guillotine und Abführung nach Paris.
Das keck begonnene Abenteuer schien den schlimmsten Ausgang nehmen
zu wollen. Da Burgsdorff, aus Rücksicht auf seine Familie, Namen und
Absicht verschwieg, damit man nicht in Berlin auf irgendeinem Umwege
erfahre, wo er sei, ward seine Haltung immer verdächtiger, und seine
Lage mit jedem Tage gefährlicher. Endlich beschloß man ihn nach dem
Fort Belfort bei Basel abzuführen. Auch jetzt noch war er keck genug,
mehrere Briefe, die man ihm heimlich für französische Emigranten in der
Schweiz zugesteckt hatte, mitzunehmen. Er glaubte das einigen Leuten,
deren Bekanntschaft er in Strasburg gemacht hatte, schuldig zu sein.
Im Augenblicke des Abganges wickelte er unbefangen eine Anzahl von
Buttersemmeln, mit denen er sich versah, in die gefährlichen Papiere,
und brachte sie ohne Verdacht zu erregen in Sicherheit.
Solange das Geld vorhielt, führte er auch in Belfort ein leidliches
Leben. Unbekümmert um die Gefahr, in welcher er schwebte, machte
er leichten Blutes lustige Gesellschaft mit den übrigen Gefangenen,
fand in den Schildwachen ganz andere Leute, als er sie in der Heimat
gekannt, und meinte selbst im Gefängnisse die Luft der Freiheit zu
athmen. Doch die Verlegenheit wuchs, als das Geld ausging. An seine
Familie konnte und wollte er sich nicht wenden; er beschloß die Hülfe
seines Freundes Tieck in Anspruch zu nehmen. Er entdeckte ihm brieflich
seine Lage, forderte ihn auf Geld, soviel und so schnell als möglich,
zu senden, und machte ihm das tiefste Geheimniß in der ganzen Sache zur
Pflicht. Da er in der Haft allein zurückgeblieben war, suchte er sich
die Zeit so gut als möglich zu kürzen, bis die Antwort aus Erlangen
eingetroffen sein würde. Er warf sich aufs Lesen, und begann endlich
ein Trauerspiel zu schreiben, mit dem er sich schon lange getragen
hatte.