Armseligkeit der Theaterwelt zu ahnen. Trotz seiner Geringschätzung
der Komödianten hatte der Vater dennoch den Verkehr mit denselben
fortgesetzt, ja er machte sogar den Beschützer. Es besuchte ihn öfters
ein junger Schauspieler, Namens Heinzius, der eine Anstellung beim
berliner Theater suchte, und einstweilen mit Frau und Kindern hungerte.
Mitleidig lud ihn der kunstsinnige Handwerker zu seinem Mittagstische
ein, damit er sich ab und zu satt essen könne. Dann kam der Künstler,
um vor seinem Gönner würdig zu erscheinen, mit reiner Halskrause, die
er vorher mit Schlemmkreide sauber geweißt hatte. Während er der derben
Hausmannskost tapfer zusprach, pflegte er zum Danke allerlei lustige
Geschichten zu erzählen, die den Vater in seiner ungünstigen Meinung
von den Komödianten meistens bestärkten. Nach langen Jahren sah Ludwig
diesen Heinzius wieder. In kummervoller Gestalt, die Guitarre am Bande
über der Schulter, durchstreifte er als Improvisator die Tabagien und
Vergnügungsgärten Berlins.
4. Der Genius.
Gewann schon Ludwig’s Freude am Theater durch das Geheimniß, welches
er darüber auszubreiten suchte, einen ganz besondern Reiz, so gab es
eine andere Saite, deren innerste Bewegung sich den Augen noch viel
mehr entzog. Wenn er als Schauspieler aufzutreten suchte, so war dies
keineswegs allein gewöhnliche Kinderlust an possenhafter Mummerei,
der Dichter war es, der sich in ihm regte, und zu diesem ersten,
unmittelbarsten Werkzeuge griff. Doch wie ungefügig und schwerfällig
waren diese Mittel, wie bleich diese Farben im Vergleich mit den
glänzenden Bildern, welche die kindisch spielende, doch rastlos
arbeitende Phantasie heraufführte! Wie sank hier jede Schwere des
Stoffes zu Boden, wie wichen Zeit und Raum zurück, wie frei schaltete
der Knabe in dieser Bilderwelt, die ihn umgab, wo er ging und stand,
in der das Gewöhnliche im Glanze des Wunderbaren und Außerordentlichen
erschien. Hier schwieg jeder Schul- und Lehrzwang, hier war er sein
eigener Herr. Die ersten Schauer jener Verzückungen, in denen sich
schöpferische Kraft und Genuß verbanden, durchbebten seine Seele.
Stärker und stärker begann der Genius anzuklopfen.
Fürs erste sprach er sich in kindischer Weise aus. Früh hatte Ludwig
angefangen, nach Reim und Tonfall spielend Verse zu machen. Natürlich
entging das dem Auge des Vaters nicht. Stillschweigend ließ er ihn
gewähren, und schien es als etwas Gewöhnliches zu nehmen. Doch trat
Ludwig früh genug öffentlich als Dichter auf. Als sein gefürchteter
Schuldirector sich im Jahre 1784 verheirathete, drückten die Schüler
in glückwünschenden Reden ihre Theilnahme aus. Auch Ludwig mußte
zur Feier einige Verse machen. Ein junger Mensch, der in des Vaters
Hause verkehrte, hatte sie regelrecht zugestutzt, er selbst sprach
sie vor dem Director und seiner jungen Frau. Einige Küsse und ein
Stück Hochzeitskuchen waren der erste Dichtersold, den er gewann; und
die Schulkameraden staunten ihn wegen solcher Künste und Erfolge nur
umsomehr an.
Kühner traten diese Versuche in Verbindung mit dem dramatischen Spiele
hervor, das unaufhörlich zu Planen und Ausführungen Veranlassung gab.
Auch an andern Uebungen in verschiedenen Versmaßen fehlte es nicht,
namentlich seit die zunehmende Bekanntschaft mit alten und neuern
Dichtern selbst in der Schule dazu führte. Den tiefsten Eindruck hatte
die „Odyssee“ auf ihn gemacht. In den klarsten dichterischen Formen
fühlte er den Zauber der Mythenwelt auf sich wirken. Dieser Wechsel der
anschaulichsten Gestalten, die bunten Abenteuer in einer fabelhaften
und wunderbaren Natur, die siegreiche Kraft menschlichen Witzes im
Kampfe mit allen Schrecken der Elemente und des Zaubers, diese Fülle
der Phantasie, alles Das übte einen unendlichen Reiz aus. Er konnte
diese tönenden Verse nicht oft genug lesen. Auf seine Weise suchte
er dem Stoffe näherzukommen. Zwei mal übersetzte er die „Odyssee“
schriftlich, einmal in Prosa, dann in Hexametern.
Glaubte Ludwig in solchen Uebungen etwas Besonderes geleistet zu
haben, so übergab er es dem Vater, der diese überraschenden Zeugnisse
der Frühreife in der Regel mit gleichgültiger Miene hinnahm. Sein Lob
beschränkte sich meistens auf die trockene Bemerkung: „Nun, es geht
an.“ Dagegen faßte er die kindischen Blößen mit scharfem Tadel auf und
benutzte sie, um die junge Zuversicht zu demüthigen und vor sich selbst
lächerlich zu machen.
Einst war Ludwig Huber’s französische Uebersetzung von Kleist’s
„Frühling“ in die Hände gefallen. Die Naturschilderungen in dem
Gedichte gefielen ihm. Spielend fing er an, es zurückzuübersetzen, und
zwar in gereimten Versen. Einzelnes davon überreichte er dem Vater, der
es ihm mit einem lakonischen, aber vieldeutigen „Hm! So!“ zurückgab.
Ohne sich irre machen zu lassen, hatte er seine Rückübersetzung fast
vollendet, als er nicht minder zufällig das Gedicht selbst kennen
lernte. Er zweifelte keinen Augenblick, dies sei eine deutsche
Uebersetzung, und Huber’s Uebersetzung, die er ja früher hatte kennen
lernen, das Original. Er konnte seine Verwunderung über die sonderbaren
Verse nicht unterdrücken, und eilte mit seinem Funde zum Vater. „Sehen
Sie, lieber Vater“, rief er ihm zu, „den dummen Mann hier, der das
französische Gedicht in solchen Versen übersetzt hat!“ Mit ironischer
Trockenheit erwiderte der Vater: „Du bist und bleibst ein dummer
Junge! Ich habe dich in deinem Thorenwerke nicht stören wollen; nicht
einmal den Titel deines Buchs hast du angesehen, sonst hättest du
es sogleich bemerken müssen. Dieses hier, Kleist’s ‚Frühling‘, ist
das ursprüngliche Gedicht, und jenes eine französische Uebersetzung.
Du bist einfältig genug gewesen, ein deutsches Buch ins Deutsche zu
übersetzen.“ Beschämt stand der jugendliche Schriftsteller vor dem
strengen Kritiker. Gegen einen so bündigen Beweis ließ sich nichts
vorbringen. Schweigend zog er sich mit seinen Versen, auf die er keinen
geringen Werth gelegt hatte, zurück.
Keine geringere Beschämung erfuhr er bei einer andern Gelegenheit.
Unfern der Petrikirche war er einst einem schlanken jungen Manne von
stattlicher Haltung begegnet. Ernst, wie es schien, tief in Gedanken
versunken, schritt dieser würdevoll einher; unbewußt ließ er dabei
sein zierliches spanisches Rohr taktmäßig auf das Pflaster der Straße
niederfallen. Wo hatte Ludwig dieses blasse Gesicht, diese gewölbte
Stirn, diese Nase gesehen? Diese edeln Züge, in denen soviel Kraft und
Anmuth, aber auch soviel schmerzliche Erfahrung zu liegen schien? Wie
ein Blitz durchzuckte es seine Seele: „Es ist Goethe!“ Wie oft hatte er
nicht in Lavater’s „Physiognomik“ Goethe’s Schattenriß mit Bewunderung
betrachtet und dieses edle, hohe Antlitz seinem Gedächtnisse
eingeprägt! Es waren dieselben Züge. Ja, das konnte nur Goethe sein!
Trunken von seinem Glücke, den größten Dichter gesehen zu haben, eilte
er nach Hause.
Doch wie steigerte sich seine Wonne, als er demselben jungen Manne bald
darauf wieder begegnete, als er gar entdeckte, daß er in der Nähe der
Petrikirche wohne. Jetzt legte er sich vollkommen in den Hinterhalt,
um Goethe vorübergehen zu sehen. Bald ging er in einiger Entfernung
neben ihm, oder er suchte ihm entgegenzukommen. Er vertiefte sich in
seinen Zügen, den Götz, den Werther entdeckte er darin. „Ach, wie muß
doch einem so großen Dichter zu Muthe sein!“ seufzte er sehnsüchtig
für sich. Endlich konnte er die Freude seines Herzens nicht mehr
allein tragen. Er theilte das große Geheimniß seinem Vater, seinen
Freunden mit. Man lächelte ungläubig; man sah den Goethe, der in der
Nähe der Petrikirche wohnen sollte, man stellte Nachforschungen an.
Aber welche Enttäuschung erfolgte auch hier! Nicht Goethe war der
blasse Räthselhafte, sondern der Kammergerichtsassessor Kircheisen, der
Sohn des berlinischen Stadtpräsidenten. Die spöttische Zurechtweisung
des Vaters blieb nicht aus, und lange noch hatte Ludwig wegen seines
Goethe-Traums die Neckereien der Geschwister und Gefährten zu erdulden.
Wenn sich die Gegenbemerkungen des Vaters auf so schlagende Thatsachen
gründeten, so ließ sich dagegen nichts sagen; desto weniger
überzeugend waren für Ludwig seine dichterischen Urtheile. Nicht nur
sein eigener Dichtergenius regte sich, er fing auch an das Verständniß
Anderer zu ahnen, deren Anerkennung ihm allmälig zum Lebensbedürfniß
wurde. Aber der Vater schien viele gar nicht so anzuerkennen, wie sie
es verdienten. Oft war er hart in seinen Urtheilen, und in seinem
rücksichtlosen Spotte verletzend. Aus einem tiefen, unabweisbaren
Gefühle erwuchsen Ludwig’s Ueberzeugungen. So klar wie der Tag, so
sicher wie sein eigenes Dasein stand Manches vor ihm, und dennoch
sollte er im Unrechte sein? Nicht ohne Selbstgefühl vertheidigte er
daher seine Ansichten gegen den Vater. Er wagte es sogar, diesen
bisweilen in Dem zu durchkreuzen, was er sich als Ergebniß seiner
Lebenserfahrung ausgebildet hatte. Bei solchen Widersprüchen pflegte
der ganze Zorn des Vaters plötzlich aufzulodern.
Bald zeigte sich hier ein Gegensatz der Geister, der schwer
auszugleichen schien. Der Sohn war voll Phantasie und neigte zum
Gemüths- und Gefühlsleben; der Vater war seiner poetischen Liebhaberei
ungeachtet nüchtern und verständig. Immer häufiger trat diese
Verschiedenheit hervor. So hatte Ludwig das alte Gesangbuch der Mutter
mit seinen Liedern in hohem Grade liebgewonnen, und nahm sie lebhaft in
Schutz, wenn der Vater darauf schalt. Diese einfachen und tiefen Klänge
ergriffen ihn gewaltig. Ebenso malerisch als rührend schien ihm in
jenem Abendliede Paul Gerhard’s die tiefe, schweigende Ruhe der Wälder,
die heilige Stille, welche die ganze Welt mit ihrem Schleier bedeckt.
Er bot seine ganze Beredtsamkeit auf, um den Vater von der Schönheit
dieser alten Lieder zu überzeugen. Warum nicht auch solche Gefühle sich
aussprechen dürften, woher man das Recht nehme, sie zu verurtheilen?
Solche Versuche hatten in der Regel keine andere Folge, als daß der
Vater sie mit steigendem Unwillen abwies. „Du machst dir eine Menge
einfältiger Faxen zurecht“, sagte er, „und siehst darüber die Dinge
nicht, wie sie sind.“
Indessen ging Ludwig, ohne sich irre machen zu lassen, seines
Weges weiter, und nur um so sicherer, als er um diese Zeit einen
dichterischen Führer und Freund fand, der ihn durch das Leben begleiten
sollte. Dies war Shakspeare.
Seine Theaterlust wurde vielleicht nur noch durch seine Leselust
übertroffen. Längst war des Vaters kleine Büchersammlung erschöpft.
Kein Buch, das in das Haus kam, war vor ihm sicher. Auch die
Leihbibliothek, aus der Manches für die Abendvorlesungen entliehen
wurde, genügte kaum mehr. Dann kamen die mehr oder minder
ergiebigen Büchervorräthe der Schulgefährten an die Reihe. Mit
der Unersättlichkeit des Heißhungers verfolgte er Alles, was in
dramatischer oder dialogischer Form geschrieben war. Wo er irgendein
unbekanntes Buch witterte, ruhte er nicht eher, als bis er sich seiner
bemächtigt und es verschlungen hatte.
Da fiel ihm eines Tages bei einem sonst ziemlich gleichgültigen
Schulkameraden ein Theil des Eschenburg’schen „Shakspare“ in die
Hand. Es war „Hamlet“. Sogleich eilte er mit seiner Beute nach
Hause. Voll Ahnung und gespannter Erwartung konnte er die Ungeduld
nicht länger zügeln. Sein Weg führte ihn über den Lustgarten durch
eine der Pappelreihen, die denselben damals umschlossen. Es war
ein nebeliger Abend im Spätherbste; ein feiner, durchdringender
Schlagregen begann soeben zu fallen. Unter den Bäumen glommen einige
kümmerliche Oellaternen. Ludwig trat hinzu. In dem matten, unsichern
Schimmer wollte er wenigstens das Personenverzeichniß ansehen. Kaum
hatte er einen Blick in das Buch geworfen, als er sich auch schon
gefesselt fühlte. Die nächtliche Scene, die ersten Reden der Wachen,
das Erscheinen des Geistes, Alles erfüllte ihn mit zauberischem
Grausen und doch mit unendlichem Entzücken. Er fühlte nichts von dem
Herbstwinde, der ihm den Regen entgegentrieb, nicht daß er Schirm
und Buch unbewußt im Gleichgewicht erhalten mußte, nicht daß er auf
feuchtem Laube stand. Er sah und hörte nur Hamlet. Er las und las;
erst mit dem Todtenmarsche hörte er auf. Durchnäßt, an Händen und
Füßen erstarrt, fand er sich wieder. Er war nicht zu Helsingör; aber
aus der Tiefe der Vergangenheit war auch ihm ein Geist wiedergekommen,
größer und gewaltiger als die Majestät des ermordeten Dänemark, der
zu ihm gesprochen hatte; er hatte in nächtlicher Stunde den Ruf des
Geistes vernommen. Jetzt endlich eilte er nach Hause, nicht ohne Ahnung
einer irdischen väterlichen Zurechtweisung. Aber was waren ihm alle
Befürchtungen im Vergleich mit der Erscheinung, die er heute gehabt
hatte!
Nun wurde Shakspeare sein Losungswort. Von allen Seiten wurden einzelne
Bände von Freunden zusammengeborgt, von Antiquaren aufgekauft. Unwillig
folgte der Vater dieser neuen Wendung der jugendlichen Begeisterung.
Er war ein Bewunderer Goethe’s, aber gegen Shakspeare war er sehr
mistrauisch. Wie fast das ganze ältere Geschlecht sah er in ihm ein
wildes, halbbarbarisches Genie, fand seine Trauerspiele roh und blutig,
seine Späße abgeschmackt, das Ganze unverständlich und verworren.
Eines Tages traf er den Sohn wiederum in ein Buch vertieft. Er beugte
sich über seine Schulter nieder. Es war Shakspeare’s „Maß für Maß“.
Aergerlich brach er in die Worte aus: „Nun ja, das hat noch gerade
gefehlt, um dich vollends verrückt zu machen!“ Ludwig sprang von seinem
Sitze auf und erwiderte schnell gefaßt: „Erlauben Sie, lieber Vater,
gerade so, wie es hier ist, habe ich mir immer gedacht, müsse ein
Gedicht geschrieben werden. Das ist es, was ich lange gesucht habe.“
Barsch erwiderte der Vater: „Ach, du bist und bleibst ein dummer Junge!“
Zu Shakspeare gesellten sich ungefähr um dieselbe Zeit zwei andere
Geister, die kaum eine geringere Bedeutung für ihn gewinnen sollten,
Cervantes und Holberg, die Gefährten seiner heitersten Stunden. Jener
trat Shakspeare unmittelbar an die Seite. Eines Mittags aus der Schule
heimkehrend, fand Ludwig die Bertuch’sche Uebersetzung des „Don
Quixote“ in der Wohnstube auf dem Fensterbret liegen. Mehr zufällig als
absichtlich war sie aus der Leihbibliothek entliehen. Er griff nach
dem Buche, ohne von dem Titel und dem Namen des Verfassers je gehört
zu haben. Auch hier entschied der erste Blick. Stehenden Fußes begann
er zu blättern, zu lesen. Die Lustigkeit dieser sonderbaren Gestalten,
ihre Abenteuer, die Schlagwörter Sancho’s ergötzten ihn unendlich. Auch
Dergleichen hatte er noch nicht gehört. Er konnte das Buch nicht wieder
aus der Hand legen. Um seine Lesegier sogleich zu stillen, nahm er
seine Zuflucht zu einer beliebten Schullist. Unter dem Vorgeben einer
starken Migräne, von welcher er ab und zu befallen wurde, erklärte
er es für unmöglich, Nachmittags die Lehrstunden zu besuchen, und
warf sich auf sein Bett, um ungestört den Ritterzügen des sinnreichen
Junkers von La Mancha zu folgen. Da trat unerwartet der Vater ein.
„Mein Sohn“, sagte er, „das hast du nicht gut gemacht. Solche
Kopfschmerzen werden durch Lesen nur schlimmer. Gib das Buch her, und
bleib ruhig in deinem Bette liegen.“ Mit betrübter Miene sah er den
Schatz seinen Händen entrissen, und sich selbst zum Bette verurtheilt.
Doch die Freundschaft mit Cervantes war fürs Leben geschlossen, und
wirkungslos gingen die spöttischen Bemerkungen des Vaters vorüber,
der auch hier nicht begreifen konnte, wie es möglich sei, an diesen
Thorheiten Gefallen zu finden, und kopfschüttelnd sagte: „Wenn du so
fortfährst, wirst du als ein Narr und verdrehter Mensch durchs Leben
laufen.“
Holberg verdankte Ludwig abermals einem Schulgefährten, in dessen
Familie er viele ausgesuchte und schön eingebundene Bücher gefunden
hatte. Von diesen Kostbarkeiten durfte er Manches entleihen, ja man
verstattete ihm sogar, die Schränke selbst zu durchstöbern. Mitten
unter den zierlichen Bänden fand er einige sehr übel aussehende. Es
war die alte Uebersetzung von Holberg’s Lustspielen. Auch hier fühlte
er sogleich dem gleichartigen Geiste begegnet zu sein, und auch diesen
Freund hielt er fest. Auf seine Frage, was das für ein herrliches
Buch sei, antwortete der Schulgenosse: „Es ist eine nichtswürdige
Scharteke, die zufällig hier hineingerathen ist. Macht Ihnen das Ding
Spaß, so wird es Ihnen mein Schwager nicht nur leihen, sondern auch
gern schenken.“ Welche Fundgrube von guten Späßen hatte Ludwig hier
nicht entdeckt! Es war nicht die kindische Freude an diesen, jener
sonderbare und launige Geist des Humors, der oft die muthwilligsten
Sprünge machte, war längst in ihm erwacht, und schaute oft schelmisch
aus seinen Reden und Handlungen hervor.
Der Genius hatte ihn zu den größten verwandten Geistern der
Vergangenheit und Gegenwart hingeleitet. Der Bund mit Goethe,
Shakspeare und Cervantes war für das Leben geschlossen. Und war es
nicht eine verheißungsvolle Weihe des Jüngers, wenn sie seine Führer
zum Garten der Poesie wurden?
5. Ein hoffnungsvoller junger Mensch.
Unter solchen Anregungen und den wiederholten Versuchen, seine noch
unklaren Empfindungen Andern begreiflich zu machen, hatte er sich
allmälig eine gewisse Mündigkeit gewonnen, die immer zuversichtlicher
hervortrat. Er war den mittlern Schulkreisen entwachsen. An die Stelle
des wunderlichen Subrector Stilke und des Prorector Pleßmann, welcher
durch seine unbedachten Aeußerungen im Geschmack der irischen Bulls zur
Zielscheibe des allgemeinen Schulwitzes geworden war, traten andere
Lehrer, die anregender wirkten, vor Allen Gedike selbst.
Es war ein bedeutender Abschnitt in diesem Stillleben, als Ludwig im
Jahre 1788, funfzehn Jahre alt, in die oberste Classe des Gymnasiums,
die sogenannte Prima, hinaufrückte. Hier hörte die geringschätzige
Anrede mit „Er“ auf; sie wurde durch das rücksichtvollere „Sie“
ersetzt. Nur Gedike wandte diese höflichere Form ungern an. Sie schien
mit seiner Würde unvereinbar, und er suchte sich damit zu helfen, daß
er zu dem Angeredeten wie von einer dritten Person sprach. Auch genoß
man sonst mancher Vergünstigung. Man erschien mit dem Stocke in der
Hand, kam auch wol gestiefelt und gespornt in das Lehrzimmer. Genug,
die Kinderschuhe waren ausgezogen, und nicht ohne hohes Selbstgefühl
faltete man das Gesicht zu männlichem Ernste. Denn man war ja ein
hoffnungsvoller junger Mensch geworden, der sich für die tiefern
Studien der Wissenschaft vorbereitete. In Allem herrschte größere
Freiheit, und selten griffen die Lehrer mehr ein, als unbedingt
nothwendig war.
Wichtig war es, daß man nun auch den Herrn Rath, das war Gedike’s
amtlicher Schultitel, von einer mildern Seite kennen lernte. Hatte man
ihn früher nur als Donnerer gesehen und gehört, so war er jetzt Lehrer
und Führer im innersten Heiligthume. In den obersten Classen ertheilte
er eine Reihe von Lehrstunden, in denen er einen griechischen Dichter
oder Geschichtschreiber erklärte, Uebungen in freier Rede anstellte,
und auf die allgemeine Durchbildung seiner Zöglinge hinzuwirken suchte.
Und hier erschien er doch als eine bedeutende, in hohem Grade anregende
Persönlichkeit. Man fühlte seine überwiegende Kraft, die bei allen
Sonderbarkeiten auch den Widerstrebenden zur Anerkennung zwang. Seine
Aeußerungen waren scharf, entschieden und zutreffend. Was er that und
sagte, prägte sich bis in die kleinsten Züge seiner Schüler für die
Lebenszeit ein. War er bisweilen rauh, ja hart und ungerecht, so hatte
er auch Augenblicke, in denen er vom Kothurn herabstieg. Wie ein alter
Löwe ließ er dann in halb humoristischer, überdreister Weise fast mit
sich spielen. Doch nichts machte einen tiefern Eindruck, als wenn
Gefühlserschütterungen den starken Mann unerwartet überkamen, und gegen
seinen Willen den Damm steifer Haltung durchbrachen. Er, der sonst so
abgemessen, war dann weich und liebenswürdig. Als er den Schülern einst
Engel’s „Traum des Galilei“ vorlas, überwältigte ihn die steigende
Rührung, seine Stimme schwankte; nur mit Mühe konnte er die Vorlesung
zu Ende führen. In solchen Augenblicken söhnte man sich mit seinen
Härten aus.
Ludwig wagte in diesen freien Gebieten mit seinen eigenen Gedanken mehr
ans Licht zu treten, und streifte die letzten Wahrzeichen kindischer
Unreife ab. Zu den schwersten Prüfungen des Schullebens gehörten für
ihn die sogenannten deutschen Aufsätze. Unbefangen schrieb er zu Hause
seine Verse und Komödien, sie gingen ihm trefflich von der Hand;
aber jene deutschen Abhandlungen, die nach einer Aufgabe des Lehrers
gearbeitet wurden, blieben für ihn, wie für viele seiner Genossen,
lange Zeit ein Gegenstand des Schreckens und eine reiche Quelle
geistiger Martern. Die Anforderungen schienen so unerschwinglich,
seine eigenen Kräfte so gering. Er hatte nicht den Muth, sich dem
Zuge seines Geistes zu überlassen, und in kindischer Angst, die etwas
von sittlicher Scheu hatte, hütete er seine innersten Gedanken wie
einen verborgenen Schatz. Sie erschienen ihm bald zu erhaben, bald zu
kindisch, um sie preisgeben zu können.
In diesen Nöthen nahm er seine Zuflucht zum Vater. Der verständige und
gutmüthige Mann ließ sich auch in der Regel bereit finden, die Arbeit
bei Seite zu legen, um mit dem Sohne deutsche Aufsätze zu schmieden.
In seiner Weise zog er sich aus dem Handel. Meistens kleidete
er den gegebenen Satz in einen Brief ein, und im Geschmacke der
moralischen Wochenschriften begann er gut bürgerlich mit den Worten:
„Werthgeschätzter Freund! Sie haben gewünscht, meine Gedanken über die
Nachtheile und Vortheile des Kriegs kennen zu lernen, ich theile Ihnen
dieselben in diesen Zeilen in der Kürze mit.“ Diesmal sollten Gedanken
über die Einsamkeit niedergeschrieben werden. In seiner gewohnten Weise
hob der Vater an. Plötzlich unterbrach er sich mitten im Satze: „Was
weiß ich von der Einsamkeit! Was für Gedanken soll ich auch darüber
haben? Ich habe immer mit Menschen gelebt und verkehrt. Der dumme Junge
schreibt nichts als Verse und Komödien und anderes thörichtes Zeug,
und nun weiß er nicht einmal etwas über die Einsamkeit zu sagen. Mach’
deine Geschichten allein, und laß mich ungeschoren!“ Damit wandte er
sich um.
Bestürzt blieb Ludwig zurück; er glaubte sich verloren. Aber was half
es? Bis zum andern Morgen mußten die Gedanken über die Einsamkeit
herbeigeschafft werden. Voll verzweifelten Muthes legte er allein
Hand ans Werk. Die Angst entfesselte seine Kräfte, er überließ sich
den Bildern seiner Phantasie, und die steife Abhandlung gestaltete
sich unwillkürlich zu einer kleinen Erzählung. Er schilderte einen
Edelmann, der sich im Winter auf sein neugekauftes Landgut begibt, und
in der erstarrten Natur in tiefer Abgeschiedenheit lebt. Der Frühling
erwacht und verleiht der Einsamkeit hellere Farben und heitere Züge,
und glücklich im Genusse einer friedlichen Natur durchlebt jener Mann
auf seiner Scholle Sommer und Herbst. In diesen Naturbildern waren
die Gedanken über die Einsamkeit lebendig geworden. Mit Zittern sah
Ludwig dem Urtheile entgegen. Die Verdammung seines Machwerks stand
ihm als unausweichliches Verhängniß fest. Endlich erschien die schwere
Stunde. Seine Arbeit wurde für die Letzt verspart; offenbar sollte ein
abschreckendes Beispiel für alle Schwachmatiker aufgestellt werden. Mit
steigendem Herzklopfen vernahm er endlich die Worte des Lehrers: „Ich
habe hier noch eine Arbeit von ganz besonderer Art.“ Er war auf das
Schrecklichste gefaßt. Doch wie staunte er, als er seine Erzählung über
alles Erwarten gut, ja musterhaft nennen hörte. Eine schwere Last fiel
von seinem Herzen; er war vor sich selbst gerechtfertigt.