Pepperl schraubte die Stimme. »Grüß Gott, Frau Oberjagerin!«

»Ich bitt dich, Pepperl, mach mir heut kei' Fasnacht her! Mir is net z'

Mut danach. Ich weiß schon, wie ich dran bin.« Das war ein Ton, als

wären die Tränen nicht weit.

Der Jäger lachte und rief es zum drittenmal: »Grüß Gott, Frau

Oberjagerin!« Dann sprang er auf das Mädel zu wie der Fuchs auf die

Ente, packte sie mit beiden Armen, wirbelte sie im Kreis und küßte sie

ab, daß ihr der Atem verging.

»Wenn's einer sieht! Mar und Joseph!« stotterte sie wehrlos unter seinen

Küssen.

»Soll's sehen, wer mag! Meintwegen der Pfarr!« Dann kam's wie ein

Wolkenbruch der Freude aus ihm heraus: »Fünfhundert Gulden und

Oberjager!«

Als sie begriffen hatte, brachte sie keinen Laut aus der Kehle und

drückte das Gesicht an seine Brust.

Er schmiegte die Wange an ihren Kopf, tätschelte sie auf den Rücken und

tröstete: »Geh, Schatzerl, tu dich doch lieber freuen! Warum denn

weinen? Geh, macht nix, macht nix! Is ja doch eh alles gut! In vier

Wochen wird gheiret!«

»Pepperl! -- Is dös wahr?«

»Meiner Seel!«

Da legte sie ihm die Arme um den Hals und atmete auf. »Nacher is mir

alles recht! Alles!«

»Gelt, ja? Und unser Herr Fürst! Gleich hat er's in der Nasen ghabt, daß

ebbes mit der Familli net in Ordnung is. Und alles verzähl ich dir auf'n

Abend! Jetzt hab ich kei' Zeit, jetzt muß ich nauf. Oder weißt es noch

gar net? Der Schwarzlackierte is abgschoben.«

»Ja! Gott sei Dank!«

»Jetzt hab ich d' Verantwortigung, weißt! Jetzt muß ich sehrwieren bei

der Tafel.«

»Was mußt?«

»Sehrwieren muß ich, aufwarten beim Essen.«

»Du, Pepperl, da mußt dir d' Händ ordentlich waschen!«

»Freilich! Hast a warms Wasser?«

»Ja, geh her!« Aus dem Kupferkessel, der über dem Feuer hing, schöpfte

sie eifrig eine Schüssel voll dampfenden Wassers heraus und probierte

mit der Hand, ob es nicht zu heiß wäre. »Es tut's grad.« Dann holte sie

einen Klumpen Seife und die Holzbürste.

Pepperl scheuerte aus Leibeskräften, zuerst mit der rechten Hand die

linke, dann mit der linken die rechte. Als er die Hände an Burgis

Schürze trocknen wollte, sagte sie: »Halt, laß mich schauen!« Nach

kurzer Musterung meinte sie: »Na na, du, da muß schon ich noch a bißl

drüber!« Es dauerte eine Weile, und viel Seife ging drauf, bis sie

erklärte: »So, jetzt kannst jede fürstliche Schüssel anrühren mit

Manier!«

»Du bist halt a Madl! Mit dir bin ich aufgricht! Ja!«

Ein Kuß, der sich zeitverschwenderisch in die Länge zog. Dann rannte

Pepperl davon.

In der Jägerhütte stand Mazegger am Fenster, mit den Händen hinter dem

Rücken, regungslos wie eine Steinsäule. Manchmal schloß er die Lider,

als hätte er Schmerz in den Augen. Dann spähte er wieder und wartete.

Nach einer Weile sah er den Förster zum Jagdhaus hinaufwandern und in

der Tür verschwinden. Mazegger streckte sich wie einer, den die Arbeit

ruft. Er zog die Läden zu und schloß das Fenster. Dann nahm er die

Büchse auf den Rücken, verließ die Stube, sperrte die Hüttentür ab und

schleuderte den Schlüssel weit hinaus in das Almfeld.

Mit starrem Lächeln sah er noch einmal hinauf zum Fürstenhaus und eilte

davon, in der Richtung gegen den Sebenwald.

^Zwanzigstes Kapitel^

Der Abend wurde trüb.

Immer tiefer senkte sich das Gewölk über die Berge, noch angeflogen von

einem letzten Schein der Sonne. Aus den Waldsümpfen in der Nähe des

Baches begann es aufzudampfen. Wie graues Spinngewebe, das immer dichter

wurde, zog der Nebel sich über die moorigen Almen hin. Unruhig hauchte

der Abendwind und trieb die grauen Dünste bergan und gegen den

Sebenwald.

Bei Anbruch der Dämmerung, als die Sennleute der Sebenalm unter Geschrei

und Schelten das Milchvieh von allen Gehängen zusammentrieben gegen den

Stall, war der Nebel schon so dicht geworden, daß man kaum mehr auf

hundert Schritt sehen konnte.

Der Senn und sein Weib begannen im Stall die Kühe zu melken, während der

alte Hüter, der nun Feierabend hatte, mit seinen Holzschuhen in die

Sennstube schlorpte, um sich ans Feuer zu setzen, ein krummgebeugtes,

weißhaariges Männchen mit stumpfen Augen in dem müden Runzelgesicht.

Gähnend suchte der Alte seinen Platz am Herd und rückte die Beine nah an

die Glut. Sein abgewerkeltes Leben hatte keinen anderen Wunsch mehr, als

Abend für Abend die schläfrige Rast am Feuer genießen und die kalten

Füße wärmen zu können. Langsam legte er einen dürren Ast nach dem

anderen über die Glut und nickte zufrieden, sooft er ein neues

Flämmchen aufzucken sah.

Mazegger trat in die Hütte und stellte das Gewehr an die Mauer. »Guten

Abend!«

Der Alte ließ sich beim Feuerschüren nicht stören.

Der Blick des Jägers huschte durch die Sennstube und blieb an den beiden

Holznägeln haften, die über dem Herd in die Mauer geschlagen waren und

ein Bündel langer Kienfackeln trugen.

Höher und höher, mit Knistern und Geprassel flammte in der Herdgrube das

Feuer.

Mazegger setzte sich und legte die Arme übers Knie. So saßen die beiden

sich eine Weile schweigend gegenüber. Als der Alte die nackten Füße aus

den Holzpantoffeln hob und in die heiße Asche hineinwühlte, sagte

Mazegger: »Narr! Verbrennst dir ja die Füß!«

Der Hüter kicherte mit seiner dünnen hohen Stimme:

»Narr sagt'r! Weil ich mir was Guts vergunn!« Er legte ein paar Äste in

die Flammen. »Wann ich net mit halbbratene Füß ins Heu komm, kann ich

net schlafen. Soviel kalt hab ich allweil.« Mit zittrigen Händen öffnete

er an der Brust das Hemd, beugte sich näher gegen das Feuer, und wie ein

Kater schnurrend, blinzelte er mit den roten Lidern. »Is was Schöns, so

a Fuierl, gelt?«

Heiser lachte Mazegger.

»So, so? Lachen tust über 's Fuierl? Hast halt noch Hitzen im Blut und

brauchst kein Fuierl, gelt? Wart nur a bißl, 's kommt für an jeden, 's

Frieren! Jung sein heißt dumm sein. Wann er gscheit wird, der Mensch,

fangt 's kalte Frieren an. Da merkt er, daß 's Fuierl 's einzig is, was

bleibt! Hihihihi! Weiberleut und Lieb und Haß, Gut und Geld und

Burgermeister sein, alles is Wasser und gfriert in der Kält! 's Fuierl

is 's einzige! Macht so schön warm! Da kann er schlafen, der Mensch. Gut

schlafen!« Kichernd griff der Alte mit seinen dürren Händen nach den

Flammen, während draußen im Stall der Senn über die Kühe fluchte, die

beim Melken nicht ruhig hielten. »A bißl spat, Jager, a bißl spat bist

aufm Marsch? Wohin denn heut noch?«

»Nach Ehrwald. Und dürsten tut mich. Magst mir an Trunk vom Brunnen

holen?«

»So? Frisch vom Brunnen? So viel gnäschig bist? Hihihihi! Aus'm Ganterl

taugt's dir net? Gleich vom Brunnen mußt es haben und tust mich

furthetzen vom Fuierl?« Seufzend erhob sich der Alte, nahm eine

Blechkanne und verließ die Hütte.

Mazegger sprang auf, riß zwei Kienfackeln von der Mauer herunter und

schob sie zu einem Rauchloch hinaus. Sie fielen draußen mit dumpfem

Klatsch in die Kräuter.

Der Alte brachte die gefüllte Kanne. »So, du Gnäschiger, da hast dein

Trunk, dein kalten!« Gähnend setzte er sich wieder zum Feuer und wühlte

die Füße in die Asche. »Jetzt laß mich aber in Ruh, gelt!«

»Ja. Jetzt hab ich, was ich brauch!« Mazegger tat einen Trunk aus der

Kanne. »Gut Nacht!« Er nahm seine Büchse und ging.

Draußen raffte er die beiden Fackeln auf, barg sie unter dem

Wettermantel und eilte über das Almfeld hinaus. Als er den Waldsaum

erreichte, blieb er stehen. Der Nebel war so dicht, daß die Sennhütte

völlig im Grau verschwand und daß von dem Lichtschein, den das Herdfeuer

durch die Tür warf, kaum noch ein Schimmer zu erkennen war. Deutlich

hörte man noch die Stimme des Sennen, der mit seinem Weib und mit den

Kühen schalt.

Mazegger wartete. Als es mit Anbruch der Nacht in der Sennhütte ruhig

wurde, steckte er eine Fackel in Brand und stieg durch den Wald empor.

Im Nebel erhellte die Fackelflamme nur einen Umkreis von wenigen

Schritten. Verschwommen tauchte der hohe Reisigwall des Almzaunes auf,

wie eine dunkle Mauer, in die eine Bresche gebrochen ist. Diese Lücke

war der Weg, den er gehen mußte; nur dünne Stangen versperrten ihn.

Mazegger streckte die Hand, um das Gitter zu öffnen. Er zögerte. Hatte

ihn das Grauen vor der Tat befallen, die er verüben wollte? War der

rechnende Gedanke in ihm erwacht: Wenn ich es tue, was hilft es mir?

Und erkannte er, daß bei dem wahnwitzigen Spiel, daß er im Fieberdurst

seiner Leidenschaft als ein letztes, gewaltsames Mittel versuchen

wollte, der Einsatz sein eigenes Leben war?

Er stand und sann. »Soll's kommen, wie's mag! Der ander soll sie auch

nicht haben!« Mit einem Fußtritt warf er das Gitter auf und durchschritt

den Reisigwall. Knarrend fielen die Stangen hinter ihm zurück.

Er warf den Mantel zu Boden und die Büchse dazu. An der Flamme des schon

halb verbrannten Kienholzes entzündete er das zweite Scheit und hob die

beiden Fackeln über den Kopf empor, um den den Wind zu prüfen. Der

machte die Flammen lodern und trieb ihren Rauch waldaufwärts. Brannte

der Reisigwall, so hatte das Feuer nur ^einen^ Weg: hinauf zum See!

Mazegger senkte die Fackeln und wollte werfen. Wieder zögerte er. Das

währte nur einen Augenblick. Mit kreischender Stimme, als bedürfte er zu

seiner Tat noch eines letzten Spornes, schrie er jene Worte aus dem

Brief des Fürsten vor sich hin: »Morgen hol ich mein Glück!« Dann

schwang er die Arme zum Wurf und schleuderte die eine Fackel zur

Rechten, die andere zur Linken des Tores in den Reisigwall.

»So, du! Jetzt hol dein Glück!«

Sein gellendes Lachen hallte in der Waldnacht wie der Schrei eines

Tieres.

Die Fäuste hinter dem Rücken, das Gesicht verzerrt, mit funkelnden

Augen, so stand er und sah, daß aus dem dürren Reisig das Feuer aufflog

wie aus verpuffendem Pulver und zu beiden Seiten des Tores über den Wald

hinzüngelte, so flink, als hätt' es hundert flammende Füße.

»So! Jetzt komm!«

Den Mantel und die Büchse vergessend, schritt er in den Wald hinein.

Hinter ihm erlosch die Feuerhelle im Nebel. Je tiefer er in den Wald

kam, desto finsterer wurde es um ihn her. Schritt für Schritt mußte er

den Weg suchen, sich forttasten von Baum zu Baum.

Im Dunkel verlor er den Pfad und wußte nicht mehr, wohin seine

stolpernden Schritte ihn führten. Plötzlich wich der Grund unter seinen

Füßen. Er kollerte über eine steile Lehne hinunter. Stöhnend richtete er

sich auf und kletterte wieder über den Hang empor. Als er den Grat

erreichte, wehte ihm dicker Rauch entgegen. Und jählings war es im

Nebel, als käme die Sonne, rot, blutig rot, wie sie am letzten Morgen

aufgegangen war. Dazu ein Knistern und Geprassel, ein Rauschen und

Krachen, als wäre Sturmwind über den Wald gefallen. Wie brennende Bäche

schlängelte sich das Feuer über den Waldboden, faßte das dürre Zeug, das

in Haufen umherlag, und geschürt im Winde, klomm es mit Geflacker an den

hundertjährigen Stämmen hinauf und entzündete das Harz der blutenden

Baumwunden. Die morschen Äste brannten mit weißer Flamme, die dürren

Nadeln gingen glitzernd in Feuer auf und warfen im Winde den Brand mit

Funkensprühen von Stamm zu Stamm.

Ein keuchender Laut rang sich aus Mazeggers Kehle. Aus allem hoffenden

Wahn seiner Leidenschaft ernüchtert und von Entsetzen erfaßt, stand er

wie gelähmt und starrte mit glasigen Augen in das Brennen und Glosten,

in das Gewirbel von schwarzem Rauch und leuchtenden Dämpfen. Statt der

Richtung gegen den See zu folgen, war er im Kreis gegangen, die äffende

Finsternis hatte ihn zurückgeführt an den Ausgang seines Weges. Beim

Anblick des grauenvollen Flammenbildes, zu dem die Tat seiner Eifersucht

sich ausgewachsen, erlosch ihm alles Denken und Verlangen. Es war nur

noch ein einziges in ihm: die Angst um das eigene Leben!

Mit erwürgtem Schrei begann er zu rennen, immer am Rande des Feuers hin,

verfolgt von den züngelnden Flammen, überschüttet vom Regen der Funken.

Er kam bis zur kahlen Felswand und sah das Feuer hinaufschlagen über die

Steinmauer, turmhoch, halb verschleiert von Rauch und Nebel. Keuchend

rannte er zurück, quer durch das ganze Tal, bis wieder die Felsen vor

ihm aufstiegen. Feuer, Feuer, überall Feuer. Nirgends ein Ausweg mehr,

das ganze Tal verriegelt von Rauch und Flammen.

Schreiend rannte er zurück in den finsteren Wald, rannte wie sinnlos,

strauchelte und fiel, schlug mit der Stirn gegen die Bäume und schrie

vor Entsetzen, wenn flüchtendes Hochwild an ihm vorüberjagte. Schon sah

er, daß der Wald sich lichtete. Seine Kräfte begannen zu schwinden, sein

Atem erlosch. Taumelnd brach er in die Knie, mit keuchendem Schrei, der

im Nebel zerschwamm und nur wie ein matter Ruf hinauftönte zum See.

Dort oben, am Ufer, klangen in Unruh die Glocken der Almtiere, als hätte

das Vieh sich erhoben aus der Ruh und zu weiden begonnen, mitten in der

Nacht.

Dieses wirre Läuten tönte hinauf zum kleinen Seehaus, dessen Fenster

noch erleuchtet waren. Die Tür stand offen, und trüb zerfloß die ins

Freie fallende Lampenhelle in Nebel und Nacht.

In der Stube war Lo damit beschäftigt, alles Grün von den Wänden zu

nehmen und das kleine Haus für die lange Zeit in Ordnung zu bringen, in

der es unbewohnt und verschlossen stehen sollte. Ruhig tat sie diese

Arbeit. Manchmal wurden ihr die Arme müd, und dann stand sie eine Weile

unbeweglich und blickte unter schmerzvollem Lächeln ziellos vor sich

hin. Wenn sie mit stockendem Atemzug aus solcher Versunkenheit erwachte,

streifte ihr Blick alles Gerät der Stube, das ihr lieb und durch

Erinnerung heilig war. Aus ihren Augen redete eine Wehmut, als wäre in

ihr die Ahnung, daß sie die Waldstube, in der sie soviel schöne Stunden

und Tage verlebt hatte, nie wiedersehen würde.

Da blickte sie lauschend auf. Was sie gehört hatte, draußen in Nacht und

Nebel? War das ein Ruf?

Sie trat vor die Tür. Nur den Nebel sah sie, der in der Dunkelheit das

Haus umlagerte. Horchend stand sie eine Weile und rief dann mit lauter

Stimme in die Nacht hinaus: »Ist jemand hier?«

Keine Antwort kam. Mit fauchenden Stößen fuhr der immer stärker werdende

Wind über das Dach der Hütte hin, es rauschte in den Zweigen des

Harfenbaumes, und ruhelos tönten in seinen Wipfeln die kleinen Glocken.

Und was nur die Almtiere haben mochten? Jetzt, in der Nacht? Drunten am

See, auf den höheren Latschenfeldern, überall klangen ihre Schellen. Ein

Rind begann zu brüllen, ein anderes gab Antwort, kurz und dumpf -- wie

Jungvieh brüllt, wenn es sich in den Felsen verstiegen hat und hilflos

auf den Sennen wartet. Und die Tiere befanden sich doch auf gefahrlosem

Weidegrund! Oder hatten sie das Vorgefühl eines bösen Wettertages, den

dieser Nebel bringen würde? Wohl schien der Wind, der über den See

heraufblies, noch unbedenklich. Aber dort unten, im tieferen Tal, da

schien er stärker zu wehen, fast wie Sturm. Ein Krachen und Rauschen

tönte verworren mit dem Winde über den Wald herauf. Und dieser Nebel?

Wie seltsam! Er hatte einen Geruch wie Rauch. Oder war's der Herdrauch,

den der Wind herauftrieb von der Sebenalpe? Sollten sie dort unten so

spät noch beim Feuer wachen? Oder waren Holzknechte im Sebenwald bei der

Arbeit gewesen? Hatten sie das Gezweig und die Rinden der Windbrüche auf

einer Blöße verbrannt? Und rauchten diese Feuerstätten so?

Schon wollte Lo in die Stube zurückkehren. Da hörte sie ein Gepolter,

das Krachen von Ästen und den Sprung eines Tieres, das den Gartenzaun

durchbrochen hatte.

»Hansi!«

Durch die Blumenbeete kam der Esel zur Tür gestürmt. Schnaubend und

zitternd blieb er neben dem Mädchen stehen und windete mit

vorgestrecktem Halse gegen den Wald hinunter.

Was hatte das Tier? War es durch Raubwild erschreckt worden? Durch einen

Steinschlag unter den Wänden?

»Hansi? Was hast du denn?«

Beruhigend wollte sie ihm den Rücken streicheln und fühlte, daß seine

Haare gesträubt waren wie Stacheln. Das Tier mußte eine ernste Gefahr

überstanden haben. Oder sah es eine Gefahr, welche ^kam^?

»Hansi?«

In grober Zärtlichkeit fuhr der Esel mit der Schnauze an ihr hinauf.

Schnaubend schüttelte er das Fell und machte, den Hals immer länger

streckend, ein paar zögernde Schritte. Plötzlich setzte er mit tollem

Sprung über den Zaun, und ein schmetterndes Gewieher ausstoßend,

verschwand er im Dunkel.

Im gleichen Augenblick jagte eine dicke Rauchwolke an der Hütte vorüber.

Ein Schein durchglomm den wirbelnden Nebel. Überall im Tal begannen die

Glocken der Almtiere zu läuten, überall dröhnte und röhrte ihr Gebrüll,

überall hörte man das Rollen der Steine, die der Schritt der Rinder auf

den steilen Gehängen löste. Jäh war das ganze Tal erfüllt von

unheimlichem Leben. Und da erkannte Lo, was die Herde flüchten machte.

»Feuer im Wald! Die armen Tiere!« Daß auch ihr eigenes Leben bedroht

sein könnte, daran schien sie nicht zu denken. Ohne Erregung, wenn auch

mit fliegender Hast, eilte sie in die Stube und holte eine schon

halbverbrauchte Pechfackel. Damals, als diese Fackel gebrannt hatte, das

war auch eine ernste Nacht gewesen. Eine Nebelnacht im Juni. Lo hatte

die Rufe eines verstiegenen Touristen gehört und hatte den Verirrten aus

der Tejawand heruntergeholt und zur Sebener Almhütte geführt.

Die brennende Fackel senkend, damit das Harz sich heller entzünden

möchte, trat sie aus der Hütte. Was den Nebel so hell durchleuchtete?

War es die Flamme der Fackel oder das wachsende Feuer dort unten, das

man rauschen hörte wie heranziehenden Sturm?

Sie wollte zur Gartentür. Da taumelte ihr ein Mensch entgegen. Erst als

er vor ihr stand, erkannte sie ihn.

»Mazegger!«

Lallend stürzte er vor ihr nieder und klammerte sich an ihr Kleid. Auch

ihr Anblick konnte in ihm nicht mehr erwecken, was ihn zum Wahnsinn

dieser Tat getrieben hatte. Seine Eifersucht und seine Liebe, alles, was

er erwartet hatte von dem Gewaltstreich dieser Nacht, alles war

erloschen in ihm. In ratloser Angst und in der Verstörtheit seiner Sinne

umklammerte er das Mädchen und keuchte: »Im Sebenwald ist alles ein

Feuer! Wir müssen verbrennen, du und ich, ersticken im Rauch!« Er

drückte zitternd das Gesicht in die Falten ihres Kleides.

Lo war bleich geworden. Aber sie wich nicht zurück vor ihm. Was zwischen

ihr und diesem Menschen lag, das war vergessen beim Anblick der

lallenden Angst, die sich zu ihren Füßen krümmte. »Mazegger! Sind Sie

denn ein Mann? Wie können Sie sich vom Schreck nur so verstören lassen?«

Sie versuchte ihn aufzurichten.

Er war wie Blei und blieb auf den Knien liegen, immer nur mit dem einen

Wort: »Verbrennen, verbrennen --«

»Seien Sie doch vernünftig! Man verbrennt nicht gleich, weil Feuer im

Wald ist. Stehen Sie auf!«

Er wollte sich erheben und taumelte auf die Schwelle hin.

Da lief auch ihr ein Zittern über die Hände. Doch ihre Stimme klang

ruhig: »Ich sehe, daß Sie sich übermüdet haben bei dieser sinnlosen

Flucht. Aber wenn Sie schon flohen vor dem Feuer? Wie kommen Sie

hierher? Zu mir? Wollten Sie mich warnen?« Er schwieg und bedeckte das

Gesicht mit den Händen. »Mazegger! Geben Sie doch Antwort! In welcher

Richtung des Waldes ist das Feuer?«

»Überall! Es gibt keinen Ausweg nimmer!«

»Das ist Torheit! Wenn es aus dem Feuer keinen Ausweg gäbe, wie wären

Sie denn hereingekommen in den brennenden Wald?«

»Ich weiß nicht.«

»Wissen Sie, wie das Feuer ausgekommen ist?«

»Nein, nein, nichts weiß ich, nichts.«

»Wie kamen Sie in den Sebenwald? Jetzt? In der Nacht?«

»Ich --« es fiel ihm wohl die Lüge ein, die er dem alten Hüter gesagt

hatte, »ich hab nach Ehrwald wollen und hab mich verirrt. Im Nebel. Und

da war das Feuer da. Überall Feuer! Überall!« Das Grauen schüttelte ihn.

»Wir müssen verbrennen, es gibt keinen Ausweg nimmer!«

»Ich will ihn suchen. Kommen Sie, Mazegger!« Sie nahm seine Hand und zog

ihn von der Schwelle. »Ich kenne hier im Wald jeden Weg und Steg. Ich

will Sie führen.«

»Führ mich, führ mich, ja, mit dir ist der Herrgott!« keuchte er und

klammerte die Hände um ihren Arm. »Wenn's noch einen Weg gibt, mußt du

ihn finden -- über den Paß hinüber, ins Prantlkar!«

Den Felsenpaß, den Ettingen und Praxmaler an jenem Gewittertage

überstiegen hatten -- ja, den kannte sie. Aber dort hinauf, über die

steilen Wände? Jetzt bei Nacht und Nebel? Das war unmöglich. Das wäre

der sichere Tod. Es mußte einen anderen Ausweg geben, talwärts durch den

Wald. Der Zufall dieses Brandes konnte so unselig nicht gespielt haben,

daß schon das ganze Tal vom Feuer verschlossen war.

»Kommen Sie, Mazegger!«

Er ließ sich ziehen von ihrer Hand. Als die beiden über das Latschenfeld

gegen den See hinunterkamen, mischte sich der Rauch immer dichter in den

Nebel, immer lauter tönte auf allen Seiten das Brüllen der Rinder. Ein

paarmal tauchte der Esel in ihrer Nähe auf, mit Schnauben und Gewieher,

begleitete sie eine Strecke und verschwand wieder. Schwüle Hitze wehte

ihnen vom brennenden Wald entgegen, und rauschend zog der Wind, der die

Rauchwolken über die Berge hinaufjagte. Als die beiden den See

erreichten, kamen viele Rinder auf sie zugerannt und folgten ihnen

Schritt um Schritt unter angstvollem Gebrüll. Ein sausender Windstoß

teilte den von Rauch durchflossenen Nebel, und nur noch matt

verschleiert lag der brennende Wald vor ihnen, eine näherrückende

Flammenmauer, welche die ganze Breite des Tales füllte, von Wand zu

Wand.

»Wir laufen ins Feuer«, schrie Mazegger wie ein Wahnsinniger, »wir

müssen hinauf! Über die Wänd hinauf!«

»Das ist unmöglich.«

Mazegger bedeckte mit dem Arm die Augen, und die Zähne begannen ihm zu

klappern.

Das bleiche Gesicht vom Ruß der Fackel angeflogen, stand Lo auf einem

Felsblock und spähte über den brennenden Wald hinunter, aus dem die

Flammen schon herauszüngelten gegen die Latschenfelder. Nur an einer

einzigen Stelle des Waldes, dort, wo der Seebach gegen Ehrwald

hinunterströmte, war es noch dunkel. Aber auch dort schon quoll es mit

rötlichen Dämpfen hinter den Bäumen herauf. Es gab durch den brennenden

Wald keinen Ausweg mehr. Wollten die beiden Menschen ihr Leben retten,

so mußten sie das Unmögliche versuchen: den Weg über die Berge.

Das erkannte Lo. Schon wollte sie dem Jäger sagen: wir müssen hinauf,

wir haben keinen anderen Weg mehr! Da begannen plötzlich die Rinder, die

brüllend um sie herstanden, ein tolles Rennen. Hatte eines der Tiere

jene dunkle Stelle im Walde gewahrt? Ahnte es dort noch einen Weg der

Rettung? Es fing zu rennen an, und alle Rinder jagten ihm nach im

blinden Herdentrieb, schnaubend und mit gestreckten Schweifen. »Das

Vieh! Das Vieh weiß einen Ausweg!« kreischte Mazegger. Nur an die

Rettung des eigenen Lebens denkend, riß er dem Mädchen die Fackel aus

der Hand und rannte mit verzweifelten Sprüngen den Tieren nach. Rauch

und Nebel verschlangen ihn. Das Gerassel der Steine, die sich auf seinem

Wege lösten, ging unter im Sausen des Windes, im Geprassel und Krachen

des brennenden Waldes.

»Mazegger! Mazegger!« schrie Lo in der Todesangst, die sie empfand um

diesen verlorenen Menschen. Sie schrie und schrie. Keine Stimme gab

Antwort. Und das Brüllen der Rinder war verstummt dort unten. Nur über

den See herüber klang noch das Röhren einzelner Tiere, die bergaufwärts

flüchteten, den Felsen zu.

»Mazegger!«

Sie wollte folgen, hoffte, ihn noch hindern zu können, den Weg der toll

gewordenen Tiere zu nehmen. Aber dichter Rauch umwirbelte sie, der sie

fast zu ersticken drohte. Wohin sie auch ihren Weg nahm, überall loderte

ihr das wachsende Feuer entgegen, das den Waldsaum schon übersprungen

hatte und die Latschen ergriff.

»Mazegger! Mazegger!« schrie sie noch immer, bis ihr die Stimme

versagte.

Rauch und Flammen trieben sie zurück. In Qualm und Nebel wußte sie

nicht, wohin sie geriet -- sie merkte nur plötzlich, daß ihre Füße in

Wasser traten. Der See! Da ihre Kräfte zu erlöschen drohten, bückte sie

sich, schöpfte Wasser mit den Händen und trank und kühlte das Gesicht.

Im jagenden Winde flogen schon die glühenden Funken über sie her, als

sie die seichte Bucht durchwatete und wieder das Ufer gewann. Während

sie hineilte über den ebenen Rasen, kam's mit Keuchen und Schnauben

hinter ihr nachgerannt.

»Hansi!«

Zitternd drängte sich das Grautier an seine Herrin, als wäre Hilfe bei

ihr.

Noch einmal schrie sie den Namen des Jägers in den wallenden Rauch. Als

sie keine Antwort hörte, klammerte sie sich an die Hoffnung, daß er den

rettenden Weg gefunden hätte, den ihr das wachsende Feuer verschloß. Ihr

blieb nur dieser einzige Weg noch, dieser unmögliche: über die Berge

hinauf, um den Paß in das andere Tal zu gewinnen. Ein Weg, auf dem in

der Finsternis der tödliche Sturz sie erwartete bei jedem Schritt. Sie

mußte ihn versuchen, es gab keinen anderen. Wohl dachte sie einen

Augenblick daran, im höheren Felsental eine geschützte Stelle zwischen

kahlem Gestein zu finden. Aber der Rauch, der sich dichter und dichter

herwälzte über den See, mußte, wenn die grünen Latschenfelder bis hoch

hinauf ins Glühen kamen, das ganze Tal erfüllen und alles atmende Leben

ersticken.

Sie faßte den Halsriemen des Esels, um das Tier mit sich fortzuführen.

Es sträubte sich und wollte nicht von der Stelle. Immer wieder, unter

Zittern und Schnauben, drehte es den Kopf nach dem brennenden Wald

zurück. Lo zerrte am Riemen. Ein paar Schritte folgte das Tier mit

Zögern. Dann plötzlich, als hätte es die Absicht seiner Herrin

verstanden, hätte begriffen, welchen rettenden Weg es zu suchen galt,

begann es zu traben, immer rascher, das Mädchen mit sich fortreißend,

das an den Riemen geklammert hing. Den auch bei Tag nur schwer

erkennbaren Steig, der über die steilen Latschengehänge emporführte zu

den Felsenkaren, hätte Lo wohl nie gefunden bei diesem unruhigen Wechsel

zwischen trüber Feuerhelle und rauchschwarzer Finsternis. Die

nachtsehenden Augen des Tieres fanden ihn. Schnaubend zerrte es seine

Herrin mit sich hinauf, eine Latschenhöhe nach der anderen überwindend,

bis sie das kahle Gestein erreichten. Da blieb es stehen, erschöpft und

mit vorhängender Zunge. Es wollte nicht weiter, legte sich auf die

Steine nieder und begann an seinen Knien zu lecken.

Auch Lo war atemlos zu Boden gesunken. Mit dem Rücken an das Tier

gelehnt, halb erstickt vom Gewirbel des Rauches, hielt sie die Fäuste

auf ihre kämpfende Brust gedrückt. Ein brausender Windstoß jagte den

Rauch, und vor den Augen des Mädchens lag es dort unten wie eine

lodernde Hölle. Der ganze Sebenwald eine einzige ungeheure Flamme! Rings

um den See her brannten schon alle Latschenfelder, bald in rote Glut

versinkend, bald wieder aufleuchtend mit weißem Feuerglanz, wenn der

Wind darüber hinfegte. Aus diesem Glutfeld ragte eine dunkel qualmende

Säule hervor: der Harfenbaum, der den Flammen noch widerstand -- und

daneben loderte eine hohe Feuergarbe: das brennende Seehaus.

Als Lo diese Flamme sah, sprang sie auf mit schluchzendem Schrei.

»Vater! Unser Haus! Deine Blumen!« Tränen stürzten aus ihren Augen, und

in der ersten Marter dieses Anblicks machte sie ein paar Schritte gegen

das Tal, als könnte sie noch retten, diesen Flammen noch wehren.

Wehender Rauch quoll ihr entgegen, schwarz und schwer, das Bild des

Brandes verhüllend.

Sie rang nach Atem, einer Ohnmacht nahe. Schon wollte sie mit taumelnden

Sinnen zu Boden sinken. Da richtete sie sich wieder auf und streckte mit

zitterndem Laut die Arme in das Dunkel. Ihr war, als stünde der Vater

vor ihr, in heller Sonne, ruhig und lächelnd. Und sie hörte seine

Stimme, mit jenem gleichen Klang der Liebe, wie einst: »Komm, Lo! Meine

liebe, gute kleine Lo!« Er reichte ihr die Hand, als wollte er sie

führen. Sie meinte diese Hand zu fassen, sie fühlte ihren Druck -- und da

war's nicht mehr ihr Vater, es war ein anderer, der vor ihr stand, ein

Leuchten in den Augen, mit der gleichen Liebe im Ton der Stimme: »Lo! So

komm doch!«

»Heinz!« In Schmerz und Freude schrie sie diesen Namen. Da war alles

verschwunden, was ihr fieberndes Blut und ihre erregten Sinne gesehen

hatten. Doch in ihren Gliedern war neue Kraft, neuer Wille zum Leben.

Bei dem matten Feuerschein, der das zerfahrene Gewölk durchschimmerte,

erkannte sie im Felsenkar den Steig, den sie gehen mußte. Hastig jagte

sie, solange der Feuerschein noch währte, durch das öde Kar. Dann

umhüllten sie wieder die jagenden Rauchwolken und das Dunkel der Nacht.

Tastend mußte sie den Weg suchen. Immer wieder verlor sie ihn und fand

ihn immer wieder. Felsen sperrten den Pfad. Das mußte die Wand sein, die

sie zu übersteigen hatte. Und dieses Felsband, auf das ihre Füße traten?

Das war der Weg, der über die Wand hinaufklomm bis zur Höhe des Passes.

Sie stieg und stieg. Immer schmäler wurde das Steinband unter ihren

Füßen. Weit hinter sich vernahm sie das Schnauben des Tieres, das ihr

folgen wollte, vernahm das Rollen der Steine, die seine Hufe lösten, und

jetzt den Fall eines schweren Körpers, der tiefer und tiefer stürzte.

Eine Weile noch rasselten die nachrollenden Steine. Dann war es still

dort unten.

Sie wollte schreien. Die Stimme versagte ihr.

Jetzt hörte sie in schwarzer Tiefe das Ächzen des sterbenden Tieres. Da

schlich auch ihr das kalte Todesgrauen in die Seele. Zitternd hing sie

an die Felsen geklammert, während fern das dumpfe Brüllen der letzten,

noch irrenden Rinder klang und stickender Rauch immer dichter die

finsteren Lüfte füllte.

Kein Laut mehr in der Tiefe zu ihren Füßen, kein Ächzen und Stöhnen

mehr. Das Tier war erlöst von seiner Qual.

Da atmete sie auf, den Todesschreck überwindend, der sie befallen hatte.

Leise sprach sie ein Wort ihres Vaters vor sich hin: »Tod? Das ist nur

ein Wort, nur das letzte Lächeln eines guten Menschen, der mit seinem

Leben zufrieden war.«

Sollte ihr Leben auch erlöschen in dieser Nacht, dort unten in schwarzer

Tiefe, ferne von Mutter und Bruder -- es war doch reich gewesen und schön

ohnegleichen, vom ersten, fröhlichen Lachen des Kindes bis zum letzten

Gruß jenes einen, der ihre Seele und ihr Herz in seine Hand genommen

hatte wie einen Besitz über Leben und Tod hinaus!

Sie flüsterte seinen Namen. Das war ihr wie ein Abschied, den sie nahm

von dem geliebten Manne. Nicht für den Tod, fürs Leben nur! Denn sie

fühlte, daß sie leben würde. Jetzt, da die Furcht von ihr abgefallen

war, konnte sie an den Tod auch nicht mehr glauben. »Mutter! Bruder!«

Der Gedanke an diese beiden richtete sie auf. Um dieser beiden willen

mußte sie ringen um ihr Leben, stark und mutig, bis zum Erlöschen ihrer

Kräfte.

Sie rastete, an die Felsen gelehnt, um ihren Atem in Ruhe zu bringen,

und preßte ihr Tuch vor die Lippen, um sich gegen den Rauch zu schützen,

der emporquoll über die Felsen. Während sie hinausblickte in die von

dunklem Gewirbel erfüllten Lüfte, sah sie nicht das wogende Gewölk und

nicht die schwarzen Felsen in der Runde. Sie sah das Kämmerchen des

Bruders. Da war es still und dunkel. Dennoch erkannte sie jedes Bild an

den Wänden, jedes Gerät, sah den schlummernden Knaben und die wachende

Mutter, die in ihrer schlaflosen Immersorge auf die Atemzüge des Buben

lauschte. Und Lo vernahm, wie die alte Frau vor sich hinflüsterte: »Gott

sei Dank, er schläft, da kann er doch keine Schmerzen haben! Morgen wird

sein Fuß wieder gut sein. Und Lo wird kommen. Ach ja!«

»Morgen!« Wie ein heißer Strom der Freude und Sehnsucht rann es ihr

durch Blut und Seele. Morgen! Die beiden wiedersehen, morgen im

Frühlicht!

Sie erhob sich. Ruhig begann sie sich mit Händen und Füßen an den Felsen

hinzutasten, höher und höher klimmend.

»Mutter! Bruder!«

Sie stieg und stieg, bei jedem Schritt um ihr Leben kämpfend, an das sie

glaubte.

^Einundzwanzigstes Kapitel^

Unter ziehenden Nebeln erwachte der Morgen über dem Geißtal, über den

Tillfußer Wäldern und Almgehängen.

Lange vor dem ersten Grau, schon gegen drei Uhr morgens, war im

Försterhäuschen ein Licht lebendig geworden. Als Praxmaler, um seinen

Herrn zu wecken, mit der Laterne zum Jagdhaus hinaufging, sah er, daß im

Schlafzimmer des Fürsten schon die Lampe brannte, deren Flimmerschein in

die vom Nebel durchwobene Dämmerung hinausleuchtete.

Das Schweigen im Walde: Roman · 第 68 / 71 题