Reichardt selbst war ein Mann, ganz geeignet, Jüngere anzuregen, zu

bilden, in das Verständniß der Poesie und Musik einzuführen. Er stand

im Mittelpunkte des musikalischen Lebens, welches in den letzten Jahren

einen glänzendern Aufschwung genommen hatte. Im Jahre 1775 war er

an Graun’s Stelle nach Berlin berufen worden, er hatte einige Opern

componirt, und war seit dem Regierungsantritte Friedrich Wilhelm’s

II. als Director des neubegründeten Orchesters der Italienischen

Oper in einen umfassendern Wirkungskreis getreten. Mit Sängern und

Schauspielern, mit Künstlern aller Art brachte ihn sein Beruf in

Berührung, mit vielen wissenschaftlichen und dichterischen Namen hatte

er Verbindungen, fremde Künstler und Gelehrte versäumten es nicht,

sein Haus zu besuchen. Er selbst war voll Geist und Beweglichkeit.

Auf die Entwickelung seines musikalischen Talents legte er keinen

ausschließlichen Werth. Durch eine vielseitige, allgemeine Bildung,

durch Kenntnisse in den verschiedensten Fächern, durch lebhafte

Theilnahme an allen Aufgaben des Lebens wollte er sich von seinen

einseitigen Fachgenossen unterscheiden, er wollte kein dürftiger,

halbgebildeter Musikmeister sein. Er war ein eifriger Anhänger Kant’s

und der neuen kritischen Philosophie. Er hatte eine Zeit lang in dem

Fache der Verwaltung gearbeitet. Später hatte er bedeutende Reisen

unternommen, hatte Italien gesehen, war in Paris und London gewesen,

und war mit Goethe in Berührung gekommen, dessen „Claudine von Villa

bella“ er componirt hatte. Auch als Schriftsteller war er aufgetreten.

Er war Virtuos und Componist, theoretischer und schriftstellender

Musiker. Aber diese unruhige Vielthätigkeit zersplitterte doch seine

Kräfte und beförderte ein starkes Selbstvertrauen, welches, da er

Alles kennen und verstehen wollte, ihn bisweilen über seine Grenzen

hinausführte.

Auf Ludwig wirkte zunächst die Frische der anregenden Kraft, der

bedeutende Name in der Kunstwelt, die angesehene Stellung des Mannes.

Zum ersten Male blickte er hier in ein anerkanntes, von Geist

getragenes, glänzend erscheinendes Kunstleben. Wovon er sonst nur

einzelne Seiten aus der Ferne gesehen hatte, das trat ihm hier als ein

Ganzes, in sich Fertiges entgegen. An diesen neuen Vorbildern begann er

seine Kräfte zu messen. Aus der allgemeinern Vorbereitung der Schule

ging er nun in die künstlerischen Lehrjahre über, welche ihm schon jene

Richtung geben sollten, die ihn einige Jahre später in die Literatur

hineinführte.

Zunächst fand seine Neigung für das Theater hier nicht nur neue

Nahrung, sondern auch Ausbildung. Es war die Zeit, wo in Berlin

die Theaterliebhaberei immer mehr Boden gewann. Die Bühne galt für

ein hauptsächliches Mittel allgemeiner und volksthümlicher Bildung,

die Anregungen großer Talente in der Schauspielerwelt kamen hinzu,

die dem früher verachteten Stande Anerkennung zu erobern anfingen.

Man eiferte ihnen nach, las in Gemeinschaft dramatische Dichtungen

nach Rollenvertheilung, und stellte endlich zu eigener Uebung in

geselligen Kreisen Versuche in den mimischen Künsten an. In Reichardt’s

Hause sah man es daher nicht ungern, als sich um den Stiefsohn eine

Anzahl fähiger Jünglinge sammelte, und aus kindischen Anfängen ein

Liebhabertheater hervorging, das zuletzt die Haltung ernster Studien

annahm.

Bis dahin hatte Ludwig sein Theatertreiben in alter Weise fortgesetzt.

Zu Hause, im Freien, wo es irgend anging, hatte er mit seinen

Geschwistern auf improvisirter Bühne wie ehemals gespielt. Wie früher

in der Kirche, hatte er später einmal in einem abgelegenen Theile des

Thiergartens einen freien Platz entdeckt, der von Bäumen und dunkelm

Gebüsch umschlossen, durch seine tiefe Stille und die Sicherheit

vor Ueberfällen störender Spaziergänger zur Darstellung irgendeiner

Tragödie einzuladen schien. Sogleich begann man Gerstenberg’s „Ugolino“

abzuspielen, der sich damals besonderer Gunst erfreute, weil er mit

dem geringsten Personenaufwande im Gräßlichen das Höchste leistete,

was zu erreichen war. Natürlich spielte Ludwig den Ugolino, die

Uebrigen thaten ihr Bestes, als zu ihrer großen Ueberraschung aus dem

Seitengebüsche ein Mann hervortrat, welcher die Schauspieler unbemerkt

belauscht hatte. „Sie haben Ihre Sache recht brav gemacht, junger

Mann“, wandte er sich zu Ludwig; „aber wie kommen Sie bei Ihrer Jugend

schon zu diesem gräßlichen Stücke?“ Ein Vorwurf, welchen man bei der

Anerkennung, die man gefunden hatte, sehr gern in den Kauf nahm.

Alles gewann ein anderes Ansehen, als man unter Reichardt’s Augen zu

spielen anfing. Es sollte kein Spiel mehr bleiben; es sollte eine

Gelegenheit zur Ausbildung des guten Geschmacks und feiner Sitten,

eine Schule für glückliche Anlagen werden. Zu der leitenden Einsicht

gesellten sich bedeutendere Hülfsmittel. Ein ziemlich zahlreiches,

für die Sache begeistertes Personal fand sich beisammen. Alle Freunde

Hensler’s und Ludwig’s wurden dazu herangezogen, die irgend Lust und

Neigung hatten, an diesen Versuchen theilzunehmen. Durch Kauf und

Geschenk erwarb man eine Art von Garderobe, und für manchen andern

Bedarf sorgte die Geschicklichkeit Friedrich Tieck’s, den der Vater

1790 zu dem Bildhauer Bettkober in die Lehre gab. An den Darstellungen

selbst nahm er weniger Antheil, aber für die Ritterstücke wußte er die

unentbehrlichen Helme und Panzer mit kunstgeübter Hand aus Pappe, Gold-

und Silberpapier anzufertigen, und den edeln Rost des Alterthums so

täuschend nachzuahmen, daß auch er in seiner Kunst allgemeinen Beifall

erwarb. Endlich konnte man auf ein, wenn auch nicht zahlreiches, doch

gebildetes und urtheilsfähiges Publicum rechnen, das zugleich durch

seine persönliche Theilnahme ermuthigend einwirkte.

Man wagte sich an die Darstellung großer, ja classischer Schauspiele.

Vor keiner Schwierigkeit bebte man zurück, je unübersteiglicher

die Hindernisse schienen, desto lieber suchten die jungen Künstler

sie zu überwinden. Ihre Phantasie nahm den höchsten Flug, und dem

Schwersten glaubten sie sich gewachsen. Neben einigen geläufigen

Bühnenstücken spielten sie Lessing’s „Schatz“ und „Philotas“. Dann

gingen sie zu den beliebten Ritterstücken über, in denen sie in allem

Waffenschmucke prangen konnten, und endlich im Sturmschritte zu

Shakspeare. Man theilte sich in Rollen und Rollenfächer; ein wahrhafter

Künstlerwetteifer entstand, ein Jeder suchte sich von der besten

Seite zu zeigen. Wackenroder schien durch sein ernstes Wesen für die

Darstellung von Königen und Fürsten geeignet, Toll und Hensler spielten

die jugendlich kriegerischen Helden, Bothe die Greise, Viering und

Piesker übernahmen die komischen Rollen. Die schwierigsten Charaktere

im Trauerspiele wie im Lustspiele hatte man Ludwig mit voller

Anerkennung seiner Ueberlegenheit abgetreten.

Und in der That, neben der kindischen Unbehülflichkeit der Einen und

der leichten Liebhaberei der Andern trat bei ihm die glückliche Anlage

für mimische Charakterdarstellung unzweideutig hervor. Auch besaß

er Alles, was dazu erforderlich war; eine edle, schlanke Gestalt,

eine klangvolle, umfassende Stimme, die von den feinsten Wandlungen

bis zum gewaltigen Donner der Leidenschaft anschwellen konnte, ein

ausdrucksvolles Gesicht, das mit ungesuchter Kunst jede Bewegung des

Innern widerspiegelte. Doch seine Hauptstärke lag in einem andern

Punkte; der Dichter machte bei ihm den Schauspieler. Es war nicht die

nachahmende Darstellung des gewöhnlichen Schauspielers, welche er gab,

sondern er schuf selbst, wenn er spielte, er ging dem Dichter nicht

allein nach, er ergänzte und überholte ihn oft. Es leitete ihn ein

tieferes, ahnendes Verständniß der Dichterwerke. Mit den ersten Worten,

die er sprach, erfüllte ihn seine Rolle ganz, die Täuschung wurde zur

Wahrheit, er wandelte sich in den fremden Charakter um. Er glaubte

die Person zu sein, welche er darstellte, und war es auch nach dem

Eindrucke zu schließen, welchen er auf seine Freunde, auf die Zuschauer

machte. In dem Augenblicke, wo Otto von Wittelsbach (er spielte diese

Rolle in dem damals beliebten Stücke dieses Namens von Babo) von

dem Gefühle tödtlicher Beleidigung und schwarzen Undanks gestachelt

zum Mörder wird, ergriff ihn bei den sonderbar dunkeln Worten: „Was

wollen die Hunde mit ihrem Bellen?“ eine innere Wuth, ein solches

Außersichsein im eigentlichen Sinne des Worts, daß Wackenroder, der den

Kaiser spielte, und seine Umgebung sich scheu vor ihm zurückzogen, weil

sie im Ernst fürchteten, er könne ein Unheil anrichten.

Einen nicht geringern Erfolg hatte er in humoristischen Rollen, in

denen er seiner komischen Laune den vollen Zügel schießen ließ; so

als Falstaff, wo Wackenroder wiederum als König, Hensler als Prinz,

Toll als Percy neben ihm auftraten. Beachtete er dagegen das Spiel

seiner Freunde, so schien es ihnen nicht voller Ernst mit der Sache,

als seien sie in ihren Rollen Doppelwesen, deren äußere Hälfte zu der

innern nicht passen wollte. Hatte er selbst bei seinen Darstellungen

ein Vorbild, so war es Fleck, und er mochte versuchen, die Eindrücke

hervorzurufen, welche er von jenem in seinen Hauptrollen empfangen

hatte.

Frühzeitig hatte Reichardt Ludwig’s hervortretenden Beruf erkannt,

er folgte ihm mit Aufmerksamkeit, und durch ein eingehendes und

wohlmeinendes Urtheil leitete er ihn allmälig von seinem kühnen

Naturalismus zu einer bewußtern Kunstübung an. Zunächst wies er

ihn auf die Nothwendigkeit hin, seine Stimme zu bilden und zu

beherrschen. Als er einst allgemeinen Beifall dadurch geerntet hatte,

daß er unerwartet die Stimme wechselte, und in einem fremden, bis

zur Täuschung nachgeahmten Ton gesprochen hatte, sagte Reichardt

zu ihm: „Junger Freund, Sie misbrauchen und gefährden Ihr Organ.

Jedes musikalische Instrument ist auf einen gewissen Ton gestimmt,

und die Aufgabe des Virtuosen ist, diesen immer reiner und voller

herauszuarbeiten. Je mehr dies geschieht, um so sicherer ist auch die

Wirkung. Nicht anders ist es mit der Stimme des Menschen. Jedes Organ

hat seinen eigenthümlichen Grundton. Es kommt darauf an, diesen nach

allen Nüancen hin auszubilden, deren er fähig ist. Vertauscht man

willkürlich diesen natürlichen Ton mit einem fremden, unnatürlichen,

erzwungenen, so geräth man in Gefahr, jenen zu verlieren, und um eines

eiteln Kunststücks willen das Organ zu Grunde zu richten.“ Auch führte

er wol weiter aus, wie es nicht darauf ankomme, durch eine gewaltsame

Anstrengung desselben die Zuhörer in Staunen zu setzen, es vielmehr zu

beherrschen, es nicht verschwenderisch auszugeben, sondern im rechten

Zeitpunkte mit aller Kraft wirken zu lassen. Die durch die Stimme

selbst gebotene Art der Anwendung schütze sie nicht nur vor krankhaftem

Reiz, sondern stärke und erweitere sie.

Den Werth dieser einfachen und natürlichen Regeln lernte Ludwig durch

ihre Befolgung bald genug anerkennen. Gern achtete er daher auch auf

manchen andern Wink Reichardt’s. Zugleich begann er mit Eifer Engel’s

„Mimik“ zu lesen, welche damals in hohem Ansehen stand. Endlich hatte

Reichardt auch dafür Sorge getragen, daß sein Kunstjünger Gelegenheit

fand, die großen Vorbilder, die er sich gewählt hatte, fortgesetzt

in eigener Anschauung zu studiren. Er hatte bei Engel, der im Verein

mit Ramler das sogenannte Nationaltheater seit 1787 leitete, für ihn

und seinen Stiefsohn ein Freibillet ausgewirkt. So wurde Ludwig durch

Anlage und Eifer bald über die Grenzen der gewöhnlichen Liebhaberei und

jugendlichen Begeisterung hinausgeleitet, und es schien in der That,

als ob die Vorbereitung für die Bühne seine stille Absicht sei.

Indessen gewannen diese Darstellungen noch einen Reiz anderer Art,

der freilich nicht aus dem Kunsteifer hervorging. Zu den Spielen

vor den Coulissen gesellte sich ein zweites hinter denselben, das

mindestens ebenso anziehend war als jenes. Zu dem Publicum gehörte

auch Reichardt’s Frau und deren Schwestern, Töchter des hamburgischen

Pastors Alberti, der ein Freund Lessing’s gewesen war und in der

theologischen Welt keinen unbedeutenden Namen hatte. Die beiden

jüngern Schwestern, ein paar heranwachsende Mädchen, waren mit den

Kunstgenossen bald bekannter geworden, und wurden von diesen trotz

ihrer Jugend und Anmuth mit dem ehrwürdigen Namen der „Tanten“, den

sie in der Familie führten, scherzweise bezeichnet. Anfangs hatten die

Tanten den dramatischen Spielen mit vollem Beifalle zugesehen, dann

ließen sie sich bereit finden, auf ihre Stellung zu verzichten, und zur

Unterstützung dieser Kunstübungen einige passende Rollen zu übernehmen.

Nun erhielten die Vorstellungen einen verdoppelten Schwung; man spielte

mit dem feurigsten Eifer, und unter der Hülle der gemalten Leidenschaft

fing die wirkliche an lebendig zu werden.

Es konnte nicht fehlen, daß der Ruf dieser werdenden Kunstschule

über die bescheidenen Grenzen der Familie und des Hauses hinausging.

Reichardt mochte das nicht ungern sehen, und bald fand sich eine

Gelegenheit, die gewonnene Virtuosität auf einem ganz andern

Schauplatze zu zeigen.

Auch mit dem Hofe stand Reichardt in Verbindung. Seine Stellung als

Kapellmeister führte das mit sich; es fehlte ihm nicht an Freunden,

und sein Talent hatte ihm die besondere Gunst des Königs erworben.

Er verkehrte auch in dem Hause der damals immer noch einflußreichen

Frau des Kämmeriers Rietz. Diese hatte ein geschmackvolles Haustheater

errichten lassen, auf welchem vor dem Könige und dessen nächster

Umgebung bisweilen Vorstellungen gegeben wurden. Bei den Singspielen

wurde auch Reichardt zu Rathe gezogen. Bei einer festlichen

Veranlassung sollte von einigen Sängern des großen Theaters „Erwin und

Elwire“ dargestellt werden. Reichardt hatte die Leitung übernommen,

und selbst einen auf die Tagesfeier bezüglichen Prolog gedichtet. Sein

Stiefsohn sollte ihn sprechen, und die Vorstellung mit malerischen

Gruppirungen schließen, welche von seinen jüngern Kindern ausgeführt

werden sollten. Das Ganze sollte den Charakter eines Familienfestes

tragen.

Hensler wies indeß die ihm zugetheilte Rolle mit Entrüstung zurück,

er stimmte dem Urtheil der öffentlichen Meinung über die Festgeberin

vollkommen bei, und betheuerte, er werde sich niemals dazu hergeben,

vor ihr, in ihrem Hause als Declamator und Lobredner aufzutreten. Der

Stiefvater war in nicht geringer Verlegenheit. Endlich aber wurde der

Widerstrebende dennoch durch Nützlichkeitsgründe bestimmt, sich der

verhaßten Aufgabe zu unterziehen. Die jungen Schauspieler hofften

nämlich durch Reichardt’s Vermittelung die zu dieser Vorstellung

angefertigten glänzenden Gewänder für ihre eigene Garderobe erwerben zu

können.

Wirklich kam das Festspiel, wie es Reichardt beabsichtigt hatte,

zu Stande. Hensler sprach seinen Prolog vor dem Könige und dessen

Umgebung. Die trockene, gezwungene Weise, in der es geschah, wurde

ihm entschuldigend als jugendliche Befangenheit und Ungeschick des

Anfängers ausgelegt, und er war zufrieden, nicht weiter in Anspruch

genommen zu werden. Dagegen gingen die Gruppirungen am Schlusse unter

allgemeinem Beifall von Statten. Der König sprach seine Zufriedenheit

aus, ließ sich die Kinder vorführen, und lobte ihre Geschicklichkeit

und Anstelligkeit. Auch Ludwig hatte zu dieser Vorstellung Zutritt

erhalten. Er hatte seinem Freunde hinter den Coulissen mit Spannung

zugehört, und hier seinen Standpunkt so gewählt, daß er den Blick

auf den Zuschauerraum, den König und den Hofkreis frei hatte. Nach

dem Schlusse betrat er den Saal, und wurde der mächtigen Frau als

hoffnungsvoller junger Mensch vorgestellt.

Spiele, welche mit so großem Ernst betrieben wurden und zu solchen

Folgen führten, waren allerdings den Studien nicht eben förderlich.

Wie gern vergaßen die tragischen Helden die demüthigere Rolle, welche

sie den Tag über auf der Schulbank spielten! Auf solche Erregungen der

Phantasie und Anspannung aller Kräfte folgte die Ermattung, die in den

Lehrstunden übel vermerkt wurde. Endlich wurden diese Spiele selbst bei

Gedike verdächtigt.

Zu untergeordneten Rollen hatte man hin und wieder einen

Schulgefährten, Namens Schmohl, den Sohn eines wohlhabenden Bauern,

herangezogen, der nun an den Freunden zum Verräther wurde, und

nicht ohne Scheinheiligkeit Gedike auf den übeln Einfluß solcher

Theaterliebhaberei aufmerksam machte. In der nächsten Lehrstunde

blieben Verhör und Strafrede nicht aus. Es sei stadtkundig geworden,

daß man Schauspielerei treibe, wie es damit stehe. Man versäume

darüber seine Schulpflichten, und komme auf unnütze Gedanken und üble

Angewohnheiten. Dagegen trat Ludwig als Vertheidiger seiner Liebhaberei

und seiner Freunde auf. Er könne dem Herrn Rath die Versicherung

geben, Alles sei in bester Ordnung. Es hätten sich zu diesen Uebungen

eine Anzahl seiner Schüler verbunden, welche er selbst zu den besten

zu rechnen pflege. Auch sei weder ihm noch seinen Freunden eine

grobe Pflichtverletzung nachgewiesen worden. Endlich fänden diese

Aufführungen in dem Hause und unter den Augen eines angesehenen und

geachteten Mannes, des Herrn Kapellmeisters Reichardt, statt, der

seinen Kindern und deren Freunden dieses Vergnügen erlaubt habe, darin

eine nützliche Uebung erkenne, und alle Zeit nach dem Rechten gesehen

habe. Durch diese altkluge Rede schien der Herr Rath zufriedengestellt,

und so war denn der Sturm für diesmal glücklich abgeschlagen.

Zu den einstudirten Schauspielen gesellten sich endlich improvisirte

Aufführungen, die bei Schauspielern und Zuschauern fast noch mehr

Beifall fanden, weil man sich hier freier bewegen konnte. Es waren

dramatische Darstellungen von Sprüchwörtern. Der Gang der Handlung

wurde dem Thema gemäß gemeinschaftlich verabredet, dann überließ man es

dem Einzelnen, die Andeutungen auszufüllen und zu lebendiger Wirkung

zu bringen. Hier konnte sich nicht nur ein gewandtes Spiel, sondern

ein schlagfertiger Witz, Erfindungskraft und Phantasie, Fluß der Rede,

überhaupt Geistesgegenwart auf das glänzendste zeigen. Dichter und

Schauspieler traten in unmittelbarer, ursprünglicher Verbindung hervor.

Eben das war Ludwig’s Stärke. Fast leidenschaftlich liebte er diese

Spiele, zu denen er auch in spätern Jahren gern zurückkehrte.

Reichardt’s Haus war für ihn zur Kunstschule geworden. Nicht nur sein

Talent für Poesie und Schauspiel war ihm selbst bewußter geworden

und zu einer gewissen allgemeinen Anerkennung gekommen, sein Sinn

und Geschmack für die Künste, für Kunst überhaupt, wurden angeregt,

geweckt, geläutert. In einem Kreise, wo man nur Musik athmete, mußte

sich endlich auch sein bisher noch geschlossenes Gefühl öffnen. Wie

oft hörte er nicht musikalische Aufführungen, Gespräche über Musik,

Urtheile über Werth oder Unwerth einzelner Compositionen. Gewann er

auch jetzt keine Neigung, selbst ausführend theilzunehmen, so fing

er doch an, in den classischen Werken die Geheimnisse der Musik zu

ahnen. Auch hier hatte er, durch Eingebung geleitet, im Gegensatz zum

Modegeschmack sich zu Mozart’s großen Tondichtungen hingewandt, ohne

sich durch die Tageskritiken, und selbst so gewichtige Stimmen wie

Reichardt’s, irre machen zu lassen. Mozart’s siegreicher Gegner war

Dittersdorf, dessen komische Opern auch in Berlin unter großem Andrange

des Publicums gegeben wurden. Man zog den „Doctor und Apotheker“ dem

„Figaro“ und „Don Juan“ vor, und „Die Liebe im Narrenhause“ konnte in

öffentlichen Anzeigen als das erste musikalische Kunstwerk angepriesen

werden.

In überraschender Weise sollte Ludwig’s Anerkennung Mozart’s belohnt

werden. Als er eines Abends, es war im Jahre 1789, seiner Gewohnheit

nach lange vor dem Anfange der Vorstellung die halbdunkeln, noch

leeren Räume des Theaters betrat, erblickte er im Orchester einen ihm

unbekannten Mann. Er war klein, rasch, beweglich und blöden Auges, eine

unansehnliche Figur in grauem Ueberrock. Er ging von einem Notenpult

zum andern, und schien die aufgelegten Musikalien eifrig durchzusehen.

Ludwig begann sogleich ein Gespräch anzuknüpfen. Man unterhielt sich

vom Orchester, vom Theater, der Oper, dem Geschmacke des Publicums.

Unbefangen sprach er seine Ansichten aus, aber mit der höchsten

Bewunderung von den Opern Mozart’s. „Sie hören also Mozart’s Opern oft

und lieben sie?“ fragte der Unbekannte. „Das ist ja recht schön von

Ihnen, junger Mann.“ Man setzte die Unterhaltung noch eine Zeit lang

fort; der Zuschauerraum füllte sich allmälig, endlich wurde der Fremde

von der Bühne her abgerufen. Seine Reden hatten Ludwig eigenthümlich

berührt, er forschte nach. Es war Mozart selbst gewesen, der große

Meister, der mit ihm gesprochen, ihm seine Anerkennung ausgedrückt

hatte.

Hatte die Neigung zu musikalischer Bildung in Berlin, durch manche

Umstände begünstigt, in dieser Zeit offenbar zugenommen, so ließ sich

vom Geschmacke für die bildenden Künste umsoweniger sagen. Es fehlte

an bedeutenden Anregungen, an Gelegenheit, durch häufigen Anblick

von Gemälden und Bildwerken Auge und Sinn zu üben und zu bilden.

Zwar hatte man die Akademie der Künste, auch war Schadow bereits

hervorgetreten, und außerdem gab es noch manchen Künstler; doch hatte

man des Nothwendigen und Unentbehrlichen noch zu viel zu thun, um einen

großen Luxus mit den Künsten treiben zu können. Die einzige Sammlung,

welche es gab, die aber weder an Meisterwerken ersten Ranges reich war,

noch einen unbedingten Zutritt gestattete, war die des königlichen

Schlosses. Die Möglichkeit, Gemälde nebeneinander zu sehen und zu

vergleichen, gewährte nur die Kunstausstellung, welche die Akademie

veranstaltete. Die Sehnsucht nach einem tiefen Blick in die Kunstwelt

der Farben war indeß bei Ludwig erwacht, und zu fast schmerzlicher Höhe

stieg sie bei seinem Freunde Wackenroder. Mit ihrem Durst nach Kunst

und Kunsterkenntniß schienen sie in dieser Dürre fast allein zu stehen,

als sie die Einwirkungen eines Mannes erfuhren, der für künstlerische

Bildung in weitern Kreisen eifrig zu wirken suchte, nämlich von Karl

Philipp Moritz.

Der Hofrath Moritz war als ein sonderbarer, launenhafter, aber

geistvoller Mann bekannt. Er galt für einen Archäologen und

Kunstkenner, für einen Kritiker und Sprachforscher, für einen

vielseitigen, thätigen Schriftsteller und feinen Stilisten.

Gelegentlich wollte er auch wol Dichter sein, in allen künstlerischen

Dingen erkannte man ihn als Autorität an. Auch war er ein

Stimmführer der kleinen Gemeinde, welche in Berlin eine unbedingte

Anerkennung Goethe’s forderte. Mit diesem selbst hatte er in Rom in

freundschaftlichem Verkehr gestanden. Seine kühnen Reisen nach England

und Italien, und manche andere theils unbewußte, theils gemachte

Sonderbarkeit hatte ihn in den Ruf eines Originals gebracht, den er

sich nicht ohne Eitelkeit gefallen ließ. Man erzählte manche komische

Geschichte von ihm, und konnte deren alle Tage erleben.

Auch die Verbindung mit diesem Manne verdankte Ludwig Reichardt,

welcher mit ihm in freundschaftlichem und literarischem Verkehr stand.

In Reichardt’s Auftrage hatte er Moritz besuchen müssen. Er traf den

kränklichen Mann, der stets fröstelte und sich nach dem Sonnenhimmel

Italiens sehnte, an einem warmen Tage im geheizten Zimmer. Im dicken

Pelze saß er unmittelbar am glühenden Ofen. Auch auf der Straße war er

eine sonderbare Erscheinung. Er behauptete, nicht mehr zu Fuß gehen

zu können, und hatte sich, obgleich seine äußere Lage nicht glänzend

war, einen Wagen und mindestens ein Pferd angeschafft. Einst sah Ludwig

diesen Einspänner mitten auf dem Straßendamme halten; der Kutscher war

abgestiegen und saß auf einer steinernen Bank vor einem nahegelegenen

Hause. Auf die Frage, was vorgefallen sei, antwortete der Kutscher, der

Herr Hofrath habe ihm befohlen, hier anzuhalten, weil er im Wagen etwas

schlafen wolle.

Ludwig Tieck Erinnerungen aus dem Leben des Dichters nach dessen mündlichen und schriftlichen Mitteilungen · 第 7 / 51 段