Droben pochte er. »Duhrlaucht?«

»Ich danke, ja, ich bin schon wach!«

»Schlecht schaut's aus mit'm Wetter!« berichtete Pepperl durch die

geschlossene Tür. »Nebel haben wir. Ich mein', Sie sollten heut daheim

bleiben, Duhrlaucht.«

»Nein, ich gehe! Mag das Wetter sein, wie es will!«

»No ja, wenn S' meinen! Aber Gamsbock bringen wir heut kein net heim.

Heut marschieren S' umsunst.«

Ein frohes Lachen war die Antwort.

Nebel hin oder her, den freut heut 's Leben! dachte Pepperl, während er

die Treppe hinunterging. »Und mich freut's auch!« Es blieb ihm genügende

Zeit, um ein »Sprüngerl« in die Sennhütte hinunterzumachen. Da konnte

er seinem Mädel den Schlaf aus den Augen küssen.

Lachend hob sich Burgi aus ihrem Heubett und schlang die Arme um

Pepperls Hals. »So a Bußl beim Aufwachen is ebbes Guts!«

»Halt ja! Gib nur gschwind noch eins her! Auf'n Abend hast mich wieder!«

Es dauerte lang, dieses »gschwinde Bußl«.

Der graue Morgen begann, und durch die im Fluge sich klüftenden Nebel

schimmerte ein armseliges Stück des blauen Himmels, als Ettingen vom

Jagdhaus herunterkam. Pepperl sah den Glanz in den Augen seines Herrn

und dachte: Teufi, Teufi, der muß sich heut an ^guten^ Pirschgang

derwarten, weil er gar so gottsfreudig dreinschaut! Aber solch ein Wind

und Nebel! Da hätte Pepperl schwören können: »Wir kriegen nix!« Auf

diese Enttäuschung mußte er seinen Herrn vorbereiten. »Schlecht schaut's

aus, Duhrlaucht! Heut hab ich net die richtige Schneid auf d' Jagd!«

»Ich auch nicht!« erwiderte Ettingen lachend.

»Gott sei Dank, weil S' Ihnen nur net z'viel derwarten. Und gelten S',

ich hab recht ghabt: heut wird's a Hakerl haben mit der Sonn!«

»Mir wird sie scheinen! Kommen Sie nur.«

Sie schritten gegen den Wald hinunter.

Da wurde im Oberstock des Fremdenhauses ein Fenster geöffnet. »Guten

Morgen, Heinz! Und Glück auf den Weg!«

Mit seinen »gottsfreudigen« Augen grüßte Ettingen zu dem Freunde hinauf:

»Das war lieb von dir!«

Pepperl schüttelte den Kopf und dachte: Glück hat er ihm auch noch

gwunschen! Jetzt können wir einpacken! Daß ein so fermer Jäger wie Graf

Sternfeldt sich so schwer gegen den Weidmannsbrauch verfehlen konnte!

Glück -- was Schlimmeres kann einem Jäger nicht gewunschen werden!

Raschen Ganges wanderten die beiden durch das lange Tal. Sie waren schon

eine Stunde unterwegs, und der Morgen wurde nicht heller. Wohl klüftete

sich manchmal der ziehende Nebel und gab ein Stück der düsteren Wände

frei, doch alle Höhen blieben von dunklem Gewölk umlagert. Aus den

wehenden Dünsten ging ein dünnes Geriesel nieder, bei dem sich alles wie

mit feinem Tau beschlug; und alle Geräusche waren gedämpft: das Rauschen

des Baches, die schreienden Stimmen, die man irgendwo in der Ferne von

den Almen hörte, und das Geläut und Brüllen der Rinder, die heut in

solcher Unruh waren wie nach einem Schneefall, der alles Grün bedeckt.

Immer sorgenvoller wurde das Gesicht des Jägers. Seinen Herrn aber

schien das unfreundliche Bild der Landschaft nicht zu verstimmen. Der

wanderte immer zu, versunken in stille Gedanken, mit diesem träumenden

Lächeln, mit diesem Leuchten in den Augen.

Schon ein paarmal hatte Praxmaler verwundert umhergeguckt. »A gspaßiger

Nebel! Der riecht ja wie der Dampf, der von der Kohlstatt kommt!«

Und was war das für ein Rauschen, fern in der Höhe? Sie hatten noch eine

Wegstunde bis zum See, da konnte man doch den Wasserfall des Seebaches

noch nicht hören? Und waren denn die Leute auf der Sebenalm verrückt

geworden? Sie schrien, daß man's auf eine halbe Stunde weit hören

konnte! Nun kamen ein paar Kühe in wilder Flucht gerannt. Und im Wald

ein Laut, der den Jäger ganz verblüfft machte: der Pfiff einer Gemse.

Das begriff er nicht. Gemsen hier unten im Talwald? So tief steigen sie

nicht einmal herunter im schwersten Winter!

»Herr Fürst! Ich weiß net, heut muß was los sein! Da saust a Rudel Gams

durch'n Wald. Wie kommen denn die Gams da runter?«

Ettingen drängte mit Ungeduld: »So lassen Sie doch die Gemsen! Ich will

nicht jagen heut!«

»Net jagen?« Das war für Pepperl von allen Wundern dieses Morgens das

größte. »Ja sakra, warum steigen wir denn nacher auffi zum See?«

Er bekam keine Antwort. Und da machte sein Scharfsinn einen

Gedankensprung. »Ah, da schau!« Hatte nicht gestern der Förster erzählt,

er hätte das Malerfräulein zum Sebensee hinaufreiten sehen? Und hatte

der Fürst nicht gleich darauf gesagt: »Pepperl, morgen machen wir eine

Pirsche zum Sebensee?« Er dachte an jenen Morgen im Blumengarten des

kleinen Seehauses, dachte an die drei Hirsche im Geißtal, die ihr Leben

dem Malerfräulein zu danken hatten, dachte an jene Gewitternacht in der

Waldstube dort oben -- und dem Praxmaler-Pepperl ging ein Licht auf. »Ah,

da schau!« Schmunzelnd musterte er seinen Herrn. Jetzt verstand er auch

das Wort von der Sonne, die heute scheinen würde. »Dös glaubst! Die hat

freilich Sonnschein in die Äugerln! Da kann der Nebel so dick sein, wie

er mag!«

Ein sausender Windstoß riß die grauen Dünste entzwei, und man sah den

steilen Tejakopf von einer schwarzen Wolke umlagert.

»Duhrlaucht! Schauen S' da auffi! Was is denn dös für a Gwölk? So

pechschwarz kann doch kein Wetter net aufziehen?«

Ehe der Blick des Fürsten die Höhe fand, nach welcher der Jäger deutete,

hatte der jagende Nebel die Bergspitze mit ihrer finsteren Haube schon

wieder verhüllt.

Sie schritten aufwärts durch den steigenden Wald. Da hörten sie wieder

von der Sebenalm die schreienden Stimmen. Jetzt blieb auch Ettingen

stehen, wie von einer Sorge befallen. »Praxmaler! Was können die Leute

nur haben?«

»Ich kann mir's net denken. Und da müssen mehr Leut beinand sein als

wie d' Sennleut und der Hüter! Und wie's in der Luft liegt! Als ob's wo

brennen tät! Es wird doch ums Herrgottswillen in der Almhütten kein

Feuer net ausbrochen sein!«

Da hörten sie das Keuchen eines Menschen und ein Gerappel von Steinen,

als käme einer in wahnsinnigem Lauf über den Steig heruntergerannt.

»Um Christi willen«, stammelte der Jäger, »was is denn?«

Ein Mensch tauchte im Nebel auf. Es war der Sebener Senn. Jetzt stand er

vor den beiden, nach Atem ringend, das fahle Gesicht wie mit Ruß

bestrichen. Die Augen waren rot verquollen und die Ärmel seiner Joppe

von kleinen Brandlöchern durchsiebt, als wäre er durch einen Regen

glühender Funken gelaufen. Mit beiden Fäusten packte er den Jäger an der

Brust: »Der Förstner? Wo is der Förstner? Ich muß den Förstner haben und

d' Holzerleut.«

Ettingen rüttelte ihn am Arm. »Aber Mensch, so sagen Sie doch, was ist

denn geschehen?«

»Der Sebenwald brennt. Der ganze Wald bis übern See auffi, alles an

einzigs Fuier! 's ganze Jungvieh droben, alles muß hin sein, alles! D'

Höll kann net ärger sein! Und 's Fräuln is droben seit gestern! Jesus!

Jesus! Sag mir doch, Jäger, wo is denn der Förstner?«

»Mar und Joseph! Draußen im Tillfuß is er! Lauf Senn, lauf ums

Himmelswillen, was d' laufen kannst!«

Der Senn wollte rennen, doch Ettingen hielt den Arm des Mannes

umkrampft.

»So lassen S' doch aus, Herr!« keuchte der Senn. »Ich muß ja um d'

Leut!«

Ettingen rang nach Worten. »Gibt es noch einen Weg --«, die Stimme brach

ihm, »einen Weg durch das Feuer, zum See hinauf?«

»Kein' nimmer! 's ganze Seetal is zu mit Fuier! So lassen S' doch aus!«

Gewaltsam befreite der Senn seinen Arm und rannte, mit keuchender Stimme

betend: »Vater, Vater unser, der du bist im Himmel --« Er verschwand im

Nebel. Und Ettingen umklammerte den Ast einer Fichte, als müßte er eine

Stütze haben, um sich aufrecht zu halten. Dem Jäger schossen die Tränen

in die Augen, als er dieses verstörte Gesicht sah, diesen verzweifelten

Blick.

»Jesus! Herr Fürst!«

Ettingen erwiderte keinen Laut. Seine Glieder streckten sich, als wären

sie Stahl geworden. »Komm!«

Wortlos eilten sie durch den Wald hinauf und erreichten das Almfeld.

Hier lag der Nebel nicht mehr so dicht wie im tieferen Tal. Man sah die

Leute, die mit Geschrei umherrannten, um die scheugewordenen Kühe

einzufangen -- man sah den Wald und über seinen Wipfeln den schwarzen,

von trübem Feuerschein durchflackerten Qualm, der von Wand zu Wand die

ganze Breite des Seetals füllte.

Mit brennenden Augen spähte Ettingen durch die Schleier des Nebels.

»Nein! Da gibt es keinen Weg mehr! Nicht durch den Wald hinauf!« sagte

er mit erloschener Stimme. »Aber einen anderen gibt es! Sie muß sich vor

dem Feuer geflüchtet haben, in die Felsen hinauf! Dort müssen wir sie

finden! Wir müssen!« Er eilte den steilen Latschengehängen zu, gegen den

Tejakopf, dessen gewaltige Felsenmauer zwischen dem Prantlkar und dem

brennenden Seetal aufstieg und in schwarzem Rauchgewölk verschwand.

Erschrocken lief der Jäger seinem Herren nach. »Mar und Joseph!

Duhrlaucht! Wo wollen S' denn hin?«

»Hinauf! Dort hinauf! Durch das Prantlkar und über den Paß -- den Weg, den

wir neulich gingen, als das Gewitter kam -- und die schöne Nacht!«

»Da müssen wir links durch'n Wald und von drunt her auffi!«

»Nein! Ich sehe einen Weg ins Kar, der näher ist. Dort hinauf!« Ettingen

deutete nach den Latschenbändern, die schräg über die Felswand

emporkletterten gegen die Höhe des Kars. »Da sparen wir eine Stunde!«

Praxmaler wischte sich den Schweiß von der Stirn und stammelte: »Um

Gottswillen, Duhrlaucht! Da steig ja ich kaum durch. Sie kommen net

auffi!«

»Ich muß hinauf!« Ettingen hatte schon den Latschenhang erreicht und

begann zu klimmen.

Ohne Widerrede legte der Jäger alles ab, was er trug, die Büchse, den

Rucksack, die beiden Wettermäntel -- jetzt brauchte er freie Arme, denn

er wußte, daß es um das Leben seines Herrn ging.

Sie kamen zum Fuß der Felswand und begannen zu klettern, wortlos,

Ettingen immer voran. Mit Sausen stürzten unter seinen Tritten die

Steine in die Tiefe -- er hatte keinen Blick für sie, seine Augen suchten

immer die Höhe. Nie bedurfte er der Hilfe des Jägers, und wenn Praxmaler

ratlos innehielt, fand Ettingen immer wieder eine Schrunde im Gestein,

einen Tritt, der ihn höher brachte, so rasch, daß der Jäger Mühe hatte,

sich dicht hinter seinem Herrn zu halten.

Als sie die Kuppe der Wand erreichten, sah Praxmaler in die schwindende

Tiefe, die hinter ihnen lag, und bekreuzte sein Gesicht.

Nur eine kurze Strecke hatten sie noch zu steigen, weniger mühsam, und

dann kam über Griesfelder und Latschenrücken ein ungefährlicher Weg in

das Kar.

Der Nebel begann sich langsam zu heben. Von der Höhe, auf der die beiden

waren, konnten sie den Eingang des brennenden Tales überblicken.

Zwischen Qualm und Dämpfen sah man die flammenden Bäume. Auf weite

Strecken war der Grund schon kahlgebrannt; bald erschienen diese

Stellen grau, bald wieder, wenn der Wind die Asche verwehte, waren sie

verwandelt in rote Glut. Und die Flammen der Bäume, Rauch und Qualm, die

Aschenwolken, alles strebte in jagendem Winde hinauf, dem See entgegen.

Ettingen bedeckte mit den Händen das Gesicht, als könnte er den

grauenvollen Anblick nicht ertragen und müßte mit Gewalt die

martervollen Bilder ersticken, welche die Angst seines Herzens ihm vor

Augen stellte. Noch atemlos, begann er den Weg ins Kar.

»Ich bitt Ihnen«, bettelte der Jäger, »tun S' doch a bißl rasten!«

Ettingen schüttelte den Kopf.

Sie stiegen eine Stunde. Je näher sie im Kar der letzten Grieszunge

kamen, von deren Ende der Steig über brüchige Wände hinaufkletterte zum

Paß, desto ungeduldiger wurden die Schritte des Fürsten, obwohl ihm Atem

und Kräfte schon fast zu Ende gingen. Auch der Jäger war so erschöpft,

daß er die letzte Kraft seiner Glieder geben mußte, um sich an der Seite

seines Herrn zu halten.

Einer steilen Felswand nahe, ging der Weg zwischen mächtigen

Felsblöcken, die ein Bergsturz über das Griesfeld geworfen hatte. Wohl

war der Nebel gestiegen und hatte sich schon über Tal und Berg zu einer

regungslosen Decke gesammelt, aber das ganze Kar lag verschleiert vom

dünnen Geriesel der Asche, die aus den Lüften fiel, und vom Rauch, der

drüben aus dem brennenden Seetal aufstieg und im Kar sich wieder

niedersenkte über die Wände.

Nur einen Weg von wenigen Minuten hatten sie noch bis zu der Stelle, wo

der Paßweg beginnen mußte, und Ettingen suchte ihn schon mit brennenden

Blicken. Da rollten Steine aus der Wand herunter, an der sie

vorüberschritten. Im gleichen Augenblick riß der Jäger seinen Herrn

hinter einen Felsblock und stammelte: »Mar und Joseph! Nur um

Gottswillen kein' Laut nimmer! Da schauen S' auffi!«

Hoch über dem Griesfeld, in der steilen Felswand, die pfadlos schien,

bewegte sich unter dem Schleier des Rauches langsam eine Gestalt.

»Lo!« glitt es mit ersticktem Klang über Ettingens Lippen. Sein erstes

Gefühl war ein Sturm von Freude. Sie nur wiederzusehen! Lebend! Doch

dieser Rausch der Freude ging ihm unter in einem Grauen, das ihn fast um

die Sinne brachte. Jeder Schritt an dieser Wand war ein Schritt in den

Tod. Ettingen streckte die Arme. Nur helfen, helfen, dieses stürzende

Leben schützen! Kein anderer Gedanke war in ihm. Er wollte schreien: Ich

komme, Lo! -- doch seine Stimme war nur ein Lallen. Und da preßte ihm der

Jäger die Hand auf den Mund und riß ihn zurück und flüsterte: »A Laut,

Herr Fürst, und Sie bringen dös Fräuln um! Da gibt's kein Helfen, wir

stehen da mit leere Händ, ohne Seil und Eisen, ohne alles! Sie muß

allein da runter. Da hilft ihr keiner, bloß die eigne Kraft. Und schauen

S' auffi, wie's jeden Schritt probiert in aller Ruh! Sie derzwingt's!

Passen S' auf, sie derzwingt's! Aber a Laut von Ihnen -- a Merk von ihr,

daß wer da herunten steht, und Sie grad, Sie, Herr Fürst -- und sie hat

ihr Ruh verloren und --« Der Jäger sprach das Wort nicht aus, das ihm

schon auf der Zunge lag. »In Rauch und Nebel hat s' den Steig verfehlt

und hat sich in der Wand verstiegen. Jesus, Jesus, was muß dös Fräuln

für an Weg gmacht haben in der Nacht!«

Nun standen sie regungslos hinter dem Felsblock und spähten durch den

ziehenden Rauch in die Wand hinauf. Sie sprachen kein Wort mehr, aber es

hämmerte unter ihren Rippen, daß einer den Herzschlag des anderen hören

konnte. Mit beiden Händen klammerte Ettingen sich an den Fels und biß

die Zähne übereinander, um auch den Ton seines Atems noch zu ersticken.

Immer wieder schloß er die Augen, als ginge die Marter dieses Anblicks

über seine Kräfte, und immer wieder spähte er hinauf mit einem Blick, in

dem seine Seele war, seine Angst und sein Hoffen. Fielen Steine aus der

Wand, dann zuckte er zusammen, als träfe ihn jeder Steinschlag ins

Leben. Sie schwirrten und sausten, diese stürzenden Steine, und wenn sie

das Griesfeld erreichten, machten sie weite Sprünge. Der Staub, den sie

aufwirbelten, dampfte an der Felswand empor und mischte sich mit den

Schleiern des braunen Qualmes. Der umhüllte bald die Verirrte in der

Wand, bald gab er sie wieder frei. Mit ausgebreiteten Armen, die Brust

an die Felsen schmiegend, suchte sie Tritt um Tritt. Manchmal blickte

sie über die Schulter in den Abgrund, wie um den Weg zu messen, den sie

noch finden mußte. Tiefer und tiefer kam sie, und eine glattgeschwemmte

Wasserfurche überspringend -- Ettingen zitterte, als sie

sprang -- erreichte sie ein Steinband, das ihr sicheren Grund für die

Tritte gab. Sie ging, bis das Band zu Ende war. Dann rastete sie, lange,

lange, um ihre Kraft für dieses letzte und schwerste Stück des Weges zu

sammeln. Schräg nach abwärts hatte sie eine Felsplatte zu überqueren,

die nur von wenigen Rissen durchzogen war und so kahl erschien, daß der

Blick, der aus der Tiefe hinaufspähte, kaum einen Vorsprung fand, auf

dem ein Fuß hätte ruhen können.

»Unmöglich! Das ist unmöglich!« hauchte Ettingen. Sein Gesicht war weiß.

»Nur Ruh, Herr Fürst, nur Ruh ums Himmelswillen!« flüsterte der Jäger.

»Von droben schaut's besser aus als wie von unt auf! Und sie

derzwingt's, und alles is gut!«

War dieses Schwere überwunden, dann war's gewonnen. Unter der Felsplatte

winkte ein Rasenfleck, auf dem sie sicher stehen konnte. Wohl war dann

das letzte Stück des Weges bis auf den Sand hinunter noch immer

gefährlich, aber die Felsen boten hier feste Kanten für den Fuß und

Schrunden für die greifenden Hände.

Noch immer rastete Lo. Während sie die Arme um einen Felszacken

geschlungen hielt, prüfte sie vorgebeugten Kopfes schon den Weg, den sie

nehmen mußte. Nun wollte sie ihn beginnen. Man sah, wie ihre Gestalt

sich streckte und ihr Arm sich zögernd von dem stützenden Schrofen

löste.

Praxmaler umklammerte die Hand seines Herrn, als hätte er Sorge, daß die

Seelenangst, die ihm aus Blick und Zügen redete, in diesen

entscheidenden Minuten durch einen Ruf, durch eine unvorsichtige

Bewegung sich verraten könnte. Doch Ettingen stand regungslos und stumm,

wie zu Stein verwandelt. Auch sein Atem schien erloschen. Nur seine

Augen lebten noch und griffen hinauf mit ihrem Blick, wie die Angst mit

Armen und Händen greift.

Dicht angeschmiegt an den Fels, machte Lo mit ruhiger Vorsicht den

ersten Schritt in die Platte, einen zweiten und dritten. Während sie mit

der einen Hand immer angeklammert hing an einer Schrunde, fühlte sie mit

der anderen gleitend am Gestein hin, um einen neuen Halt zu finden. Zwei

Schritte noch. Dann hielt sie rastend inne, mit ausgebreiteten Armen,

wie an den Fels gekreuzigt. Wieder begann ihr Fuß zu tasten, ihre Hand

zu suchen, denn sehen konnte sie nicht, da sie mit Körper und Wange sich

an die steile Mauer pressen mußte, um das Gleichgewicht zu halten. So

erkämpfte sie Schritt um Schritt, immer rastend und wieder klimmend. Oft

tastete sie mit Hand und Fuß eine lange Weile am Felsen hin, bis sie

einen Tritt und einen Griff zu finden vermochte. Schon hatte sie die

Hälfte der Platte überquert, und immer näher kam sie dem Rasenfleck, der

sich mit festem Sockel aus der Wand herausbaute. Doch immer kürzer

wurden ihre Schritte, immer langsamer und müder suchte ihr Fuß, und

immer länger währte ihre Rast, als gingen ihre Kräfte zu Ende.

»Sie zittert!« hauchte Ettingen und krampfte die Hände um die Kante des

Felsblockes.

Beängstigend lange hing Lo in der Felswand an eine aus der Tiefe kaum

erkennbare Rinne geklammert. Dann machte sie ein paar hastige Schritte,

und nun war sie nur noch durch einen schmalen Felspfeiler von dem Rasen

getrennt.

»Nur Ruh, Herr Fürst! Sie gwinnt!« stammelte der Jäger. Die Hoffnung,

die er seinem Herrn einredete, schien ihm selbst zu fehlen. Er betete

flüsternd: »Lieber Herrgott, hilf ihr die paar Schritteln, nur die paar

Schritteln noch!«

Unruhig tastete Lo mit dem Fuß. Immer schwerer schien ihr Körper an den

Armen zu hängen. Nun fand ihr Fuß den gesuchten Tritt. Als sie sich

vorschob und ausgriff mit der Hand, wich der Stein, auf den sie

getreten war -- ein leiser Schrei -- und während sie schon taumelte, wagte

sie den rettenden Sprung --

Mit stöhnendem Laut stürzte Ettingen der Felswand zu. Da klang hinter

ihm ein Jubelschrei des Jägers.

Sausend flog der gelöste Stein aus der Wand herunter, doch Lo hatte im

Sprung den Rasen gewonnen. Sie sank in die Knie und wollte sich an den

Fels lehnen. Hatte sie den Schrei dort unten gehört und den Menschen

erkannt, der mit erhobenen Armen über das Schuttfeld emporstürmte? Oder

löste sich, da sie an die Rettung glauben durfte, die gewaltsame

Spannung ihrer erschöpften Kräfte zu einem Anfall jäher Schwäche? Ihr

Kopf glitt am Felsen hin. Lautlos sank sie auf den Rasen nieder und

regte sich nimmer.

»Sie ist ohnmächtig! Hinauf!« schrie Ettingen wie von Sinnen.

»Praxmaler! Hinauf! Hinauf!«

Ehe der Jäger den Fuß der Wand erreichen konnte, war Ettingen über das

zerklüftete Gestein schon halb bis zum Rasen emporgeklettert. Er hörte

die erschrockenen Worte nicht, die Praxmaler ihm zuschrie -- er stieg und

stieg. Jetzt erreichte er die Bewußtlose. »Lo! Lo! Meine Lo!« Der Rausch

von Freude, der ihn erfüllte, als er ihre Hand erfassen konnte,

verwandelte sich in neue Sorge. Wie schmal dieser Rasen war! Eine

Bewegung im Erwachen, und sie mußte stürzen. Aus Angst und Liebe wuchs

ihm die Kraft, daß er das fast Unmögliche versuchte: die Ohnmächtige

über die steilen Felsen hinunterzutragen. Den einen Arm um einen

Schrofen klammernd, zog er mit dem anderen die Bewußtlose an sich. Sie

fiel ihm schwer entgegen. Wie leblos lag ihm ihr Kopf auf der Schulter.

Da stand schon der Jäger dicht unter ihm und stemmte den Arm an eine

Kante der Felsen. »Da können S' drauftreten, Duhrlaucht! Meine Knochen

halten aus.«

So stiegen sie langsam hinunter. Für jeden Schritt des Fürsten suchte

der Jäger eine feste Kante am Gestein, stützte ihn mit der Schulter oder

hielt ihm bald den Arm, bald wieder die Fäuste oder das Knie als Staffel

hin.

Als sie den sicheren Grund erreichten, taumelte Ettingen und ließ sich

niederfallen auf den Sand. Aber er fühlte die eigene Schwäche nicht, nur

den Jubel, die Geliebte gerettet zu wissen, sie so zu halten, in seinen

Armen, an seiner Brust. »Meine Lo!« Ein anderes Wort fand er nicht,

während er wie ein Irrsinniger ihre geschlossenen Augen küßte, ihr Haar

und ihre Stirne.

Der Jäger stand vor den beiden, erschöpft, verlegen lächelnd. Dabei

leckte er mit der Zunge von seiner Hand das Blut fort, das ihm über die

Finger tropfte. Und dann sprang er zu den Felsblöcken hinunter, um mit

dem Hut von dem Wasser zu schöpfen, das zwischen den Steinen rann.

Vorsichtig brachte er den vollen Hut getragen. »Da haben S' Wasser,

Herr Fürst! Sie müssen 's Fräulein a bißl derfrischen!«

Als Ettingen aufblickte, sah er das Blut an den Händen des Jägers.

»Praxmaler! Ihre Hände!«

»No ja, natürlich, Sie haben halt a bißl scharfe Nägel an die Schuh.

Macht nix! Ich hab eh a wengerl z'viel Blut im Leib. So a kleiner

Schröpfer is mir gsund. Aber jetzt denken S' net an mich --«

»Wie soll ich Ihnen diese Stunde danken!«

»Was? Danken? Dös wär mir 's richtige: auf die Fünfhundert und auf'n

Oberjager auffi! Aber da hab ich 's Wasser! Brauchen S' a Tüchl! Na, um

Gottswillen, wie 's Fräuln ausschaut!«

Erst bei diesem Wort des Jägers bekam Ettingen Augen, um zu sehen.

»Ach!« Das war ein Laut, als würde ihm das Herz zerdrückt. Mit

zitternden Armen preßte er die Ohnmächtige an sich, schmiegte ihren Kopf

an seine Brust und streichelte ihr das Haar und die Wange. Wie müd und

erschöpft ihr schönes Antlitz war, wie entstellt von Rußflecken und vom

Staub der Asche! »Und ihre lieben Hände!« Sie waren grau vom Steinsand,

wund von Rissen, fast alle Nägel gebrochen und mit Blut unterlaufen.

Wie ein Schwindel überkam es ihn, als er sein Tuch in das Wasser

tauchte, das ihm der Jäger hinbot. In scheuer Zärtlichkeit blies er die

Asche aus Lolos Haar, wusch ihr den Ruß vom Gesicht und streifte ihr

immer wieder das nasse Tuch über Stirn und Augen. Sie erwachte nicht,

doch ihr Atem begann sich zu beleben. Er wusch ihr die Hände, küßte jede

Wunde. Und während der Jäger fortlief, um frisches Wasser zu holen, nahm

er sie wieder in seine Arme.

Ein stockender Atemzug erschütterte ihre Brust. Sie schlug die Lider

auf.

»Lo!«

Sie sah das Gesicht, das sich in Glück und Sorge über das ihre beugte,

fühlte schauernd den Druck der Arme, die sie umschlungen hielten, und

trank den Blick der Liebe, der auf ihr ruhte. Dann lächelte sie müd und

schloß die Augen wieder, als wüßte sie: das ist ein Traum, der

verschwinden muß, wenn ich wache und mit offenen Augen sehe!

»Lo! Kennst du mich nicht? So sieh mich doch an!«

Sie öffnete die Lider.

»Lo! Meine liebe, gute, kleine Lo!«

Da hörte sie es wieder: das Wort ihres Vaters! Mit dem gleichen Ton der

Liebe! Nur süßer, zärtlicher noch, durchweht von einer Glut, die

hinüberschlug in ihr Herz und ihr das Blut in die bleichen Wangen trieb.

Als sähe sie ein Wunder, dessen Wahrheit sie fühlte und an das sie doch

nicht glauben konnte, so hob sie zögernd die Arme und faßte scheu mit

beiden Händen die Wangen des geliebten Mannes. Ein Zittern rann durch

ihren Körper. »Du!« Und nun schlang sie die Arme um seinen Hals, stark

und heiß, und hing an seinen Lippen, als tränke sie neues Leben aus

seinem Kuß. Dann schloß sie mit leisem Lächeln die Augen und sank an

seine Schulter hin, als wollte sie schlummern.

Er streichelte ihr Haar. »Du Starke, du Mutige du! Was hast du

überkämpft in diesen grauenvollen Stunden! Was mußt du erlebt haben in

dieser entsetzlichen Nacht!«

Ohne die Augen zu öffnen, flüsterte sie: »Ich weiß es nimmer -- ich weiß

nur, was ^jetzt^ ist -- und das ist schön!«

»Und ich schlief in dieser Nacht und träumte von meinem Glück, während

du --« Er konnte nicht weitersprechen. Der Gedanke an alle Gefahr, die in

dieser Nacht auf jedem Schritt mit ihr gegangen, machte ihn zittern bis

ins Herz. »Ich habe nur dieses Letzte gesehen. Und nicht einmal helfen

hab ich dir können! Das sehen zu müssen, so hilflos! Jeder Blick war wie

ein Tod für mich. Am Morgen, als ich mein Haus verließ, um dich zu

suchen, da wußt ich, daß ich dich liebe. Aber erst in diesen Stunden der

Angst und Verzweiflung hab ich's empfunden, wieviel du mir bist, und daß

ich nicht leben könnte ohne dich!«

Sie lauschte seinen Worten wie der Dürstende dem Quell, den er rauschen

hört.

Daß sie so stumm war, das weckte seine Sorge wieder. »Lo? Wie fühlst du

dich? Ist dir wohl?«

Sie lächelte und atmete tief.

»Warum siehst du mich nicht an?«

Da schlug sie die leuchtenden Augen zu ihm auf.

»Sag es mir, Lo! Bist du mir gut?«

»Ach, du!« Sie hob die Arme.

»Ich weiß es. Aber ich möcht' es hören mit deinen Worten. Sag es mir,

Lo!«

»Du!« Ein anderes Wort fand sie nicht; doch sie schmiegte sich an seine

Brust, daß er das Beben ihres Körpers und ihren Herzschlag fühlte.

So hielten sie sich schweigend umschlungen, bis ein Schritt sie weckte.

Der Jäger brachte frisches Wasser.

Ettingen richtete die Geliebte in seinen Armen auf. »Willst du nicht

trinken, Lo?«

»Ja, Heinz, mich dürstet. Gib du mir einen Trunk!«

Er schöpfte Wasser, und das schlürfte sie ihm aus der hohlen Hand.

»Wie das erquickt! Ich danke dir, Heinz!«

Lächelnd strich er das feuchte Haar von ihrer Stirn zurück. Dann nahm er

den Hut des Jägers, tat einen gierigen Trunk und hob sich auf die Knie.

»Komm, Lo! Ich muß dich heimbringen, damit du ruhen kannst. Und sieh

nur, deine armen Hände! Wir müssen heim.«

»Heim!« Sie nickte ernst, und ein Schatten dämpfte den Glanz ihrer

Augen. »Die Mutter! Kann es meine Mutter schon wissen?«

»Daß der Wald brennt? Nein, Lo!« Wohl mußte er fürchten, daß die

Nachricht schon hinausgeflogen wäre bis ins Dorf; doch er wollte ihr

diese Sorge von der Seele nehmen. »Sie kann es unmöglich wissen, sie

wird es hören mit der Nachricht, daß dein Mut dich rettete.«

Lo atmete auf.

»Fühlst du dich stark genug, um gehen zu können?«

»Sage mir: Geh! Und ich kann es.«

»So komm!«

^Zweiundzwanzigstes Kapitel^

Sie begannen den Heimweg und wanderten langsam durch das von Rauch

überschleierte Kar hinunter. Ettingen hielt die Hand der Geliebten in

der seinen und schmiegte stützend den Arm um ihre Hüfte. Immer suchte er

den besten Weg für sie. Lag ein Stein im Pfad, so schob er ihn mit dem

Fuß beiseite. Sie sprachen nicht. Was ihre Herzen erfüllte, war zu

übermächtig für Worte. Nur ihre Augen suchten sich immer wieder und

redeten mit stillem Lächeln. Während sie so hinunterschritten ins Tal,

war in ihren Seelen ein Aufwärtssteigen, empor zur Sonnenhöhe des

Glückes.

Eine Stunde waren sie schon gewandert, als sie Stimmen hörten.

Lo verhielt den Schritt. »Menschen?« Das sagte sie, wie aus einem Traum

erwachend, wie verwundert und erschrocken über die Wirklichkeit des

Lebens, dessen Laute ihr entgegenschollen. Da tauchten auch wieder die

Bilder der vergangenen Nacht vor ihren Augen auf. Und stammelnd fragte

sie: »Mazegger? Ist er gerettet?«

Ettingen erschrak. »Mazegger?« Und betroffen sah Praxmaler den Fürsten

an.

»Er wollte nach Ehrwald. Als das Feuer ausbrach, kam er, um mich zu

warnen. Er nahm einen anderen Weg, durch den brennenden Wald --« Das

Grauen der Erinnerung machte sie zittern. »Ist er gerettet?«

»Ja, Lo!« sagte Ettingen und tauschte einen Blick mit dem Jäger.

Da lächelte sie erleichtert, als wäre der letzte Schreck der

überstandenen Nacht von ihrer Seele gelöst.

Schreiend kamen ihnen die Leute entgegen. Es waren Senner und

Holzknechte, die den Paß übersteigen wollten, um droben in den

Felsenkaren des Seetals nach dem Jungvieh zu suchen. Der Jäger flüsterte

ihnen eine Frage zu. Sie schüttelten den Kopf, schrien durcheinander und

eilten weiter.

Eine erregte Stimme rief durch das Tal herauf: »Heinz? Bist du's?« Dort

unten im Latschenfeld erschien Graf Sternfeldt mit dem Förster.

»Ja, Goni!« gab Ettingen mit lautem Ruf zur Antwort. »Wir kommen!«

Sternfeldt eilte den beiden entgegen, während der Förster seinem Herrn

ein »Gott sei Dank!« zuschrie und wieder talwärts rannte. Er war nicht

weit gekommen, als Praxmaler ihn einholte, keuchend: »Herr Förstner! Der

Toni geht ab.«

»Der Mazegger? War der im Sebenwald? Heut nacht?«

Der Jäger erzählte, was er von Lo gehört hatte.

»Der? Und 's Fräuln warnen?« Der Förster schüttelte den Kopf. »Komm,

Bub! Ich fürcht, da hat einer d' Höll versucht, und der Himmel hat ihn

gstraft! Sei's, wie's mag, jetzt müssen wir tun, was gschehen kann! D'

Holzknecht schaffen schon bei der Brandstatt. Jetzt müssen wir helfen.

Komm!«

Sie eilten talwärts, und Praxmaler begann zu rennen, daß der Förster

hinter ihm zurückblieb. Als Kluibenschädl das Waldtal erreichte,

begegneten ihm Sennleute, die zur Brandstätte liefen. Und hinter ihnen

kam ein Mädel gerannt, atemlos und bleich, die Tillfußer Sennerin. Sie

haschte den Förster an der Joppe.

»Mein Pepperl? Is meim Pepperl nix gschehen?«

»Dein Pepperl? Ah, da schau her!«

»Is ihm nix gschehen? Jesus Maria! Lebt er noch?«

»Ja, ja, ja! Der Schnurrbart is ihm net wegbrennt. Den hat er noch.«

Burgi drückte die Fäuste auf ihre Brust. »Du heilige Mutter im Himmel,

ich sag dir Vergeltsgott! Und a Kerzl sollst kriegen, so lang wie meim

Pepperl sein Bergstock!« Dann fing sie wieder zu rennen an, und die

grundlose Angst, die sie ausgestanden hatte, löste sich in ein

Schluchzen verrückter Freude.

Die Stimmen und Schritte verhallten. Schweigen lag wieder im Wald. Kein

Windhauch regte sich, kein Wipfel schwankte. Grau und unbewegt hing die

glatte Nebeldecke über den Bäumen, die Felswände verhüllend. Gegen

Westen lag es wie schwarzes Sturmgewölk über den Ehrwalder Bergen. Gegen

Osten schimmerte es zuweilen mit weißlichem Glanz durch die trüben

Dünste, als wäre dort irgendwo die Sonne, die den grauen Schleier

durchbrechen wollte.

Manchmal tönten im Schweigen des Tillfußer Waldes verworrene

Menschenrufe aus weiter Ferne. Dann war's wieder still.

Sichernd zog ein Rudel Hochwild über den Weg, scheu hinauswindend gegen

den Sebenwald. Und lautlos trat es wieder in den stummen Forst.

Hoch in den Wipfeln schlug eine Ringdrossel. Schnalzend kam sie auf den

Weg geflogen und begann ihre Käferjagd im feuchten Gras. Nun hob sie das

Köpfchen und flatterte davon.

Langsam kamen Heinz und Lo durch den Wald einhergegangen. Wo die Drossel

aufgeflogen, blieben sie stehen, als hätte der gleiche Gedanke ihren Fuß

gebannt: die Erinnerung an jenen Abend, an dem sie einander zum

erstenmal im schweigenden Walde begegnet waren.

»Sieh, Lo! Dort oben war's!«

Sie nickte und schmiegte sich enger an ihn. So standen sie lang und

blickten hinein in die Dämmerung, die trotz der Mittagsstunde zwischen

den stillen Bäumen lag.

Die Drossel schlug.

Sie lauschten ihr, bis sie fern im Wald verstummte. Dann schritten sie

weiter.

Als sie, schon nahe der Tillfußer Alm, die Lichtung erreichten, auf der

die von Leutasch kommende Fahrstraße zum Jagdhaus hinaufbog, rasselten

zwei Leiterwagen mit galoppierenden Pferden aus dem Wald heraus. Auf

jedem Wagen saßen an die dreißig Männer, dichtgedrängt, mit Äxten,

Feuerhaken und schweren Seilrollen.

»Heinz!« stammelte Lo. »Sie wissen es schon im Dorf. Ach, die Mutter!

Und der Bub!« Tränen schossen ihr in die Augen.

Er drückte ihren Arm an seine Brust. »Sei ruhig, Lo! Die Sorge, die sie

haben, wird sich in Freude lösen!«

Die Leute waren abgesprungen, weil die Wagen auf dem schmalen Waldweg

nicht weiterfahren konnten. Die jungen Burschen schleppten die schweren

Seile, die älteren Männer kamen mit Äxten und Pickeln. So eilig sie es

hatten, jeder zog vor Lo sein Hütl und bot ihr einen Gruß. Und ein

graubärtiger Alter rief ihr zu: »Heut, Fräuln, sollten wir Enkern Herrn

Vater wieder haben! Da täten wir bald Herr sein übers Fuier da draußt!«

Lächelnd, mit nassen Augen, dankte sie dem Alten für dieses Wort.

»Siehst du, Lo, wie dein Vater noch lebt für diese Menschen, denen er

Gutes tat!« sagte Ettingen bewegt. »Wie dieser Bauer an ihm die Kraft

des Mannes schätzt, so wird ihn die Welt als Künstler ehren. Seine

Blumen da draußen sind heute nacht in Asche gefallen. Was in seiner

Seele Wurzel hatte, wird blühen für die Menschen, schön und dauernd.«

»Ja!«

Sie blieben seitwärts vom Wege stehen, um zu warten, bis die Leute

vorüber wären. Als letzter kam der Bauer, dessen Anwesen in Leutasch

draußen an den Garten des Malerhauses grenzte.

»Nachbar!« Ihren Arm lösend, eilte Lo auf den Bauer zu »Nachbar? Weiß

die Mutter schon von dem Brand?«

»Ja, Fräuln! Und dös arme Weibl hat sich anders gsorgt! No, Gott sei Lob

und Dank, weil S' nur da sind! D' Frau Mutter wird gleich kommen mit'm

Wagerl, nimmer derlitten hat sie's daheim!« Eine schrillende

Knabenstimme klang aus dem Wald. »Da! Hören S' Ihr Brüderl?«

Die kleine Kutsche erschien am Waldsaum und mußte halten, weil ihr die

anderen Wagen den Weg verstellten.

»Lo! Lo!« gellte die Stimme Gustls. Und da kam er auch schon gerannt.

Heute, mit seinem bandagierten Fuß, den er nur mit den Zehen aufsetzen

konnte, ging's nicht so flink wie damals, als er von Innsbruck gekommen.

Und Lo, als hätte sie sich in ihre Mutter verwandelt, rief in Sorge:

»Bubi! Aber Bubi! Ich bitte dich, lauf nicht so!« Sie eilte auf ihn zu

und fing ihn mit den Armen auf. Wortlos hielt sie ihn umschlungen; dann

eilte sie der alten Frau entgegen. »Mutter! Mutter!«

Den kranken Fuß schonend, stand Gustl zwischen den niederen Fichten und

zog mit einem Kompliment sein Hütl, als Ettingen auf ihn zutrat. »Guten

Tag, Herr Fürst!«

»Grüß dich Gott, Bubi! Wie geht's mit dem Fuß?«

»Danke, Herr Fürst, ganz gut!«

Das Schweigen im Walde: Roman · 第 69 / 71 题