Spaziergängen umherzuirren. In den entlegenen Theilen der Stadt, vor
den Thoren suchte er die Kirchhöfe auf. Bis in die Nacht hinein saß er
dumpf brütend auf den Gräbern, bis ihm die Glieder erstarrten. Gibt es
einen bösen Dämon, dachte er, so muß er dem Rufe einer Seele folgen,
die mit voller, innerster Willenskraft seine Erscheinung fordert. In
steigendem Wahnwitze rief er dann durch die Nacht, der Teufel solle
ihm erscheinen. Aber Alles blieb still, nur sein eigener Ruf hallte
gespenstisch zu ihm zurück. Er erwachte voll Entsetzen und eilte nach
Hause. So führte er Tage und Nächte lang ein angstvolles Traumleben,
und nachtwandlerisch streifte er hin am Abgrunde des Wahnsinns.
Aus diesen wiederkehrenden Anfällen entwickelte sich endlich ein
Zustand innerer Versunkenheit, dauernder Schwermuth, welche auch die
freien Augenblicke mit einer ihm wohlthuenden Dumpfheit umspann, aus
der er gewaltsam aufgerüttelt werden mußte. Sein Wesen war verändert.
Er war zerstreut, vergeßlich, er sah und hörte nicht, von einem
Gedanken war alles Andere verschlungen. Seinen Gefährten erschien er
sonderbar, unerklärlich. Zuweilen nahmen sie zu komischen Mitteln ihre
Zuflucht, um ihn ins Leben zurückzurufen. Wenn er in ihrem Kreise in
sich versank, seine Umgebung, Zeit und Ort vergaß, dann ließen sie eine
Weckeruhr schlagen, deren unaufhörlich gellendes Hämmern ihn endlich
wieder zu sich brachte.
Solche Augenblicke der Bewußtlosigkeit bereiteten ihm auch nicht selten
halb lächerliche, halb grauenhafte Verlegenheiten. Als ihn einst sein
Weg durch die Markgrafenstraße führte, fiel es wieder wie ein Schleier
auf ihn. Er wußte nicht, wo er war. Mit voller Deutlichkeit sah er die
Menschen an sich vorübergehen, er wußte, daß ihm diese Häuser, diese
Straßenecken bekannt seien, dennoch konnte er sich nicht sagen, wo er
eigentlich sei. War er in Frankfurt, in Brandenburg oder in Potsdam?
Dies waren die bedeutendsten Städte, die er außer Berlin gesehen
hatte. In welcher von diesen war er? Dieses Gefühl der Unsicherheit,
der Bewußtlosigkeit steigerte sich bis zur quälenden Angst. Er mußte
ihr ein Ende machen. Es durchzuckte ihn der Gedanke, daß er sich dem
Verdachte des Irrseins aussetze, dennoch beschloß er, irgendeinen der
Vorübergehenden anzureden, um sich aus diesem Zustande zu retten. Aber
nicht Jedem durfte er mit seiner Frage kommen. Schüchtern trat er
auf einen ältlichen Mann zu, dessen Mienen ihm Zutrauen einflößten.
„Sie sind in der Markgrafenstraße“, lautete die Antwort. Seine
Verlegenheit stieg; das hatte er auch gewußt. Stammelnd, unter manchen
Entschuldigungen brachte er endlich heraus, er wisse nicht, in welcher
Stadt er sei. Der Angeredete maß ihn mit großen Augen und rief dann
unwillig: „Das geht zu weit, sich solchen Spaß zu erlauben!“ Ludwig
wollte reden; jener ließ ihn nicht zu Worte kommen. „An Ihrer Sprache
höre ich, Sie sind ein berliner Kind, und Sie sind dreist genug, mir
einbilden zu wollen, Sie wüßten nicht, daß Sie in Berlin selbst sind?“
Als Ludwig zu betheuern fortfuhr, nichts habe ihm ferner gelegen, als
ein schaler Spaß dieser Art; in einer augenblicklichen Zerstreutheit
habe er sich in der That nicht zurechtfinden können, sagte der Andere:
„Schämen Sie sich, junger Mann! Wie kommen Sie in Ihrem Alter zu einer
so unleidlichen Affectation? Versuchen Sie dergleichen nicht wieder,
Sie könnten zum zweiten Male schlimmer ankommen!“
Tief beschämt blieb er stehen. Er kam sich in diesem Augenblicke
unendlich abgeschmackt vor. Jener hielt ihn für einen muthwilligen
Possenreißer oder einen eiteln Thoren. Das Bedenkliche seines
Gemüthszustandes trat ihm klar entgegen; er erkannte, wohin solche
Abirrungen führen müßten. Er legte sich das Gelübde ab, ihnen,
wie den Stimmungen, aus welchen sie hervorgingen, mit aller Kraft
entgegenzuarbeiten. Freilich durch einen einfachen Act des Willens
allein ließ sich seine schwere Seelenkrankheit nicht heben.
Aber öffnete sich denn aus diesen grauenhaften Irrgängen kein Weg der
Rettung? Gab es kein Heilmittel, welches ihn seinen Leiden entrissen
hätte? Wie tief sehnte er sich nicht in freien Augenblicken nach Ruhe,
nach der Stille innern Friedens! Was konnten ihm in solchen Zuständen
die gewöhnlichen sogenannten Zerstreuungen sein, oder auch das
oberflächliche Zureden der meisten seiner Gefährten, die seine Stimmung
nicht begriffen, und kaum eine Ahnung davon hatten, worum es sich hier
handle! Die Fesseln der geregelten Thätigkeit hatte er abgeworfen. Der
Vater, so streng er früher gewesen, ließ ihn jetzt seines Weges gehen.
Bei einem so seltsamen, unberechenbaren Wesen mochte er oft rathlos
sein.
Unter seinen Lehrern hatte vor andern der Conrector Weißer sein
Vertrauen erweckt. Dieser versuchte es, in seine Stimmungen einzugehen
und sie zu leiten. So waren Beide miteinander bekannter geworden,
und Ludwig sprach bisweilen dem ältern Manne gegenüber seine Gefühle
rücksichtlos aus.
„Seit einiger Zeit“, klagte er einmal zu Weißer, „fühle ich mich tief
in innerster Seele bewegt. Tausend verschiedenartige Gedanken erfüllen
mich. Wechselnde Gefühle und Leidenschaften stürmen auf mich ein,
neue bedeutende Eindrücke machen sich geltend, deren ich vergeblich
Herr zu werden suche. Von alle dem fühle ich mich so betäubt, ich
bin so unruhevoll, so friedlos! Es war doch eine schöne Einrichtung
des Mittelalters, daß man dem verwirrenden Lärm der Welt entfliehen
konnte! Man ging in ein Kloster und war von allen Sorgen der Welt
befreit. Welche tiefe Ruhe muß es geben, einem großen Gedanken das
ganze Leben zu widmen, in ihn alle andern, die uns tausendfach quälen,
versenken zu können! Ich wünschte, auch wir hätten unsere Klöster!“ So
schloß er seine Rede voll tiefer Bewegung. Mit stummem Erstaunen hatte
ihn Weißer angehört. Endlich platzte er heraus: „Tieck, für dieses
eine Wort verdienten Sie gehängt zu werden!“ Soweit er sich auch mit
der Empfindungsweise seines Schülers vertraut gemacht hatte, diese
katholisirende Versündigung am gesunden Menschenverstande war ihm
doch zu stark. Sein ganzer Aufklärungseifer erhob sich dagegen; nicht
entschieden genug glaubte er dergleichen Grillen abweisen zu können.
Abermals war Ludwig wie vernichtet. Das Wort erstarb ihm auf der
Zunge. Im überwallenden Gefühle hatte er sich geäußert, und so roh und
verletzend konnte ihm der Mann entgegentreten, der ihn sonst noch am
meisten zu verstehen pflegte. Solche Erfahrungen scheuchten ihn immer
mehr in sich selbst zurück, und allmälig bildete sich in jener finstern
Versunkenheit eine gewisse überlegene Ironie gegen seine Umgebung aus,
welche sich mit so großer Sicherheit und Behaglichkeit in ihren Grenzen
bewegte.
Natürlich wäre es gewesen, eine so in Verzweiflung ringende und
kämpfende Seele auf Religion und Glauben zu verweisen, und gerade jetzt
in dieser Zeit, wo Ludwig als selbständiges Mitglied in die Gemeinde
eintreten sollte. Aber was er hier zu erwarten hatte, sah er an seinem
Lehrer, der selbst ein Theolog war, und in das Predigtamt überzugehen
gedachte. Was hatte dieser auf jenen Ausdruck einer tiefen Sehnsucht
nach Frieden zu erwidern gewußt? Er hatte ihm statt des Brotes einen
Stein gereicht!
Der Unterricht des Geistlichen, der ihn auf die Einsegnung vorbereiten
sollte, des Predigers Lüdecke an der Petrikirche, ging spurlos an ihm
vorüber. Dieser, ein wohlwollender, freundlicher, aufgeklärter Mann,
hatte von den Seelenzuständen seines Schülers keine Ahnung. Er trug
die Glaubenslehre nach seinen Grundsätzen vor und ließ es damit genug
sein. Ludwig sah in dem ganzen Verfahren nur eine herkömmliche Form,
die einmal innegehalten werden mußte. Im Unterrichte selbst half ihm
seine leichte Auffassung und die Bibelfestigkeit, welche er sich als
Kind erworben hatte. Niemand wußte besser Bescheid in der Bibel als er,
und konnte die verlangten Sprüche geläufiger hersagen. Wurde er nicht
in dieser Weise in Thätigkeit gesetzt, so hing er seinen Gedanken nach.
Aber in dieser Verzweiflung ward ihm doch ein Trost zu Theil, der
gerade in den schmerzlichsten Augenblicken wie ein milder Thau auf die
Glut niederfiel, die ihn verzehrte. Er fand ihn in der Natur. Es war
ein nicht minder tiefer Zug seiner Seele, der ihn zur Natur, in die
geheimnißvolle Stille ihres Lebens führte. Auch hier fühlte er sich
einem mächtigen und dunkeln Zauber hingegeben, der alle seine Sinne
bewältigte, und ihn mit unwiderstehlicher Kraft in Busch und Wald und
in die Mondnacht hinaustrieb. Wie hätte er widerstreben können, da hier
eine geheime Gewalt den Bann, welcher auf ihm lastete, zu lösen schien!
Stunden lang konnte er auf einsamen Wegen in den wildern Gegenden
des Thiergartens umherirren. So einfach dieses Naturleben auch war,
dennoch konnte er bis zur Selbstvergessenheit darin versinken. Hier,
in der Abgeschiedenheit des Waldes, unter rauschenden Bäumen, wenn
im dämmernden Zwielichte zerrissene Wolkengestalten durch die Wipfel
herniederblickten, wo nur der Ruf eines einsamen Vogels die tiefe
Stille unterbrach, hier war er freier, er lauschte auf den Athemzug
der Natur, er fühlte in ihr ein verwandtes Herz schlagen. Allein mit
den ersten reinsten Kräften des Lebens vergaß er sich selbst und der
Larven, welche ihn ängstigten. Träumerisch lag er im Grase, die Sonne
ging hinter den Bäumen unter, und er konnte unter dem Nachthimmel den
Morgen heranwachen, bis der feuchte Thau seine Kleider überzog, ihm
erstarrend in die Glieder drang und kalte Schauer ihn erweckten. Diese
einsamen Spaziergänge wurden allmälig zu kleinen Fußreisen. Allein
durchstrich er die Flächen, in denen Berlin liegt. Die Einförmigkeit,
welche die Natur hier zeigt, störte ihn nicht; er lebte doch in ihr. Er
wanderte nach den benachbarten Dörfern, er rastete in den ungastlichen
märkischen Krügen, er fühlte keine Entbehrungen. Tage lang streifte er
allein, in Wind und Regen, in den öden Kiefernhaiden umher.
Tröstend gesellte sich zur Natur die Poesie. Abermals griff Goethe
in Ludwig’s Leben ein. Diesmal war es der „Faust“. In Reichardt’s
Bibliothek hatte er das 1790 erschienene Fragment des „Faust“ gefunden.
Er wohnte damals auf einige Zeit bei Reichardt. Es war spät Abends, als
er im Bette liegend zu lesen begann. Mit Jubel rief er seinem Freunde
Hensler zu, er müsse ihm eine Dichtung Goethe’s vorlesen, welche
in aller Literatur ihres Gleichen nicht habe. Er begann, doch bald
hörte er den Freund laut schnarchen. Mit gespanntester Erwartung, mit
stockendem Athem las er weiter. Die ersten Monologe, die Erscheinung
des Erdgeistes, wie groß, wie übermächtig war das Alles! Und doch
wieder wie rein menschlich! Waren nicht ähnliche Gedanken und Zweifel
auch durch seine Seele gegangen? Es zuckte ihm durch alle Fibern und
Nerven. Ein voller Mondstrahl fiel durch das Fenster. Sah er nicht
auch auf seine Pein? Eine unendliche Sehnsucht ergriff ihn, das Zimmer
wurde ihm zu eng. Er sprang aus dem Bette, er stürzte hinaus in den
Garten. Im hellen Mondenlichte streifte er ruhelos zwischen Bäumen
und Hecken umher. Vergeblich rang er danach, dieser Eindrücke Herr zu
werden. Da graute der Morgen. Ermattet, in traumhaftem Zustande kehrte
er zu dem schlafenden Freunde zurück.
Auch schien der böse Geist vor den Klängen der Dichtung
zurückzuweichen. Wenn er zu irgendeinem Gedichte griff, welches
sonst Eindruck auf ihn gemacht hatte, so fühlte er, wie die dumpfe
Bewegung in seinem Innern sich legte, und Ruhe und Gleichgewicht
der Kräfte kehrten ihm auf einige Zeit wieder. Nicht anders, wenn
er Selbstbeherrschung genug gewann, um sich selbst dichterisch
auszusprechen. Dann war er wieder mit sich eins. Hier war es, wo die
Wurzeln seines Lebens lagen.
Wie ein mildes, versöhnendes Licht war auch der Strahl der ersten Liebe
in sein Herz gefallen. Sie zog ihn in das Leben zurück. Schon früher
hatte er sich mit der vollen Leidenschaft eines jugendlichen Dichters
Reichardt’s jüngerer Schwägerin, Amalie, zugewendet. Bald war die
aufkeimende Neigung kein Geheimniß mehr. Reichardt sah und billigte
sie, und der Bund der Herzen wurde geschlossen.
10. Dichter und Schriftsteller.
Ein wichtiges Ereigniß für die kunstliebenden Freunde war es, als
Reichardt’s Haus aufhörte, ihr Sammelplatz zu sein. Zuerst waren
einzelne Glieder des Kreises ausgeschieden, jetzt löste er sich
vollends auf, da er seinen Mittelpunkt verlor. Reichardt hatte in
der letzten Zeit manche unangenehme Erfahrung gemacht. Er kam in den
Verdacht revolutionärer Gesinnung, und das gute Einverständniß mit dem
Hofe hörte auf. Verstimmt und seines Amts überdrüssig hatte er endlich
den Abschied nachgesucht. Ohne ihn indeß förmlich erhalten zu haben,
zog er sich auf seinen Landsitz in Giebichenstein bei Halle zurück, den
er damals angekauft hatte. Sein Stiefsohn, Hensler, hatte sich Ostern
1791 ebenfalls dorthin begeben, um das juristische Studium zu beginnen.
Durch Reichardt’s Abgang von Berlin verlor unter den Freunden keiner
mehr als Ludwig. Für ihn schloß damit ein kurzer, aber inhaltsschwerer
Abschnitt, in welchem sich sein Leben umgestaltet hatte. Reichardt
hatte er Vieles zu danken. Durch ihn hatte er mittelbar oder
unmittelbar eine vielseitige künstlerische Anregung erhalten in
Poesie, Musik und dramatischer Darstellung, sein Geschmack hatte sich
geläutert, an Urtheil hatte er gewonnen. Er begann die Künste und
künstlerisches Leben zu überblicken, und mit Sicherheit auf diesem
Gebiete sich zu bewegen.
Im Vergleiche mit dem Reichthume des Lebens, den er in jenem
befreundeten Hause gefunden, war jetzt eine fühlbare Leere eingetreten.
Auch Amalie Alberti hatte Berlin verlassen, um zu ihren Verwandten
nach Hamburg zurückzukehren. Die Zahl der Freunde, mit denen er
früher lebte, war zusammengeschmolzen. Aber schon bereiteten sich
neue Verhältnisse vor. Ein Jüngling, der sich mit glänzenden Gaben
über die Menge der Genossen erhob, mußte Gegenstand allgemeiner
Aufmerksamkeit werden, und eine reiche Natur, wie die seine, welche
bei allen Anfechtungen das tiefste Bedürfniß geistigen Verkehrs
und der Mittheilung hatte, konnte sich auf die engen Grenzen eines
einseitigen Umgangs nicht beschränken. Er suchte und wurde gesucht.
Wichtig war es, daß er jetzt Freunde fand, welche seinen Beruf nicht
nur anerkannten, sondern ihn auch in die Literatur einführten. Er hörte
auf, ein versuchender Schüler zu sein, als Dichter und Schriftsteller
trat er auf.
Unter den Kämpfen, die er zu bestehen hatte, war nicht nur der Mensch,
auch der Dichter war in ihm gewachsen und gereift. Sein Dichten war
der unbefangene Ausdruck der Natur; es war etwas Ursprüngliches, aus
tiefster Lebensquelle kam es herauf. Er war frei von jeder Absicht,
und ließ es mehr geschehen, als daß er es gemacht hätte. Jetzt hatte
er eine klare Einsicht in sein Thun gewonnen, er begann die Poesie
als eine innere Nothwendigkeit zu erkennen, sie schien sich zur
Lebensaufgabe zu gestalten. Mit unendlicher Leichtigkeit dichtete er.
Mit dem eigenen Triebe, der ihn nicht ruhen ließ, verbanden sich äußere
Aufforderungen. Rasch wuchsen ihm unter den Händen die verschiedensten
Gebilde empor, ohne daß er selbst ihnen einen besondern Werth beilegte.
In den Stunden tiefer Schwermuth hatte ihn diese Kraft vom Rande der
Verzweiflung zurückgezogen. Die Poesie war ihm nicht blos Lust, sondern
auch Trost, sie hatte ihm Ruhe und Sammlung gegeben. Hatte er die
innere Freiheit soweit errungen, seine Phantasie zu beherrschen, statt
sich von ihren Larven angstvoll aus einem Schrecken in den andern jagen
zu lassen, dann strömten ihm Bild, Wort, Vers in reichster Fülle zu.
Alle Farben ließ er mit gleicher Leichtigkeit spielen. Er malte jenes
Grausen, in dem er selbst erbebte, oder er eilte den muthwilligen
Sprüngen seiner humoristischen Laune nach, oder willig und gern verlor
er sich in den Irrgängen des phantastischen Märchens.
Unter allen Formen, in denen er sich versuchte, blieb ihm die
dramatische die anziehendste und willkommenste. Selbst die Stoffe,
welche ihm die Schule darbot, kleidete er in dieselbe ein. Manche
Dichtung verdankte ihre Entstehung dem unbescheidenen Drängen seiner
Mitschüler, die nicht müde wurden die Hülfe des gutmüthigen Genossen
für die verzweifelten deutschen Arbeiten in Anspruch zu nehmen, und
sich kein Gewissen daraus machten, mit erbetteltem Ruhme zu prunken.
Der Willigkeit seines Genius gewiß, überließ er sich dann dem Zuge
desselben getrosten Muthes. Oft ward ihm erst während des Schreibens
klar, wohin er geführt werde, und die eilende Feder vermochte den
raschfließenden Versen kaum nachzukommen. Und keineswegs war es das
Unbedeutendste, was auf diese Weise entstand. Wie es im ersten Entwurfe
niedergeschrieben war, blieb es in der Regel; spätere Veränderungen
waren selten Verbesserungen.
Als er in der Zeit der politischen Aufregung Linguet’s „Geschichte der
Bastille“ gelesen hatte, gab ihm dies Veranlassung zu einer kleinen
dramatischen Dichtung, in welcher er die Erhebung des Volks, den Bruch
der Fesseln und den Sturz der tyrannischen Mauern in begeisterter Rede
verkündigen ließ. In andern finstern Gemälden stellte er seine Zweifel
und Kämpfe dar, oder er versuchte sich auch, doch mit geringerer
Neigung, in antiken Stoffen und Versmaßen. Am mächtigsten aber wirkte
Shakspeare ein, den er zu lesen und zu studiren nicht müde wurde. Erst
unter dem Einflusse dieser Sonnenstrahlen schien sich die eigene Kraft
ganz zu entfalten. Shakspeare war ihm Vorbild und Lehrer, Dichter und
Gedicht zugleich. Ihn verherrlichte er schon im Jahre 1789 in einigen
dramatischen Scenen, in denen er anknüpfend an den „Sommernachtstraum“
die Weihe des Dichters schilderte, wie es selbst nur der Dichter vermag.
Denn vornehmlich waren es die wunderbaren Zauberspiele Shakspeare’s,
die seine Phantasie erfüllten. Der „Sturm“ mochte ihm bei einem
dramatischen Feenmärchen: „Das Reh“, vorgeschwebt haben, welches er
1790 für seinen wenig zuverlässigen und begabten Schulgefährten Schmohl
mit gewohnter Gutmüthigkeit in kurzer Zeit geschrieben hatte. Demselben
gab er 1791 die ersten Capitel des „Abdallah“. Und gerade diese
Dichtung gehörte ihm am eigenthümlichsten, denn sie war ein Ausfluß
seiner trüben und verzweiflungsvollen Stimmungen. Schon früher hatte
er diese in mehr gemäßigter Weise in dem Idyll „Almansur“ darzustellen
versucht, und mit dem Ergebniß abgeschlossen, daß die Rettung vor dem
Zweifel nur im Verzichten auf das Wissen liege. In beiden Erzählungen
hatte er den Osten zum Schauplatz seiner grausigen Phantasien gemacht.
Dieser galt einmal für das Land der Wunder und Märchen. Was die
Aufklärung auf dem heimischen Boden als Trug verlachte, hörte sie in
den Wüsten und unter den Palmen des fernen Asien gläubig an. In dieser
Welt einer vollen und üppigen Natur und uralten Weisheit verweilte er
gern. Seine Belesenheit hatte ihn hier heimisch gemacht. Wie er sich
als Kind dem Zauber orientalischer Feenmärchen überlassen hatte, so
waren später die Reisebeschreibungen von Mandelsloh und Olearius und
Sadi’s „Rosenthal“ seine Lieblingsbücher geworden. Aus ihnen machte er
sich den bilderreichen Ton, die phantastischen Wunder des Orients zu
eigen.
So entstand in den ersten Grundzügen schon auf der Schule jenes
schaurige Nachtgemälde „Abdallah“, das seinen Dichterruf begründen
sollte. Eine eigenthümliche Ironie war es, daß gerade diese Dichtung,
die in der Verwegenheit des Zweifels und im gewaltigen Schwunge der
Phantasie Schiller’s „Räubern“ sich nähert, zuerst den Namen eines
phantasielosen Gesellen trug, der dadurch bei Lehrern und Mitschülern
den Ruf eines Genies und starken Geistes erlangte. Mit unverschämter
Einfalt prangte er unter Ludwig’s Augen mit den Federn, welche er von
ihm erborgt hatte. Gutmüthig ironisch lachte dieser der gelungenen
Täuschung, besonders als er hörte, daß Rambach, für dessen Stilstunden
diese Arbeit angefertigt war, sich mit zuversichtlicher Miene habe
vernehmen lassen: „Was wollen Tieck’s Arbeiten im Vergleich mit denen
von Schmohl sagen! Gegen die kommen sie gar nicht auf.“
Der Neigung, seine Gedanken und Empfindungen mitzutheilen, folgte er
auch darin, daß er Andere zu dichterischen Versuchen aufforderte.
Geselligkeit war für ihn Bedürfniß, sobald seine Seele frei und
unumwölkt war. Nichts war ihm lieber, als mit Andern gemeinschaftlich
zu arbeiten, eine Aufgabe zu haben, die er im Verein mit einem
Freunde zu lösen suchte. Seine Dichterlust ging dann auf diesen
über. Mittelmäßige Köpfe gewannen in seiner Nähe an Zuversicht und
Selbstvertrauen; auch er glaubte an ihren Beruf, und konnte gutmüthig
genug für ursprüngliches Feuer halten, was nichts als der Widerschein
seines eigenen war. So hatte er seinen trockenen und nüchternen
Freund Piesker für den Plan, ein großes Trauerspiel gemeinschaftlich
zu bearbeiten, mächtig begeistert. Dieser, von dem Anstoße des
begeisterten Freundes fortgerissen, mühte sich redlich ab, dem guten
Glauben Ehre zu machen. Als beide einst auf dem Schlosse Fredersdorf
zusammen waren, fanden sie in der Hausbibliothek Rapin de Thoyras’
„Geschichte von England“. Wie glücklich waren sie, als sie hier die
Geschichte der Königin Anna Boleyn in breiter Ausführlichkeit lesen
konnten! Gab es für ein Trauerspiel in großem Stile eine bessere
Heldin als eine junge, schöne, tugendhafte Königin, welche als Opfer
der Hinterlist und tyrannischer Eifersucht fällt? Sogleich entwarf
man den Plan der Tragödie, und theilte die Arbeit. Ludwig sollte die
leidenschaftlichen Scenen ausführen, Piesker übernahm die Stellen, wo
mehr kalte Berechnung hervortreten sollte. Indeß verließ der Freund
bald darauf Berlin, und so blieb das wunderliche Werk unvollendet.
Um diese Zeit schloß er sich einigen jungen Männern reiferen Alters
an, die bereits als Lehrer am Werderschen Gymnasium angestellt waren,
und zu deren Schülern er selbst gehörte. Der Unterschied der Jahre und
die Schranken der Schule verschwanden vor der ausgleichenden Kraft
des Genies, das im Augenblicke eroberte, was Andere mühselig erwerben
mußten. Diese jüngern Lehrer hatten sich bereits unter den Einflüssen
der Literatur herangebildet, welche auch seine Richtung bestimmte.
An Goethe, an die neue Philosophie schlossen sie sich an. Die engen
Schranken im Wissen und Leben sollten fallen. Beides sollte nicht mehr
durch eine steife und ängstliche Stubengelehrsamkeit getrennt werden,
es sollte sich vielmehr durchdringen. Es war der Gegensatz des jüngern
Geschlechts, das erobern will, gegen das ältere besitzende, welcher
Ludwig diesen Männern zuführte.
Dagegen lösten sich die nähern Verhältnisse zu den frühern Lehrern auf.
Der Subrector Stilke, dessen Zucht Ludwig in den ersten Schuljahren
erfahren hatte, war seit längerer Zeit Prediger in Ruhlsdorf bei
Berlin. In alter Anhänglichkeit hatte er ihn mit einigen Gefährten
bisweilen auf seiner Pfarre besucht. Mit humoristischem Behagen fand
er, daß er noch immer der Alte sei. In weinerlich-näselndem Tone
klagte der wunderliche Mann über das Kreuz und die Plagen der Welt,
die Verfolgungen schlechter Menschen, die ihn seiner Frömmigkeit wegen
träfen. Auf die Bemerkung, daß das Kreuz ihm wohl zu bekommen scheine,
da er ja an Leibesfülle ansehnlich zugenommen habe, antwortete er:
„Ach, liebe Freunde, das thue ich allein meiner theuern Gemeinde
wegen.“ Bei diesen Worten zog er ein Polsterkissen hervor, welches er
unter die Weste zu knöpfen pflegte, um sich ein ehrwürdiges Ansehen zu
geben.
Zu den jüngern Lehrern, denen Ludwig schon früher nähergetreten war,
gehörte der geistvolle Uhden, der eine Zeit lang den geschichtlichen
Unterricht in der obersten Classe ertheilte, dann Rambach und
Bernhardi. Beide waren im Laufe des Jahres 1791 Mitglieder des von
Gedike geleiteten Seminars für gelehrte Schulen geworden, und hatten
als solche eine Anzahl von Lehrstunden am Werderschen Gymnasium
übernommen.