»Die Muttl, ach, Gott! Aber ich? Nein! Ich kenn doch unsere Lo und hab's
auch der Muttl gleich gesagt: unsere Lo, die weiß sich schon zu helfen!
Und dann war ich doch auch überzeugt, daß ^Sie^ bei ihr sind!«
»Wirklich?« Ettingen küßte ihn auf die glühende Wange. »Davon warst du
überzeugt?«
»Natürlich! Wenn ein Wald brennt, und jemand ist drin, den man liebhat,
so geht man doch gleich hin und hilft ihm.«
»Daß ich deine Schwester liebhabe? Das weißt du?«
»Freilich!« Mit strahlenden Augen sah Gustl an Ettingen hinauf. »Ich
hab's doch neulich schon gemerkt, viel früher als Lo. Der hab's doch ich
erst sagen müssen!« Da sah er die Schwester mit der Mutter kommen und
rief: »Gelt, Muttl, ich hab recht gehabt! Siehst du, daß auch ein
Waldbrand nichts Böses ist! Gelt, jetzt glaubst du mir's!«
Lo mußte der Mutter schon von ihrem Glück gesagt haben. In tiefer
Bewegung, scheu und verlegen, mit Freude und doch auch mit Angst in den
feuchten Augen kam Frau Petri dem Mann entgegen, dem sie ihr Kind fürs
Leben anvertrauen sollte.
»Das ist meine Mutter, Heinz!«
»Herr Fürst --« Die alte Frau vermochte kaum zu sprechen und streckte die
zitternden Hände. »Sie haben mir mein Kind gebracht --«
»Ja, Frau Petri.« Ettingen küßte ihr die Hände. »Aber ich will Ihnen die
Lo wieder nehmen. Und ich weiß, ich nehme Ihnen viel.«
»Die Hälfte von allem, was ich noch habe.« Zwei Tränen fielen über die
furchigen Wangen der alten Frau und dennoch lächelte sie und atmete auf.
»Das ist das Los der Mütter: wenn ihre Schmerzen und Sorgen vorüber
sind, werden sie einsam. Das kann für mich nicht anders sein, als es
für alle ist. Wenn Lo das Glück findet, das ich ihr wünsche, bin ich mit
allem zufrieden. Ach ja!« Sie hielt die Hände des Sohnes fest, den ihr
diese Stunde gegeben, und während sie ihn ansah, sprachen aus ihrem
forschenden Blick die stummen Fragen: Hast du sie lieb? Wirst du sie
glücklich machen? -- Und als hätte sie aus diesen klaren, leuchtenden
Mannesaugen allen Trost für ihre Sorge gelesen, mit so tiefer Freude
faßte sie die Hand ihres Kindes. »Lo! Ach, Lo! Warum konnte dein Vater
das nicht erleben! Das Glück seines Kindes hätte ihn entschädigt für
alles andere.«
Wieder rasselten zwei Wagen mit dampfenden Gäulen aus dem Wald heraus.
Die Männer sprangen ab unter wirrem Geschrei und eilten mit ihren Äxten
und Seilen hinaus zum Sebensee. --
Da draußen beim Waldbrand standen schon am Nachmittag über zweihundert
Leute bei der Arbeit. Nicht nur von Leutasch waren sie gekommen, auch
von Ehrwald herauf, von Biberwier und Lermoos von allen Almen her. Die
Sennleute und Holzknechte, die den Weg über den Paß genommen, waren
zurückgekehrt: der dichte Rauch, der die hohen Felsen umwogte, hatte
ihnen den Zutritt in das brennende Sebenkar verwehrt. Da war auch nichts
mehr zu helfen, dort oben -- alles Jungvieh mußte schon längst erstickt
sein.
Auch im Tal war andere Hilfe nicht möglich, als nur der Versuch, das
rückwärtsfressende Feuer einzudämmen. Graf Sternfeldt, der Förster und
Praxmaler hatten die Führung der Arbeit übernommen. Man schlug eine
breite Gasse durch den Wald, um die Flammen zu hindern, gegen die
tieferen Wälder hinunterzugreifen. Was schon brannte, mußte seinem
Schicksal überlassen bleiben.
Bevor es noch dämmerte, begannen schwere Tropfen zu fallen, und dann
rauschte es aus den Wolken nieder mit grauen Strömen.
Die Leute suchten Schutz unter den Bäumen. Jetzt wußten sie, daß sie die
Arbeit sparen konnten, die der Himmel übernommen hatte.
Weiße Dampfwolken fluteten über den brennenden Wald. Es währte keine
Stunde, und die Bäche des Regens hatten den Brand gelöscht. Während bei
sinkender Nacht der weiße Dunst noch die weite Brandstatt überwirbelte,
wagte sich schon ein Erster hinein in diesen Wald von schwarzen
Kohlensäulen, unter deren nasser Kruste der Kern der halb verbrannten
Stämme noch glühte. Es war der alte Hüter von der Sebenalm. Als ihn die
anderen hindern wollten, die Brandstatt zu betreten, sagte er mit seinem
hohen Kichern: »So was is gut, so gleich nach'm Fuierl!« Er watete durch
die Asche. »So schön warm hab ich schon lang net ghabt in die Füß!
Hihihihi!«
Als jede weitere Arbeit nutzlos war und die Dunkelheit anbrach, trat
Graf Sternfeldt mit Praxmaler den Heimweg an.
Es war gegen Mitternacht, und sie hatten das Jagdhaus noch nicht
erreicht, als der Förster sie einholte und die Nachricht brachte:
»Mazegger ist gefunden.«
»Lebend?«
Der Förster schüttelte den Kopf.
»Herr, gib ihm die ewig Ruh!« Praxmaler bekreuzte das Gesicht.
Eine Weile standen sie schweigend im Regen, und dann erzählte der
Förster: es wäre der alte Hüter von der Sebenalm gewesen, der den
Erstickten fand, im Seebach, bis an den Hals im Wasser sitzend und
umringt von den Leichen halbverkohlter Rinder.
Sie durchschritten in der Finsternis den letzten Waldstreif und
erreichten das Almfeld.
»Hören Sie, Herr Förster, und Sie, Praxmaler!« sagte Sternfeldt. »Der
Fürst und Fräulein Petri sollen das nicht erfahren. Wir wollen die erste
Freude ihres Glückes nicht stören durch die Nachricht, daß Mazegger die
Warnung, die das Fräulein rettete, mit dem Leben bezahlen mußte. Der
arme Bursch!«
Der Förster nickte. »So? Gwarnt hat er dös Fräuln? No ja, was man
glaubt, is wahr!«
Sie stiegen zum Jagdhaus hinauf, an dem alle Fenster mit hellem Schein
hinausleuchteten in die Nacht und in den strömenden Regen.
Die Tropfen, die durch die Helle fielen, blitzten mit farbigem Licht.
Die ganze Nacht und zwei Tage noch währte das Rauschen und Gießen, als
hätte der Himmel seine Berge reinspülen wollen vom Ruß und von der Asche
des Brandes. Dann fegte ein Sturmtag alles Gewölk von den Höhen und
schüttelte die in der Sonne glitzernden Wasserperlen von allem Gezweig.
Wie mit neuer Keimkraft erwachte es bei dieser linden Wärme im
getränkten Erdreich. Das Heidekraut hatte eine üppige Herbstblüte; alle
Waldlichtungen und Gehänge waren von rotem Schimmer überhaucht.
Ein stiller Sonnenmonat. Und ein Glück, das lächelnd im Schweigen des
Waldes blühte, menschenfern und weltvergessen.
* * * * *
Ende September fiel der erste Schnee, und es wurde einsam auf der
Tillfußer Alm. Am Jagdhaus waren schon seit drei Wochen die Läden
geschlossen. Nun stand auch die Sennhütte verödet.
Nur das Försterhäuschen war bewohnt. Hier braute Pepperl täglich seinen
Sehnsuchtsschmarren, und wenn die Pfanne leer war, ging er in die
Sennhütte hinunter, zündete auf dem Herd ein Feuer an, ließ sich das
Herz und den Buckel wärmen und schmauchte sein Pfeiflein dazu. Am Morgen
und Abend der Pirschgang über die verschneiten Almen. Er hatte den
Schutzdienst im Geißtal ganz allein zu versehen, denn der neue Jäger
sollte erst mit dem 15. Oktober in Dienst treten. Aber dann -- ja, dann
bekam der Praxmaler-Pepperl acht Tage »Hochzeits-Urlab«. Und wenn er
beim Feuer in der Sennhütte an diese kommende Zeit dachte, blies er in
langem Faden den Rauch vor sich hin und schmunzelte: »Teufi, Teufi,
Teufi! Die acht Täg will ich mir aber schmecken lassen!«
Trotz seiner sehnsüchtigen Ungeduld verging ihm die Zeit sehr flink. Im
Bergwald und auf den Almen röhrten an jedem Morgen und Abend die
Hirsche, daß der Orgelton ihrer Stimmen von den Wänden widerhallte. Wenn
Pepperl am Waldsaum einer Alpe saß und einen Kronenhirsch auf hundert
Schritte vorüberziehen sah, machte er seiner Aufregung mit einem heißen
Seufzer Luft: »Teufi, Teufi, Teufi! Wann nur der Herr Fürst jetzt da
wär! Söllene Prügelhirschen haben! Und net jagen! Da hört sich doch
alles auf!« Nach solchem Ärger kam ihm aber gleich die Einsicht wieder:
»Freilich, der weiß sich was Bessers jetzt!« Und schmunzelnd dachte er
an seinen fernen Herrn und an das »Maler-Fräuln«, das jetzt Frau Fürstin
wurde. ----
Schon in den ersten Septembertagen war Ettingen mit Frau Petri und ihren
Kindern nach dem Allgäu abgereist. Über München, wo sie eine Woche
blieben, ging die Reise an die Donau und dann zu Schiff stromabwärts
nach Bernegg, wo Graf Sternfeldt den Freund und seine Gäste erwartete.
Das waren wundersame Tage für Lo, dieses erste Einleben in die neue
Heimat, das Wandern durch alle Räume des Schlosses, der Besuch der
Felder und Arbeiterhäuser, die Begegnung mit den hundert neuen
Menschen, deren Herrin sie wurde, die Fahrten durch die stundenweiten
Buchenwälder, und die Plauderstunden im Park, dessen welkendes Laub
in der Herbstsonne leuchtete wie Gold. Jede schöne Stunde empfing sie
dankbar als köstliches Geschenk aus der Hand des geliebten Mannes --
und er bot ihr, glücklich und stolz, jede neue Freude wie eine Ehre,
die ihr gebührte.
Zu Anfang Oktober mußte Gustl mit seinen Büchern nach Innsbruck
einrücken. Schon einen Monat später bekam er wieder eine Woche
»Extraferien«, um der Hochzeit seiner Schwester beizuwohnen.
In der Schloßkirche zu Bernegg wurde das Paar getraut. Außer Frau Petri
und Gustl waren nur Graf Sternfeldt und die Beamten des Fürsten bei der
stillen Feier zugegen.
Als die Nachricht von dieser Vermählung in alle Winde hinausflatterte
und die Gesellschaft in Verblüffung und Aufruhr versetzte, waren die
beiden Glücklichen schon auf dem Weg nach dem Süden.
Bis Gustls Ferienwoche vorüber war, blieb Frau Petri auf Bernegg.
Dann brachte sie den Buben nach Innsbruck und kehrte zurück in ihr
stillgewordenes Haus. Sie hatte es nicht anders gewollt.
»Lo, ach ja, die lebt sich ein in das Neue und wird getragen von
ihrem Glück. Aber ich alte Frau? Nein! Ich will bleiben, wo ich mich
festgewachsen habe durch soviel Jahre, und wo noch alles mit mir lebt,
was mein Glück gewesen ist! Und wenn ich einmal die Augen schließe,
soll es dort sein, wo ich das letzte Lächeln meines Mannes sah.«
Allen Bitten ihrer Kinder gegenüber blieb sie fest in diesem Entschluß.
Und sie wäre doch nur im Winter allein! Die paar Monate!
»Im Mai, da kommt ihr! Und dann sind wir beisammen, bis der Schnee
fällt.«
Trotz allem Troste, den sie mit heimbrachte, war ihr während der ersten
Tage in dem leeren Haus das Herz zum Springen weh. Sie weinte so viel,
daß ihr die Magd einmal sagte: »Frauerl, Frauerl, a bißl was sollten S'
noch übriglassen von Ihrene Äugerln!« Diese Mahnung fruchtete nicht.
Etwas anderes half. Eines Mittags wurde die Tür aufgerissen, Gustl flog
herein und der Mutter jubelnd an den Hals. Ihm folgte ein junger Mann,
der eine goldene Brille trug, aber sonst ein ganz vergnügtes Gesicht
machte. Er stellte sich vor als Kandidat der Philologie und »Hofmeister
des fidelen Jungen da«. Zu seiner Beglaubigung überreichte er einen
Brief:
»Capri, Hotel Quisisana, den 15. November.
Liebes Muttl! Damit Dir der erste Winter so allein nicht gar zu
hart wird, haben wir beschlossen, daß Gustl ein Jahr lang zu Hause
lernen soll. Haben wir's recht gemacht? Ja?