ihm dafür auch einmal die Genugthuung zu sehen, daß unter Umständen
auch diese Macht in ein bedenkliches Schwanken gerathen konnte. Oft
geschah es, daß auswärtige Schulmänner den berühmten Reformator
besuchten, um seine Weise an Ort und Stelle kennen zu lernen. Einst
erschien, von Gedike selbst begleitet, ein ernster stattlicher Mann,
in einem langen, grauen Rocke. Er setzte sich als Zuhörer auf eine der
Banken nieder, und breitete dabei die bauschigen Schöße seines Rocks
mit vieler Würde aus. Einige Buben, die vorher mit einem Kaninchen
ihren Muthwillen getrieben hatten, schoben ihm dieses leise in die
Tasche, während er aufmerksam dem Gange des Unterrichts folgte.
Mit Schrecken fühlte er plötzlich in seinem Rocke etwas Lebendiges
rascheln. Entsetzt fährt er in die Höhe und mit den Händen in die
Tasche. Die Gegenwart des Schulherrschers konnte einen allgemeinen
Aufstand, in den Spott und Schrecken sich mischten, nicht hemmen.
Glühend vor Zorn und Beschämung donnerte er dazwischen. Voll Verwirrung
bemühte sich der Fremde das Kaninchen aus dem Abgrunde der Tasche
heraufzuholen. Da trat einer der boshaften Uebelthäter, sich zierlich
verneigend, auf ihn zu und sagte: „Erlauben Sie, mein Herr, daß ich
Ihnen behülflich bin. Kaninchen faßt man immer bei den Ohren.“
Dergleichen Vorfälle hemmten indeß weder Ludwig’s Wissenstrieb noch
seine fernere Entwickelung. Vielmehr war er dem Schulunterrichte
in manchen Punkten voraus. Er hatte bereits die Anfangsgründe des
Griechischen von einem nachhelfenden Primaner erlernt. Es war sein
sehnlichster Wunsch, den Homer, namentlich die „Odyssee“, von der er
Mancherlei gehört hatte, was seine Phantasie ungemein anregte, in der
Ursprache lesen zu können. Der Vater, der an Lehr- und Bildungsmitteln
herbeischaffte, was ihm in seiner Lage irgend möglich war, ruhte
nicht eher, als bis er seinen Ludwig mit der Damm’schen Uebersetzung
des Homer überraschen konnte. Dieser nahm das Buch mit Dank an, sagte
aber voll altkluger Selbstüberwindung: „Ich bitte Sie, lieber Vater,
dieses Buch für jetzt zurückzulegen. Binnen kurzer Zeit werde ich die
‚Odyssee‘ in griechischer Sprache bei Herrn Griese lesen, dann hoffe
ich diese Uebersetzung besser nutzen zu können.“
Herr Griese war nämlich ein alter Candidat der Theologie, der
kümmerlich von Privatunterricht lebte. Halb aus Mitleiden hatte der
gutmüthige Vater ihm die Aufsicht über die häuslichen Arbeiten des
Sohnes und die griechischen Lehrstunden übertragen. Dafür aß denn Herr
Griese einige Male in der Woche an dem Tische des gastfreien Bürgers.
Nur war es übel, auch seine Kenntnisse waren ziemlich kümmerlich, und
es dauerte nicht lange, so zeigte sich die volle Ueberlegenheit des
Schülers. Vor allem gab der Lehrer bei dem Lesen des Homer, worauf er
sich aus einer halbverstandenen lateinischen Uebersetzung vorbereitete,
die kläglichsten Blößen. Einst erzählte er seinem Zögling ausführlich,
wie Aegisth den Orestes ermordet habe, und dafür nach seinem Tode
göttlich verehrt worden sei. „Bester Herr Griese“, rief der Knabe, „das
ist unmöglich! Umgekehrt war es!“ Herr Griese stutzte, machte aber doch
einige nicht ganz glückliche Versuche, seine eigenthümliche Meinung zu
vertheidigen. Im Hintergrunde des Zimmers saß der Vater behaglich in
seinem Lehnstuhle, und lachte in sich hinein über seinen klugen Sohn,
der bereits den Lehrer aus dem Felde schlug.
Neben dem Griechischen sollte aber das Französische nicht
vernachlässigt werden. Auch dafür wußte der Vater ein Mittel. Ludwig
mußte den Gottesdienst der französischen Colonie besuchen. Von früher
Zeit an hatten die Aeltern mit Strenge auf einen regelmäßigen Besuch
der Kirche gehalten. Zuerst hatten sie die Kinder alle Sonntage in die
Petrikirche geführt, in deren Sprengel sie wohnten; dann hatte man sie
im Vertrauen auf ihren Gehorsam dorthin allein gehen lassen. Endlich
meinte der Vater auch diese Stunden nützlich machen zu können. Die
Erbauung war hier freilich gering. Oft bestand die hörende Gemeinde aus
keinem Dutzend Menschen. In späterer Zeit, als der sogenannte junge
Ancillon anfing einen größern Kreis von Zuhörern um sich zu sammeln,
zog auch Ludwig diesen geistvollen und feurigen Redner allen Andern vor.
Doch nicht nur in Haus und Schule, zu Zeiten mehr noch draußen, auf
Straßen und Plätzen, vor den Thoren sammelten sich die Kinder. Da gab
es allerlei lustige Abenteuer, da sah und hörte man, was Alle anging,
die Stadt, das Land, man sah das öffentliche Leben jener Tage.
Zu den Volksfesten, an denen die Knaben mit vollstem Jubel theilnahmen,
gehörte das Weihnachtsfest und der Weihnachtsmarkt, der Mittelpunkt des
berliner Volkslebens. Dann streiften sie einzeln und in ganzen Scharen
zwischen den hell erleuchteten Verkaufsbuden auf dem Schloßplatze und
in der nahgelegenen Breiten Straße umher. Tausendfaches gab es zu sehen
und zu bewundern, manche Gelegenheit zu kleinen Erwerbungen, wenn
es auch nur ein Pfefferkuchen oder ein Waldteufel gewesen wäre, und
endlich fehlte es auch nicht in dem nächtlichen Dunkel hinter den Buden
an stets willkommenen Kämpfen. Bei aller muthwilligen Stimmung hatte
das Ganze dennoch einen zauberhaften, geheimnißvollen, ja rührenden
Ausdruck. Wie glänzte Alles in dem Lichte festlicher Erwartung! In ihr
ging schon Wochen vorher alles Wünschen und Hoffen der Kinderwelt auf.
Auch beim Meister Tieck war das Weihnachtsfest eine große häusliche
Freude. Es gab einen festlich geschmückten Tannenbaum mit brennenden
Lichtern besetzt, und Näschereien, nach denen man sonst das ganze
Jahr vergeblich lüstern spähte. Unter allen Geschenken aber strahlten
die unerläßlichen Soldaten von Zinn als das Anziehendste hervor, die
unter Ludwig’s Händen bald zu belebten Wesen wurden, zu einem ernsten
Spielzeug, zu dem er auch in spätern Tagen in heiterer Laune gern
zurückkehrte.
Gedanken ganz anderer Art wurden erregt, wenn diese bleiernen Heere in
der That lebendig geworden schienen, und die Trommel in den Straßen
Berlins die Soldaten Friedrich’s zu Paraden und Revuen rief. Wenn die
Garnison sich in allem Waffenglanze und ihrer ganzen Mustergültigkeit
entfaltete, dann fühlte sich der Stolz des berliner Bürgers gehoben,
und auch bei den Kindern erwachte die Ahnung, einem noch größern Ganzen
als Schule und Haus anzugehören. Unter allen Gestalten, die bei solchen
Gelegenheiten öffentlich auftraten, blieb immer die volksthümlichste
der alte Fritz selbst. So oft er mit dem dreieckigen Hute und dem
großen Krückstocke auf seinem alten Schimmel in bequemem Trabe durch
die Straßen ritt, stürzte die Schul- und Straßenjugend von allen
Seiten herbei. Eine Schar vorlauter Knaben überschlug sich in tausend
tollkühnen Purzelbäumen unmittelbar vor dem Pferde, Mützen und Hüte
flogen in die Luft, und unaufhörlich schrie Alles: „Der olle Fritz!
der olle Fritz!“ So geleiteten ihn die Scharen die Straßen auf und
ab, ohne daß der König eine Miene verzog. Mit demselben Löwenauge,
dessen zorniges Blitzen man sehr wohl kannte, sah er gleichmüthig auf
das Treiben eines dreisten, aber doch nicht bösartigen Volkswitzes
herab. Prächtiger, aber auch steifer ging es her, wenn er sich in
seiner großen gläsernen Staatscarrosse zeigte, was nur einige Male
im Jahre geschah. In langsam feierlichem Schritte fuhr er dann mit
vollem Prachtgespann durch die Straßen; voran die aufgeputzten Läufer,
hinten auf der Carrosse die fremdartigen Haiducken, zu beiden Seiten
des Kutschenschlages zahlreiche königliche Diener. Ernst und streng
saß er selbst hinter den Glaswänden. Jedermann sollte seinen König
sehen können. Auch in die Nähe der Roßstraße, des väterlichen Hauses
kam dieser Prunkzug; er lenkte die Breite Straße hinab, am Kölnischen
Rathhause vorbei.
Als großer Kriegsfürst, der dem verbündeten Europa siegreich
widerstanden hatte, erschien der König an der Spitze seiner Truppen,
die so manche Schlacht geschlagen, bei Paraden und Revuen. Wenn es vor
einem der Thore Berlins, etwa vor dem Halleschen oder dem Prenzlauer,
Heerschau und Manöver gab, dann strömte die berliner Bürgerwelt
scharenweise hinaus. Auch Meister Tieck nahm sich die Zeit, seine
Kinder zu solchen volksthümlichen Schauspielen zu führen. Zwischen
der drängenden Menschenmasse, den einherjagenden Ordonnanzen und den
manövrirenden Truppen trotzte man stundenlang dem Staube und der
Sonnenglut, um den alten Fritz, umgeben von dem glänzenden Gefolge
seiner berühmten Generale zu sehen.
Einst war Ludwig bei einem solchen Volksfeste vor dem Prenzlauer Thore
durch die hin- und herwogenden Scharen der Zuschauer von seinem Vater
getrennt worden. In demselben Augenblick erscholl ein tausendstimmiger
Vivatruf; er kündete den König an. In der Mitte seiner Generale ritt
er auf dem Feldwege heran, der zwischen höherliegenden Sandhügeln
hohlwegartig dem Thore zuführte. Auch Ludwig wollte den alten Fritz
sehen und in seinem Eifer nicht zurückbleiben. Behende schwang er
sich an der schrägablaufenden Seitenwand des Hohlweges in die Höhe,
und faßte in einer Vertiefung festen Fuß, welche der Regen geklüftet
hatte. Abgesondert von der Menge stand er Allen sichtbar, wie in
einer Nische, über den Häuptern der Andern. Da nahte der König. Unter
lautem Rufen schwenkte Ludwig seinen Hut. Plötzlich, in der vollen
Begeisterung des Augenblicks, weicht der Sand unter seinen Füßen, er
verliert das Gleichgewicht. Wenig fehlte, so wäre er aus seiner Grotte
auf die vorbeireitende Generalität gestürzt. Sein lauter Ruf, die
unwillkürliche Heftigkeit seiner Bewegungen erregten die Aufmerksamkeit
des Königs. Dieser wendete sich halb von der Seite, und ein voller,
fragender Blick des großen blauen Auges fiel auf Ludwig. Voll Schrecken
gelang es ihm noch zu rechter Zeit das Gleichgewicht wiederzugewinnen,
während der König mit seinen Generalen vorüberritt. Es war ein
Erlebniß. Ludwig hat diesen tiefen Blick des alten Fritz, der auch auf
ihn gefallen war, nie vergessen.
3. Die Breter, die die Welt bedeuten.
Diese Welt, welche sich hier dem knabenhaften Sinn entfaltete, die er
bald verwundert anstaunte, bald handelnd oder leidend seinen Theil
daran hinnahm, wollte das sein und bedeuten was sie schien. In ihr
lebte man unmittelbar. Aber es gab noch eine Welt, die etwas Anderes
bedeuten wollte, und um so mächtiger die Phantasie ergriff und das
Gefühl erregte. Dies war die Welt der Breter. In dem Vater lebte etwas
von dem Kunstsinne der alten Handwerksmeister. Wie jene Nürnberger
fand er Gefallen an der bunten Welt, welche die Dichtung erschließt,
an Scherz und Ernst in gebundener und ungebundener Rede, und ihrer
Darstellung auf den Bretern. Wie hätte eine solche Vorliebe des
Vaters nicht auf den Sohn wirken sollen, in dem Phantasus noch halb
träumerisch die Flügel regte, und ihm seine Märchen ins Ohr zu flüstern
begann.
Die Erinnerungen an scenische Darstellungen gehen in Ludwig’s
frühestes Kindesalter zurück. Einst hatte der Vater das Kind in die
Bude eines Puppenspielers mit sich genommen. Auch dergleichen harmlos
volksthümliche Kunstgenüsse liebte er. Hanswurst begann seine Späße,
er erschien als Schäferknecht, der bei dem Verkaufe der Wolle in
der Stadt seinen Vortheil zu machen hoffte. Dann trat ein prächtig
gekleideter Prinz auf. Mit den wildesten Geberden der Verzweiflung rief
er zu wiederholten Malen: „O Cupido! Cupido! welch ein Tyrann bist
du!“ Im Schmerze unglücklicher Liebe überschlug sich die Holzpuppe in
eckigen, steifen, seltsamen Bewegungen, daß Arme und Beine klappernd
gegeneinanderrasselten. Das fratzenhafte Gebaren dieses Prinzen machte
einen entsetzlichen Eindruck auf die Phantasie des Kindes. Es brach in
lautes Weinen aus, und um den Ernst des Spiels nicht zu stören, verließ
der Vater mit dem Kinde die Bude. Erst als es durch die dunkeln,
stillen Straßen getragen wurde, und sich jene bunte, und doch so
schreckhafte Welt plötzlich geschlossen hatte, fand es sich wieder.
Als später dieses Grauen vor dem Fremdartigen überwunden war, trat an
die Stelle des ersten Entsetzens das lebhafteste Vergnügen an der Welt
der Breter. Ludwig war sechs Jahre alt, es war im Sommer des Jahres
1779, als er zum ersten Male in das große berlinische Theater geführt
wurde. Mit Pracht wurde eine Oper, „Die neue Arsene“ von Favart, zum
ersten Male gespielt. Aber schon rührte sich die Kritik. Das Singen
schien ihm verkehrt und langweilig, er wollte Handlung.
Ludwig war in eine neue Welt eingeführt; er hatte eine gewaltige
Anregung erhalten, die durch wiederholte Besuche des Theaters lebendig
blieb. Die Lust solche Darstellungen in irgendeiner Weise selbst zu
versuchen, begann sich unaufhaltsam zu regen. Zuerst griff er nach den
Werkzeugen, die dem kindischen Alter am nächsten lagen. Die zinnernen
Soldaten, des Vaters deutsche Spielkarten mußten redend und handelnd
auftreten. Den herrlichsten Stoff gab sein geliebter „Götz“, den er
endlich aus dem Gedächtnisse herzusagen wußte. Dann kamen Papierpuppen
an die Reihe, die den Charakteren schon mehr entsprachen. Die Kinder
ruhten nicht eher, als bis sie ein vollständiges Puppentheater
hergestellt hatten. Friedrich versuchte sich dabei in Malereien und
Decorationen, Ludwig entwarf kleine Dramen, und fing auch wol an sie
niederzuschreiben, wenn seine Ungeduld die Sachen fertig zu sehen, ihm
Zeit ließ.
Endlich geschah der letzte Schritt. Wie, wenn man an die Stelle der
Puppen trat, und statt sie darstellen zu lassen, selbst darstellte?
Wieder wurde Ludwig Führer der jüngern Geschwister. Die Kenntniß
dramatischer Dichtungen hatte sich erweitert; was die Kinder der
Art irgend gesehen oder gelesen hatten, versuchten sie sogleich auf
frischer That wiederzugeben. Siegreich führte die Phantasie über alle
Schwierigkeiten hinweg. Entweder lasen die jugendlichen Schauspieler
eine oder mehrere Stellen mit rednerischem Ausdruck aus dem Buche ab,
oder irgendein Winkel wurde zur Bühne, auf der sie in abenteuerlichem
Putze, den der Kleiderschrank des Vaters oder der Mutter liefern mußte,
auftraten. Meistens wurden die dunkelsten und entlegensten Winkel zur
Schaubühne ausersehen. Nur in der tiefsten Stille und Einsamkeit konnte
man diese Freuden ganz genießen. Nichts störte den Zauber mehr, als
wenn das nüchterne Tageslicht diese Helden beleuchtete, oder ihr Spiel
durch kritische oder zweifelnde Bemerkungen unterbrochen wurde.
Da glaubte Ludwig einmal einen Schlupfwinkel gefunden zu haben, der
an Stille und Sicherheit alle andern übertreffe. Eines Sonntags, als
er dem väterlichen Befehle folgend die Petrikirche hatte besuchen
müssen, durchstreifte er nach Knabenart, müßig und gelangweilt, die
unbesetzten Theile der Kirche. Bei solchen Streifereien wurde in der
Regel irgend etwas Merkwürdiges entdeckt, was bei weitem wichtiger
erschien als die Predigt. Er kam in einen entfernten, düstern Winkel
des Chors, wo kein Andächtiger saß, weil es unmöglich war, die Worte
des Predigers zu verstehen; sie verhallten in weiter Ferne, und selbst
Gesang und Orgel tönten nur gedämpft herüber. Hier schien tiefe Stille
zu herrschen. Sogleich stieg bei Ludwig, der nur sein Komödienspiel im
Kopfe hatte, der abenteuerliche Gedanke auf, hier sei der sicherste Ort
dafür. Voll Jubel verkündete er seine Entdeckung den Geschwistern, und
sogleich wurde beschlossen, am nächsten Sonntage den neuen Schauplatz
zu versuchen. Freilich konnte man nicht mit allem scenischen Zubehör
in der Kirche auftreten, darum wollte man sich mit dramatischem Lesen
begnügen, und von allen Decorationsstücken nahmen die Kinder nur das
unverfänglichste mit, den großen Familienregenschirm, der zugleich als
Deckung dienen sollte. Bei der Wahl des Stücks fiel man diesmal nicht
auf den „Götz“, sondern ein jüngerer, nicht minder mächtiger Mann
bekam den Vorzug, Karl Moor. Es war die Zeit, wo Schiller’s „Räuber“
alle Gemüther erschütterten. Auch Ludwig’s Phantasie wurde von der
überwältigenden Macht der kolossalen Dichtung fortgerissen. Er überließ
sich diesen Eindrücken um so lieber, als alle Schauer und Entsetzen
des Schrecklichen in ganz anderm Maße als durch den „Götz“ entfesselt
wurden. Jetzt träumte er nur von Karl Moor und seinen Räubern.
An Ort und Stelle fand man Alles, wie er gesagt hatte. Was konnte
einladender sein als dieser vergessene Winkel voll Staub und
herabhängender Spinnweben? Wie aus weiter Ferne hörte man die Worte
des Predigers herüberschallen. Es war der Propst Teller, der an diesem
Sonntage predigte; seine Stimme galt ohnehin für etwas undeutlich. Im
Gefühle vollster Sicherheit wurde der Regenschirm aufgespannt; die
Kinder kauerten unter demselben nieder, und die Tragödie nahm ihren
Anfang. Ungeduldig schlug man gleich die Lieblingsstellen auf. Mit
aller Gewalt des tragischen Zornes stimmte Ludwig die verzweifelten
Verwünschungen Karl Moor’s aus dem ersten Acte an: „O Menschen,
Menschen! heuchlerische Krokodilenbrut!“ Kaum waren die ersten Worte
ausgestoßen, als die Kinder vor Schreck über die Wirkungen ihrer Tragik
meinten in die Erde sinken zu müssen. Wie rollender Donner hallten
die Worte Karl Moor’s aus allen Winkeln der Kirche zurück. Aber von
nicht geringerm Entsetzen wurde die Gemeinde ergriffen. Der Prediger
stockte, die Kirchendiener liefen voll Bestürzung hin und her, die
Ursache dieses furchtbaren Getöses zu erforschen. Die Kinder erholten
sich noch rasch genug von ihrem Schrecken, um schleunigst die Flucht
zu ergreifen. Wie vom bösen Feinde gejagt, stürzten sie die Treppe
hinunter, hinaus auf den Platz, und in vollem Laufe über die Straße.
Immer noch meinten sie die Tritte der verfolgenden Kirchendiener hinter
sich zu hören. Erst an der Schwelle der väterlichen Wohnung wagten sie
wieder Athem zu schöpfen. Angstvoll krochen sie in den heimlichsten
Winkel des Wohnzimmers; erst hier hielten sie sich gesichert.
Doch wie wuchs ihr Entsetzen, als eine halbe Stunde darauf ein
ehrbarer Hausfreund erschien, der auch in der Kirche gewesen war, und
unter Kopfschütteln, mit bedenklichem Gesicht, dem staunenden Vater
zu erzählen begann: „Herr Nachbar, es ist heute in der Kirche etwas
sehr Sonderbares vorgefallen.“ -- Er berichtete darauf, die Predigt
sei durch ein ungewöhnliches Brausen unterbrochen worden, durch
donnerähnliche Töne, die sich kein Mensch erklären könne. Er sprach von
Zeichen und Wundern; ob es eine Heimsuchung, ein Erdbeben, oder was es
sonst gewesen sei, Niemand vermöge es zu sagen. Der aufgeklärte Vater
suchte den besorgten Nachbar zu beruhigen, wenngleich es ihm selbst in
diesem dunkeln Falle an jeder Aufklärung fehlte. Nur die Kinder wußten
sie; aber sie hielten sich mäuschenstill, und lachten bei aller Angst
über den trefflichen Spaß in sich hinein.
Inzwischen war Ludwig als Tertianer selbständig genug geworden, um
ihm hin und wieder den Besuch des Schauspiels auf eigene Hand zu
erlauben. Neben vielem Gleichgültigen und Vorübergehenden sah man
Lessing’s Dramen, Goethe’s und Schiller’s erste Dichtungen mit der
frischesten, vollsten Theilnahme auf dem Theater. Hin und wieder machte
man sich bereits an die Bearbeitung und Darstellung Shakspeare’scher
Tragödien. Unter dem Drucke besonders ungünstiger Verhältnisse hatte
sich das deutsche Schauspiel in Berlin emporgearbeitet, im Kampfe gegen
die begünstigten französischen und italienischen Bühnen, gegen das
Vorurtheil der höhern Classen. Aber gerade dies stärkte seine Kraft.
Man wollte zeigen, daß man auch eine volksthümliche Dichtung und Bühne
habe. Mit gleicher Begeisterung begrüßten Schauspieler und Zuschauer
die jungen Dichtungen, welche die Bühne umzugestalten verhießen.
Döbbelin, der Begründer des deutschen Schauspiels in Berlin, war
selbst erfüllt von deutschem Sinne und einem aufrichtigen Streben für
seine Kunst. Nur trat Alles noch in dem bescheidensten Gewande auf. In
dem Hintergebäude eines Hauses in der Behrenstraße lag das Theater.
Der Eingang führte über einen Hof. Die Räume der Bühne selbst waren
eng, klein, auf das einfachste eingerichtet. Doch rührte sich hier ein
muthiger, jugendfrischer Geist; die große Zeit der deutschen Bühne
begann sich hier vorzubereiten.
Wie heimisch war Ludwig bald in diesem dürftigen Kunsttempel! So
oft es irgend ging, vertauschte er sogleich die Schulbank mit der
Zuschauerbank. Mit unwiderstehlichem Zauber zog ihn die Welt der Breter
an. Alles, was irgend damit in Verbindung stand, war wunderbar und
Gegenstand ehrfurchtvollen Staunens. Welche Wonne, wenn er als einer
der ersten Zuschauer in dem leeren, noch halb dunkeln Hause saß, und
Hoffnung und Ungeduld in ihm kämpften! Wie steigerten sich allmälig
die Schauer geheimnißvoller Erwartung, wenn ein bleicher Stern in der
Nacht, ein Talglicht nach dem andern aufging, wenn die Musikanten
klimpernd ihre Geigen zu stimmen anfingen, wenn der Vorhang, der noch
schweigend die Wunder verdeckte, sich im Zugwinde hin und wieder
bewegte. Endlich enthüllten sie sich, und wie erklangen da in der
jungen Brust alle Töne von Freude und Leid, Lust und Schmerz, ja des
Grausens und Entsetzens!
Unter den Schauspielern selbst aber machte schon damals keiner einen
größern Eindruck auf ihn als Fleck, der seit 1783 der Döbbelin’schen
Gesellschaft angehörte, wenn er etwa den Othello oder Shylock, Karl
Moor, Otto von Wittelsbach oder den Herzog Albrecht in der „Agnes
Bernauerin“ spielte.
Alles Geld, was Ludwig von dem Vater erhielt, verwandte er jetzt, ohne
dessen Zorn zu fürchten, auf das Theater. Endlich schien das Wunder die
Breter zu verlassen und in die wirkliche Welt hineinzutreten. Ludwig
selbst war der Günstling einer geheimen Macht, welche seine Theaterlust
wohlwollend schützte.
Durch eine Unaufmerksamkeit des Logenschließers war einst der
Zettel, welcher die Pforten der geweihten Räume öffnete, in seinen
Händen geblieben. Welche frohe Aussicht, darauf hin noch eine zweite
Vorstellung sehen zu können! In höchster Spannung, zwischen Begierde
und innerer Angst schwebend, trat er andern Tages, sein Billet in der
Hand, an den Eingang des Zuschauerraums. Und in der That, es eröffnete
ihm nicht nur den Eintritt, sondern wurde ihm auch diesmal nicht
abgefordert. So ein drittes, ein viertes Mal und öfter, immer übersah
ihn der Logenschließer. Wie Fortunat’s Hut schien hier das Billet die
Kraft zu besitzen, ihn unsichtbar zu machen, und kaum wäre ihm jener
ein größerer Schatz gewesen. Wie einen räthselhaften Talisman hütete er
nun seinen theuern Zettel, immer zuversichtlicher erprobte er dessen
geheime Kräfte.
Indeß bald sollte der Schleier des Wunders durch die prosaische
Aufklärung gehoben werden. Eines Abends, als Ludwig bereits seinen
Platz eingenommen hatte, versuchte ein anderer Knabe mit Hülfe
natürlicher Unverschämtheit ein ähnliches Wunder zu thun; den Hut
unter dem Rocke verborgen, um den Schein zu erregen, als habe er das
Parterre nur soeben verlassen, drängte er sich in der Mitte anderer
eintretender Zuschauer an dem Logenschließer vorüber. Doch dieser
bemerkte ihn. „Halt, Musje! Wohin?“ rief er ihm zu. Der Eindringling
schwieg verblüfft. „Du mußt einen alten Mann nicht zum Narren machen
wollen“, schalt der Schließer und trieb ihn zum Tempel hinaus.
Zitternd hatte Ludwig diese sonderbare Begebenheit von seinem Platze
aus angesehen, als er plötzlich zu seinem nicht geringen Schrecken
selbst hineingezogen wurde. Unerwartet wandte sich der Schließer zu
ihm. „Ihnen, Musje“, sagte er, „erlaube ich es gern, ohne Billet
einzutreten; denn ich sehe, Sie sind ein stilles und artiges Kind,
das am Theater seine Freude hat.“ Ludwig war aus allen seinen Himmeln
gestürzt. Also kein Wunder, kein geheimer Talisman hatte ihm den freien
Zutritt verschafft, sondern die ganz menschlich gewöhnliche Gunst
eines Logenschließers. Das Geheimniß war verschwunden, und mit ihm ein
großer Theil des Reizes. Das unheimliche Gefühl, daß er mit Unrecht
hier sitze, beschlich ihn. Endlich drängte er sein Billet dem Schließer
wieder auf, und war froh, in die Reihen der gewöhnlichen Zuschauer
zurückzutreten.