ihm nicht zu gewähren, was er suchte. Weder im Allgemeinen noch im
Einzelnen war er gefördert. Für die Kenntnisse, in denen er sich
nach seiner Neigung hätte weiter bilden mögen, gab es kaum Lehrer
und wissenschaftliche Hülfsmittel; der Ton, welcher bei Professoren
und Studenten herrschte, misfiel ihm höchlich. Er wollte es mit
einer andern Universität versuchen. Burgsdorff hatte ihm Göttingen
vorgeschlagen, und bald stand der Entschluß fest, sich für den
kommenden Winter dorthin zu übersiedeln.
Göttingen hatte neben dem ältern Halle und dem neu aufstrebenden Jena
den glänzenden Ruf einer ebenso gelehrten als eleganten Universität
behauptet. Die Namen Heyne’s und Spittler’s, Schlözer’s, Pütter’s
und Lichtenberg’s strahlten als erste Sterne. Es war Aussicht,
Bürger’s Bekanntschaft zu machen, dessen Balladen Tieck schon als
Knabe auswendig gewußt hatte, und die er wegen des einfachen, echt
volksthümlichen Tons bewunderte. Und eine andere Ausbeute für seine
beginnende Bücherliebhaberei versprach die reiche göttinger Bibliothek.
Im September 1792 verließ er Halle, und nachdem er Aeltern, Geschwister
und Freunde in Berlin wiedergesehen hatte, zog er in freier
Studentenweise durch Sachsen und Thüringen nach Nordhausen. Wo es
irgend thunlich war, besuchte er das Schauspiel; auch in den kleinsten
Landstädten verschmähte er die Vorstellungen herumziehender Truppen
nicht. Er sah die Kunst in ihrer demüthigsten Gestalt, und ergötzte
sich an diesen Possen in heiterster Laune. Von Nordhausen machte er
sich nach Göttingen auf, und Anfangs November zog er hier als echter
Musensohn stattlich zu Roß ein.
In Göttingen fühlte er sich heimisch. Die feinere Sitte der Georgia
Augusta, das wissenschaftliche Leben behagten ihm mehr, als die
hallesche Renommisterei. Bei den Professoren fand er freundliche
Aufnahme, namentlich zeigte sich Heyne entgegenkommend. Dieser erkannte
sogleich, es sei kein Student gewöhnlichen Schlags, der sich ihm
vorgestellt habe; auch mochte ihm Tieck’s literarischer Eifer gefallen.
Heyne’s freundlicher und feiner Ton machte einen gewinnenden Eindruck,
wenngleich seine Vorlesungen ihm nicht genügen wollten. Er fand, daß
die alten Dichter auch hier zu sehr in der Schulweise behandelt würden.
Heyne dagegen machte den Versuch, ihn für das Studium des classischen
Alterthums zu gewinnen. Er veranlaßte ihn, seinem philologischen
Seminar beizuwohnen, in dem die Jünger in das innerste Heiligthum
eingeführt wurden. Er entfaltete den ganzen Vorrath seiner umfassenden
Gelehrsamkeit, und Tieck mußte sich gestehen, daß seine philologische
Vorbereitung nicht überall ausreichend sei, um gleichen Schritt halten
zu können. Freilich ging es Andern ebenso, und schlimmer.
An die Erklärungen des Textes sollten sich Disputirübungen anschließen.
Heyne wünschte, daß man Fragen, auch wol Einwürfe versuche. Einst
glaubte er von einer hintern Bank des Hörsaals einige Worte gehört zu
haben. „Ich bitte Sie, deutlicher zu sprechen“, sagte er; „ich habe
Ihre Bemerkung nicht verstanden.“ Als Entgegnung erfolgte derselbe
dumpfe, schnarrende Ton. Empfindlich wiederholte der Professor
seine Aufforderung, mindestens deutlich zu sprechen, wenn man
etwas zu sagen habe. Da auch dies fruchtlos blieb, näherte er sich
unwillig der Stelle, wo der hartnäckige Gegner saß; da fand er einen
Alterthumsforscher, der fest eingeschlafen war, und dessen auf- und
abrollendes Schnarchen er für Widerspruch gehalten hatte. „Ach so!“
sagte er, „darauf habe ich freilich keine Antwort.“
Auch in das Studium der alten Kunst wurde Tieck durch Heyne eingeführt.
Er übergab ihm die unlängst erschienenen Vasenbilder von Tischbein
und wünschte, er solle deutsche Erklärungen derselben schreiben. Eine
Aufgabe, welche Tieck indeß ablehnte.
Auch Pütter war eine eigenthümliche Erscheinung. In dem feinen,
zierlichen, kleinen Manne hätte Niemand den grundgelehrten Reichs- und
Rechtshistoriker vermuthet. Stets erschien er im saubersten Anzuge,
schneeweiß gepudert, in sammetnen Hosen mit goldbrocatenen Bändern,
und seidenen Strümpfen. Er war ein echter Vertreter des gelehrten
und eleganten Göttingen. An einem bestimmten Tage in der Woche
veranstaltete er mit Hülfe einiger Liebhaber und Stadtmusiker in seinem
Vorsaale kleine Concerte. Er selbst ließ sich dann als Violinspieler
hören. Er führte seine Sache auch hier im feinen Stile, und spielte für
einen Reichs- und Rechtshistoriker geschmackvoll genug.
Mit dem Philosophen Buhle kam Tieck in nähere Berührung, dessen
Vorlesungen über Geschichte der Philosophie er nicht ohne Theilnahme
hörte. Es war eine Theilnahme, für welche ihm jener wenig Dank wissen
mochte. Er folgte ihnen mit einer Art von Ironie, denn er fand eine
Bestätigung seiner Ansicht von aller systematischen Philosophie in dem
schattenspielartigen Wechsel der verschiedensten Schulen, die sich
gegenseitig verdrängten, und von denen jede allein Recht haben wollte.
Noch mehr bestärkte ihn in seinen Zweifeln die Bemerkung, daß er nicht
umhin könne, einer jeden, deren Grundsätze er darlegen hörte, Recht zu
geben. Aber eben, weil sie alle bis auf einen gewissen Punkt Recht zu
haben schienen, hatten alle in demselben Maße Unrecht. Er fühlte es von
neuem, seine innerste Natur widerstrebte dem System; es misfiel ihm,
weil es System war.
Bei Buhle hatte Tieck die Freude, den geliebten Matthisson persönlich
kennen zu lernen. Dieser war kürzlich aus Frankreich zurückgekehrt,
und hielt sich einige Zeit in Göttingen auf. Philosoph und Dichter
standen im Verhältnisse gegenseitiger Bewunderung. Jener hatte die
Gedichte dieses, so behauptete er, auf seinem Arbeitstische stets
aufgeschlagen vor sich, und ward nicht müde, zu versichern, daß er
Matthisson für den ersten Dichter halte. Der Dichter war höflich
genug, die Gegenversicherung zu geben, nur Buhle’s Philosophie könne
er verständlich finden. Als Tieck dem Dichter voll Bewegung erzählte,
er habe seine Mutter in Coswig kennen gelernt, wie rührend ihm
der Ausdruck ihrer Liebe zu dem berühmten Sohne gewesen sei, nahm
Matthisson das ziemlich kalt und gleichgültig hin, und der gefühlvolle
und empfindsame Dichter erschien ihm in diesem Augenblicke herzlos, ja
beinahe roh.
Lichtenberg’s beißender Spott und sein dennoch leichter und gefälliger
Umgangston waren für ihn sehr anziehend. Sie machten ihn kühn
genug, offen heraus zu sagen, wie wenig er von Hogarth und dessen
Charakterbildern halte, deren Erklärungen Lichtenberg schon seit
längerer Zeit alljährlich in dem „Göttingenschen Taschenkalender“ zu
geben pflegte. Für Tieck’s eben erwachenden Kunstsinn waren diese
Bilder abstoßend und grauenhaft. Lichtenberg mochte auf die kühne
Kritik des jungen Studenten nicht viel geben; er begnügte sich mit der
Gegenbemerkung, daß er die Sache anders ansehe.
Bürger, der gefeierte, volksthümliche Dichter, war kaum noch ein
Schattenbild dessen, was er einst gewesen. An Geist und Körper durch
Kummer und Leiden aller Art abgemattet und erschöpft, siechte er einem
frühen Tode entgegen. Immer noch hatte sein Name neben dem Goethe’s und
Schiller’s einen guten Klang. Wie hätte man seine „Lenore“ vergessen
können? Noch kamen manche Studenten nach Göttingen, um den berühmten
Dichter zu sehen, der als Lehrer wenig wirkte und wirken konnte.
Der Katheder war nicht für den leidenschaftlichen Mann, und die
strenggeregelte Thätigkeit, die er mit Mühe seinem Genius abgewann,
konnte ihn nicht einmal von den drückendsten Nahrungssorgen befreien.
Dazu nagte der verzehrende Gram häuslichen Elends am letzten Reste
seiner Lebenskraft.
Als Tieck ihn kennen lernte, hatte er sich vor einiger Zeit von seiner
dritten Frau getrennt. Er war hager, bleich, zusammengefallen, der
Kummer sprach aus seinen Zügen. Die Stimme hatte den Klang verloren, er
konnte nicht mehr auslauten und sich nur mit Anstrengung verständlich
machen; und doch sollte und mußte er sprechen. Hin und wieder pflegte
er auszureiten. Es hatte etwas Gespenstisches, den bleichen Mann zu
sehen, wenn er auf seinem steifen, magern Schimmel durch die Straßen
von Göttingen trabte. Man mochte dabei an den Todtenritt denken,
von dem er so ergreifend gedichtet hatte. Hin und wieder fiel ein
Sonnenstrahl in sein umdüstertes Gemüth, wenn es gelang, ihn wider
seinen Willen in den alten Kreis guter Freunde hineinzuziehen, den er
jetzt, wie allen Umgang mit Menschen, fast ängstlich vermied. Hier
hatte auch Tieck Zutritt gewonnen. In günstigen Augenblicken konnte
dann Bürger ungezwungen, theilnehmend, ja heiter erscheinen. Er hatte
etwas gemüthlich Liebenswürdiges, Kindliches. Die Formen, in denen
er sich am liebsten bewegte, waren rücksichtlos und gewöhnlich. Es
lag in ihnen eine derbe Einfachheit; ein Mann der feinen Welt war er
nicht. Eine zusammenhängende, scharfe Durchführung eines Gedankens
war auch nicht seine Sache. Selten gingen seine Urtheile über Poesie
und Literatur von höheren Gesichtspunkten aus; sie waren meistens
hausbacken. Doch liebte ihn Tieck darum nicht weniger. Ihn gewann die
Treuherzigkeit und Aufrichtigkeit, die aus seinem Wesen sprach.
Auch Bürger’s Arzt und spätern Lebensbeschreiber, den Professor
Althoff, lernte er in diesen Kreisen kennen, einen gebildeten und
liebenswürdigen Mann, der ihm selbst in viel späterer Zeit in Dresden
als Freund und ärztlicher Rathgeber zur Seite stehen sollte.
An Verkehr mit Studenten fehlte es ebenso wenig. Seiner eigenen
feinen Bildung sagte ihr geselliges Leben bei weitem mehr zu, als der
hallesche Burschencomment. Es war mehr wissenschaftliches Leben und
Eifer für allgemeine Durchbildung, der gelehrte Handwerkssinn trat
minder unangenehm hervor. Bald wurde eine literarische Gesellschaft
gestiftet, an der außer Tieck und Burgsdorff eine Anzahl anderer
Studenten Theil nahmen. Man las Abhandlungen, ästhetisirte, stritt und
übte die jugendliche Kraft an Allem, was vorkam.
Nicht nur Menschen, auch Bücher lernte er kennen, und das war ihm
mindestens ebenso viel werth. Die Bibliothek öffnete sich ihm und ward
sein Lieblingsaufenthalt. Mit Vergnügen hatte der gelehrte Bibliothekar
Schönemann seinen literarischen Eifer bemerkt. Freundlich beantwortete
er seine vielfältigen Fragen, unterstützte seine beginnenden Studien,
und gab ihm endlich die Erlaubniß, die Büchersäle selbst zu betreten,
und die Gebiete der Gelehrsamkeit nach Herzenslust zu durchstreifen,
und sich in ihnen zu verirren.
Besonders zog ihn die englische Literatur an, für deren Kenntniß er
die trefflichsten Hülfsmittel fand. In ihr war das ältere Drama der
Mittelpunkt seiner Studien, und als letztes, höchstes Ziel stand
Shakspeare da. Ihn zu erforschen, ganz zu kennen, in den Dichter aller
Dichter sich zu versenken, war der Arbeit eines Lebens werth. Hier
verband sich die innerste Neigung mit den gelehrten Studien; auf diesem
Felde, das fühlte er, konnte er mit ungetheilter Kraft arbeiten. Schon
war er der allgemeinen Entwickelung um einen Schritt voraus, denn
jetzt erst begann man in Deutschland Shakspeare’s Größe zu ahnen, die
für ihn hell und klar leuchtete, wie die Sonne am Himmel. Wollte er
seinen Dichter erkennen, so mußte er in der Geschichte der Zeit und der
gleichzeitigen Literatur heimisch werden. Vor Andern war Ben Jonson
merkwürdig wegen seines vollendeten Gegensatzes gegen Shakspeare. Ben
Jonson hatte nichts von Allem, was diesen groß machte, und dennoch
waren seine Dichtungen sehr achtungswerth. Vornehmlich erregte der
„Volpone“ seine Aufmerksamkeit, den er noch in Göttingen unter dem
Titel „Die Fuchsprelle“ übersetzte. Auf manchen andern bedeutenden
Stoff sah er sich hingewiesen. Durch Webster’s Drama lernte er die
Geschichte der Vittoria Accorombona kennen, und faßte den Gedanken, sie
dichterisch zu bearbeiten.
In das Spanische führte ihn Tychsen ein, der eine Vorlesung über
diese in Deutschland wenig gekannte Literatur hielt. Außer ihm und
Burgsdorff, der durch ihn bestimmt worden war, fanden sich dazu nur
wenig lernbegierige Jünger. Tieck selbst wollte den Cervantes, den
„Don Quixote“ in der Ursprache lesen. Sobald es seine Kräfte irgend
erlaubten, machte er sich an diesen, und lange Zeit war er sein
täglicher Begleiter.
Eine mehr nach außen gewandte, geordnete Thätigkeit dieser Art mußte
läuternd und regelnd auf sein Inneres und seine dichterischen
Versuche zurückwirken. In Halle hatte er noch unter Rambach’s Einfluß
gestanden, und auf dessen Betrieb Manches zu bearbeiten unternommen.
Sogar den knabenhaften Plan, eine Tragödie „Anna Boleyn“ im Verein mit
seinem Freunde Piesker zu schreiben, hatte er wieder hervorgesucht.
Unleugbar hatte er seitdem an Durchbildung, an innerer Freiheit und
Selbständigkeit, an Gleichgewicht der Kräfte gewonnen. Jene dämonischen
Anwandlungen, wie er sie in Halle gehabt, kamen seltener und in
minderer Stärke. Verstummten gleich die Zweifel und das Entsetzen, das
sie mit sich führten, keineswegs ganz, so war er doch seiner Phantasien
und schmerzlichen Bewegungen so weit Herr geworden, um auf einzelne
Punkte derselben ruhigen Auges zurückblicken und ihre Darstellung
versuchen zu können.
Zum „Abdallah“ war er schon in Halle zurückgekehrt. Manches, was er
dort erlebte, wirkte darauf ein. Die materialistische Philosophie des
Genusses und der Sinnlichkeit, in der sich jener Wiesel gefiel, dessen
frecher Hohn hatten einen so grauenvollen Eindruck zurückgelassen,
daß es nicht zu verwundern war, wenn einzelne Anklänge in Omar’s
teuflischer Weisheit wiederkehrten, mit der er das jugendlich
unbefangene Opfer, welches er der Hölle bringen will, umgarnt.
Im Spätherbst 1792 nahm er die Bearbeitung wieder auf. Das Ganze
gestaltete sich jetzt anders; nun wollte er es zu Ende bringen. Es
war kurz vor Weihnachten, als er seine grausige Erzählung schloß.
Er hatte die Nacht hindurch gearbeitet, und das letzte Capitel, in
dem alles früher geahnte Entsetzen zu gräßlicher Erfüllung kommt,
vollendet. In steigender Erregung hatte er geschrieben. Als er die
Feder niederlegte, dämmerte der Tag. Er trat an das Fenster. Ein Streif
hellen, winterlichen Morgenlichtes leuchtete über die niedrigen Dächer
herüber. Langsam und schläfrig begann sich das Alltagsleben auf der
Straße zu regen. Bewegt blickte er in den Morgen hinaus. Dennoch
fühlte er sich still und beruhigt, ja friedlich. Eine schwere Last
war von seinem Herzen genommen. Im „Abdallah“ hatte er ausgesprochen,
was ihn ängstigte. Nirgends vielleicht haben Schiller’s „Räuber“
einen furchtbareren Nachklang gefunden, als in dieser Dichtung. Mit
dem schreiendsten Mislaute schloß sie ab. Die höllische Lügenkunst
hatte gesiegt, mit furchtbarem Hohne wird jede bessere Kraft zu Boden
getreten; der Mensch scheint nur geboren, um das Opfer dunkler Gewalten
zu werden.
Aber in diesem Nachtstücke schienen sich nur die schwersten
Wetterwolken entladen zu haben. Noch grollte der Donner in der Ferne.
Kaum war der „Abdallah“ abgeschlossen, als die ersten Gestalten des
„Lovell“, welche ihm schon länger ungewiß vor der Seele schwebten, sich
festzustellen anfingen.
Nebenher waren einige minder bedeutende Kleinigkeiten entstanden. Auf
Bernhardi’s Verlangen schrieb er ein Trauerspiel in zwei Acten „Der
Abschied“ in kürzester Zeit nieder. Mit den geringsten Mitteln sollte
eine tragische Wirkung erreicht werden. Im Kreise der berliner Freunde
wollte man das Stück darstellen, und mit Selbstverleugnung ließ er es
geschehen, daß Bernhardi es für sein Werk ausgab. Minder glimpflich
nahmen die berliner Kritiker, Tieck’s Schwester und Wackenroder,
eine kleine Erzählung auf, in welcher er den Sagenton Veit Weber’s
anstimmte, „Das grüne Band“, oder wie es zuerst hieß „Adalbert und
Emma“, eine leicht hingeworfene Arbeit. Dagegen hatten sie sich mit dem
ersten Theile des „Abdallah“, den er ihnen zu Anfang des Jahres 1793
zusandte, einverstanden erklärt.
3. Erlangen. Abenteuer.
Ostern des Jahres 1793 war herangekommen. Es eröffnete für Tieck
einen hellen Blick in die Zukunft. Das war nach manchen Entsagungen
die Aussicht auf den lebensfrischen Genuß eines Sommers im Wald und
Gebirge, in Natur und Kunst, an der Seite des Freundes, dem sein ganzes
Herz gehörte. Wie oft hatte er seinen Wackenroder herbeigewünscht, um
alle Zweifel und düstere Gedanken in seine treue Brust ausschütten
zu können, neue Anschauungen und Entdeckungen unmittelbar mit ihm
zu theilen. Ihr fortgesetzter Briefwechsel war für das Alles nur
ein geringer Ersatz gewesen. Jetzt endlich sollte er den Freund zur
Fortsetzung seiner Studien nach Erlangen begleiten.
Schon lange vorher hatten sie diesen herrlichen Plan in ihren Briefen
ausführlich besprochen, und in jugendlicher Ueberschwänglichkeit mit
der Hoffnung einen Theil der Wonne vorweggenommen. Das Leben, welches
sie in Berlin miteinander geführt hatten, sollte nicht nur fortgesetzt,
es sollte ein innigeres, und doch freieres, weiteres werden. Hier
sollte endlich alles Große und Schöne in Erfüllung gehen, wovon sie
in den Augenblicken kühnster Begeisterung geträumt hatten. Jetzt erst
sollten sich die Schranken des Lebens öffnen.
Besonders Wackenroder seufzte nach dieser schönen Zeit; sie schien
alles Glück, alle Freiheit einzuschließen. Noch immer hatte der
sorgsame und strenge Vater an ihm gebildet und erzogen; vielleicht nur
zu viel. In der Sorge für den einzigen Sohn konnte er sich nicht genug
thun; sie ging am Ende in einen geistigen Druck über, der diesem die
Freiheit eigener Bewegung raubte und ihn noch mehr einschüchterte.
Nicht ohne den geheimen Wunsch der Selbständigkeit hatte Wackenroder
es bisher getragen; umsomehr, da der Vater in der Strenge seiner
Anforderungen schwer zufriedenzustellen war, und Alles auf seine Weise
aufgefaßt wissen wollte. Ein volles Jahr später als Tieck beendete
er seine Vorbereitung. Nun erst meinte der Vater ihn freigeben zu
können, nun erst habe der Sohn die erforderliche Reife erlangt, um die
Universität beziehen zu können. Nach Erlangen sollte er gehen, der
neuerworbenen Landesuniversität, die mit den fränkischen Fürstenthümern
an Preußen gefallen war, und sich dem Studium der Rechte widmen.
Als Sitz der Studien wollte Erlangen nicht viel bedeuten, doch wünschte
es die neue Regierung zu heben. Unter den ältern Professoren waren
Harleß und Meusel die namhaftesten, jener für Philologie, dieser für
Geschichte und Literaturgeschichte. Für Aesthetik hatte Hardenberg, der
Statthalter der neuen Provinzen, seinen ehemaligen Hofmeister Mehmel
angestellt. Tieck konnte daher kaum in Versuchung kommen, das reiche
Göttingen mit dem ärmlichen Erlangen zu vertauschen. Aber es lockte ihn
die Natur des fränkischen Landes, der Name jener alten, ehrwürdigen
Stätten deutscher Kunst und Art. Eine Fülle des Lebens versprach sich
hier dem Norddeutschen zu eröffnen, der an eine karge und eintönige
Natur, an das künstlich gemachte Wesen einer neuen, durchsichtigen und
aufgeklärten Stadt gewöhnt war, und doch innerlich nach Natur und Kunst
dürstete.
Zunächst wandte er sich nach Berlin, um den Freund zur frohen Fahrt
abzuholen. Zum zweiten Male seit der ersten Trennung sah er die Seinen
wieder. Vielleicht hatte Niemand seine Abwesenheit schmerzlicher
empfunden, als seine Schwester. Der geistige Verkehr mit dem geliebten
Bruder war ihr zum unentbehrlichen Bedürfniß geworden. Er hatte ihren
Geist geweckt, durch Rath und Beispiel ihre Bildung geleitet, ihren
Blick für Poesie und Literatur erschlossen. Manche Genüsse hatten
sie in der Beschränkung ihres Lebens neben den Schmerzen desselben
miteinander getheilt. Rasch, kühn, nicht ohne Eigenthümlichkeit war
sie auf die Lehren des Bruders eingegangen. Schon übte sie nicht nur
eine scharfe Kritik aus, die sich auch gegen ihn und seine Dichtungen
wandte, sie fing selbst an zu dichten. Sie war über die Schranken der
Bildung hinausgegangen, die ihr das väterliche Haus setzte. Sie fühlte
sich gehemmt, beengt, und hatte mit der ganzen Kraft eines glühenden
und liebebedürftigen Herzens den Bruder umfaßt, der ihr Alles ersetzen
sollte, was ihr in diesem engen Kreise fehlte. Er war ihr Eins und
Alles, mit Eifersucht hätte sie ihn für sich allein bewahren mögen.
Sie lebte wieder auf, als sie jetzt in alter Weise einige Zeit mit ihm
zusammen sein konnte.
Endlich brachen die Freunde von Berlin auf. Wackenroder, der Sohn
des wohlhabenden und angesehenen Bürgermeisters, wohlausgerüstet mit
allen Reisemitteln, und trefflichen Empfehlungen an gelehrte und
ungelehrte Autoritäten des obern Deutschland. Minder günstig war Tieck
versorgt, aber er durfte sich unter allen Umständen auf sich und seine
Kraft, schnell und glücklich zu arbeiten, verlassen. Drakendorf bei
Jena, wo der junge Prediger Schuderoff lebte, ein vertrauter Freund
der Wackenroder’schen Familie, war das nächste Ziel. In ihm lernte
Tieck einen eifrigen Kantianer kennen, und was ihm lieber war, einen
freundlichen Mann, der sich bemühte, den Reisegefährten den Aufenthalt
so angenehm als möglich zu machen. Dann ging es nach Jena. Hier wurde
Schiller aufgesucht. Die Freunde waren in hohem Grade bestürzt, als sie
ihn nicht fanden, und keine Zeit hatten, ihren Besuch zu wiederholen.
Eine Entschädigung war es, daß sie die Bekanntschaft von Reinhold
machten. Dann reisten sie nach Weimar und Erfurt, wo sie das erste
Kloster betraten. Ueber Gotha und Koburg erreichten sie Erlangen.
Das Städtchen machte einen freundlichen Eindruck, und bald hatten sie
sich in den vorsorglich von Berlin aus gemietheten Zimmern häuslich
eingerichtet. Bei Harleß und Meusel fanden sie die beste Aufnahme.
Die beiden gelehrten alten Herren suchten den jungen Aesthetikern
gegenüber den tiefsten Ton der Leutseligkeit anzuschlagen. Man bat um
ihren Besuch, machte einen Spaziergang mit ihnen, ließ sich über dies
und jenes in ein Gespräch ein, und suchte ihnen in gelehrten Dingen
gelegentlich auf den Zahn zu fühlen.
Harleß war ein freundlicher alter Herr, der trocken und
zusammengeschrumpft, voll steifer Würde, in seinem gelben Sommerrock
mit geblümtem Muster eine eigenthümliche Figur spielte. In
seinen Vorlesungen wie im gewöhnlichen Leben war er der gelehrte
Originalmann der ältern Zeit, dessen Worte und Bewegungen den Stempel
wissenschaftlicher Hoheit an sich trugen. Eine Einführung in den Geist
der alten Poesie vermochte auch dieser Philolog nicht zu gewähren,
weder in seinen Collegien noch in dem Seminar, wo er griechische
Dichter erklären ließ. Vielmehr kamen Dinge vor, die den Geschmack
des Professors zweifelhaft erscheinen ließen. In einer Schilderung
des Thales Tempe, die man las, war von den summenden Bienen das Wort
συρίζειν gebraucht. Harleß legte darauf besondern Nachdruck; hier könne
man zeigen, ob man treffend zu übersetzen verstehe. Die Studenten
thaten ihr Bestes, und schlugen diesen und jenen Ausdruck vor. Der
Eine meinte Summen. „Ei bewahre, das ist nichts!“ schnarrte ihn der
Professor mit hartem fränkischem Accent an. Ein Anderer glaubte es
mit Brummen, ein Dritter mit Säuseln zu treffen. „Warum nicht gar!
Noch viel weniger!“ rief Harleß. Da der Vorrath endlich erschöpft
war, begann er: „Ich begreife nicht, wie Ihnen das rechte Wort
entgehen kann; es liegt ja so nahe! Hat denn Keiner von Ihnen an unser
treffliches Schnürfeln gedacht?“