Bei Ludwig, dem Aeltesten, zeigten sich Vorstellungskraft und

Empfindungsvermögen ungemein früh. Die Bilder und Eindrücke, welche

er empfing, erweckten in ihm bald eine dunkle Ahnung der Leiden und

Freuden, denen das menschliche Herz unterworfen ist, solange es

schlägt. Diese ersten Erschütterungen der Seele müssen in dem Kinde

ein tief schmerzliches Gefühl hervorgerufen haben, denn im hohen

Alter erzählte der Greis davon mit der vollen Lebendigkeit eines

gegenwärtigen Eindrucks. Ein Hausfreund hatte einst ein eigenthümliches

Schaustück mitgebracht. Es war eine Dose, auf deren Deckel man unter

einer Krystalleinfassung ein strahlendes Farbenmuster sah. Von diesem

bunten Bilde wurde das Kind mit unwiderstehlicher Macht angezogen. War

es eine erste Ahnung der Schönheit der Welt, die es erfüllte? Auf den

Augenblick kurzer Freude folgte das Gefühl des ersten Verlustes, als

man das glänzende Spielzeug aus seinen Händen nahm. Es war untröstlich,

und der Greis Tieck versicherte, schon da zuerst den Schmerz des Lebens

empfunden zu haben. Ein anderes Mal hatte die Wärterin das Kind auf die

Stufen vor der Stechbahn am Schloßplatze niedergesetzt. Vergnüglich

sah es über den Platz nach der Brücke und dem Standbilde des großen

Kurfürsten hinüber. Alles machte ihm den heitersten Eindruck, als es

plötzlich bemerkte, daß die Wärterin verschwunden sei. In schlecht

verstandenem Scherze war sie hinter einen Pfeiler getreten. Da wurde

das Kind mitten unter diesen Gestalten von dem Gefühle tiefster

Einsamkeit ergriffen. Wenig half das Zureden der hervortretenden

Wärterin, und lange konnte es diese dunkle, schreckliche Empfindung

nicht vergessen.

Nicht minder früh wollte das Kind in geregelter Weise beschäftigt

sein. Auf dem Schoose der Mutter lernte es die Buchstaben kennen, um

so schneller, je mehr die Phantasie zu Hülfe kam. Sie schienen zu

leben, sie wurden zu lustigen Gestalten aller Art. Kaum vierjährig,

konnte der Knabe lesen, und schon trat an die Stelle der Fibel die

Bibel, die in ihren geschichtlichen und poetischen Theilen bald sein

Lieblingsbuch wurde. Es überkam ihn ein Gefühl von der Hoheit des hier

wehenden Geistes; der wunderbar erhabene und doch wieder kindliche Ton,

Verstandenes und Unverstandenes, Alles fesselte ihn gleich sehr. Er

konnte sich nicht sättigen an diesen rührend-einfachen Geschichten der

Erzväter, und schon im Lauf der ersten Knabenjahre hatte er die Bibel

mehr als einmal ganz durchgelesen. Wenn dann Nachbarn und Verwandte

ihn, auf seinem Fußbänkchen sitzend, in der Bibel eifrig lesen hörten,

so schüttelten sie über so frühreifes Wesen bedenklich den Kopf, oder

Mancher meinte auch: „Wie geschickt doch das Kind thut, als wenn es

lesen könnte!“

Neben der Bibel hatte auch das Gesangbuch der Mutter eine große

Anziehungskraft für ihn. Es hatte einen stark vergoldeten Einband, der

an den Seiten mit kunstvollem Schnitzwerk in Elfenbein ausgelegt war.

Es mochte ein Erbstück ihrer Aeltern oder ein Geschenk des Pfarrers

sein, das er seinem Pflegekinde als Andenken mit auf den Weg gegeben

hatte. Wie hoch hielt es nicht die Mutter! Und wenn das Kind sie jene

alten Lieder lesen hörte, wie hallte der kaum geahnte Inhalt, die

bilderreiche Sprache, die doch so einfach war, der Gleichklang des

Reimes in seiner Seele wider! So wurde es bald auch mit den Liedern der

lutherischen Kirche vertraut.

Doch zu diesen Büchern, die prophetisch die ersten und

ursprünglichsten menschlichen Empfindungen erweckten, gesellte sich

ein anderes, welches die junge Seele nicht minder mächtig ergriff und

ihr den tiefsten Eindruck für das Leben gab. Dies war Goethe’s „Götz

von Berlichingen“. Abends, nach gethaner Arbeit, wenn die Kinder

schliefen, oder der Aelteste im Winkel kauernd lauschte, pflegte der

Vater ein Buch aus seiner Hausbibliothek hervorzulangen, oder auch

irgendein entliehenes der Mutter vorzulesen. Freilich fiel die Wahl

mitunter auf ziemlich abgelegene Bücher, deren Verständniß in diesem

Kreise zweifelhaft war. Er las Fontenelle’s Schrift von der Mehrheit

der Welten in der Bode’schen Uebersetzung vor; doch häufiger eins von

jenen Dichterwerken, von denen man jetzt soviel reden hörte. So wurde

Ludwig in die deutsche Dichtung eingeführt, und es dauerte nicht lange,

so bemächtigte er sich selbständig der Bücher, aus denen er den Vater

hatte vorlesen hören.

Vor allen aber blieb er bei einem stehen, beim „Götz“. Wie an die

Bibel, glaubte er mit ganzer Seele an dieses Gedicht. Es war der

erste Eindruck des geheimnißvollen Zaubers der Poesie, den er

erfuhr; die Welt der Phantasie wurde ihm zur sinnlich wirklichen.

Wie die Patriarchen, Helden und Könige des Alten Testaments lebendig

gegenwärtig vor ihm standen, meinte er, auch diese mannhaften Ritter,

Götz selber, müßten noch unter den Lebenden sein. Es waren Menschen,

mit denen er lebte und verkehrte, wie mit Vater und Mutter und seinen

Geschwistern. Wie bestürzt war er nicht, als man seiner kindischen

Einfalt lachend, ihn später darüber belehrte, weder dieser Götz, noch

irgendeiner seiner Gefährten sei eine lebende Person, diese Geschichte

sei eine erdichtete; der Mann, der sie geschrieben habe, heiße Goethe

und lebe in Weimar. Für eine Art von Offenbarung hatte er den „Götz“

gehalten, und nun hörte er, sie sei ein Buch, wie alle Bücher sind.

Wie gern hätte er diese Aufklärung für die Welt hingegeben, die er

dadurch verlor! Fürs erste ahnte er von solchen Enttäuschungen noch

nichts, und gehend und stehend, in allen Winkeln des Hauses, wachend

und schlafend trug er sich mit den Gestalten dieser Ritter und Frauen,

und ihre herzhaften Reden klangen in ihm unaufhörlich nach. Nur durch

Eins konnten sie zu Zeiten zum Schweigen gebracht werden, durch die

Erzählungen der Mutter.

Wenn im Dämmerlichte des Abends die sonst wohlbekannten Spielstätten

die Kinder fremd und geheimnißvoll anblickten, und das laute Treiben

allmälig verstummte, dann sammelten sie sich still am Schoose der

Mutter, und manche oft gehörte Geschichte mußte sie erzählen. Die

Erinnerungen ihrer eigenen Kindheit erwachten. So gleichförmig auch

ihre Jugend in dem Pfarrhause verflossen war, dennoch wußte sie Manches

davon zu erzählen. In ihrem Munde wurde das Einfache und Natürliche für

die Kinder zum Märchen und Wunder, das sich ihrem Gedächtnisse tief

einprägte. Von einer alten, unheimlichen Frau in ihrem väterlichen

Dorfe erzählte sie, die für die Jugend ein Gegenstand geheimen Schauers

gewesen war. Häßlich und böse saß sie allein und schweigsam in ihrer

Stube am Spinnrocken, nur einen kleinen Hund litt sie um sich. Ungern

entschloß man sich, sie anzureden, und geschah es, so antwortete sie

zornig und in einem nur halbverständlichen Kauderwelsch, das den

Kindern schauerlich wie böse Zauberformeln in die Ohren klang. Am

schrecklichsten erschien sie, wenn ihr einziger Gefährte, der Hund, ihr

entsprungen war. Dann stand sie an der Thür und blickte spähend das

Dorf hinab, oder lief mit wunderlichen Geberden durch die Straßen und

rief mit gellender Stimme nach dem Hunde: „Strameh! Strameh! Strameh!“

So waren die Menschen und Umgebungen, unter denen Ludwig Tieck,

der Dichter, geboren wurde und aufwuchs. Es war der enge Kreis des

kleinbürgerlichen Lebens. Arbeit, Sparsamkeit, Redlichkeit waren

die Hausregeln. Man lebte beschränkt, aber darum nicht ärmlich oder

gar kümmerlich; man hatte sich eng eingerichtet, ohne von der Welt

abgeschnitten zu sein; man brauchte sich nicht ängstlich jede kleine

Freude zu versagen. Es herrschte in dem Hause die Zufriedenheit des

tüchtigen Handwerkers, der mit Verstand auszugeben weiß, was ihm seiner

Hände Arbeit erworben hat, und auch die Mittel erschwingen kann, seinen

Kindern eine Erziehung zu geben, die ihnen einst breitere, sonnigere

Wege zu öffnen vermag. Dieses dunkle, bürgerlich eingerichtete Zimmer

zu ebener Erde, dieser lange, schmale Hausflur, der kleine Hof

dahinter, auf den nur ein spärlicher Himmel herabblickte, die Schwelle

an der Hausthür, das waren die Räume, die Ludwig zuerst mit den

Gebilden seiner jungen Phantasie bevölkerte, die ihm zum Schauplatze

seiner kindischen Leiden und Freuden wurden. Aber schon war die

geheimnißvolle Ahnung darüber hinausgeflogen, und träumte von einer

andern wunderbaren Welt, die jenseit der Schwelle des Vaterhauses lag.

2. Schule und Straße.

Bald mußte ein großer Entschluß gefaßt werden. Es hieß: „Der Junge muß

in die Schule!“ Die tägliche Arbeit ließ den Aeltern keine Muße ihn

hinreichend zu beschäftigen, oder auch nur ihn stets zu beaufsichtigen.

Zunächst brachte man den kaum fünfjährigen Knaben zu einem alten

gutmüthigen Ehepaar, das in der nahegelegenen Fischerstraße eine

A-b-c-Schule für Knaben und Mädchen im ersten Kindesalter hielt. Noch

mußte man Morgens bei regnigem und trübem Wetter das Kind auf dem Arme

in die Schule tragen. Da gesellte sich als erster Gespiele ein Pudel

zu ihm, in dessen zottigen Haaren es die rothen, erstarrten Hände

wärmte. Die beiden guten Alten, das hohe Zimmer mit seinen Bänken, die

Kinderscharen, der Pudel erschienen ihm so anziehend, daß es jeden

Morgen nach dieser neuen Welt sehnlichst verlangte.

Die Zeit dieses spielenden Versuchs ging bald vorüber. Kraft und

Muthwille des Knaben begann in Ludwig zu erwachen, er konnte sich jetzt

ältern Spielgenossen zugesellen. Der Vater übergab ihn der sogenannten

Französischen Schule für Knaben, die ebenfalls in der nächsten

Nachbarschaft, in der Grünstraße lag. Hier wurde neben dem gewöhnlichen

ersten Unterrichte auch Französisch gelehrt, freilich ohne sonderliche

Gewähr für seine Richtigkeit. Der Schulhalter war ein ehemaliger

Schneidergeselle, den sein Gewerbe nach Paris geführt hatte. Hier

meinte er hinreichende Kenntnisse der Sprache erworben zu haben, um die

berliner Schuljugend im Französischen abrichten zu können, und da er

es einträglich genug fand, von seinen Zöglingen einen Thaler Schulgeld

monatlich zu erheben, so hatte er ein für alle mal die Nadel mit der

Ruthe vertauscht.

Aber nun folgte der wichtigste, entscheidende Schritt, der in ein

reiferes Leben hineinführen sollte. Dies war der Uebergang zur

gelehrten Schule, zum Gymnasium. Mit dem Entschlusse, den Sohn

das Gymnasium besuchen zu lassen, hatte der Vater stillschweigend

seine Anerkennung des unverkennbaren Talents ausgesprochen. Diese

Anlagen sollten, wenn auch mit Opfern, ausgebildet werden; der Sohn

sollte etwas Besseres werden als der Vater gewesen. Die Wahl unter

den gelehrten Anstalten war nicht schwer. Einen merkwürdigen und

hervorragenden Mann gab es damals unter den berliner Schulmännern,

welcher sich bereits ein allgemein anerkanntes Ansehen erworben hatte,

Friedrich Gedike. Es war ein rastloser und eigenthümlicher Mann, der

durch seine trefflichen Anschläge, seine planmäßigen und erfolgreichen

Einrichtungen, allmälig zum Reformator des gesammten Schulwesens

geworden war. Man pries sich glücklich einen so aufgeklärten Gelehrten

zu besitzen, der ganz den Beruf hatte, die veralteten Formen des

Unterrichts nach den Anforderungen der neuen Zeit, die auf dem

Gebiete der Schulen an Lehren und Versuchen so reich war, neu zu

gestalten. Seit 1779 Director einer städtischen höhern Lehranstalt,

des Friedrichsgymnasiums auf dem Werder, hatte er durch seine

Geschicklichkeit der früher verwahrlosten Schule binnen wenigen Jahren

einen ungewöhnlichen Ruf verschafft.

Es war um Johanni 1782, als der Vater den neunjährigen Knaben dem

berühmten Lehrer zuführte, der ihn feierlich für Quinta reif erklärte.

Somit war Ludwig ein Gymnasiast, ein Quintaner geworden; er trat in

die gelehrte Welt ein. Lateinisch sollte getrieben werden, Griechisch

stand in Aussicht, die Anforderungen steigerten sich auf allen Seiten.

Er gesellte sich zu einer Schar älterer Knaben, die gewitzigt durch

alle Listen und Abenteuer des Schülerlebens, stets bereit waren,

ihren jungen Muth an Jedem zu kühlen, der nicht im Stande war ihnen

handgreiflich zu beweisen, selbst Quintanermuth könne seinen Meister

finden. Wie sauer machten sie nicht manchem Lehrer das Leben; wie

manchen Kampf fochten sie nicht in der Schulstube oder auf Straßen und

Plätzen aus!

In diesen Strudel wurde auch Ludwig hineingerissen. Anfangs hatte

seine Frühreife, seine Altverständigkeit und Zierlichkeit, denn er

galt für ein schönes Kind, ihn zum Gegenstand der Bewunderung und

Liebkosung, zum kindischen Spielwerke der ältern Schüler gemacht. Bald

aber ward er dieser duldenden Rolle überdrüssig, und begann ebenfalls

seine Fäuste zu regen. Da sollte er den gefeierten Director auch als

furchtbaren Donnerer kennen lernen.

Einst war in den Lehrstunden ein schriftlicher Aufruf zum Kampfe gegen

die elenden Collegiaten, d. h. gegen die Zöglinge des benachbarten

französischen Collège, von Hand zu Hand gegangen. Jeder brave Quintaner

wurde darin aufgefordert, sich um vier Uhr Nachmittags, mit einem

Rohrstocke bewaffnet, auf dem Lustgarten einzufinden. Die Einstimmenden

sollten ihre Namen unterzeichnen. Ludwig glaubte nicht zurückbleiben

zu dürfen, auch er war ein braver Quintaner. Wirklich traf man zur

bestimmten Stunde auf den Feind. Doch plötzlich nahm die Schlacht

eine für beide Heere unerwartete Wendung. Auf dem Lustgarten lagen

zahlreiche Quadersteine verstreut, die bearbeitet werden sollten. In

diesen Engpässen war man sich kaum begegnet, als höhere Kräfte in den

Kampf der Helden eingriffen. Hinter jenen Steinen erhoben sich einige

handfeste Steinmetzgesellen, die blindlings zufahrend aus der Schar

der Collegiaten Einzelne herausgriffen, und an den Zöpfen mit starker

Faust in die Lüfte erhoben. Die Werderschen, so unvermuthet durch ein

gigantisches Geschlecht unterstützt, nahmen ihres Vortheils wahr, und

hieben auf die zappelnden Collegiaten unter lautem Jubel unbarmherzig

ein. Einer der Kämpfer, der Sohn eines Bauraths Moser, hatte diese

furchtbaren Bundesgenossen in der Stille angeworben. Ludwig konnte in

das allgemeine Siegesgeschrei nicht einstimmen. Nie hatte er braven

Quintanern solche Tücke und Hinterlist zugetraut. Voll Entrüstung

verließ er sogleich den Kampfplatz und ging nach Hause.

Auch ereilte die Nemesis die Verräther früh genug. Das Actenstück,

welches den Beweis der Verschwörung enthielt, war in des Directors Hand

gefallen. Untersuchung, strengste Strafe waren zu erwarten. Am nächsten

Morgen trat Gedike als Richter in die Classe Quinta, der Pedell hinter

ihm mit dem Blitze bewaffnet. Nach einer donnernden Strafrede wurden

die Uebelthäter nach der Reihenfolge ihrer Unterschriften aufgerufen,

verhört und die Strafe an ihnen vollzogen. Mit innerstem Zagen sah

sich auch Ludwig von den Schwingungen des verhängnißvollen Stockes

näher und näher umkreist. Endlich hörte er auch seinen Namen. „Und Er,

einfältiger Mensch“, donnerte Gedike ihn an, „der erst seit wenigen

Monaten in der Schule ist, hat sich auch zu solchem Unfug verleiten

lassen? Schämt Er sich nicht?“ Die handgreiflich drohende Gefahr

gab dem bestürzten Knaben einen unerwarteten Muth. Mit angstvoller

Entschlossenheit rief er: „Herr Director, ich bitte Sie, hören Sie mich

an!“ Wirklich hielt der Richter in seinem Strafgericht inne, und lieh

der Vertheidigungsrede ein geneigtes Ohr. Mit altkluger Beredtsamkeit

stellte Ludwig dar, wie sich die Sache eigentlich verhalten habe, und

schloß mit einer Berufung auf das Zeugniß seiner Mitschüler. Da diese

seine Aussage unterstützten, entließ ihn Gedike mit den Worten: „Das

ist sein Glück!“ denen sich eine eindringliche Warnung für die Zukunft

anschloß.

So gewichtige Erfahrungen brachte Ludwig nicht umsonst nach Hause.

Hier wurde er der Führer der jüngern, gelehrigen Geschwister zu

manchem kecken, muthwilligen Streiche. Bruder und Schwester, nur

durch einen geringen Unterschied der Jahre von ihm getrennt, wurden

die selbständigen Gefährten seines Lebens. Nicht minder früh, nur

nach einer andern Seite hin, entwickelte sich Friedrich’s Talent.

Auch er wurde später Schüler des Werderschen Gymnasiums, doch das

schulgerechte Lernen war nicht seine Sache. Man klagte über seine

geringe Gelehrigkeit, seine Trägheit. Konnten ihm die Schulkünste

keine sonderliche Theilnahme abgewinnen, so zeigte er dagegen viel

Anstelligkeit und Geschicklichkeit nach außen hin, namentlich eine

entschiedene Gabe für Zeichnen und künstlerisches Gestalten. Die

Schwester war in ihren Anlagen dem ältern Bruder ähnlich. Sie war

heiter und lebhaft, keck und leichtsinnig, schnell und scharf in ihrer

Auffassung, schlagend in ihren Antworten, besaß einen frühreifen

Witz und eine unwiderstehliche Neigung zum Spott. Sie war eine stets

bereite und helfende Theilnehmerin der Späße und Anschläge ihrer

Brüder, mit denen sie auch muthig die Leiden theilte. Die Kinder

stritten und zankten, jagten sich in Haus und Hof mit Katzen und Hunden

umher, prellten die geängstigten Thiere in auf- und zuklappenden

Regenschirmen, und übten tausend Eulenspiegeleien aus.

Es waren die Jahre gekommen, in denen die Strenge der väterlichen

Zucht immer fühlbarer wurde. Auch hier zeigte sich der Vater als Mann

von altem Schlage, von ganzem Schrot und Korn. Die volle Gewalt des

Vaters und Meisters, Furcht und Gehorsam, das galt in seinem Hause als

oberstes Gesetz. Wehe dem Untergebenen, über den sich das Ungewitter

seines Zorns entlud, der nicht selten unerwartet in jäher Weise

hervorbrach. Da ruhte die Hand väterlicher Züchtigung oft schwer auf

Ludwig. Ueberhaupt schien es eine Erziehungsregel des Vaters, gegen die

Kinder kurz, streng und abweisend aufzutreten. Niemals lobte er; er

ließ gewähren, und seine Billigung sprach er meist durch Stillschweigen

aus. Mit scharfem Tadel konnte er bei kleinen Dingen herausfahren, aber

doch wieder mit jenem verhüllten Gefühle väterlicher Liebe, das auch

durch die Züchtigung hindurchschimmerte. War er einmal bei besonders

guter Laune, so zog er die Kinder wieder heran und erlaubte ihnen wol,

sich in kleinen Wortwechseln mit ihm zu versuchen, nur mußten sie

in den gesetzmäßigen Schranken bleiben. Dazu reizten ihn namentlich

Ludwig’s altkluge Fragen und Antworten, den er dadurch als seinen

Liebling auszeichnete. Von einem solchen Vorzuge hatte dieser unter der

züchtigenden Hand des Vaters keine Ahnung, und er staunte nicht wenig,

als ihm in späterer Zeit, da er zum Jünglinge geworden war, der Vater

das Geständniß ablegte, er sei eigentlich sein Liebling gewesen.

Indessen fehlte es im fernern Verlaufe des Schullebens nicht an manchem

glänzenden Erfolge, der Ludwig bei Lehrern und Schülern in den Ruf

eines Genies brachte. Das verdankte er zunächst der Lebhaftigkeit

seiner Phantasie und seinem ungewöhnlichen Gedächtnisse, das auch

nur einmal Gehörtes oder flüchtig Aufgefaßtes leicht und sicher

bewahrte. Erst auf dem Wege zur Schule pflegte er die Lehrstücke zu

überlesen. Wie die Buchstaben wurden ihm die Zahlen lebendig. Die

Figuren, welche durch verschlungene Rechenexempel gebildet wurden,

jede einzelne Ziffer darin, schwebte ihm deutlich vor der Seele. Den

Rücken gegen die große Wandtafel gewendet, konnte er sie Stelle für

Stelle ohne den mindesten Anstoß wiederholen. Dergleichen hatte der

Lehrer in seiner Schulerfahrung noch nicht erlebt, er sah darin eine

psychologisch merkwürdige Erscheinung. Er ließ Ludwig in die Mitte des

Zimmers treten, auf seinen Befehl erhoben sich die übrigen Schüler von

ihren Sitzen und mußten sich drei mal tief verneigen. Es war die erste

Huldigung, welche dem Genius dargebracht wurde.

Ob diese Huldigung angemessen sei, war freilich eine andere Frage.

Doch scheint erziehende Weisheit eben nicht die Stärke dieses Lehrers

gewesen zu sein. Er gehörte zu jenen wunderlichen Originalen der

ältern Schulwelt, deren Gewissen weit, und deren Art und Weise oft die

sonderbarste war. In seinen Händen blieb Ludwig fürs erste; die untern

Lehrstufen hatte er schnell zurückgelegt, nun fing er an langsamer

seines Weges zu gehen, je mehr die Anforderungen, die gemacht wurden,

mit seinen Kräften in das rechte Gleichgewicht traten.

Viel Veranlassung zu bedenklichen Zweifeln gab dem Knaben zunächst der

Subrector Stilke; das war jener Lehrer, dessen Liebling er im Anfange

zu sein schien. Es war ein Mann der strengen, kirchlichen Form. Mit

den Schülern pflegte er in der Regel im Tone demüthiger Frömmigkeit

und väterlicher Milde zu sprechen. In sanftester Weise rief er die

Sträflinge zu sich heran. Wie zufällig klemmte er den Frevler zwischen

seinen Knien ein, liebkosend streichelte er ihm die Backen mit den

Worten: „Siehst du, mein Kind, das mußt du nicht wieder thun. Du

kränkst und betrübst damit deinen guten, alten Lehrer, der dich doch

so sehr liebt!“ Diese liebevollen Ermahnungen unterbrach er dann durch

einige plötzlich treffende Backenschläge von rechts und links, die

unter sanftem Zureden und liebkosendem Streicheln in regelmäßigem Takte

wiederkehrten. Wie die Milde des guten, alten Lehrers, ward auch bald

seine Frömmigkeit verdächtig. Des Morgens wurde der Unterricht mit

einem Gebete, das der Lehrer sprach, eröffnet. Einst kam der Subrector

Stilke, der die erste Lehrstunde zu halten hatte, statt um acht, kurz

vor neun Uhr. Mit feierlicher Miene trat er vor die versammelten

Schüler hin, legte seine Taschenuhr auf den Tisch, und begann das Gebet

mit folgenden Worten: „Allwissender Gott, vor dessen Blicken nichts

verborgen ist, du weißt, daß meine Uhr heute Morgen unerwartet stehen

geblieben ist, und daß ich darum nicht zu rechter Zeit kommen konnte.“

Die heller sehenden Schüler durchschauten bald dieses Wesen. Die Einen

bequemten sich ihm augendienerisch, die Andern trieben übermüthig ihren

Spott damit. Auch Ludwig blieb in kecken Bemerkungen nicht zurück.

Bald hatte er die Gunst seines Subrectors verscherzt, und der Zorn des

Lehrers ging endlich in eine Art von Haß über, der keinen Anstand nahm,

den leichtfertigen Knaben in allem Ernste des Atheismus anzuklagen. Da

diese und andere Anklagen auf alle möglichen Schulfrevel endlich auch

zu des Directors Ohren kamen, zog sich allmälig kein geringes Unwetter

über Ludwig’s Haupte zusammen.

Während des Unterrichts machte Gedike regelmäßig die Runde durch das

Schulgebäude. Im Vorübergehen warf er einen spähenden Blick in die

Schulzimmer durch ein in der Thür angebrachtes Schiebefenster. Nicht

selten erschien er zum Troste und zur Rettung manches bedrängten

Candidaten, und griff als ~deus ex machina~ mit gewaltiger

Schicksalshand die hervorragenden Häupter der Schulhelden heraus.

So stand er auch eines Tages plötzlich in der Mitte der Tertianer,

als das Völkchen lustig über Tisch und Bänke setzte. Der Erste,

der als Sühnopfer fiel, war Ludwig. Sein Maß war voll; zur Strafe

mußte er nach Quarta ins Exil wandern. Für die Schulzeugnisse hatten

solche Frevel nicht die besten Folgen. Es gehörte zu Gedike’s

eigenthümlichen Mitteln, die Stufenfolge derselben durch grelle Farben

zu versinnlichen. So brachte Ludwig zum großen Zorn des Vaters die

schmachvolle gelbe Nummer vier nach Hause, auf welche natürlich ein

neues, härteres Strafgericht folgte.

Ludwig Tieck Erinnerungen aus dem Leben des Dichters nach dessen mündlichen und schriftlichen Mitteilungen · 第 2 / 51 段