Ein anderes Mal hörte Ludwig ihn predigen. Denn bisweilen ließ sich

Moritz beikommen, die Kanzel zu besteigen. Angstvoll hatte er in seiner

Jugend zwischen Theater und Kanzel geschwankt. Jetzt schmeichelte es

ihm, sich auch auf dieser Stelle zu zeigen. Die Predigt war ihm eine

Gelegenheit, seine Rednergabe und Herrschaft über die Sprache wirken zu

lassen. In diesem Sinne behandelte er sie mit dramatischem Ausdruck,

er begleitete sie mit lebhaften, absichtlichen Bewegungen. Er sprach

mit untergeschlagenen Armen, trat einen Schritt zurück, dann wiederum

vor, dann plötzlich wie hingerissen vom Feuer der Rede, streckte er die

Arme heftig nach vorn aus, und traf die vor ihm liegende Bibel, daß

sie über den Rand der Kanzel in das Schiff der Kirche hinabfiel. Auch

sagte man ihm nach, daß er in der Regel eine oder die andere Bitte des

„Vaterunser“ auslasse.

Trotz aller Sonderbarkeiten war Moritz eine sehr anregende

Persönlichkeit. Seine Vorlesungen, welche er als Professor an der

Akademie der Künste über Alterthümer und Kunstgeschichte hielt, wurden

von Liebhabern viel besucht und waren nicht ohne Einfluß und Bedeutung.

Auch Ludwig und Wackenroder hatten sich Zutritt verschafft, und wenn

sie auch nicht überall fanden, was sie suchten, so wurde doch Manches

in ihnen erweckt, was in späterer Zeit zur Klarheit kommen sollte.

8. Ein Weltereigniß.

Das Leben, welches Ludwig im Hause des Kapellmeisters Reichardt

kennen lernte, waren die Gedanken, Gefühle und Neigungen, welche die

jüngere gebildete Mittelclasse Berlins beherrschten und leiteten.

Es war ein künstlerisches Stillleben voll Sicherheit, Genuß und

Selbstzufriedenheit. Der Gedanke einer allgemeinen, humanen Bildung,

welche in der Literatur einen so siegreichen Ausdruck gewonnen hatte,

erfüllte die Gemüther. Diese Bildung zu erwerben, war die vornehmste

Pflicht.

Aber um sich zu bilden, sich weiterzuentwickeln, mußte man sich

kennen und das eigene Herz ergründen, in dem die Geheimnisse der

Menschheit verschlossen ruhten. So wurde man auf Selbstbeobachtung

hingeführt. Gewiß hatte man Recht, die Selbsterkenntniß und die

aufrichtige Arbeit an sich selbst als die schwierigste und wichtigste

aller Aufgaben zu bezeichnen; aber wie schmeichelte es nicht der

Eigenliebe, als der Gegenstand tiefer und merkwürdiger Forschungen

zu erscheinen! Die bedeutendsten Bildungsmittel fand man weniger in

einzelnen Fachwissenschaften, als in einer populären Philosophie, in

dem Gangbarsten, was man sich aus Kant’s Lehren anzueignen suchte, in

der Poesie und Literatur, in der Kunst und besonders in dem Theater.

Das Kunstwerk studirte man, an ihm bildete man sich. Man mußte sich

Rechenschaft geben von seinen Bedingungen, von seinem Wesen, seinen

Einwirkungen auf die Bildung. Man mußte ein ästhetisch-philosophisches

Urtheil haben, das war unerläßlich. Und was konnte zugleich angenehmer

sein als ein Studium, welches die Genüsse der Kunst zur Pflicht

machte? Aber indem man sich ihnen eifrig ergab, geschah es, daß man

sich die Mühen des Studiums immer leichter machte, bis zuletzt der

selbstgenugsame Genuß ausschließlich an seine Stelle getreten war. Die

Gebildeten gewöhnten sich, auf diesen einen Punkt Alles zu beziehen,

von ihm aus die Welt zu betrachten, und so verwandelte sich Alles in

einen verfeinert idealisirten oder auch mehr sinnlichen Genuß, der sich

und Andere mit dem Namen von Wissenschaft und Bildung in gefährlicher

Weise täuschte.

Bei solchen Ansichten mußte die Außenwelt an Wichtigkeit und Bedeutung

verlieren. Sie schien nichts zur Lösung der Räthsel, welche im Bereiche

des Herzens lagen, beitragen zu können, und wo sie mit rauher Hand

eingriff, war sie störend und unbequem, am liebsten bekümmerte man sich

gar nicht um sie. Und lebte man nicht in seinem Staate in vollster

Sicherheit nach innen und außen? War man nicht im Besitze der Erbschaft

Friedrich’s des Großen und hatte seinen Ruhm, seine Verwaltung, sein

Heer? Die Staatsmaschine, wie er sie hinterlassen hatte, schien

unverbesserlich; mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerks lief sie ab. Der

Gedanke an Kriegsgefahr war, wie die Erinnerung an den Krieg, in weite

Ferne zurückgetreten.

So machte der Eintritt eines gewaltigen, weltgeschichtlichen

Ereignisses auf diese Gemüther keinen mächtigen Eindruck. In

die eigenen Gefühle zu sehr versenkt, empfand man den Stoß der

ausbrechenden Französischen Revolution auf das alte Europa nicht

als drohende Ankündigung einer tiefen Umwälzung. Man meinte nichts

weniger, als daß hier ein Brand sich entzündet habe, der im nächsten

Augenblicke auch das eigene Haus ergreifen könne, in dem man sich so

bequem eingerichtet hatte. Manchem mochte es scheinen, als könne man

diesen Kämpfen mit derselben Gemächlichkeit zusehen, mit welcher man

Ritterstücke und Familiendramen auf dem Nationaltheater sich vorspielen

ließ.

Freilich fehlte es auch nicht an solchen, und es waren oft gerade

die bedeutendsten Persönlichkeiten, welche den neufränkischen Ideen

entgegenjubelten, und in ihnen den Anbruch eines neuen Zeitalters

in Prosa und Versen begrüßten. Es war dies nur eine andere Art des

Idealismus. Unbefangen revolutionirten sie auf dem Papiere. Eine

politische Bedeutung hatte es kaum, wenn man sich für Menschenrechte

und Freiheit begeisterte, sich in Demokraten und Aristokraten theilte,

die „Marseillaise“ sang, auf die Tyrannen schalt und die Jakobiner

pries.

An die möglichen Folgen dachten gewiß die Wenigsten. Die Meisten

kehrten am Ende doch wieder zu ihren Neigungen des Herzens und der

Kunst zurück. Aber mit innerster Befriedigung erkannten sie die

freimüthige Derbheit an, mit welcher der wackere deutsche Biedermann

in einem Iffland’schen Familiendrama dem tyrannischen Minister die

Wahrheit sagte, ränkevollen Kammerjunkern und blutsaugerischen

Steuerbeamten die Larve abriß, und den wohlwollenden, aber getäuschten

Fürsten unsanft aus seinem Nachmittagsschlafe aufrüttelte.

Daß die jüngere Welt von diesen neuen Vorstellungen zumeist und

am lebhaftesten ergriffen wurde, daß es hier an überschlagender

Stimmung nicht fehlte, war natürlich. Auch Ludwig wurde vorübergehend

davon berührt. Schon vor dem Ausbruche der Revolution hatte eine

eigenthümliche Gunst des Geschicks ihm einen Helden der künftigen

Tragödie im voraus gezeigt.

Eines Nachmittags war er mit einem Lieblingsbuche in der Tasche zum

Halleschen Thore hinausgewandert. Sein Weg führte ihn nach einem etwas

abgelegenen Vergnügungsorte, welcher in der berliner Volkssprache

der dustere Keller heißt. In einem Winkel des kleinen Gartens warf

er sich mit seinem Buche bei einem Glase Milch ins Gras. Um einen

benachbarten Tisch war eine Gesellschaft von Stammgästen versammelt,

die sich lebhaft in französischer Sprache unterhielten. Sie gehörten

der Französischen Colonie an, und höflich wie sie waren, forderten sie

ihn auf, unter ihnen Platz zu nehmen. Er folgte der Einladung und hörte

ihren Gesprächen zu, die politischen Inhalts waren.

Vom ersten Augenblicke an hatte ein Mann seine Aufmerksamkeit erregt,

welcher der Wortführer der Gesellschaft zu sein schien. Er sprach mit

einer Stentorstimme und flutenden Beredtsamkeit, der gegenüber Alles

verstummen mußte. Was er sagte, begleitete er mit dem ausdrucksvollsten

Mienenspiele und gewaltsamen Geberden. Einen solchen Menschen, ein

solches Gesicht meinte Ludwig noch niemals gesehen zu haben. Es war

eine starke, stämmige Figur, aus der ein eigenthümlicher Trotz sprach.

Aus dem Kopfe blitzten ein paar Augen mit einem stechenden, kaum zu

ertragenden Blicke. Im Ausdrucke des Gesichts, das von Blatternarben

zerrissen war, herrschte ein sonderbarer Widerspruch. Von vorn gesehen,

hatte es etwas Abschreckendes, Rohes, ja Gemeines, während es von

der Seite edle Umrisse darbot, welche an einen antik geschnittenen

Kopf erinnerten. Mit großer Zuversicht verkündete der Redner die

Nothwendigkeit und den baldigen Beginn einer politischen Umgestaltung.

Diese Zusammenkünfte und Unterhaltungen wiederholten sich mehrere Male,

und Ludwig, angezogen durch die Neuheit solcher Eindrücke, verfehlte

nicht, daran theilzunehmen. Eines Tages fehlte die Hauptperson. „Wo

bleibt denn heute unser Demokrat?“ hieß es. Ludwig wagte endlich die

Frage, wer dieser gewaltige Redner sei. „Wie, junger Mann“, entgegnete

man, „so kennen Sie den Mann nicht? Es ist der Graf Mirabeau.“ Für

Ludwig war die Sache mit dieser Entdeckung vorbei. Er sah den Mann

nicht wieder, und bald darauf hieß es, Mirabeau habe die Stadt

verlassen. Erst später hörte er den verhängnißvollen Namen wieder und

erinnerte sich jener Begegnung.

In dieser Zeit fing es auch an, in den Köpfen der Schüler zu gähren.

Man eiferte gegen den Adel und die Tyrannen, wie man diese etwa aus dem

Plutarch kannte. Unterhaltungen, Reden und Aufsätze hallten nun von

diesem Tone wider. In einer der üblichen Reden hatte sich ein Schüler,

welcher selbst dem Adel angehörte, sehr bestimmt gegen denselben

erklärt. Auf Gedike’s Bemerkung, daß das Worte seien; ob er sich den

Entschluß zutraue, den Adel in der That abzulegen, betheuerte jener

feierlich, daß er dazu mit Freuden bereit sei.

Auch Ludwig wurde von diesen Gedanken ergriffen. Als er sich indeß zu

Hause in der Weise neufränkischer Begeisterung vernehmen ließ, wurde

er von dem Vater nicht eben glimpflich zurechtgewiesen. Dergleichen

weltreformirende Reden mochten diesen im Munde des kecken Sohnes

doppelt verdrießen. Er war ein zu guter Bürger und zu sehr Freund

strenger Herrschaft, um sich mit dem Umsturze bürgerlicher Ordnung

befreunden zu können. Er ahnte das Zerstörende solcher gewaltsamen

Bewegungen, und pflegte diese politischen Erörterungen mit den Worten

zu enden: „Dabei kann nur Verkehrtes und Thörichtes herauskommen. Das

ganze Volk taugt zu solchen Dingen nicht. Der Erfolg wird es lehren!“

Der Erfolg lehrte es in der That. Als die Zeiten des Schreckens

kamen, wurden auch die kühnen Sprecher stumm; und als der Vater voll

Genugthuung fragte: „Nun, habe ich es nicht gesagt? Wer hat nun Recht?“

hatte Ludwig dem nichts entgegenzusetzen. Vor diesen Gräueln schauderte

seine innerste Natur zurück. Die Erregung für Revolution und Politik

erlosch, und er wandte sich wieder den Kreisen des innern Lebens zu,

die er eigentlich nie verlassen hatte.

9. Verlust und Versuchung.

Doch auch jenes künstlerische Stillleben sollte ein Ende nehmen. Hier

zuerst hatte sich den Freunden eine Welt erschlossen, in welcher sie

sich dem Alltäglichen entrückt fühlten. Innig verbunden durch Talent

und Freundschaft, im Bewußtsein der ersten frischen Kraft, getragen

von überschwellender Begeisterung für Dichtung und Kunst, hatten sie

Augenblicke reinen Glücks und jugendlicher Seligkeit genossen. Aber

es war nur ein Augenblick, in dem die Strahlen zum vollen Farbenspiele

sich verbanden, und dieser Augenblick war entflohen, als man ihn am

sehnlichsten zu halten gewünscht hätte. Langsam und allmälig hatte

dieser Freundeskreis sich zusammengefunden, rasch löste er sich wieder.

Schon hatte der Tod seine Hand über ihn ausgestreckt, und schmerzliche

Erfahrungen kamen an die Reihe.

Viering, der Freund, dessen Witz und Laune die Gefährten so oft

erheitert hatten, schied zuerst aus. Er wurde das Opfer eines

knabenhaften Vorwitzes, dessen Versuchungen er mitten im künstlerischen

Aufschwunge nicht widerstehen konnte. An einem Winternachmittage hatte

Ludwig seine Freunde Viering und Hensler auf einem Spaziergange vor

das Kottbuser Thor begleitet. Scherzend und lachend kam man an einen

Graben, den bereits eine leichte Eisrinde deckte. Voll Uebermuth rief

Viering, ob man sich wol entschließen würde, in das eisige Wasser zu

springen. Hensler antwortete zweifelnd; man ereiferte sich, und sobald

Ehrgeiz und Eitelkeit sich einmal verletzt fühlten, überboten sich

Beide in knabenhafter Weise. Jeder wollte den Andern überführen, er

besitze männliche Entschlossenheit genug, um dieses Probestück des

Muthes und der Abhärtung auf der Stelle zu wagen. Ludwig stellte ihnen

das Kindische, das Lächerliche eines solchen Ehrgeizes vor, er bat,

ermahnte, schalt. Ohne daß er es hindern konnte, warfen sich Beide in

das Wasser. Durchnäßt, erstarrt eilten sie dann nach Hause. Viering

erkrankte gleich darauf heftig; er verfiel in ein hitziges Fieber, in

acht Tagen war er todt. Hensler kam ohne erheblichen Nachtheil für

seine Gesundheit davon.

Aber auch andere Lücken traten ein. Schon früher war Piesker nach

Wittenberg gegangen, um dort die Rechte zu studiren. Zu gleichem

Zwecke hatte sich Toll Ostern 1790 nach Frankfurt begeben.

Mit angestrengtem Fleiße hatte er auf der Schule gearbeitet, und da

er auch an den künstlerischen Spielen lebhaften Antheil nahm, manche

Nacht geopfert. Durch starke körperliche Uebungen suchte er dann

das Gleichgewicht der Kräfte wiederherzustellen. Schon damals war

sein Gesicht von einer unheilkündenden Blässe überzogen. Als Student

setzte er diese Lebensart fort. Aber noch etwas Anderes zehrte an

ihm. Er hatte eine heftige Neigung zu Reichardt’s älterer Schwägerin,

Marie Alberti, gefaßt. Zwar blieb sie nicht unerwidert, aber für

jetzt hatte sie wenig Aussicht auf Erfüllung. Die Trennung steigerte

seine Leidenschaft, die Sehnsucht trieb ihn nach Berlin zurück. Seine

Gesundheit wankte. Darauf wurde er in Frankfurt von einem Nervenfieber

ergriffen und erkrankte tödtlich. Seine Freunde eilten Ludwig von dem

drohenden Verluste zu benachrichtigen; zugleich baten sie ihn, bei

Reichardt zu vermitteln, daß er seiner Schwägerin nach Frankfurt zu

reisen erlauben möge. Von ihrem Erscheinen hoffte man eine günstige

Wendung für den Kranken.

Ludwig that, was man gewünscht hatte. Für ihn selbst war diese

Nachricht ein Donnerschlag. Wie hatte er gerade diesen Freund geliebt,

sich an ihn gelehnt, in dem sich Geist und Anmuth der Form mit einem

festen, männlichen Charakter verband! Mit jeder Stunde stieg die bange

quälende Erwartung. Er trug es nicht länger. Wie er ging und stand, zu

Fuß, machte er sich auf den Weg nach Frankfurt. Er dachte nicht an die

Folgen dieses eigenmächtigen Entschlusses, nicht an die Anstrengung

des Weges. Er wollte Gewißheit haben, womöglich den Freund noch einmal

sehen.

Es war im Herbst des Jahres 1790. Trübe und kalte Wolken bedeckten den

Himmel, es regnete. In athemloser Eile trieb ihn der Gedanke an den

sterbenden Freund unaufhaltsam vorwärts. Nicht genug konnte er seine

Schritte beschleunigen; zuweilen brach er in lautes Weinen aus. Erst

spät in der Nacht gönnte er sich Ruhe in einer gewöhnlichen Herberge.

Kaum graute der Tag, so eilte er weiter. Es gab für ihn keinen Schlaf,

er fühlte keine Ermattung, keinen Durst oder Hunger. Bei Madlitz, dem

Schlosse des Grafen Finkenstein, kam er vorüber. Er warf einen halben

Blick auf den Park, der in Nebelregen gehüllt, trüb und entblättert

vor ihm lag. Ahnte er, daß ihm dieses Haus einst eine heimatliche

Stätte sein werde? Abgemattet von Anstrengung und innerer Angst,

durchnäßt von dem strömenden Regen, mit beschmuzten Kleidern kam er

endlich in Frankfurt an. Er eilte nach Toll’s Wohnung. Da fand er den

Freund bereits auf der Bahre. Man hatte die Leiche ausgestellt; eine

feierliche Bestattung ward vorbereitet. Marschälle mit Stäben umgaben

den Sarg. Ludwig trat hinzu, sie wehrten ihn ab. Wild und wüst, wie er

aussah, hielt man ihn für einen unbefugten Eindringling. Voll Schmerz

zog er sich zurück. Verwandte seines verstorbenen Freundes nahmen ihn

für die nächsten Tage auf.

Das Begräbniß erfolgte mit allem studentischen Prunke. Ludwig wohnte

ihm als Leidtragender bei. Am Grabe sprach ein Student einige Worte

der Erinnerung, Heinrich Zschokke aus Magdeburg. Früher Theaterdichter

bei der Schauspielertruppe in Landsberg, hatte dieser sich erst

spät entschlossen, zu studiren. Seine mannichfachen Erfahrungen,

sein männlich ausgebildetes Wesen und Derbheit hatten ihm unter den

Studenten bedeutendes Ansehen erworben. Ludwig machte seine persönliche

Bekanntschaft, doch weder die Stimmung noch der Augenblick waren zu

weiterer Annäherung geeignet. In trauriger Leere des Herzens kehrte

er nach Berlin zurück. Es war der schwerste Verlust, welchen er noch

erlitten hatte, und lange Zeit dauerte es, ehe diese Wunde sich schloß.

Die Erfahrungen der letzten Zeit hatten überhaupt einen erschütternden

Eindruck auf ihn gemacht; sie gewannen einen tiefen, bleibenden

Einfluß, der sein Wesen umzugestalten schien. Oder vielmehr eine

andere dunklere Seite desselben, die bisher von manchen glücklichen

Erfolgen bedeckt worden war, fing an hervorzutreten. In der Stille

war mit der Lust auch der Schmerz, mit dem Uebermuthe auch die

Schwermuth gewachsen. Mit immer düsterern Blicken begann er das Leben

zu betrachten. Seit jene ernste, heftig freundschaftliche Neigung

abgewiesen worden, waren trübe Stimmungen und rascher Wechsel von

ausgelassener Laune und finsterer Selbstpeinigung bei ihm häufig

geworden. Seitdem hatte er jenen unglücklichen Soldaten einer

Grausamkeit erliegen sehen, welche in der Gestalt des Rechts auftrat;

einen Freund hatte er als Opfer kindischer Thorheit, den andern in der

Fülle der Kraft und Hoffnung verloren. Warf er einen Blick auf das,

was man Bildung und Aufklärung nannte, auf das Glauben und Wissen der

Zeit, wie armselig erschien ihm beides! Er sah, wie Dünkel und Hochmuth

sich blähten, wie die Unwissenheit Orakel ertheilte, welche man gläubig

aufnahm, während man die wirklich Einsichtigen verhöhnte; wie man zu

wissen wähnte oder vorgab, wo man wie die Menge im Dunkeln tappte. Auch

ihn hatte man misverstanden, verkannt, seine tiefsten Ueberzeugungen

gebieterisch abgewiesen. Und was wußte er am Ende von diesen selbst zu

sagen? Wie oft trat nicht der Zweifel an die Stelle der Zuversicht!

Wenn in einem Augenblicke die Welt zu seinen Füßen zu liegen schien,

wie schwach, ohnmächtig, vernichtet fühlte er sich oft nicht im

nächsten! Ueberall, wohin er blickte, ein Jagen und Rennen, ein Kämpfen

und Ringen, ein Jauchzen und Klagen, unaufhörlich, immer wieder von

neuem beginnend! Was wollte das Alles? Wo war der Mittelpunkt, um

welchen dieser dunkle und wirre Knäuel von Arbeit und Mühsal, Kampf und

Schmerz, Wahn und Thorheit sich drehte?

Es gab Zeiten, wo das Gefühl alles Jammers und Elends seine Seele

mit furchtbarer Gewalt ergriff, wo ein dumpfer Schmerz sich seiner

bemächtigte, durch welchen immer wieder die Frage hindurchhallte,

auf die er keine Antwort hatte, Wozu? Warum? Ist es ein ewig in

sich wiederkehrender Kreislauf, oder gibt es ein Ziel für diese

verschlungenen Wege? Und wenn das, wo liegt es? Wo gibt es Aufschluß

und Gewißheit? So stand er vor den Grundfragen des Daseins, und mühte

sich vergebens sie auszudenken.

Aber Gott, Gott lebte doch! Zeugte nicht sein eigenes Herz von ihm? In

sich fühlte er eine tiefe Bewegung, das Bedürfniß, den Gedanken Gottes

sich näher zu bringen, ihn zu fassen, festzuhalten. Aber wie sollte

er ihn bewältigen? Mit niederschmetternder Gewalt, mit unendlicher

Furchtbarkeit stand er vor ihm; das Gefühl der tiefsten Schwäche, der

vollständigsten Unzulänglichkeit warf ihn zu Boden. Je mehr er sich

in den Gedanken des einen, ewigen, unendlichen Gottes zu versenken

strebte, desto unergründlicher zeigte er sich; je mehr er ihn mit

tödtlicher Angst suchte, desto tiefer schien er in eine ungewisse und

nebelhafte Ferne zu entweichen. Es war ihm, als stehe er am Rande eines

unabsehbaren, schwarzen Abgrundes, in den er hineinstürzen müsse. Dann

wieder, als blicke er zu der schwindelnden Höhe eines unerreichbar

steilen Gipfels empor, bis er selbst von jähem Schwindel ergriffen

niederfalle. Diese Angst steigerte sich bis zum wirklichen Schwindel,

zum körperlichen Schmerz. Wenn seine Seele, Zeit und Raum vergessend,

lange über diesen Abgründen geschwebt hatte, fühlte er es plötzlich

wie einen nervenzerreißenden Stoß durch das Gehirn dröhnen. Unter den

Schauern tiefsten Grausens fuhr er aus seinen Träumereien empor; er war

erschöpft, ohnmächtig. Auf diesem Wege lag der Wahnsinn!

Konnte denn der Mensch die Fülle und Tiefe der göttlichen Gedanken

überhaupt in sich aufnehmen? Mußte der unfaßbare Inhalt nicht das

schwache Gefäß zersprengen? Die Kluft war so unermeßlich tief, so

unausfüllbar; es schien so unmöglich, von der menschlichen Seite nach

der Gottes hinüberzureichen, daß schon darum die göttliche Liebe eine

Vermittelung geben mußte, um ihr Geschöpf nicht der vernichtenden

Verzweiflung zum Raube werden zu lassen. Aber nur selten gelang es ihm,

diese tröstliche Ueberzeugung festzuhalten, und immer wieder von neuem

fühlte er sich in jene tödtliche Angst hineingeschreckt.

So ergriff ihn denn zu Zeiten die vollste Trostlosigkeit, ja

Verzweiflung. Er wurde sich selbst ein unlösbares Räthsel, ein

Gegenstand des Schreckens, des Entsetzens. Fremd, unkenntlich, als

ein Anderer stand er sich selbst gegenüber. Mit diesen schwindelnden

Gedanken verbanden sich die entsetzlichen Bilder seiner Phantasie. Sie

warf ihre finstern, grauenhaften Schatten vor ihm her. Gespenstisch sah

er von außen die Gestalten auf sich zuschreiten, welche aus der Tiefe

seines Innern aufstiegen. Dann packte es ihn mit der Fiebergewalt des

Wahnsinns, gleichviel wo er war, ob allein oder unter Menschen. Die

Balken schienen über ihm zusammenzubrechen, es jagte ihn hinaus auf die

Straßen, ins Freie. Da erst schöpfte er Athem.

Als er einmal im Begriff war, in das Theater zu gehen, um den „Macbeth“

zu sehen, überfiel ihn plötzlich jenes Grauen. Er konnte es nicht über

sich gewinnen, einen Schritt weiterzugehen; er kehrte um. Athemlos

lief er belebtern Straßen zu, um sich selbst zu entfliehen. Auch das

helle, nüchterne Schulzimmer war keine Freistatt, die ihn vor seinen

Furien schützte. Freunde und Mitschüler erschienen ihm plötzlich fremd

und verwandelt, ihre Gesichter verzerrten sich zu grinsenden Larven.

Mit jedem Augenblicke stieg seine Angst; sie umringten ihn, sie

schienen sich seiner zu bemächtigen. Er stürzte hinaus; in gewaltsam

hervorbrechenden, unaufhaltsamen Thränen machte er seinem, von starrem

Entsetzen zusammengepreßten Herzen Luft. Erst nach einer halben Stunde

oder später vermochte er zu seinen Mitschülern zurückzukehren.

Nach solchen Anfällen versank er stets in tiefere Hoffnungslosigkeit.

Er verzweifelte an seinem Leben, am Dasein, an jeder höhern ordnenden

und leitenden Macht. Alles schien ihm gleich nichtig, gleich

widersinnig, der Mensch gehetzt wie ein scheues Wild, eine Beute

qualvoller Widersprüche, endloser Plagen, geistigen und körperlichen

Elends. Nur der Tod war ein sicheres Heilmittel. Die Versuchung des

Selbstmords stieg in ihm auf.

Oder andere verzweiflungsvolle Gedanken umdrängten ihn. Nicht das Gute,

das Böse beherrscht die Welt! Ein Ausfluß dieser herrschenden Macht

sind die Qualen, denen der Mensch unterworfen ist. Wie, wenn es möglich

wäre, sich mit dieser Macht in irgendeine unmittelbare Verbindung

zu setzen? Sollte es ihr nicht möglich sein, sich in sinnlicher

Erscheinung zu zeigen? Gibt es einen bösen Dämon, einen Teufel, einen

sinnlich wahrnehmbaren Vertreter des Bösen, sollte es dann kein Mittel

geben, welches ihn zwänge, aus seiner Verborgenheit hervorzutreten?

Mit seinen gräßlichen Phantasien verband sich nun das zur fixen Idee

steigende Verlangen, den Teufel mit eigenen Augen zu sehen. Eine

wahnwitzige Tollkühnheit ergriff ihn.

Ludwig Tieck Erinnerungen aus dem Leben des Dichters nach dessen mündlichen und schriftlichen Mitteilungen · 第 8 / 51 段