der dort ebenfalls seine Studien beginnen wollte. In Belzig, wo der
Vater desselben als begüterter Bauer wohnte, verlebten sie einige
Tage ländlicher Idyllen. Dann gingen sie nach Coswig, wohin sie an
den Amtmann Caletzki empfohlen worden waren. Dieser war ein braver,
einfacher, wohldenkender Mann, der die jungen Studenten auf das
gastlichste empfing. Als er hörte, sie seien auf dem Wege nach Halle,
hielt er es für Pflicht, sie eindringlich zu ermahnen. Er zitterte für
ihr Seelenheil, wenn er daran dachte, daß sie in die Hände Bahrdt’s
gerathen, und zu Anhängern seiner gottlosen Lehren werden könnten. Er
schloß sich mit den beiden fahrenden Schülern in ein abgelegenes Zimmer
ein, und beschwur sie unter Thränen, auf ihrer Hut zu sein vor den
Netzen der Verführer und falschen Propheten. Er endete seine Ermahnung
mit einem Gebete voll Eifer und Salbung.
Auf Tieck machte diese wohlgemeinte Warnung einen rührenden und doch
komischen Eindruck. Für ihn hätte es ihrer nicht bedurft, denn er
wußte von Bahrdt’s bisheriger Laufbahn genug, um ihn zu verachten.
Die plumpe Gemeinheit, mit welcher er in seinen letzten Schriften
aufgetreten war, hatte ihm moralischen Ekel erregt. Das Böse konnte
keine abschreckendere Gestalt annehmen, als diese der schmuzigen
Roheit. Auch war Bahrdt selbst in den letzten Abschnitten seiner
Irrfahrten. Er hauste auf seinem Weinberge bei Halle, wo auch Tieck
den kaffeeschenkenden Professor später aus Neugier besuchte. Die ganze
Erscheinung desselben bestärkte ihn im Widerwillen. Er hörte seine
platten Prahlereien an, konnte sich aber nicht entschließen, mit ihm
auch nur ein Wort zu wechseln.
Ein viel wichtigeres Ereigniß war es für ihn, in Coswig die Mutter
Matthisson’s kennen zu lernen. Wer las und feierte nicht Matthisson,
den zarten und gefühlvollen Dichter der Natur? Auch er war seiner
Bewunderung voll; nun konnte er aus dem zuverlässigsten Munde hören,
wie jener sich gebildet, wie er geworden, was er war. Die gesprächige
alte Frau wurde nicht müde, allen Fragen Rede zu stehen. Stunden lang
konnte sie von ihrem Sohne erzählen, von seiner Kindheit, seinen
Gedichten, seiner Schwermuth. Weinend bat sie Tieck, er möge sich doch
ja bewaffnen, daß er nicht in eine ähnliche Melancholie verfalle,
offenbar habe er mit ihrem Sohne eine große Aehnlichkeit. Eine solche
Anerkennung hatte er nicht erwartet, er war dadurch ebenso gerührt als
gehoben. Einen Schattenriß Matthisson’s, den er geschenkt erhielt,
hütete er so lange als einen theuern Schatz, bis er Gelegenheit hatte,
ihn mit dem Original zu vergleichen und zu erkennen, daß dieses hinter
dem Bilde, welches er sich gemacht hatte, zurückbleibe.
So traf Tieck mit einem doppelten Segen in Halle ein. Ueblicherweise
ließ er sich in die theologische Facultät einschreiben, obgleich ihm
die Theologie selbst sehr fern lag. Fürs erste wollte er Literatur und
Alterthumswissenschaften studiren. Sobald er mit den Persönlichkeiten
und Wirkungskreisen der Professoren vertrauter geworden war, fühlte
er, nur F. A. Wolf mit seiner lebensvollen Auffassung der alten Welt
habe für ihn Bedeutung und Anziehungskraft. Hier fand er, was er schon
auf der Schule als wahre Bildung erkannt hatte. Wolf’s Ansichten über
das Alterthum waren sein innerstes Eigenthum, er hatte es in sich
durchlebt, und darum wirkte er auf das Leben.
Auch mit der Philosophie konnte sich Tieck nicht befreunden. Voll
Gefühl und Leidenschaft, überwiegend in der Welt der Phantasie lebend,
und einem geheimen Zuge zum Unerklärlichen, Mystischen folgend, war
ihm das strenge Urtheilen und Abschließen, das weitläufige Deduciren,
die zuversichtliche Systematik gleich sehr zuwider. Nichts hatte ihn
tiefer erschüttert, als jene Lebensfragen, welche die Philosophie
behandelte, aber er fühlte, diese Weise sei geeignet, ihm den
Gegenstand zu verleiden. Was die eifrigen Jünger der Wissenschaft
als tiefen Aufschluß und Erklärung räthselvoller Fragen verkündeten,
schien ihm höchstens nur eine andere Art sie auszusprechen, ohne sie
dadurch der Lösung näherzubringen. Diese Lehrbegriffe waren ihm nur
eine Beschränkung der Freiheit, ein Gefangennehmen des eigenen Denkens
und Seins unter ein fremdes Gesetz. Es wurde bei ihm Ueberzeugung, wer
sich der Dichtung, der Kunst mit ganzer Seele ergeben habe, müsse auch
in ihren Offenbarungen die vollste Befriedigung finden, und könne dann
der philosophischen Hülfen und Stützen gar wohl entbehren.
Schon in Berlin waren ihm Reichardt’s Versuche, die Musik mit dem
Studium der Philosophie zu verbinden, bedenklich erschienen. „Welch
ein großer Mann ist Kant!“ hatte dieser einst in seiner Gegenwart
ausgerufen; „es gibt keinen Gegenstand, über den er uns in seinen
Schriften nicht den Kopf zurechtsetzte!“ Tieck hatte dagegen
eingewandt, ein Musiker, der von seiner Kunst ganz erfüllt sei, müsse
an ihr vollständig genug haben, er werde die Zurechtweisungen der
Philosophie weder vermissen noch aufsuchen.
Auch wollten ihm die Männer vom Fach, die Kantianer in Halle, gar
nicht behagen. Ein philosophisches Collegium, welches er in der
frühesten Morgenstunde bei Jacob zu hören anfing, ließ er bald
im Stiche. Das Opfer an Schlaf, welches er bringen mußte, die
Unbequemlichkeit, in aller Frühe mit einem wohlgewickelten Zopf in
dem Philosophicum erscheinen zu müssen, wurde nicht aufgewogen durch
den Gewinn, der ihm hier an Erkenntniß und Lebensweisheit versprochen
wurde. Seine Genossen, die fast alle Kantisch philosophirten, fanden
die Hartnäckigkeit, mit welcher er sich diesen Lehren verschloß,
unverzeihlich, und ließen es an manchen Angriffen und Verspottungen
nicht fehlen. Auch mit Eberhard, dem Apologeten des Sokrates, war
er abgefunden, als er ihn in der Aesthetik auseinandersetzen hörte,
Engel’s „Eid und Pflicht“ sei das vollendetste neue Drama, weil darin
die drei Einheiten auf das genaueste beobachtet seien. Noch weniger
zog ihn Knapp’s Exegese an; und so blieben denn schließlich Wolf’s
Vorlesungen über die römischen Antiquitäten allein übrig, die einigen
Ersatz gewährten.
In Reichardt’s gastfreiem Hause erhielt er Gelegenheit, in das Innere
der gelehrten Welt Halles zu blicken. Wie in Berlin war es auch hier
ein geistiger Mittelpunkt geworden. Er lernte die berühmtesten der
Professoren kennen, und mancher von ihnen zeigte sich hier, wo er
sich ungezwungen gehen lassen konnte, anziehender oder mindestens
eigenthümlicher, als wenn er auf dem Lehrstuhle saß. Jedoch traten auch
Härten, Eifersüchteleien und Feindschaften unverhohlener hervor, die
dem angehenden Studenten diese ersten Größen der Wissenschaft bisweilen
in zweifelhaftem Lichte erscheinen ließen. Namentlich sah er Reinhold
Forster, Niemeyer und Matthias Sprengel.
Die beiden Letzten lebten fortwährend in offener Fehde, und gaben durch
den Widerwillen, welchen sie bei jeder Gelegenheit laut gegeneinander
aussprachen, zu manchen komischen Vorfällen Veranlassung. Niemeyer war
würdig, gemessen und salbungsvoll, nicht ohne Süßlichkeit; stets wollte
er der durchgebildete, der feine und humane Mann sein. Sprengel dagegen
war kurz und sonderbar, schneidend, voll Spott, und häufig durchfahrend
grob. Niemeyer’s wohlrednerischer Ton war ihm geradezu verhaßt. Einst
war in einer Professorengesellschaft bei Reichardt von den Romanen des
angeblichen Marquis Große die Rede, der behauptet hatte, in Spanien
gebe es keine Windmühlen. Scherzend meinte Jemand, es scheine dem Don
Quixote gelungen zu sein, sie auszurotten, als Sprengel dazwischenfuhr:
„Es ist elendes, dummes Zeug!“ Niemeyer, dessen Humanität solche
scharfe Urtheile nicht vertragen konnte, entgegnete einlenkend: „Aber,
Herr College, sollte denn nicht etwas Gutes daran sein können?“
„Bewahre! Nichts, gar nichts, sage ich!“ schrie jener; „wenn Sie sich
ein Jahr lang Mühe geben, können Sie auch dergleichen dummes Zeug
schreiben!“
Ein anderes Mal traf Tieck mit den beiden Streitern in einer
Tischgesellschaft zusammen. Sprengel nahm sogleich seinen Platz
zwischen ihm und einem andern jungen Manne ein. Dieser, durch solchen
Vorzug geschmeichelt, konnte als Mann von Welt einige höfliche Worte
über die Ehre nicht unterdrücken, welche ihm widerfahre, neben einem
so berühmten Gelehrten zu sitzen. „Ach was! dummes Zeug!“ unterbrach
ihn Sprengel, „ist mir ganz gleich, neben welchem Narren ich sitze,
wenn ich nur nicht neben dem Racker da sitzen soll!“ Bei diesen Worten
zeigte er auf Niemeyer, der am andern Ende des Tisches seinen Platz
hatte.
Auch war Tieck Zeuge jener bekannten Geschichte, die zwischen Sprengel
und Ebert vorfiel. Dieser bewunderte Sprengel’s umfassende Belesenheit.
„Wie Vieles müssen Sie nicht für Ihre gelehrten Werke lesen!“ sagte er.
„Man gewinnt Methode!“ antwortete Sprengel. „Wenn ich z. B. ein Journal
vor mir habe, so lese ich was mich interessirt. Kommt etwa mal eine
Ode von Klopstock dazwischen, werden einige Seiten überschlagen. Fort
mit dem Racker, heißt es da!“ Ebert erstarb vor Entsetzen das Wort im
Munde. Endlich stammelte er zwischen Zorn und angeborener Höflichkeit
schwankend: „Ach, Sie liebenswürdiger Barbar!“
Weder die Entdeckungen, welche Tieck in der gelehrten Welt machte,
noch seine Erfahrungen in den geselligen Kreisen, waren geeignet ihn
zu befriedigen. Auch Reichardt’s Haus wollte nicht ganz das wieder
werden, was es ihm in Berlin gewesen war. Hatte sich doch so Manches
seit jener Zeit geändert! Er fand in Halle Gelehrsamkeit, Reichthum
an Kenntnissen, Lehrsätze und auch Wichtigthuerei. Vieles hörte er,
was er in Gedike’s Schule bereits für immer abgethan zu haben meinte;
aber vergebens suchte er nach dem, was seinem Herzen Befriedigung
gegeben hätte. Abermals begann er mitten in dieser selbstzufriedenen
und behaglichen Welt der Meister und Jünger der Wissenschaft sich
unendlich einsam zu fühlen.
Zwar fand er unter den Studiengenossen einen alten Bekannten, selbst
einen Freund wieder, aber keinen, der seinem Herzen so nahe gestanden
hätte wie Wackenroder, nach dessen Anblick und Rede ihn oft eine heiße
Sehnsucht ergriff. Es gab keinen, dem er sich so rücksichtlos hätte
hingeben können, der ihn so ganz verstanden hätte. Ein zweideutiger
Charakter, wie sein Stubengefährte Schmohl, hatte von dem, was sein
Herz bewegte, keine Ahnung, und war offenbar unzuverlässig. Ein älterer
Genosse, mit dem das frühere, freundschaftliche Verhältniß wieder
angeknüpft wurde, war Wilhelm von Burgsdorff, der seit einem Jahre in
Halle studirte. Soviel Anlagen, gewinnende Frische und Gutmüthigkeit
dieser auch besaß, so traten doch manche Gegensätze hervor. Im
geselligen Verkehr wie in wissenschaftlichen Fragen schlug er gern
einen hohen und vornehmen Ton an, und reizte dadurch seine Freunde, die
nur zu gut wußten, wie es im Grunde mit ihm stehe. Er hatte sich einem
wilden Studentenleben ergeben, in dem er Genialität und den Ausdruck
innerer Kraft sah, und gerieth in Verbindungen, in welche Tieck ihm
nicht folgen mochte.
Schon früher hatte Burgsdorff eine Vorschule in diesem Sinne
durchgemacht. Er war als Schüler in Berlin sich selbst überlassen
gewesen, und in schlimme Hände gerathen. Ein älterer Gefährte, Namens
Wiesel, der auf den ersten Blick anziehend und gewinnend erschien,
hatte sich ihm angeschlossen. Mit Leichtigkeit bewegte sich dieser
in den verschiedensten Lebensformen, er war heiter, entgegenkommend,
witzig und sicher überall Beifall und Anhänger zu finden. Hinter dieser
gefälligen Außenseite lauerte Herzlosigkeit, kalte Berechnung und ein
schneidender Hohn, mit welchem sich in wahrhaft Mephistophelischer
Weise eine sinnlich verzehrende Glut verband. Er war ein jugendlicher
Anhänger jener sinnlichen Starkgeisterei, welche in der Literatur in
Heinse und Goltz ihre Vertreter fand.
Dieses Treiben ward um so widerlicher, als Wiesel daraus eine Art
von dämonischer Philosophie der Sinnlichkeit entwickelte, die von
beschränkten Genossen als Tiefsinn angestaunt wurde. Zuweilen ließ
er sich in orakelhaftem Tone vernehmen, welcher tiefe Sinn in diesen
Orgien sei, in der sinnlichen Hingebung sollte die Offenbarung einer
göttlichen Kraft liegen. Seiner falschen Weisheit gelang es, sie mit
dem Schimmer einer mystischen Geheimlehre zu umgeben, die schwache
Köpfe vollends in Verwirrung brachte. Hatten sich dann die Jünger im
sinnlichen Taumel vollständig selbst verloren, so rüttelte der Meister
sie schonungslos auf, und konnte ihnen mit schneidendem Spott ihre
Schwäche und den Mangel an Selbstbeherrschung vorrücken. Wer dagegen
bedenklich ward, dem schloß er den Mund mit bitterm Hohn über solche
Engherzigkeit; nichts pflegte er mit seinen geifernden Reden zu
verschonen.
Für Tieck hatte Wiesel’s Erscheinung etwas Feindseliges,
Abschreckendes, ja Grausenhaftes; nicht ohne Schauder verweilte er
in seiner Nähe. Ja vielleicht war dieser der Einzige, auf den er
einen wahrhaften Haß geworfen hatte. Dennoch versuchte er es, diese
Gesellschaft für höhere Dinge zu gewinnen, und hatte die Gutmüthigkeit,
ihnen die Größe Shakspeare’s anzupreisen, ja fühlbar machen zu wollen.
Er wagte es eines Abends, den „Sturm“ vorzulesen, und da das bunte
Zauberspiel Beifall gefunden hatte, ließ er, dadurch ermuthigt, den
„Sommernachtstraum“ folgen. Doch das war zu viel. Kaum hatte er die
ersten Scenen gelesen, als man ihn dringend bat aufzuhören, das
sei nicht zu ertragen. Wiesel meinte, er begreife nicht, wie ein
vernünftiger Mensch, wie Tieck doch sonst sei, an diesen abgeschmackten
Possen Gefallen finden könne. Seit dieser Erfahrung gab er dergleichen
Bekehrungsversuche auf.
Außer Burgsdorff fand er auch seinen alten Schulgefährten Bothe in
Halle wieder, dessen Starrsinn ihn früher so viel Thränen gekostet
hatte. Aber nach jenen ersten schmerzlichen Erfahrungen erschien er
ihm auch jetzt kalt und steif, und ein freundschaftlicher Verkehr ließ
sich auch hier nicht erwarten. Es ward ihm klar, er werde wiederum
seines Wegs allein gehen müssen, mochte er immerhin den Altverständigen
für einen Träumer und Sonderling gelten, und mochten die Klugen
selbstgefällig über ihn die Köpfe schütteln.
In dieser Vereinsamung kehrte er zur Natur zurück, die ja in den
schwersten Augenblicken ihre heilende Kraft an ihm bewährt hatte. Ganz
anders, voller, freundlicher trat sie ihm in dem grünen Saalethale
entgegen, als in den flachen Haiden um Berlin. Mit doppelter
Gewalt ergriff ihn jenes Gefühl unendlicher Sehnsucht, das bis zur
schmerzlichsten Erregung sein Herz erfüllte, wenn er im Frühlinge
durch den Wald streifte. Dann kehrte ihm jene Naturtrunkenheit wieder,
eine geheimnißvolle Macht schien ihn vorwärtszutreiben. Nirgends
weilte er lieber als auf der sogenannten Höltybank in der Nähe des
Giebichensteins. Hier überblickte er Fluß und Thal. Wie oft sah er
die Sonne hinter den Abendwolken versinken, den Mond in tausend
goldenen Strahlen in den sanft bewegten Wellen sich widerspiegeln oder
träumerisch durch Busch und Zweige blicken! Hier hatte er in verzückter
Selbstvergessenheit in mancher Sommernacht gesessen und Natur getrunken
in vollen Zügen. Er hörte es nicht, wie die Glocken der Stadt eine
Stunde nach der andern anschlugen, er sah nicht, wie Alles um ihn her
in tiefere Nacht versank. Endlich erhob er sich, durch dunkle Büsche,
an einsamen Häusern vorüberstreifend, überließ er es dem Zufall,
welcher Weg ihn nach der Stadt führen werde. Sah er ein Licht durch die
Nacht blitzen, hallte der Laut einer menschlichen Stimme aus der Ferne
zu ihm herüber, so erregte es wunderbar sein Gefühl. Wie fern, wie
räthselhaft, wie unverstanden lag die Welt vor ihm, wie einsam fühlte
er sich in ihr, und doch wieder wie nah und verwandt! Ihre Leiden und
Freuden, waren sie nicht auch die seinen?
Die Gefährten wollten diese nächtlichen Fahrten, auf denen er bisweilen
Einen und den Andern durch Naß und Trocken mit sich zog, nicht
sonderlich rühmen. Einst hatte er mit Bothe bis nach Mitternacht auf
der Höltybank gesessen, als ein ferner Donner Beide aus ihren Träumen
weckte. Ein Gewitter war im Anzuge. Eilig, in tiefer Finsterniß,
drängten sie sich durch Busch und Strauch, und retteten sich endlich
in den Garten von Giebichenstein, wo sie einen Zufluchtsort vor dem
strömenden Regen zu finden hofften. Sie tappten nach dem Wege suchend
umher, als plötzlich der Boden unter ihnen schwand, und sie in eine
Tiefe von mehrern Fußen hinunterstürzten. Nicht ohne Gefahr, aber doch
auf dem kürzesten Wege erreichten sie eine schützende Stelle. Es war
eine ihnen sonst wohlbekannte künstliche Grotte, die sie aber so nahe
nicht vermuthet hatten. Bothe schalt und zürnte über solche Thorheiten.
Aber was war zu thun? Man mußte froh sein, ein Obdach gefunden zu
haben, und ausharren, bis das Gewitter ausgetobt hatte und der Morgen
anbrach.
Bei solchen Stimmungen stiegen auch jene finstern Bilder und Gedanken
wieder auf, die ihn mehr als einmal bis zum Abgrunde des Wahnsinns
hinzureißen gedroht hatten. Nicht gebannt waren die Furien, sie
schliefen nur, jetzt erwachten sie, und jagten ihn von neuem in Angst
und Entsetzen. Es steigerten sich diese Anfälle zu einer Höhe, daß
seine Gefährten von Grausen erfüllt meinten, er sei wirklich wahnsinnig
geworden.
Eifrig hatte er sich eine Zeit lang mit dem soeben erschienenen
Spukromane von Große: „Der Genius“, beschäftigt. Mit seinem
Stubengefährten Schmohl und einem andern Bekannten verabredete er
daher, ihnen jenes Nachtstück vorzulesen. Um vier Uhr Nachmittags
begann die Sitzung. Ohne sich einen Augenblick Erholung zu gönnen, las
er das ganze Buch in einem Zuge durch. Es war zwei Uhr Morgens, als er
es beendete. Längst waren seine Zuhörer eingeschlafen, während er mit
steigendem Antheil las. Jetzt warfen sie sich in der anstoßenden Kammer
auf das Bett.
Tieck konnte nicht schlafen. Er war überwacht, geistig und körperlich
erschöpft. Er vergaß sich und seine Umgebung, seine Seele weilte noch
in jener Welt, von der er gelesen hatte. Wunderliche Bilder wogten
in ihm auf und ab, Traum und Wirklichkeit begannen ineinander zu
verschwimmen. Plötzlich rüttelte ihn ein jäher Schrecken aus dieser
Betäubung auf. Abgründe schienen sich zu öffnen, riesige Gestalten
drohend auf ihn loszuschreiten, von der Decke des Zimmers, von den
Wänden her streckte es grauenhaft die Arme nach ihm aus. Mit einem
furchtbaren Schrei stürzte er auf die Kammer zu, in der die Gefährten
schliefen. Er tobte, er schien von Sinnen. Mit dem Ausrufe: „Ich werde
rasend!“ sank er fast ohnmächtig zu Boden. Voll Schreck fuhren die
Schlafenden empor, mit Mühe bewältigten sie ihn, und legten ihn aufs
Bett. Er verfiel in das heftigste Phantasiren. Er glaubte sich bereits
gestorben, sein eigener Körper ward ihm fremd, er meinte eine Leiche
zu berühren, wenn die eine Hand auf die andere traf. Dieser Zustand
hielt mehrere Stunden an, man befürchtete ein Nervenfieber. Endlich
kam er wieder zu sich, er fühlte sich matt an Leib und Seele. Von allen
Schreckbildern aber blieb ihm eins, das furchtbarste, zurück, der
Gedanke, daß er wahnsinnig werden könne, ja werden müsse, wenn sich
solche Anfälle wiederholen sollten.
Lichtpunkte waren Wackenroder’s Briefe und die Erinnerung an seine
Freundschaft. In den zärtlichsten Ausdrücken bat und flehte dieser, der
Freund möge sich ermannen, er möge sich den finstern Mächten entwinden,
und Herr seiner Kräfte werden. Es war ein Fest der Freundschaft, als er
endlich auf einige Tage nach Halle kam, und sie auf einer gemeinsamen
Reise nach Leipzig und Wörlitz sich aneinander stärken konnten. Auch
durch andere kleine Ausflüge suchte sich Tieck zu zerstreuen. Er sah in
Lauchstädt die weimarische Schauspielergesellschaft, oder er ging nach
Coswig, wo man in dem Hause des befreundeten Amtmanns in Augenblicken
der Heiterkeit das Theaterspiel hervorsuchte, für das er kleine Stücke
und dramatische Scherze entwarf.
Dieser vorüberrauschenden Lust folgten um so trübere Stimmungen.
Aber diese Gährung, diese erregten Zustände führten endlich zu einem
entscheidenden Wendepunkte.
Es war im Juli des Jahres 1792, als er eine Reise nach dem Harze
unternahm. Zum ersten Male wollte er das Gebirge betreten, um
eine langgefühlte Sehnsucht zu stillen. Der reinste, herrlichste
Sommerhimmel war über ihm, als er die Stadt verließ. Kaum hatte er sich
jemals leichter und glücklicher gefühlt als in diesem Augenblicke;
Sonne, Feld, Wald, Alles wirkte erfrischend. Er schlug den Weg nach
Eisleben ein. In den Dörfern, durch die er kam, herrschte freudige
Bewegung. Es war Johannistag, und Mädchen und Burschen banden den
durchziehenden Wanderer unter üblichen Sprüchen an, der sich dann
loskaufen mußte. Unfern Eisleben begegnete ihm ein Leichenzug. Ein
Bergmann wurde zur Ruhe bestattet. Eine tiefe Rührung ergriff ihn; in
seinen ersten und einfachsten Formen trat ihm das Leben entgegen. In
vollem Mondenschein legte er den letzten Theil des Weges zurück.
In der Schenke, wo er übernachten wollte, ging es laut und fröhlich zu.
Mit Spiel und Tanz wurde das Johannisfest gefeiert. Auf dem Hausflur,
vor seinem Zimmer, lärmte und wogte es durcheinander. Halb träumend
blickte er von seiner Lagerstätte auf das bunte Gewirr. Endlich ward
es still, aber er fand keinen Schlaf. Alle Lebensgeister pulsirten,
die Sehnsucht nach der Natur ließ ihm keine Ruhe. Im Morgengrauen
wanderte er weiter. Noch war die Sonne nicht aufgegangen. Fahl und
bleifarben, eine eben erglühende Kugel, stieg sie am Rande des Himmels
empor. Da durchbrach sie den Dunstkreis, und plötzlich mit stechendem
Glanze schossen die ersten einzelnen Strahlen über die Ebene daher. Sie
trafen ihn unmittelbar; ihm war, als hätten sie bis in sein tiefstes
Herz hineingeblitzt. In ihm zerriß es wie ein Schleier; eine innere
Erleuchtung war es, die ihn erfüllte; Himmel und Erde sah er in nie
geahntem Glanze verklärt. Ihm war, als träte Gott selbst auf ihn zu,
als schaue er in sein Angesicht. „Das ist Gottes Erscheinung!“ so
durchbebte es sein ganzes Wesen. Die Gewißheit Gottes, die höchste
Seligkeit, ein himmlischer Schmerz durchströmte ihn. Aus seinem
Herzen quoll das Gefühl unendlicher Gottesliebe. Ja, der ewige Gott
liebte auch ihn! Er brach in lautes Weinen aus; es waren Thränen der
Seligkeit, die unaufhaltsam flossen. „Ich habe keine Worte für diesen
einzigen Zustand“, so erzählte der Greis Tieck voll tiefer Bewegung
im hohen Alter. „Weder vorher noch nachher habe ich je Aehnliches
erlebt; es war die unmittelbarste Gewißheit Gottes, das Gefühl, mit
ihm eins zu sein; an meinem Herzen fühlte ich ihn. Es war eine Stätte
der Offenbarung. Ein Patriarch des alten Testaments würde hier einen
Denkstein errichtet haben!“
Nur einen Augenblick dauerte diese Entzückung. Aber die Gewißheit,
Gottes Geist habe ihn durchschauert, blieb ihm, und wie ein Nachhall
jener Seligkeit erfüllte der reinste Friede sein Herz. Lange noch
flossen seine Thränen, er konnte ihrer nicht Meister werden. Nach
mehrern Stunden warf er sich auf die Bank vor der Thür einer
Dorfschenke. Der Wirth brachte ihm Frühstück, wies aber, als er ihn
weinen sah, jede Bezahlung zurück. „Ich sehe ja“, meinte er, „Sie sind
ohnehin unglücklich genug.“ Es war der Humor, der ihn wieder in das
alltägliche Leben zurückrief. Halb lachend, halb weinend zog er weiter.
Als er um Mittag bei einem Wirthshause anlangte, schallte ihm wüster
Lärm aus demselben entgegen. Eine Schar hallescher Studenten, die auch
nach dem Harze wanderte, hatte sich einquartiert. In ihrer Mitte traf
er den Mephistophelischen Wiesel. Er hatte das Gefühl der Entweihung,
als er den rohen Kreis betrat. Auf die höchste Entzückung folgte die
gemeine Ernüchterung. Er legte sich das Gelübde ab, die Offenbarung,
die er heute erfahren, als sein heiligstes Geheimniß im Herzen zu
verschließen, und Jahre sind vergangen, ehe er davon zu sprechen wagte.
Unter den Nachklängen jener Verzückung durchzog er das Gebirge. Er
fühlte sich der Natur noch näher als sonst, und auf einsamen Pfaden
emporklimmend, verlor er sich gern in jene Nebelwolken, die an den
Felsenspitzen hingen.
2. Göttingen. Studien.