Noch sah er halb träumerisch in das Leben hinein, das vor ihm lag wie
eine Morgenlandschaft, über welcher die Sonne golden und funkelnd
aufgegangen ist. Durch die zerreißenden Nebelschleier öffneten sich
helle Blicke in die Tiefen der Ferne, und die fremdartigen Schatten
der Wolkenstreifen, welche in wechselnden Lichtern und Farben darüber
hingleiten, lassen sie noch wunderbarer und lockender erscheinen.
Indem sich das Knabenauge diesem Anblicke erschloß, war er selbst
ein Anderer geworden. Wie regten sich seine geheimsten Kräfte, und
die Quellen seiner Gefühle und Phantasien drängten sprudelnd zu Tage
empor. Tausendfach stiegen unbekannte Gedanken und Empfindungen in
ihm auf; Sehnsucht und Zuversicht, Zweifel und Hoffnung, Trauer und
Freude durchkreuzten sich in seiner Seele. Er war wie ein junger Baum,
über den der erste warme Frühlingshauch hingeht, und dessen gährender
Saft sich durch alle Adern und Zweige ergießt und zu vollen Knospen
emporschwillt.
Sein Herz war zum Ueberfließen voll. Er hatte soviel zu sagen von
seinen Träumen und Ahnungen, von seinen Gefühlen, die ihn selig machten
und ängstigten zugleich. Er dürstete nach Freundschaft. Mit der Kraft
leidenschaftlichen Wollens suchte er ein Herz, in welches er das seine
ganz ausschütten könne. Vor dem strengen Vater zitterte er, seine
Geschwister sahen zu ihm hinauf, und fremd standen ihm seine Lehrer
gegenüber. Sie Alle dachten, fühlten anders als er. Er wollte ein
Herz, das mit dem seinen in gleichem Pulse schlage, das ihn verstehe,
das seiner Liebe und Freundschaft ausschließlich lebe, das er sein
Eigenthum nennen könne.
Schon früher war Ludwig auf einen seiner Mitschüler aufmerksam
geworden, der um diese Zeit einen ihm selbst räthselhaft anziehenden
Eindruck auf ihn machte. Dies war Friedrich Heinrich Bothe aus Berlin,
eben jener, welchem er die Bekanntschaft mit Holberg’s Lustspielen
verdankte. Mit Eifer und Erfolg hatte sich Bothe auf das Studium der
alten Sprachen und Literatur geworfen; schon damals nahm er, dem
Anstoße Gedike’s folgend, eine philologische Richtung. Er war fähig und
nicht ohne Geschmack und Sinn für die sprachliche Seite der Poesie;
den Versuchen, welche er gemacht hatte, fehlte die Anerkennung der
Lehrer nicht. Auch besaß er ein angenehmes Aeußere. Aber das Bewußtsein
seines Strebens und der Ernst, mit welchem er zu Werke ging, gab ihm
eine etwas steife Haltung, und nicht ohne Altklugheit fand er die
männliche Würde in einem kalten, abgemessenen Wesen. Ludwig, stets
leidenschaftlich bewegt, war unendlich verschieden von ihm. Aber gerade
auf ihn fiel der vollste und heißeste Strahl seiner Freundschaft. Er
sah die natürlichen Einseitigkeiten dieses Geistes nicht, und ohne es
zu ahnen, stattete er ihn mit allen Vorzügen eines Ideals aus, welches
ihm seine eigene dichtende Phantasie vorgebildet hatte. Bothe war in
seinen Augen der begabteste, liebenswürdigste Jüngling; nur er war
würdig, ihm seine Gedanken und Empfindungen mitzutheilen, nur er sollte
und durfte sein Freund sein.
Mit überschwänglichem Gefühlssturm hatte er dem Auserwählten das
innige „Du“ angetragen, welches den Seelenbund besiegeln sollte. Doch
wie bestürzt war er, als Bothe den schwärmerischen Antrag mit der
kühlsten Ruhe aufnahm, zuerst ausweichend antwortete und ihn endlich
geradezu ablehnte. Er begriff diese verzehrende Glut nicht, welche
sich plötzlich auf ihn warf, denn er fand bei sich selbst nichts, was
jenen Gefühlen entsprochen hätte. Er verstand die tiefe Natur nicht,
der es ein Bedürfniß war, von ihren Schätzen mitzutheilen, und endete
damit, Ludwig’s Benehmen sonderbar und unerklärlich zu finden. Diese
Entdeckungen machten Ludwig in einem hohen Grade unglücklich. Er hatte
nicht anders denken können, als so stürmische Liebe müsse Erwiderung
finden, jener müsse sich ebenso sympathetisch bewegt fühlen. Er begann
an sich selbst irre zu werden, und doch zog es ihn mit der Gewalt eines
geheimen Zaubers zu seinem spröden Gefährten hin. Aber je dringender
er ward, desto kälter, abweisender zeigte sich jener. Ein brennend
heißer Schmerz durchbohrte seine Seele. Er sah sich verkannt, das
Beste, was er geben konnte, verschmäht. Eine bittere Selbstverachtung
bemächtigte sich seiner. Wie niedrig mußte er nicht stehen, wenn ein
so hochbegabter Jüngling ihn mit voller Absicht verwerfen konnte!
Die leidenschaftlichsten Auftritte erfolgten. Schmerz, Zorn, Wuth
arbeiteten in seiner Seele. Oft brach er in Thränen aus, er bat,
flehte, beschwor. Umsonst! Jener blieb altklug, kalt und verschlossen.
Zwar wurde der literarische Verkehr nicht abgebrochen, ja sogar zu
Spaziergängen und kleinen Wanderungen ließ sich der Gefährte bereit
finden, aber überall blieb er sich gleich. Ein längeres Beisammensein
machte ihn nicht vertraulicher, und manche Entbehrungen und Abenteuer,
die sie miteinander theilten, öffneten sein Herz nicht. In den Ferien
pflegte Ludwig seine mütterlichen Verwandten zu besuchen. Ein Bruder
seiner Mutter war Schmiedemeister in Golzow bei Brandenburg, und
auch in Lehnin hatte man Freunde und Bekannte. Auf einer solchen
Ferienreise geschah es, daß die Gefährten sich in den Haiden hinter
Potsdam verirrten. Sie glaubten im heimischen Sande verschmachten zu
müssen, bis sie nach manchen Irrfahrten nach Potsdam zurückkamen, von
wo sie ausgegangen waren.
Endlich mußte sich Ludwig mit Schmerzen überzeugen, sein stürmisches
Liebeswerben sei vergeblich. Er verfiel in Trübsinn, in Schwermuth. Er,
sonst so frisch und heiter, ward finster, wortkarg und gleichgültig
gegen das Zureden der Aeltern und Geschwister; sein sonst so offener
Sinn schien für die Außenwelt verschlossen. Neue heftige Ausbrüche
der Leidenschaft rissen ihn aus dieser Abspannung empor, um ihn
dann nur tiefer versinken zu lassen. In gewohnter Weise hatte er
den feindseligen Freund eines Nachmittags auf dem Heimwege aus der
Schule begleitet. Abermals hatte er ihn mit vergeblichen Bitten
bestürmt. Da ergriff ihn eine verzweifelte Wuth; er war sich selbst
zur Last, zum Ueberdrusse. In diesem Augenblick gingen sie über die
Gertraudtenbrücke. Ludwig durchzuckte ein Gedanke. Er wollte das
verhaßte Leben von sich werfen, sich vor den Augen des Freundes in
das Wasser stürzen. Sein Tod sollte das felsenharte Herz rühren und
ihn überzeugen, wie sehr er ihn geliebt habe. Er trat an den Rand
der Brücke, und verzweifelt und kindisch zugleich stieß er einen
schweren Stein, welcher dort als Brückenbeschwerer lag, in den Fluß.
Mit großem Geräusch stürzte der Stein hinab. Aber ohne den Kopf zu
wenden, ging der Andere seines Wegs weiter. Ludwig’s Zorn über diese
neue Härte steigerte sich zum Ingrimm. Er stürzte dem Freunde nach
und ereilte ihn auf dem Dönhoffsplatze. Die Stimme versagte ihm vor
innerer Bewegung. Endlich rief er: „So, jetzt habe ich Sie erkannt! Ist
das auch nur menschlich gehandelt? Was würden Sie denn gethan haben,
wenn ich mich nun wirklich in das Wasser gestürzt hätte?“ „Ich würde
Sie unaussprechlich verachtet haben“, erwiderte jener ruhig. Ludwig
verstummte, und ging weinend nach Hause.
Aber er täuschte sich. Er hatte keineswegs den störrischen Freund
erkannt, und noch Manches sollte er leiden, ehe er zur wirklichen
Erkenntniß kam. In seinem Zimmer hatten sich die leidenschaftlichen,
nie zu schlichtenden Kämpfe zwischen dichterischer Täuschung und
altkluger Verständigkeit wiederholt. Erschöpft war er endlich auf
das Bett gesunken, und während Bothe gleichgültig neben demselben
saß, in einen tiefen Schlaf verfallen. Diesen Augenblick benutzte der
Ungetreue, um sich in der Stille zu entfernen. Als Ludwig nach einiger
Zeit erwachte, und sich auch um den Abschied betrogen sah, packte
ihn eine wildere Wuth als jemals. In einer Art von Raserei sprang er
empor, er schlug um sich, er zertrümmerte die Fensterscheiben, und
zerbrach was ihm unter die Hände kam. Ermattet stürzte er endlich
unter krampfhaftem Schluchzen wieder auf das Bett, und begrub sein
Gesicht in die Kissen. Mit Schrecken sah die herbeieilende Mutter die
Verwüstung, welche er angerichtet hatte. Ihr erster Gedanke war das
Strafgericht, das hereinbrechen mußte, sobald der Vater nach Hause kam.
Beschwichtigend redete sie dem Sohne zu; er ward stiller, an die Stelle
des Zorns trat die Furcht. Als der Vater zurückkehrte, hörte er den
Bericht über den sonderbaren Vorfall schweigend an. Er schalt nicht, er
strafte nicht, er hieß Ludwig zu Bette gehen und ausschlafen.
Zagend trat er am andern Morgen vor den Vater. Ohne des angerichteten
Schadens mit einem Worte zu gedenken, sagte dieser ruhig, doch mit
tiefem Ernst zu ihm: „Ich sehe, du erwartest Strafe. Auch hast du sie
hinreichend verdient, doch soll sie dir diesmal erlassen sein. Aber nun
bitte ich dich, besinne dich! Wohin ist es mit dir gekommen? Du bist
ein anderer Mensch geworden! Du zeigst dich nichtachtend gegen deine
Aeltern, vernachlässigst deine Geschwister, und bist gleichgültig gegen
unsere Liebe. Und das Alles, weil du einen Menschen mit deiner Liebe
verfolgst, der von dir nichts wissen will! Siehst du denn nicht, daß du
ihm nichts bist? Er hat kein Herz für dich, er begreift nicht einmal
deine Liebe zu ihm! Und wohin wird dich diese Leidenschaft und blinde
Wuth noch führen? Ich fürchte, sie wird einmal sehr unglücklich machen!“
So mild, so überzeugend hatte Ludwig den strengen Vater noch nicht
sprechen hören. Diesen Ton kannte er kaum an ihm. Und gerade bei dieser
Veranlassung verfehlte er seinen Eindruck am wenigsten. Er war tief
erschüttert; er fühlte die Wahrheit der väterlichen Worte, und kam
allmälig zur Besinnung. Endlich sollte er diese Bande ganz sprengen.
Wiederum hatten die Genossen eine gemeinsame Fußreise unternommen.
Soeben hatten sie Brandenburg verlassen, als Bothe plötzlich erklärte,
er müsse noch einmal dahin zurückkehren, und zwar allein. Dessen
ungeachtet trug Ludwig in dringender Weise seine Begleitung an. „Ich
kann Sie nicht brauchen“, erwiderte jener kalt, „und werde allein
gehen!“ Nochmals flammte die ganze Leidenschaft auf. Weinend und
beschwörend, ihm wenigstens Gründe für diesen unerwarteten Entschluß
anzugeben, ging er eine Zeit lang neben Bothe her. Da dieser schweigend
seinen Weg verfolgte, so riß seine Geduld, und plötzlich schien die
Liebe in Haß umzuschlagen. „So geh’ denn, dummer Junge!“ rief er
trotzig. Aber schon in demselben Augenblicke ergriff ihn Schrecken
über die Lästerung, die er auszustoßen gewagt hatte. Er wollte den
Gekränkten um Verzeihung bitten, aber dieser ging ohne auf die
Schmähung zu achten weiter. Beschämt blieb Ludwig stehen. Dann machte
er sich schmollend und trotzend allein auf den Heimweg.
Mit jenem knabenhaften Ausrufe hatte er sich befreit; er gedachte der
Worte des Vaters, der Schleier, der auf seiner Seele gelegen hatte, war
zerrissen. Er fing an zu zweifeln und zu prüfen, und endlich sah er den
harten Freund mit andern Augen an. Der verklärende Schimmer, mit dem
er ihn umgeben hatte, war verschwunden, er erschien ihm gleichgültig
und gewöhnlich, wie viele seiner Schulgefährten. Zuletzt war seine
Leidenschaft ihm selbst zum Räthsel geworden.
So war ihm gerade aus der Fülle seines Herzens das bittere Gefühl
menschlicher Schwäche bis zur Selbstverachtung entsprungen, und
seine überschwellende Seligkeit hatte ihm einen Schmerz geboren, wie
er ihn tiefer und schneidender nicht erlebt hatte. Mit den bittern
Erfahrungen, die sie mit sich brachte, hatte er sich auch Das erkauft,
die Geister prüfen und unterscheiden zu lernen.
Wie er Freundschaft da gesucht hatte, wo er sie nicht fand, so
hatten die besten unter den Schulgefährten um seine Freundschaft
geworben, aber in seiner blinden Neigung für den Einen hatte er es
nicht erwidert, ja kaum beachtet. Und er war dazu geschaffen, der
Mittelpunkt eines Freundeskreises zu werden. Voll Geist und Feuer,
aufbrausend in jugendlicher Lust und Laune bis zum Uebermuth, kühn
und sicher in seinen Urtheilen, reich an Kenntnissen, bereit zu jeder
Hülfe in Wort und That, gutmüthig, offen und hingebend, ja zu Zeiten
weich, körperlich kräftig, in seiner Gesichtsbildung schön, wie hätte
er da nicht die Aufmerksamkeit und Neigung gerade der begabtesten
unter seinen Schulgenossen sich gewinnen sollen? Mehr noch als durch
einzelne hervorstechende Eigenschaften schien er durch einen stillen
und unerklärlichen Zauber, der aus seinem ganzen Wesen sprach, mächtig
anziehend auf sie zu wirken, und so bildete sich ein Kreis von
Jugendgefährten um ihn, unter denen er mehr als einen Herzensfreund
fand.
An Geist, Talent und Streben ihm der Verwandteste, als Freund der
treueste und hingebendste war Wilhelm Heinrich Wackenroder. Er war
eines Alters mit Ludwig, wie er geboren im Jahre 1773, und gehörte
einer der angesehensten Familien Berlins an. Sein Vater, der Geheime
Kriegsrath und Justizbürgermeister Wackenroder, war ein strenger und
ehrenfester Beamter, ganz im Geiste des Zeitalters Friedrich’s des
Großen gebildet, klar, nüchtern und pflichtgetreu, umsichtig und
unermüdlich, erfüllt von dem Gedanken der Bürgertugend, und von warmer
Hingebung an den jungen, wachsenden Staat und den großen König, der ihn
geschaffen hatte. In den schweren Zeiten des Siebenjährigen Krieges,
als Berlin durch Russen und Oestreicher besetzt wurde, hatte er im
Namen der Stadt mit den feindlichen Generalen verhandelt, und später
in Stadt- und Staatsämtern durch seinen Eifer sich hervorgethan.
Mit größter Sorgfalt ließ er seinen einzigen Sohn erziehen. Zuerst
hatte er ihn durch häuslichen Unterricht bilden lassen, und dann der
anerkannten Schule seines Freundes Gedike übergeben. In der zweiten
Classe des Friedrich-Werderschen Gymnasiums war es, wo Ludwig und der
junge Wackenroder zuerst sich begegneten. Sogleich fühlte dieser sich
angezogen, und nach den schmerzlichen Erfahrungen, die er gemacht
hatte, hielt nun auch Ludwig den neugewonnenen Freund um so fester.
Wackenroder war eine ahnungsvolle, prophetische Natur. Still und
träumerisch schien er den Blick nur in die Tiefen seines Innern zu
senken, und den Sinn für die Außenwelt weder zu besitzen noch zu
vermissen. Im täglichen Verkehr war er linkisch und unbehülflich, daher
weltklügere Genossen nicht selten über ihn lächelten, und ihn mit
wohlfeiler Mühe zum Gegenstande ihres Witzes machten. Sie begriffen das
Weiche, Zarte, ja Rührende nicht, das wie ein geheimnißvoller Schleier
auf seiner ganzen Erscheinung ruhte. Es lebte in ihm der einfache,
unschuldige Kinderglaube, dem es ein unbewußtes Bedürfniß ist, sich an
Höheres hinzugeben. Um seinetwillen konnte er auch das mit dem größten
Vertrauen hinnehmen, was seiner eigenen Natur zuwider war. Darum
war nichts leichter, als ihn in gewöhnlichen Dingen zu täuschen und
irrezuführen. Das Wunder schien die Welt zu sein, in der er eigentlich
lebte, während das Alltägliche für ihn zum Wunder wurde. Aus diesen
Träumen zuckten dann Blitzen gleich tiefsinnige Auffassungen hervor;
er konnte zu Zeiten schwärmerisch scheinen. Als wenn er dunkel gefühlt
hätte, daß diese innere Welt eines äußern Gegengewichts bedürfe, wenn
er nicht ganz in ihr verloren gehen wolle, klammerte er sich ängstlich
an gewisse Ordnungen. Sobald sie ihm einmal zur Gewohnheit geworden
waren, gab er sie nicht wieder auf. Er war ein peinlich fleißiger
Schüler, und in aller Ueberschwänglichkeit hielt er mit Zähigkeit an
einer bestimmten Zeiteintheilung fest, die ihm anerzogen worden war.
Wer ihn nur in solchen Augenblicken sah, konnte ihn für nüchtern,
ja pedantisch halten. Die bürgerliche Natur des Vaters schien dann
die Oberhand zu gewinnen. Allmälig entwickelte er die glücklichsten
Anlagen. Vor allem schien die Musik sein ganzes Wesen zu durchdringen.
Ein elektrischer Stoff hatte sich hier angesammelt, der nur auf die
rechte Art der Berührung wartete, um durch seine sprühenden Funken zu
blenden.
Zwei Geister waren zusammengeführt worden, die für einander geschaffen
zu sein schienen. Beide wandten sich mit ganzer Kraft dem Leben in
der Phantasie und Dichtung zu. Aber sie waren doch darin verschieden,
daß Ludwig seine Kreise weiter zu ziehen, mehr zu umfassen strebte,
Wackenroder still beschaulich in die Tiefen des Einzelnen sich
versenkte, daß jener kritisch humoristisch, dieser glaubensvoll war,
der Eine mehr schöpferisch, der Andere mehr empfänglich. Dies führte zu
manchen Meinungsverschiedenheiten im Einzelnen, die sich aber in den
gleichen Grundtönen ihrer Seelen immer wieder auflösten. Wackenroder
hielt z. B. Ramler, der in dem Hause seines Vaters verkehrte, lange
Zeit für einen der ersten und größten Dichter, während Ludwig’s keckes
Urtheil ihn als Poeten alten Stils bezeichnete, dem die eigentlich
dichterische Ader fehle. Nur sehr schwer ließ sich Wackenroder
diesen Glauben durch die schonungslosen Ausführungen seines Freundes
entreißen. Von jetzt an theilten sie alle Leiden und Freuden des innern
Lebens wie des Schulverkehrs, und Ludwig wurde ein gern gesehener
täglicher Gast und Freund in dem Hause des Bürgermeisters von Berlin.
Eine entgegengesetzte Natur war Friedrich Toll, der Sohn eines Beamten
der berliner Porzellanfabrik. Er war fest und sicher, strebsam und
eifrig, voller Ehrgeiz. Ganz und vollständig suchte er die Dinge zu
erforschen. Mit eisernem Fleiße, aber fern von Kleinlichkeit, warf er
sich auf die Schulwissenschaften, die ihm den Weg ins Leben bahnen
sollten. Auch er besaß bedeutende Anlagen, war jugendlich schwungvoll
und poetisch begeistert. Seine Erscheinung war edel und einnehmend; sie
hatte etwas Ritterliches. In allen Künsten körperlicher Gewandtheit
galt er seinen Genossen als Vorbild.
Zu diesen gesellte sich Wilhelm von Burgsdorff, der Sohn eines
märkischen Edelmanns. Zuerst nach den Grundsätzen der damaligen neuen
Lehre im Philanthropin zu Dessau erzogen, war er erst in späterer
Zeit Gedike’s Schüler geworden. Er war frisch, natürlich und lebhaft,
von schneller Auffassung und glücklichen Gaben, gutmüthig, aber auch
leichtsinnig und hochfahrend.
Der Humorist in diesem jugendlichen Kreise war Viering, der Sohn eines
Landpredigers. Er lebte in dem Hause des Kriegsraths Müller, dessen
Obhut er anvertraut war. Reich an launigen Einfällen und immer neuen
Anschlägen, besaß er einen nicht unbedeutenden Sinn für das Komische
und dessen Auffassung und Darstellung. Was er schrieb, trug oft einen
so eigenthümlich frischen Humor an sich, daß Ludwig in späterer Zeit,
als man Jean Paul zu lesen anfing, an seinen Jugendfreund erinnert
wurde. Einst war eine moralische Abhandlung über das Sprüchwort: „Wie
man’s treibt, so geht’s“, verlangt worden. Viering gab eine lebendige
und gefühlte Schilderung des einfachen Natur- und Landlebens, in der er
zuletzt mit überraschender Wendung zwei Gänsejungen erscheinen ließ,
die auf verschiedenen Wegen und in verschiedenen Zeiten ihre Heerden
dem gemeinsamen Weideplatze zutreiben. Der Lehrer schüttelte über
solche Abgeschmacktheit den Kopf, während Ludwig’s ganze Theilnahme
durch die satirische Keckheit des Tons gewonnen wurde. Oft theilte
der neue Freund sein helles und geräumiges Zimmer mit Ludwig. Hier
arbeiteten sie miteinander, und ersannen auch manchen muthwilligen
Anschlag.
Auf diesem Wege lernte Ludwig auch Adam Müller, den Sohn des
Kriegsraths Müller, kennen. Doch gehörte dieser, wie Wilhelm von
Schütz, bereits einem jüngern Geschlecht an. Ohne damals in diesen
Kreis eintreten zu können, schlossen sich Beide an einzelne Glieder
desselben erst in späterer Zeit an.
Dagegen hatten die Freunde einen andern Genossen gefunden, der, um
mehrere Jahre älter, unter diesen kecken Geistern die alltägliche
Mittelmäßigkeit vertrat, sich aber doch mit einem aufrichtigen und
gründlichen Eifer für Alles zu begeistern suchte, was jene bewegte.
Es war dies ein gewisser Piesker, dessen Vater Verwalter auf dem nahe
bei Berlin gelegenen Gute Fredersdorf gewesen war. Er liebte es,
den altklugen Mentor, das Gewissen in diesem Kreise zu spielen. Mit
Verdruß sah er dem muthwilligen Treiben der Andern zu, denen es in
ihren wilden Launen auf ein Mehr oder Weniger nicht sonderlich ankam.
Zu ihrer großen Erheiterung konnte er sich dann ungemein ereifern;
er hielt ihnen die eindringlichsten Strafreden über ihre Thorheit,
ihren Leichtsinn, vor allem über ihre Neigung zur Lüge. Denn unter
diesem Namen verfolgte er mit komischem Ernst jede Flüchtigkeit in der
Auffassung, jede jugendliche Uebertreibung, jede ironische Wendung.
Dann belehrte er die Freunde, er werde ihnen zeigen, was thatsächliche
Wahrheit sei, und ihnen eine einfache Darstellung geben, wie die Sache
wirklich gewesen sei. Daraus ergab sich in der Regel, daß er weniger
gesehen und gehört hatte als alle Andern. Sein Aeußeres war abstoßend;
er hatte eine plattgedrückte Nase, einen wulstigen, aufgeworfenen Mund,
sein Gesicht war von Blatternarben entstellt. Dennoch war er allgemein
geliebt, trotz seiner Steifheit und seines ungerechten und mürrischen
Scheltens. Man kannte seine Treue, seine Zuverlässigkeit, man fühlte in
ihm die Sicherheit einer geraden, einfachen Natur heraus.
Niemand schloß sich fester an ihn als Ludwig, der ahnen mochte, daß er
bei seiner abspringenden Reizbarkeit und seinen wechselnden Stimmungen
der Ergänzung durch einen nüchternen und wohlmeinenden Freund bedürfe.
Auch besuchte er ihn auf dem Gute Fredersdorf. Hier streifte man durch
Wald und Feld, brachte die Sommernächte unter freiem Himmel zu, machte
sich Herzensbekenntnisse, und verlor sich in tausend hochfliegenden
Plänen für die Zukunft.
7. Kunstleben.
Wenn die Freundschaft mit Wackenroder von hoher Bedeutung für Ludwig’s
innere Entwickelung war, und die mit Burgsdorff später wichtige
Folgen für sein äußeres Leben hatte, so kam endlich noch ein drittes
Verhältniß hinzu, welches sogleich einen entscheidenden Einfluß auf
sein Schicksal nach beiden Seiten hin gewinnen sollte. Dies war die
Verbindung mit Wilhelm Hensler, dem Stiefsohn des Kapellmeisters
Reichardt.
Auch er war eine offene, muntere und bewegliche Natur, für jeden
bedeutenden Eindruck fähig und empfänglich. Erst später war er nach
Berlin in das Haus seines Stiefvaters gekommen, um auf Gedike’s Anstalt
seine Ausbildung zu vollenden. Hier wurde er Ludwig’s unmittelbarer
Nachbar auf der Schulbank. Man gefiel sich gegenseitig, entdeckte
manche Uebereinstimmungen in Wesen und Neigung, und knüpfte endlich
ein vertrauliches Verhältniß an. Hensler unterließ es nicht, den
neugewonnenen Freund in das Haus des Stiefvaters einzuführen, wo
jener so allgemeine Theilnahme und Zuneigung erweckte, daß er bald
in demselben vollständig heimisch wurde. Zu Zeiten übersiedelte sich
Ludwig ganz dorthin, und wie Arbeit und Zerstreuungen theilte Hensler
auch das Zimmer mit ihm. Er konnte mehr für den Sohn als den Freund des
Hauses gelten. Der Vater legte diesem Verkehr keinerlei Hinderniß in
den Weg. Mit voller Befriedigung sah er die Anlagen des Sohnes immer
selbständiger hervortreten; es schien rathsam, ihm größere Freiheit zu
gestatten, ihn gewähren zu lassen.
Auch gab es in Berlin vielleicht kein Haus, das für die Fortbildung
einer emporkeimenden Dichterkraft eine bessere Schule gewesen wäre als
das des Kapellmeisters Reichardt. Es war ein Sammelplatz für Künste
und Künstler. Der frische Geist der dichterischen und künstlerischen
Erhebung, der Deutschland seit zwei Jahrzehnden durchzog und es fast
zu verjüngen schien, wirkte hier lebendiger als irgendwo. Man besaß
Geist und Geschmack, verfolgte mit Antheil jede neue Wendung in Kunst
und Literatur, und nahm eifrig für und wider Partei. Mit dem Nachdruck
des tiefern Kunsteifers wurde Musik getrieben, Goethe verehrte man als
den Genius der neuern Zeit und Poesie, und allgemeine künstlerische
Ausbildung galt für unerläßliche Pflicht. Hier war der Kreis, in dem
Ludwig’s jugendliches Talent seiner Reife entgegengeführt werden konnte.