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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der 1855 erschienenen Buchausgabe
so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische
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der Spitze nach außen («…»), umschlossen. Letzteres kann allerdings
auf einigen Lesegeräten zu unvorhersehbaren Zeilenumbrüchen führen,
daher wurden in diesen Fällen einfache Anführungszeichen (‚…‘)
verwendet. Umlaute in Großbuchstaben (Ä, Ö und Ü) werden durch ihre
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Ludwig Tieck.
Erinnerungen
aus dem
Leben des Dichters
nach dessen
mündlichen und schriftlichen Mittheilungen
von
Rudolf Köpke.
Ludwig Tieck.
Erster Theil.
Ludwig Tieck.
Erinnerungen
aus dem
Leben des Dichters
nach dessen
mündlichen und schriftlichen Mittheilungen
von
Rudolf Köpke.
Erster Theil.
Leipzig:
F. A. Brockhaus.
1855.
Inhalt des ersten Theils.
Seite
+Vorwort+ VII
+Erstes Buch.+ Jugendbilder. 1773-1792. 1
1. Das Vaterhaus 3
2. Schule und Straße 14
3. Die Breter, die die Welt bedeuten 28
4. Der Genius 37
5. Ein hoffnungsvoller junger Mensch 46
6. Jugendgefährten 63
7. Kunstleben 75
8. Ein Weltereigniß 90
9. Verlust und Versuchung 95
10. Dichter und Schriftsteller 109
11. Der Abschied 124
+Zweites Buch.+ Dichterleben. 1792-1800. 127
1. Halle. Katheder und Offenbarung 129
2. Göttingen. Studien 145
3. Erlangen. Abenteuer 154
4. Lebensaufgaben und Pläne 172
5. Die Vaterstadt 187
6. Der Altmeister und der junge Dichter 198
7. Alte und neue Freunde 218
8. Romantische Dichtungen 236
9. Jena und Weimar 245
+Drittes Buch.+ Kampf und Leiden. 1800-1819. 269
1. Bewunderer und Gegner 271
2. Zweifel und Verlust 286
3. Ein alter Freund 299
4. Ein Naturdichter 309
5. Schmerz und Krankheit 311
6. Der italienische Himmel 317
7. Die Heimat 327
8. Wanderleben 337
9. Phantasus 346
10. Auswanderung 351
11. Visionen in Berlin 358
12. Neue Freunde 363
13. London und Paris 371
14. Uebersiedelung 382
Vorwort.
Jedes Jahr bringt neue Schriften, die es unternehmen, die reichste
Zeit unserer dichterischen Literatur kritisch aufzuklären oder
übersichtlich darzustellen, und jedes Jahr lichtet stärker die Reihen
ihrer Theilnehmer und Zeugen. Der Bücher, welche über die neuere
deutsche Poesie und ihre großen Charaktere reden wollen, sind immer
mehr, der Menschen, welche aus eigener Anschauung davon reden können,
immer weniger geworden. In den kritischen Gesammtausgaben, Varianten
und Nachlesen, in den Erklärungen und Denkwürdigkeiten der Dichter
hat sich bereits ein gelehrter Niederschlag jener vollen Bewegung
angesammelt. Das lebendige Heute ist zum stillen Gestern geworden, von
dem wir erzählen, damit der kommende Morgen, über dem eine andere Sonne
scheint, sich seiner erinnern möge. Das sind die Zeichen der Zeit.
Die letzten Jahre haben wiederum zwei Männer mit sich genommen, welche
Führer der romantischen Periode gewesen sind. Im Jahre 1853 starb
Tieck, 1854 Schelling. Ihr Leben liegt abgeschlossen vor uns, und für
den Dichter wie für den Philosophen der Natur beginnt die Geschichte.
Dieses Buch ist dem Andenken Tieck’s gewidmet.
Ludwig Tieck gehört zu den hervorragendsten Erscheinungen unserer
neuern Literatur, der eigenthümliche und selbständige Dichter neben
und nach Goethe und Schiller, der Zeitgenosse und Freund großer und
bedeutender Männer, der Mitstreiter merkwürdiger Kämpfe, der Zeuge
aller folgereichen Wandlungen, welche der deutsche Geist seit dem
Ausgange des vorigen Jahrhunderts erfahren hat. Als er starb, blickte
er auf sechzig Jahre literarischer Thätigkeit zurück. Wie Klopstock
und Wieland von Bodmer bis auf Tieck und Heinrich von Kleist, wie
Goethe von Gottsched und Klopstock bis auf Heine und Börne, so reichte
sein Leben von dem Jahre, wo der „Götz von Berlichingen“ erschien bis
auf Hebbel und Redwitz herab. Er war ein seltener und eigen gearteter
Mensch, dessen Wesen man nicht besser bezeichnen kann, als mit dem
Worte, welches er selbst oft anwandte: er hatte nicht nur gesehen,
gehört, geschrieben und gedichtet, er hatte gelebt, in sich erlebt.
Das Leben eines solchen Mannes erscheint merkwürdig genug, um auch die
Erinnerungen zu sammeln, welche nicht unmittelbar in seinen Werken
liegen.
Diese Aufgabe hat sich das folgende Lebensbild gestellt. Freilich
sind ihm sehr fühlbare Schranken gesetzt, innerhalb deren es sich
halten muß. Nicht etwa durch das, was ich von meiner Kenntniß Tieck’s
zurückzuhalten hätte, dessen ist nur wenig, und dieses Wenige nicht
eben erheblich; vielmehr sind es die Lücken dieser Kenntniß selbst,
welche sich bemerklich machen. Die Grundlage der gegebenen Darstellung
ist eine Reihe gelegentlicher mündlicher Mittheilungen Tieck’s, auf
deren Vervollständigung aus andern Quellen, wenigstens für die frühern
Abschnitte seines Lebens, nicht mehr zu rechnen ist. Es lebt Niemand
mehr, der von Tieck’s Jugend, seinem Bildungsgange und ersten Eintritt
in die Literatur aus eigener Erfahrung Kunde hätte; die Wenigen, welche
von der Zeit der romantischen Dichtungen zu sagen wissen, lassen sich
mit Namen aufzählen; in den Denkwürdigkeiten älterer Zeitgenossen
erscheint er nur vorübergehend, und auch diese Andeutungen reichen kaum
über den Aufenthalt in Jena zurück. Einige Mal erwähnt seiner Goethe
in Briefen, Jahresheften, Kritiken und Gesprächen, dann Schiller,
Fichte, F. Schlegel, Gries, Körner, Philipp Otto Runge, Solger, dieser
allerdings ausführlich, Bettina in ihren Briefen, Steffens, Laun,
Oehlenschläger, der Schauspieler Lange, Karl Förster, Carus, Holtei,
Strombeck und Immermann in ihren Denkwürdigkeiten und Tagebüchern. Die
letzten Fünf kannten ihn in der dresdener Zeit, die Andern begegneten
ihm früher, doch fast alle erst in dem Lebensabschnitte zwischen Jena
und Dresden. Zahlreicher sind die Berichte literarischer Touristen über
einzelne Besuche bei Tieck und oberflächliche Berührungen mit ihm; sie
gehören sämmtlich der spätern Zeit an. Nach diesen Angaben ein Bild zu
entwerfen, ist nicht möglich; wer es dennoch unternehmen wollte, würde
kaum einen matten Umriß erhalten.
Was Tieck’s Freunde so oft mit Bedauern ausgesprochen haben, kann
auch hier nur wiederholt werden: er selbst hat keine Denkwürdigkeiten
hinterlassen. Und warum gerade er nicht, in einer Zeit, die so
manches Buch dieser Art aufzuweisen hat, in dem Vieles breit erzählt
wird, was kaum des Erlebens, geschweige denn des Andenkens werth war?
Warum er nicht, bei seiner Schärfe und Feinheit der Beobachtung, bei
dieser Meisterschaft der Charakteristik und Erzählung? Die Antwort auf
diese Frage liegt in seiner eigensten Natur, in der Verkettung von
Umständen, die manche seiner liebsten Pläne über die ersten Versuche
der Ausführung nicht hinauskommen ließ. Er war durchaus frei von der
eiteln Absichtlichkeit, die von Allem, was sie thut, auch von dem
Kleinsten, der Welt glaubt Rechenschaft schuldig zu sein, die spricht,
um von sich zu schreiben, und schreibt, um von sich sprechen zu machen.
Solange er noch dichterisch schuf, und mit jeder neuen Erfahrung immer
neue Gestalten in ihm aufstiegen, solange er mit zahlreichen Freunden
in ununterbrochenem geistigen Austausche stand, war ihm die Gegenwart
viel zu gehaltvoll und wichtig, als daß er von der Vergangenheit hätte
ausführlich sprechen sollen. Dafür hatte er noch keine Ruhe gewonnen.
Aeltere Freunde bezeugen, daß er in der frühern Zeit in Dresden nur
selten, und zufälliger Veranlassung oder dringender Aufforderung
folgend, auf seine jüngern Jahre zurückgekommen sei, und auch dann
meistens nur kurz, ohne in genauere Schilderungen einzugehen. Er war
darin vielleicht zu sorglos.
Dennoch konnten Anregungen, über einzelne Lebensabschnitte zu
sprechen, nicht ausbleiben. Die nächste lag in seiner Dichtung selbst.
Die Novellen enthielten überall Erlebtes, sie wurden mitunter zu
persönlichen Bekenntnissen; die Gespräche im „Phantasus“, ein Theil
der lyrischen Gedichte waren reich an einzelnen Zügen aus seinem Leben.
Aber man mußte damit bereits vertraut sein, um die Denkwürdigkeiten in
dieser Gestalt zu erkennen. Auch der Briefwechsel mit Solger, den er
mit dessen Nachlaß herausgegeben hatte, enthielt manches merkwürdige
Zeugniß über seinen Bildungsgang. Endlich begann er seine Schriften
zu sammeln, eine Durchsicht derselben und ein Rückblick auf die
Vergangenheit ward nothwendig. Zu manchen hatte er sich öffentlich
nie bekannt, andere waren verschollen, andere gemisdeutet worden.
Von einer Gesammtausgabe der Dichtungen ließ sich die Pflicht über
ihre Entstehung, d. h. über einzelne wichtige Punkte seines Lebens
Erläuterungen zu geben, kaum trennen. In den Jahren 1828 und 1829
schrieb er daher die Einleitungen zu dem ersten, sechsten und elften
Bande der Schriften, die auch in dieser fragmentarischen Form für
Theile seiner Denkwürdigkeiten gelten können. Nur sind sie mehr
literarisch als rein historisch, sie schließen sich der aufgestellten
Reihenfolge der Schriften an, welche nicht die chronologische ist, man
bewegt sich daher mehr im Kreise, als daß man auf der geraden Linie der
Lebensentwickelung fortschritte.
Nachdem Tieck das sechzigste Jahr zurückgelegt hatte, scheint ihm der
Gedanke, sein Leben zum Gegenstande besonderer Darstellung zu machen,
zum ersten Male näher getreten zu sein. Die früheste Andeutung findet
sich 1838 in einem Briefe an seinen Bruder, den er auffordert, zu
diesem Zwecke die Erinnerungen ihrer Kindheit und der spätern Jahre
zu sammeln, und ihm die darauf bezüglichen Notizen zu übersenden. Die
schiefen und einseitigen Urtheile, die er zu allen Zeiten erfahren
hatte, die böswilligen Verdächtigungen, die abgeschmackten Märchen,
die nicht ohne Erfolg über ihn in Umlauf gebracht worden waren, wollte
er durch eine einfache Darstellung des Thatsächlichen widerlegen.
Leider kam es nicht dazu, nicht einmal zu einer vorläufigen Sammlung
des Stoffs für eine spätere Bearbeitung. Die ihm auch damals noch
näherstehende dichterische Production, häusliches Unglück, Krankheit,
der Wechsel des Wohnsitzes und altgewohnter Verhältnisse, Mangel an
Entschluß traten hemmend entgegen. Dennoch lag ihm dieser Plan bis in
die letzten Jahre am Herzen. Immer noch hoffte er auf den Augenblick,
wo er sich kräftiger fühlen werde, und zur Ausführung schreiten könne.
Früher als dieser Augenblick ist der Tod gekommen.
Zum Glück reicht Tieck’s Wort über das Grab hinaus. Er hinterließ ein
Vermächtniß, das wenigstens einen theilweisen Ersatz gewährt. Mag
dieser immerhin dürftig und mangelhaft erscheinen im Vergleiche mit
dem, was Tieck selbst hätte geben können; er wird beachtenswerth, wenn
man darin die Reste eines unwiderbringlich verlorenen Reichthums sieht.
Hier ist der Punkt, wo die eigenthümliche Beschaffenheit des Stoffs,
der in diesem Buche niedergelegt ist, von meinen persönlichen
Beziehungen zu Tieck zu reden gebietet.
Im Anfange des Mai 1849 hatte ich das Glück, ihn zum ersten Male
zu sehen. Mit allgemeiner Spannung blickte man in diesen Tagen auf
den Ausgang des revolutionären Kampfes in Dresden; die gemeinsame
Theilnahme für dortige Zustände hatte mich zu ihm geführt. Die
außerordentlichen Verhältnisse erleichterten die Bekanntschaft; man
hatte damals das Bedürfniß, über gewisse Punkte, namentlich über
die politischen Tagesfragen sich in der Kürze zu verständigen, und
so erfolgte auch hier die Annäherung leicht. Mehr noch that Tieck’s
wohlwollendes Entgegenkommen. Ich habe erfahren, was Alle erfahren
haben, die ihm ohne vorgefaßte Meinung und ohne Ansprüche genaht
sind. Seine edle Natürlichkeit und Unbefangenheit, die vollkommene
Freiheit von Allem, was falscher Würde ähnlich sah, oder der Absicht,
ein Uebergewicht fühlbar zu machen, seine Wahrheit und reine Güte,
der einfache und geistig befreiende Ton seines Gesprächs, Alles trug
dazu bei, die Fesseln der Zurückhaltung, durch die der Unbekannte dem
berühmten Manne gegenüber sich leicht gehemmt fühlt, bald zu lösen.
Aus den ersten Berührungen erwuchs ein Verkehr, der bis zu seinem Tode
ohne Unterbrechung fortgesetzt wurde, der mich vier Jahre hindurch
wöchentlich mehrere Male, zuletzt fast täglich, oft Stunden lang in
sein Haus führte. Als die politische Spannung sich gelegt hatte, traten
in der Unterhaltung immer mehr die Gedanken und Gegenstände hervor,
welche die schönste Zeit seines Lebens erfüllt hatten, und auch jetzt
noch seine wärmste Theilnahme besaßen. Es waren Dichtung und Literatur,
die heimische wie die fremde, die vergangene wie die gegenwärtige, das
Verständniß und die Kritik der Dichter und ihrer Werke, die Kunst, die
Wissenschaft, und alle große Fragen, die vom Tage nicht abhängen, und
stets neu erscheinen, weil sie uralt sind.
Bald nahmen diese Gespräche noch einen andern Charakter an. Unbemerkt
gewannen sie die Farbe historischer Erinnerungen, deren Mittelpunkt
Tieck selbst war. Zufällige Veranlassungen, naheliegende Erörterungen
der Novellen oder der ältern Dichtungen leiteten zuerst darauf hin,
einzelne Züge in leichten Andeutungen oder humoristischen Anekdoten
mitzutheilen. Allmälig gestalteten sich diese Umrisse zu festern
Bildern, besonders seit er die tödtliche Krankheit im Frühjahr 1851
noch einmal überwunden hatte. Jetzt wurden ihm diese Rückblicke auf
die frühere Zeit fast zum Bedürfniß, und die mündliche Erzählung vor
Zuhörern, von deren aufrichtigster Theilnahme er überzeugt sein konnte,
ersetzte seinem Gefühle wenigstens entfernt, was ihm eine Aufzeichnung
der Erinnerungen gewesen wäre. Absichtslos, wie Stimmung und Gedächtniß
den Stoff zuführten, hatte er zuerst einzelne Punkte aus seinem Leben
besprochen, nun begann er auf Ergänzung und Abrundung, und nach manchen
Seiten hin auf eine gewisse Vollständigkeit zu denken. Endlich hatte
er in mannichfach verschlungenen Episoden eine Reihe von Bildern aus
seiner Jugendzeit, seiner Aeltern und Lehrer, Gefährten und Freunde,
seiner innern Kämpfe, seiner Verbindungen mit den Dichtern des vorigen
und des gegenwärtigen Jahrhunderts gegeben. Es waren gesprochene
Novellen, ein unendlich reiches Leben entfaltete sich in ihnen, und wie
überall bei ihm paarte sich auch hier der anmuthig spielende Scherz mit
dem tiefen Ernste.
Wer den Zauber der Rede Tieck’s jemals selbst erfahren hat, wird es
erklärlich finden, daß im Genusse des Augenblicks die schriftliche
Aufzeichnung dieser Gespräche nicht der nächste Gedanke war. Doch
gemahnt durch die wiederkehrende Todesgefahr, entschloß ich mich noch
zu rechter Zeit zu dem schweren Versuche, der jetzt zur historischen
Pflicht ward. Während der letzten zwei Lebensjahre Tieck’s habe ich
alle wichtigen Unterhaltungen mit ihm aufgezeichnet, und es wird kaum
einen bedeutendern Punkt geben, der in dieser Zeit nicht wiederholt
zur Sprache gekommen wäre. Ich darf behaupten, daß durch den spätern
Beginn der Aufzeichnung am Stoff nichts Wesentliches verloren gegangen
ist. Auf Tieck’s Erzählungen selbst hat sie keinen Einfluß gehabt,
er wußte nichts davon, der Gedanke einer künftigen Veröffentlichung
dieser Gespräche lag ihm bis kurze Zeit vor seinem Tode fern. Sie waren
durchaus unbefangen; von einer Absicht, einem bewußten Vorbereiten
oder Zurechtmachen ist nie die Rede gewesen. Aber darum entbehren
diese Erinnerungen nicht der Autorisation. Als ich mir im April 1853
die wachsende Todesgefahr nicht länger verhehlen konnte, ward es
Pflicht, ihm eine vollständige Mittheilung über die niedergeschriebenen
Notizen zu machen. Ich sagte ihm, daß ich diese kleinsten Theile
seines Lebens aufgelesen und gesammelt hätte. Lächelnd erwiderte er:
„Das freut mich zu hören. Sie sind ein wahrhafter Mann, und werden es
so wiedererzählen, wie ich es Ihnen gesagt habe. Es werden dadurch
viele Lügen widerlegt werden, die über mich in Umlauf gekommen sind.“
In diesen Worten liegt die Berechtigung der folgenden Darstellung.
Ich habe sie als einen letzten Willen, als ein Vermächtniß angesehen,
dessen Vollziehung für mich nicht allein zur Pflicht der Pietät,
sondern auch der historischen Gerechtigkeit ward. So faßte er es selbst
auf, und schloß die Augen in der Zuversicht, daß diese Erinnerungen
ein Bild seines Lebens geben würden, wenn er selbst auch über diesen
letzten Wunsch hinweggehoben sei.
Schon früher hatte Tieck die mündlichen Erzählungen in anderer Weise
ergänzt. Lange beschäftigte ihn der Gedanke, eine Auswahl des
reichhaltigen Briefwechsels herauszugeben, in dem er während eines
langen literarischen Lebens mit den verschiedensten Männern gestanden
hatte. Diese Sammlung, soweit sie ihn persönlich betrifft, beginnt mit
dem Jahre 1792 und enthält der großen Mehrzahl nach Briefe, die an
ihn gerichtet sind. In chronologischer Reihenfolge theilte er mir die
einzelnen Bände mit zur Durchsicht und vorläufigen Bezeichnung des etwa
Auszuwählenden. An jeden wichtigen Brief knüpften sich Erläuterungen
und häufig neue Erzählungen. Dies war in den Wintermonaten von 1852 auf
1853. Als ich den letzten Band zurückzugeben kam, war er wenige Stunden
zuvor gestorben.
* * * * *
So ist es zu verstehen, wenn ich dieses Buch „Erinnerungen aus
dem Leben des Dichters nach dessen mündlichen und schriftlichen
Mittheilungen“ genannt habe.
* * * * *
Tieck’s Erzählungen waren nicht vollständig, aber durchaus glaubwürdig.
Nicht von jedem Lebensabschnitte sprach er mit gleicher Ausführlichkeit
und gleichem Behagen. Mit besonderer Vorliebe verweilte er bei dem
Knaben- und Jünglingsalter, in allgemeinern Zügen stellte er die
spätere Zeit hin. Dort war Alles neu, frisch, glänzend, er selbst noch
ein Werdender, den auch der Kampf förderte; hier hatte das Leben eine
festere Gestalt gewonnen, und zwanzig Jahre gleichmäßigen Daseins
erschienen in der Erinnerung wie der ruhige Fluß mit sanften Ufern, den
man still hinabgefahren ist. Manches, was ihn zu tief bewegte, erwähnte
er selten, und dann nur mit wenigen Worten, so den Tod seiner Tochter
Dorothea; Anderes mochte seinem Gedächtnisse ganz entschwunden sein.
Einfach, arglos und edel erscheint er in diesen Erinnerungen; wie
über seine Dichtungen, urtheilte er über sich und sein Leben durchaus
unbefangen. Welchen Grund hätte er auch haben können vor Zuhörern,
deren Beifall oder Misbilligung für ihn eine geringe Bedeutung haben
mußte, am Rande des Grabes, in dieser absichtslosen Selbstbetrachtung
sich anders darzustellen, als er im Augenblicke sich wirklich erschien?
Im Einzelnen blieben sich die Grundzüge der Erzählungen immer gleich,
so oft er auch auf denselben Punkt zurückkommen mochte. Führte er
Personen redend ein, so geschah es in den Wiederholungen stets mit
denselben Worten. Manche kleine Züge finden in den ebenso absichtslosen
Aufzeichnungen Anderer eine unerwartete Bestätigung. Von dieser
Seite könnte nur der übertriebene Zweifel die historische Treue und
Aufrichtigkeit in Frage stellen.
Doch Tieck selbst kannte das eigenthümliche Wesen der historischen
Ueberlieferung sehr wohl. Von ihr sagt er in der Einleitung zu seinem
Shakspeare-Buche („Ludwig Tieck’s nachgelassene Schriften“, II, 119):
„Wenn wir uns nur sichere Rechenschaft geben könnten, daß unser
Standpunkt selbst nicht viel bestimmt und richtet, und doch aus unserm
Auge die Perspective der Linien und der Luft sich bildet.“ Konnte der
Greis die Zustände seines jugendlichen Lebens so wiedergeben, wie
sie wirklich waren, oder vielmehr nur so, wie sie ihm nach vielen
dazwischenliegenden Wandlungen erschienen, wie er sie aus seinem
jetzigen Standpunkte sah? Es ist dieselbe Frage, welche Goethe ebenso
tiefsinnig als vorsichtig beantwortete, wenn er auf dem Titel seines
Buchs „Aus meinem Leben“ den Zusatz machte: „Wahrheit und Dichtung.“
Schwerlich wird der Mensch sich und die Dinge, bei denen er betheiligt
ist, durch ein vollkommen reines Medium zu sehen vermögen; bald
wird es zu hell, bald zu dunkel gefärbt sein. Zuerst betrachtet er
sie mit Leidenschaft, nachher versteht er seine eigene Leidenschaft
nicht mehr. Glücklich, wer im hohen Alter gehaltvolle Erlebnisse mit
einem so treuen, durch Lust und Schmerz befestigten Gedächtnisse,
mit so viel jugendlichem Feuer und Theilnahme, mit so überzeugender
Gegenständlichkeit darzustellen vermag, wie es Tieck in diesen
Gesprächen gethan!
Für den Nacherzähler ist es unendlich schwer, solche Mittheilungen
ohne den geringsten Verlust an Zuverlässigkeit, doch mit gleicher
Frische und Lebendigkeit wiederzugeben. Das Letzte wird kaum Jemand
verlangen. Um wie Tieck, wenn auch aus seinem Munde zu erzählen, müßte
man Tieck selbst sein. Schon das wörtlich treue Aufzeichnen eines
Gesprächs, das vielleicht bei einem Bücherkatalog anfing, und bei der
Resignation aufhörte, die ihm der Anfang der Weisheit war, erschien in
hohem Grade schwierig. War es doch bisweilen schon, wenn die Hausthür
sich schloß, kaum mehr möglich, den Faden wiederaufzufinden, der durch
diese verschlungenen Gänge geführt hatte. Zwar hatte sich mir alles
Wichtige, oft die Worte selbst wol eingeprägt, aber bei dieser Fülle
mußte auch das treueste und willigste Gedächtniß eine gewisse Einbuße
erleiden. Und wie sollte dieser Stoff benutzt werden? An Vorbildern
fehlte es nicht. Am nächsten lag es, an „Eckermann’s Gespräche mit
Goethe“ zu denken. Aber diese Gespräche mit Tieck waren zum großen
Theil historische Erinnerungen. Sollte ich jede Unterhaltung unter
ihrem Tagesdatum mit dialogischer Treue wiederzugeben versuchen,
eine an die andere reihen, um so eine dennoch nur zweifelhafte
Authentie herzustellen? Ich konnte mich nicht dazu entschließen.
Ich hätte im Dialog als zweite Person neben Tieck treten, ich hätte
eine ungeordnete Masse biographischen Materials geben müssen, in dem
der Erzähler chronologisch vorwärts und rückwärts ging, Episoden
einschaltete, sich häufig unterbrach, durch literarische Kritiken,
durch humoristische oder tiefsinnige Beobachtungen, die an das Nächste
wie an das Fernste anknüpften. Durch den Geist, mit dem der Sprechende
Alles zu durchhauchen wußte, durch Ton und Blick, durch die Dramatik
des Vortrags erhielt dieses scheinbar wirre Gewebe einen unendlichen
Reiz, um so reizender, je mannichfaltiger es sich verschlang. Wie
schwerfällig, wie breit und dennoch dürftig würde sich dies Alles in
dem geschriebenen Worte des Nacherzählers dargestellt haben! Es wäre
gewesen, was die kalte, harte, farblose Type ist im Vergleiche mit dem
bewegten Leben. Man würde mir schließlich gesagt haben, es sei ein
schätzbares Material, dessen Verarbeitung zu einem lesbaren Buche eine
geschicktere Hand übernehmen müsse. Der Bearbeiter würde sich bald
gefunden haben, wahrscheinlich ein solcher, der den vollen Eindruck der
Persönlichkeit, wie ich ihn empfangen hatte, nicht besaß, der Tieck
vielleicht gar nicht einmal gekannt hätte. Endlich eine Sonderung der
Gespräche nach Stoffen wäre einer halben Verarbeitung gleichgekommen,
es wäre auch damit nichts gewonnen gewesen.
Es blieb somit nur Eines übrig, den Weg zu gehen, den ich gegangen bin,
erfüllt von der lebendigen und dankbaren Erinnerung an den befreundeten
Dichter, geleitet von meinen Aufzeichnungen, die Bearbeitung des
Stoffs selbst zu übernehmen. Dies empfahl sich umsomehr, da mir außer
den mündlichen Mittheilungen Tieck’s noch andere Quellen zu Gebote
standen. Ich kannte nach seinen eigenen Angaben die biographischen
Bestandtheile der Dichtungen; aus den Briefen ergaben sich manche
werthvolle und charakteristische Züge, und zugleich gestaltete sich
aus ihnen ein chronologisches Fachwerk, in welches sich die einzelnen
Erzählungen mitunter trefflich einfügten; in den letzten vier Jahren
seines Lebens hatte ich ihn selbst oft genug gesehen und beobachtet, um
seine Eigenthümlichkeit kennen zu lernen. Endlich über manche frühere
und spätere Momente war ich im Besitze der glaubwürdigsten Zeugnisse
und Notizen, die ich seinen Freunden und den Personen verdankte, die
Jahre lang zu seiner nächsten Umgebung gehört hatten. Wenn ich hier
von der Unterstützung und Förderung spreche, welche ich durch Andere
erfahren, habe ich vor Allen Friedrich von Raumer auf das dankbarste
zu nennen, der in der warmen Theilnahme an diesen Erinnerungen die
treue Freundschaft, die ihn mit dem Dichter im Leben verband, auch nach
dessen Tode bewahrt hat. Ihm verdanke ich die Benutzung seines höchst
gehaltreichen Briefwechsels mit Tieck, eine Anzahl Briefe Tieck’s an
F. Schlegel, mündliche Ueberlieferungen und Berichtigungen, Rath und
Hülfe aller Art, wie sie nur der Freund und historische Augenzeuge
zu geben vermag. Für Anderes bin ich einem zweiten ältern Freunde
Tieck’s, F. von der Hagen, seinem Neffen G. Waagen, und seinen spätern
Freunden Loebell und Carus dankbar verpflichtet. Den beiden Letzten
doppelt, da sie mir verstattet haben, ihre Mittheilungen meinem Buche
unmittelbar beizufügen. Auch aus diesen Quellen ergab sich eine nicht
unbeträchtliche Masse des Stoffs.
Bei der Bearbeitung war es zunächst gerathen, die Gespräche
allgemeinen, nicht biographischen Inhalts auszusondern und in einem
eigenen Abschnitte zu sammeln. Hier habe ich Tieck’s Worte getreu
wiedergegeben, wie ich sie aufgezeichnet und im Gedächtnisse bewahrte.
Ich glaube nicht, daß sie durch die Umwandlung des Dialogs in den
Monolog, die sich aus dem eingenommenen Standpunkte mit einer gewissen
Nothwendigkeit ergab, irgendwie erheblich gelitten haben. Hoffentlich
wird das sechste Buch den Reichthum dieser Unterhaltungen wenigstens
ahnen lassen. Die Jugendbilder im ersten Buche ruhen ausschließlich
auf Tieck’s Erzählungen. Diese bilden auch den Hauptbestandtheil des
zweiten, doch kommen hier manche Ergänzungen aus den Briefen hinzu,
welche bei der fragmentarischen Beschaffenheit der Erzählungen aus der
spätern Zeit im dritten und vierten Buche besonders wichtig wurden. Das
fünfte hat sich vorzugsweise aus mündlicher Ueberlieferung und eigener
Anschauung ergeben.
Die Darstellung im Einzelnen war durch die verschiedene Natur
des Stoffs bedingt. Wenn das eng begrenzte, doch tief bewegte
Jugendleben, und das berliner Kleinleben jener Zeit interessiren
sollte, so mußte ich es mit vollstem Eingehen, so weit es mir
erinnerlich war, zu schildern versuchen, während die spätere Zeit
weder nach dem vorliegenden Stoffe, noch ihrem Charakter nach ein
gleiches Verfahren erlaubte. Daher die fast novellistische Haltung
der ersten, die literarhistorische der letzten Bücher. Ich bemerke
ausdrücklich, in jene Bilder ist kein Zug aufgenommen, der nicht von
Tieck selbst angedeutet worden wäre; das gilt namentlich durchgehend
von den geschilderten Seelenzuständen. Man halte sie nicht für
psychologisirende Phantasiegemälde; gerade in dieser Weise pflegte er
seine frühesten innern Kämpfe zu schildern. Spätere Darstellungen
ähnlicher Zustände sind aus Briefen geschöpft. Wo Personen redend
eingeführt sind, gehören ihre Worte Tieck an, ebenso die bisweilen
vorkommenden Urtheile über mehr oder minder bekannte Charaktere seiner
Jugendzeit. Dagegen die Verbindung des Einzelnen, die chronologische
Gruppirung zerstreuter Bestandtheile, die oft nicht leicht war, weil
Tieck bei der freien Bewegung des Gesprächs an ein chronologisches
Aufreihen am wenigsten dachte, die Sammlung unter leitende
Gesichtspunkte, die Herstellung eines historischen Charakterbildes,
welches an einigen Stellen in einen fernen Hintergrund blicken läßt
und sich zum Zeitbilde erweitert, dies Alles gehört mir ausschließlich
an. Also nicht Tieck’s Denkwürdigkeiten, seine Lebensgeschichte gebe
ich; ich gebe sie unter der Verantwortlichkeit, wie sie überall dem
Geschichtschreiber zufällt, der einen überlieferten Stoff darzustellen
versucht. Bei der abweichenden Natur des meinen, schien diese
Auseinandersetzung unerläßlich.
Noch ein Wort habe ich zu sagen. Wenn ich eine Charakteristik Tieck’s
zu entwerfen versuchte, konnte ich ihn nur so darstellen, wie er mir
in einem mehrjährigen Umgange als Mensch, und in seinen Werken als
Dichter erschienen war, deren höchste Werthschätzung seit frühen Jahren
bei mir feststand, lange vorher, ehe ich eine Ahnung davon hatte, ihm
jemals persönlich nahe zu treten. Diese Lebensgeschichte ist somit
unbeabsichtigt zu einer literarhistorischen Würdigung und Vertheidigung
Tieck’s geworden. „Oder vielmehr zu einer Verherrlichung“, werden
Andere hinzusetzen. Ich habe nichts dawider, denn ich bin mir bewußt,
meinen Stoff gegeben zu haben, wie ich ihn fand und wie er sich mir
darstellte. Immerhin aber wird es gut sein, auch einmal den andern
Theil zu hören, nachdem so manches ungerechte und verkehrte Urtheil im
Namen der Kritik und der historischen Gerechtigkeit mit der Miene der
Unfehlbarkeit über ihn gefällt worden ist. Seine Beurtheiler sind in
vielen Fällen Verurtheiler gewesen. Es ist nicht zu viel behauptet,
kein anderer großer deutscher Dichter ist härter, undankbarer behandelt
worden. Es wäre wol der Mühe werth, eine Galerie der Kritiken zu
sammeln, die von der „Allgemeinen deutschen Bibliothek“ bis auf die
„Halleschen Jahrbücher“ über ihn erschienen sind, und bis auf den
Augenblick, wo die Feuilletonisten ihm die Grabrede gehalten haben.
Haben doch manche Kritiker erst durch seinen Tod die beruhigende
Ueberzeugung gewonnen, daß nunmehr auch die Romantik wirklich todt und
völlig überwunden sei!
Ein ähnlicher Ton wird in vielen Literaturgeschichten, berühmten und
unberühmten, angeschlagen. Während es bei andern Dichtern eine Pflicht
ist, von der man nicht gern abweicht, die Anerkennung der Kritik,
das Positive dem Negativen vorangehen zu lassen, ist bei Tieck die
umgekehrte Praxis zur Regel geworden. Man beginnt mit dem Tadel, man
entwickelt, wie seine Richtung von Hause aus eine falsche gewesen sei,
Mängel und Schwächen werden ausgemalt, bald gibt er zu viel, bald zu
wenig, endlich läßt man unter neuen Clauseln eine halbe Anerkennung
schmollend hinterherhinken. Den Dichterischen ist er zu kritisch,
den Kritischen zu dichterisch, den Protestanten zu katholisch, den
Katholiken zu protestantisch, den Aufgeklärten seiner Jugend zu
religiös, den Frommen seines Alters zu aufgeklärt, den Liberalen galt
er für servil, den Legitimen für einen Oppositionsmann. Sehr Wenigen
hat er es recht machen können. Man sage nicht, in der Einstimmigkeit
der verschiedensten Kritiker liege der Beweis für die Richtigkeit des
Urtheils. Gerade die gleichlautende Verwerfung durch entgegengesetzte
extreme Meinungen kann die Anerkennung enthalten.
Und woher diese auffallende Erscheinung? Ihr Grund ist nicht schwer
aufzufinden. In einer von heftigen Parteikämpfen bewegten Zeit wollte
er als Dichter frei bleiben, er wollte festhalten an der Poesie, die in
keines Herrn äußerm Dienste steht; er verschmähte es, ein geläufiges
Stichwort zu gebrauchen, um damit Anhänger und Bewunderer zu werben.
„Und so fühle ich“, schreibt er im Jahre 1816 an Solger, „daß bei uns
immer Alles, was ich das Rechte nennen möchte, sei es in Philosophie,
Kunst oder Religion, als ein Eremit wohnt, dessen Pflicht es ist,
keiner Gemeinde anzugehören“ („Solger’s nachgelassene Schriften“, I,
392). Man hätte ihm Manches verziehen, wenn er nur zu irgendeiner Fahne
geschworen hätte, aber unabhängig sein, und dennoch mitreden zu wollen,
das konnten Parteien, Schulen und Sekten nicht ertragen. Darum haben
sie ihn schließlich selbst zu einem Parteihaupte gemacht. Er ist stets
er selbst geblieben, und wie man sich auch anstellen möge, weiter als
sich selbst hervorzubringen, bringt es am Ende kein Mensch, sagt der
Altmeister.
Also die Acten über Tieck und seine Dichtungen sind nicht geschlossen,
wie oft das auch behauptet worden ist. Es lebt noch Mancher, der über
die spätere Zeit auch nach diesem Buche wird berichten können. Dazu
aber, daß man ihn in seiner eigenen und vielseitigen Natur kennen
lerne, wollen die Erinnerungen beitragen. Von seiner Jugendgeschichte
und frühesten Stellung zum damaligen berliner Leben wußte man bisher
wenig oder nichts. Sie ist zugleich ein Stück der Geschichte Berlins
in den letzten Jahren des vorigen Jahrhunderts, und der Vaterstadt
liegt es ob, nicht allein sein Grab oder das Geburtshaus zu bezeichnen,
eine Straße, wie es geschehen, mit seinem Namen zu benennen, oder sein
Bild zu errichten, sondern ihn in der deutschen Geisterwelt auf seiner
hervorragenden Stelle anzuerkennen. Berlin nennt keinen größern Dichter
den seinen.
Hiermit gebe ich dieses Buch aus der Hand, dessen Vollendung mir eine
Pflicht der Pietät war, und das einen Theil meines eigenen Lebens
enthält. Mir ist am besten bewußt, daß ich nicht Alles zu leisten
vermochte, was die Aufgabe erfordert. Niemals bin ich mehr davon
durchdrungen gewesen als jetzt, wo mir das edle Bild, in dessen Augen
ich so oft geblickt habe, wiederum klar vor der Seele schwebt. Es ist
der Uebergang vom unmittelbaren Dasein zur Geschichte, den ich erlebt
habe. Wie es zu den erschütterndsten Erfahrungen gehört, das Leben,
welches man als ein gegenwärtiges empfunden hat, erblassen, sich
auflösen und zur Vergangenheit hinschwinden zu sehen, so ist es die
schwerste Probe aller Geschichtschreibung, die Grundzüge desselben im
Bilde herzustellen und von neuem zu beleben. Doch in dem Geiste wohnt
eine Kraft, die über Mängel und Schwächen hinweghilft. Ich habe das
Vertrauen, etwas von jenem frischen Lebenshauche, der die mündlichen
Erzählungen durchwehte, werde auch noch in meiner Darstellung fühlbar
sein.
So mag denn heute, an demselben Tage, an welchem Tieck vor
zweiundachtzig Jahren das Licht der Welt erblickte, der Schlußstein
diesem Denkmale eingefügt werden, welches ich auf seinem Grabe zu
errichten unternommen habe.
=Berlin=, am 31. Mai 1855.
=Rudolf Köpke.=
Erstes Buch.
Jugendbilder.
1773-1792.
1. Das Vaterhaus.
Am Eingange der Roßstraße zu Berlin, unfern des Kölnischen Rathhauses,
in einem engen, betriebsamen und geräuschvollen Theile der Stadt, wo
in niedrigen Kramläden Gewerbe und Kleinhandel ihren Sitz haben, liegt
ein dunkles Haus, das in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts
zu den stattlicheren der Nachbarschaft gehören mochte. In diesem Hause
wohnte um jene Zeit ein Bürger und Handwerker; das war Meister Johann
Ludwig Tieck, der Seiler. Es war ein einfacher, aber auch frischer
und kräftiger Mann, der mit geradem Sinne und hellem Auge seines
Weges zu gehen pflegte. Ein Leben voll Arbeit und Erfahrung war seine
Schule gewesen, und hatte in ihm jene ehrenfeste, altbürgerliche
Verständigkeit und Tüchtigkeit ausgebildet, die ohne viel Worte den
Nagel auf den Kopf trifft, und in den Zeiten Friedrich’s des Großen
bei den Genossen des kleinen Handwerks nicht selten war. Auch sein
Vater mochte ein Handwerker gewesen sein. Das Familiengedächtniß hat es
nicht aufbewahrt, woher er stammte, doch rühmte man sich zuweilen nicht
unansehnlicher Verwandtschaft, zu der man sogar einen General zählen
wollte.
Wie es die Ordnung des Gewerbes vorschrieb, hatte Meister Tieck in
seinen jungen Jahren, als er losgesprochen worden, zum Wanderstabe
gegriffen, und war als Handwerksgesell in die Fremde gezogen. Er hatte
Deutschland durchwandert, war nach Ungarn gekommen und dann weiter bis
an die Grenze der Türkei. Dabei fehlte es nicht an Abenteuern. So hatte
sich einst in diesen Gegenden ein Reisegefährte zu ihm gesellt, der
die Lage einer jener ungarischen Grenzfestungen so anmuthig fand, daß
er sich niedersetzte und die Umrisse in seinem Buche nachzuzeichnen
begann. Von der Festung aus bemerkte man seine Absicht, glaubte in den
beiden Wanderern Spione zu erkennen, und that einige Schüsse auf sie,
die zum guten Glück ihr Ziel verfehlten. Nach der Heimkehr setzte sich
Tieck als Meister, wie es Brauch war, und begründete einen Hausstand.
Seine Frau holte er sich aus Jeserig, einem Dorfe bei Brandenburg.
Sie war die Tochter des Schmiedemeisters Schale, doch im Hause des
dortigen Predigers, Namens Latzke, erzogen, der sie frühzeitig als eine
Waise zu sich genommen hatte. Darauf betrieb der Meister unter seinen
Mitbürgern eifrig sein Gewerbe, und nahm Antheil an Allem, was Handwerk
und Bürgerwesen anging. Bei den Zunftgenossen war er angesehen als ein
strengrechtlicher Mann, der seinem Stande ergeben sei, und nicht allein
das Herz, sondern auch die Zunge auf dem rechten Flecke habe, und zur
guten Stunde ein gutes Wort ohne Scheu zu sagen wisse. Darum wählten
sie ihn auch in mancher wichtigen Sache zum Sprecher und Vertreter.
Unter den Handwerkern selbst gab es schon allerlei Widerspruch gegen
die Zünfte und ihre engen Regeln. Manche meinten, es könne mit dem
Gewerbe erst besser werden, wenn diese alten Ordnungen aufgehoben
würden. Darüber war ein Streit entstanden, und zu den Vertheidigern
der Zünfte gehörte auch Meister Tieck, der von der Auflösung des
Verbandes nichts als Unordnung erwartete. Doch wollte er darum nach
eigener Erfahrung nicht in Abrede stellen, daß Vieles anders und
besser sein könne. Nun hatte sich das Gerücht verbreitet, auch der
König sei den Zünften nicht geneigt. Darum beschlossen die Freunde
derselben, ihn selbst unmittelbar anzurufen, daß er sie bei dem alten
Rechte schütze. Eine Anzahl von Meistern sollte ihm eine Bittschrift
überreichen und Tieck ihr Sprecher sein. Den kürzesten Weg schlug man
ein, das Geschäft auszurichten. Zu einer bestimmten Stunde des Tages
pflegte Friedrich an einem Fenster des Schlosses Sanssouci zu stehen,
dann stellten sich die Bittenden unter einen Baum im Garten, auf den
der Blick des Königs fallen mußte; nicht selten ließ er sie zu sich
hereinrufen und hörte ihre Anliegen. So geschah es auch hier. Friedrich
erblickte die Meister, und ließ sie zu sich bescheiden. Tieck durfte
ihm die Bittschrift überreichen und noch einige Worte zum Schutze der
Zünfte sagen. Der König hörte ihn gnädig an, und entließ ihn mit der
Versicherung, auch er sei kein Feind derselben und werde sich der Sache
annehmen.
Aber solche Erfahrungen und die Thätigkeit des Tages reichten für die
Bedürfnisse des begabten und mit mancherlei Kenntnissen ausgestatteten
Mannes nicht hin; er führte dabei auch ein nach innen gekehrtes Leben.
In kirchlichen wie in politischen Dingen war er gut Friederichisch
gesinnt. Er hielt es mit dem moralischen Wandel und einem redlichen und
tüchtigen Handeln, im Uebrigen war er ein Freund der Aufklärung, und
pflegte sich die Dinge ohne viele Wunder auszulegen.
Doch in diesem Punkte trat auch die eigenthümliche Sinnesart der
Hausfrau hervor. Von ganzem Herzen war sie der alten kirchlichen
Gläubigkeit zugethan. Hier am ersten kam es zu gereizten Gesprächen,
in denen jeder Theil sich zeigte, wie er war. Der Mann verständig,
eifrig, auffahrend, oft derb und handfest, im Hause die rauhe Seite
herauskehrend; die Frau sanft, schüchtern, in sich gekehrt, dem Manne
gegenüber duldend und beschwichtigend, aber beharrlich. Vor allem
war ihr durch Gemüthsart und Erziehung der Glaube eine Herzenssache
geworden, und sie ließ sich durch den bald rauhen, bald spottenden
Widerspruch des Mannes nicht irre machen. Wenn er sie in den Stunden
ihrer stillen Sammlung im Porst’schen Gesangbuch lesend fand, so
ging das selten ohne eine Gegenbemerkung von seiner Seite ab. Dann
zog er mit seiner hausbackenen Moral ganz ernstlich gegen die alten
Kirchenlieder zu Felde, warf ihnen Lüge und Unwahrheit vor, und
erklärte sie für überflüssig oder gar schädlich. Am meisten ärgerte
er sich an den Liedern, in welchen Christus als Bräutigam der Seele
dargestellt wird, besonders wenn sie etwa von Frauen gedichtet waren.
Oder mit platter Verständigkeit bemerkte er in Paul Gerhard’s Liede
„Nun ruhen alle Wälder“ gegen den Vers: „Es schläft die ganze Welt“:
„Wie kann man dergleichen abgeschmacktes Zeug behaupten! Die ganze Welt
schläft nicht! In Amerika scheint die Sonne, da wachen die Leute.“
Solchen Einwürfen gegenüber schloß die Frau ihre stille Frömmigkeit nur
umsomehr in die Tiefen ihres Gemüths ein.
War gleich diese Art der Aufklärung bei dem Meister Tieck in Fleisch
und Blut übergegangen, so fehlte es ihm doch keineswegs an Sinn und
Verständniß für höhere Dinge, nur wandte er sich der weltlichen Seite
zu. Die ersten glücklichen und kühnen Versuche der deutschen Dichtung
seit dem Anfange der siebenziger Jahre hatten einen tiefen Eindruck auf
ihn gemacht und bald sein Herz gewonnen. Wie eine neue Morgenröthe war
Goethe’s Poesie über der deutschen Literatur aufgegangen. Die einfachen
und offenen Gemüther empfanden es alle, hier quelle der Born einer
unverfälschten Dichtung. Es spricht für das natürliche Gefühl des alten
Tieck, das sich in der harten Schale des werkthätigen Bürgerstandes
lebendig erhalten hatte, wenn der schlichte Handwerker erkannte,
Goethe sei doch ein ganz anderer Mann als Gellert, Kleist und Gleim.
Als später der Streit über die Anerkennung der neuen Poesie heftiger
entbrannte und auch dem alten Meister zu Ohren kam, sagte er voll
Verdruß: „Was reden denn die Leute, sie verstehen ja diese Bücher gar
nicht!“ Oder wenn von „Werther“ oder „Götz“ die Rede war: „Die Andern
mögen sich anstellen, wie sie wollen, so etwas können sie doch nicht
machen!“
Bei diesem lebhaften Antheil an den neuen Dichterwerken und dem regen
Triebe, sich unausgesetzt zu belehren und zu unterrichten, wurde
manches gute und nützliche Buch nicht nur gelesen, sondern auch
gekauft, und allmälig sammelte sich ein kleiner Hausschatz an, auf den
man mit Recht stolz sein konnte. Da fanden sich neben der Bibel, die
auch die Aufklärung des Vaters als Grundbuch des Hauses und Lebens in
Ehren hielt, und neben der nützlichen Belehrung, die Guthrie’s und
Grey’s „Weltgeschichte“ und einige andere historische Bücher gewährten,
die erste Ausgabe des „Götz von Berlichingen“, Goethe’s Schriften
in dem Himburg’schen Nachdruck, die ersten Abdrücke der verwegenen
Dichtungen von Lenz, der „Rheinische Most“, einige Wochenschriften und
manches Andere der Art.
Auch an dem deutschen Schauspiele, das eben damals selbständig zu
werden suchte, fand er vielen Geschmack. Der Zufall hatte ihn sogar
mit den Schauspielern zusammengeführt, die er auf den Bretern in
der Behrenstraße des Abends tragiren sah. Die Arbeit forderte Ruhe
und Erholung, und so war denn Meister Tieck auch den bürgerlichen
Vergnügungen nicht abhold. Nachmittags ging er hinaus in eine jener
bescheidenen Anlagen vor den Thoren Berlins, wo man bei einem Glase
Kottbuser Bier ein sogenanntes Gartenvergnügen, etwa eine Kegelbahn und
einige Gevattern und Stammgäste vorfand. Da wurde geraucht, gekegelt,
gelacht, mancher handfeste Spaß lief mit unter, und zufrieden mit
seinem Dasein, schlenderte man Abends schwatzend und plaudernd wieder
nach Hause. Zu den Stammgästen hatten sich auch einige Schauspieler
gesellt, mit denen man auf der Kegelbahn näher bekannt wurde. Meister
Tieck war vorurtheilsfrei genug, den Verkehr mit der verrufenen Kaste
nicht zu meiden. Machte es ihm Vergnügen, die tragischen Helden einmal
als gewöhnliche Menschen zu sehen, oder mochten sie durch ihre Späße
die Heiterkeit der Gesellschaft erhöhen, genug er stand auf gutem
Fuße mit ihnen. Doch bemerkte er an den lockern Gesellen auch Vieles,
was seinen strengen Bürgersinn beleidigte, Leichtsinn, Prahlerei,
Lüge, Ausschweifung. So kam er denn oft mit der Bemerkung nach Hause:
„Die Komödianten (anders nannte er sie nicht) sind doch schlechte,
unmoralische Gesellen. Es ist kein Verlaß auf sie!“
Dagegen standen die Gelehrten bei ihm um so höher im Ansehen. Es war
nicht das dumpfe Staunen vor einer Masse fremder und unverständlicher
Kenntnisse, was ihn erfüllte, sondern die Ueberzeugung, der gelehrte
Stand sei nicht nur der Hüter geistiger Schätze, sondern solle sie auch
als Lehrer des Volks verwenden. Darum schien es ihm natürlich, daß
der Lehrstand in der öffentlichen Achtung hochstehen und sich in ihr
erhalten müsse. Er erkannte den Gelehrten selbst noch im Zerrbilde an.
Eines Abends fand er in seiner Bürgergesellschaft den berüchtigten
Magister Kindleben. Dieser Mann, nicht ohne Talent und Kenntnisse,
war ursprünglich auf einem Dorfe bei Berlin Prediger gewesen, hatte
aber wegen grober Unsittlichkeiten seines Amts entsetzt werden müssen.
Seitdem lebte er von gelehrten Lohnarbeiten in Leipzig und Halle, und
schrieb schlechte Gedichte und Romane, in denen er zum Theil seine
eigenen Abenteuer erzählte; denn bald war er in allen Schenken wie
auf den Straßen eine bekannte Erscheinung geworden. An jenem Abende
hatten ihn einige Bürger mitgebracht; er sollte dem spießbürgerlichen
Spotte preisgegeben werden. Stets hungeriger und noch mehr durstiger
Gelehrter, possenreißender Pedant, literarischer Landstreicher,
schien er denselben weit mehr herauszufordern als zu fürchten. Sein
unverschämtes Wesen, seine schmuzige Bettelhaftigkeit zeigte den
Gelehrten in tiefster Versunkenheit. Der rohe Spaß begann damit, daß
man ihn betrunken machte. Voll Entrüstung verließ darauf Meister Tieck
seine Ressource. So sollte man mit der Gelehrsamkeit nimmer umgehen,
selbst wenn sie in so gemeiner Gestalt auftrat, wie hier.
Inzwischen hatte sich im Hause Vieles verändert. Eine Familie war
entstanden und begann heranzuwachsen. Der Raum war enger, die Sorgen
größer geworden. Im Laufe von vier Jahren hatte die Mutter drei Kinder
geboren.
Es war ein hoffnungsvoller Tag, als am 31. Mai des Jahres 1773 um elf
Uhr Morgens das älteste Kind in der schmalen, dunkeln Hinterstube, in
die nur ein kärgliches Licht vom Hofe hineinschimmerte, zur Welt kam.
Dieses Kind, das dem Meister Johann Ludwig Tieck, dem Seiler, geboren
wurde, war Meister Johann Ludwig Tieck, der Dichter. Als ältester Sohn
empfing er am 6. Juni in der Taufe, zu der mehrere hochadelige Gönner
der Familie als Zeugen eingeladen waren, die Namen des Vaters. Am 28.
Februar 1775 folgte eine Tochter, Anna Sophie, und am 14. August 1776
der jüngere Sohn, Christian Friedrich. So wuchsen denn drei Kinder im
Hause heran, zwei Söhne und zwischen ihnen eine Tochter, und mit ihnen
manche schwere und gewichtige Sorge. Denn bald mußte der Vater ahnen,
mit diesen Kindern habe ein anderer, neuer Geist in seinem engen Hause
Wohnung gemacht. Unter den Augen des Vaters und der Mutter verlebten
sie die ersten Jahre. Nur dunkel erinnerten sie sich der Großmutter,
die im Hause des Sohnes still als Matrone lebte und bald verschwand,
ohne an der Erziehung theilgenommen zu haben.