Jetzt verwandelte sich die kindische Zaghaftigkeit in spielende

Keckheit und Uebermuth. Mit der kühnen Sicherheit des Gelingens war

er in jedem Augenblick bereit, was er irgend dachte und fühlte auf

das Papier zu werfen. Seine Gabe phantasievoller Auffassung und

Darstellung fand Anerkennung, und bald wurde er der allgemeine Helfer

in der Noth. In den tausendfachen Aengsten und Plagen der Aufsätze und

freien Reden sollte er helfen, rathen, Pläne und Entwürfe, ja ganze

Abhandlungen und Reden machen. Selten ließ er sich lange bitten. Zu

seiner Gutmüthigkeit gesellte sich die übermüthige Lust, die Lehrer

irrezuführen und in immer neuer Gestalt vor ihnen zu erscheinen. In

Zwischenminuten und Freistunden war er bereit, seine Gedanken frischweg

niederzuschreiben für Andere, denen schon die Zumuthung, überhaupt

Gedanken haben zu sollen, schmerzliches Kopfweh verursachte. In Zeiten

dringender Noth lernte der Tagesredner in der Nacht vorher Seite für

Seite auswendig, was soeben aus Ludwig’s Feder geflossen war, und

hatte dann wol, wenn er im entscheidenden Augenblicke vor Gedike’s

Richterstuhl stand und die Versammlung feierlich anreden sollte, Alles

vergessen, was er seinem harten Kopfe mit Mühe aufgenöthigt hatte.

Zuweilen spielte Ludwig selbst die schadenfrohe Rolle des Zufalls.

In eine Schulrede, die er ebenfalls für einen minder schlagfertigen

Genossen gearbeitet hatte, ließ er einen starken Anachronismus

einfließen. Zu allgemeinstem Beifalle wurde die Rede gehalten. Der

Richter erklärte sich befriedigt; die Schüler wurden aufgefordert,

ihre Einwürfe vorzutragen. Von jenem Anachronismus war keine Rede.

Mit vollster Anerkennung der trefflichen Rede erlaubte sich Ludwig,

bescheiden darauf hinzudeuten. Unwillig wies ihn Gedike zurück. „Ich

habe den Anachronismus auch bemerkt, aber bei solchen Leistungen hängt

man sich nicht an Kleinigkeiten. Tieck mag erst eine solche Rede

halten, dann kann er sie so kritisiren!“ Mit schweigender Ironie gab

Ludwig zu, er freilich könne eine solche Rede nicht zu Stande bringen.

Solche Aeußerungen und manches kecke Urtheil, welches er sich über

die Gegenstände des Unterrichts erlaubte, wenn er z. B. den Virgil

für einen Manieristen erklärte, brachte ihn mit der Zeit in den Ruf

eines eigensinnigen Sonderlings, der ein Gelüste habe, die Lehrer zu

durchkreuzen und durch wunderliche Meinungen irrezuführen. In vielen

Fällen hielt man für Eitelkeit, was nur eine unbewußte Kundgebung der

eigensten Natur war, die man nicht zu fassen wußte. Spielend hatte er

sich die Masse stofflichen Wissens angeeignet, die den minder Fähigen

nach einem folgerechten Lehrgange beigebracht werden mußte. Dieser aber

langweilte und ärgerte ihn. Es war ihm verdrießlich, zu sehen, wie die

große Mehrzahl seiner Schulgenossen die Worte des Lehrers so lange

nachsprachen, bis sie den Sinn derselben begriffen zu haben wähnten.

Noch ärgerlicher waren ihm die Begabteren, welche mit Beflissenheit

ihre eigene Ueberzeugung verbargen, um sich durch ein gläubiges

Annehmen der Lehrsätze in Gunst zu setzen. Jenes schien ihm einfältig,

dieses verächtlich. Auf keine Weise aber konnte er sich selbst dem

hergebrachten Verfahren anbequemen. Er hielt es für äußerlich,

geistlos, ja tyrannisch. Nicht nach einem allgemeinen stehenden

Grundrisse können Leben und Bildung mitgetheilt werden, nur aus der

innersten Natur des Einzelnen gehen sie hervor. An sich selbst muß der

Mensch die Dinge erleben, an sich selbst ihr Wesen und ihre Einwirkung

erfahren, sie zu seinem Eigenthume machen. Nur was man innerlich erlebt

hat, lernt und weiß man in Wahrheit; dies allein steht fest für alle

Zeiten und führt zur rechten Bildung. Leeres Nachbeten kann nur eine

erheuchelte, falsche Bildung geben, welche den Geist ertödtet, während

sie ihn zu wecken vorgibt.

Diese und ähnliche Gedanken bildeten sich bei ihm zu einer immer

klarern Ueberzeugung aus. Freilich galt dies bald für ketzerisch, und

mußte einer Schulweisheit gegenüber doppelt anstößig sein, die in ihrem

Aufklärungsstolze meinte, das Geheimniß der Bildung entdeckt zu haben,

und durch unfehlbare Mittel dazu zwingen wollte.

Aber er besaß für die Schwächen der Lehrer ein schärferes Auge

als seine Mitschüler. Schnell faßte er sie auf und in vorwitzigem

Humor spielte er mit ihnen. Schon war ihm der Herr Rath keine über

allem Zweifel stehende Macht mehr. Gedike’s hochgespannte Würde,

sein steifer Ernst, dessen die kleinen menschlichen Schwächen zu

spotten schienen, machte einen komischen Eindruck auf ihn. Mit seinem

dichterischen Geschmacke und ästhetischen Urtheilen war er längst nicht

mehr einverstanden. Es ging ihm in der Schule wie mit den Ansichten

seines Vaters. Oft wurde das wahrhaft dichterisch Empfundene und

Ausgesprochene gewöhnlich gescholten, um das in der That Gewöhnliche

für Poesie zu erklären. Bei dem Lesen der griechischen Tragiker wollte

ihm weder aus den allgemeinern Versicherungen und Anpreisungen der

edeln Simplicität der Alten, und noch weniger aus der trockenen Weise,

in der man sie behandelte, ihre Größe und Erhabenheit einleuchten.

Stets hörte er in unbedingtem Tone davon reden, und doch wußte man

nicht anschaulich oder fühlbar zu machen, worin diese eigentlich

bestehe. Denn einzelne schöne Züge, die ihn wirklich tief ergriffen,

wollte man als solche nicht anerkennen, oder schien sie nicht

hinreichend zu würdigen.

In diesem Sinne trat er einmal als Vertheidiger des Aeschylus gegen

Gedike’s ästhetische Kritik auf. Man las den „Gefesselten Prometheus“.

Es wurde jener Monolog besprochen, in dem der gefesselte Titan

den heiligen Aether, die Winde und Ströme und das ruhelose Lachen

der Meereswellen zu Zeugen seines Leidens anruft. Gedike schloß

die Erklärung damit ab, daß diese Anrufung des lachenden Meeres

undichterisch, ja geschmacklos sei. Ludwig wollte darin gerade im

Gegentheil eine dichterische, tiefe Naturanschauung eines großen

Geistes finden, und wies zugleich auf die sinnlich anschauliche Malerei

hin, die in diesem Verse liege. Abermals unterbrach ihn Gedike mit den

Worten: „Unser Tieck will Alles besser wissen, selbst als die gelehrten

Commentatoren. Er muß immer etwas Apartes haben!“

Tiefer, bis zum Gefühle schmerzlichster Kränkung empfand Ludwig andere

Misverständnisse, die er umsoweniger begreifen konnte, als er in bester

Ueberzeugung seine innersten Gedanken ausgesprochen hatte.

Einer der beliebtesten Lehrer war der Conrector Weißer. Der einfache,

natürliche Ton, den er anschlug, die ungezwungene Freundlichkeit, mit

welcher er auf die Gedanken der Schüler einging und ihr Herz zu öffnen

wußte, wirkte auf diese wohlthuend und gewinnend, während Gedike’s

befehlende Strenge sie auf ihre Grenzen zurückwies. Ursprünglich

Theolog, war er ein entschiedener Anhänger der Aufklärung, und stand

wegen seines Rationalismus bei manchen Amtsgenossen, auch bei Gedike

selbst, nicht im besten Ansehen. Einst hatte er in den deutschen

Stunden den Tod des Sokrates zu schildern aufgegeben. Ludwig hatte

die Aufgabe in dichterisch darstellender Weise gelöst, und sie

zugleich für eine Verherrlichung der griechischen Heroenmythen

benutzt. In dem kindlichen und phantasievollen Glauben an ein hohes,

gewaltiges Heldengeschlecht, das, wenn auch menschlich geboren und

leidend, dennoch in die Götterwelt einzutreten vermag, schien ihm in

dichterischem Sinnbilde die Vermittelung zwischen Gott und Mensch

angedeutet zu sein. Tiefsinnig hatte der griechische Volksglaube die

Nothwendigkeit einer solchen Vermittelung geahnt, während der nüchterne

Verstand diese Kluft als eine nicht auszufüllende ansah. Aehnliche

Ansichten hatte Ludwig seinem sterbenden Sokrates in den Mund gelegt,

und ihn zu jenem Volksglauben sich bekennen lassen.

Weißer war über die Reife und Durchbildung, welche aus dieser

Abhandlung sprach, nicht wenig erstaunt. Er erkannte den werdenden

Dichter darin, und glaubte sie Gedike mittheilen zu müssen. Dieser

wollte sie indeß keineswegs loben und, vielleicht gerade auf Grund

jener Empfehlung, sonderbarerweise Spuren des Atheismus darin finden.

Bald darauf geschah es, daß Ludwig in einer Lehrstunde, in welcher

Gedike mit den Schülern den Plutarch las, zum Erklären des Textes

aufgefordert wurde und dabei ziemlich schlecht bestand. Der Schluß

der Stunde befreite ihn endlich aus der peinlichen Lage, und Gedike

endete seine eindringliche Strafrede mit den Worten: „Nun, wer

nicht an Gott glaubt, braucht sich ja auch auf den Plutarch nicht

vorzubereiten!“ Dieser Vorwurf, bei dieser Gelegenheit gemacht, wirkte

auf Ludwig vernichtend. Seine tiefste Ueberzeugung fühlte er in der

ungerechtesten Weise verkannt, und der schneidende Hohn, der sich

beigesellte, verletzte ihn bis zur Empörung. Er brach in heftiges

Weinen aus. Theilnehmend sprachen ihm die Mitschüler zu, ohne seine

leidenschaftliche Bewegung zu begreifen. Endlich sagte er: „Ihr

versteht mich nicht! Die persönliche Kränkung, die mir widerfahren ist,

könnte ich verschmerzen; daß aber eine solche Roheit möglich sei, habe

ich nicht geglaubt.“

Wie auch immer Anerkennung und Misverständniß, Erfolg und Kränkung

miteinander wechseln mochten, darin mußten am Ende alle, auch die

ungünstigsten Stimmen sich vereinen, daß, wenn Ludwig auch schwer zu

leiten sein mochte, man doch ein seltenes, mit sich selbst ringendes

Talent vor sich habe, welches seinen Weg suche, und für die Zukunft

Großes zu versprechen scheine. Gewiß, wenn irgend Einer den Namen eines

hoffnungsvollen jungen Menschen verdiente, den man sonst mit einem

gewissen Nachdruck nur sogenannten wohlgesitteten Schülern zu ertheilen

pflegte, so war es der funfzehnjährige Ludwig Tieck.

Ein hoffnungsvoller junger Mensch gehörte nicht mehr der Schulstube

allein an. Auch das gesellige Leben machte Ansprüche an ihn. Man

verlangte nicht allein Kenntnisse, er sollte sie geltend machen können.

Er sollte mit Menschen verkehren, gesellschaftliche Kreise betreten,

eine Unterhaltung in artigen Wendungen führen, durch gesellige Künste

das Seine zur allgemeinen Heiterkeit beitragen, und allen diesen

Anforderungen in sichern und zierlichen Formen genügen können. Mit

einem Worte, der hoffnungsvolle junge Mensch sollte in die Welt

eintreten. Dazu war aber Ausbildung geselliger Eigenschaften, und

körperliche Haltung und Gewandtheit unerläßlich.

Auch darauf war der sorgsame und verständige Vater bedacht. Eines

Tages fragte er: „Nun, Ludwig, hast du nicht Lust, Musik zu lernen?“

Für einen hoffnungsvollen jungen Menschen war das zuerst nöthig. In

der Frage des Vaters schien sich die Aussicht auf Abwechselung, eine

angenehme Unterhaltung und manche neue Erfahrung darzubieten. Ohne

weiter zu wissen, worauf es ankomme, antwortete er, mit der Geige möge

er wol einen Versuch machen. Gesagt, gethan. Ein Musikmeister erschien

bald darauf; der Unterricht nahm seinen Anfang. Es war ein guter,

stiller und in seiner Kunst sehr tüchtiger Mann, aber der Weg, welchen

er einschlug, war der sonderbarste. Sei es, daß er die Langeweile des

musikalischen A-b-c scheute, oder daß er eine ungemessene Vorstellung

von der Fähigkeit seines Schülers hatte, ohne ihn über Werth und

Bedeutung der Noten aufzuklären, legte er ihm in einer der ersten

Stunden die bekannte Melodie: „Blühe, liebes Veilchen!“ vor. Er selbst

spielte sie so lange ab, bis Ludwig sie mit dem Gehör aufgefaßt hatte

und leidlich nachzuspielen vermochte. Mit einigen Griffen, die er

nothdürftig erlernt hatte, sollte er sich nun weiterhelfen. Sogleich

ging man zu schwerern Stücken über. Da es ihm an allem Verständniß

fehlte, auch sein Gehör keineswegs sicher war, so lahmte der Unterricht

bald in der kläglichsten Weise. Die Uebungen, das ihm ganz räthselhafte

Notenschreiben setzte seine Geduld auf eine harte Probe; das Instrument

selbst ward ihm verhaßt. Die dabei nothwendige Haltung des Kopfes kam

ihm abgeschmackt vor, die sägende Bewegung der Hand lächerlich, der

schrillende Ton der Geige, seinem Ohre so nahe, schnitt ihm durch

Mark und Bein. Unwillkürlich verzog er bei gewissen Tönen den Mund

grimassenhaft, die sonderbarsten Gesichtsverzerrungen wurden ihm zur

Gewohnheit. An eine Beendigung dieser musikalischen Leiden war nicht zu

denken, die Kunstübungen waren einmal begonnen, streng mußten sie daher

nach dem Willen des Vaters durchgeführt und erduldet werden.

Eines Sonntags, ein Tag, den der Vater durch allerlei häusliche

Untersuchungen auszuzeichnen pflegte, wollte er sich auch von den

Fortschritten seines Sohnes in der Musik überzeugen. Ludwig sollte

vorspielen. Im guten Glauben an das, was er im Schweiße seines

Angesichts gelernt hatte, trug er einige beliebte Melodien vor, mit

denen er sich am besten abzufinden meinte. Schweigend hatte der

Vater zugehört, endlich sagte er: „Mein Sohn, du hast in der That

Fortschritte gemacht; freilich nicht im Violinspielen, aber doch im

Gesichterschneiden. Wo in aller Welt hast du diese abgeschmackten

Fratzen her?“ Zuletzt behauptete er gar, in Folge dieser heillosen

Musik heftige Zahnschmerzen bekommen zu haben.

Ludwig hatte sich durch sein Kratzen auf der Geige auch dem Ohre der

übrigen Hausbewohner bemerklich gemacht, und bald galt er für einen

Violinvirtuosen. In dem obern Stockwerke wohnte der Stadtsecretär

Laspeyres, dessen aufwachsende hübsche Tochter als Hausgenossin auch

seine Aufmerksamkeit erregt hatte. Sonntags pflegte sie Besuche einiger

jungen Freundinnen zu empfangen, und so erging einmal die Bitte,

ob Monsieur Tieck nicht die Güte haben wollte, mit seiner Violine

heraufzukommen. Da der Geburtstag der Mademoiselle sei, wünschten

die jungen Damen ein Tänzchen zu machen. Gern folgte er dieser

schmeichelhaften Einladung.

Die Mutter empfing ihn mit Entschuldigungen und artigen Worten über

sein Spiel. Bei diesen hohen Erwartungen wurde ihm schon unheimlich

zu Muthe. Mehr noch, als er in vollem Lichterglanze, in dem Kreise

der jungen, zierlichen Damen stand, die ihn über sein Spiel, welche

Tänze er vorzutragen wisse, auszufragen anfingen. Zagend setzte er

seine Geige an, und unter obligatem Gesichterschneiden begann er seine

Tänze abzuspielen. Man fand die Manier des jungen Künstlers höchst

eigenthümlich. Ohne Takt haspelte er seine Stücke ab, nichts wollte

passen. Man wunderte sich, man kicherte, unwillig mußte man den eben

begonnenen Tanz aufgeben; er endete mit der vollsten Verwirrung.

Endlich dankte man Ludwig für seine Bemühungen und bat ihn, sie

einzustellen. Voll Zorn über diese Demüthigung, die ihn in einem so

anmuthigen Damenkreise treffen mußte, die Geige und seinen Meister

verwünschend, zog er sich still und ohne Geräusch zurück.

Von diesen musikalischen Leiden befreite ihn erst eine spätere Zeit.

Er mußte die Schule zweier Meister durchmachen, obgleich es dem Vater

nicht entgehen konnte, daß es dem begabten Sohne an jedem Berufe

für die Ausübung der Musik und, bisjetzt wenigstens, auch an dem

äußern Sinne für dieselbe fehlte. Besser ging es in der ebenfalls

unerläßlichen Tanzstunde, in der Haltung und Anstand gelehrt werden

sollte. Der Tanzmeister führte Ludwig sogar als einen seiner besten

Scholaren vor, wenngleich dieser auch hier das Plagen mit dem Takte

unerträglich fand, und die Musik eher für die Feindin als die

Begleiterin des Tanzes halten wollte.

Neben diesen gefälligen Künsten kamen die ritterlichen an die Reihe.

An die Stelle knabenhafter Raufereien trat auch hier der Unterricht.

Ludwig war gesund, kräftig, hoch aufgeschossen. In den sanften,

ja weichen Zügen seines Gesichts würde man weder die bedeutende

Körperkraft, die er besaß, noch den aufflammenden Muth gesucht haben,

mit dem er sie zu Zeiten zur Anwendung brachte. Zuerst leitete ihn das

Vergnügen an der Ausbildung seiner Kräfte, dann die bestimmte Absicht,

auch in diesen Künsten sich frei und sicher zu bewegen.

Frühzeitig hatte er seine erste Ritterprobe nicht ohne Gefahr

bestanden. Auch darin hatte der Vater einen freiern Sinn, daß er

hin und wieder einen Philistergaul bestieg, um Ausflüge und kleine

Geschäftsreisen in der Umgegend Berlins zu machen. Eines Abends war

Ludwig hinausgegangen, den Vater, der mit einem andern Meister von

einem benachbarten Städtchen zurückkehrte, am Brandenburger Thore zu

erwarten. Zur bestimmten Stunde trafen die beiden Reiter ein. Der

Vater stieg von seinem Gaul ab, und da ängstliche Sorge nicht seine

Sache war, forderte er den Sohn auf, sich auch im Sattel zu versuchen.

Dieser ließ sich das nicht zwei mal sagen, schwang sich kecklich auf,

und ohne die nöthigen Anweisungen abzuwarten, begann er das Pferd

übermüthig in die Weichen zu stoßen. Der Gaul warf sich mit einem

gewaltigen Sprunge herum, in weitem Bogen flog Ludwig’s Hut auf die

Erde, und das scheue Thier jagte auf dem Wege nach Charlottenburg an

Wagen und Spaziergängern in gestrecktem Laufe vorüber. „Wohin so eilig,

junger Herr?“ rief man dem verwegenen Reiter aus einem Wagen zu, an

dem er hinstreifte. „Das weiß Gott allein!“ rief er zurück. Endlich

auf dem Platze bei den Puppen, wie ihn die Volkssprache wegen der dort

aufgestellten Bildsäulen nannte, gelang es einigen hülfreichen Händen,

des Thieres Herr zu werden.

Athemlos vor Angst und Eile, keuchten jetzt auch die beiden Meister

heran. So rasch als es ihre stattliche Leibesfülle erlaubte, waren

sie dem jungen Heißsporn gefolgt. Unsanft riß ihn der Vater vom Gaule

herab mit seiner beliebten Anrede: „Du bist und bleibst doch ein dummer

Junge! Wie unbesonnen war es, das Pferd so zu reizen! Es konnte dir das

Leben kosten!“ Nach diesen ersten wenig ermuthigenden Erfahrungen wurde

Ludwig später ein eifriger Kunde der berliner Pferdeverleiher, und bald

galt er für einen kühnen und sichern Reiter.

Einige Zeit darauf machte er eine Bekanntschaft, die ihm bei allen

Uebungen dieser Art trefflich zu Statten kam, ihm aber auch zugleich

einen überraschenden Blick in die tiefern Schatten des Lebens

eröffnete. In der Nachbarschaft des Vaterhauses lag ein Soldat von

einem der berliner Grenadierregimenter im Quartier. Ludwig hatte ihn

häufig an der Thür vorübergehen sehen, und das blasse ausdrucksvolle

Gesicht war seiner Aufmerksamkeit nicht entgangen. Die größere

Sauberkeit der Uniform, die ganze Haltung verrieth einen Menschen,

der offenbar weit über der großen Masse gewöhnlicher Soldaten stand.

Weitere Nachforschungen ergaben, es sei ein Gemeiner, der sogenannte

Freidienste thue, was schon auf bessere Verhältnisse schließen ließ.

Bei der nächsten günstigen Gelegenheit knüpfte Ludwig ein Gespräch mit

dem Grenadier an. Er hieß Daschieri und stammte aus einer gebildeten

Familie in Modena. Mit Gewandtheit, geselliger Bildung und manchen

Kenntnissen ausgestattet, hatte er als junger Mann den abenteuernden

Cavalier gespielt, sich an Badeörtern und Spielbanken aufgehalten,

und war schließlich in allerlei ärgerliche Händel verwickelt worden.

Ohne Mittel, von Gläubigern verfolgt, fiel er in Strasburg preußischen

Werbern in die Hände. Man hatte ihm die Möglichkeit vorgespiegelt, in

kurzer Zeit Offizier zu werden, er hatte Handgeld genommen, und war auf

das preußische Gebiet abgeführt worden. Jetzt begann die Enttäuschung.

Als Gemeiner wurde er in ein Grenadierregiment in Berlin eingereiht,

und zu einer Capitulation von sieben Jahren genöthigt. Nun erst war er

völlig unglücklich, in einem fremden Lande, abgeschnitten von jeder

Verbindung mit den Seinen. Bei einer gewissen Bildung an einen Haufen

Menschen gefesselt, der zum Theil der Auswurf der verschiedensten

Länder war, körperlichen Anstrengungen und den Mishandlungen roher

Unteroffiziere preisgegeben, verfiel er in einen verzehrenden Gram.

Aber alles Streuben gegen die eiserne Strenge der Zucht konnte seine

Lage nur verschlimmern; er mußte seinen Nacken beugen. Da er sich

pünktlich im Dienste, und außerdem still, ordentlich und gewandt

zeigte, auch durch kleine Nebenverdienste im Besitz einiges Geldes war,

so behandelte man ihn als einen Soldaten besserer Art, und ließ ihm

einige Erleichterungen zu Theil werden. Nach Ablauf der Capitulation

hoffte er seiner Dienste entlassen zu werden, aber halb mit

Ueberredung, halb mit Gewalt hatte man ihn genöthigt sie zu erneuern.

In diesen aufreibenden Leiden fand Daschieri unerwartet in seinem

jungen Nachbarn einen warmen und ergebenen Freund, der ihm mit dem

vollen Gefühle der Theilnahme entgegenkam. Konnte er von ihm auch keine

Hülfe erwarten, so war es doch eine große Erleichterung, in stillen

Freistunden sein Herz ausschütten zu dürfen, denn auch Klagen waren

streng untersagt, und er hatte doch soviel zu klagen, wie er aus

Furcht vor Desertion auf Schritt und Tritt belauert werde, ja nicht

einmal nach Hause schreiben dürfe. In minder trüben Stunden wußte er

auch manches Anziehende von Ländern und Menschen zu erzählen. Immer

vertraulicher verkehrte Ludwig mit dem eigenthümlichen Manne, und

beschloß endlich, in den mancherlei nützlichen Künsten, in denen er

bewandert war, sein Schüler zu werden. Er lernte die Anfangsgründe des

Italienischen von ihm und kam bald so weit, den Tasso lesen zu können.

Da sein Lehrer kein ungeschickter Flötenbläser war, so wurde er zu

neuen musikalischen Versuchen angeregt, und griff selbst zur Flöte.

Mit aller Lust des Jünglings aber ließ er sich in das Waffenhandwerk

einweihen. Er lernte das Stichrappier führen, das ihm eine edlere und

zierlichere Waffe schien als der Hieber, und ließ sich auch in andern

militärischen Handgriffen unterweisen. Dafür wurde dem Lehrer im

älterlichem Hause manche Unterstützung und Erleichterung zu Theil.

Endlich war Daschieri’s Capitulation abermals abgelaufen. Jetzt hoffte

er befreit zu werden, doch sein Capitän war anderer Meinung. Es kam

zwischen Beiden zu einem heftigen Wortwechsel, und Daschieri wurde

wegen Widersetzlichkeit zu einer bedeutenden Anzahl von Fuchtelhieben

verurtheilt. Er erlag unter der Klinge des Unteroffiziers, und wurde

halbtodt in das Lazareth gebracht, wo er heftig erkrankte. Ludwig

und der Vater waren von diesem neuen Misgeschick tief ergriffen.

Soweit es erlaubt war, suchte man die Lage des Unglücklichen zu

erleichtern. Ludwig besuchte ihn und saß tröstend und unterhaltend an

seinem Bette. Endlich hörte auch dies auf. Daschieri verfiel in eine

Frieselkrankheit; bald darauf starb er.

Es war ein Ereigniß, welches Ludwig auf das tiefste erschütterte. Was

er hier als unmittelbarer Zeuge gehört, gesehen, erlebt hatte, warf

einen breiten, dunkeln Schatten auf sein so empfängliches Gemüth,

auf seine rege Phantasie, auf das Leben selbst. Solche Erfahrungen

dienten dazu, in seiner Seele schwermüthige Betrachtungen vollends

heraufzuführen, die wie ferne Gewitterwolken am Himmel des Jugendlebens

hingen. Wie verhaßt erschien ihm jetzt das Soldatenwesen, dessen

glänzende Außenseite er bisher knabenhaft angestaunt hatte; wie

tyrannisch diese eiserne Ordnung, die jeden Willen mit unerbittlicher

Strenge zerbrach; wie todt und nüchtern dieses tägliche Herumdrehen im

Kreise einförmiger Thätigkeit! Wie hatte er sich dagegen gewöhnt, in

freiester Ungebundenheit nach Laune und Willkür sich zu bewegen, nur

auf Das zu horchen, was sein Genius ihm zuflüsterte, nur die Bilder zu

sehen, die seine Phantasie ihm vorzauberte.

Manche andere Erlebnisse steigerten noch diesen Widerwillen. Wenn

er in der Abendstunde die Stadt verlassen wollte, hatte man ihn am

Thore angehalten und genöthigt, sich auszuweisen. Man sah in dem

schlanken Primaner einen jugendlichen Rekruten, der in Civilkleidern

desertiren wolle. Beleidigend wurden für ihn die übermüthigen Reden

junger Offiziere, mit denen er bisweilen in dem Italienerladen von Sala

Unter den Linden zusammentraf. Da hieß es in den Stunden der Parade:

„Die Kerle draußen haben lange genug Ruhe gehabt; wir wollen ihnen

mit der Fuchtel Motion machen.“ Alle diese Erfahrungen ließen einen

tiefen Eindruck für Ludwig’s Leben zurück. Niemals hat er sich mit dem

militärischen Wesen auszusöhnen vermocht.

6. Jugendgefährten.

Ludwig Tieck Erinnerungen aus dem Leben des Dichters nach dessen mündlichen und schriftlichen Mitteilungen · 第 5 / 51 段