Jetzt war geholfen gegen Tränen und Schwermut. Denn Frau Petri hatte
wieder eine Sorge, jeden Tag eine neue. »Ach Gott, der Bub im
Schnee! -- Ach Gott, der Bub auf dem Baum! -- Gustl! Dein Halstuch!«
Aber dieses Sorgenkind war ihr zugleich auch ein Tröster für die Sorge,
die in die Ferne wanderte.
Wenn der Wintersturm die Mauern umbrauste und alle Fensterläden rasseln
machte, dann hieß es: »Ach Gott! Bubi? Glaubst du, daß es in Capri auch
so stürmt?«
»Gott bewahre, Muttl! In Capri ist doch ewige Sonne und immerblaues
Meer. Und weißt du, wenn das Meer auch ein bißchen aufgeregt wird, dann
liegt doch Capri so hoch, daß die Wellen gar nicht hinauf können. Weißt
du, Capri, das ist eine riesig hohe Felseninsel! Ja, du, das war die
Lieblingsinsel des römischen Kaisers Tiberius. Du, denk nur, den hat man
bisher für den grausamsten unter den römischen Cäsaren gehalten. Aber
nach den neuesten Forschungen ist das gar nicht wahr. Er soll sogar ein
sehr guter Fürst gewesen sein. Aber weißt du, so gut wie Heinz war er
doch nicht! Davon bin ich überzeugt.«
»Ja! Gut ist er! Von Herzen gut! Lo hat ein rechtes Glück gemacht!«
Und die Sorge war still -- für einen Tag.
Als es März wurde, gab's eine Aufregung, die durch Wochen dauerte. Die
Bilder mußten verpackt werden, um nach München zu wandern. Ehe sie mit
Beginn des Mai zur Ausstellung kamen, sollten sie reproduziert werden
für die »Kollektion Emmerich Petri«, deren Verlag eine Münchener
Kunsthandlung erworben hatte.
Pepperl zimmerte die Kisten, der Förster half beim Packen, aber an jedem
Bild, das in die Bretter gelegt wurde, mußte Frau Petri ihre beiden
Hände haben. Und war das Tuch darüber gebreitet und der Kistendeckel
zugenagelt, dann fielen zwei schwere Tränen dazu. Mit jedem dieser
Bilder schickte sie ein Stück Leben, unruhvolle Tage und schlummerlose
Nächte ihres Mannes in die Welt hinaus.
»Ach ja! -- Und die Menschen! -- Die Menschen! -- Sehen Sie, lieber Herr
Förster, ich ^muß^ es ja tun, dem Namen meines Mannes zulieb. Aber mir
wär's lieber, die Bilder blieben hier! Gefallen sie nicht, dann kränk
ich mich wieder und weiß, daß ihm unrecht geschieht. Und haben sie
Erfolg, dann tut's mir weh, weil die Ehre zu spät kommt. Nein, nein, ich
geh gar nicht hin zur Ausstellung! Nein, ich kann's nicht! -- Ruhm? --
Könnt er noch eine Stunde leben und sich an seinen Kindern freuen, das
wär ihm lieber als aller Ruhm! Nein! Ich müßte nur weinen. Ich geh nicht
hin.« ----
Sie hielt dieses Wort, ließ den Knaben mit seinem Hofmeister nach
München reisen und blieb zu Hause, obwohl ihr Lo am ersten Tage der
Ausstellung depeschierte: »Komm, Mutter, wir bitten Dich, komm, und
freue Dich an Papas Erfolg. Das ist wie ein seliger Rausch für mich, vor
seinen Bildern diese Menschen zu sehen, in ihrem Staunen und ihrer
Andacht. Den stärksten Eindruck unter allen Bildern macht die
>Versuchung<. Wie sich die Menschen vor diesem Bilde drängen, das mußt
Du sehen. Komm doch, Mutter, komm! Wir alle bitten Dich, Heinz und Gustl
und Deine Lo.«
Als sie gelesen hatte, saß sie lange, lange, immer die Depesche vor
sich, und ihre Zähren tropften nieder auf das Blatt.
»Nein, Kinder, nein! Ich kann nicht. Freut euch nur, ach ja, und laßt
mich daheim! Ich ^kann^ jetzt diese Menschen nicht jubeln sehen. Ich
hab's doch mit erlebt, wie sie gelacht haben über ihn. Und wie er die
Nächte lang in meinen Armen lag und weinte, als ob es ihm das Herz
zerreißen möchte! Ach, ihr Menschen! Ihr Menschen! Euer Jubel macht ihn
mir nicht mehr lebendig! ... Nein! Ich geh nicht hin.«
Die Depesche in der zitternden Hand, stieg sie ins Dachgeschoß hinauf,
setzte sich im öden Atelier in einen Winkel und schluchzte.
»Emmi, Emmi! Mein guter, guter Mann!«
Ganz erschöpft vom Weinen lehnte sie den müden Kopf an die Mauer und
blickte auf eine leere Wand, die ein großes Bild getragen hatte -- das
Viereck, über dem die Leinwand gehangen, war weiß, wie frisch getüncht,
während ringsumher der Kalk vom Lichte schon vergilbt war. Ein großer
Haken ragte aus der Mauer.
Zu soviel hundertmalen hatte sie dieses Bild betrachtet, daß sie es auch
jetzt noch sah, mit jeder Linie und jeder Farbe, als ob es wirklich vor
ihren Augen hinge:
Nicht die biblische Wüste. Sondern ein ödes, unwirtbares Seetal zwischen
hohen Bergen. Dunkle, starrende Felswände mit kärglichem Wuchs in ihren
Schrunden. Das Steinland um den See her wirr mit krüppelhaften Föhren
überwuchert, aus deren kriechendem Gezweig verdorrte Stämme sich
erheben. Ein einziger Baum nur grünt. Der ist seltsam gewachsen, wie in
Form einer Harfe. Über allem ein grauer Abendhimmel, doch die Luft
durchsichtig rein, wie nach einem Gewitterregen. Und da scheint alles
Ferne nah, jede Farbe leuchtet, auch noch der Schatten und das Grau.
Inmitten der Wildnis eine blühende Insel, wilde Blumen in Beete
gesammelt. Hier hat die Hand eines Gärtners gerodet, gepflanzt und
gepflegt: der Heiland, der begonnen, die Wüste urbar zu machen. Von der
Arbeit des Tages müd geworden, ruht er auf einem Stein. Das blaue
Zwilchgewand umhüllt mit harten Falten einen von Entbehrung hager
gewordenen Körper. Alles ist menschlich an diesem Leib, menschlich jeder
Zug an diesem schmalen Gramgesicht, dessen bleiche Wangen vom
vorfallenden Braunhaar halb bedeckt sind. Göttlich sind nur die stillen
Augen mit ihrem reinen Licht und das milde Lächeln der Liebe.
Ein Knabe, gekleidet wie ein armer Hirtenbub der Berge, mit kurzem
Lederhöschen und nackten Füßen, mit grauzertragenem Hemd, durch dessen
Risse die Brust und die mageren Ärmchen lugen, hat dem milden Gärtner
eine ausgerissene Pflanze gebracht, das Stämmlein einer Bergrose, die
Blätter schon halb verwelkt, die schwachen Wurzeln schon fast verdorrt.
Der Heiland schlingt seinen Arm um den Knaben und nimmt aus seiner Hand
die dürstende Pflanze. Da tritt der Versucher zu ihm -- eine herrliche,
kraftvolle Mannsgestalt, die nackten Glieder gebräunt, schwarzes
Lockengewirr um den stolzen Kopf, die Stirn umschlungen von einer Krone,
deren Zacken goldene Fäuste sind.
»Du stiller Gärtner! Wirf die Liebe von dir! Sei stark wie ich, und alle
Herrlichkeit der Welt ist dein!«
Die Augen des Versuchers brennen in düsterem Feuer, und ein mitleidig
spottendes Lächeln irrt um den üppigen Mund, während sein Arm
hinunterdeutet zum See. Dort steigen leuchtende Nebel aus der grünen
Flut, sie verwandeln sich in weiße Glieder, in den Leib eines
zauberschönen Weibes, das lachend die Arme öffnet und das Goldhaar löst
zu flatternden Strähnen. Wie die Wünsche der Sünde, wie die
bildgewordenen Gedanken dieses begehrenden Weibes, so quillt es hervor
aus dem fliegenden Gold dieser Haare: die taumelnde Lust mit gefülltem
Becher, das Gewimmel eines Mänadenzuges, der lorbeergeschmückte Held im
Blut des erschlagenen Feindes, der Reiche in gleißendem Prunk, der
Mächtige, dem sich die Sklaven beugen, der Starke, der Felsen schleppt
zum Bau einer Pyramide, ein stürmender Reitertrupp in blitzenden
Panzern, ein Adler, der sich mit breiten Schwingen von einem zerrissenen
Lamm erhebt, ein jagendes Gewimmel von Gestalten bis in weite Ferne, in
der man Paläste und Türme sieht, eherne Tore und steinerne Mauern.
Mit stillen Augen blickt der milde Gärtner in das Glanzgewirr dieser
Bilder. Sie locken ihn nicht. Schützend umschlingt sein Arm den
erschrockenen Knaben, und man sieht: er will sich bücken, um den
schmachtenden Zweig in nährende Erde zu legen, wie er das dürstende Herz
des Kindes erquickt aus dem Born seiner Güte. Dieses Werk der Liebe gilt
ihm höher als alle Herrlichkeit der Welt. ----
Das war die »Versuchung«, vor der sich in der Stadt die Menschen
drängten, während im öden Atelier die einsame Frau vor der kahlen Mauer
saß.
Ihre Tränen waren versiegt, ein glückliches Lächeln verschönte ihre
welken Züge, und wie in Andacht betend hielt sie die Hände im Schoß,
während ihre Augen mit bewunderndem Schauen an der leeren Mauer hingen.
Breit fiel die Maisonne durch das schräge Mansardenfenster, und manchmal
huschte etwas wie ein dunkler Falter durch die Helle -- der Schatten einer
heimgekehrten Schwalbe, die draußen in der Sonne das stille Dach umflog.
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Notizen des Bearbeiters:
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