gründliches Wissen zu besitzen, hatte sich dieser der Literatur und
den Alterthumswissenschaften zugewendet, es aber bald anziehender
gefunden, sein Talent einer leichten und oberflächlichen Darstellung
in der Schriftstellerei für die eben beliebte Unterhaltung geltend zu
machen. Voll von Plänen und Entwürfen, beweglich, nicht ohne Phantasie,
aber innerlich seicht, schrieb er mit stets bereiter Feder, was man
irgend verlangte, Romane, Dramen, Schauergeschichten und Festspiele.
Auf dem Gymnasium ertheilte er deutschen Unterricht in der obersten
Classe in einer Weise, die ihm die bequemste war, ihn aber den ältern
Lehrern als einen dilettantischen Neologen verrieth. Er las nämlich
die neuesten Gedichte vor. Als Gedike ihn einst in der Lehrstunde
Schiller’s „Künstler“ vorlesen hörte, konnte er eine laute Aeußerung
des Misfallens nicht unterdrücken; er hielt das für Allotrien. Aber
gerade dies brachte Rambach seinen Schülern näher. Auch fand es großen
Beifall, daß er ihnen in der Art der schriftlichen Arbeiten freie Hand
ließ, und ihnen sogar die Aufgabe stellte, diesen oder jenen Stoff
dramatisch zu behandeln. Das war ja das Feld, auf welchem man sich am
liebsten bewegte und am meisten zutraute.
In einem Stücke des „Deutschen Museum“ las man damals mit vielem
Antheil die Geschichte eines Insulanerhäuptlings von Manilla, der
in die Hände spanischer Jesuiten gefallen war. Rambach hielt diesen
Stoff für eine dramatische Bearbeitung sehr geeignet. Ob der Schluß
versöhnend oder tragisch gewendet werden solle, überließ er der
dichterischen Erfindungskraft seiner Schüler. Der Gegensatz natürlicher
Unverdorbenheit und verfeinerter Bosheit und roher Glaubenswuth
verfehlte seinen Eindruck nicht, und Ludwig brachte in kurzer Zeit
sein dreiactiges Schauspiel „Allamoddin“ zu Stande. Im Sinne der Zeit,
welche in dem Naturzustande wilder Völker das Urbild der Unschuld
und Tugend fand, machte er den Häuptling zum Träger naturalistischer
Ansichten in Religion und Politik, wie sie in Berlin galten, und ließ
das ferne Suhlu in der Südsee als eine Freistatt vor europäischer
Verderbtheit erscheinen. Rambach war durch die Sicherheit und
Leichtigkeit der Behandlung überrascht. Geschmeichelt, unter seinen
Schülern solche Talente zu haben, versprach er das Schauspiel an
Schröder zu senden, und ihn für dessen Darstellung auf der Bühne zu
gewinnen. Während diese Versprechungen vergessen wurden, hatte indeß
die beginnende Freundschaft mit Rambach andere nicht unerhebliche
Folgen.
Lehrer und Schüler verkehrten bald auf gleichem Fuße miteinander.
Ohnehin war dieser nur um fünf Jahre jünger als jener. Rambach
erkannte Ludwig’s Gewandtheit und Gutmüthigkeit, und machte ihn zu
seinem literarischen Vertrauten. Zunächst leitete er ihn zu allerlei
Dienstleistungen an, die jenseit der Grenzen der Schule lagen.
Rambach’s Schnellfertigkeit in schriftstellerischen Darstellungen,
die er unter eigenem Namen, einem angenommenen, oder auch namenlos
erscheinen ließ, erregte das Erstaunen seiner Bekannten. Auf die Frage,
wie er es denn möglich mache, soviel zusammenzuschreiben, hatte er,
wie man sich erzählte, geantwortet: „Wenn ich einmal stecken bleibe,
knirsche ich nur mit den Zähnen, und es geht wieder frisch weiter!“
Bei diesen Arbeiten wurde Ludwig zuerst als Schreiber angestellt. Er
mußte die schnellaufschießenden, oft dickleibigen Manuscripte ins Reine
bringen. Manche Stunde des Tages, ja der Nacht verwandte er darauf.
Es machte ihm schon Vergnügen, ein zierlich geschriebenes Heft dieses
Inhalts herzustellen. Bald sah der Meister, daß er die Kräfte des
Jüngers angemessener und vortheilhafter nutzen könne, wenn er ihn an
seinen Arbeiten selbständig theilnehmen lasse.
Derbe, handfeste Stoffe liebte das große Publicum. Die Leser mußten
sich gewaltig erregt, und ihre Nerven von Schrecken und Schauern aller
Art durchbebt fühlen, wenn sie mit dem Beifall freigebig sein sollten.
Je abenteuerlicher das Gräßliche auftrat, desto besser; nach dem Ganzen
pflegte man nicht viel zu fragen. In diesen Verzerrungen wirkten die
misverstandenen Vorbilder, der „Götz“, „Die Räuber“, „Der Geisterseher“
fort. Ritterromane verlangte man, die vom Sporngeklirr und dem
Gepolter deutscher Kraft und Biederkeit widerhallten, in denen der
mannhafte Ritter, wenn er nüchtern ist, in die Netze des Pfaffentrugs
und der Weiberlist mit eiserner Faust hineinschlägt. Nicht minder
waren Räubergeschichten beliebt, gleichviel ob erfunden, oder aus
den Criminalacten entlehnt. Es erschien irgendein heruntergekommener
und ausgestoßener Held, der wie Karl Moor sich berufen fühlte, die
Menschheit an der Menschheit zu rächen. Hier gab es Beiträge zur
Erfahrungsseelenkunde. Als merkwürdige psychologische Erscheinungen
wurden Gauner und Spitzbuben studirt, und zu großen Männern
gestempelt, denen die Verkehrtheit der bürgerlichen Einrichtungen
keinen freien Spielraum gönne, und sie aus der Heldenbahn in die nah
angrenzenden Diebeswege hinüberdränge. Nur wenig fehlte, und auch
dieser Räuber wäre ein Alexander, ein Cäsar geworden. Nicht an ihm lag
es, wenn er es nicht ward. Eine seicht moralisirende Pragmatik gefiel
sich darin, die welthistorischen Personen als Räuber im Großen, und
wirkliche Räuber als Helden im Kleinen darzustellen.
Oder endlich Magier und Zauberer, geheime mystische Orden, im Finstern
schleichende Mächte mußten ihr räthselvolles Spiel entfalten. Je
nach Umständen beschützen sie wie Sarastro in der „Zauberflöte“ die
Tugend, und wirken in unterirdischen Kellern für Menschenwohl, oder
mit sinnverwirrenden Spielen und trügerischen Künsten umgarnen sie ihr
ahnungsloses Opfer von fernher. Hier spiegelten sich die Einwirkungen
der Freimaurer, der Rosenkreuzer, Goldmacher und Geisterbeschwörer mit
ihrer Geheimnißkrämerei wider, der Cagliostro, Schröpfer und Anderer,
die mit kecker Stirn behaupteten, ihre Geheimlehren und Kräfte von den
Pyramiden Aegyptens unmittelbar hergeholt zu haben. Hier, so träumte
man, sollte sich eine uralte Mystik erhalten haben. Man schien der
gepriesenen Aufklärung müde zu sein, und den Glauben abgethan zu haben,
um sich einem plumpen Aberglauben kopfüber in die Arme zu werfen. Die
Phantasie mußte aus einem Schrecken in den andern hineingehetzt werden,
gleichviel ob durch Spuk oder Blut. Die zahmgewordenen Schrecken der
Revolution schienen sich in der deutschen Unterhaltungsliteratur
festgesetzt zu haben. Aber wenn eisige Schauer den Rücken des
Lesers hinabglitten, dann fühlte er mit doppeltem Genusse das Glück
bürgerlicher Ruhe und Sicherheit.
Außer Rambach arbeiteten in diesem Fache noch viele Schriftsteller,
und mit mehr Erfolg als er. Da gab es die Rittergeschichten von Spieß
und Schlenkert, von Veit Weber, Cramer und Feßler; die Spuk- und
Schauergeschichten von Meißner und Große, der die grobe Täuschung so
weit trieb, vor dem Publicum als spanischer Marquis Vargas oder gar
Marquis Große, selbst den Geheimnißvollen zu spielen.
Auf diesen Geschmack war ein Buch berechnet, das 1790 im Himburg’schen
Verlage unter dem Titel erschien: „Thaten und Feinheiten
renommirter Kraft- und Kniffgenies.“ Es enthielt eine Auswahl von
Lebensbeschreibungen bekannter Diebe und Räuber, zu der verschiedene
Verfasser beitrugen, es aber gerathen fanden, sich nicht zu ihren
Helden zu bekennen, und ihre Namen zu verschweigen. Rambach hatte es
übernommen, die Geschichte des berüchtigten Wilddiebes und Räubers
Matthias Klostermayer, genannt der Bairische Hiesel, zu bearbeiten.
Dieser hatte nach dem Siebenjährigen Kriege in Baiern und den
angrenzenden reichs- und stiftsländischen Gebieten ein vollkommen
eingerichtetes Raubhandwerk getrieben. Als Rächer und Schützer gegen
drückende Forstgesetze war er ein Liebling des Landvolks geworden. Die
Geschichte seines Räuberlebens war als Volksbuch durch Deutschland
gewandert, und hatte einen beliebten Stoff für die Puppentheater
geliefert. Nun sollte für die Leser von Fach ein schmackhaftes Gericht
daraus bereitet werden. Das nächste Vorbild, welches man hier hatte,
war Schiller’s „Sonnenwirth“.
Rambach unterließ auch nicht, den Hiesel zu einem Helden zu stempeln.
Er nahm den Mund nicht wenig voll. Er erklärte ihn für einen Wilddieb
aus Grundsätzen, einen Verbrecher durch die Einrichtung des Staates,
und naseweis hofmeisterte er die Vorsehung, daß sie aus diesem
Stoff, der zu einem Alexander ausreichend gewesen wäre, nur einen
Straßenräuber gemacht habe. Doch er selbst vermochte nur die ersten
Capitel zu Stande zu bringen, die er Ludwig in die Feder gesagt hatte.
Dann ward er der Arbeit müde, und fand es bequemer, die Fortsetzung
seinem Gehülfen auf eigene Gefahr zu überlassen.
Dieser mußte nun dem weitschweifigen Volksbuche, das aus endlosen
Berichten stets wiederkehrender Diebereien und Raufereien bestand,
Schritt vor Schritt nachgehen, und lieferte eine Erzählung, welche
die eintönige Weise des Vorbildes ziemlich getreu wiedergab. Da hier
Geschichte geschrieben werden sollte, so war eine freie Bewegung nicht
erlaubt. Mit großem Ernst hielt er bei diesen rohen und widerwärtigen
Auftritten die Miene des Menschenkenners und psychologisirenden
Geschichtschreibers fest. An einer Stelle suchte er gar durch eine
kühne Vermuthung wahrscheinlich zu machen, daß Schiller’s Sonnenwirth
seine ersten Studien unter dem Bairischen Hiesel gemacht habe.
Mit Selbstverleugnung führte er die lästige Aufgabe glücklich durch.
Nur auf der letzten Seite konnte er es sich nicht versagen, hinter
der steifen Maske ironisch lächelnd hervorzusehen. Er schloß mit der
Versicherung, daß ihm mit der Beendigung dieser Hieseliade ein schwerer
Stein vom Herzen falle, denn es sei ihm sauer genug geworden, diesen
Kerl als Helden darzustellen. „Warum? Weil er nichts mehr und nichts
weniger war als ein Spitzbube!“ Mit diesem Epigramm stieß er die
gespreizten Reden Rambach’s über den Haufen, und übte eine scharfe
Kritik des ganzen Buchs aus. Rambach war mit der gelieferten Arbeit
zufrieden, dachte aber nicht daran, seinem Zöglinge das Honorar zu
überlassen. Dagegen hatte Ludwig die Genugthuung, in einem kritischen
Blatte zu lesen, daß dieser letzte Abschnitt des Buchs (der zweite
Theil war 1791 erschienen) einen gewandten Schriftsteller verrathe.
Gleichzeitig schrieb Rambach einen Schauerroman: „Die eiserne
Maske“, den er 1792 unter dem Namen Ottokar Sturm herausgab. Hier
benutzte er noch einmal die schon erkaltende Vorliebe für Ossian,
und verlegte die modernen Schreckensscenen in die Felsenthäler und
Nebel Hochschottlands. Die eiserne Maske, eine Art Panzer, in den
die Menschen wie in einen Kasten hineingesteckt werden, trieb unter
Ossian’s Heldengestalten Toskar, Carno und Ullin ihr spukhaftes Wesen.
Rambach’s Schreckensmaschinerien spielten bis zum letzten Capitel.
Hier ermüdete er und überließ es Ludwig, den Schluß hinzuzufügen. Er
sagte ihm: „Ich habe mich in Erfindung und Darstellung des Gräßlichen
so erschöpft, daß ich nichts weiter zu sagen weiß. Mögen Sie einmal
Ihr Heil versuchen.“ Ludwig setzte eine Nacht daran und beendete den
Roman. Es galt Ryno, den Bösewicht, in den Folterqualen des Gewissens,
und seinen verzweifelten Untergang zu schildern. Wie überflügelte hier
der Schüler den Lehrer! Während sich dieser nur auf die gewöhnliche
Decorationsmalerei des Schreckens verstand, die auf den groben Eindruck
berechnet war, entfaltete jener eine Welt des Grausens, in die er
selbst hineingeschaut hatte. Dieselbe Ueberlegenheit zeigte sich auch
in einigen eingeschalteten lyrischen Gedichten, in denen er bis zur
vollen Wirkung den Ton Ossian’s getroffen hatte.
In ähnlicher Weise suchte ein anderer jüngerer Lehrer, Seidel, sich
Ludwig’s Kräfte dienstbar zu machen. Dieser, der ebenfalls als
Seminarist am Werderschen Gymnasium unterrichtete, war sein Lehrer
im Englischen gewesen. Die Sprache Shakspeare’s mußte Ludwig kennen
lernen, das schien ihm Pflicht. Sobald als irgend thunlich, war man zum
„Macbeth“ übergegangen. Diesen wußte er nach Eschenburg’s Uebersetzung
fast auswendig, sodaß er zweifelhaft ward, ob er das Verständniß seinen
Fortschritten, oder seinem Gedächtniß zu danken habe. Seidel übersetzte
damals Middleton’s „Leben des Cicero“. Die beiden ersten Bände hatte
er bearbeitet. Auch er ermüdete und überließ seinem Schüler die
Vollendung, sobald er ihn sicherer geworden sah. Doch erschienen die
letzten Bände erst 1793.
Aber wichtiger noch ward die Verbindung mit Bernhardi. Nur um drei
Jahre älter als Ludwig, hatte er dessen ausgezeichnetes Talent bald
herausgefunden, und war rasch mit ihm vertraut geworden. Er war
einer der eifrigsten Vorkämpfer des jüngern Geschlechts. In Halle
war er für die Philologie durch F. A. Wolf angeregt worden, er
wandte sich Fichte’s neuer Philosophie zu, und war ein begeisterter
Bewunderer Goethe’s. Er besaß Scharfsinn, den er in wissenschaftlichen
Untersuchungen und Kämpfen oft siegreich bewährte. Spott und
treffender Witz standen ihm zu Gebote, und machten ihn zu einem ebenso
gefürchteten Gegner als beliebten Unterhalter. Mit Leichtigkeit wußte
er sich auf den verschiedensten Gebieten des Wissens zurechtzufinden,
und durch geschickte Anwendung zu verdecken, was ihm an gelehrten
Kenntnissen abging. Er liebte Laune, Ironie und Mystification, und
konnte mit Nachdruck und Anstrengung arbeiten, um hinterher eben das
zu verspotten, woran er seine ganze Kraft gesetzt, und nicht minder
diejenigen, welche daran geglaubt hatten. Gewandt und überlegt wußte
er sich in die verschiedensten Stimmungen zu versetzen; stets blieb
er Herr der Form, auch in der Rede und Schrift, und wußte für sich zu
gewinnen und zu blenden.
Damals von Bernhardi aufgesucht, durch die Hingebung an die neue
Literatur mit ihm verbunden, sah ihn Ludwig fast täglich, und sie
theilten einander mit, was sie im Augenblicke bewegte. War der Eine
der Begabtere, so wurde das durch die größere Durchbildung und den
schärfern Blick des Andern für jetzt aufgewogen, und beide fanden in
diesem Verkehr ihre Befriedigung.
11. Der Abschied.
Ludwig gehörte kaum mehr der Schule an. Die Schranke, welche ihn von
seinen Lehrern trennte, war zum Theil durch einen gleichstellenden
Umgang aufgehoben, er selbst hatte sich als Schriftsteller versucht.
Die Lehrjahre waren abgelaufen; er konnte freigesprochen werden. Vier
Jahre hatte er in der obersten Classe der Lehranstalt zugebracht. Es
waren vielleicht an innerer Entwickelung die reichsten seines Lebens.
Als Knabe war er eingetreten, jetzt war der Dichter des „Abdallah“ und
„Lovell“ vollendet.
Die meisten seiner Freunde hatten die Schule früher verlassen. Nur
Wackenroder war ihm noch geblieben. Endlich schickten sie sich an,
Ostern 1792 als sogenannte Abiturienten das Gymnasium zu verlassen.
Zu besonderer Auszeichnung hatte Gedike die feierliche Abschiedsrede,
in welcher der scheidende Zögling seine Pietät gegen die Lehranstalt
auszusprechen pflegte, Wackenroder übertragen. So natürlich ein solcher
Dank war, so widrig erschien der Ton persönlicher Schmeichelei, der
in diesen Reden üblich geworden war. Ludwig hatte seinem Freunde
gesagt, er werde es hoffentlich verstehen, seine Dankbarkeit anders
auszusprechen. Es sollte von den Verdiensten der Griechen um die
Wissenschaften geredet werden, und wirklich suchte Wackenroder in
seinem Entwurfe einfachere und natürlichere Ausdrücke des Dankes zu
gebrauchen. Wie aber erstaunte er, als er sah, daß Gedike, dem er die
Rede zur Censur überreicht hatte, die herkömmlichen Wendungen und
Lobpreisungen mit eigener Hand eingeschaltet hatte.
Dem Willen seines Vaters gemäß mußte Wackenroder einen Bildungsgang
einschlagen, der nicht der gewöhnliche war. Er sollte die Rechte
studiren, obwol seine volle Neigung der Kunst gehörte. Alles, was
mit dieser zusammenhing, ergriff er mit tiefster, sehnsüchtigster
Innigkeit, während er sich den strengeren Wissenschaften gegenüber
verschlossen zeigte. Darum mochte es dem Vater trotz Gedike’s
glänzender Abschiedscensur gerathen erscheinen, ihn noch ein Jahr lang
durch Privatunterricht für die Universität vorbereiten zu lassen. Neben
dem juristischen Fache blieben die allgemeinen Wissenschaften nicht
unberücksichtigt. Der Prediger Erduin Julius Koch, der gelehrte Kenner
der altdeutschen Literatur und Verfasser des bekannten „Compendiums“,
hielt Wackenroder Vorlesungen über deutsche Literatur, die für seine
spätere Richtung von großer Bedeutung waren.
Wenige Wochen vor Ablauf des neunzehnten Lebensjahres verließ Ludwig
Gedike’s Schule. Das übliche Examen bestand er zur Zufriedenheit, ohne
daß man ihm gerade ein glänzendes Zeugniß auf den Weg gegeben hätte. In
der Mathematik hatte er auf jeden Erfolg verzichten müssen. Er hatte
nicht einmal das Heft zu gebrauchen gewußt, mit welchem ihn seine
Freunde, denen er so oft geholfen, ausgerüstet hatten. Man staunte über
den höchst sonderbaren Weg, den er bei der Lösung der gegebenen Aufgabe
einzuschlagen versucht hatte.
Sobald Phantasie und Gefühl bei ihm hervortraten, war ihm die
Mathematik ein lästiger Gegenstand des Unterrichts geworden. Dem
allgemein Menschlichen gegenüber schienen ihm ihre Lehrsätze höchst
gleichgültig und der innern Bedeutung zu entbehren. Dafür war er sonst
um so vielseitiger. Er überschaute ein weiteres Feld des Wissens als
seine Genossen. Die alte und neue Literatur hatte er durchstreift,
seine Kritik mannichfach geübt, und sich ein sicheres Urtheil gebildet.
Wie er einen scharfen Blick für die Erkenntniß des Schiefen und Hohlen
hatte, so einen nicht minder tiefen für das wahrhaft Bedeutende und
Große. Mit den Anfängen der Kunst hatte er sich vertraut gemacht und
seine Kräfte in der verschiedensten Weise geübt.
Und reich war er an innerer Erfahrung. Schon hatte er die Grenzen
berührt, vor denen der menschliche Geist zurückweicht. Wie manchen
Kelch des Schmerzes hatte er nicht geleert, wie oft zu sterben
gewünscht! Auch darin war er als eine große Kraft ausgezeichnet worden.
Früher und in vollerem Maße als viele Andere hatten schwere innere
Leiden ihn betroffen, denn um einen nicht geringen Preis waren ihm die
Gaben geworden, welche ihn vor Vielen erhoben.
Aber jetzt war er dem Leben zurückgegeben, wenn ihn die vernarbenden
Wunden auch noch oft schmerzten. Die Lust am Leben war am Ende doch
mächtiger als die Bande finstern Trübsinns, die ihn rückwärts zogen in
die schwarze Höhle. Waren nicht Dichtung und Kunst sein? Breitete ihm
nicht die Natur die Arme entgegen? Auch war er reich an wohlmeinenden
Freunden. Der frische, unverwüstliche Muth der Jugend stieg in ihm
empor.
Er konnte, er wollte leben, kämpfen, siegen. Jetzt verließ er das
Vaterhaus, das ihn so lange treu geschirmt hatte. Verheißungsvoll lag
die Ferne vor ihm, sie schien ihm zu winken, ihm glänzender als je zu
zeigen, was er früher nur geahnt hatte. In ihr schien die Offenbarung
des Geheimnisses, die Erfüllung der Wünsche zu liegen! Ihr eilte er
voll Hoffnung und Jugendmuth entgegen, und wol mochte er mit seinem
ausziehenden Sternbald rufen: „O Jugend! Du lieber Frühling, der
du so sonnenbeschienen vorn im Anfange des Lebens liegst! wo mit
zarten Aeuglein die Blumen umher, des Waldes neugrüne Blätter wie mit
fröhlicher Stimme dir winken, dir zujauchzen! Du bist das Paradies, das
jeder der spätgeborenen Menschen betritt, und -- das für jeden immer
wieder von neuem verloren geht!“
Zweites Buch.
Dichterleben.
1792-1800.
1. Halle. Katheder und Offenbarung.
Es war im Frühlinge des Jahres 1792, als sich Ludwig Tieck auf dem
Wege nach Halle befand. Mancher Kampf hatte noch bestanden, mancher
schwere Entschluß gefaßt werden müssen, bevor er zum Wanderstabe
greifen konnte. Endlich war auch das überwunden. Er fühlte sich frei
und leicht, und wie die Thürme der Vaterstadt hinter ihm am Horizonte
verschwanden, schienen die letzten Wolken des Kummers zu versinken.
Frisch und wohlgemuth eilte er der Akademie und ihrer goldenen Freiheit
in Leben und Wissen entgegen.
Aber auch um der Freiheit zu genießen waren Beschränkung und
Selbstverleugnung nothwendig, und nicht ohne Opfer war sie zu
erkaufen gewesen. Um zu studiren ging Ludwig nach Halle. Wollte er
akademischer Bürger werden und dessen Vorrechte ausüben, so mußte er
sich für einen Beruf, für ein gediegenes Fachstudium entscheiden, er
mußte eine Facultät wählen. Aber welche von allen vieren sollte es
sein? Das war eine schwere Frage für ihn, der jeder äußern Bestimmung
seiner geistigen Richtung widerstrebte, und sich stets ungehemmt, in
eigenster Weise bewegen wollte. Seine Natur, das Persönliche wollte
er frei ausbilden, und es nicht mit der Schere nach gewöhnlichem Maße
zuschneiden lassen! Und nun sollte er studiren um des Brotes willen, um
in einer fernliegenden Zeit leben zu können, sein Auskommen zu haben.
Wußte er doch nicht einmal, ob er sie erleben werde! Wie kläglich
erschien ihm ein solches Brotstudium! Wie grau und farblos war das
Leben, wenn er an die alternden und verstaubten Candidaten dachte, die
ihr kümmerliches Dasein durch das wissenschaftliche Handwerk fristeten,
und armselig vom A-b-c lebten; oder an jene Geistlichen, die er kannte,
welche ihr Amt wie eine Last trugen. Selbst wie mancher seiner Lehrer
wäre am Ende lieber alles Andere gewesen als Schulmeister!
Und wenn er ehrlich gegen sich selbst sein wollte, stiegen nicht ganz
andere Wünsche in seinem Herzen auf? Noch immer sehnte er sich nach
jener bunten Welt der Breter, welche ihn schon als Kind unwiderstehlich
anzog. Er hatte gewünscht, allen Fachstudien den Rücken für immer zu
kehren, und dem Theater ausschließlich zu leben. Oft glaubte er allein
dafür Beruf zu haben, und in Augenblicken der Begeisterung traute
er sich Kraft genug zu, als darstellender Künstler das Bühnenwesen
umschaffen zu können. Das waren keine leeren Träume, keine eiteln
Einbildungen, wie sie dem Alter der erwachenden Kunstbegeisterung
leicht zu kommen pflegen. Er hatte, wenn auch nur in kleinen Kreisen,
manchen Erfolg für sich aufzuzeigen. Reichardt hatte ihn ermuntert,
vielleicht mit Absicht auf die Bühne hingeleitet. Endlich hatte er
es gewagt, dem Vater seine Wünsche anzudeuten. Soviel Theilnahme
dieser aber dem Theater zuwendete, so sträubte sich doch der Stolz des
Bürgers dagegen, seinen Sohn unter den unmoralischen Komödianten zu
wissen, oder gar seinen Namen auf dem Theaterzettel an den Straßenecken
zu lesen. Es kam zu heftigen Erörterungen, und je mehr der Vater
widerstrebte, desto klarer schien es dem Sohne zu werden, daß ihn sein
Beruf allein auf das Theater führen könne. Endlich sprach der Vater
ein entscheidendes Wort. „Wenn du unter die Komödianten gehst, so gebe
ich dir meinen Fluch!“
Also Ausstoßung aus der Familie war der Preis, um welchen er seine
Wünsche erfüllt sehen konnte. Doch vor diesem letzten Schritte bebte
er zurück. Er suchte seiner leidenschaftlichen Neigung Herr zu werden,
und beschloß bei den Studien zu bleiben. Da man so viel von ihm erlangt
hatte, ließ man ihm in ihrer Wahl und Art volle Freiheit. Auch war sein
äußeres Leben durch ein städtisches Stipendium, welches man für ihn
ausgewirkt hatte, hinreichend gesichert.
Für Halle, als die bedeutendste Landesuniversität, hatte er sich
entschieden. Damals hatte es einen neuen Aufschwung genommen, den es
der genialen Persönlichkeit F. A. Wolf’s verdankte. Mit Kühnheit führte
er die Philologie ihre eigene Bahn, und seine Vorlesungen über den
Homer hatten bereits Ruf gewonnen. Auch fand Tieck Reichardt auf seinem
Landsitze in Giebichenstein wieder, und konnte das Haus betreten,
welches ihm schon in Berlin eine heimische Stätte gewesen war.